Private Stiftungen – Speerspitze der globalen Agrarkonzerne?

Von Peter Clausing

Die „neuen Philanthropen“, wie sich die Milliardäre des 21. Jahrhunderts nennen, schaffen mit ihren Stiftungen unter Umgehung demokratischer Entscheidungsprozesse die Voraussetzungen für die Ausdehnung der Märkte transnationaler Konzerne. Verbrämt durch einen Diskurs der Armutsbekämpfung, fördern sie die Entstehung einer neuen agrarischen Mittelschicht im subsaharischen Afrika, die ausreichend zahlungskräftig ist, um sich die Segnungen einer neuen Grünen Revolution leisten zu können. Mangel an Demokratie ist eine wesentliche Voraussetzung dafür. Zwar behauptet die Grüne Revolution 2.0, dass sie die afrikanischen KleinbäuerInnen aus der Armutsfalle ziehen wolle, doch gerade diese profitieren nicht davon! Die eigentlichen Nutznießer des neuen landwirtschaftlichen Booms sind – wie Untersuchungen in Kenia und Sambia zeigen – reiche Städter, in der Mehrzahl Regierungsangestellte, die sich in die Landwirtschaft einkaufen.

Das erste Anzeichen für eine neue „Grüne Revolution“ gab es 1997, als Gordon Conway, der kurz darauf zum Präsidenten der Rockefeller-Stiftung ernannt wurde, sein Buch „The Doubly Green Revolution: Food for All in the Twenty-first Century”, veröffentlichte (1). Aber erst 2006, neun Jahre später, kam es zu einem Wendepunkt in der Welternährungspolitik und die neue Grüne Revolution wurde tatsächlich ausgerufen. Im Juli veröffentlichte die Rockefeller-Stiftung ein entsprechendes zwölfseitiges Memorandum (2) und am 12. September 2006 kündigten die Rockefeller- und die Gates-Stiftung gemeinsam die Gründung der AGRA für jenen Kontinent an, den die „alte“ Grüne Revolution nicht erreicht hatte. Passend dazu, wenngleich geografisch weit entfernt, erfolgte im Juni 2006 die Grundsteinlegung für den ebenfalls von der Gates-Stiftung mitfinanzierten globalen Saatguttresor auf Spitzbergen. Das verdeutlicht einmal mehr wie umfassend diese Stiftung mit dem Thema Welternährung umgeht. Sie ist darüber hinaus an der Finanzierung einer Reihe von landwirtschaftlichen Forschungszentren und -programmen in den Ländern des Südens beteiligt. In Uganda finanziert sie zum Beispiel die Entwicklung einer gentechnisch veränderten Banane. Im Juni 2006 hatte ferner die NEPAD, die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung, zu einem „Düngergipfel“ nach Nigeria eingeladen, der vom „International Fertilizer Development Center“ organisiert wurde, einer Lobby-Organisation der Düngemittelindustrie. Ein Jahr später reihte sich die Weltbank in den Chor der Rufer nach einer Wiederbelebung von Investitionen in die globale Landwirtschaft ein (3).

Der Preisschock von 2008

All dies geschah vor 2008, dem Jahr, als die Weltmarktpreise für Lebensmittel explodierten und in über vierzig Ländern so genannte Brotrevolten ausbrachen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Preise stiegen, obwohl die Welternte bei den wichtigsten Grundnahrungsmitteln wie Reis, Weizen und Mais völlig normal ausfiel (siehe Abbildung).

Erklärungsversuche für das Phänomen reichten vom Verweis auf Missernten in Australien, über den Agrotreibstoff-Boom bis zu der deplatzierten Bemerkung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel: Man dürfe sich über die Preisexplosion nicht wundern, wenn plötzlich die Inder täglich eine zweite Mahlzeit einnehmen würden. Die Hauptursache für die plötzliche Verdopplung der Lebensmittelpreise waren – so viel ist heute klar – die Spekulationen an den Rohstoffbörsen. Zusätzlich hat dies der Boom der Agrotreibstoffe infolge hoher Erdölpreise befeuert.

Abbildung: Welternte bei den wichtigsten Körnerfrüchten (Reis, Weizen, Mais) in den Jahren 2006-2009. Eine Missernte für das Jahr 2008 ist nicht erkennbar (Daten: FAOSTAT, http://faostat3.fao.org/faostat-gateway/go/to/download/FB/CL/E)
Welternte Reis_Weizen_Mais

Nach dem Brotrevolten-Schock beeilte man sich, hochrangige Gremien einzuberufen und Initiativen mit hoch gesteckten Zielen zu starten. Besonders hervorzuheben ist die Schaffung der „High-Level-Task-Force“ im Juni 2008 (vgl. Tabelle 1). Einen Monat später, im Juli 2008, trafen sich die Regierungschefs der G8-Länder im italienischen L’Aquila und starteten die so genannte „L’Aquila-Initiative für Ernährungssicherheit“. Diese enthält – abgesehen vom Fehlen jeglichen Bezugs auf agrarökologische Anbausysteme – alle wichtigen Schlagworte, die man sich in diesem Kontext vorstellen kann: Produktionssteigerung, die Wichtigkeit von Kleinbauern, Frauen, Familien und Nachhaltigkeit. Ebenso ist von Investitionen, „verbesserten“ Sorten, Düngemitteln, Bewässerung, Beraterdiensten und vom privaten Sektor die Rede.

Tabelle 1: Chronologie wichtiger Ereignisse Anfang des 21. Jahrhunderts

Chronologie

In ihrer Erklärung versprachen die G8-Staatschefs, zur Bekämpfung des Hungers 20 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von drei Jahren zu mobilisieren. Sie hoben die Schlüsselrolle der Beteiligung des privaten Sektors und der Zivilgesellschaft hervor. Nur am Rande wird erwähnt, dass eine „weitere Beobachtung und Analyse“ von Faktoren, die „möglicherweise“ Preisschwankungen und Spekulation verursachen, notwendig sei (4). Spekulationen zu verhindern wurde hingegen nicht zum Ziel erklärt. Sowohl die Deklaration von L’Aquila als auch Dokumente, die sich auf sie beziehen, betonen, dass „landeseigene Prozesse“ (country-owned processes) bei der Formulierung der künftigen Agrarpolitik wichtig seien.
Der 2008er Preisschock bei den globalen Lebensmittelpreisen hatte also nichts mit einer plötzlichen materiellen Verknappung zu tun, wurde aber genutzt, um die agroindustrielle Agenda für Afrika, die zuvor schon von der Rockefeller- und Bill & Melinda Gates-Stiftung lanciert worden war, weiter voran zu bringen.

Maßgeschneiderte Programme der privaten Stiftungen

Die enge Verzahnung dieser multinationalen Initiativen mit den Programmen der zwei privaten Stiftungen (Rockefeller- und Bill & Melinda Gates) Entfachung einer neuen Grünen Revolution ist augenfällig. Die Beratungsdienste und „landeseigenen Prozesse“ der afrikanischen Staaten werden von der AGRA intensiv begleitet: Die Steigerung der Erträge durch „verbesserte“ Sorten steht ganz oben auf der Agenda. Dabei präsentiert sich die AGRA als zivilgesellschaftlicher Akteur, der die Verbindung zwischen staatlicher Unterstützung und Privatwirtschaft herstellt, eine Art Scharnier für Public-Private-Partnerships. So wurden von dieser Allianz inzwischen 15.000 AgrarhändlerInnen in 16 afrikanischen Ländern ausgebildet. Aus der Perspektive privater Stiftungen kann dieses Heer von SaatgutverkäuferInnen durchaus als Teil der von der L’Aquila-Deklaration eingeforderten Beratungsdienste interpretiert werden. In der „freien“ Marktwirtschaft gehen schließlich Beratung und Verkauf Hand in Hand. Eine der insgesamt vier Abteilungen der AGRA ist ausschließlich für Politikberatung zuständig. Sie engagiert sich bei den landeseigenen Prozessen, zum Beispiel der „Unterstützung“ afrikanischer Regierungen bei der Einführung von Biosicherheitsgesetzen und Düngemittel-Strategien. Biosicherheitsgesetze, so sollte man wissen, sind eine Voraussetzung zur Einführung von Gentechnik. Auch wenn sie bereits 2006 initiiert wurde, ist die AGRA mit ihren bislang ausgegebenen 400 Millionen Dollar entscheidend für die Umsetzung der L’Aquila-Initiative. Mit anderen Worten: in L’Aquila wurde eine auf die Rockefeller- und Gates-Stiftung zugeschnittene Erklärung abgegeben.

Mittlerweile haben sich zwischen der „alten“ und dieser neuen Grünen Revolution so viele Parallelen ergeben, dass manche Wissenschaftler von einer einzigen langen Grünen Revolution sprechen (5). Die Betonung von Produktionssteigerungen als Lösungsansatz für die Beseitigung von Hunger und Armut ist dabei nur eine der Konstanten. Gleichzeitig wird eine gerechte Ressourcenverteilung kaum in Betracht gezogen. Interne Dokumente zeugen davon, dass die Rockefeller-Stiftung schon seit den späten 1940er Jahren von der Sorge geplagt war, dass verarmte, hungrige Menschen für kommunistische Ideen besonders empfänglich sein könnten (6). Darum wurde die alte Grüne Revolution global als Gegenprogramm zu den „Roten Revolutionen“ propagiert (7). Am deutlichsten war dies zu erkennen, als diese Grüne Revolution auf den Philippinen eingeführt wurde. Die zu jener Zeit starke kommunistische Partei hatte die Frage einer umverteilenden Landreform auf die Tagesordnung gesetzt. Dadurch waren die Interessen der philippinischen Großgrundbesitzer und ihrer amerikanischen Geschäftspartner bedroht. Um vom Thema Ressourcengerechtigkeit abzulenken, kombinierten die amerikanische und philippinische Regierung ihre grüne Revolutionsrhetorik mit einer schnellen Verbreitung von Hochertragssorten und ließen die herrschende ländliche Ordnung unangetastet (8).

Dieselbe Rockefeller-Stiftung und ihre Verbündeten, die 2006 mit der Einführung einer Grünen Revolution in Afrika begannen, griffen nach den Brotrevolten von 2008 den Diskurs der Produktionssteigerungen wieder auf. So verknüpfte Andrew Natsios, bis 2006 Chef der U.S.- Entwicklungsbehörde USAID und gern gesehener Redner bei den Milliardärsstiftungen (9), seine Sorgen über künftige Brotrevolten mit der Forderung, die Produktion in Afrika mit Hilfe von Grüner Revolution und gentechnisch veränderten Pflanzen zu steigern (10). Ein Schelm, wer in den Bemühungen um eine neue Grüne Revolution, die sich in zeitlicher Nähe zu den 2008er Brotrevolten entfaltete und von derselben Rockefeller-Stiftung mit initiiert wurde, Parallelen zu den 1960er Jahren zu entdecken glaubt. Ein weiteres Mal blieb das Thema der Schaffung sozialer Gerechtigkeit außen vor.

Produktionssteigerungen statt Gerechtigkeit

Schon während der „alten“ Grünen Revolution argumentierten die Eliten, dass der Grund für ländliche Armut nicht die ungerechte Verteilung von Land und Ressourcen sei, sondern die niedrigen Erträgen der kleinbäuerlichen Produktion – ein Diskurs, der heute wieder auflebt. Entscheidend für die Ausbreitung der Grüne Revolution in Asien im 20. Jahrhundert war eine anhaltende Finanzierung des Agrarsektors durch internationale Geldgeber und Regierungen. Subventionen machten teure Inputs wie Hybridsaatgut und Düngemittel einigermaßen erschwinglich. Garantierte Aufkaufpreise waren weit verbreitet und minderten das Risiko bei der Rückzahlung von Krediten. Aber beginnend in den 1970er Jahren, standen Kredite und Hilfsgelder immer weniger zur Verfügung. Das mag zum Teil am Verschwinden der akuten Gefahr „Roter Revolutionen“ gelegen haben. Vor allem aber lag es daran, dass der Weltbank und den anderen Institutionen das Geld ausging. Große Mengen an Hilfsgeldern und Krediten waren auf den Bankkonten korrupter Politiker gelandet. Die landwirtschaftlichen Förderprogramme wurden eingestellt.

Für die Grüne Revolution des 21. Jahrhunderts stehen erneut Mittel internationaler Geldgeber zur Verfügung, allerdings für andere Zwecke. Während kein Geld für die Subvention von Inputs und für garantierte Aufkaufpreise vorgesehen sind – schließlich will man „Marktverzerrungen“ vermeiden – stehen Mittel zum Schutz geistiger Eigentumsrechte und zur Politikberatung zwecks „Verschlankung“ der Staaten reichlich zur Verfügung (11). Die Protagonisten der neuen Grünen Revolution legen großen Wert auf eine Beteiligung privater Investoren. Die mächtigsten Akteure dieses Sektors sind Konzerne wie Syngenta, Monsanto, Cargill und DuPont, die im Jahr 2012 offiziell als „Partner des privaten Sektors“ der „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit“ der G8-Länder ernannt wurden. Dem Gremium gehörten die USA, das Vereinigte Königreich, Kanada, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien, sowie Russland an.

Die Einbindung des privaten Sektors geht mit der Vorbereitung der afrikanischen Länder auf den Einsatz gentechnisch veränderter Sorten einher. Dabei übt sich die AGRA in einer vielsagenden Nichtbeantwortung der selbst gestellten Frage, wie sie es mit der Gentechnik hält . Die Frage “Unterstützt die AGRA Gentechnik in Afrika?“, die sich mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten ließe, wird so beantwortet: „Die AGRA investiert in konventionelle, von FarmerInnen kontrollierte Zucht, um ihnen den Zugang zu hochwertigem Saatgut zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen“. Die AGRA befindet sich dabei offensichtlich in einem Dilemma. Einerseits will sie sich bei diesem Thema gegenüber den afrikanischen Ländern wohl nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Andererseits hat sie nachweislich enge Beziehungen zur Gentechnik-Industrie und spielt selbst eine aktive Rolle bei der Einführung von nationalen Biosicherheitsgesetzen. Es gibt nicht nur eine „extrem enge Personalverflechtung zwischen den oberen Leitungsebenen von AGRA, Monsanto und Syngenta“ (12), sondern die Gates-Stiftung hält bzw. hielt laut Wall Street Journal auch 500.000 Monsanto-Aktien, was 2010 einem Wert von etwa 25 Millionen Dollar entsprach (13). Alles in allem ist die Verschleierung der Motive der Agrarindustrie mit einem Diskurs über die Bekämpfung des globalen Hungers sehr fadenscheinig.

(K)eine Grüne Revolution in Afrika

Die Protagonisten der „alten“ Grüne Revolution führten vor allem zwei Argumente an, warum diese auch KleinbäuerInnen zu Gute kommen würde: Erstens seie die Grüne Revolution „skalenneutral“ und zweitens hätten die BäuerInnnen die Vorteile der Grünen Revolution selbst erkannt und hätten sie deshalb freiwillig angenommen (14).

Mit Skalenneutralität ist gemeint, dass sich die Segnungen der Grünen Revolution unabhängig von der Größe der Ackerfläche entfalten, so dass sie folglich KleinbäuerInnen und Großgrundbesitzern gleichermaßen zu Gute kämen. Doch Skalenneutralität ist nicht mit Ressourcenneutralität gleichzusetzen. Die Technologie der Grünen Revolution ist nicht teilbar. Sie kommt als Paket, das aus Saatgut und synthetischem Dünger besteht und in den meisten Fällen künstliche Bewässerung und Pestizide benötigt. Reiche BäuerInnen riskieren aber deutlich weniger als KleinbäuerInnen, wenn sie Hochleistungssorten kaufen und einsetzen: Sie können neben dem Saatgut auch die notwendigen Inputs für die Hochleistungssorten erwerben. Sie erhalten Kredite zu günstigeren Bedingungen und haben es leichter, Beratungsdienste in Anspruch zu nehmen. Außerdem ist allgemein bekannt, dass sich in weiten Teilen der Welt die reichen FarmerInnen in einem historischen Verdrängungsprozess die Ländereien mit den besseren Böden aneigneten, also Böden, auf denen Hochleistungssorten ihr Potenzial besser entfalten können, während sich die KleinbäuerInnen häufig mit marginalen Böden herumschlagen müssen.

Im zweiten Argument wird geltend gemacht, dass die KleinbäuerInnen sich freiwillig entschieden hätten, die Vorteile der Grünen Revolution in Anspruch zu nehmen. Sie hätten rational gehandelt, weil sie deren Vorteile erkannten. Doch es ist leicht nachweisbar, dass die kleinbäuerliche Akzeptanz stark an die Verfügbarkeit billiger Kredite und anderer staatlicher Subventionen gekoppelt war. Eine nahezu gratis angebotene Unterstützung anzunehmen, ist sehr rational, hat aber wenig mit den Vorteilen einer Grünen Revolution zu tun. Als diese in den 1970erJahren Afrika erreichen sollte, hatte der damalige Weltbankpräsident Robert McNamara wegen der Verschuldung der Regierungen des globalen Südens bereits strenge Sparprogramme verordnet. Die Paketlösungen der Agrarindustrie wurden deswegen nicht mehr subventioniert, was erklärt, warum die Grüne Revolution bei den ebenso rational handelnden afrikanischen Kleinbauern nicht auf Gegenliebe stieß.

Prabhu Pingali, Mitarbeiter der Gates-Stiftung, identifizierte Gründe für das Scheitern der „alten“ Grünen Revolution in Afrika. Fehlende Subventionen, um armen BäuerInnen den Kauf von Inputs zu ermöglichen und ihnen den Verkauf der Ernte zu garantieren, scheinen nicht in sein Konzept zu passen. Stattdessen verortete er eine zu geringe Bevölkerungsdichte und eine zu geringe Abhängigkeit der afrikanischen Bevölkerung von den drei wichtigsten Ackerfrüchten (Weizen, Reis und Mais) als Ursachen für das Steckenbleiben der Grüne Revolution. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte seien die Bodenpreise in Afrika zu niedrig gewesen und die Landwirte hätten keinen Anreiz für die Intensivierung gehabt. Hier wäre es interessant zu erfahren, warum Argentinien, Paraguay und Brasilien – Länder mit weniger als 25 Einwohnern pro Quadratkilometer – nicht ebenfalls von der Grüne Revolution verschont geblieben sind. Auch die zu geringe Abhängigkeit afrikanischer Länder von den wichtigsten Ackerfrüchten darf in Frage gestellt werden, wobei solche Abhängigkeiten ohnehin nicht wünschenswert sein dürfte. In Ländern wie Malawi, Sambia und Tansania deckt Mais seit langem die Kalorienversorgung der Bevölkerung zu 50 Prozent und mehr ab. Da scheint das Argument, die Grüne Revolution hätte in Afrika wegen der ungenügenden Verbreitung von Mais (bzw. von Reis und Weizen) nicht Fuß fassen können, doch sehr bemüht. Aber nun, mit der „Grünen Revolution 2.0“, wie Pingali sie nennt, soll es gelingen. Seine Publikation (15) in den renommierten Proceedings der Akademie der Wissenschaften der USA (PNAS) enthält übrigens eine interessante Fußnote zu den möglichen Interessenkonflikten des Autors: „Alle vorgeschlagenen Gutachter (für das Manuskript) waren Empfänger von Mitteln der Gates-Stiftung. Es ist schwierig, Gutachter zu finden, die nicht von der Gates-Stiftung finanziert werden“, heißt es dort.

Das Fundament der alten Grünen Revolution war die Subventionierung von Saatgut und synthetischem Dünger. Die mit Mitteln aus Milliardärsstiftungen initiierte „Grüne Revolution 2.0“ kann auf eine solche Subventionierung nicht zurückgreifen. Sie muss ihre finanzielle Basis – wie nachstehend beschrieben – auf andere Weise abdecken.

Grüne Revolution 2.0 – Risiken und Nebenwirkungen

Pingali begründet, dass die Zeit für eine neue Grüne Revolution reif sei – wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise. Diese sind seiner Meinung nach nicht etwa wegen der Spekulation mit landwirtschaftlichen Rohstoffen gestiegen, sondern aufgrund des Bevölkerungswachstums und des steigenden Fleischkonsums der Mittelschichten in einigen Ländern. Deshalb sei eine weitere Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion unumgänglich, „wodurch es für ländliche Arbeitskräfte möglich wird, den Bereich der Landwirtschaft zu verlassen und sich andere, lukrativere Erwerbsmöglichkeiten zu suchen“ (16). Eine ähnlich beschönigende Beschreibung für die de-facto-Vertreibung eines Teils der ländlichen Bevölkerung ist auch in internen Dokumenten der Gates-Stiftung zu finden, wo von der Notwendigkeit einer höheren Landmobilität und einem geringen Anteil in der Landwirtschaft Beschäftigter die Rede ist (17). Ziel der Intensivierung, wie sie von den Public-Private-Partnerships, bestehend aus Stiftungen, staatlichen Akteuren und Unternehmen, betrieben wird, ist die Erhöhung der globalen Wettbewerbsfähigkeit der afrikanischen Landwirtschaft. Doch diese Wettbewerbsfähigkeit hat einen enormen Preis, wie Jennifer Bair in ihrer vielzitierten Arbeit betont. Denn transnationale Unternehmen seien nur dann erfolgreich, wenn sie ihren ArbeiterInnen höhere Löhne, sicherere Jobs und bessere Arbeitsbedingungen vorenthalten (18)! Auf der AGRA-Website ist der Einbezug der afrikanischen Landwirtschaft in die Weltmärkte omnipräsent. Aber selbst jener Teil der Bauernschaft, der dies schaffen könnte, befindet sich dann immer noch am unteren Ende der Wertschöpfungsketten. Ein wesentliches Merkmal dieser vertikal integrierter Ketten ist, dass der Wert am unteren Ende – auf den afrikanischen Felder – geschaffen aber weiter oben abgeschöpft wird. Das Gerede über Wertschöpfungsketten verschleiert den wahren Wert der Arbeit der Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten (19).

Was aber erwartet jene andere Teile der afrikanischen Landbevölkerung, denen der Sprung auf die Weltmärkte versagt bleibt? Bekommen sie wirklich die Chance auf lukrativere Erwerbsmöglichkeiten in den Städten? Nein, häufig stellt das Leben in den Slums der Städte nicht die bessere Alternative zum bäuerlichen Leben dar. In Afrika liegt die „Lukrativitätsschwelle“ bei zwei Dollar pro Tag, so der indische Forscher Zeyaur Khan, der an einem Institut in Nairobi agrarökologische Methoden für KleinbäuerInnen entwickelt. „Wenn ein Bauer auf seinem Hof mehr als zwei Dollar pro Tag verdienen kann, was dem entspricht, was er durchschnittlich in der Stadt verdienen würde, dann bleibt er auf dem Land.“ Wenn sich die Lebensmittelpreise in den Städten erhöhen, dürfte die wirtschaftliche Motivation für einen Wegzug in die Stadt entsprechend sinken. Das könnte erklären, warum Deborah Potts für ausgewählte afrikanische Länder für 2010 einen deutlich geringeren Urbanisierungsgrad im Vergleich zu 2001 ermittelte (siehe Tabelle 2) (20). Auch wenn sie es in ihrer Arbeit nicht explizit formuliert, ist der Gedanke naheliegend, eine Ursache für diese Entwicklung in der Explosion der Lebensmittelpreise ab 2007 zu suchen.

Tabelle 2: Reduzierung des Urbanisierungsgrades in ausgewählten afrikanischen
Ländern; Daten von Potts (2012)

Urbanisierung

Jonathan Crush beklagt die tiefgreifende Entkopplung der Themen Migration und Ernährungssicherheit, obwohl diese sehr viel miteinander zu tun haben. Eine systematische Beleuchtung dieses Zusammenhangs fehle nahezu vollständig (21). Eine entscheidende Erkenntnis aus den wenigen zu diesem Thema vorhandenen Studien ist laut Crush, dass es speziell in Afrika eine scharfe Trennung von ländlicher und städtischer Bevölkerung selten gibt. Vielmehr gibt es oft eine „kreisförmige“ Migration zwischen diesen beiden Lebensbereichen. In Zeiten guter Verdienstmöglichkeiten wandern Teile der Familien in die Stadt ab. Sie unterstützen den auf dem Land lebenden Rest mit Geldsendungen. In Zeiten hoher Lebensmittelpreise findet eine Rückmigration statt.

Die Einführung einer intensivierten Landwirtschaft im subsaharischen Afrika bedeutet für einen Teil der ländlichen Bevölkerung den Verlust der Lebensgrundlage. Es ist bemerkenswert (ist vielleicht neutraler als „bezeichnend“, aber mit „unverständlich“ bin ich nicht einverstanden, denn es ist m.E. völlig verständlich, dass sich Institutionen, die den Aufbau von Wertschöpfungsketten zum Ziel haben, sich nicht bzw. kaum für soziale Probleme interessieren) dass AGRA und die Gates-Stiftung sich für die konkreten sozialen Folgen dieser Entwicklung nicht interessieren. Es ist zu erwarten, dass die mit der Grünen Revolution 2.0 verbundene Transformation des ländlichen Raumes den oben beschriebenen Migrationskreislauf zwischen Stadt und Land zerreißen wird. Es kann also erwartet werden, dass sich in den nächsten Jahren das Phänomen verstärkt, auf das Deborah Potts hingewiesen hat: schon heute machen sich MigrantInnen, die den ländlichen Raum verlassen, nicht selten unmittelbar auf den Weg (das „unmittelbar“ [als Ersatz für „direkten Weges“] bitte drin behalten – es steht so in der zitierten Publikation und ich halte das für wichtig) Richtung Europa (27). Eine Verbindung zu der Flüchtlingskatastrophe, die sich vor unseren Augen im Mittelmeer abspielt, liegt auf der Hand. Die Konzentration des Landeigentums durch das Aufkaufen des Bodens durch Staaten und multinationale Unternehmen verstärkt diese Tendenz.

Schlussbetrachtung: „Wohltäter“ und ihre Motive

Im Oktober 2010 unterschrieben 40 U.S.-Milliardäre (meine lateinamerikanischen Freunde sind immer empört, wenn „amerikanisch“ gesagt und stillschweigend „U.S.“ unterstellt wird. Wenn „U.S.-amerikanisch“ zu sperrig ist, dann bitte einfach nur „U.S.“ verwenden) eine Selbstverpflichtung, die Hälfte ihres Vermögens an Stiftungen zu übergeben. Die Gates-Familie gehört zu den sichtbarsten dieser so genannten „neuen Philanthropen“. Die Motive für diesen Akt der Wohltätigkeit sind sicher differenzierter als manche Verschwörungstheoretiker vermuten, die im Wirken der Rockefellers und der Gates‘ die jahrzehntelange Verfolgung eines Plans zur Erlangung der Weltherrschaft mittels Kontrolle der Nahrungsmittelproduktion sehen. Doch das Motiv, dies alles geschehe nur „aus Steuergründen“, greift ebenfalls zu kurz. Behrooz Morvaridi hingegen offeriert eine facettenreiche, überzeugende Interpretation der Beweggründe dieser Superreichen (23). Steuereinsparung und die Schaffung eines „guten Images“ spielen durchaus eine Rolle. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Stärkung kapitalistischer Hegemonie im Gramsci‘schen Sinne. Dieser komplexe Prozess basiert auf einer sehr einfachen Logik: Wer genügend Reichtum angehäuft hat, kann es sich leisten, seinen Reichtum nicht nur für die Erzeugung von noch mehr Reichtum einzusetzen, sondern auch für die Pflege des allgemeinen Systems zur persönlichen Bereicherung. Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung zur Schaffung einer dauerhaften Akzeptanz marktkonformer kapitalistischer Entwicklung ist dabei die wesentliche Komponente. Das geschieht unter anderem durch das Ansprechen unübersehbarer Phänomene, wie Hunger und Armut, bei gleichzeitiger Ablenkung von ihren Ursachen. Dies zieht sich als roter Faden durch die Argumentationsketten der alten und der neuen Philanthropen. Die Erkennung gesellschaftlicher Zustände, die persönliche Bereicherung und dadurch philanthropisches Handeln überhaupt erst ermöglichen, wird durch das Angebot technologischer Lösungen verhindert, wobei deren Einführung, verbunden mit dem unhaltbaren Versprechen der Armutsbeseitigung, zugleich neue Märkte erschließt.

Mangel an Demokratie ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die superreichen Philanthropen ihre politischen Ziele erreichen. Die mexikanische Regierung war sich schon bei der alten Grünen Revolution im Unklaren, was die Rockefeller-Stiftung in ihrem Land eigentlich vorhatte (29). Die Grüne Revolution als Gegenstrategie zu radikalen Landreformen auf den Philippinen und in anderen Ländern zeigte erneut das ihr zugrunde liegende (fehlende) Demokratieverständnis. Zwar behauptet die Grüne Revolution 2.0, dass sie die afrikanischen KleinbäuerInnen aus der Armutsfalle ziehen wolle, doch gerade diese profitieren nicht davon! Die eigentlichen Nutznießer des neuen landwirtschaftlichen Booms sind – wie gründliche Untersuchungen in Kenia und Sambia zeigen – reiche Städter, in der Mehrzahl Regierungsangestellte, die sich in die Landwirtschaft einkaufen (25).

Die „neuen Philanthropen“, wie sich die Milliardäre des 21. Jahrhunderts nennen, schaffen mit ihren Stiftungen unter Umgehung demokratischer Entscheidungsprozesse die Voraussetzungen für die Ausdehnung der Märkte transnationaler Konzerne. Verbrämt durch einen Diskurs der Armutsbekämpfung, fördern sie die Entstehung einer neuen agrarischen Mittelschicht im subsaharischen Afrika, die ausreichend zahlungskräftig ist, um sich die Segnungen einer neuen Grünen Revolution leisten zu können. Die Vermutung liegt nahe, dass zumindest ein Teil dieser Mittelschicht seine Finanzkraft aus der verbreiteten Korruption geschöpft haben dürfte. So schaffen die AGRA und die auf ihre fußenden multinationalen Initiativen letztendlich ein afrikanisches Subsystem zur Stärkung des allgemeinen Systems der Bereicherung.

Quellen und Anmerkungen

    1.

Conway, Gordon (1997): The Doubly Green Revolution: Food for All in the Twenty-first Century. London, New York: Penguin Books.

    2.

Rockefeller Foundation (2006): Africa’s Turn: A New Green Revolution for the 21st Century.

    3.

World Bank (2007): Agriculture for Development. World Development Report 2008.

    4.

„L’Aquila“ Joint Statement on Global Food Security v. 10.7.2009.

    5.

Raj Patel (2013): The long Green Revolution. Journal of Peasant Studies 40: S. 1-63.

    6.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 11.

    7.

William Gaud, damals Chef der US-„Entwicklungshilfe“-Behörde USAID, hob diese Strategie in einer Rede am 8.3.1968 hervor.

    8.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 15.

    9.

Zum Beispiel auf dem Global Philanthropy Forum 2006.

    10.

Andrew Natsios und Kelly Doley (2009): The coming food coups. The Washington Quarterly 32: S. 7-25.

    11.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 34.

    12.

Jeanne Koopman (2012): Will Africa’s Green Revolution squeeze African family farmers to death? Lessons from small-scale high-cost rice production in the Senegal River ValleyReview of African Political Economy 39: S. 501.

    13.

James B. Stewart (2010): Sometimes smoke is just smoke. Wall Street Journal, 16. 10. 2010.

    14.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 19.

    15.

Prabhu Pingali (2012): Green Revolution: Impacts, limits, and the path ahead. PNAS 109: 12302-12308.

    16.

Prabhu Pingali (2012), a.a.O., S. 12306.

    17.

Gates Stiftung (2008), zitiert in Raj Patel (2013), a.a.O., S. 42.

    18.

Jennifer Bair (2005): Global capitalism and commodity chains: looking back and going forward. Competition & Change 9: 153-180.

    19.

Vgl. Philipp McMichael (2013): Value-chain agriculture and debt relations: contradictory outcomes. Third World Quarterly 34: S. 671–690

    20.

Deborah Potts (2012): What ever happened to Africa’s rapid urbanization? Africa Research Institute, Counterpoint Series, London, 16 S.

    21.

Jonathan Crush (2013): Linking Food Security, Migration and Development. International Migration 51: 60-75.

    22.

Deborah Potts (2012), a.a.O., S.14.

    23.

Behrooz Morvaridi (2012): Capitalist Philanthropy and Hegemonic Partnerships. Third World Quarterly 33: 1191-1210.

    24.

Raj Patel (2013), a.a.O. S. 8.

    25.

T.S. Jayne, Jordan Chamberlin und Derek D. Headey (2014), Land pressures, the evolution of farming systems, and development strategies in Africa: A synthesis. Food Policy 48: S. 1-17.

Hinweis: In überarbeiteter Form (und ohne die Abbildung) erscheint dieser Text als Kapitel in dem Buch „Zwischen Fairtrade und Profit“, herausgegeben von Fausta Borsani und Thomas Gröbly, Stämpfli-Verlag, Bern, 2016

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