<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung &#187; Allgemein</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/category/biodiversitaet_landwirtschaft/allgemein-biodiversitaet_landwirtschaft/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Wed, 11 Jan 2012 04:53:53 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Naturschutz im Spannungsfeld</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/#comments</comments> <pubDate>Tue, 15 Nov 2011 09:34:36 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=667</guid> <description><![CDATA[Naturschutz im Spannungsfeld]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Kommentierte <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/Naturschutz-im-Spannungsfeld.pdf">Präsentation</a> zu einem am 10. November 2011 im Rahmen des <a href="http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=95&#038;Itemid=169&#038;lang=de">Wuppertaler Nord-Süd-Kolloquiums</a> gehaltenen Vortrag.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Neoliberale Scheinlösungen (Rezension)</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/#comments</comments> <pubDate>Tue, 09 Aug 2011 04:31:49 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik-Lobby]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=605</guid> <description><![CDATA[Der britische Gentechnik-Befürworter Paul Collier degradiert La Via Campesina und und die Verfasser des Weltagrarberichts zum Fußvolk aristokratischer Umweltromantiker wie Prinz Charles]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Der Gentechnik-Befürworter Paul Collier macht Vorschläge zur Rettung der Welt</b></p><p><i>Peter Clausing</i></p><p>Der britische Ökonomieprofessor Paul Collier nimmt in seinem im Mai in deutscher Übersetzung erschienenen Buch »Der hungrige Planet« für sich in Anspruch, »Ideen aus der präzisen, aber schwer verständlichen Sprache der modernen Wirtschaftswissenschaft in eine Form zu übersetzen, die auch außerhalb des engen Zirkels von Fachleuten gelesen werden kann« (S. 14). Das ist ihm gelungen: Der Vereinfachungsgrad des Buches liegt auf BILD-Niveau. In dem Werk wimmelt es von simplen Antworten auf noch simplere Fragen – vermutlich mit ein Grund, warum Collier zu den Bestsellerautoren im Sachbuchbereich gehört. Doch bei falsch gestellten Fragen werden die Antworten auch nicht richtiger, trotz der ausgefeilten Computersimulationen, auf die Collier so häufig Bezug nimmt. Ab und zu werden korrekt beschriebene Sachverhalte mit weniger korrekten Schlußfolgerungen gekoppelt, so daß man unwillkürlich an Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismus »Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt« denken muß.</p><p>Meist geht es im Buch also sehr einfach zu. Die Ökonomen zerfallen in zwei Lager – Utilitaristen und Ethiker –, die Menschheit insgesamt in drei: Umweltplünderer, die von Collier als »Ignoranten« etikettiert werden; Umweltschützer, die er als »Romantiker« bezeichnet und zu deren wichtigstem Protagonisten er Prinz Charles auserkoren hat, sowie die »kritische Masse der Bürger«, die durch eine von ihm vorgeschlagene »Charta für natürliche Ressourcen« geläutert werden soll. Diesen Läuterungsprozeß betrachtet er deshalb als erfolgversprechend, weil er von »drei politischen Riesen aus rohstoffreichen Ländern« geleitet wird, zu denen er unter anderem den früheren mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo zählt. Mit dieser »glaubwürdigen Führung«, so Collier, »gleicht die Charta durch Autorität aus, was ihr an institutioneller Macht fehlt« (S. 239). Kennern der Verhältnisse in Mexiko dürften bei dieser Offenbarung die Haare zu Berge stehen.</p><p><b>Korruption als Mysterium</b></p><p>Im Mittelpunkt von Colliers Erörterungen stehen der von ihm so genannte Ressourcenfluch und seine These von der »mißverstandenen Natur«. Mit ersterem umschreibt er die Beobachtung, daß zahlreiche Länder des Südens rohstoffreich, aber bitterarm sind. Der Professor kommt zu der nicht ganz taufrischen Erkenntnis, daß die Ausplünderung natürlicher Ressourcen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas mit Korruption einhergeht. An der einen oder anderen Stelle fällt ihm sogar auf, daß es neben den Bestochenen auch jene gibt, die das Geld zur Verfügung stellen. Colliers ausgiebige Erörterung des Themas Korruption ist jedoch von einer bemerkenswert ahistorischen Betrachtungsweise gekennzeichnet, die den Beitrag westlicher Regierungen zur Entstehung korrupter Regimes komplett ausblendet. Das betrifft deren geheimdienstlich betriebene Installierung (erinnert sei hier an John Perkins’ Buch »Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia«) und jahrzehntelange Unterstützung durch Länder mit »guter Regierungsführung«. Auch die fortdauernde Blockade eines gerechteren Weltwirtschaftssystems durch die westlichen Länder kommt mit keinem Wort zur Sprache. Für Collier ist Korruption ein fast mystisches Geschehen: »Es ist oft wahrscheinlich, daß Regierungsmitglieder, gemeinsam mit den natürlichen Ressourcen, von privaten Interessen vereinnahmt werden« (S. 77). Dieser Prozeß wird nicht beleuchtet, denn schuld sind eigentlich nicht die »privaten Interessen«, deren konkrete Benennung Collier strikt vermeidet, sondern die natürlichen Ressourcen selbst: »Sierra Leones Diamanten haben den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zerstört; Nigerias Öl hat die Korruption der politischen Klasse genährt« (S. 53). Diesem Dilemma setzt er die sanktionsfreien Selbstverpflichtungen der Extractive Industry Transparency Initiative (EITI) als Problemlösung entgegen. Abgesehen davon, daß neun Jahre nach deren Beginn bislang nur zehn Länder »EITI-zertifiziert« sind, werden die ökologischen und sozialen Problemen in den rohstoffreichen Ländern von der Initiative ungenügend berücksichtigt. Kein Thema für Collier. Statt dessen verlangt er unter anderem, die »Waldbewohner« Brasiliens sollten »keine Rechte auf das Öl unter dem Wald haben«, eine Forderung, die mit den Bestimmungen der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über die Rechte indigener Völker kollidiert (S. 50).</p><p><b>Skandalöse Ignoranz</b></p><p>Collier propagiert auch die These, der Einmarsch der USA in den Irak 2003 sei in der Absicht erfolgt, »die Demokratie in den rohstoffreichen Nahen Osten (zu) bringen« (S.65), nur sei die »neokonservative Agenda naiv« gewesen. Denn, man höre und staune: Der Ölreichtum Iraks vereitelte den Aufbau einer guten Regierungspraxis.</p><p>Colliers Lamento über die Ressourcenplünderung beschränkt sich auf das Anprangern der Verschwendung der dabei erzielten Erlöse: Wert gleich Marktwert. Gebrauchswerte und der stoffliche Verlust von Ressourcen sowie dessen ökologische Konsequenzen haben im Denken Colliers keinen Platz. Er ist unbekümmert, denn: »Im 19.Jahrhundert war die britische Regierung besorgt, ihr könnten die hohen Bäume für Schiffsmasten ausgehen. Was passierte, war natürlich, daß Schiffe irgendwann keine Masten mehr brauchten« (S. 110). Demagogie oder Einfalt? Das Land, das heute keine Schiffsmasten mehr braucht, hat einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch an Papier von über 200 Kilogramm pro Jahr und würde mit den acht Prozent Wald, die ihm noch verblieben sind, gerade mal die Hälfte dieses Bedarfs decken können, wenn man den Wald komplett dafür nutzen würde.</p><p>In diesem Stil geht es weiter: Collier schlägt »eine gegenseitige Deeskalation der Dummheit« vor. »Im Austausch gegen Europas Aufhebung des selbstzerstörerischen Verbots von gentechnisch veränderten Lebensmitteln könnte Amerika seine selbstzerstörerischen Subventionen für Biokraftstoffe aufheben.« (S. 213) Der Autor vermittelt so den Eindruck, Agrotreibstoffe seien in Europa kein Thema. Der EU droht also die Selbstzerstörung durch das – längst aufgeweichte – Gentechnikverbot von 1996. Schuld daran ist in Colliers Kosmos Prinz Charles, der Anführer der Biobauern der Welt. Diese massive Verzerrung – umfassende wissenschaftliche Argumente gegen Agrogentechnik und beispielsweise »La Via Campesina«, die globale politische Bewegung der Kleinbauern, unerwähnt zu lassen und ihre Vertreter damit stillschweigend in einen Topf mit aristokratischen Umweltromantikern zu stecken – ist einer der besonders ärgerlichen Aspekte des Buches. Als würden der 2008 von 400 Experten veröffentlichte Weltagrarbericht und die wichtigen Publikationen renommierter Agrarökologen nicht existieren.</p><p>Das ganze Kapitel ist ein Skandal: Proteste gegen Hunger bilden die »klassische politische Basis für Demagogie«; in Brüssel wütet eine »Agrarlobby«, womit Collier allerdings Greenpeace und ähnliche Organisationen meint. Seine Behauptung, die europäische Getreideproduktion sei wegen des Gentechnikverbots ab 1996 um jährlich ein bis zwei Prozent gesunken, läßt sich mit offiziellen Statistiken widerlegen. Afrikas Kleinbauern vergleicht der Ökonom mit Straßenhändlern, »die man dort an jeder Ecke trifft« und die er durch die Errichtung von Supermärkten verschwinden lassen will. Wohin, verrät er nicht. Auch die Kleinbauern scheinen sich einfach in Luft aufzulösen, wenn Afrikas Landwirtschaft eines Tages durchmechanisiert ist, denn sie werden nicht weiter erwähnt.</p><p>Das Bedenklichste an diesem fadenscheinigen Plädoyer für eine nicht nachhaltige, neoliberale Scheinlösung großer Weltprobleme ist, daß sich – betrachtet man die Verkaufszahlen und die Rezeption des Buches in Medien wie Deutschlandfunk und Welt – kaum jemand daran zu stören scheint.</p><p>Paul Collier: Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern. Aus dem Englischen von Martin Richter, Siedler Verlag, München 2011, 272 S., 22,99 Euro</p><p>Rezension erschienen in:<br /> junge Welt, Beilage &#8220;land &#038; wirtschaft&#8221; vom 03.08.2011</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Das Recht auf Vielfalt &#8211; Der Kampf um krisensicheres Saatgut</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/#comments</comments> <pubDate>Fri, 15 Oct 2010 09:40:39 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=460</guid> <description><![CDATA[Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der ­internationalen Saatgutindustrie. Teil II (und Schluß): Der Kampf um krisensicheres Saatgut Von Anne Schweigler und Peter Clausing Den im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandenen Saatgutkonzernen gelang es Schritt für Schritt, ihre Monopolmacht zu etablieren und juristisch abzusichern – ein bis heute andauernder Prozeß. Das betrifft sowohl die [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der ­internationalen Saatgutindustrie. Teil II (und Schluß): Der Kampf um krisensicheres Saatgut</p><p><em>Von Anne Schweigler und Peter Clausing</em></p><p>Den im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandenen Saatgutkonzernen gelang es Schritt für Schritt, ihre Monopolmacht zu etablieren und juristisch abzusichern – ein bis heute andauernder Prozeß. Das betrifft sowohl die Bemühungen, die bestehende monopolfreundliche Gesetzgebung auszuweiten als auch die Verdrängung alter Kulturpflanzen, Landsorten genannt, in jenen Teilen der Erde, wo industrielle Landwirtschaft und das dazugehörige Saatgut noch nicht durchgesetzt worden sind. Die Länder des Südens haben aus Sicht der Konzerne in beiden Punkten den größten »Nachholbedarf« und sind demzufolge besonders verletzlich.</p><p>Doch diese Entwicklung ist weder alternativlos, noch bleibt sie unwidersprochen. Der 2008 veröffentlichte, von zahlreichen Regierungen gebilligte Weltagrarbericht belegt nicht nur, daß die Welternährung anders als auf industrielle Weise gesichert werden kann, sondern mehr noch: Es wird darauf hingewiesen, daß dieser alternative Weg der einzig gangbare ist, denn das bisherige System »ist nicht geeignet, um einen Übergang zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen«.1 Zum anderen regt sich Widerstand gegen die Macht der Konzerne, und der agiert zunehmend global und koordiniert.</p><p>Noch gewinnen weltweit zirka 70 Prozent der Bäuerinnen und Bauern ihr Saatgut aus der eigenen Ernte bzw. tauschen es untereinander. Wenn es der Industrie gelingen sollte, auch nur einen Teil dieses Potentials für sich nutzbar zu machen, würde dies eine enorme Markterweiterung bedeuten – sowohl für den Absatz des kommerziellen Saatguts selbst als auch für die dazugehörigen Agrochemikalien. Die Methoden zur Erreichung dieses Zieles sind unterschiedlich und reichen von unverhohlenen Eingriffen in die Gesetzgebung militärisch besetzter Länder bis zu Transformationsversuchen in Form von »Entwicklungshilfe«.</p><p><strong>Agroimperialismus</strong></p><p>Eine der medial am stärksten beachteten Maßnahmen war vermutlich der »Erlaß 81«2, den der US-amerikanische »Zivil«verwalter Paul Bremer im Juni 2004, kurz bevor er den Irak verließ, dekretierte. Dieser Erlaß, der das irakische Patentgesetz aus dem Jahr 1970 ablösen sollte, regelt auch den Umgang mit Saatgut. Zusammen mit »Focus on the Global South« alarmierte im Oktober 2004 die Nichtregierungsorganisation GRAIN die Weltöffentlichkeit, weil damit das uralte System der Wiederaussaat eines Teils der Ernte im Irak faktisch über Nacht verboten wurde. Nach Darstellung der US-Besatzer ein notwendiger Schritt, um die Versorgung des Landes mit hochwertigem Getreide zu sichern. Nicht einmal das im ersten Teil dieses Beitrags erwähnte Nachbaurecht blieb den irakischen Bauern erhalten. Das Dekret verbietet unter Strafandrohung jegliche Wiederaussaat von »geschützten« Sorten und überträgt die Rechte auf Produktion, Reproduktion und Handel den Saatgutkonzernen. Gleichzeitig wurde mit dem Erlaß die Ausbringung gentechnisch manipulierter (GM) Sorten ermöglicht. Allerdings wird nach Einschätzung von Joachim Guilliard, Koordinator der deutschen Irak-Tribunal-Initiative, dieser Erlaß in der Praxis nicht angewendet – zu groß wäre wohl die Empörung in der Bevölkerung. Doch wie alle Bremer-Dekrete, die nicht explizit im nachhinein vom irakischen Parlament außer Kraft gesetzt wurden, gilt der Erlaß 81 noch heute, verbunden mit der latenten Gefahr seiner Durchsetzung zu einem späteren Zeitpunkt.</p><p>Kaum überraschend wurde auch in Afghanistan – im Jahr 2006 – ein neues Gesetz mit monopolfreundlichem Inhalt vorgelegt3. Paragraph 10 schreibt die Schaffung einer Agentur für Saatgutzertifizierung vor, Paragraph 11 die Etablierung eines zentralen Labors zur Saatguttestung. Paragraph 16 ermächtigt die Mitarbeiter dieser Agentur, zu jeder Zeit und an jedem Ort Proben zu entnehmen, wenn der Verdacht auf einen Verstoß gegen das Saatgutgesetz vorliegt. Zumindest auf dem Papier können sich die Besitzer von Saatgutlizenzen in Afghanistan sicher fühlen. Wenn jemand die Absicht hat, GM-Saatgut nach Afghanistan einzuführen, ist laut Saatgutgesetz das Landwirtschaftsministerium zu informieren– von einer Genehmigungspflicht ist in dem Papier keine Rede.</p><p>Ein weiteres Land, in dem in den letzten Jahren die entsprechende Gesetzgebung verschärft wurde, ist die Türkei, wo im Oktober 2006 die alte, aus dem Jahr 1963 stammende Regelung durch eine neue ersetzt wurde. Dieses neue Gesetz Nr.5553 paßte die türkischen Verhältnisse an die europäische Saatgutgesetzgebung an und verlangt seitdem für Sorten, die gehandelt werden sollen, eine obligatorische Registrierung und Zertifizierung, verbunden mit dem auch in der EU bislang noch gültigen Landwirteprivileg Tausch und Produktion für den Eigenbedarf (siehe Teil1). Die Novellierung der türkischen Saatgutgesetzgebung ist offensichtlich ein Element des Strebens nach der EU-Mitgliedschaft.4</p><p>Ein beliebter »Türöffner« für die Konzerne ist die Nahrungsmittelhilfe in Ländern, die von Hunger (und Unruhen) bedroht sind. Insbesondere das weitgehend von den Vereinigten Staaten kontrollierte Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und die offizielle Entwicklungshilfe der USA (USAID) sind daran beteiligt, Hybrid- und zunehmend auch GM-Sorten in die betroffenen Länder einzuführen. Auch die Konzerne unterstützten »großzügig« diese Hilfe: Weil nach dem verheerenden Erdbeben Anfang dieses Jahres, die haitianischen Bäuerinnen und Bauern ihren eigentlich für die Wiederaussaat aufbewahrten Mais als Lebensmittel verteilten, fehlte dieser später bei der Bestellung der Felder. In einer am 13. Mai 2010 veröffentlichten Pressemitteilung verkündete Agrarmulti Monsanto eine »großzügige Spende« von Hybridsaatgut (Mais und Gemüse) an die haitianische Regierung. Sechzig Tonnen davon wurden sofort geschickt, die Lieferung weiterer 415 Tonnen in Aussicht gestellt. Die Bereitstellung der für den Anbau notwendigen Agrochemikalien – ein Teil vermutlich bei Monsanto gekauft – übernahm USAID (im Rahmen seines Haiti-spezifischen Programms WINNER). Und der Transport der »milden Gabe« von Monsanto in die ländlichen Gegenden Haitis erfolgt– ebenfalls als »Spende«– durch den transnationalen Logistik-Konzern Kuehne + Nagel, mit Hauptquartier im Schweizer Kanton Schwyz. Zeitgleich zur Pressemitteilung wurde auf www.monsantoblog.com behauptet, daß Hybridsorten vor dreißig Jahren auf Haiti schon einmal verbreitet waren. Monsanto witterte offenbar die Chance zu einem Comeback. Allein, die haitianischen Bauern waren, wie weiter unten zu lesen ist, nicht recht glücklich über solcherart Großzügigkeit.</p><p><strong>Kampf um Afrikas Märkte</strong></p><p>Die erste »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre hatte Afrika nicht erreicht. So bietet sich dem Agrobusineß heute fast ein ganzer Kontinent mit neuen Märkten. Deren »Erschließung« nahm konkrete Formen an, als im Jahr 2005 die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gemeinsam mit der Rockefeller-Stiftung ankündigte, Millionen afrikanischen Kleinbauern dabei helfen zu wollen, sich aus Armut und Hunger zu erheben. Es entstand die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« (AGRA), der sich 2008 die Weltbank anschloß. Das erklärte Ziel der Allianz ist es, die Kleinbauern Afrikas mit Hochertragssorten und den dazugehörigen chemischen Inputs zu versorgen, um die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in die »Wertschöpfungskette« zu integrieren. Die AGRA versucht, die Öffentlichkeit bezüglich ihrer Pläne für den Anbau von GM-Pflanzen zu beruhigen – z.T. auch zu täuschen. Aber Preisverleihungen an erklärte Gentechnikbefürworter legen beredtes Zeugnis von den wahren Absichten dieses »philanthropischen« Projekts ab. Vorgehen und Strategie der Protagonisten dieser »zweiten Grünen Revolution« unterscheiden sich kaum von denen der ersten.</p><p>In Übereinstimmung mit dem Wertschöpfungsketten-Diskurs ist ein Programm zur Ausbildung von Agrarhändlern wesentlicher Bestandteil des Vorhabens der AGRA. Das Programm bietet Training, Kapital und Kredite für die Gründung und Stärkung von 10000 kleinen Agrarhändlern, die gut vernetzt werden sollen mit Grossisten, Saatgutfirmen und Marktinformationsberatern. Die Folge: Industrielles Saatgut verdrängt das bäuerliche, und die Bauern geraten in die komplette Abhängigkeit einer von Agrarkonzernen kontrollierten kapitalintensiven Landwirtschaft.</p><p><strong>Vernetzter Widerstand</strong></p><p>Zum Glück verlaufen derartige Entwicklungen nicht so reibungslos, wie es sich das Agrobusineß wünscht. Die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds im Rahmen der »Strukturanpassungsprogramme« der 1980er Jahre erzwungene »Verschlankung« der Agrarpolitik in vielen Ländern des Südens, hatte auch eine Schwächung der Abhängigkeiten der ländlichen Strukturen zur Folge, die damals in vielen Staaten des Südens verbreitet waren. Zuvor waren die Organisationen oftmals nicht unabhängig, sondern von den staatstragenden Parteien vereinnahmt. Dadurch entstanden neue Bauernorganisationen, die stärker autonom waren und mit radikaleren Forderungen auftraten. Im Laufe der 1990er Jahre erwuchs daraus ein ursprünglich lateinamerikanisches Netzwerk, »La Via Campesina« (deutsch: der bäuerliche Weg), das mittlerweile von vielen als die wichtigste transnationale soziale Bewegung überhaupt angesehen wird und inzwischen bäuerliche Basisbewegungen beider amerikanischer Kontinente, Süd- und Ostasiens, Europas und neuerdings auch von zwei Regionen Afrikas vereint. Derzeit hat »La Via Campesina« 148 Mitgliedsorganisationen in 69 Staaten und repräsentiert somit etwa 500 Millionen ländliche Familien weltweit.5 Anläßlich des 1996er Welternährungsgipfels brachte »La Via Campesina« das Konzept der Ernährungssouveränität in die öffentliche Debatte ein. Dieses beschränkt sich nicht auf die Forderung nach Verfügbarkeit einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln (»Ernährungssicherheit«), sondern schließt das Recht auf Selbstbestimmung und gesamtgesellschaftliche Transformationen ein, inklusive dem Recht auf Nahrungsmittelproduktion mit lokal angepaßtem, für alle verfügbarem Saatgut sowie Zugang zu Land. Vor knapp einem Jahr wurde an dieser Stelle im Detail beschrieben, daß und warum kleinbäuerliche Betriebe – gemessen am Gesamtertrag und unter Berücksichtigung der Energiebilanz – die deutlich effizientere Form der Landwirtschaft sind (»Reale Alternativen«, jW-Thema vom 18.11.2009).</p><p>Oft sind es Mitgliedsorganisationen von »La Via Campesina«, die an den Brennpunkten des Geschehens sicht- und hörbar sind. So auch in Haiti, als am 4.Juni 2010 zehntausend Bäuerinnen und Bauern gegen das »tödliche« Geschenk von Monsanto, den Hybridsamen (siehe oben) demonstrierten. Zu den Kundgebungen hatten ländliche soziale Bewegungen mobilisiert, einschließlich der »La Via Campesina«-Mitgliedsorganisation Papaye Bauernbewegung (MPP). Bei den Protesten waren unter anderem Slogans zu hören wie »Lang lebe das einheimische Maissaatgut« und »Monsantos Genpflanzen und Hybridsaatgut schädigen die bäuerliche Landwirtschaft«. Die Protestierenden waren empört, daß die Regierung in Port-au-Prince versuchte, die Krisensituation nach dem Erdbeben zu nutzen, um das Land an transnationale Konzerne zu verkaufen und damit haitianische Bäuerinnen und Bauern in die Abhängigkeitsfalle von Hybridsamen und industrieller Landwirtschaft zu zwingen. Diese Proteste strafen das von den Mainstream-Medien gern kolportierte Bild eines im »dunklen Chaos« versunkenen Haiti Lügen.</p><p><strong>Konzernfreundliche EU-Richtlinie</strong></p><p>Ähnlich wie die Türkei über einen EU-Beitritt verhandelt, sind afrikanische Länder mit der EU im Gespräch über ein Freihandelsabkommen. Regelungen zu Eigentumsrechten und Handelsfragen bei Saatgut sind Teil der Gespräche. Doch mittlerweile gibt es in Afrika große Proteste gegen das geplante Abkommen6. Der Widerstand dürfte von der im Jahr 2007 in Nyeleni, Mali, durchgeführten Konferenz zur Ernährungssouveränität einen kräftigen Stimulus erhalten haben. An dem von »La Via Campesina« organisierten Treffen nahmen zahlreiche ländliche Organisationen aus Afrika teil.</p><p>Während in den Entwicklungsländern Zehntausende zu den Protestaktionen kommen, sind es in Europa bislang nur Hunderte. Zu sehr hat sich das Modell der industriellen Landwirtschaft durchgesetzt, und nur wenige Bauern und Saatguterhaltungsinitiativen in Deutschland haben bisher ein Problembewußtsein dafür entwickelt.</p><p>Genügend Anlaß zum Protest gäbe es. Wenn zum Beispiel die EU-Richtlinie vom Juni 2008 »Erhaltungsrichtlinie« genannt wird, sollte man meinen, daß diese zum Ziel haben müßte, die Erhaltung vom Aussterben bedrohter Nutzpflanzen zu erleichtern, um so dem weiteren Sortenverlust etwas entgegenzusetzen. Doch das erweist sich als Trugschluß. Durch eine Reihe von Vorgaben erschwert die Richtlinie den Anbau von Erhaltungssorten. Dazu zählen Registrierungspflicht und örtliche Begrenzung. Der Artikel 14 schützt die industriellen Sorten vor möglicher Konkurrenz durch bäuerliche oder freie Sorten (d.h. Sorten, deren Schutz erloschen ist) mittels einer mengenmäßigen Beschränkung. Im jeweiligen Land darf pro Erhaltungssorte höchstens ein halbes Prozent des insgesamt verwendeten Saatguts der betreffenden Pflanze in Verkehr gebracht werden. Theoretisch könnten aber immer noch ganz viele verschiedene Erhaltungssorten mit ihren jeweils 0,5 Prozent einen großen Marktanteil beanspruchen. Um das zu verhindern, hat die EU eine zusätzliche Beschränkung eingeführt: Alle diese Sorten, zum Beispiel von Weizen, dürfen in Summe nicht mehr als zehn Prozent des landesweiten Weizensaatguts ausmachen. Per Gesetz wird traditionelles bäuerliches Saatgut vorsorglich zur musealen Ausnahme definiert, das Saatgut der Konzerne dagegen bekommt einen garantierten Marktanteil von 90 Prozent.</p><p><strong>Ein Kompromiß</strong></p><p>Schon 2007 ließ sich erahnen, daß das ungeregelte Nischendasein von Erhaltungsinitiativen in Eu­ropa bald ein Ende haben sollte. Der französische Verein Kokopelli, der seit vielen Jahren anerkannte Arbeit auf diesem Gebiet leistet, war wegen Inverkehrbringens von illegalem Saatgut verklagt worden. Der Saatgut-Händler Baumaux hatte Kokopelli »unlauteren Wettbewerb« vorgeworfen, da viele der vom Verein vertriebenen Gemüsesorten nicht im französischen Sortenkatalog verzeichnet waren. Kokopelli habe sich durch die erzielte Kostenersparnis einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil erschlichen.</p><p>Im Januar 2008 verurteilte das oberste französische Gericht Kokopelli schließlich zu 12000Euro Schadensersatz an Baumaux und 17500Euro Strafe für das ungenehmigte Inverkehrbringen von Saatgut. Das Urteil rief frankreich- und europaweit große Proteste hervor, immerhin mit dem Ergebnis, daß es bis heute nicht vollstreckt wurde8.</p><p>Erste Schwierigkeiten mit der neuen Erhaltungsrichtlinie und der darin festgeschriebenen Beschränkung von Sorten auf ihre Ursprungsregion hatte die schweizerische Erhaltungsinitiative Pro Specie Rara. Die Schweiz ist zwar kein EU-Land, setzte die Richtlinie aber als erstes um. Als die Initiative Anfang 2009 vierzehn Kartoffelsorten in die Schweizer Erhaltungsliste eintragen lassen wollte, wurden fünf davon abgelehnt, was einem Verbot des Anbaus von und des Handels mit diesem Pflanzgut gleichkam. Die betroffenen Sorten (Corne de gatte, Vitelotte noire, Roosevelt, Highland Burgandy Red und Patates Verrayes) hätten keine starke regionale Bindung an die Schweiz, war die Begründung der zuständigen Behörde. Pro Specie Rara befürchtete, daß die Ablehnung der fünf Kartoffelsorten nur die Spitze des Eisberges sei, startete die Protestkampagne »Vielfalt für alle« und hatte Erfolg. Sie konnte der Schweizer Regierung einen Kompromiß abringen, indem »Nischensorten« und »Amateurbereich« unterschieden und unterschiedlich behandelt werden9.</p><p><strong>Die Saatgutkampagne</strong></p><p>Um auf die zentrale Bedeutung von Saatgut und die Zusammenhänge zwischen geistigen Eigentumsrechten an Sorten, den Restriktionen im Interesse der Konzerne und den durch die industriemäßige Landwirtschaft hervorgerufenen globalen Problemen aufmerksam zu machen, haben sich mehrere europäische Saatgut- und Erhaltungsinitiativen zu einer Saatgutkampagne entschlossen, in deren Rahmen Unterschriften für entsprechende Forderungen gesammelt werden (siehe www.saatgutkampagne.org). Die Kampagne fordert:</p><p>– das Recht, Saatgut aus eigener Ernte gewinnen, nachbauen und weitergeben zu können;</p><p>– die regionale Sortenvielfalt durch Unterstützung von Erhaltungsinitiativen und Züchtern traditioneller bäuerlicher Sorten zu fördern;</p><p>– Gentechnik in der Landwirtschaft zu verbieten;</p><p>– keine Patente auf Pflanzen zuzulassen;</p><p>– ein neues Saatgutzulassungsverfahren zu etablieren, das gentechnisch manipulierte Pflanzen und chemieintensive Sorten ausschließt;</p><p>– Maßnahmen einzuleiten, die den hohen Energie­verbrauch in der Landwirtschaft verringern, der durch Einsatz von Industriesorten entsteht, die ohne Kunstdünger und Pestizide nicht auskommen, sowie durch Monokulturen und damit verbundene weite Transporte.</p><p>Die Kampagne will dabei an bestehende Aktivitäten und Modelle anknüpfen. In Teilen Frankreichs und Großbritanniens sind Saatguttauschbörsen inzwischen zur sozialen Alltagspraxis geworden – die »Seedy Sundays« in England sind ein Beispiel. Dabei scheren sich die Menschen in ihrer Praxis nicht darum, ob der pflanzliche Samen »legal« oder »illegal« ist. Wichtig ist ihnen lokal angepaßtes, fruchtbares, nachbaubares Saatgut, das nicht von erdölbasierten Inputs (synthetischer Dünger, Pestizide) abhängig ist. Somit wird über Tauschbörsen »krisensicheres« Saatgut unter die Leute gebracht und gleichzeitig auf dessen Bedeutung und die sozialen und klimatischen Zusammenhänge aufmerksam gemacht.</p><p><strong>Systemwandel nötig</strong></p><p>Auch in Deutschland wächst seit einiger Zeit das Interesse an »urbanen Gärten«, Gemeinschaftsgärten, Transition-Town-Gruppen und Stadt-Land-Projekten, die über die klassischen Schrebergärten hinausgehen. Tausch von Saatgut, gemeinsames Gärtnern und das Kümmern um lokale Nahrungsmittelproduktion sind Schritte im Sinne des Konzepts von »La Via Campesina« zur Ernährungssouveränität.</p><p>Mit dieser Praxis könnte auch in unseren Breiten etwas wiederbelebt werden, »das nicht Ergebnis und Bestandteil formaler Wissenschaft ist und heute etwas hilflos oder auch herablassend als ›traditionelles‹ bzw. ›lokales‹ Wissen bezeichnet (wird). Dieses praktische Wissen ist das wichtigste Handwerkszeug von Land- und Forstwirten, Hirten, Fischern, Heilern und Indigenen, aber auch von Hausfrauen, Gärtnern und Handwerkern in aller Welt. Es ist historisch gewachsen und erfaßt auf eigene Art häufig komplexe Zusammenhänge, die monokausal denkende Naturwissenschaftler bis heute überfordern können«9. Hier geht es um etwas, das beim üblichen Gang in den Supermarkt kaum ins Bewußtsein vordringt– das »Ende des industriellen Produktivismus, (der) die verfügbaren natürlichen Ressourcen unseres Planeten in unvertretbarem, weil nicht nachhaltigem Maße aus (beutet). Seine Grundstrategie, mit Großtechnik und Agrarchemie den Einsatz menschlicher Arbeit durch fossile Energie zu ersetzen, erweist sich in Zeiten des Klimawandels und schwindender Ölreserven als Sackgasse.« Diese Sichtweise rüttelt allerdings – ohne es direkt auszusprechen – an den Grundfesten des herrschenden Systems, denn die scheinbare Effizienz der kapitalistischen Marktwirtschaft beruht seit über einem Jahrhundert auf nichts anderem als der fortschreitenden Substitution menschlicher Arbeitskraft durch fossile Energie. Eine Abkehr von diesem »Automatismus« ist nur mit einem grundsätzlichen Systemwandel und »krisensicherem Saatgut« möglich.</p><p>1 IAASTD (2009): Synthesis Report. A Synthesis of the Global and Sub-Global IAASTD Reports</p><p>2 Order 81 on »Patent, Industrial Design, Undisclosed Information, Integrated Circuits and Plant Variety«, dt.: Erlaß 81 über Patente, Industriedesign, Geheiminformationen, integrierte Schaltungen und Pflanzenvielfalt</p><p>3 Seed Law. Islamic Republic of Afghanistan (Final Draft), Kabul, August 2006</p><p>4 GRAIN: Turkey’s new seed law. Seedling, April 2007</p><p>5 Martínez-Torres, M.E. und P. M. Rosset (2010): Journal of Peasant Studies 37: S. 149–175. In Deutschland ist die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL, <a href="http://www.abl-ev.de">www.abl-ev.de</a>) Mitglied von »La Via Campesina«</p><p>6 Evangelischer Entwicklungsdienst: Die Enthüllung der Grünen Revolution für Afrika. Motive, Akteure und Kräftespiel, Bonn, Juni 2008</p><p>7 <a href="http://www.kokopelli-blog.org">www.kokopelli-blog.org</a></p><p>8 Mehr Informationen und eine Unterschriftenliste zum Protestieren gegen die Verschärfung der Schweizer Saatgutverordnung findet sich unter: <a href="http://www.vielfalt-fuer-alle.ch">www.vielfalt-fuer-alle.ch</a></p><p>9 Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse des Welt­agrarberichts und seine Botschaften für eine Landwirtschaft von morgen, AbL-Verlag 2009</p><p>Anne Schweigler ist Ethnologin, Mitglied der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie und der Saatgutkampagne. Peter Clausing, ebenfalls Mitglied der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie, veröffentlichte unter dem Pseudonym Klaus Pedersen »Naturschutz und Profit« (Unrast Verlag, Münster 2008)</p><p>Erschienen in: <a href="http://www.jungewelt.de/2010/10-15/016.php">Junge Welt vom 15.10.2010</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Reale Alternativen</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/11/18/reale-alternativen/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/11/18/reale-alternativen/#comments</comments> <pubDate>Wed, 18 Nov 2009 12:00:35 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Betriebsgröße]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Ertragspotential]]></category> <category><![CDATA[IAASTD]]></category> <category><![CDATA[Produktivität]]></category> <category><![CDATA[Stickstoff]]></category> <category><![CDATA[Weltagrarbericht]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=211</guid> <description><![CDATA[Erschienen in &#8220;junge Welt&#8221; vom 18.11.2009 Peter Clausing Hintergrund. Wider das agroindustrielle Doping – eine andere Landwirtschaft ist möglich. Überlegungen anläßlich des diesjährigen Welternährungsgipfels Noch bis zum heutigen Mittwoch findet in Rom der Welternährungsgipfel statt. Der nach 1996 und 2002 dritte Gipfel weist in mehrfacher Hinsicht Besonderheiten auf. Nie zuvor waren Machtkonzentration und Verflechtung von [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Erschienen in &#8220;junge Welt&#8221; vom 18.11.2009<br /> <em>Peter Clausing</em></p><p><i>Hintergrund. Wider das agroindustrielle Doping – eine andere Landwirtschaft ist möglich. Überlegungen anläßlich des diesjährigen Welternährungsgipfels</i></p><p>Noch bis zum heutigen Mittwoch findet in Rom der Welternährungsgipfel statt. Der nach 1996 und 2002 dritte Gipfel weist in mehrfacher Hinsicht Besonderheiten auf. Nie zuvor waren Machtkonzentration und Verflechtung von Agrar- und Biotechnologiekonzernen, lebensmittelverarbeitender Industrie und Handelsketten so groß. Doch auch die Sackgasse, in die diese Entwicklung führt, war noch nie so deutlich erkennbar. So wächst vor dem Hintergrund der globalen kapitalistischen Krise und einer steigenden Zahl hungernder Menschen die Notwendigkeit, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Internationale Bewegungen wie Via Campesina, die solche Alternativen einfordern und praktizieren, finden zunehmend Gehör. Nationale Initiativen wie die brasilianische Bewegung der Landlosen (MST in portugiesischer Abkürzung) sind auf der Basis jahrelanger Kampferfahrung fest etabliert und können beachtliche Erfolge vorweisen.<sup>1</sup> <span id="more-211"></span>Seit 2008 gibt es mit dem Weltagrarbericht erstmalig ein umfassendes Dokument, das von einer institutionell-wissenschaftlichen Position aus eine radikale Wende in der globalen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik fordert.<sup>2</sup> Sein Kernstück, der »Globale Bericht«, ein von über 400 Wissenschaftlern erarbeitetes, 600seitiges Dokument, wurde von 61 Regierungen unterschrieben (inklusive sieben EU-Staaten, unter Vorbehalt auch von Australien, Kanada und USA, nicht aber von Deutschland). Hinzu kommen ausführliche Teilberichte, die sich mit den regionalen Problemen der Welt befassen, die zu diesem Zweck in fünf Wirtschaftsregionen unterteilt wurde. Der Weltagrarbericht stellt somit einen wichtigen Bezugspunkt in der Diskussion über die Perspektiven von Landwirtschaft und Welternährung dar oder ist, wie es Uwe Hoering auf seinem Blog <a href="http://www.globe-spotting.de" target="_blank">www.globe-spotting.de</a> ausdrückt, zu einer »Art Bibel für die Kritiker der globalen Agrarindustrie« geworden. Am 9. Oktober 2009 wurde die deutsche Übersetzung der umfangreichen Zusammenfassung des Berichts der Öffentlichkeit präsentiert.<sup>3</sup></p><p><b>Kein »Weiter so!«</b></p><p>Trotz dieser ermutigenden Entwicklung sollte man sich keinen Illusionen hingeben – auf dem Welternährungsgipfel wird man die Stimmen der vom 13. bis 17. November ebenfalls in Rom stattfindenden Alternativkonferenz, dem People’s Food Sovereignty Forum, voraussichtlich ignorieren und ein »Weiter so!« als Rezept zur vermeintlichen Lösung der Welternährungskrise beschließen. Also genau das, wovon der Weltagrarbericht dringend abrät. Hinter dem »Weiter so!« verbirgt sich in erster Linie die Fortsetzung einer auf Agrochemikalien basierenden Steigerung der Hektarerträge von Monokulturen, anstatt auf eine umfassende Unterstützung kleinbäuerlicher Betriebe in den Ländern des Südens umzuschwenken, um so eine ökologisch und sozial verträgliche Produktionssteigerung zu erreichen, die den Begriff »nachhaltig« tatsächlich verdienen würde. Dabei ist die Zeit für eine solche radikale Agrarwende nicht nur reif, sondern auch knapp. Mehrfach ist im Weltagrarbericht davon die Rede, daß wir uns an einer »Weggabelung der Geschichte« befinden und daß die jetzt zu treffenden Entscheidungen bestimmen werden, »auf welche Weise wir unsere Erde erhalten und unsere Zukunft sichern« – oder eben auch nicht. Eine umfassende Förderung und verbindliche Umsetzung eines alternativen Weges, der in Wirklichkeit eine Vielzahl miteinander verflochtener Wege darstellt, würde zu einer raschen Verbreitung von Erprobtem und Bewährtem beitragen und darüber hinaus zahlreiche neue Möglichkeiten erschließen, die teils kurzfristig erreichbar und teils langfristig zu erarbeiten wären. Es geht also darum, daß »ökologische Nachhaltigkeit maximiert und bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich so stark gemacht werden, daß sie in vorderster Linie die Armutsverringerung vorantreiben können«. (Weltagrarbericht)</p><p>Im vorliegenden Beitrag geht es um die inhaltliche Skizzierung solcher Alternativen. Ihre gegenwärtige politische Durchsetzbarkeit bleibt dahingestellt. Es ist aber wichtig, diese Alternativen zu kennen, denn auch im linken Spektrum wird »Fortschritt« im landwirtschaftlichen Bereich gelegentlich mit der Ausweitung und »Verfeinerung« agroindustrieller Produktionsmethoden gleichgesetzt. Von dieser Seite werden kleinbäuerliche Betriebe in den Ländern des Südens als überlebte Wirtschaftsform und somit als Ursache der Ernährungskrise eingestuft. Doch wie sollen ökologisch und sozial nachhaltige Alternativen gegen Konzerninteressen durchgesetzt werden, wenn selbst in linken Kreisen an ihrer Validität gezweifelt wird?</p><p>Wenn Landwirtschaft und Welternährung am Scheideweg stehen und – wie im Weltagrarbericht formuliert – ein »Weiter so!« keine rationale Option mehr darstellt, dann betrifft das einerseits die Anerkennung der Grenzen, an die die derzeitige landwirtschaftliche Strategie stößt und andererseits das Durchbrechen dieser Grenzen, um auf der Basis neuer Handlungsoptionen der fortschreitenden Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten und einer deutlichen Linderung, wenn nicht Abschaffung von Armut und Hunger den Weg zu ebnen. Dabei trifft die bereits 1968 in einer Studie der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler getroffene Feststellung weiterhin zu, daß »ohne einschneidende wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Veränderungen alle wissenschaftlich-technischen Maßnahmen gegen den Hunger zum Scheitern verurteilt sind«. Charakteristisch für das herrschende Gesellschaftssystem ist allerdings, daß diese vor 40 Jahren gewonnene Erkenntnis bis heute keine praktische Umsetzung erfahren hat.</p><p><b>Folgen der Grünen Revolution</b></p><p>Lange Jahre haben sich die Agrarwissenschaften auf die Bereitstellung von Technologien zur Steigerung der betrieblichen Produktivität mit dem Ergebnis einer ständigen Senkung der Erzeugerpreise und Externalisierung der Kosten konzentriert, heißt es im Weltagrarbericht. Das Resultat dieser Preisdrückerei sind Erzeugerpreise bei Milch und Getreide, die selbst in Deutschland kaum noch für eine rentable Produktion ausreichen. Im Ergebnis der Externalisierung der Kosten trugen »Enklaven einer Intensivlandwirtschaft zu einer schleichenden Zerstörung von Böden und Wasser sowie zu Verunreinigungen, die den globalen Temperaturanstieg fördern, bei«. (Weltagrarbericht) Konkret sind 38 Prozent (zwei Milliarden Hektar) der weltweiten Kulturflächen von Bodendegradation betroffen, die Landwirtschaft verbraucht global 70 Prozent des knapp werdenden Süßwassers, zehn Prozent der weltweit bewässerten Flächen sind versalzt, und die Bodennährstoffe sind so erschöpft, daß daraus jährlich über eine Milliarde Tonnen Ernteverluste (etwa ein Sechstel der globalen Produktion) resultieren. Großflächige Monokulturen zerstören die biologische Vielfalt und beeinträchtigen laut Weltagrarbericht die Produktivität insbesondere von ökologisch sensiblen Landschaften in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Lateinamerika.</p><p><b>Produktivität: Biologischer Anbau</b></p><p>Eines der »Totschlag«-Argumente bei der Diskussion um eine Landwirtschaft ohne Pestizide und chemischen Dünger ist die Produktivität. Ohne genügend Stickstoff auf dem Acker, so die Protagonisten der Düngemittelindustrie, gäbe es keine ausreichenden Erträge, und ohne Pestizide ginge ein beträchtlicher Teil der Ernte bereits auf dem Acker verloren. Die Tatsache, daß die Düngemittelindustrie seit Jahren unter einer Überproduktionskrise leidet,<sup>4</sup> ist zwar ein Indiz dafür, daß die wahren Motive zum Beispiel für eine »Grüne Revolution in Afrika«, die von der Bill&#038;Melinda Gates Stiftung mitgesponsert wird, woanders liegen als im Bemühen um eine gesicherte Welternährung. Aber das ist kein sachliches Argument in der Diskussion um die Ertragssteigerung. Neben dem Einwand, daß aufgrund der geringeren Hektarerträge biologische Anbauverfahren ungeeignet seien, die wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren, geben die Verfechter einer chemiegestützten Landwirtschaft den vermeintlich höheren Flächenverbrauch des Ökolandbaus zu bedenken. Um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren, ergäbe sich bei den niedrigeren Hektarerträgen des biologischen Anbaus global ein wesentlich größerer Flächenbedarf, was die ökologischen Vorteile wieder zunichte machte.</p><p>In dieser Auseinandersetzung kann die Bedeutung einer 2007 erschienenen, viel zu wenig beachteten Veröffentlichung nicht überbewertet werden, mit der die Ertragsdiskussion dem Reich der Bekenntnisse und Vermutungen entrissen und in die Welt der Daten und Fakten transferiert wird.<sup>5</sup> Wenn der Weltagrarbericht aus gutem Grund fordert, auch künftig »unabhängige vergleichende Abschätzungen durchzuführen«, so repräsentiert die angesprochene Arbeit eine erste »Metaanalyse« in diesem Sinne: Badgley und Mitautoren zogen ihre Schlußfolgerungen aus insgesamt 293 vergleichenden Feldversuchen, davon 160 Vergleiche zwischen »high-input« und biologischen Methoden (Industrieländer) sowie 133 Vergleiche zwischen »low-intensity« und biologischem Anbau in den Ländern des Südens. Die Ergebnisse der meisten dieser Vergleiche sind in sogenannten peer-reviewed papers veröffentlicht, also in Fachzeitschriften, in denen über die Veröffentlichung eines Manuskripts mittels gutachterlicher Stellungnahmen von Experten entschieden wird. Die Versuchszeiträume der 293 Feldvergleiche reichten von einer einjährigen Beobachtungszeit bis zu 20jährigen Beobachtungsreihen, zahlreiche Direktvergleiche (Parzellen mit konventionellem und Biolandbau auf der gleichen Versuchsstation) bzw. Vorher-Nachher-Vergleiche eingeschlossen. Bei der Metaanalyse wurden bewußt keine Daten ausgeschlossen, obwohl der Übergang vom konventionellen zum Biolandbau erfahrungsgemäß mit anfänglichen Ertragseinbußen verbunden ist. Zugleich wurden unzulässige Generalisierungen, zum Beispiel durch Verwendung von Landesdurchschnittswerten, vermieden.</p><p>Im Ergebnis kommen die Autoren zu der Schlußfolgerung, daß es mit dem momentanen Ertragspotential des Biolandbaus möglich wäre, die derzeitige Weltbevölkerung zu ernähren. Bei entsprechenden Forschungsinvestitionen in biologische Anbaumethoden wäre es sicher möglich, eine noch größere Zahl von Menschen ausreichend zu ernähren. Bei dem Vergleich zwischen »high-input« und biologischen Methoden (Industrieländer) war der Biolandbau im Durchschnitt gegenüber allen Kulturen um neun Prozent unterlegen (bei Körnerfrüchten um sieben Prozent). In den Ländern des Südens hatten ökologische Anbaumethoden über alle Kulturen gerechnet dagegen 74 Prozent höhere Erträge (57 Prozent mehr bei Körnerfrüchten). Für die Hochrechnungen bezüglich der Aussagen zur Welternährung kombinierten die Autorinnen und Autoren die oben genannten Ergebnisse mit entsprechenden Statistiken der Welternährungsorganisation (FAO) und bezogen sich auf die zur Zeit existierende globale landwirtschaftliche Nutzfläche.</p><p>Perspektivisch würde bei dem rechnerischen Vergleich der Biolandbau aufgrund der einsetzenden Bodenmüdigkeit in Intensivanbaugebieten sogar noch besser abschneiden. Badgley et al. kalkulierten ferner, inwieweit durch Mischkulturtechniken mit Hülsenfrüchten, die bekanntlich Stickstoff im Boden fixieren, der globale Bedarf an Stickstoff gedeckt werden könnte. Sie kamen zu dem Ergebnis, daß deren Potential ausreichen könnte, um die derzeitige Weltproduktion an synthetischem Stickstoffdünger vollständig zu ersetzen – eine gute Nachricht für das Klima, zugleich eine schlechte Nachricht für die Düngemittelindustrie.</p><p><b>Große gegen kleine Betriebe</b></p><p>Neben der im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft vermeintlich geringeren Produktivität des Biolandbaus besteht der zweite Mythos in der gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, daß Großbetriebe produktiver seien als kleine Farmen. Dies trifft dann zu, wenn man die Situation aus zwei verzerrten Perspektiven betrachtet. Die erste Verzerrung ist die Verwechslung von Produktivität pro Arbeitskraft und flächenbezogener Gesamtproduktivität des Betriebes. Die zweite betrifft den Vergleich zwischen unterversorgten, marginalisierten kleinbäuerlichen Wirtschaften und Großbetrieben, die mit Agrochemie und Erdöl »gedopt« werden.</p><p>Bereits dem oft bemühten »gesunden Menschenverstand« wird klar, daß es keinen Sinn macht, in Regionen, die schon jetzt hohe zweistellige Arbeitslosenziffern aufweisen, durch eine mechanisierte Großflächenwirtschaft eine noch größere Zahl von Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Zugleich leuchtet ein, daß kleinbäuerliche Betriebe keine Chance haben, wenn sie, eingebunden in globale Wirtschaftskreisläufe, gezwungen werden, gegen mechanisierte, chemisierte Großbetriebe anzutreten, die ihre Kosten massiv externalisieren. Es bräuchte also internationalen politischen Willen, um den kleinbäuerlichen Betrieben ein lebensfähiges Umfeld zu bieten, in dem sie dem Sog der Weltmarkt»effizienz« trotzen können. Interessant ist deshalb die gut dokumentierte, aber selten beachtete Tatsache, daß Kleinbetriebe – bei anderweitig vergleichbaren Bedingungen – eine deutliche höhere flächenbezogene Gesamtproduktivität aufweisen als Großbetriebe. Eine ausgezeichnete Übersicht dazu wurde bereits vor zehn Jahren von Peter Rosset, damals Direktor des Institute for Food and Development Policy in Oakland, Kalifornien, präsentiert.<sup>6</sup> Dabei bezog er sich auf umfangreiche Untersuchungen, die in den 1980er Jahren in fünfzehn Ländern des Südens durchgeführt wurden und auf eine Analyse des US-Landwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 1992.</p><p>Für die fünfzehn Länder des globalen Südens schälten sich zwei Kurvenverläufe bezüglich des Zusammenhangs zwischen Produktivität und Betriebsgröße heraus. Der häufigere, besonders in Asien und Nordafrika beobachtete Kurvenverlauf vom Typ I wies eine mit steigender Betriebsgröße durchgängig abfallende Produktivität auf. Bei Typ II, der besonders in Peru, Mexiko und Bangladesch anzutreffen war, gab es bei bis zu einer bestimmten, aber immer noch kleinen Betriebsgröße einen steilen Produktivitätsanstieg, doch schon bei wenig größeren Betrieben einen ebenso steilen Produktivitätsabfall, der sich mit weiterer Betriebsgröße flacher, aber kontinuierlich fortsetzte. Bei der anderen Analyse, jener des US-Landwirtschaftsministeriums, hatten Betriebe mit einer Größe bis zu zehn Hektar eine über zehnfach höhere Produktivität (Dollar pro Hektar Betriebsgröße) als Großfarmen. Während dies größtenteils durch die Tendenz der Kleinbetriebe zum Anbau von Spezialkulturen erklärt wurde, reflektierte es zugleich eine größere Vielfalt in den Anbauformen und eine höhere Arbeitsintensität.</p><p>Die zweite Verzerrung – der Vergleich unterversorgter Kleinbetriebe mit »gedopten« Großbetrieben – ist schnell besprochen. Wenn man unter »Versorgung« nicht Kunstdünger, Pestizide und Großmaschinen versteht, sondern die Vermittlung ortsangepaßter landwirtschaftlicher Kenntnisse, öffentlich zugängliches, adaptiertes Saatgut (ggf. Resultat einer regionalen Züchtungsforschung), Fördermittel für die Umstellung auf biologischen Anbau und kluge, umweltschonende Bewässerungssysteme, dann wäre der flächenbezogene Gesamtertrag sicher auch bei den afrikanischen Kleinbetrieben größer als derjenige der Großfarmen.</p><p>Die Frage, welche der beiden »Produktivitäten« für die Ernährung von perspektivisch neun Milliarden Menschen bedeutsamer ist – eine auf neoliberalem Weltmarkt konkurrenzfähige Arbeitsproduktivität oder eine umweltverträgliche, flächenbezogene Gesamtproduktivität –, beantwortet sich von selbst.</p><p><b>Biodiversität und Landwirtschaft</b></p><p>Naturschutzorganisationen mahnen häufig an, daß durch die Landwirtschaft die biologische Vielfalt zerstört wird – eine für industriemäßige Produktionsformen berechtigte Sorge. Oftmals sind die daraus abgeleiteten Maßnahmen fragwürdig: Schutzgebiete, in denen »unberührte Natur« erhalten werden soll, ist ein Ansatz, der in der Vergangenheit regelmäßig zu Vertreibungen oder Zwangsumsiedlungen von Teilen der lokalen Bevölkerung führte.<sup>7</sup> Die Schaffung biodiversitätsreicher Habitatinseln in einem Meer von Monokulturen ist aber nicht nur sozial unakzeptabel, sondern auch ökologisch fragwürdig. Wenn eine Tier- oder Pflanzenart in einer der Habitatinseln ausstirbt, ist bei einer Umgebung aus Monokulturen oder anderweitig geschädigter Umwelt die Wiederbesiedlung schwer oder unmöglich. Als man in den 1990er Jahren die ökologische Zweifelhaftigkeit dieses Ansatzes erkannte, kam man auf die Idee, die Habitatinseln durch »grüne Korridore« zu verbinden, was weitere Beschränkungen für die Landbevölkerung zur Folge hatte.</p><p>Außerdem hat eine solche Politik des Ausschlusses erfahrungsgemäß zur Folge, daß eine lokale Verankerung des Schutzes der biologischen Vielfalt nicht gegeben ist, insbesondere nicht bei dem Teil der Bevölkerung, der sich den Vertreibungen und Umsiedlungen entzieht und – dann kriminalisiert – in der Region weiterlebt. Diese Menschen erleben die Maßnahmen des Biodiversitätsschutzes als etwas unmittelbar gegen sie Gerichtetes.</p><p>Insofern ist eine wissenschaftlich fundierte Alternative zu dem oben beschriebenen Ausschlußprinzip von großer Bedeutung. Die Grundaussage in dem kürzlich erschienenen Buch »Nature’s Matrix«<sup>8</sup> lautet: Landwirtschaftliche Produktion und der Schutz der biologischen Vielfalt lassen sich in Einklang bringen, allerdings mit Produk¬tionsformen, die konzeptionell den Empfehlungen des Weltagrarberichts entsprechen. Die Autoren, eine Arbeitsgruppe der Ökologieprofessorin Ivette Perfecto von der Universität Michigan, USA, forschen seit Jahren zur Vereinbarkeit von Landwirtschaft und Naturschutz und sehen dafür die stärksten Verbündeten in sozialen Bauernbewegungen wie MST und Via Campesina.</p><p><b>Multifunktionalität</b></p><p>Eine der wichtigsten Forderungen des Welt¬agrarberichts ist die Wiederherstellung der Multifunktionalität der Landwirtschaft: Diese stellt die Lebensmittel für Verbraucher bereit, bietet den Erzeugern Existenzgrundlage und Einkommen und bringt eine Vielzahl von Gütern für die Bürger und ihre Umwelt hervor, samt funktionierender Ökosysteme. Die Agrarwissenschaften haben sich in der Vergangenheit »auf institutioneller Ebene vor allem an einer verstärkten Spezialisierung der Massengüterproduktion ausgerichtet, aber so die Optimierung des Gesamtergebnisses dynamischer multifunktionaler Systeme, die biophysischen und sozioökonomischen Komponenten ausgeschlossen«. (Weltagrarbericht) Eine Aufgabe für die Zukunft besteht laut Welt¬agrarbericht darin, »den Mangel an Forschungen in den geographischen, sozialen, ökologischen, anthropologischen und anderen evolutionsbezogenen Wissenschaften, die sich mit vielfältigen agrikulturellen Ökosystemen befassen, zu überwinden«. Mit anderen Worten, eine andere Landwirtschaft ist möglich, und die Agrarwissenschaften tragen eine Mitverantwortung dafür, daß diese Möglichkeit zur Realität wird.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li> Pedersen, K., David gegen Goliath? land &#038; wirtschaft, Beilage der jW v. 5.8.2009</li><li>Im englischen Original wurde der Weltagrarbericht unter dem Titel International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) anläßlich einer zwischenstaatlichen Plenarsitzung in Johannesburg im April 2008 verabschiedet; er besteht aus einem globalen und fünf regionalen Berichten, die Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika abdecken, sich aber nicht an diesen Kontinenten, sondern an Wirtschaftsregionen orientieren <a href="http://www.agassessment.org" target="_blank">www.agassessment.org</a></li><li>Weltagrarbericht – Synthesebericht, hrsg. v. Stephan Albrecht u. Albert Engel, Hamburg 2009 (im Text: Welt¬agrarbericht), online unter: <a href="http://hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2009/94/pdf/HamburgUP_IAASTD_Synthesebericht.pdf" target="_blank">hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2009/94/pdf/HamburgUP_IAASTD_Synthesebericht.pdf</a></li><li>Hoering, U.: Agrarkolonialismus in Afrika, Hamburg 2007</li><li>Badgeley, C. et al., Organic agriculture and the global food supply. Renewable Agriculture and Food Systems, Bd. 22, S. 86–108, Cambridge 2007</li><li>Rosset, P., The multiple functions and benefits of small farm agriculture. Food First Policy Brief No. 4, 1999. <a href="http://www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf" target="_blank">www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf</a></li><li>Pedersen, K., Naturschutz und Profit, Münster 2008</li><li>Perfecto, I. et al., Nature’s Matrix, Linking Agriculture, Conservation and Food Sovereignty, London 2009</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><a href="http://www.jungewelt.de/2009/11-18/024.php" target="_blank">http://www.jungewelt.de/2009/11-18/024.php</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/11/18/reale-alternativen/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>David gegen Goliath?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/#comments</comments> <pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:00:06 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[IAASTD]]></category> <category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category> <category><![CDATA[Produktivität]]></category> <category><![CDATA[Via Campesina]]></category> <category><![CDATA[Weltagrarbericht]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=130</guid> <description><![CDATA[Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung</b></p><p>Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.</p><p>Doch das Thema Welternährung steht nicht nur aufgrund von Preisexplosionen und Hungerprotesten auf der Tagesordnung. Unterschiedliche Modellrechnungen prognostizieren bei einer globalen Zunahme der Durchschnittstemperatur von etwa drei Grad Celsius regionale Ernteeinbußen zwischen 20 und 50 Prozent, je nachdem, ob man die Ernteausfälle infolge von Überflutungen und Dürreperioden mit einrechnet oder den extrapolierten Verlust auf die Folgen von »Hitzestreß« begrenzt<sup>1</sup>. Dabei befindet sich eine angenommene Erwärmung um drei Grad nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC eher am unteren Ende der Skala des Erwarteten. Bislang spricht mehr dafür als dagegen, daß Mike Davis Recht behalten wird, der im Juni 2008 feststellte: »Wie das UNDP in seinem letztjährigen Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen – beides Größen mit geringem oder gar keinem politischen Gewicht. Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder und Klassen in eine aufgeklärte ›Solidarität‹.«<sup>2</sup></p><p>Darüber, daß die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist und daß hier massiver Handlungsbedarf besteht, besteht inzwischen allgemeiner Konsens. Das kommt in den Erklärungen der letzten G-8-Gipfel und in der Bildung einer speziellen Arbeitsgruppe beim Generalsekretär der Vereinten Nationen ebenso zum Ausdruck wie in Erklärungen kritischer Wissenschaftler, Basisinitiativen und Nichtregierungsorganisationen. Die zwei prinzipiellen Lösungswege, die zur Debatte stehen, um der sich abzeichnenden Zuspitzung der Situation zu begegnen, divergieren jedoch so stark, daß man sie als antagonistisch bezeichnen könnte. Eingedenk der herrschenden Kräfteverhältnisse entspricht es einer David-gegen-Goliath-Konstellation.</p><p>Der von den Mächtigen bevorzugte Ansatz beinhaltet die beschleunigte Ausweitung hochproduktiver Systeme, wobei die Worthülse »Nachhaltigkeit« in den Beschreibungen dieses von Welternährungsorganisation, Weltbank und anderen Institutionen unterstützten Konzepts nicht fehlen darf. In der Praxis sind mit »hochproduktiven Systemen« Hochleistungssorten gemeint, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann. Die Befürworter dieses Weges verweisen auf die Erträge in Modellversuchen. So erreichten die Maiserträge von Beispielbetrieben in Äthiopien, Malawi, Mali, Moçambique, Nigeria und Uganda das Drei- bis Fünffache des jeweiligen Landesdurchschnitts<sup>3</sup>. Solche Vergleiche suggerieren, daß diese Art zu produzieren der einzige Weg zu höheren Erträgen ist.</p><p><b>Ressourcenplünderung</b></p><p>Abgesehen von der Frage, ob hohe Ertragssteigerungen auch auf andere Weise erzielt werden können, läßt der Rückblick auf die »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre begründete Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Ansatzes zu. Wer den in diesem Jahr publizierten 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD), eines Gremiums von rund 400 Wissenschaftlern, aufmerksam liest, stößt an vielen Stellen auf Hinweise, die das belegen<sup>4</sup>. Die Grüne Revolution war laut IAASTD-Bericht die technologische Antwort auf gescheiterte, oftmals aber auch gewaltsam unterdrückte Agrarreformen. Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden<sup>5</sup> – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.</p><p>Doch die Verfechter dieses Modells fordern unverdrossen ein »Weiter so«. Darüber hinaus nutzen die Lobbyisten der Gentechnik die plötzliche Publizität des Themas Welternährung, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit genmanipulierte Pflanzen als ultimative Lösung des Problems feilzubieten. Stellvertretend sei Douglas Kell, der Leiter des britischen Forschungsrats für Biotechnologie und Biologische Wissenschaften (BBSRC), zitiert, der in einem BBC-Interview am 27.April 2009 eine »maßgebliche Entwicklung der Agrarwissenschaften« einforderte, um weiteren Hungerrevolten vorzubeugen. Da der BBSRC die Gentechnik als eine von drei Säulen der Ertragssteigerung betrachtet<sup>6</sup>, kann man sich ausrechnen, was Kell meint. Noch werden laut IAASTD auf 93 Prozent der globalen Ackerfläche konventionelle Sorten angebaut. Folglich läßt sich da viel »entwickeln«. So hat die britische Regierung beschlossen, die Versorgung »der Armen in der Welt« mit genmanipuliertem Saatgut mit 100 Millionen Pfund unterstützen zu wollen, wie der Guardian am 19. Juli berichtete – wobei ein großer Teil dieser Gelder an Forschungsinstitute geht, die etwa dürreresistenten Mais entwickeln, sowie an den Agrarkonzern Syngenta<sup>7</sup>. Daß sowohl im IAASTD-Bericht4 als auch in der jüngsten Publikation der »Union of Concerned Scientists«8 den Gentechnik-Sorten bescheinigt wird, im Vergleich zu konventionellen Sorten keine besseren Erträge zu bringen, scheint da wenig zu stören.</p><p><b>Effiziente Alternativen</b></p><p>Auch die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die in den letzten zehn bis 20 Jahren stark vernachlässigt wurde (siehe dazu auch Seite 7) – und die Förderung einer darauf ausgerichteten Agrarforschung. Das von ihnen verfolgte Konzept dürfte in dem von der internationalen Kleinbauernorganisation »Via Campensina« geprägten Begriff »Ernährungssouveränität« am prägnantesten zusammengefaßt sein. Kernstück ist die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf nachhaltige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevölkerung produzieren soll. Hierbei geht es nicht um die Revitalisierung überlebter Traditionen, sondern um Überlebensstrategien in einer rauhen neoliberalen Wirklichkeit. Wichtige Komponenten des Konzepts der Ernährungssouveränität sind Landreformen, die Stärkung der Rechte der Bauern und Landarbeiter, die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik, soziale Gerechtigkeit und der Schutz vor Billigimporten. Selbstversorgung sowie lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor einer Exportorientierung haben. Mehrere Länder, darunter Nepal, der Senegal und Venezuela, haben das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihren Verfassungen verankert.</p><p>Es gibt sowohl akademische als auch praktische Beweise für die Tragfähigkeit dieses Konzepts. Eine 2007 publizierte Meta-Analyse von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Anbausysteme dokumentierte, daß man problemlos die eine oder andere Arbeit herauspicken könnte, um entweder die konventionellen oder biologischen (einschließlich quasi-biologischen) Anbaumethoden als überlegen darzustellen<i>9</i>. Bei einer Gesamtbetrachtung aller Arbeiten zeichnet sich jedoch de facto kein Unterschied im Ertragspotential des einen oder des anderen Verfahrens ab – wohl aber in bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Autoren räumen ein, die tatsächlich erzielten Erträge des (quasi-)biologischen Anbaus in den Ländern des Südens vermutlich unterschätzt zu haben, weil die Vergleiche nur in bezug auf eine Fruchtart angestellt wurden. Der Output an Kalorien je Flächeneinheit ist jedoch aufgrund der anzutreffenden »Multicropping«-Systeme (Felder mit mehreren gleichzeitig angebauten Früchten) oftmals höher. Eine Forschergruppe um Peter Rosset, Direktor der US-Entwicklungshilfeorganisation »Food First« führte darüber hinaus einen Produktivitätsvergleich zwischen kleinen und großen Landwirtschaftsbetrieben in 15 Ländern des Südens durch. Wenngleich für eine einzelne Frucht die Hektarerträge in den Großbetrieben oftmals höher waren, war die Gesamtproduktivität pro Flächeneinheit bei den kleineren Betrieben um den Faktor zwei bis zehn größer<sup>10</sup>. Als Gründe für diesen Unterschied nennt Rosset das erwähnte Multicropping, eine höhere Arbeitsintensität pro Flächeneinheit und eine effektivere Bewässerung.</p><p><b>Von der Not zur Tugend</b></p><p><i>Zu den Erfolgsbeispielen der praktischen Anwendung des Konzepts der Ernährungssouveränität zählen das unfreiwillige »Großexperiment« Kuba und die Erfolge der brasilianischen Landlosenbewegung MST.</i></p><p>Nach dem Kollaps des sozialistischen Lagers brach für Kuba nicht nur der Absatzmarkt über Nacht weg, sondern auch die bislang von dort importierten Produktionsmittel wie Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, Maschinen und Ersatzteile fehlten plötzlich. Im Ergebnis schrumpfte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion von 1986 bis 1995 um jährlich fünf Prozent. Die erzwungene Neuorientierung machte Kuba zum ersten Land, das begann, biologischen Landbau in nationalem Maßstab zu betreiben – mit dem Erfolg, daß, nachdem diese Umstellung ihre Wirkung entfaltete, von 1996 bis 2005 die Pro-Kopf-Produktion wieder um jährlich 4,2 Prozent wuchs. In diesem Fall wirkte sich das US-Embargo ausnahmsweise begünstigend aus: Kuba war vor importierter Billigware weitgehend geschützt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das in Kuba gut etablierte Campesino-a-Campesino-System der Weitervermittlung von Erfahrungen<sup>11</sup>. Nahezu die Hälfte der unabhängigen Kleinbauern Kubas in rund 100000 Familienbetrieben erzeugen mit ihren agroökologischen Methoden pro Hektar mehr Nahrung als die industrialisierten Großbetriebe. Von den 25 Prozent der bebaubaren Fläche, die auf diese Weise genutzt wird, kommen 65 Prozent der nationalen Nahrungsmittelproduktion. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß die Zerstörungen der drei Hurricans, die Kuba 2008 getroffen haben, ihren Tribut gefordert haben: Momentan importiert Kuba nach inoffiziellen Angaben 55 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs – ein dramatisches Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Dessen ungeachtet haben die Kubaner sich vorgenommen, die Fläche ökologischen Anbaus auf 1,5 Millionen Hektar auszudehnen, was, effizient genutzt, genügen würde, um die Ernährungssouveränität des Landes herzustellen.</p><p>Im Zuge der vom brasilianischen MST praktizierten »umverteilenden« Landreform waren 2002 acht Millionen Hektar Land besetzt und von etwa einer Million Menschen in Besitz genommen worden. Die sozioökonomischen Kennziffern dieses rebellischen landwirtschaftlichen Experiments sind beeindruckend. Die Nutznießer der Landreform haben im Durchschnitt ein Einkommen, das dem 3,7fachen des nationalen Mindestlohns entspricht, während Landlose nur 70 Prozent des Mindestlohns erhalten<sup>11</sup>. Die Kindersterblichkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch halb so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Mit dieser Strategie werden nicht nur die vor Ort benötigten Nahrungsmittel produziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, deren Einrichtung in der Industrie nach Schätzungen zwei- bis 20mal teurer ist.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Battisti &#038; Naylor (2009): Science 323, S. 240-244; und Daten von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC</li><li>Davis, M. (2008): Willkommen im Anthropozän; <a href="http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php" target="_blank">www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php</a></li><li>FAO: The State of Food Insecurity in the World 2008. FAO, 2008</li><li>IAASTD: Global Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li>IAASTD: Synthesis Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li><a href="http://www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf" target="_blank">www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf</a></li><li><a href="http://www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding" target="_blank">www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding</a></li><li><a href="http://www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf" target="_blank">www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf</a></li><li>Badgley u.a. (2007): Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108</li><li><a href="http://www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf" target="_blank">www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf</a></li><li>Rosset, P. (2009): Monthly Review 61, Nr. 3, S. 114–128</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 05.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br /> URL: <a href="http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112" target="_blank">http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112</a> (Nur im Online-Abo)</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
<!-- Performance optimized by W3 Total Cache. Learn more: http://www.w3-edge.com/wordpress-plugins/

Minified using disk: basic
Page Caching using disk: enhanced
Database Caching 4/18 queries in 0.134 seconds using disk: basic
Object Caching 509/537 objects using disk: basic

Served from: www.welt-ernaehrung.de @ 2012-02-06 08:49:01 -->
