Kleinbauern leisten Widerstand

La Vía Campesina ist in diesem Jahr 20 Jahre alt geworden

Von Peter Clausing

In der mit Tränengas gesättigten Luft von Seattle im Dezember 1999 dankten die Frauen von Vía Campesina der Welthandelsorganisation (WTO): Die Repressionsmaßnahmen während des WTO-Gipfels hätten die zahlreich zu den Protesten erschienenen KleinbäuerInnen zusammengeschmiedet. Auch wurde die globale Föderation widerständiger LandwirtInnen erst durch die Massenproteste und die Polizeigewalt gegen AktivistInnen in Seattle weltweit sichtbar, obwohl Vía Campesina schon sechs Jahre zuvor gegründet worden war.
Damals hatten Indigene und LandarbeiterInnen den Paradigmenwechsel erkannt, den Anfang der 1990er Jahre die Aufnahme landwirtschaftlicher Themen in die Verhandlungen des GATT-Abkommens (General Agreement on Tariffs and Trade) bedeutete. 1993 trafen sich daher 46 von ihnen im belgischen Mons und gründeten einen gemeinsamen Dachverband. Die im GATT-Abkommen getroffenen Vereinbarungen legten den Grundstein für die marktbasierte Zerstörung jener agrarpolitischen Strukturen und Programme, die die BäuerInnen in den Jahren zuvor in verschiedenen Ländern erkämpft hatten.

Vía Campesina propagierte schon damals eine Landwirtschaft, die ökologisch nachhaltig und sozial gerecht sein müsse. Damit war die Organisation Vorreiter: Es dauerte noch 15 Jahre, bis der Weltagrarrat in seinem Bericht 2008 erklärte, dass eine Fortsetzung des vorherrschenden Modells einer industriellen Landwirtschaft keine Option sei.
Als 2006 die Rockefeller-Stiftung und die Bill & Melinda Gates Foundation gemeinsam die Gründung der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA) bekannt gaben, gehörte Vía Campesina zu den ersten, die vor dem »Trojanischen Pferd« warnten, mit dem patentgeschützte Sorten, Gentechnik und marktwirtschaftliche Abhängigkeiten in der afrikanischen Landwirtschaft verankert werden sollten – eine Kritik, die von deutschen Nichtregierungsorganisationen bis zum heutigen Tag weitgehend verschlafen wurde.
Wann immer die Welternährungsorganisation (FAO), die WTO oder andere internationale Gremien zusammenkamen, um ernährungspolitische Fragen zu diskutieren, war Vía Campesina vor Ort und auf der Straße, um seine Positionen sicht- und hörbar zu machen – mit wachsendem Erfolg. Unter dem Slogan »Ändert das System, nicht das Klima« mobilisierten die LandwirtInnen 2010 Teilnehmer für eine Buskarawane, die quer durch Mexiko zum Klimagipfel nach Cancún führte. Dort organisierten sie eine Gegenkonferenz sowie eine große Demonstration, an der Tausende teilnahmen.
Die Zahl der Mitglieder hat sich seit der Gründung mit derzeit 164 Organisationen aus 79 Ländern nahezu vervierfacht. Nach Jahren der Ignoranz hat selbst die FAO anerkannt, dass Vía Campesina die weltweit wichtigste Stimme der KleinbäuerInnen ist: Am 4. Oktober dieses Jahres unterzeichneten der FAO-Generaldirektor, José Granziano da Silva, und die VertreterInnen von Vía Campesina ein Abkommen über eine künftige Zusammenarbeit. Die Sorge, dass damit eine »Kooption« durch die FAO stattfinden könnte, ist unbegründet, denn dafür ist das Netzwerk zu stark basisdemokratisch organisiert.
Doch Vía Campesina ist nicht nur dann präsent, wenn Konferenzen mächtiger internationaler Institutionen stattfinden. Die Vía Campesina-Mitgliedsorganisationen unterstützen auch die Menschen vor Ort, wenn es um den Widerstand gegen Enteignung und Vertreibung oder die Einführung gentechnisch veränderten Saatguts geht. Aber auch die Vermittlung von Kenntnissen zur Steigerung der Erträge durch agrarökologische Anbauverfahren sind Teil ihrer Arbeit. Dem konzern-kontrollierten Modell der Nahrungsmittelproduktion, bei dem es, aller Rhetorik zum Trotz, ausschließlich um die Erzeugung von Profit geht, hat Vía Campesina schon vor Jahren das Konzept der Ernährungssouveränität entgegen gestellt. Für die KleinbäuerInnen ist Ernährung in erster Linie ein grundlegendes Menschenrecht. Das zum Welternährungsgipfel 1996 originär von Vía Campesina präsentierte Konzept der Ernährungssouveränität, das inzwischen von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt wird, beinhaltet das Recht, die eigenen Nahrungsmittel auf dem eigenen Land zu produzieren. Vía Campesina vertritt in seinem Konzept der Ernährungssouveränität die Ansicht, dass Landwirtschaft sowohl ökonomisch lebensfähig als auch ökologisch nachhaltig sein muss, dass sie zugleich aber auch eine wichtige soziale Funktion innehat. Dies lässt sich den AktivistInnen zufolge nicht mit marktbasierten Ansätzen erreichen, sondern bedarf eines grundsätzlichen Politikwechsels.

Erschienen in Neues Deutschland vom 13.11.2013

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