Intensiv und ineffizient

Die industrielle Landwirtschaft ist an den Verbrauch fossiler Brennstoffe gekoppelt. Die Energiebilanz ihrer Produkte ist negativ.

Von Peter Clausing

Alljährlich am 17. April hat die globale Kleinbauernorganisation La Via-Campsina ihren Aktionstag. Die Organisation sagt, daß Kleinbauern energieeffizienter produzieren als Großbetriebe.

Seit Jahrtausenden besteht der Sinn des Ackerbaus in der Umwandlung von Sonnenenergie in »essbare«. Das geschieht mit Hilfe der Photosynthese, deren Effizienz zwar gering ist, denn jener Anteil der eingestrahlten Sonnenenergie, der in Biomasse umgewandelt wird, beträgt weniger als zwei Prozent. Trotzdem wird über das Jahr und die Fläche verteilt in Früchten und Knollen genügend Energie akkumuliert, um die Weltbevölkerung zu versorgen. Die Sonnenstrahlung steht gratis zur Verfügung. Der Anteil an Energie, der darüber hinaus in die Erzeugung und Verarbeitung von Nahrung gesteckt wurde, war für lange Zeit von geringer Bedeutung. Diese Situation hat sich in den vergangenen hundert Jahren dramatisch geändert. Zwar wurden in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt die Hektarerträge erheblich gesteigert. Erkauft wurde dieser Zuwachs jedoch mit einem extrem hohen Einsatz fossiler Energieträger, die vor allem zur Synthese und Ausbringung von Agrochemikalien und zum Betreiben von Pumpen für Flächen mit künstlicher Bewässerung benötigt werden. Doch inzwischen ist die Euphorie über die Wunder der »grünen Revolution« verflogen, und es macht sich Ernüchterung breit. Trotz des fortgesetzten Einsatzes erdölbasierter Ressourcen stagnieren die Erträge oder sinken sogar. Eine wesentliche Ursache ist die nachlassende Bodenfruchtbarkeit aufgrund der vernachlässigten organischen Düngung und der Versalzung bestimmter Böden nach jahrelanger Bewässerung. Zur Versalzung kommt es besonders in semiariden Regionen, wo die Verdunstung höher ist als der Niederschlag. Global leiden 50 Prozent der bewässerten Flächen unter Versalzung.

Mehr Aufwand als Ertrag

Seit der Erdölkrise Mitte der 1970er Jahre interessieren sich Wissenschaftler verstärkt für die Ener¬giebilanzen landwirtschaftlicher Produktion. Im Jahr 1980 erschien ein erstes Handbuch voller Tabellen, in denen für verschiedenste Fruchtarten und unterschiedliche Produktionsbedingungen entsprechende Aufwand aufgelistet wurde.1 Die jeweiligen Verbräuche werden in dem Buch summiert und dem Energiegehalt der geernteten Produkte gegenübergestellt. Fasst man die gewonnenen Erkenntnisse zusammen, wird schnell klar, daß bei industriemäßiger Großflächenwirtschaft mehr (fossile) Energie verbraucht wird, als am Ende in der verzehrten Nahrung steckt. Im Gegensatz dazu verhält es sich beim kleinbäuerlich-ökologischem Anbau umgekehrt. Im Extremfall ergibt sich ein Unterschied um das bis zu Hundertfache zwischen den beiden Anbausystemen. Werden bei der Intensivlandwirtschaft außer jener Energie, die in der eigentlichen Produktion steckt, auch die für den Transport zu den Märkten, die zur Herstellung von Verpackungsmaterial aufgewendete Energie und weitere Faktoren berücksichtigt, kommt es zu einem Aufwand von zehn Kilokalorien und mehr, um eine Kilokalorie Nahrung zu erzeugen. In der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, bei der auf den Einsatz von Agrochemikalien und schwerer Technik verzichtet wird und wo durch agrarökologische Methoden trotzdem gute Erträge gesichert werden, können aus einer Kilokalorie extern zugeführter Energie bis zu zehn Kilokalorien Nahrung entstehen.2 Zwar stellt dieser deutliche Effizienzunterschied zwischen den beiden Anbauformen den Extremfall dar, aber die Schlußfolgerung, daß kleinbäuerlich-ökologischer Anbau energieeffizienter ist als industriemäßige Produktion, hat Allgemeingültigkeit. Das klingt zwar plausibel, ist aber nicht selbstverständlich, denn bei den Effizienzberechnungen wird der Energieaufwand zum Ertrag ins Verhältnis gesetzt. Es könnte also sein, dass der durch externe Inputs erzielte Ertragszuwachs so groß ist, dass die zusätzlich eingesetzte Energie kompensiert wird. Aber das ist, wie die Ergebnisse zahlreicher Untersuchungen zeigen, nicht der Fall.

Wofür wird die Energie eigentlich verbraucht, die in derlei Berechnungen einfließt? In der modernen Landwirtschaft kommen fossile Träger bei folgenden Aktivitäten zum Einsatz: bei der Herstellung, dem Transport und der Ausbringung von Saatgut und Agrochemikalien, bei der Bodenbearbeitung (Pflügen, Eggen usw.), beim (zum Teil globalen) Transport der Ernte, des Schlachtviehs und der landwirtschaftlichen Abprodukte3, bei der technischen Trocknung bzw. gekühlten Lagerung der Ernteprodukte, beim Betrieb von Pumpen (Bewässerung, Gülle), bei der Beheizung von Gewächshäusern und Belüftung von Stallanlagen sowie bei der Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte (sowohl industriell als auch im privaten Haushalt). In jüngerer Zeit ist man zu sogenannten Life-Cycle-Analysen übergegangen, bei denen sämtliche Wirkungen (in diesem Fall der Energieverbrauch) während der Produktion, Nutzung und Entsorgung eines Produktes berücksichtigt werden, einschließlich der vor- und nachgeschalteten Prozesse. Da der Energieaufwand auf die Energiemenge der verzehrten Nahrung bezogen wird, spielen nicht nur die Erträge eine Rolle, sondern auch die Verluste bei Transport und Lagerung sowie die Vergeudung bzw. Vernichtung von Lebensmitteln in Supermärkten, Restaurants und privaten Haushalten. Spätestens seit dem 2012 erschienenen Buch »Die Essensvernichter« von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn wissen wir, dass die Vergeudung von Nahrungsmitteln in den Industrieländern ein erschreckendes Ausmaß angenommen hat. Erhebungen in Großbritannien, wo das Phänomen am gründlichsten untersucht wurde, haben gezeigt, daß 30 bis 50 Prozent der in den Handel gelangenden Nahrungsmittel im Müll landen. Während dies in der Öffentlichkeit vor allem unter dem Blickwinkel des in der Welt herrschenden Hungers diskutiert wird, stellt es auch eine unnötige Belastung des Klimas und eine immense Energieverschwendung dar.

Stromfresser Düngemittel

Betrachtet man die Energiebilanzen für die Produktion einzelner Nahrungsmittel, haben die konkreten Rahmenbedingungen einen starken Einfluss auf das Ergebnis. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen.4 Das erste führt uns in den Südwestiran, wo die Agrarwissenschaftler K. Azizi und S. Heidari in ihrer Studie zeigten, dass die Erzeugung von Roggen ohne künstliche Bewässerung trotz 40 Prozent niedrigerer Erträge um ein Drittel energieeffizienter ist. Das aussagekräftige Ergebnis basierte auf dem Vergleich von 26 bewässerten mit 68 unbewässerten Produktionsstandorten, die sich sonst aber stark ähnelten (d.h. bezüglich der Bodenqualität und sonstigen Produktionsbedingungen). Der Unterschied in der Bilanz resultierte aus dem Energieaufwand zum Betreiben der Pumpen, aber auch – umgelegt auf die Jahre der potentiellen Nutzung – aus dem Energieaufwand zur Herstellung und Installation der Bewässerungsanlage. Die Bilanzunterschiede zwischen bewässerten und nicht bewässerten Standorten hängen dabei nicht nur von der angebauten Feldfrucht und dem Ertrag ab, sondern auch von der Höhe des Grundwasserspiegels und der Verdunstung unter den konkreten klimatischen Bedingungen. Beim zweiten Beispiel geht es um Biobrot. Kyle Meisterling und seine zwei Mitautorinnen von der Universität Pittsburgh ermittelten eine um (die aus einem geringeren Energieverbrauch resultierende) 30 Gramm Kohlendioxid reduzierte Klimabelastung pro Kilogramm Weizenbrot, wenn dieses statt aus konventionell produziertem aus Bioweizen hergestellt wurde. Dieser Vorteil ging aber in ihren Modellrechnungen komplett verloren, wenn der Weizen bzw. das Brot vom Acker über das Lager, die Mühle, die Bäckerei und die Verkaufsstelle bis zur Wohnung der Konsumenten mehr als 480 Kilometer zurücklegte – für die USA eine nicht ganz unrealistische Distanz. Eine ähnliche Diskrepanz würde sich in Deutschland vermutlich aus der Gegenüberstellung von regional produzierten Tomaten aus konventionellem Anbau gegenüber Biotomaten aus Spanien oder den Niederlanden ergeben. Die Liste solcher Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.

Der Wert derartiger Untersuchungen besteht in der Herausarbeitung einzelner Faktoren, die bei der Gestaltung künftiger landwirtschaftlicher Systeme besonders zu berücksichtigen wären, um die Situation zu verbessern. Eine Synopsis der zahlreichen Einzeluntersuchungen ermöglicht es, jene Komponenten der Energiebilanzen zu identifizieren, die besonders ins Gewicht fallen. Dazu zählt die Herstellung von Kunstdünger, insbesondere von Stickstoffdünger. Dies ist der energieintensivste Einzelprozeß in der gesamten landwirtschaftlichen Produktionskette. Die Synthese von Ammoniak – der wichtigsten Komponente des Kunstdüngers – erfordert Temperaturen von ca. 500 Grad Celsius und einen Druck von 300 Bar. Mithin entfällt bei vielen Feldfrüchten sowie Obst- und Gemüsearten mehr als ein Drittel der in der Landwirtschaft verbrauchten Energie auf die Produktion von Agrochemikalien (siehe Grafik). Durchdenkt man die derzeitige Diskussion zur Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, bei der die zusätzlichen Stromkosten der energie¬intensiven Industriezweige weiterhin von den privaten Haushalten bezahlt werden, wird klar, daß diese dadurch auch einen Teil der Kosten der industriellen Landwirtschaft abfangen. Die Preisschilder der Supermärkte suggerieren, daß Nichtbioprodukte billiger seien. In Wirklichkeit bezahlt aber der Verbraucher einen Teil davon, indem er die Stromkosten der Düngemittelindustrie subventioniert.

Aneignung fremder Ressourcen

Wie energieeffizient oder ineffizient einzelne landwirtschaftliche Produkte erzeugt werden, hängt also stark von den konkreten Umständen ab. Bei der Beurteilung, ob – energetisch betrachtet – die Art und Weise der Ernährung eines Landes insgesamt nachhaltig ist oder nicht, helfen nationale Gesamtbilanzen. Zwei Studien – eine aus Dänemark und eine aus den USA – sollen das illustrieren. Für beide Länder sind die Ergebnisse ähnlich beunruhigend, und die Vermutung liegt nahe, dass die Situation in Deutschland nicht viel anders sein dürfte. Mads Markussen und Hanne Østergaard, Wissenschaftler von der Technischen Universität in Lyngby, präsentierten eine Komplettanalyse der dänischen Nahrungsmittelproduktion für die Jahre 2004 bis 2007. Dabei stellte sich heraus, dass die in diesem Zeitraum in Dänemark erzeugte Nahrung nur ein Viertel so viel Energie enthielt, wie zu deren Produktion verbraucht wurde. Zu einem ähnlichen Resultat kamen Martin C. Heller und Gregory A. Keoleian von der Universität Michigan, die eine Life-Cycle-Analyse für die USA mit Daten von 1995 vorlegten. Nach ihren Berechnungen hatte die US-amerikanische Landwirtschaft in besagtem Jahr einen energetischen Effizienzgrad von 27 Prozent. Interessant ist, aus welchen Komponenten sich der Energieverbrauch in den beiden Ländern zusammensetzte. Hier zeigten sich deutliche Unterschiede. In der amerikanischen Studie wurden nur 20 Prozent der Energie für die landwirtschaftliche Produktion genutzt. Die verbleibenden 80 Prozent verteilten sich auf Transport, Lagerung, Verarbeitung und Verpackung. Im Gegensatz dazu wurde in Dänemark bei ähnlicher Gesamtbilanz rund die Hälfte der Energie direkt in die Produktion gesteckt. Importierte Futtermittel – eine Komponente, die auch in Deutschland von großer Bedeutung sein dürfte – schlugen dabei maßgeblich zu Buche. Im Gegensatz dazu sind nach Einschätzung von Markussen und Østergaard die USA bei Futtermitteln größtenteils Selbstversorger.

Annika Carlsson-Kanyama von der Stockholmer Environmental Strategies Research Group und ihre Mitautorinnen betrachteten die Problematik aus einer anderen Perspektive. Zunächst ermittelten sie mit Hilfe von Life-Cycle-Analysen die verbrauchte Energie von 150 Lebensmitteln, die in Supermärkten erhältlich waren. Danach stellten sie zwei repräsentative Tagesrationen mit gleichem Kaloriengehalt zusammen. Ration eins war ohne Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten zusammengestellt worden. Ration zwei hatte ernährungsphysiologisch einen ähnlichen Wert wie Ration eins, jedoch wurde bewusst auf energieintensive Komponenten verzichtet, allerdings ohne dabei in Extreme zu verfallen. So enthielt Ration 1 Rindfleisch (2250 Life-Cycle-Kilokalorien, d.h. Energie, die in die Produktion usw. gesteckt wurde) und Gewächshaustomaten (1100 Life-Cycle-Kilokalorien). Ration 2 enthielt statt dessen das energieeffizientere Hühnerfleisch (1040 Life-Cycle-Kilokalorien) und Möhren (120 Life-Cycle-Kilokalorien). Ferner wurde in der üppigen Ration ein Glas Wein zugelassen, während sich die sparsame Variante mit einem Glas Wasser begnügte. Es verwundert nicht, daß Ration 1 mit rund 12200 Life-Cycle-Kilokalorien deutlich herausragt. Überraschend war jedoch, daß für die »Sparvariante« noch immer knapp 50 Prozent mehr Energie aufgewendet werden mussten, als letztendlich konsumiert wurde (2750 Life-Cycle-Kilokalorien gegenüber knapp 1900 verzehrten Kilokalorien).

Aus dem bisher Gesagten lassen sich zwei generelle Schlußfolgerungen ableiten. Erstens ist die in hiesigen Breiten übliche Versorgung mit Nahrungsmitteln allein schon aus energetischer Sicht nicht nachhaltig. Nicht nur der technische Luxus (Autos, Motorräder, diverse Dienstleistungen, energieintensive Urlaubsreisen), den weite Teile der Bevölkerung für sich in Anspruch nehmen, auch die Ernährung basiert auf der Aneignung von Ressourcen aus anderen Teilen der Welt. Dazu zählt neben der Ausbeutung fremder fossiler Energiequellen inzwischen der massive Import von landwirtschaftlichen Produkten wie Futtermitteln und Agrotreibstoffen, die in anderen Ländern energie- und flächenintensiv erzeugt werden. Zweitens ist die von internationalen Institutionen wie der Weltbank in Zusammenarbeit mit den westlichen Regierungen forcierte Umstellung der kleinbäuerlichen Produktion in den Ländern des Südens auf eine inputintensive Landwirtschaft in hohem Maße unverantwortlich. Das Adjektiv »kurzsichtig« wäre ein Euphemismus, denn es liegen inzwischen genügend aussagekräftige Studien vor, die – wie oben geschildert – belegen, daß die Verwendung von Agrochemikalien ein energetisches Verlustgeschäft darstellt. Die Transformation der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, beispielsweise in Afrika, dient also nicht – wie gern behauptet – der langfristigen Ernährungssicherung, sondern dem Profit des Agrobusiness, indem neue Möglichkeiten für die Vermarktung von kommerziellem Saatgut, synthetischem Dünger und Pestiziden geschaffen werden. Die behaupteten Einkommensverbesserungen, die ohnehin nur für den Bruchteil der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zum Tragen kämen, denen die Umstände erlauben, profitabel zu arbeiten, können auf lange Sicht nicht einmal als Nebeneffekt in Anspruch genommen werden. Dadurch und durch die Bindung an die konjunkturellen Schwankungen der globalen Märkte entstehen neue Abhängigkeiten, zusätzlich zementiert durch neue Schuldenverhältnisse. Die Umstellung auf agrochemische Inputs ohne »Exitstrategie« würde die afrikanische Landwirtschaft außerdem schutzlos der Ölpreisentwicklung ausliefern.

Die Folgen des »Peak Oil«

Dabei herrscht weitgehend Konsens darüber, daß es nach Erreichen des »Peak Oil«, dem Zeitpunkt, an dem das globale Ölfördermaximum erreicht ist, zu einem deutlichen Anstieg des Ölpreises kommen dürfte. Die Internationale Ener¬gieagentur prognostiziert, daß es bis zum Erreichen des Peak Oil noch ein weiter Weg sei. Doch diese Prognosen werden von Fachleuten zunehmend angezweifelt und als politisch motiviert betrachtet. So vertreten Steve Sorrell und seine Kollegen von der britischen Universität Sussex die Ansicht, dass ein beachtliches Risiko existiere, dass Peak Oil spätestens im Jahr 2020 erreicht werden wird. Dafür spricht auch, daß die globale Ölfördermenge seit dem Jahr 2005 nicht weiter gestiegen ist. Hohe Ölpreise sind bei dem derzeit dominierenden landwirtschaftlichen Modell gleichbedeutend mit hohen Lebensmittelpreisen. So hatte der Rohölpreis, der im Jahr 2008 zeitweilig die 100-Dollar-Marke (pro Barrel) überstieg, damals einen wichtigen Anteil an der Preisexplosion der Lebensmittel, die in über 40 Ländern zu sogenannten Hungerrevolten führte. Die Zahl der Menschen, die ständig Hunger leiden, erhöhte sich um geschätzte 150 bis 250 Millionen. Fünf Jahre nach diesem Debakel sind »Geberländer« und sogenannte Philanthropien wie die Bill & Melinda Gates Founda¬Stiftung damit befaßt, die afrikanischen Kleinbauern von fossilen Treibstoffen abhängig zu machen, statt sie bei der Implementierung von agrarökologischen Produktionssystemen zu unterstützen. Diese »Entwicklungshilfe« erfolgt fünf, oder vorsichtig geschätzt, fünfzehn Jahre vor dem Erreichen von Peak Oil. Das Motiv kann folglich nicht die Bekämpfung des globalen Hungers sein, sondern – wie oben erwähnt – die kurzzeitige Erschließung von Absatzmärkten für Agrochemikalien und kommerzielles Saatgut auf Kosten von Klima und Ernährungssouveränität.

Was könnten die vermutlichen Folgen des Erreichens des globalen Ölfördermaximums für Länder wie Deutschland sein? (Dabei spielen selbstverständlich nicht nur Peak Oil, sondern auch andere Faktoren wie der Klimawandel, der weitere Verlust an Biodiversität und der demographische Wandel ein wichtige Rolle.) Es gibt zahlreiche Prognosen, die sich mit mehr oder weniger verlässlichem Zahlenmaterial zu bestimmten Kennziffern in Zeithorizonten bis zum Jahr 2050 äußern. Jedoch sind Überlegungen zu den gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus solchen Hochrechnungen ableiten, so gut wie nicht auffindbar. Wahrscheinlich wird das Überschreiten des Fördermaximums nicht die gleiche Dynamik haben wie das abrupte Ausbleiben der Importe für Kuba nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers im Jahr 1990. Dort reduzierten sich die Erdöleinfuhren von 1992 im Vergleich zu 1989 auf weniger als ein Viertel und die Importe von Düngemitteln und Pestiziden auf weniger als ein Viertel bzw. ein Drittel. Im gleichen Zeitraum verlor die kubanische Bevölkerung im Durchschnitt (!) neun Kilogramm an Körpergewicht. Dieser dramatische Einschnitt wurde in Kuba gesamtgesellschaftlich getragen, und innerhalb weniger Jahre entstand eine neue Landwirtschaft mit agrarökologischen Fundamenten. Jörg Friedrichs, Dozent für Politikwissenschaften an der Universität Oxford, zieht aus der energetischen Zäsur in Kuba die allgemeine Schlussfolgerung, dass »je kürzer und je weniger ein Land oder eine Gesellschaft den Phänomenen von Individualismus, Industrialisierung und Konsumdenken ausgesetzt war, eine adaptive Rückkehr zu gemeinschaftlichen Werten und einem Lebensstil der Subsistenz umso wahrscheinlicher [wird].«5

Zu dem, was angesichts der zu erwartenden Veränderungen in Deutschland notwendig wäre, äußert sich unter anderem die Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. in ihrer im März 2012 verabschiedeten »Erklärung für eine ökosozialistische Wende von unten!«7: »Auch hierzulande stellt sich die Frage der sozialen Gerechtigkeit dringender denn je. In Zukunft geht es nicht mehr einfach um eine möglichst gerechte Aufteilung des ›Wohlstandskuchens‹, sondern um knapper werdende Ressourcen und um ein qualitativ anders gestaltetes Leben. Es darf auf keinen Fall die Situation eintreten, dass sich die Reichen weiterhin einen hohen Umweltverbrauch leisten können, während es den Armen am Nötigsten fehlt.«

Die Diskussion um die Energiewende in Deutschland dreht sich fast ausschließlich um einen Wandel in der Stromerzeugung. Welche Konsequenzen eine Treibstoffverknappung für die größtenteils hochmechanisierte Landwirtschaft haben würde, bleibt bislang noch völlig ausgeblendet. In der alten Bundesrepublik gab es 1960 in in diesem Bereich 4,5 Millionen Beschäftigte. Bis 1989 war diese Zahl auf 685000 geschrumpft. Die Entwicklung in der DDR verlief ähnlich. Wird es eine Bewegung »zurück aufs Land« geben? Und wenn ja, auf wessen Land? Schon heute klagen junge Menschen, die den ernsthaften Wunsch haben, ihre Zukunft als agrarökologisch wirtschaftende Bäuerinnen und Bauern zu gestalten, dass ihnen dies aufgrund der exorbitanten Pacht- und Bodenpreise verwehrt bleibt. Szenarien zu entwerfen, wie die konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unserer Ernährung in 20 oder 30 Jahren aussehen werden, ist hochspekulativ. Eines scheint jedoch sicher: Es wird konfliktgeladener zugehen als heute.

Anmerkungen

1 Pimentel, D. (Hrsg.): Handbook of energy utilization in agriculture. CRC Press, Boca Raton, Florida, 1980, 475 S.

2 Vandermeer, J. u.a. (2009): Effects of industrial agriculture on climate change and the mitigation effects of industrial agriculture on global warming and the potential of small-scale agroecological techniques to reverse those effects. A report to Via Campesina by The New World Agri¬culture and Ecology Group.

3 Es sind Fälle bekannt, wo der Kot von Mastanlagen quer durch die Bundesrepublik z.B. nach Brandenburg transportiert wird, weil am Standort der Mastanlagen nicht genügend Ackerfläche zur Verfügung steht, um den Putenmist zu verteilen.

4 Die Quellenangaben für alle weiteren zitierten Arbeiten sind hier abrufbar.

5 Friedrichs, J. (2010) Global energy crunch: How different parts of the world would react to a peak oil scenario. Energy Policy 38: 4562–69.

6 Erklärung der Bildungsgemeinschaft SALZ e.V.

Erschienen in Junge Welt vom 14.4.2014

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