Naturschutz im Kolonialstil

Erschienen in “junge Welt” vom 09.06.2010
Peter Clausing

Naturschutz hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sein positives Image bis zum heutigen Tag bewahrt. Naturschutz scheint von rassistischen und kolonialistischen Ideologien weit entfernt zu sein. Das liegt vermutlich daran, daß beispielsweise der bayerische Nationalpark oder das Biosphärenreservat Schorfheide nicht unbedingt kolonial-rassistische Assoziationen erzeugen. Ferner kann es einem so vorkommen, als ob Naturschutzgebiete nicht mit Rassismus und Kolonialismus in Verbindung gebracht werden können, weil sie scheinbar nicht mit Menschen zu tun haben. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß beide Annahmen nicht zutreffen.

Naturschützer wie Hans-Dieter Knapp, Leiter der Naturschutzakademie Vilm, behaupten unter Bezugnahme auf den Yellowstone-Nationalpark unreflektiert, daß Nationalparks heute die international erfolgreichste Schutzgebietskategorie seien. Dabei ignorieren sie das zutiefst koloniale Erbe des Modells »Nationalpark«, das in den USA »erfunden« wurde. Einer der ersten, der Yellowstone-Nationalpark, erwies sich in mehrfacher Hinsicht als Prototyp: Seine Schaffung war mit der gewaltsamen Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden, er entsprach von Anbeginn dem Schema »Natur als Erlebnis« (heute kritisch als Disneyfizierung von Natur bezeichnet), und er wurde – ähnlich anderen Schutzgebieten – Ende des 20. Jahrhunderts zum Betätigungsfeld für Biopiraten.1

Zum Zeitpunkt seiner Gründung (1872) wurde der Yellowstone von Shoshonen bewohnt und von einer Reihe anderer Ethnien genutzt – Crow, Bannock, Blackfeet und Nez Perce. Die Nutzung des Yellowstone-Gebiets durch die amerikanischen Ureinwohner spielte eine wichtige Rolle bei der Formung seiner vermeintlich »natürlichen« Landschaft, die dann als so schützenswert empfunden wurde. Im Jahr 1879 erfolgte die endgültige Vertreibung der Shoshonen aus dem Park. Auch die anderen amerikanischen Ureinwohner wurden von der US Army verjagt, damit der Yellowstone-Nationalpark seiner Bestimmung gerecht werden konnte, die laut Gründungsdekret von 1872 darin besteht, » (…) öffentlicher Park oder Erholungsfläche zum Nutzen und zur Erbauung des Volkes« zu sein. Zum »Volk« gehörten die amerikanischen Ureinwohner im Yellowstone-Nationalpark ebensowenig wie auf weiteren »Erholungsflächen«, z.B. dem 1864 gegründeten Yosemite-Nationalpark in Kalifornien, der nach einem erbitterten Krieg gegen die Miwok-Indianer entstand. Die Liste ließe sich fortsetzen, denn für nahezu alle wichtigen Nationalparks der USA machen heute die Native Americans, wenngleich bislang wenig erfolgreich, alte Rechte geltend.

Mit Bibel und Flinte

Diese Art der Entstehung von Naturschutzgebieten war jedoch nicht auf Nordamerika beschränkt. »Wie schon das Begriffspaar von ›Nation‹ und ›Park‹ verrät, ist die Institution des Nationalparks einer europäischen Vorstellungswelt entsprungen«, schreibt der Züricher Umwelthistoriker Patrick Kupper.2 Als Ende des 19. Jahrhunderts der Naturschutz in »Deutsch-Ostafrika« eingeführt wurde, ging es ebenfalls darum, künftigen Generationen, in diesem Fall der Deutschen, die Möglichkeit zur »Erholung« zu bieten. Was dabei mit Erholung gemeint war und welches Segment der »künftigen deutschen Generationen« in den Genuß dieser Erholung kommen sollte, eröffnet uns ein Blick auf die Website der deutschen Delegation des International Council for Game and Wildlife Conservation (CIC), eines 1930 gegründeten Clubs von Großwildjägern, der sich in der Tradition eines Hermann von Wissmann sieht. Dieser dekretierte im Jahr 1896 als Gouverneur von »Deutsch-Ostafrika« die erste Wildtierverordnung mit der Bemerkung: »Ich fühle mich verpflichtet, diese Verordnung für unsere künftigen Generationen zu verabschieden, um die Wildtiere zu schützen und zu verhindern, daß diese Tierarten aussterben.«

Seinen Posten als Gouverneur verdiente sich der später geadelte Major Wissmann mit der blutigen Niederschlagung des »Araberaufstandes« in den Jahren 1889/1890. Diese militärische Strafaktion erfolgte auf der Grundlage des »Gesetzes, betreffend den Schutz der deutschen Interessen und die Bekämpfung des Sklavenhandels in Ostafrika«. Der Name dieses Gesetzes schuf den Mythos, Wissmann habe gegen die Sklaverei gekämpft. Abgesehen davon, daß die Wissmannsche Sklavenbefreiung keine war, denn um 1900 gab es in der Kolonie »Deutsch-Ostafrika« noch immer 400000 Sklaven (zirka zehn Prozent der Bevölkerung), war der eigentliche Grund für die Niederschlagung des »Araberaufstandes« die Durchsetzung der Interessen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, deren Handelshäuser mit denen der arabischen Oberschicht in Konkurrenz standen.

Doch der Mythos von der Sklavenbefreiung lebt offenbar fort. Im Rahmen der Bemühungen, eine Umbenennung der Wissmannstraße in Berlin-Neukölln zu erwirken, fand dort im Jahr 2006 eine Podiumsdiskussion statt, die der selbsternannte Historiker und pensionierte Pfarrer Christoph Sehmsdorf für ein subtiles prokoloniales Plädoyer zu nutzen versuchte. Man müsse Wissmanns Taten historisch kontextualisieren, und es sei »hochproblematisch«. Dabei stellt die angebliche Nichtanwendbarkeit »unseres ethischen Systems« auf unsere Großeltern einen weiteren Mythos dar, denn einem Teil der deutschen Bevölkerung waren die kolonialen Verbrechen bereits Ende des 19. Jahrhunderts bewußt. Dies läßt sich unter anderem mit dem im »Demokratischen Liederbuch« von 1898 enthaltenen, kritischen Liedtext »Mit Bibel und Flinte« belegen, vor allem aber mit den antikolonialen Schriften Rosa Luxemburgs.

Weiter heißt es im Protokoll der Podiumsdiskussion: Die »Niederschlagung des Aufstandes der arabischen Clans setzte neue Maßstäbe der Kriegführung. (…) Zum ersten Mal wurde in einem deutschen Kolonialkrieg die Taktik der ›verbrannten Erde‹ konsequent angewandt (…).«3 Wissmann, der diese Taktik einführte, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als »Deutschlands größter Afrikaner« gefeiert und in der Nazizeit ideologisch vermarktet. Unbeschadet dieser historischen Last tragen in mindestens 21 westdeutschen Städten Straßen und Plätze den Namen Wissmann – die Wissmann-Straßen in Erfurt, Leipzig und Frankfurt/Oder wurden zu DDR-Zeiten umbenannt. Weiterhin gibt es mehrere Denkmäler, deren prominentestes vor der Hamburger Universität stand und während der 68er Studentenbewegung gestürzt wurde. Dieses Denkmal war die zentrale Anlaufstelle für die Kolonialnostalgie der Traditionsverbände von der Weimarer Republik bis zum Ende der Nazizeit. Diese zentrale Anlaufstelle bildet heute das Wissmann-Denkmal in Bad Lauterbach (Harz), wo sich alljährlich der Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen trifft. Die kürzlich erfolgte Anbringung einer Gedenktafel im Selous Wildreservat (Tansania) durch die deutsche Delegation des CIC wirft ein Licht auf die Geisteshaltung dieser Organisation. In der Mitteilung auf der CIC-Webseite heißt es: »Das Reservat ist eine deutsche Gründung. Sie wurde im Jahre 1896 durch Gouverneur Hermann von Wissmann veranlaßt und ist damit das älteste Naturschutzgebiet in Afrika. (…) Hermann von Wissmann war ein passionierter Jäger. Er hatte frühzeitig erkannt, daß unkontrollierte Ausbeutung der natürlichen Ressource Wild ihre Ausrottung zur Folge hat.«4 Die von Wissmann betriebene Ausrottung von Menschen, scheint die deutsche Delegation des CIC nicht weiter zu kümmern.

Heute ist das Selous-Wildreservat mit 50000 Quadratkilometern das größte Naturschutzgebiet der Welt. Ohne »nachhaltigen Jagdtourismus könnte dieses ›Weltkulturerbe‹ der Vereinten Nationen nicht existieren. Die Jagd erbringt 90 Prozent aller Einnahmen und erst dies ermöglicht den Schutz«, verkündet die CIC-Website. In Tansania sind 40 Prozent der Landesfläche unter Naturschutz gestellt. Mit fünf Prozent der Landesfläche hat das Selous-Wildreservat daran einen signifikanten Anteil. Vertreibung bzw. Zwangsumsiedlungen von Teilen der Bevölkerung zugunsten eines »weißen« Konzepts von Naturschutz, die sich auch nach Ende der Kolonialzeit fortsetzen und sogar noch verstärkten, waren und sind integraler Bestandteil der globalen Naturschutzpolitik. Kupper kommt zu der Schlußfolgerung, daß Wissmanns Hang zum Naturschutz »durch jene eurozentrisch und sozialdarwinistisch imprägnierte Weltsicht (getragen wurde), die von einem universell gültigen, räumlich aber in unterschiedlichem Tempo fortschreitenden Zivilisationsprozeß ausging. (…) Außerhalb Europas galt es daher zu schützen, was in Europa bereits verlorengegangen war. Dies erklärt sowohl die hohe Aufmerksamkeit, die der Megafauna auch von jagdfernen Kreisen zuteil wurde, als auch die Bemühungen gewisser Naturschützer, ›primitive Völker‹ im ›Naturzustand‹ zu konservieren.«5

Auf Kosten von Natur und Mensch

Seine Liebe zum »Naturschutz« teilte Wissmann mit einem anderen Kolonialverbrecher, dem britisch-amerikanischen »Afrikaforscher« Henry Morton Stanley, der im Auftrag von Leopold II. das Kongo-Gebiet für die belgische Krone eroberte. Auf Anregung der beiden und unter ihrer Teilnahme fand im Mai 1900 in London eine Konferenz statt, mit der eine Regelung zum Wildschutz für ganz Afrika herbeigeführt werden sollte. Das Protokoll dieser Konferenz wurde am 9. Mai 1900 unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Den Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Wildschutzbemühungen war das exzessive Abschlachten von Elefanten, Nashörnern und Flußpferden vorangegangen, das durch Wissmann mit verursacht wurde.

Der schottische Geologe Joseph Thomson beschrieb aus eigener Anschauung die Bedrohung des Elefantenbestandes in den 1880er Jahren folgendermaßen: »Das Abschlachten der Elefanten durch weiße Jäger, besonders im südlichen Afrika, war erschütternd. Ein gut ausgerüsteter Jäger konnte während einer einzigen Safari mehr als 200 Elefanten schießen, und mehrere tausend, wenn er es beruflich betrieb. Manche Jäger töteten so viele Elefanten, daß ihre Fahrzeuge das Elfenbein nicht tragen konnten, so daß es im Gebüsch zurückgelassen wurde.«

In einem kritischen Rückblick bezeugt 1972 Henry Fosbroke, der pensionierte Chef des Ngorongoro-Nationalparks: »Ein Grund für das Verschwinden (der Nashörner – P.C.) ist der Abschuß, aus Vergnügen oder aus Profitgründen. Sir John Willoughby und seine drei Brüder, alle Offiziere der britischen Armee in Indien, schossen innerhalb von vier Monaten 66 Stück in der Taveta Region am Kilimandscharo. Graf Teleki und seine Gruppe erlegten 99 im Laufe ihrer Safari. Von einer weiteren Jagdgruppe wurde berichtet, daß sie im Jahr 1893 in der Umgebung von Machakos in weniger als drei Monaten 80 getötet hätten. Weitere Fälle auf der deutschen Seite der Grenze (zwischen den deutschen und englischen Kolonialgebieten) waren Dr. Kolb, der 150 tötete, bevor er selbst von einem getötet wurde, Herr von Bastineller (140), Herr von Eltz (60) usw.«

Im tansanischen Tarangire-Nationalpark lebten dereinst Tausende schwarzer Nashörner. Heute gibt es dort keine mehr. Gleichermaßen gab es dort eine große Zahl von Elefanten, die von europäischen Jägern nahezu ausgerottet wurden. Den Hazda, einer in dieser Region lebenden Ethnie, aber wurde verboten, das zu jagen, was traditionell ihnen gehörte, und sie wurden pauschal als »Wilderer« gebrandmarkt. In der heutigen Zeit erfolgt ein »nachhaltiger« Abschuß (Safari auf Quotenbasis) in Gegenden, wo sich die Bestände von den Massakern der früheren Jahrzehnte erholt haben. Nicht wenige afrikanische Regierungen profitieren finanziell und rhetorisch vom Wildtierschutz. Es wird argumentiert, daß seine Durchsetzung politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Zwecken diene. Doch Teile der Einkünfte, die aus dem Tourismusgeschäft entstehen, fließen in die Kassen millionenschwerer Unternehmen bzw. in die Taschen von Regierungsmitarbeitern und kommen der Bevölkerung nicht zugute. Zugleich steht die lokale Bevölkerung nach wie vor unter dem Generalverdacht der Wilderei.

Ein von H. Jürgen Wächter veröffentlichtes Buch mit dem vielversprechenden Titel »Naturschutz in den deutschen Kolonien in Afrika (1884–1918)«, das zwar 2008 in einer Reihe mit dem Titel »Europas Übersee – Historische Studien« erschienen ist, aber mehr einer mit Jagdstatistiken garnierten Sammlung kolonialer Verwaltungsvorschriften gleicht, bringt immerhin ein entlarvendes Zitat von Carl Georg Schillings. Dieser als Pionier des Naturschutzes und der Nachtfotografie (von Tieren) geltende »passionierte Jäger«, der Ostafrika zwischen 1896 und 1903 viermal bereiste, schrieb in seinem Bestseller »Mit Blitzlicht und Büchse im Zauber des Eleléscho«: »Die den Eingeborenen auferlegte Hüttensteuer trieb sie dazu, der Tierwelt weit über den eigenen Bedarf nachzustellen, um durch Verkauf an Händler den Betrag der Steuer entrichten zu können.« Diese Hüttensteuer aber war in der Kolonie Deutsch-Ostafrika vom »Naturschützer« und Kolonialverbrecher Wissmann vorbereitet worden. Mit anderen Worten, der gleiche, der einen Prozeß in Gang zu setzen half, mit der der lokalen Bevölkerung im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, führte Abgaben ein, die die Bevölkerung zwangen, mehr Wild zu schießen, um ihre Steuerschuld gegenüber den Kolonialherren zu begleichen. Wissmann hatte Afrika kurz vor der Jahrhundertwende aus gesundheitlichen Gründen für immer den Rücken gekehrt, doch die Hüttensteuer war 1905 mit ein Grund für den Ausbruch des Maji-Maji-Aufstandes, bei dem nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 75000 und 300000 Afrikaner (und 16 Deutsche) ihr Leben verloren.

Patrick Kupper schrieb dazu: »Außerhalb Europas oktroyierten die Kolonialherren Umsiedlungen und Nutzungseinschränkungen, wobei das Schicksal der Lokalbevölkerung davon abhängen konnte, ob sie von den Parkplanern zur Zivilisation oder zur Natur gezählt wurden – mit entsprechenden Erwartungen an das Verhalten der zu ›Naturvölkern‹ erklärten Gesellschaften.«6 Wächter hingegen konzentrierte seine Betrachtungen auf die Auswirkungen der Jagd auf den Wildbestand und resümierte im Abschnitt »Jagd für die Eigenversorgung« bezüglich der »Afrikaner«, daß »durch die Einführung von Feuerwaffen das bis dahin vermutete Gleichgewicht zwischen Jägern und Wildtieren empfindlich gestört wurde«, während er den Europäern neutral bescheinigte, daß sie sich der Jagd für die eigene Versorgung bedienten.7

Bewohner raus, Touristen rein

Die von Kupper beschriebene »sozialdarwinistisch imprägnierte Weltsicht« hatte ihren Fortbestand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So durften auch in dem von den britischen Kolonialherren eingerichteten Serengeti-Nationalpark ab 1955 nur noch jene Menschen bleiben, die bereit waren, »primitiv« zu leben. Wörtlich wurde von der damaligen Leitung formuliert, daß der Park »als natürlicher Lebensraum für Wild und Menschen in ihrem primitiven Zustand reserviert« sei. Für die Naturschützer waren die im Park lebenden Massai koloniales Eigentum und so als »Teil der Fauna« schützenswert.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit wurden die Regierungseliten der afrikanischen Länder bald zum wichtigen Ziel für die westliche Naturschutzlobby. Im Ergebnis dieser Aktivitäten dürften allein in Afrika bis zum Ende des 20. Jahrhunderts 14 Millionen Menschen im Namen des Naturschutzes vertrieben worden sein. Das Schicksal der in Tansania lebenden Massai ist ein eklatantes Beispiel. Im Jahr 1959 wurde der ursprünglich zum Serengeti-Nationalpark gehörende Ngorongoro-Krater aus diesem ausgegliedert und den Massai als Reservat zugewiesen. Die gesamte in der Serengeti beheimatete Bevölkerung wurde kurzerhand in das erheblich kleinere Gebiet des Ngorongoro-Kraters umgesiedelt. Doch die Disneyfizierung der afrikanischen Savannen nahm ihren Lauf – der Ngorongoro-Krater wurde in den 1970ern zum »Weltnaturerbe« erklärt, und die 15 Jahre zuvor dorthin verfrachteten Massai waren nicht mehr erwünscht. Zwischen 10000 und 50000 Menschen wurden gewaltsam vertrieben. Vor wenigen Wochen erschien die Meldung, daß der Ngorongoro-Krater in Tansania Gefahr läuft, den Titel »Weltnaturerbe« aberkannt zu bekommen, falls menschliche Aktivitäten das ökologische Gleichgewicht weiterhin gefährden sollten. Im Laufe der letzten Jahrzehnte sickerten die Massai »illegal« in das umstrittene Gebiet zurück. Inzwischen leben im Krater und den angrenzenden Gebieten 65000 Menschen. Zur Debatte steht nun ihre erneute Zwangsumsiedlung. Shamsa Mwangunga, Tansanias Tourismusministerin, sorgt sich, daß »kein Tourist mehr hierherkommt«, wenn die UNESCO das Naturschutzgebiet erst einmal von der Weltnaturerbe-Liste streicht. Die ökologischen Auswirkungen der jährlich über 400000 Touristen, die in täglich bis zu 400 Geländewagen durch den Krater gekarrt werden, sind nicht Gegenstand der Sorge. Die Auslandsverschuldung des Landes, die bei sieben Milliarden US-Dollar liegt (Stand 2009), dürfte eine wichtige Rolle bei den Bemühungen spielen, die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus (insgesamt etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes), nicht aufs Spiel zu setzen.

Marktvermittelter Umweltschutz

All diese Fakten belegen, daß die verbreitete Annahme, mit der Einrichtung von Naturschutzgebieten würde »unberührte«, menschenleere Natur vor dem Eindringen des Menschen geschützt, ein Trugschluß ist. In aller Regel lebten dort Menschen, die klar definierbaren westlichen Interessen weichen mußten. Während der Kolonialzeit, waren es Wildschutzgebiete, die eingerichtet wurden, um den Massenabschlachtungen von Nashörnern, Elefanten und anderen »Trophäenträgern« Refugien entgegenzusetzen. In heutiger Zeit werden Menschen aus den designierten Biosphärenreservaten und Nationalparks gewaltsam entfernt, weil es die Zwänge des »freien« Marktes erfordern: Schutzgebiete im Süden werden als Ausgleichsflächen für die globale profit- und wachstumsbedingte Naturzerstörung benötigt. Zugleich unterliegt der moderne Naturschutz vielfach dem grundsätzlichen Dogma des Neoliberalismus – der Markt soll es regeln.

Selbst das dafür getroffene völkerrechtliche Abkommen – die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) folgt dieser Lesart. Nach Ansicht der Anthropologin Cori Hayden von der Universität Berkeley, Kalifornien, »fördert und billigt (die CBD) explizit eine marktvermittelte Vision von Biodiversitätsschutz. Die Konvention baut buchstäblich auf die Life-Science-Industrie und den immer breiteren Umfang an Patenten auf Lebensformen als Zugpferde, um der Biodiversität ›Wert‹ zu verleihen. Naturschutz wird somit unersetzlich für eine Vision von nachhaltiger Entwicklung, bei der biologische Vielfalt als eine produktive Ressource betrachtet wird, die ›sich selbst bezahlt‹. (…) Die CBD liefert den Ländern des Südens Anreize dafür, ihre Wälder lieber zu schützen als sie abzuholzen. Aus dieser Perspektive ist (dieses) Abkommen kein Mechanismus zur Förderung sozialer Gerechtigkeit, sondern es wurde in erster Linie als Anreizstruktur geschaffen.« Im Ergebnis dessen befindet sich die lokale Bevölkerung in vielen Ländern des Südens nunmehr in der Zange zwischen Naturschutzgebieten, Baum- und Energiepflanzenplantagen sowie großflächig aufgekauften Ländereien, die von Investoren mit industriemäßigen Methoden bewirtschaftet werden. Mit anderen Worten, für Wanderfeldbauer, Hirten und Waldbewohner ist kein Platz mehr in der schönen neuen Welt.

Anmerkungen

1 Für den »zu Nutz und Frommen des Volkes« geschaffenen Yellowstone Nationalpark schlossen die US-Biotechfirma Diversa und der US National Parks Service im August 1997 in aller Stille ein Abkommen, in dem der Firma die geistigen Eigentumsrechte an den hitzestabilen Mikroorganismen der Geysire übertragen wurden. Nachdem dieser Fall von Biopiraterie öffentlich bekannt geworden war, wurde der Bioprospektionsvertrag im März 1999 durch ein US-Gericht annulliert.

2 Patrick Kupper: Nationalparks in der europäischen Geschichte, 2008: www.europa.clio-online.de/site/lang__en/ItemID__330/mid__11428/40208214/default.aspx

3 Die Wissmannstraße. Erinnerung auf der Probe. Protokoll eines Podiumsgesprächs am 6.12.2006

4 www.cic-wildlife.de/index.php?option=com_content&view=article&id=58: gedenk

5 Kupper, a.a.O.

6 Ebd.

7 H. Jürgen Wächter, Naturschutz in den deutschen Kolonien in Afrika (1884–1918), Berlin 2008, S. 23f.

Peter Clausing ist Beiratsmitglied der Informationsstelle Militarisierung e.V. und veröffentlichte 2008 im Münsteraner Unrast Verlag unter dem Pseudonym Klaus Pedersen das Buch »Naturschutz und Profit«

URL: http://www.jungewelt.de/2010/06-09/017.php

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