<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung &#187; Grüne Revolution</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/category/industrielle_landwirtschaft/gruene_revolution/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Wed, 11 Jan 2012 04:53:53 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Mexiko-Lateinamerika: Tödliche Pestizide</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/#comments</comments> <pubDate>Mon, 14 Nov 2011 08:53:57 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category> <category><![CDATA[Mexiko]]></category> <category><![CDATA[Pestizide]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=661</guid> <description><![CDATA[Mexiko-Lateinamerika: Tödliche Pestizide]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>von Alfredo Acedo*</p><p>(Quito, 14. Oktober 2011, alai).- Der grün und ockerfarben gemusterte Teppich des Valle del Yaqui ist zwar schön anzusehen, er verbirgt jedoch eine Tragödie, die sich in dieser Region abspielt. Unter dem kapitalistischen Landwirtschaftsmodell wurden hier über 50 Jahre intensiv Pflanzenschutzmittel eingesetzt, wodurch Wasser, Böden und Luft verschmutzt und die Region damit praktisch zerstört wurde. Doch nicht nur die Natur trägt die verheerenden Konsequenzen. Die unverantwortlichen Praktiken haben auch Menschenleben gefordert.</p><p><strong>Vergiftungssymptome nach der Feldarbeit</strong><br /> Das im Süden des nordöstlichen Bundesstaats Sonora gelegene Tal erstreckt sich über ein Gebiet von mehr als 225.000 Hektar und wird hauptsächlich schwerkraftbewässert. Dort werden vor allem Weizen (65 Prozent der mexikanischen Weizenproduktion), Mais, Wolle, Gemüse und Grünfutter angebaut. Ich bin in einem kleinen Dorf südlich der Stadt Obregón inmitten der Anbauflächen geboren und habe bis zur Pubertät dort gelebt. Oft sah ich meinen Vater mit Vergiftungssymptome von der Arbeit heimkehren. Er arbeitete mit verschiedenen Maschinen, wie zum Beispiel Traktoren, die Pestizide, Entlaubungsmittel und Dünger auf den Äckern verteilten. Er starb im Alter von nur 61 Jahren an einem Gehirntumor. Das bösartige Gliom hat sein Leben innerhalb von weniger als sechs Monaten ausgelöscht und wir als Familie konnten dem nur tatenlos zusehen.</p><p><strong>Unkenntnis bei LandarbeiterInnen</strong><br /> Die Unverantwortlichkeit der HerstellerInnen und VerkäuferInnen dieser Gifte ist ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss. Angesichts komplett fehlender Informationen unter den LandarbeiterInnen und der Bevölkerung, reicht ein simples Warnschild nicht aus, um die Menschen davor zu warnen, mit welchen Stoffen sie da in Berührung kommen. Die Gifte werden ohne jeglichen Schutz versprüht, die Behälter einfach auf den Feldern stehen gelassen. PilotInnen schütten das verschmutzte Wasser nach dem Auswaschen der Sprühtanks einfach auf den Boden, und dies selbst in bewohnten Gegenden.</p><p>Selbst Kinder verdingen sich für gerade einmal ein paar Pesos in den Anbaugebieten, sobald sie groß genug sind, um die Sprühtanks auf dem Rücken zu tragen, oder die nötige Kraft haben, um den Sprühflugzeugen mit einem Fähnchen den Weg zu weisen. In beiden Fällen sind sie stundenlang in eine Giftwolke gehüllt. Selbst wenn sie nicht sofort an Vergiftungserscheinungen leiden, zeigen sich die verheerenden Spätfolgen der Giftakkumulation nur wenig später. Der fürchterliche Gestank dieser Entlaubungsmittel bleibt auch mir wie eine makabre Nostalgie in Erinnerung.</p><p><strong>Gift in der Muttermilch</strong><br /> Es wird immer wieder gesagt, dass Muttermilch für ein Baby am besten ist. Das ist medizinisch sicher richtig, gilt jedoch nicht für Kinder, die im Valle del Yaqui aufwachsen. Seit mehr als 20 Jahren werden chlororganische Pestizide in der Muttermilch der Bewohnerinnen des Valle nachgewiesen. Laut einer Studie des Kommissariats der Gemeinde Cajeme aus dem Jahr 1990 wurden bei 85,71 Prozent der untersuchten Muttermilchproben im Dorf Yaqui ein bis drei Pestizide nachgewiesen. Dazu zählen Aldrin, HCH, (Lindan), DDT und pp-DDE mit einer durchschnittlichen Konzentration von jeweils 0,11, 0,17, 0,27 und 1,90 Teile einer Million (parts por million, ppm). Der Untersuchung zufolge liegen die Lindan-, DDT- und pp-DDE-Werte über den von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation erlassenen Grenzwerten.</p><p>Später durchgeführte Studien bestätigten diesen dramatischen Fund nicht nur, sondern ergänzten ihn um ein weiteres verheerendes Detail. Vor drei Jahren fand man im Rahmen einer anderen Studie an Bewohnerinnen von Pueblo Yaqui heraus, dass Schädlingsbekämpfungsmittel aus deren Plazenta auf das Neugeborene übertragen wurden. Im Blut, Fruchtwasser und in der Nabelschnur der Mütter fand man die Insektizide alfa-HCH, gamma-HCH (Lindan), HCB, Dieldrin, Endrin und DDE.<br /> Im Blut von drei Monate alten Säuglingen dieser Gemeinde waren die gleichen Insektizide enthalten. Ab einem Alter von sechs Monaten tauchten die Substanzen permanent auf, teilweise als Abbauprodukte, wobei die entsprechenden Lindan- und Dieldrin-Werte die von Personen überstiegen, die dem Gift nicht übermäßig ausgesetzt waren. Vor weniger als drei Jahren überschritten die Schwermetall-Werte in Wasserproben in den Gemeinden Bácum, Pueblo Yaqui und Quetchehueca die offiziell in Mexiko zugelassenen Grenzwerte. Im Abwasser der beiden zuletzt genannten Gemeinden wurden zudem chlororganische Pestizide wie Malathion und Methylparathion gefunden.</p><p><strong>300.000 Tote durch Vergiftungen mit Pflanzenschutzmitteln</strong><br /> Verschiedenen zuverlässigen Studien zufolge führt der dauerhafte Kontakt mit den Giftstoffen, bereits in geringen Dosen, zu schweren Gesundheitsschäden, wie Krebs, Erbgutveränderungen, kongenitalen Anomalien, Beeinträchtigungen des Nervensystems und Hormonstörungen.</p><p>Angesichts des öffentlichen Drucks haben einige Regierungs- und Bildungsinstitutionen erst vor kurzem begonnen, die Situation zu untersuchen und die Bevölkerung über die Gefahren aufzuklären – wenn auch ohne große Überzeugung. Zudem wurden spezielle Mülldeponien für die sichere Aufbewahrung der giftigen Behälter eingerichtet. Problematisch ist allerdings, dass trotz dieser Maßnahmen keine Sicherheit für LandarbeiterInnen, LandbewohnerInnen und KonsumentInnen der dort erzeugten Produkte gewährleistet ist.</p><p>Die versprühten Gifte verschmutzen unausweichlich Flüsse, das Grundwasser, die Küste, Luft, Boden und Lebensmittel. Sie werden von den Menschen über die Atemwege, die Nahrungsaufnahme oder durch direkten Kontakt aufgenommen. Jedes Jahr erleiden weltweit drei Millionen Menschen schwere Vergiftungserscheinungen durch Pflanzenschutzmittel, mindestens 300.000 Menschen sterben daran. 99 Prozent der Vergiftungsfälle ereignen sich in Entwicklungsländern.</p><p><strong>Nobelpreis für die grüne Revolution</strong><br /> Es erscheint absurd, dass trotz dieser ökologischen und menschlichen Tragödie ein Friedensnobelpreis vergeben wurde. Der Preisträger Norman Ernest Borlaug, ein US-amerikanischer Agrarforscher, gilt als Initiator der „Grünen Revolution“. Mit einer speziellen Technik entwickelte er Hochleistungsweizensorten und züchtete auf Testfeldern mitten im Valle Yaqui mit Unterstützung der mexikanischen Regierung (in Form des Centro de Investigaciones Agrícolas del Noroeste) den so genannten Mexiko-Weizen.</p><p>Das von Borlaug eingeführte Landwirtschaftsmodell wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts umgesetzt und hat seitdem die intensive Nutzung von Hybridsamen, chemischen Düngern, Insektiziden und den umfassenden Einsatz von Maschinen auf den Feldern etabliert. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg sicherte die Ausweitung des Agrobusiness jenen Industrien die Gewinne, die zuvor fürs Militär produziert hatten. Bomben wurden durch Stickstoffdünger, tödliche Gase durch Pestizide und Kriegsgeschütz durch Traktoren ersetzt.</p><p><strong>Monokulturen, Arbeitslosigkeit und Landflucht</strong><br /> Der verstärkte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird immer wieder mit der Bekämpfung von Hunger durch höhere Erträge gerechtfertigt. Doch nicht nur auf den Feldern werden die Gifte verwendet. Auch in der Industrie und in Privathaushalten kommen sie zum Einsatz und dienen selbst in Gesundheitseinrichtungen der Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria. Das Agrobusiness bringt verschiedene negative Folgen mit sich. Neben der Ausweitung von Monokulturen stärkt es die politische Macht der GroßproduzentInnen, Arbeitskräfte werden zunehmend ausgebeutet, die Landflucht erhöht sich und die Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten steigt.</p><p>Gleichzeitig beschert das Agrobusiness GroßgrundbesitzerInnen und Großkonzernen aus der Chemie-, Metall- und Biotechnologiebranche immer größere Gewinne. Die Regierung sowie wissenschaftliche und technische Institutionen haben das Agrobusiness von Anfang an unterstützt. Hinzu kam die Unterstützung in Form weltweiter Vorgaben, wonach Großkonzerne mit öffentlichen Geldern subventioniert werden sollten.</p><p><strong>Der „Agro-Titan“ Borlaug</strong><br /> Ist die Rede vom Mythos der so genannten „Agro-Titanen“ – angeblichen Vorreitern bei der Einführung von Bewässerung und Anbau im Valle del Yaqui – wird der Name Borlaug hervorgehoben. Der Nobelpreisträger ist mittlerweile zu einer Art Kultfigur unter den LandwirtInnen in der Region geworden; Straßen, Statuen und andere Gebäude sind ihm zu Ehren mit seinem Namen geschmückt.</p><p>Ich habe Borlaug vor einigen Jahren, kurz vor seinem Tod, gefragt, ob die Grüne Revolution tatsächlich den Hunger bekämpfen könne. Er räumte ein, dass wir bei der Steigerung der Einnahmen mithilfe seiner landwirtschaftlichen Methode an unsere Grenzen gelangt sind und dass wir das Problem nun mit politischen Entscheidungen lösen müssen. Das war Anfang der neunziger Jahre. Heute liegt es noch deutlicher auf der Hand, dass der Hunger nicht mit technischen Lösungen bekämpft werden kann. Es bedarf vielmehr einer radikalen Reform der Produktion, der Verteilung und des Konsums von Nahrungsmitteln. Hinsichtlich der Umweltschäden, die im Zuge seiner Grünen Revolution durch Pflanzenschutzmittel hervorgerufen werden, äußerte Borlaug keine großen Bedenken.</p><p><strong>Pestizidstudie im Valle de Yaqui</strong><br /> Mittlerweile gibt es weltweit ungefähr 20 große FabrikantInnen derartiger Pflanzenschutzmittel mit einem jährlichen Absatzvolumen von mehr als 40 Milliarden US-Dollar und einer Produktion von 2,5 Millionen Tonnen. Die wichtigsten Hersteller sind Syngenta, Bayer, Monsanto, Dow Agrosciences und Du Pont. Lateinamerika ist ein wichtiger und wachsender Markt, in dem der Verkaufsumsatz der Giftstoffe zwischen 2006 und 2007 um 18,6 Prozent und zwischen 2007 und 2008 um 36,2 Prozent gewachsen ist.</p><p>Eine Studie zu den zwischen 1995 und 1999 im Valle del Yaqui verwendeten Pestiziden und deren Auswirkungen auf die Gesundheit der BewohnerInnen ergab, dass die zumeist eingesetzten Gifte Herbizide (34 Prozent), Carbamat (27,53 Prozent), Phosphorsäureester (27,53 Prozent), Fungizide, chlororganische Gifte und Pyrethroide sind. Insgesamt wurden im Zeitraum 3.146.616 kg Pestizide im Tal eingesetzt. Im Jahr 1998 kam es zum größten Pestizideinsatz in einer Größenordnung von 806.123 kg. Die häufigsten damit verbundenen Krankheiten waren Knochenmark-Aplasie, schwere Leukämie und Non-Hodgkin-Lymphome (NHL). (Valenzuela Gómez, L. 2000. Abschlussarbeit. ITSON. Obregón, Sonora.)</p><p><strong>Illusorische Grenzwerte</strong><br /> Nach Angaben eines im Beruf tätigen Agraringenieurs, der anonym bleiben möchte, sei das momentan meist verwendete Insektengift das von Monsanto hergestellte Glyphosat. Es wird in der Region als Faena, in anderen Regionen als Roundup verkauft. Laut einer aktuellen Studie rufen die Produkte und Stoffwechselprodukte von Glyphosat beim Menschen selbst in geringen Dosen den Tod von Embryonen, Plazentas und Nabelschnurzellen im Reagenzglas hervor.</p><p>Im Valle del Yaqui werden laut der anonymen Quelle weiterhin Parathion und Malathion angewendet. Parathion ist extrem giftig und in verschiedenen Ländern ausdrücklich durch das Rotterdamer Übereinkommen verboten. Die US-amerikanische Bundesbehörde zur Durchsetzung des Arbeitsschutzgesetzes OSHA (Occupational Safety and Health Administration) hat für Malathion einen Grenzwert von 15 mg pro Kubikmeter Luft bei einer Arbeitszeit von acht Stunden in einer 40-Stunden-Woche festgesetzt. Diese Empfehlungen sind praktisch unmöglich einzuhalten.</p><p><strong>Aufklärungskampagne „Los agrotóxicos matan“</strong><br /> Agrargifte können als in der industriellen Landwirtschaft verwendete giftige, chemische Substanzen definiert werden, die es in Form von Insektiziden, Entlaubungsmitteln, Herbiziden und Fungiziden gibt. Wegen ihrer schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt werden auch Düngemittel in diese Kategorie gezählt. Sie vergiften die Böden und ihre Komponenten gelangen in Gebieten wie Lagunen und Buchten in die Nahrungsmittelkette. Genetisch veränderte Samen für den intensiven Einsatz von krebserregenden Pestiziden wie Glyphosat und von Pflanzen, die eigene Insektizide bilden, sollten ebenfalls dazugezählt werden.</p><p>Auf Grundlage dieser Definition und weiterer umfassende Informationen zum Ausmaß des Agrobusiness und der Macht der Verantwortlichen widmeten sich RepräsentantInnen aller Mitgliedsländer der Koordinationsstelle von kleinbäuerlichen und indigenen Organisationen in Lateinamerika CLOC (Coordinadora Latinoamericana de Organizaciones del Campo) bei einem Treffen in einem bäuerlichen Fortbildungszentrum des Nationalen Vereinigten Landwirtschaftlichen Gewerkschaftsverbands FENSUAGRO (Federación Nacional Sindical Unitaria Agropecuaria) in Viotá, Kolumbien, der Analyse dieses Problems, das in allen Regionen der CLOC allgegenwärtig ist: im Cono Sur, in der Andenregion, in Mittelamerika, in Mexiko und der Karibik.</p><p><strong>Schaffung einer Informationsplattform</strong><br /> Dabei wurde entschieden, eine Kampagne für ganz Lateinamerika zu starten unter dem Motto „Tödliche Agrargifte“ (Los agrotóxicos matan). Die Kampagne soll die Gesellschaft aufklären und für das Thema sensibilisieren. Dem Mythos der sicheren Verwendung von Pflanzenschutzmitteln soll ein Ende bereitet und ein endgültiges Verbot der Gifte erreicht werden. Die Kampagne zielt auf eine Abkehr von der Ideologie des Agrobusiness ab und richtet sich vor allem an Gemeinden und Familien. Außerdem soll sie eine vereinte Plattform für UmweltschützerInnen, Bauern und Bäuerinnen, ArbeiterInnen, StudentInnen, KonsumentInnen und alle Personen bilden, die sich für eine gesunde und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion einsetzen.</p><p>Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln müssen wir klarmachen, dass unsere Länder das Potential haben, auf Basis der ökologischen Landwirtschaft diversifizierte und gesunde Lebensmittel für alle Menschen zu produzieren, und dass es höchste Zeit ist, dieses Modell durchzusetzen. Gleichzeitig müssen die HerstellerInnen und HändlerInnen von Agrargiften zur Rechenschaft gezogen werden. Die Gesellschaft muss verstehen, dass das derzeitige Landwirtschaftsmodell, das giftige Nahrungsmittel produziert, die Umwelt zerstört und nur einigen Wenigen Reichtum beschert, ausgedient hat.</p><p><strong>3. Dezember: Weltweiter Tag gegen den Pestizideinsatz</strong><br /> Dafür wurde eine Organisation für jede Region damit beauftragt – im Fall von Mexiko ist das der Nationale Verband der autonomen, regionalen Bauernorganisationen, UNORCA – in verschiedenen Regionen Ausschüsse und Unterausschüsse zu bilden, an denen alle Organisationen der CLOC beteiligt sind. Darüber hinaus sollen die einzelnen Organisationen Koordinationsteams zusammenstellen, die von der Kommunikationsstelle des Operativen Sekretariats in Quito, Ecuador, bei ihrer Arbeit unterstützt werden.<br /> Die Kampagne soll am 3. Dezember, anlässlich des „Weltweiten Tages gegen den Pestizideinsatz“ starten. Im Vorfeld wird sie bereits im November auf dem Internationalen Kongress für Agroökologie in Havanna eingeleitet.<br /> Es ist an der Zeit, den verheerenden Teufelskreis landwirtschaftlicher Produktion zu durchbrechen, in dem ein und dasselbe Unternehmen – vielleicht in Begleitung eines Tochterunternehmens – die Samen produziert, die Gifte vertreibt und am Ende sogar die falsche Medizin dafür verkauft. Und gemeinsam sorgen sie dafür, dass das Gift auf unseren Tellern landet.</p><p>* Alfredo Acedo ist Direktor im Bereich der sozialen Kommunikation und Berater des Landesverbands der autonomen, regionalen Bauernorganisationen UNORCA (Unión Nacional de Organizaciones Regionales Campesinas Autónomas), Mexiko</p><p>Dieser Beitrag erschien bei <a href="http://www.npla.de/de/poonal/3594-toedliche-pestizide">Poonal</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Das Recht auf Vielfalt &#8211; Der Kampf um krisensicheres Saatgut</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/#comments</comments> <pubDate>Fri, 15 Oct 2010 09:40:39 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=460</guid> <description><![CDATA[Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der ­internationalen Saatgutindustrie. Teil II (und Schluß): Der Kampf um krisensicheres Saatgut Von Anne Schweigler und Peter Clausing Den im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandenen Saatgutkonzernen gelang es Schritt für Schritt, ihre Monopolmacht zu etablieren und juristisch abzusichern – ein bis heute andauernder Prozeß. Das betrifft sowohl die [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der ­internationalen Saatgutindustrie. Teil II (und Schluß): Der Kampf um krisensicheres Saatgut</p><p><em>Von Anne Schweigler und Peter Clausing</em></p><p>Den im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandenen Saatgutkonzernen gelang es Schritt für Schritt, ihre Monopolmacht zu etablieren und juristisch abzusichern – ein bis heute andauernder Prozeß. Das betrifft sowohl die Bemühungen, die bestehende monopolfreundliche Gesetzgebung auszuweiten als auch die Verdrängung alter Kulturpflanzen, Landsorten genannt, in jenen Teilen der Erde, wo industrielle Landwirtschaft und das dazugehörige Saatgut noch nicht durchgesetzt worden sind. Die Länder des Südens haben aus Sicht der Konzerne in beiden Punkten den größten »Nachholbedarf« und sind demzufolge besonders verletzlich.</p><p>Doch diese Entwicklung ist weder alternativlos, noch bleibt sie unwidersprochen. Der 2008 veröffentlichte, von zahlreichen Regierungen gebilligte Weltagrarbericht belegt nicht nur, daß die Welternährung anders als auf industrielle Weise gesichert werden kann, sondern mehr noch: Es wird darauf hingewiesen, daß dieser alternative Weg der einzig gangbare ist, denn das bisherige System »ist nicht geeignet, um einen Übergang zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen«.1 Zum anderen regt sich Widerstand gegen die Macht der Konzerne, und der agiert zunehmend global und koordiniert.</p><p>Noch gewinnen weltweit zirka 70 Prozent der Bäuerinnen und Bauern ihr Saatgut aus der eigenen Ernte bzw. tauschen es untereinander. Wenn es der Industrie gelingen sollte, auch nur einen Teil dieses Potentials für sich nutzbar zu machen, würde dies eine enorme Markterweiterung bedeuten – sowohl für den Absatz des kommerziellen Saatguts selbst als auch für die dazugehörigen Agrochemikalien. Die Methoden zur Erreichung dieses Zieles sind unterschiedlich und reichen von unverhohlenen Eingriffen in die Gesetzgebung militärisch besetzter Länder bis zu Transformationsversuchen in Form von »Entwicklungshilfe«.</p><p><strong>Agroimperialismus</strong></p><p>Eine der medial am stärksten beachteten Maßnahmen war vermutlich der »Erlaß 81«2, den der US-amerikanische »Zivil«verwalter Paul Bremer im Juni 2004, kurz bevor er den Irak verließ, dekretierte. Dieser Erlaß, der das irakische Patentgesetz aus dem Jahr 1970 ablösen sollte, regelt auch den Umgang mit Saatgut. Zusammen mit »Focus on the Global South« alarmierte im Oktober 2004 die Nichtregierungsorganisation GRAIN die Weltöffentlichkeit, weil damit das uralte System der Wiederaussaat eines Teils der Ernte im Irak faktisch über Nacht verboten wurde. Nach Darstellung der US-Besatzer ein notwendiger Schritt, um die Versorgung des Landes mit hochwertigem Getreide zu sichern. Nicht einmal das im ersten Teil dieses Beitrags erwähnte Nachbaurecht blieb den irakischen Bauern erhalten. Das Dekret verbietet unter Strafandrohung jegliche Wiederaussaat von »geschützten« Sorten und überträgt die Rechte auf Produktion, Reproduktion und Handel den Saatgutkonzernen. Gleichzeitig wurde mit dem Erlaß die Ausbringung gentechnisch manipulierter (GM) Sorten ermöglicht. Allerdings wird nach Einschätzung von Joachim Guilliard, Koordinator der deutschen Irak-Tribunal-Initiative, dieser Erlaß in der Praxis nicht angewendet – zu groß wäre wohl die Empörung in der Bevölkerung. Doch wie alle Bremer-Dekrete, die nicht explizit im nachhinein vom irakischen Parlament außer Kraft gesetzt wurden, gilt der Erlaß 81 noch heute, verbunden mit der latenten Gefahr seiner Durchsetzung zu einem späteren Zeitpunkt.</p><p>Kaum überraschend wurde auch in Afghanistan – im Jahr 2006 – ein neues Gesetz mit monopolfreundlichem Inhalt vorgelegt3. Paragraph 10 schreibt die Schaffung einer Agentur für Saatgutzertifizierung vor, Paragraph 11 die Etablierung eines zentralen Labors zur Saatguttestung. Paragraph 16 ermächtigt die Mitarbeiter dieser Agentur, zu jeder Zeit und an jedem Ort Proben zu entnehmen, wenn der Verdacht auf einen Verstoß gegen das Saatgutgesetz vorliegt. Zumindest auf dem Papier können sich die Besitzer von Saatgutlizenzen in Afghanistan sicher fühlen. Wenn jemand die Absicht hat, GM-Saatgut nach Afghanistan einzuführen, ist laut Saatgutgesetz das Landwirtschaftsministerium zu informieren– von einer Genehmigungspflicht ist in dem Papier keine Rede.</p><p>Ein weiteres Land, in dem in den letzten Jahren die entsprechende Gesetzgebung verschärft wurde, ist die Türkei, wo im Oktober 2006 die alte, aus dem Jahr 1963 stammende Regelung durch eine neue ersetzt wurde. Dieses neue Gesetz Nr.5553 paßte die türkischen Verhältnisse an die europäische Saatgutgesetzgebung an und verlangt seitdem für Sorten, die gehandelt werden sollen, eine obligatorische Registrierung und Zertifizierung, verbunden mit dem auch in der EU bislang noch gültigen Landwirteprivileg Tausch und Produktion für den Eigenbedarf (siehe Teil1). Die Novellierung der türkischen Saatgutgesetzgebung ist offensichtlich ein Element des Strebens nach der EU-Mitgliedschaft.4</p><p>Ein beliebter »Türöffner« für die Konzerne ist die Nahrungsmittelhilfe in Ländern, die von Hunger (und Unruhen) bedroht sind. Insbesondere das weitgehend von den Vereinigten Staaten kontrollierte Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und die offizielle Entwicklungshilfe der USA (USAID) sind daran beteiligt, Hybrid- und zunehmend auch GM-Sorten in die betroffenen Länder einzuführen. Auch die Konzerne unterstützten »großzügig« diese Hilfe: Weil nach dem verheerenden Erdbeben Anfang dieses Jahres, die haitianischen Bäuerinnen und Bauern ihren eigentlich für die Wiederaussaat aufbewahrten Mais als Lebensmittel verteilten, fehlte dieser später bei der Bestellung der Felder. In einer am 13. Mai 2010 veröffentlichten Pressemitteilung verkündete Agrarmulti Monsanto eine »großzügige Spende« von Hybridsaatgut (Mais und Gemüse) an die haitianische Regierung. Sechzig Tonnen davon wurden sofort geschickt, die Lieferung weiterer 415 Tonnen in Aussicht gestellt. Die Bereitstellung der für den Anbau notwendigen Agrochemikalien – ein Teil vermutlich bei Monsanto gekauft – übernahm USAID (im Rahmen seines Haiti-spezifischen Programms WINNER). Und der Transport der »milden Gabe« von Monsanto in die ländlichen Gegenden Haitis erfolgt– ebenfalls als »Spende«– durch den transnationalen Logistik-Konzern Kuehne + Nagel, mit Hauptquartier im Schweizer Kanton Schwyz. Zeitgleich zur Pressemitteilung wurde auf www.monsantoblog.com behauptet, daß Hybridsorten vor dreißig Jahren auf Haiti schon einmal verbreitet waren. Monsanto witterte offenbar die Chance zu einem Comeback. Allein, die haitianischen Bauern waren, wie weiter unten zu lesen ist, nicht recht glücklich über solcherart Großzügigkeit.</p><p><strong>Kampf um Afrikas Märkte</strong></p><p>Die erste »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre hatte Afrika nicht erreicht. So bietet sich dem Agrobusineß heute fast ein ganzer Kontinent mit neuen Märkten. Deren »Erschließung« nahm konkrete Formen an, als im Jahr 2005 die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gemeinsam mit der Rockefeller-Stiftung ankündigte, Millionen afrikanischen Kleinbauern dabei helfen zu wollen, sich aus Armut und Hunger zu erheben. Es entstand die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« (AGRA), der sich 2008 die Weltbank anschloß. Das erklärte Ziel der Allianz ist es, die Kleinbauern Afrikas mit Hochertragssorten und den dazugehörigen chemischen Inputs zu versorgen, um die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in die »Wertschöpfungskette« zu integrieren. Die AGRA versucht, die Öffentlichkeit bezüglich ihrer Pläne für den Anbau von GM-Pflanzen zu beruhigen – z.T. auch zu täuschen. Aber Preisverleihungen an erklärte Gentechnikbefürworter legen beredtes Zeugnis von den wahren Absichten dieses »philanthropischen« Projekts ab. Vorgehen und Strategie der Protagonisten dieser »zweiten Grünen Revolution« unterscheiden sich kaum von denen der ersten.</p><p>In Übereinstimmung mit dem Wertschöpfungsketten-Diskurs ist ein Programm zur Ausbildung von Agrarhändlern wesentlicher Bestandteil des Vorhabens der AGRA. Das Programm bietet Training, Kapital und Kredite für die Gründung und Stärkung von 10000 kleinen Agrarhändlern, die gut vernetzt werden sollen mit Grossisten, Saatgutfirmen und Marktinformationsberatern. Die Folge: Industrielles Saatgut verdrängt das bäuerliche, und die Bauern geraten in die komplette Abhängigkeit einer von Agrarkonzernen kontrollierten kapitalintensiven Landwirtschaft.</p><p><strong>Vernetzter Widerstand</strong></p><p>Zum Glück verlaufen derartige Entwicklungen nicht so reibungslos, wie es sich das Agrobusineß wünscht. Die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds im Rahmen der »Strukturanpassungsprogramme« der 1980er Jahre erzwungene »Verschlankung« der Agrarpolitik in vielen Ländern des Südens, hatte auch eine Schwächung der Abhängigkeiten der ländlichen Strukturen zur Folge, die damals in vielen Staaten des Südens verbreitet waren. Zuvor waren die Organisationen oftmals nicht unabhängig, sondern von den staatstragenden Parteien vereinnahmt. Dadurch entstanden neue Bauernorganisationen, die stärker autonom waren und mit radikaleren Forderungen auftraten. Im Laufe der 1990er Jahre erwuchs daraus ein ursprünglich lateinamerikanisches Netzwerk, »La Via Campesina« (deutsch: der bäuerliche Weg), das mittlerweile von vielen als die wichtigste transnationale soziale Bewegung überhaupt angesehen wird und inzwischen bäuerliche Basisbewegungen beider amerikanischer Kontinente, Süd- und Ostasiens, Europas und neuerdings auch von zwei Regionen Afrikas vereint. Derzeit hat »La Via Campesina« 148 Mitgliedsorganisationen in 69 Staaten und repräsentiert somit etwa 500 Millionen ländliche Familien weltweit.5 Anläßlich des 1996er Welternährungsgipfels brachte »La Via Campesina« das Konzept der Ernährungssouveränität in die öffentliche Debatte ein. Dieses beschränkt sich nicht auf die Forderung nach Verfügbarkeit einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln (»Ernährungssicherheit«), sondern schließt das Recht auf Selbstbestimmung und gesamtgesellschaftliche Transformationen ein, inklusive dem Recht auf Nahrungsmittelproduktion mit lokal angepaßtem, für alle verfügbarem Saatgut sowie Zugang zu Land. Vor knapp einem Jahr wurde an dieser Stelle im Detail beschrieben, daß und warum kleinbäuerliche Betriebe – gemessen am Gesamtertrag und unter Berücksichtigung der Energiebilanz – die deutlich effizientere Form der Landwirtschaft sind (»Reale Alternativen«, jW-Thema vom 18.11.2009).</p><p>Oft sind es Mitgliedsorganisationen von »La Via Campesina«, die an den Brennpunkten des Geschehens sicht- und hörbar sind. So auch in Haiti, als am 4.Juni 2010 zehntausend Bäuerinnen und Bauern gegen das »tödliche« Geschenk von Monsanto, den Hybridsamen (siehe oben) demonstrierten. Zu den Kundgebungen hatten ländliche soziale Bewegungen mobilisiert, einschließlich der »La Via Campesina«-Mitgliedsorganisation Papaye Bauernbewegung (MPP). Bei den Protesten waren unter anderem Slogans zu hören wie »Lang lebe das einheimische Maissaatgut« und »Monsantos Genpflanzen und Hybridsaatgut schädigen die bäuerliche Landwirtschaft«. Die Protestierenden waren empört, daß die Regierung in Port-au-Prince versuchte, die Krisensituation nach dem Erdbeben zu nutzen, um das Land an transnationale Konzerne zu verkaufen und damit haitianische Bäuerinnen und Bauern in die Abhängigkeitsfalle von Hybridsamen und industrieller Landwirtschaft zu zwingen. Diese Proteste strafen das von den Mainstream-Medien gern kolportierte Bild eines im »dunklen Chaos« versunkenen Haiti Lügen.</p><p><strong>Konzernfreundliche EU-Richtlinie</strong></p><p>Ähnlich wie die Türkei über einen EU-Beitritt verhandelt, sind afrikanische Länder mit der EU im Gespräch über ein Freihandelsabkommen. Regelungen zu Eigentumsrechten und Handelsfragen bei Saatgut sind Teil der Gespräche. Doch mittlerweile gibt es in Afrika große Proteste gegen das geplante Abkommen6. Der Widerstand dürfte von der im Jahr 2007 in Nyeleni, Mali, durchgeführten Konferenz zur Ernährungssouveränität einen kräftigen Stimulus erhalten haben. An dem von »La Via Campesina« organisierten Treffen nahmen zahlreiche ländliche Organisationen aus Afrika teil.</p><p>Während in den Entwicklungsländern Zehntausende zu den Protestaktionen kommen, sind es in Europa bislang nur Hunderte. Zu sehr hat sich das Modell der industriellen Landwirtschaft durchgesetzt, und nur wenige Bauern und Saatguterhaltungsinitiativen in Deutschland haben bisher ein Problembewußtsein dafür entwickelt.</p><p>Genügend Anlaß zum Protest gäbe es. Wenn zum Beispiel die EU-Richtlinie vom Juni 2008 »Erhaltungsrichtlinie« genannt wird, sollte man meinen, daß diese zum Ziel haben müßte, die Erhaltung vom Aussterben bedrohter Nutzpflanzen zu erleichtern, um so dem weiteren Sortenverlust etwas entgegenzusetzen. Doch das erweist sich als Trugschluß. Durch eine Reihe von Vorgaben erschwert die Richtlinie den Anbau von Erhaltungssorten. Dazu zählen Registrierungspflicht und örtliche Begrenzung. Der Artikel 14 schützt die industriellen Sorten vor möglicher Konkurrenz durch bäuerliche oder freie Sorten (d.h. Sorten, deren Schutz erloschen ist) mittels einer mengenmäßigen Beschränkung. Im jeweiligen Land darf pro Erhaltungssorte höchstens ein halbes Prozent des insgesamt verwendeten Saatguts der betreffenden Pflanze in Verkehr gebracht werden. Theoretisch könnten aber immer noch ganz viele verschiedene Erhaltungssorten mit ihren jeweils 0,5 Prozent einen großen Marktanteil beanspruchen. Um das zu verhindern, hat die EU eine zusätzliche Beschränkung eingeführt: Alle diese Sorten, zum Beispiel von Weizen, dürfen in Summe nicht mehr als zehn Prozent des landesweiten Weizensaatguts ausmachen. Per Gesetz wird traditionelles bäuerliches Saatgut vorsorglich zur musealen Ausnahme definiert, das Saatgut der Konzerne dagegen bekommt einen garantierten Marktanteil von 90 Prozent.</p><p><strong>Ein Kompromiß</strong></p><p>Schon 2007 ließ sich erahnen, daß das ungeregelte Nischendasein von Erhaltungsinitiativen in Eu­ropa bald ein Ende haben sollte. Der französische Verein Kokopelli, der seit vielen Jahren anerkannte Arbeit auf diesem Gebiet leistet, war wegen Inverkehrbringens von illegalem Saatgut verklagt worden. Der Saatgut-Händler Baumaux hatte Kokopelli »unlauteren Wettbewerb« vorgeworfen, da viele der vom Verein vertriebenen Gemüsesorten nicht im französischen Sortenkatalog verzeichnet waren. Kokopelli habe sich durch die erzielte Kostenersparnis einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil erschlichen.</p><p>Im Januar 2008 verurteilte das oberste französische Gericht Kokopelli schließlich zu 12000Euro Schadensersatz an Baumaux und 17500Euro Strafe für das ungenehmigte Inverkehrbringen von Saatgut. Das Urteil rief frankreich- und europaweit große Proteste hervor, immerhin mit dem Ergebnis, daß es bis heute nicht vollstreckt wurde8.</p><p>Erste Schwierigkeiten mit der neuen Erhaltungsrichtlinie und der darin festgeschriebenen Beschränkung von Sorten auf ihre Ursprungsregion hatte die schweizerische Erhaltungsinitiative Pro Specie Rara. Die Schweiz ist zwar kein EU-Land, setzte die Richtlinie aber als erstes um. Als die Initiative Anfang 2009 vierzehn Kartoffelsorten in die Schweizer Erhaltungsliste eintragen lassen wollte, wurden fünf davon abgelehnt, was einem Verbot des Anbaus von und des Handels mit diesem Pflanzgut gleichkam. Die betroffenen Sorten (Corne de gatte, Vitelotte noire, Roosevelt, Highland Burgandy Red und Patates Verrayes) hätten keine starke regionale Bindung an die Schweiz, war die Begründung der zuständigen Behörde. Pro Specie Rara befürchtete, daß die Ablehnung der fünf Kartoffelsorten nur die Spitze des Eisberges sei, startete die Protestkampagne »Vielfalt für alle« und hatte Erfolg. Sie konnte der Schweizer Regierung einen Kompromiß abringen, indem »Nischensorten« und »Amateurbereich« unterschieden und unterschiedlich behandelt werden9.</p><p><strong>Die Saatgutkampagne</strong></p><p>Um auf die zentrale Bedeutung von Saatgut und die Zusammenhänge zwischen geistigen Eigentumsrechten an Sorten, den Restriktionen im Interesse der Konzerne und den durch die industriemäßige Landwirtschaft hervorgerufenen globalen Problemen aufmerksam zu machen, haben sich mehrere europäische Saatgut- und Erhaltungsinitiativen zu einer Saatgutkampagne entschlossen, in deren Rahmen Unterschriften für entsprechende Forderungen gesammelt werden (siehe www.saatgutkampagne.org). Die Kampagne fordert:</p><p>– das Recht, Saatgut aus eigener Ernte gewinnen, nachbauen und weitergeben zu können;</p><p>– die regionale Sortenvielfalt durch Unterstützung von Erhaltungsinitiativen und Züchtern traditioneller bäuerlicher Sorten zu fördern;</p><p>– Gentechnik in der Landwirtschaft zu verbieten;</p><p>– keine Patente auf Pflanzen zuzulassen;</p><p>– ein neues Saatgutzulassungsverfahren zu etablieren, das gentechnisch manipulierte Pflanzen und chemieintensive Sorten ausschließt;</p><p>– Maßnahmen einzuleiten, die den hohen Energie­verbrauch in der Landwirtschaft verringern, der durch Einsatz von Industriesorten entsteht, die ohne Kunstdünger und Pestizide nicht auskommen, sowie durch Monokulturen und damit verbundene weite Transporte.</p><p>Die Kampagne will dabei an bestehende Aktivitäten und Modelle anknüpfen. In Teilen Frankreichs und Großbritanniens sind Saatguttauschbörsen inzwischen zur sozialen Alltagspraxis geworden – die »Seedy Sundays« in England sind ein Beispiel. Dabei scheren sich die Menschen in ihrer Praxis nicht darum, ob der pflanzliche Samen »legal« oder »illegal« ist. Wichtig ist ihnen lokal angepaßtes, fruchtbares, nachbaubares Saatgut, das nicht von erdölbasierten Inputs (synthetischer Dünger, Pestizide) abhängig ist. Somit wird über Tauschbörsen »krisensicheres« Saatgut unter die Leute gebracht und gleichzeitig auf dessen Bedeutung und die sozialen und klimatischen Zusammenhänge aufmerksam gemacht.</p><p><strong>Systemwandel nötig</strong></p><p>Auch in Deutschland wächst seit einiger Zeit das Interesse an »urbanen Gärten«, Gemeinschaftsgärten, Transition-Town-Gruppen und Stadt-Land-Projekten, die über die klassischen Schrebergärten hinausgehen. Tausch von Saatgut, gemeinsames Gärtnern und das Kümmern um lokale Nahrungsmittelproduktion sind Schritte im Sinne des Konzepts von »La Via Campesina« zur Ernährungssouveränität.</p><p>Mit dieser Praxis könnte auch in unseren Breiten etwas wiederbelebt werden, »das nicht Ergebnis und Bestandteil formaler Wissenschaft ist und heute etwas hilflos oder auch herablassend als ›traditionelles‹ bzw. ›lokales‹ Wissen bezeichnet (wird). Dieses praktische Wissen ist das wichtigste Handwerkszeug von Land- und Forstwirten, Hirten, Fischern, Heilern und Indigenen, aber auch von Hausfrauen, Gärtnern und Handwerkern in aller Welt. Es ist historisch gewachsen und erfaßt auf eigene Art häufig komplexe Zusammenhänge, die monokausal denkende Naturwissenschaftler bis heute überfordern können«9. Hier geht es um etwas, das beim üblichen Gang in den Supermarkt kaum ins Bewußtsein vordringt– das »Ende des industriellen Produktivismus, (der) die verfügbaren natürlichen Ressourcen unseres Planeten in unvertretbarem, weil nicht nachhaltigem Maße aus (beutet). Seine Grundstrategie, mit Großtechnik und Agrarchemie den Einsatz menschlicher Arbeit durch fossile Energie zu ersetzen, erweist sich in Zeiten des Klimawandels und schwindender Ölreserven als Sackgasse.« Diese Sichtweise rüttelt allerdings – ohne es direkt auszusprechen – an den Grundfesten des herrschenden Systems, denn die scheinbare Effizienz der kapitalistischen Marktwirtschaft beruht seit über einem Jahrhundert auf nichts anderem als der fortschreitenden Substitution menschlicher Arbeitskraft durch fossile Energie. Eine Abkehr von diesem »Automatismus« ist nur mit einem grundsätzlichen Systemwandel und »krisensicherem Saatgut« möglich.</p><p>1 IAASTD (2009): Synthesis Report. A Synthesis of the Global and Sub-Global IAASTD Reports</p><p>2 Order 81 on »Patent, Industrial Design, Undisclosed Information, Integrated Circuits and Plant Variety«, dt.: Erlaß 81 über Patente, Industriedesign, Geheiminformationen, integrierte Schaltungen und Pflanzenvielfalt</p><p>3 Seed Law. Islamic Republic of Afghanistan (Final Draft), Kabul, August 2006</p><p>4 GRAIN: Turkey’s new seed law. Seedling, April 2007</p><p>5 Martínez-Torres, M.E. und P. M. Rosset (2010): Journal of Peasant Studies 37: S. 149–175. In Deutschland ist die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL, <a href="http://www.abl-ev.de">www.abl-ev.de</a>) Mitglied von »La Via Campesina«</p><p>6 Evangelischer Entwicklungsdienst: Die Enthüllung der Grünen Revolution für Afrika. Motive, Akteure und Kräftespiel, Bonn, Juni 2008</p><p>7 <a href="http://www.kokopelli-blog.org">www.kokopelli-blog.org</a></p><p>8 Mehr Informationen und eine Unterschriftenliste zum Protestieren gegen die Verschärfung der Schweizer Saatgutverordnung findet sich unter: <a href="http://www.vielfalt-fuer-alle.ch">www.vielfalt-fuer-alle.ch</a></p><p>9 Wege aus der Hungerkrise. Die Erkenntnisse des Welt­agrarberichts und seine Botschaften für eine Landwirtschaft von morgen, AbL-Verlag 2009</p><p>Anne Schweigler ist Ethnologin, Mitglied der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie und der Saatgutkampagne. Peter Clausing, ebenfalls Mitglied der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie, veröffentlichte unter dem Pseudonym Klaus Pedersen »Naturschutz und Profit« (Unrast Verlag, Münster 2008)</p><p>Erschienen in: <a href="http://www.jungewelt.de/2010/10-15/016.php">Junge Welt vom 15.10.2010</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/15/das-recht-auf-vielfalt-der-kampf-um-krisensicheres-saatgut/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Im Griff der Monopole</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/14/im-griff-der-monopole/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/14/im-griff-der-monopole/#comments</comments> <pubDate>Thu, 14 Oct 2010 09:25:14 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=454</guid> <description><![CDATA[Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der internationalen Saatgutindustrie. Teil I: Die Durchsetzung der Konzernmacht und deren juristische Absicherung. von Anne Schweigler und Peter Clausing Am 16. Oktober 1945 wurde die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations) als Sonderorganisation der UNO gegründet. Laut ihren Statuten hat sie die [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Die Transformation der Landwirtschaft. Über die Geschäftspraktiken der internationalen Saatgutindustrie. Teil I: Die Durchsetzung der Konzernmacht und deren juristische Absicherung.</p><p><em>von Anne Schweigler und Peter Clausing</em></p><p>Am 16. Oktober 1945 wurde die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations) als Sonderorganisation der UNO gegründet. Laut ihren Statuten hat sie die Aufgabe, die Produktion und die Verteilung von landwirtschaftlichen Produkten im allgemeinen und Nahrungsmitteln im besonderen weltweit zu verbessern, um die Ernährung sicherzustellen und den Lebensstandard zu verbessern. Seit 1979 wird der 16. Oktober als Welternährungstag begangen. Dem aktuellen Welthungerindex zufolge, der anläßlich des am Montag in Rom begonnenen Welternährungsgipfels vorgestellt wurde, leiden aktuell etwa eine Milliarde Menschen an Hunger und Unterernährung. Der Anteil der internationalen Saatgutkonzerne an der Permanenz der globalen Hungerkrise ist Gegenstand des folgenden Beitrags. (jW)</p><p>Hungrige Männer hören nur auf die, die ein Stück Brot haben. Nahrung ist ein Werkzeug&#8230;«, so formulierte US-Agrarminister Earl Butz die Erkenntnis, daß Nahrungsmittel sich als Waffe der Unterdrückung benutzen lassen.</p><p>Saatgut ist neben Boden und Wasser das grundlegende Produktionsmittel für die heutige und zukünftige Lebensmittelversorgung – weltweit. Wer dieses kontrolliert, besitzt einen Schlüssel zur Kontrolle der Nahrungsmittel und damit zugleich ein Unterpfand für krisensichere Gewinne– denn essen müssen alle, immer.</p><p>Solange Nahrungsmittel als »Waffe« oder politisches Werkzeug instrumentalisiert werden, ist die Permanenz der Hungerkrise programmiert. Deren Überwindung braucht Zeit, aber in erster Linie bräuchte sie einen radikalen Bruch mit dem derzeit herrschenden Paradigma.</p><p><strong>Vom Allgemeingut zur Ware</strong></p><p>Für das globale bäuerliche Netzwerk »La Via Campesina« ist der Welternährungstag am 16.Oktober ein internationaler Aktionstag gegen die Machenschaften des Agrobusineß – ein guter Anlaß, um die zentrale Bedeutung von kleinen Samenkörnern zu betrachten und eine europaweite Kampagne für Saatgutsouveränität vorzustellen.</p><p>Jahrtausende lang züchteten Bauern und Bäuerinnen Saatgut, sie gewannen es aus ihrer Ernte, tauschten und entwickelten es weiter, ohne daß es die Warenform annahm. Es war und es ist in vielen Regionen der Welt noch immer ein Allgemeingut, dessen Erhalt und Nutzung regional angepaßt und kulturell geprägt ist. Lange Zeit galt es aufgrund seiner natürlichen Reproduzierbarkeit als unsicherer Kandidat für Kapitalinteressen. Deshalb mußte dafür zunächst überhaupt erst ein Markt geschaffen und dieser dann, gemäß den Interessen der Konzerne, gestaltet werden.</p><p>Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Saatgut zur Ware, und es entstanden Firmen, die sich auf Saatgutzüchtung spezialisierten. Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse hatten sich die Züchtungsmöglichkeiten verändert, die Industrialisierung der Landwirtschaft stellte mit ihrer Produktionsweise neue Anforderungen an die Eigenschaften landwirtschaftlicher Nutzpflanzen (beispielsweise mußten alle Getreidehalme gleich lang sein, um mit Mähdreschern geerntet werden zu können). Und die Chemieindustrie hatte großes Interesse an der Entwicklung neuer Sorten, die gut auf Kunstdünger und Pestizide reagieren, um sich so einen Absatzmarkt für ihre agrochemischen Produkte zu sichern. Folgerichtig sind heute viele der großen Saatgutfirmen wie Monsanto, Syngenta und Bayer gleichzeitig Chemieunternehmen.</p><p>Ein großer Schritt zur Durchsetzung der Warenförmigkeit (Kommodifizierung) pflanzlicher Samen, war Mitte des 20. Jahrhunderts die Entwicklung von Hybridsaatgut. Die »Hochertragssorten« lieferten in Kombination mit Agrochemikalien und Bewässerung gesteigerte Erträge– aber nur, wenn sie jedes Jahr erneut gekauft wurden. Die Leistungsfähigkeit des durch Kreuzung von Inzuchtlinien erzeugten Hybridsaatguts kommt nur in der ersten Nachfolgegeneration zum Tragen. Die Besitzer der Inzuchtlinien – die Konzerne – sicherten sich so auf »technische« Weise einen dauerhaften Markt. Das aus den angebauten Hybriden gewonnene Saatgut ist zwar nicht biologisch steril, aber aufgrund seines Minderertrages ökonomisch wertlos. In Europa stellen industriell betriebene Landwirtschaft und Hybridsorten heute das normale Agrarmodell dar.</p><p>In den Ländern Asiens und Lateinamerikas wurden Hybridsorten mit den dazugehörigen Agrochemikalien ab den 1950er Jahren eingeführt. Ziel war es, mit dieser »Grünen Revolu­tion« durch gesteigerte Nahrungsmittelproduktion ein Gegengewicht zu den sich anbahnenden »roten Revolutionen« zu schaffen und auf längere Sicht die ländlichen Regionen in die Marktökonomie einzubinden. Die technischen Hilfsprogramme der Welternährungsorganisation (FAO) liefen zeitgleich mit dem von US-Präsident Harry S. Truman verkündeten Ziel an, durch Hebung des Lebensstandards in den »unterentwickelten« Ländern einem weiteren »Vordringen des Kommunismus« Einhalt zu gebieten. Tatsächlich konnten die Erträge in vielen Regionen der Welt mit Hybridsorten und den notwendigen Inputs deutlich gesteigert werden, was in breiten Kreisen zu einem positiven Image der Grünen Revolution führte.</p><p><strong>Technische Abhängigkeit</strong></p><p>Die Entwicklung von gentechnisch modifizierten (GM) Pflanzen war ein weiterer Schritt der Industrie, um ihre Macht über die Nahrungsmittelproduktion auszubauen und dabei die »technische« Abhängigkeit der Landwirte zu verstärken. Da man dem Samenkorn nicht ansieht, ob es von einer GM-Pflanze abstammt, werden zum Nachweis spezifische »Gentests« von der Industrie benötigt – sei es, um gegebenenfalls als Biobäuerin oder -bauer zu belegen, daß die eigene Ernte nicht gentechnisch kontaminiert ist, oder um sich in der konventionellen Landwirtschaft der latenten Drohung einer Anklage wegen Diebstahls zu erwehren, wenn – wie in Nordamerika inzwischen gang und gäbe – Beauftragte der Saatgutkonzerne Proben auf den Feldern sammeln, um patentierte Gene zu ermitteln.</p><p>Noch mehr »technische Abhängigkeit« soll die Entwicklung von sogenanntem »Terminator«-Saatgut bringen. Mit dieser Genetic Use Restriction Technology (GURT) genannten Methode wäre der Samen ganz steril – eine Art »biologischer Kopierschutz«. Als Ende der 1990er Jahre die Industrie diese sich noch im Forschungsstadium befindende Technologie erstmals propagierte, wurde dies mit der technischen Sicherung ihrer Interessen in Ländern begründet, in denen keine »geistigen Eigentumsrechte« auf Pflanzensorten gelten. Nach großer weltweiter Empörung und Protesten gelang es im Rahmen der Verhandlungen über die Konvention der Biologischen Vielfalt (CBD) im Jahr 2000, ein Moratorium für die Terminatortechnologie zu verabschieden. 2006 wurde dieses noch einmal bestätigt, nichtsdestotrotz läuft die Terminatorforschung in öffentlichen und privatwirtschaftlichen Projekten weiter. An den meisten Agrarfakultäten der Universitäten lernen die Studierenden GURT als eine weitere Methode der modernen Züchtungsmöglichkeiten kennen, ohne daß die massive Kritik daran oder das Moratorium Erwähnung fänden.</p><p>Langfristig kann das Modell einer industriellen Landwirtschaft mit Hybrid- und GM-Sorten keine Zukunft haben, zu offensichtlich sind die vielen negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen: massiver Verlust an biologischer Vielfalt, Vergiftung der Böden und des Wassers, stark abnehmende Bodenfruchtbarkeit, Erschöpfung der Wasservorräte, ländliche Arbeitslosigkeit, Landflucht und Konzentration des Landeigentums. Hinzu kommt die verheerende Energiebilanz dieser Sorten. Neben den auf fossiler Energie basierenden Agrochemikalien und dem aufgeblähten Transportvolumen eines globalen Agrarhandels kommt es auch zu direkten Emissionen klimaschädlicher Gase: Das aus Stickstoffdünger freigesetzte Lachgas ist 300mal klimaschädlicher als Kohlendioxid.</p><p><strong>Patente für den Profit</strong></p><p>Auf der rechtlichen Ebene hat es die Agrarindustrie früh verstanden, Einfluß auf Gesetzgebung und zahlreiche internationale Abkommen zu nehmen, um so ihre Interessen abzusichern. Das bekannteste und umstrittenste »internationale Recht« ist wahrscheinlich das Patentrecht auf Pflanzen bzw. »genetische Ressourcen«. 1995 unterschrieben die Mitgliedsländer der Welthandelsorganisation (WTO) das sogenannte TRIPs-Abkommen (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights), das die Patentierbarkeit unter anderem von Pflanzen und Tieren bzw. ihrer Gene und Eigenschaften festlegt. Dies geschah gegen den Willen von vielen »ärmeren« Ländern– arm an Geld, aber oft reich an Biodiversität und Ressourcen –, die sich aber letztlich dem Druck der Industriestaaten beugen mußten. Vom besseren Schutz geistigen Eigentums profitieren vor allem die reichen Länder des Nordens und die dort angesiedelten transnationalen Konzerne, die heute über 95 Prozent aller Patente in diesem Bereich halten. Allein beim Beispiel Mais gab es 2005 laut Devinder Sharma, Agrarwissenschaftler und Vorsitzender des Forums für Biotechnologie und Ernährungssicherheit in Neu-Delhi, über 2100 Patentanträge auf Gensequenzen von Mais, wobei die fünf führenden Unternehmen 85 Prozent abdeckten.</p><p>Die Life-Sciences-Industrie argumentiert, daß sie ihre Erfindungen schützen müsse, um ihre Investitionskosten zu amortisieren. Dies würde dann weitere Investitionen und Forschungen ankurbeln. Genau das Gegenteil sei der Fall, sagen kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Publikationen würden blockiert, da zunächst die patentrechtliche Situation geklärt werden müsse. Außerdem gibt es mittlerweile so viele Patente, daß bei Forschungvorhaben oftmals zuerst mit dem Patentinhaber verhandelt werden muß, ob und zu welchem Preis dieser die Forschung überhaupt zuläßt. Allerdings haben die sechs größten Konzerne untereinander Kooperationsabkommen über gegenseitige Patentnutzungen und bilden so einen oligopolen Interessensblock.1</p><p>Saatgutfirmen wie Monsanto verwenden die im Patentrecht festgeschriebenen exklusiven Eigentums- und Nutzungsrechte auch, um Landwirte beim Kauf von Saatgut Verträge unterschreiben zu lassen, in denen z. B. bestimmt wird, an wen sie ihre Ernte verkaufen müssen. Immer weiter gefaßte Patentanträge beinhalten z.T. absurde »Ansprüche«. So beansprucht beispielsweise Monsanto geistige Eigentumsrechte an »Schinken und Schnitzel«, wie es Greenpeace formulierte. In dem bei der Weltpatentbehörde in Genf angemeldeten Patent WO 2009097403 wird behauptet, daß Fleisch von Schweinen, die mit Monsantos GM-Mais gefüttert wurden, »Teil der Erfindung« dieser GM-Technologie sei.</p><p>Das Europäische Patentamt (EPA) hat, ganz im Interesse der multinationalen Konzerne, in den letzten Jahren die Patentierbarkeit von biologischen Entitäten immer stärker ausgeweitet und bestehende Verbote unterlaufen. Entsprechend der 1998 erlassenen europäischen Biopatent-Richtlinie (98/44/EG), mit der das TRIPs-Abkommen in europäisches Recht umgesetzt wurde, dürfen eigentlich nur gentechnisch veränderte Samen bzw. Pflanzen patentiert werden. Trotzdem hat das EPA zahlreiche Patente auf herkömmlich gezüchtete Pflanzen erteilt, so beispielsweise 2002 ein »Brokkoli-Patent« (EP 1069819), das sowohl die konventionelle Züchtungsmethode als auch die Samen und die eßbaren Pflanzen, die durch diese Züchtungsmethoden gewonnen wurden, umfaßt. Aktuell befaßt sich die Große Beschwerdekammer des EPA anhand dieses Falls mit der Grundsatzfrage, wo die Grenzen der Patentierbarkeit liegen, d. h. ob auch konventionelle Pflanzen, wie im US-amerikanischen Recht der Fall, patentierbar sein können. Interessanterweise waren es zwei der weltweit größten Saatgutkonzerne, Syngenta und Limagrain, die die Beschwerde einreichten, wohl um offensiv Rechtssicherheit für diese erweiterte Auslegung des Patentrechts in Eu­ropa zu schaffen.2</p><p>Patentiert wird alles, was in naher Zukunft oder mittelfristig Profit verspricht. Laut einer Studie der internationalen Nichtregierungsorganisation etc-group haben Monsanto, BASF, DuPont, Syngenta, Bayer und Dow 532 Patente auf »climate ready genes«, d. h. auf Gene und Eigenschaften, die besondere Streßtoleranz z.B. gegenüber Trockenheit, Hitze, Kälte und hoher Salzkonzentration im Boden vorweisen, angemeldet. Monsanto (größter Saatgutkonzern) und BASF (größter Chemiekonzern) haben sich dabei auf eine 1,5-Milliarden-Dollar-Kooperation geeinigt, mit dem Ziel, »klimaresistente« Sorten zu entwickeln. Beide Konzerne besitzen zusammen etwa zwei Drittel aller »climate ready genes- Patente.3</p><p><strong>Umkämpfte Sorten</strong></p><p>Weniger bekannt und weniger umstritten als die Patentgesetze sind bisher die Sortenschutzgesetze, die Mitte letzten Jahrhunderts in einigen europäischen Ländern geschaffen wurden. Diese dienten als Vorlage für das erste »Internationale Übereinkommen zum Schutz von Pflanzenzüchtungen« (UPOV), das 1961 auf Initiative von Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien vereinbart wurde.</p><p>Das UPOV-Abkommen wurde mehrfach revidiert und dabei verschärft. Was Jahrtausende lang selbstverständliche bäuerliche Praxis war, wurde mit UPOV ’61 zum »Landwirteprivileg«, also zu etwas, was man erteilt, aber auch wieder wegnehmen kann. In der überarbeiteten Version von 1991 wurde dieses »Privileg« des Nachbaus eingeschränkt: Beim Nachbau von Sorten, die dem Sortenschutz unterliegen, müssen an die Sortenschutzinhaber Lizenzgebühren gezahlt werden. Dagegen wehrt sich in Deutschland seit 1998 die »Interessengemeinschaft gegen die Nachbaugesetze und Nachbaugebühren«.4 Die nächste UPOV-Revision ist für 2011 angekündigt. Bäuerliche und entwicklungspolitische Organisationen befürchten eine weitere Verschärfung.</p><p>Ähnlich wie 1961 könnte es bewußte Strategie sein, die europäische Saatgutgesetzgebung, die seit 2008 überarbeitet wird, für die geplante UPOV-’11-Version wiederum als Vorlage zu nutzen, um anschließend die Regelungen auf alle Unterzeichnerstaaten auszudehnen.</p><p>Die heutigen europäischen Saatgutgesetze bestehen aus zwei Teilen. Der privatrechtliche Teil, der »Sortenschutz«, regelt die Eigentums- und Nutzungsrechte an neuen Züchtungen. Setzt sich die Industrie hier mit ihren Interessen durch, werden die geistigen Eigentumsrechte des Sortenschutzes den Monopolansprüchen des Patentrechts angeglichen.</p><p><strong>Konzentrationsprozesse</strong></p><p>Das Saatgut-Verkehrsgesetz, der öffentlich rechtliche Teil des europäischen Saatgutrechts, regelt das »In-Verkehrbringen« von Saatgut. Bis vor kurzem bezog sich das Gesetz nur auf kommerzielle, registrierte Sorten. Das Tauschen, Weitergeben oder Verkaufen von bäuerlichem Saatgut und Erhaltungssorten war gesetzlich nicht geregelt. Eine 2008 im Zuge der Überarbeitung der europäischen Saatgutgesetze verabschiedete EU-Richtlinie zu Erhaltungssorten hat dies geändert – zuungunsten der biologischen Vielfalt und auf Kosten landwirtschaftlicher Modelle, die auf einer nichtkommerziellen Vermehrung landwirtschaftlicher Nutzpflanzen basieren (mehr dazu in Teil II).</p><p>Um eine Sorte verkaufen zu dürfen, muß sie registriert und in die Sortenliste aufgenommen werden. Die hohen Kosten dafür führen zu einer Begrenzung der Anmeldungen auf jene Sorten, die ökonomisch relevant erscheinen. Außerdem muß die angemeldete Sorte die sogenannten DUS-Kriterien (Unterscheidbarkeit, Homogenität und Stabilität) erfüllen – Kriterien, die den Eigenschaften industrieller Sorten entsprechen.</p><p>Der Vorteil von regionalen Landsorten ist aber gerade, daß sie diese Kriterien nicht erfüllen. Sie sind weder homogen noch stabil, sondern anpassungsfähig, weil sie ein bestimmtes Maß an genetischer Variabilität besitzen. Nicht nur wegen des Klimawandels werden anpassungsfähige Sorten benötigt. Diese sind auch für eine erfolgreiche »Agrarwende« hin zu umweltverträglichen, chemiefreien Anbauformen wichtig, die auf regional angepaßten widerstandsfähigen Sorten basieren. Bäuerliche Landsorten sind das unverzichtbare Ausgangsmaterial für züchterische Verbesserungen.</p><p>Mit umfassender Hilfe von internationalen Institutionen wie Weltbank, Internationalem Währungsfonds und UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), von Regierungen der Industriestaaten und großen Stiftungen wie der Rockefeller Foundation, ist es dem Agrarbusineß Schritt für Schritt gelungen, die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Weichen auf Industrialisierung der Landwirtschaft zu stellen. Das Ergebnis ist eine unglaubliche Machtkonzentration in diesem Bereich. Seit dem kommerziellen Anbau von transgenen Sorten Mitte der 90er Jahre wird der Markt vor allem von Monsanto, Syngenta, DuPont und Bayer Crop Science beherrscht, die unzählige von kleinen und mittleren Saatgutfirmen aufkauften oder Kooperationen mit ihnen starteten. Für 2008 schätzte man, daß die vier größten Saatgut-Konzerne 56 Prozent des weltweiten Marktes kontrollieren, während es bei den vier größten Pestizid-Konzernen 59 Prozent sind.5</p><p>Mit 11,7 Milliarden Dollar Umsatz 2009 ist der in den USA beheimatete transnationale Konzern Monsanto die weltweit größte Saatgutfirma. Er allein kontrolliert ein Fünftel des globalen Saatgutmarktes und hält 90 Prozent aller Patente im Bereich der landwirtschaftlichen Biotechnologie. PR-Agenturen und Heerscharen von Lobbyisten sind von Biotech- und Agrarkonzernen beauftragt, Einfluß auf die öffentliche Meinung und die der Politiker zu nehmen. Industrielle Landwirtschaft, gentechnisch veränderte Pflanzen und Weltmarktorientierung werden von ihnen zur alleinigen Möglichkeit für die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung erklärt.</p><p><strong>Unterm Preisdiktat der Multis</strong></p><p>Am effektivsten ist die Einflußnahme allerdings, wenn die Industrie die Gesetze selbst schreibt. Dieses Vorgehen bezeichnet die französische Journalistin Marie-Monique Robin als das Prinzip der »revolving doors«, als Drehtüreffekt. Konzernmitarbeiter wechseln zwischen ihren Arbeitsplätzen in der Industrie, in der Politik und in den gesetzgebenden Institutionen hin und her.6 Ein aktuelles Beispiel für diese Praxis in Europa ist Suzy Renckens, frühere Abteilungsleiterin für Gentechnik (verantwortlich für die Zulassung von GM-Pflanzen) in der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA), die Anfang 2010 direkt zu Syngenta wechselte. Dagegen wechselt Diana Banati, die EFSA-Chefin, nicht hin und her, ihr Engagement für die Industrie ist quasi nebenberuflich: Sie hat gleichzeitig eine führende Position beim ILSI (International Life Science Institute). Das Institut gibt sich zwar gemeinnützig, ist aber faktisch ein – zwar verkappter, aber riesiger – Lebensmittellobbyist. Das ILSI vertritt die Interessen von Konzernen wie Monsanto, Syngenta, BASF, Dupont, Coca Cola, Nestlé, Unilever, Groupe Danone (siehe hierzu Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament, Pressemitteilung vom 30. September 2010).</p><p>Die Welternährung ist mittlerweile ein attraktives, krisensicheres Geschäft. Auch wenn die Verdopplung bis Verdreifachung der Weltmarktpreise von 2008 (im Vergleich zu 2007) inzwischen Vergangenheit ist, sind sich die FAO, das International Food and Policy Research Institute (IFPRI) und andere Institutionen einig, daß die Weltmarktpreise für Lebensmittel dauerhaft und deutlich über dem Niveau früherer Jahre bleiben werden. Dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den langjährigen Bemühungen der Saatgut- und Agrochemiebranche, diesen Bereich umfassend zu kontrollieren, was den Hebel für ein entsprechendes Preisdiktat bildet. Das Saatgut hat eine Schlüsselposition: Wer dieses kontrolliert, hat die industrielle landwirtschaftliche Produktion weitestgehend im Griff. Wie gezeigt wurde, arbeitet die Industrie, um das zu erreichen, auf drei Ebenen: erstens auf der biologisch-technischen Ebene, indem sie Saatgut erzeugt, das bei Wiedergewinnung (Nachbau) stark geminderte Erträge bringt oder perspektivisch völlig steril sein könnte; zweitens auf der juristischen Ebene, mit Gesetzen zu geistigen Eigentumsrechten und Abkommen zur Standardisierung und Normierung für gehandelten pflanzlichen Samen, und drittens auf der Ebene des Marktes mit dem Bemühen, »Landsorten« im globalen Maßstab zu verdrängen.</p><p>Der zweite Teil dieses Beitrags wird sich mit der Verdrängung der Landsorten befassen, mit den Bemühungen, die Standardisierung und Normierung der Sorten weiter auszubauen, aber auch mit den Initiativen und Kämpfen für bäuerliches »krisensicheres« Saatgut, d. h. der in diesem Bereich einzigen ernsthaften Möglichkeit, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, dem Monopoldiktat zu trotzen und langfristig ausreichende, gesunde Nahrungsmittel für alle zugänglich zu machen.</p><p>1 Philip Howard: Visualizing Consolidation in the Global Seed Industry, 1996–2008 5 <a href="http://www.mdpi.com/2071-1050/1/4/1266">www.mdpi.com/2071-1050/1/4/1266</a> und ETC -Group:Who Owns Nature? Corporate Power and the Final Frontier in the Commodifica­tion of Life, 2008</p><p>2 mehr Infos unter: <a href="http://www.no-patents-on-seeds.org">www.no-patents-on-seeds.org<br /> </a><br /> 3 Report: Patenting »Climate Genes« and Capturing the Climate Agenda, www.etc-group.org</p><p>4 Mehr dazu unter <a href="http://www.ig-nachbau.de">www.ig-nachbau.de<br /> </a><br /> 5 siehe Fußnote 1</p><p>6 Marie-Monique Robin: »Mit Gift und Genen – Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert«, München 2009</p><p>Anne Schweigler ist Ethnologin und aktiv in der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie und in der Saatgutkampagne (www.saatgutkampagne.org). Peter Clausing, ebenfalls Mitglied der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie, veröffentlichte unter dem Pseudonym Klaus Pedersen »Naturschutz und Profit« (Unrast Verlag, Münster 2008)</p><p>Erschienen in: <a href="http://www.jungewelt.de/2010/10-14/017.php?sstr=">Junge Welt vom 14.10.2010</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/10/14/im-griff-der-monopole/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Kommentiert: The Coming Food Coups by Natsios &amp; Doley</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/#comments</comments> <pubDate>Mon, 31 Aug 2009 00:00:47 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Food Riots]]></category> <category><![CDATA[Hungersnot]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[Preisexplosion]]></category> <category><![CDATA[Subventionen]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=72</guid> <description><![CDATA[In ihrem Beitrag &#8220;The Coming Food Coups&#8221;, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom Center for Strategic and International Studies herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die Famine Theory ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>In ihrem Beitrag <a href="http://www.twq.com/09winter/docs/09jan_NatsiosDoley.pdf">&#8220;The Coming Food Coups&#8221;</a>, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom <em>Center for Strategic and International Studies</em> herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die <em>Famine Theory</em> ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den Hungersnöten, &#8220;<em>a body of knowledge about the microeconomic dynamics of famines, the vulnerability of people to food price shocks, and the common patterns of behavior people use to try to survive in different stages of a famine</em>&#8220;.</p><p>Ihrer Meinung nach müssen Politiker ausgerüstet sein, um die Sicherheits- (und andere) Konsequenzen derartiger Entwicklungen zu minimieren. Dabei betrachten sie &#8211; im Gegensatz zu Paul Collier (vgl. <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=144">Medien-Offensive des Agrobusiness [1]</a>) &#8211;  die Rücknahme von Subventionen (z.B. für Agrotreibstoffe) in einer bürgerlichen Demokratie als unrealistisch.</p><blockquote><p>»The likelihood of a substantial reduction in U.S. corn-based ethanol subsidies is unlikely. Once democratic governments begin to subsidize something, withdrawing the subsidy becomes politically very difficult, mainly because the subsidies create constituencies which make a great deal of money and wield substantial political power.«</p></blockquote><p>Im Abschnitt »What We Know About Famine« führen uns die Autoren zu folgender erstaunlicher Erkenntnis:</p><blockquote><p>»Famines are seldom caused by the absence of food, but rather by an individual’s inability to access food that is available.«</p></blockquote><p>So weit so gut. Zugleich wird uns aber mitgeteilt, dass die Hungersnot in dem Maße abnimmt, in dem sich die Zahl der zu stopfenden Mäuler durch den Tod des schwächeren Teils der Bevölkerung verringert:</p><blockquote><p>»Famine is &#8230; climaxing in widespread mortality, and then followed by reduced mortality as the death of the most vulnerable people reduces the number of mouths to feed.«</p></blockquote><p>Liegt es also doch an der Menge der verfügbaren Nahrungsmittel ? So richtig schlau wird man aus der zynischen Betrachtungsweise der Autoren nicht.</p><p>Ausgehend von der Feststellung, dass das Horten von Nahrungsmitteln die Versorgungssituation verschlimmert, kommen die Autoren unter bemerkenswerter Ignorierung der Tatsache, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen, also Horten in globalem Maßstab, maßgeblich zur 2008er Preisexplosion beigetragen hat, zu der frappierenden Einsicht:</p><blockquote><p>»Market-based interventions work best to stop hoarding.«</p></blockquote><p>Interessant für eine Publikation aus dem <em>Center for Strategic and International Studies</em> ist das Eingeständnis, <em>&#8220;The Iraqi insurgency was partially fueled by the migration of destitute young men from rural areas&#8221;</em> auch wenn schützend die Behauptung hinzugefügt wird <em>&#8220;where the agricultural economy had collapsed before the Iraq war had begun.&#8221;</em></p><p>Für Afghanistan sehen es die Autoren ähnlich:<em> »&#8230;(T)he increase in food prices in Afghanistan, &#8230; may contribute to an increase in the number of Taliban recruits.«</em>, was in Anbetracht der Tatsache, dass trotz zig Milliarden &#8220;Entwicklungshilfe&#8221; (militärischer und ziviler Art) 35% der 26.6 Millionen Afghanen chronisch hungern, nicht verwunderlich ist. Im ersten Halbjahr 2008 hat es 12 bewaffnete Überfälle auf Nahrungsmittelkonvois des World Food Program (WFP) gegeben, im Jahr 2007 waren es insgesamt 30 (Zur Instrumentalisierung des eigentlich der UNO unterstehenden WFP für die US-amerikanische Außenpolitik siehe <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=142">hier</a>).</p><p>Das sicherste Mittel gegen Hungersnöte, so schlussfolgern Natsios &#038; Doley, ist eine gut funktionierende bürgerliche Demokratie. Ihr schlagkräftigster Beweis ist, dass es in Indien seit Einführung der Demokratie keine Hungersnot mehr gegeben habe. Mehrere Hundert Millionen chronisch Hungernder fallen da offenbar ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, dass sowohl während der Hungersnöte in Indien im 19. Jahrhundert als auch während der <em>Great Irish Famine </em>(1845-1852) ein Nettoexport von Lebensmitteln ins demokratische &#8220;Mutter&#8221;land Großbritannien stattfand. Diese Hungersnöte hielten übrigens den Kriterien von Natsios &#038; Doley stand &#8211; es waren solche, bei denen sich an ein »Klimaxstadium verbreiteter Mortalität eine Periode abnehmender Mortalität« anschloss.</p><p>Die Autoren, die Food Riots und die daraus resultierenden Sicherheitskonsequenzen fürchten, greifen am Ende ihres Beitrages in die Kiste mit den guten Ratschlägen, um im Abschnitt »<em>What to do</em>« mit einer »<strong>Vier-Zinken-Strategie</strong> künftigen Preisanstiegen entgegen zu wirken«.</p><p><strong>Zinke 1:</strong> Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklungsprogramme, einschließlich 1,2 Milliarden Dollar von der Weltbank; Verdopplung des Budgets der Consultative Groups on International Agricultural Research (CGIAR); verstärkte Investitionen in gentechnisch modifizierte (GM-) Sorten; Grüne Revolution für Afrika; und <strong>eine Gegenoffensive gegen die anti-Biotechnologie und anti-GM-Kampagnen</strong>.</p><p><strong>Zinke 2:</strong> Etablierung eines Frühwarnsystems »<em>to meet rapid increases in food prices with new tools, new market-based approaches, and improvements in existing tools</em>«, ähnlich dem »<em>Famine Early Warning Systems Network</em>« (FEWS NET) von USAID, FEWS NET sollte über die bisherigen 25 Länder hinaus ausgedehnt werden.</p><p><strong>Zinke 3:</strong> Marktinterventionen (wieso das jetzt plötzlich ?).</p><p><strong>Zinke 4:</strong> Einstampfen der Subventionen für die Herstellung von Agrotreibstoffen aus Getreide (nun also doch !?).</p><p><b>Quelle:</b></p><p><i>Klaus Pedersen</i>, 31.8.2009 &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>David gegen Goliath?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/#comments</comments> <pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:00:06 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[IAASTD]]></category> <category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category> <category><![CDATA[Produktivität]]></category> <category><![CDATA[Via Campesina]]></category> <category><![CDATA[Weltagrarbericht]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=130</guid> <description><![CDATA[Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung</b></p><p>Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.</p><p>Doch das Thema Welternährung steht nicht nur aufgrund von Preisexplosionen und Hungerprotesten auf der Tagesordnung. Unterschiedliche Modellrechnungen prognostizieren bei einer globalen Zunahme der Durchschnittstemperatur von etwa drei Grad Celsius regionale Ernteeinbußen zwischen 20 und 50 Prozent, je nachdem, ob man die Ernteausfälle infolge von Überflutungen und Dürreperioden mit einrechnet oder den extrapolierten Verlust auf die Folgen von »Hitzestreß« begrenzt<sup>1</sup>. Dabei befindet sich eine angenommene Erwärmung um drei Grad nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC eher am unteren Ende der Skala des Erwarteten. Bislang spricht mehr dafür als dagegen, daß Mike Davis Recht behalten wird, der im Juni 2008 feststellte: »Wie das UNDP in seinem letztjährigen Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen – beides Größen mit geringem oder gar keinem politischen Gewicht. Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder und Klassen in eine aufgeklärte ›Solidarität‹.«<sup>2</sup></p><p>Darüber, daß die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist und daß hier massiver Handlungsbedarf besteht, besteht inzwischen allgemeiner Konsens. Das kommt in den Erklärungen der letzten G-8-Gipfel und in der Bildung einer speziellen Arbeitsgruppe beim Generalsekretär der Vereinten Nationen ebenso zum Ausdruck wie in Erklärungen kritischer Wissenschaftler, Basisinitiativen und Nichtregierungsorganisationen. Die zwei prinzipiellen Lösungswege, die zur Debatte stehen, um der sich abzeichnenden Zuspitzung der Situation zu begegnen, divergieren jedoch so stark, daß man sie als antagonistisch bezeichnen könnte. Eingedenk der herrschenden Kräfteverhältnisse entspricht es einer David-gegen-Goliath-Konstellation.</p><p>Der von den Mächtigen bevorzugte Ansatz beinhaltet die beschleunigte Ausweitung hochproduktiver Systeme, wobei die Worthülse »Nachhaltigkeit« in den Beschreibungen dieses von Welternährungsorganisation, Weltbank und anderen Institutionen unterstützten Konzepts nicht fehlen darf. In der Praxis sind mit »hochproduktiven Systemen« Hochleistungssorten gemeint, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann. Die Befürworter dieses Weges verweisen auf die Erträge in Modellversuchen. So erreichten die Maiserträge von Beispielbetrieben in Äthiopien, Malawi, Mali, Moçambique, Nigeria und Uganda das Drei- bis Fünffache des jeweiligen Landesdurchschnitts<sup>3</sup>. Solche Vergleiche suggerieren, daß diese Art zu produzieren der einzige Weg zu höheren Erträgen ist.</p><p><b>Ressourcenplünderung</b></p><p>Abgesehen von der Frage, ob hohe Ertragssteigerungen auch auf andere Weise erzielt werden können, läßt der Rückblick auf die »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre begründete Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Ansatzes zu. Wer den in diesem Jahr publizierten 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD), eines Gremiums von rund 400 Wissenschaftlern, aufmerksam liest, stößt an vielen Stellen auf Hinweise, die das belegen<sup>4</sup>. Die Grüne Revolution war laut IAASTD-Bericht die technologische Antwort auf gescheiterte, oftmals aber auch gewaltsam unterdrückte Agrarreformen. Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden<sup>5</sup> – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.</p><p>Doch die Verfechter dieses Modells fordern unverdrossen ein »Weiter so«. Darüber hinaus nutzen die Lobbyisten der Gentechnik die plötzliche Publizität des Themas Welternährung, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit genmanipulierte Pflanzen als ultimative Lösung des Problems feilzubieten. Stellvertretend sei Douglas Kell, der Leiter des britischen Forschungsrats für Biotechnologie und Biologische Wissenschaften (BBSRC), zitiert, der in einem BBC-Interview am 27.April 2009 eine »maßgebliche Entwicklung der Agrarwissenschaften« einforderte, um weiteren Hungerrevolten vorzubeugen. Da der BBSRC die Gentechnik als eine von drei Säulen der Ertragssteigerung betrachtet<sup>6</sup>, kann man sich ausrechnen, was Kell meint. Noch werden laut IAASTD auf 93 Prozent der globalen Ackerfläche konventionelle Sorten angebaut. Folglich läßt sich da viel »entwickeln«. So hat die britische Regierung beschlossen, die Versorgung »der Armen in der Welt« mit genmanipuliertem Saatgut mit 100 Millionen Pfund unterstützen zu wollen, wie der Guardian am 19. Juli berichtete – wobei ein großer Teil dieser Gelder an Forschungsinstitute geht, die etwa dürreresistenten Mais entwickeln, sowie an den Agrarkonzern Syngenta<sup>7</sup>. Daß sowohl im IAASTD-Bericht4 als auch in der jüngsten Publikation der »Union of Concerned Scientists«8 den Gentechnik-Sorten bescheinigt wird, im Vergleich zu konventionellen Sorten keine besseren Erträge zu bringen, scheint da wenig zu stören.</p><p><b>Effiziente Alternativen</b></p><p>Auch die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die in den letzten zehn bis 20 Jahren stark vernachlässigt wurde (siehe dazu auch Seite 7) – und die Förderung einer darauf ausgerichteten Agrarforschung. Das von ihnen verfolgte Konzept dürfte in dem von der internationalen Kleinbauernorganisation »Via Campensina« geprägten Begriff »Ernährungssouveränität« am prägnantesten zusammengefaßt sein. Kernstück ist die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf nachhaltige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevölkerung produzieren soll. Hierbei geht es nicht um die Revitalisierung überlebter Traditionen, sondern um Überlebensstrategien in einer rauhen neoliberalen Wirklichkeit. Wichtige Komponenten des Konzepts der Ernährungssouveränität sind Landreformen, die Stärkung der Rechte der Bauern und Landarbeiter, die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik, soziale Gerechtigkeit und der Schutz vor Billigimporten. Selbstversorgung sowie lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor einer Exportorientierung haben. Mehrere Länder, darunter Nepal, der Senegal und Venezuela, haben das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihren Verfassungen verankert.</p><p>Es gibt sowohl akademische als auch praktische Beweise für die Tragfähigkeit dieses Konzepts. Eine 2007 publizierte Meta-Analyse von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Anbausysteme dokumentierte, daß man problemlos die eine oder andere Arbeit herauspicken könnte, um entweder die konventionellen oder biologischen (einschließlich quasi-biologischen) Anbaumethoden als überlegen darzustellen<i>9</i>. Bei einer Gesamtbetrachtung aller Arbeiten zeichnet sich jedoch de facto kein Unterschied im Ertragspotential des einen oder des anderen Verfahrens ab – wohl aber in bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Autoren räumen ein, die tatsächlich erzielten Erträge des (quasi-)biologischen Anbaus in den Ländern des Südens vermutlich unterschätzt zu haben, weil die Vergleiche nur in bezug auf eine Fruchtart angestellt wurden. Der Output an Kalorien je Flächeneinheit ist jedoch aufgrund der anzutreffenden »Multicropping«-Systeme (Felder mit mehreren gleichzeitig angebauten Früchten) oftmals höher. Eine Forschergruppe um Peter Rosset, Direktor der US-Entwicklungshilfeorganisation »Food First« führte darüber hinaus einen Produktivitätsvergleich zwischen kleinen und großen Landwirtschaftsbetrieben in 15 Ländern des Südens durch. Wenngleich für eine einzelne Frucht die Hektarerträge in den Großbetrieben oftmals höher waren, war die Gesamtproduktivität pro Flächeneinheit bei den kleineren Betrieben um den Faktor zwei bis zehn größer<sup>10</sup>. Als Gründe für diesen Unterschied nennt Rosset das erwähnte Multicropping, eine höhere Arbeitsintensität pro Flächeneinheit und eine effektivere Bewässerung.</p><p><b>Von der Not zur Tugend</b></p><p><i>Zu den Erfolgsbeispielen der praktischen Anwendung des Konzepts der Ernährungssouveränität zählen das unfreiwillige »Großexperiment« Kuba und die Erfolge der brasilianischen Landlosenbewegung MST.</i></p><p>Nach dem Kollaps des sozialistischen Lagers brach für Kuba nicht nur der Absatzmarkt über Nacht weg, sondern auch die bislang von dort importierten Produktionsmittel wie Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, Maschinen und Ersatzteile fehlten plötzlich. Im Ergebnis schrumpfte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion von 1986 bis 1995 um jährlich fünf Prozent. Die erzwungene Neuorientierung machte Kuba zum ersten Land, das begann, biologischen Landbau in nationalem Maßstab zu betreiben – mit dem Erfolg, daß, nachdem diese Umstellung ihre Wirkung entfaltete, von 1996 bis 2005 die Pro-Kopf-Produktion wieder um jährlich 4,2 Prozent wuchs. In diesem Fall wirkte sich das US-Embargo ausnahmsweise begünstigend aus: Kuba war vor importierter Billigware weitgehend geschützt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das in Kuba gut etablierte Campesino-a-Campesino-System der Weitervermittlung von Erfahrungen<sup>11</sup>. Nahezu die Hälfte der unabhängigen Kleinbauern Kubas in rund 100000 Familienbetrieben erzeugen mit ihren agroökologischen Methoden pro Hektar mehr Nahrung als die industrialisierten Großbetriebe. Von den 25 Prozent der bebaubaren Fläche, die auf diese Weise genutzt wird, kommen 65 Prozent der nationalen Nahrungsmittelproduktion. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß die Zerstörungen der drei Hurricans, die Kuba 2008 getroffen haben, ihren Tribut gefordert haben: Momentan importiert Kuba nach inoffiziellen Angaben 55 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs – ein dramatisches Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Dessen ungeachtet haben die Kubaner sich vorgenommen, die Fläche ökologischen Anbaus auf 1,5 Millionen Hektar auszudehnen, was, effizient genutzt, genügen würde, um die Ernährungssouveränität des Landes herzustellen.</p><p>Im Zuge der vom brasilianischen MST praktizierten »umverteilenden« Landreform waren 2002 acht Millionen Hektar Land besetzt und von etwa einer Million Menschen in Besitz genommen worden. Die sozioökonomischen Kennziffern dieses rebellischen landwirtschaftlichen Experiments sind beeindruckend. Die Nutznießer der Landreform haben im Durchschnitt ein Einkommen, das dem 3,7fachen des nationalen Mindestlohns entspricht, während Landlose nur 70 Prozent des Mindestlohns erhalten<sup>11</sup>. Die Kindersterblichkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch halb so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Mit dieser Strategie werden nicht nur die vor Ort benötigten Nahrungsmittel produziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, deren Einrichtung in der Industrie nach Schätzungen zwei- bis 20mal teurer ist.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Battisti &#038; Naylor (2009): Science 323, S. 240-244; und Daten von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC</li><li>Davis, M. (2008): Willkommen im Anthropozän; <a href="http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php" target="_blank">www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php</a></li><li>FAO: The State of Food Insecurity in the World 2008. FAO, 2008</li><li>IAASTD: Global Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li>IAASTD: Synthesis Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li><a href="http://www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf" target="_blank">www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf</a></li><li><a href="http://www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding" target="_blank">www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding</a></li><li><a href="http://www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf" target="_blank">www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf</a></li><li>Badgley u.a. (2007): Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108</li><li><a href="http://www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf" target="_blank">www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf</a></li><li>Rosset, P. (2009): Monthly Review 61, Nr. 3, S. 114–128</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 05.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br /> URL: <a href="http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112" target="_blank">http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112</a> (Nur im Online-Abo)</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Gepflanzte Profite</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/#comments</comments> <pubDate>Thu, 16 Oct 2008 12:00:00 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=122</guid> <description><![CDATA[Der heutige 16. Oktober wurde 1979 zum Welternährungstag erklärt. Es ist der Gründungstag der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die im Jahr 1945 an diesem Tag geschaffen wurde. Der Welternährungstag steht jedes Jahr unter einem besonderen Thema. Im vorigen Jahr lautete das Motto »Das Recht auf Nahrung ist keine Utopie«. Die reale Politik der FAO [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Der heutige 16. Oktober wurde 1979 zum Welternährungstag erklärt. Es ist der Gründungstag der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die im Jahr 1945 an diesem Tag geschaffen wurde. Der Welternährungstag steht jedes Jahr unter einem besonderen Thema. Im vorigen Jahr lautete das Motto »Das Recht auf Nahrung ist keine Utopie«. Die reale Politik der FAO disqualifiziert dieses Motto zur hohlen Phrase, denn dieses Recht ist unlängst für weitere zig Millionen Menschen zur Utopie geworden. Es ist seit längerem bekannt, daß das sowohl vom Welternährungsgipfel 1996 als auch von der »Millenniumserklärung« der UNO im Jahr 2000 definierte Ziel, die Zahl der chronisch hungernden Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren, nicht erreicht wird. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß es nicht einmal gelingen wird, diese Zahl konstant zu halten. Laut FAO erhöhte sich zwischen 1992 und 2005 die Zahl der chronisch Hungernden zunächst von 842 auf 848 Millionen Menschen, um dann im Jahr 2007 sprunghaft auf 943 Millionen zu steigen. Eine weitere dramatische Erhöhung in diesem Jahr ist absehbar.</p><p>Diese trockene Statistik macht die Gefahr deutlich, daß der Skandal und die Tragödie, die sich hinter den nüchternen Zahlen verbergen, aus dem Blickfeld geraten. Der Skandal besteht darin, daß weltweit genügend Nahrung vorhanden ist: In den letzten 20 Jahren wuchs die Nahrungsmittelproduktion schneller als die Weltbevölkerung, nämlich im Durchschnitt um über zwei Prozent jährlich, während sich im gleichen Zeitraum das Bevölkerungswachstum global auf 1,14 Prozent reduzierte. Laut FAO gab es nach der Rekordgetreideernte von 2007 anderthalbmal mehr Nahrung, als der derzeitige Bedarf ausmacht.</p><p>Angesichts dieser Konstellation ist die Tragödie umso empörender, die in der Hoffnungslosigkeit und dem Schmerz besteht, unter denen fast eine Milliarde Menschen gezwungen sind zu leben. Chronischer Hunger bei 15 Prozent der Weltbevölkerung beschränkt sich nicht auf fehlende Lebensperspektiven. Er bedeutet regelmäßig wiederkehrende Magenkrämpfe und erhöhte Krankheitsanfälligkeit. Umgekehrt zeigt eine im Februar veröffentlichte Langzeitstudie, die das International Food Policy Research Institute (IFPRI) mit 1400 Personen in Guatemala durchführte, daß jene Hälfte, die in der Kindheit in den Genuß eines Kinderspeisungsprogramms gekommen war, im späteren Leben ein 50 Prozent höheres Einkommen hatte. Laut FIAN (FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk) starben schon vor der Explosion der Lebensmittelpreise täglich 25000 Menschen an Hunger. Der Aufschrei blieb bislang aus. Es ist der stille Tod von neun Millionen Menschen jährlich. Es sind die – anscheinend anonymen – »Kräfte des Marktes«, die Jahr für Jahr eine über den globalen Süden verteilte Katastrophe verursachen. Und es bedurfte der Hungerrevolten, die in diesem Jahr innerhalb weniger Monate in rund 40 Ländern ausbrachen, damit dieses Thema sowohl in den Schlagzeilen der Weltpresse als auch in den Gremien der zwischenstaatlichen Organisationen Beachtung fand.</p><p><b>Wirkungsloser Aktionsplan</b></p><p>»Ungerechte Handelsabkommen und Agrarexportsubventionen sind maßgeblich für die zunehmende Armut und den Hunger sowie für die Zerstörung der Märkte der Entwicklungsländer verantwortlich«, schrieben Annette Groth und Alexander King im jW-Thema vom 13. Juni 2008 und belegten dies mit eindrucksvollen Beispielen. Der Hunger in der Welt existiert nicht wegen des oft zitierten »fehlenden politischen Willens«, sondern die Ernährungskrise ist das Ergebnis politischen Willens. Sie wird zugunsten von Unternehmensprofiten bewußt in Kauf genommen. Eben dieser politische Wille verunglimpft knapp eine Milliarde Menschen mit einem permanenten Zynismus. So äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am 17. April 2008 unter Bezugnahme auf 300 Millionen Menschen in Indien, die jetzt eine zweite Mahlzeit am Tag einnehmen: »Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen, als sie das früher gemacht haben, und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen, Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere.«<sup>1</sup> Diese Äußerung erfolgte anläßlich der Inbetriebnahme einer Anlage zur Herstellung von synthetischem Agrokraftstoff bei Choren Industries im sächsischen Freiberg. Merkel versuchte damit, die Bedeutung dieser Treibstoffe bei der Preisexplosion der Nahrungsmittel herunterzuspielen. Abgesehen davon ist das Nachplappern einer vom US-Präsidenten George W. Bush verbreiteten Behauptung auch sachlich falsch, wie in der Oktober-Ausgabe des Seedling der international für landwirtschaftliche Biodiversität eintretenden Nichtregierungsorganisation GRAIN belegt wird.<sup>2</sup></p><p>Nachdem Regierungen, die UNO und andere zwischenstaatliche Organisationen die Existenz einer globalen Ernährungskrise schließlich eingestanden hatten, wurde im April 2008 zwecks Krisenmanagement eine Koordinierungsgruppe geschaffen, die »High Level Task Force on the Global Food Crisis«, in der sämtliche für das Thema Ernährung relevanten UN-Organisationen vertreten sind – also nicht nur die FAO, sondern auch die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO). Die Koordinierungsgruppe veröffentlichte im Juli 2008 einen »Comprehensive Framework of Action« (CFA, Rahmenaktionsplan gegen den Hunger).<sup>3</sup></p><p>Dieser Rahmenaktionsplan spricht sich dafür aus, daß angemessene Ernährung ein international anerkanntes Menschenrecht ist und die sozialen Sicherungssysteme in den betroffenen Ländern gestärkt werden; er fordert die gezielte Unterstützung von Kleinbauern und schlägt eine Überprüfung der Handels- und Zollpolitik vor. Das Netzwerk FIAN veröffentlichte im September ein Positionspapier4, in dem es die Empfehlungen des Rahmenaktionsplans im Prinzip begrüßt, diese jedoch wegen ihrer fehlenden Spezifität und der daraus resultierenden Wirkungslosigkeit scharf kritisiert. Der Plan stellt mit seiner Oberflächlichkeit insofern ein bedenkliches Signal dar, als das Dokument aufgrund der Zusammensetzung der »High Level Task Force« als Konsens aller wichtigen UN-Institutionen angesehen werden muß.</p><p>Das vom Rahmenaktionsplan genannte Recht auf angemessene Ernährung wurde bereits im Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.Dezember 1948 festgeschrieben und ist daher nichts Neues. Im gleichen Atemzug leistet aber der Plan mit bestimmten Formulierungen »der Kriminalisierung sozialer Bewegungen und weiteren Menschenrechtsverletzungen Vorschub«. Zugleich kritisiert FIAN, daß der Aktionsplan keine Antwort auf die Frage gibt, wie das Menschenrecht aller Opfer von Hunger und Unterernährung durchgesetzt und institutionalisiert werden kann.</p><p><b>Saatgut macht Bauern abhängig</b></p><p>Während der Rahmenaktionsplan das weltweite Potential des ökologischen Landbaus für die Kleinbauern lobt und sich zurückhaltend, ja fast kritisch zu gentechnisch veränderten Sorten äußert, bleibt in dem angebotenen »Handlungsmenü« eine der Kernfragen – die nach den beiden wichtigsten Ressourcen Land und Wasser – so gut wie unberücksichtigt. Die Tatsache, daß »der Zugang zu und die Kontrolle über Land und Wasser in den Händen einer immer kleineren Gruppe liegt (…) (wird) vollständig ignoriert. Im Rahmenaktionsplan werden keine Empfehlungen zur Sicherung des Anspruchs auf Land und Wasser ausgegrenzter Gruppen abgegeben«, kritisiert FIAN im Positionspapier.</p><p>Die vagen Äußerungen des Rahmenaktionsplans über die »Sicherung des Zugangs zu Landrechten (nicht etwa zu Land – K. P.) für Gemeinden und Personen, insbesondere marginalisierten Gruppen«, dürften ebensoviel praktischen Wert haben wie die papierne Feststellung eines Rechts auf angemessene Ernährung. Die im Plan zitierten Schätzungen über die erforderlichen Finanzmittel schwanken zwischen 25 und 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Mit anderen Worten, die Hälfte dessen, was der Irak-Krieg im Jahr verschlingt, würde ausreichen, um auf zehn Jahre verteilt ein globales Programm zur Überwindung der Ernährungskrise zu finanzieren. Dies als Ergänzung zur Frage nach dem politischen Willen. Wie wäre es, diese vergleichsweise lächerlichen Beträge strikt an die Bedingung zügig durchzuführender Landreformen zu koppeln – die in vielen Ländern des Südens irgendwann einmal angefangen, später aber abgewürgt wurden –, statt an die Bedingung der Liberalisierung der Märkte?</p><p>Wesentlich zielgerichteter dürften die Trägerorganisationen des Rahmenaktionsplans mit Empfehlungen wie »der Schaffung eines günstigeren Investitionsklimas« umgehen. Die Vorschläge laufen darauf hinaus, daß »effektive öffentliche Investitionen in die ländliche Entwicklung die Basis für steigende private Investitionen in Unternehmen bieten sollen, die wiederum Inputs und Dienstleistungen für Kleinbauern schaffen sollen«. Damit schließt sich der Kreis: Wir sind beim klassischen »Trickle-down«-Effekt der reinen Lehre des Neoliberalismus angekommen. Auch Professor Peter Michael Schmitz vom Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Universität Gießen behauptete in einer öffentlichen Anhörung des Bundestagsausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, daß es »unstrittig ist, daß Liberalisierung die Wohlfahrt der Entwicklungsländer fördert«. Doch auch er muß eingestehen: »Für Arme ist das Ergebnis dann immer noch völlig offen.« Zugleich ist für ihn die Marktmacht der großen Saatgut- und Pflanzenschutzfirmen »eher eine Legende«.</p><p>Schauen wir uns nur ein konkretes Beispiel dieser Legende an: Die Philippinen müssen einen Großteil ihres Reisbedarfs durch Importe abdecken. Die Situation war aufgrund der Explosion der Lebensmittelpreise in diesem Jahr so angespannt, daß dort Löschung und Binnentransport von Reislieferungen massiv militärisch abgesichert wurden. Im Mai 2008 unterzeichnete das philippinische Landwirtschaftsministerium mit dem Internationalen Reisforschungsinstitut (IRRI) ein Projektabkommen über 216 Millionen US-Dollar – man sollte meinen, um diesem Zustand abzuhelfen. Doch Schlüsselkomponente dieses Projekts sind Produktion und Verteilung von subventioniertem Hybridreis. Zum weiteren Verständnis: Im siebenköpfigen Aufsichtsrat des IRRI sitzen drei Vertreter von Saatgutkonzernen, ein Mitarbeiter von Bayer CropScience eingeschlossen.</p><p>Hybridsorten, egal von welcher Frucht, sind »ökonomisch steril«, das heißt, es kann kein brauchbares Saatgut aus eigener Ernte für die nächste Aussaat gewonnen werden. Das ist für Kleinbauern ein bedeutender Nachteil, denn sie müssen Saatgut kaufen. Bei Mais und Weizen haben Hybridsorten zumindest den Vorteil, daß sie höhere Erträge bringen, wenngleich aufgrund der teuren chemischen Inputs mit katastrophalen ökologischen und sozialen Langzeitfolgen. Bei Hybridreis war laut offiziellen philippinischen Statistiken aus dem Jahr 2003 der Ertrag jedoch niedriger als bei den bodenständigen Sorten. Das Projekt »ist für uns angesichts der schwachen Leistung des Hybridreisprogramms und der vielen Probleme, die über die Jahre aufgetreten sind, schwer zu verstehen«, sagte Jimmy Tadeo, Präsident des Nationalen Rats der Reisbauern. Wodurch wird eine Regierung zu einem solchen Vorgehen veranlaßt? Als Antwort kommen nur externer politischer Druck, Korruption oder Fehlinformation (etwa durch Lobbyarbeit) in Frage.</p><p><b>»Grüne« Revolution gegen rote</b></p><p>Genau so funktionierte die »grüne Revolution« in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Saatgut von Hybridsorten (Mais, Weizen) wurde anfangs staatlich subventioniert und verdrängte die bodenständigen Sorten. Nach Wegfall der Subventionen kam es bei den Kleinbauern des Südens zu einer schnell wachsenden Verschuldung, denn eine Rückkehr zu den alten Sorten war nicht mehr möglich; ökonomisch gesehen machten sich die Hybridsorten nur bei großflächigem Anbau bezahlt. Die Bauern verloren ihr Land an Gläubiger, die Slums der Städte füllten sich mit den landlos Gewordenen, und der Prozeß der Konzentration des fruchtbaren Bodens in den Händen relativ weniger erhielt neuen Aufschwung bzw. machte die Ergebnisse der Bodenreformen zunichte. Ein Ausdruck der sozialen Folgen der »grünen Revolution« sind die 150000 indischen Kleinbauern, die nach Schätzungen des Madras Institute of Development Studies zwischen 1997 und 2005 Selbstmord begingen, weil sie keinen Ausweg aus der Schuldenfalle sahen.</p><p>Davon abgesehen war diese »grüne Revolution« in ihrer Intention kein Aktionsprogramm gegen den Hunger, sondern eine strategische Maßnahme des Westens in der Zeit des kalten Krieges. William Gaud, der damalige Direktor von USAID, dem »Entwicklungshilfe«-Ministerium der USA, der 1968 den Begriff der »grünen Revolution« prägte, erklärte offen, daß es vor allem darum ging, die »roten« Revolutionen einzudämmen.</p><p>Die »grüne Revolution« trug zu einer kontinuierlichen Steigerung der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion, aber nicht zu einer genügenden Versorgung mit Nahrungsmitteln bei. Trotz ausreichender globaler Produktion sind heute Millionen Menschen unterernährt. Im Jahr 2001 gingen in Indien, dem Vorzeigeland der »grünen Revolution«, 320 Millionen Menschen hungrig zu Bett, und in 13 Bundesstaaten wurden Hungertote registriert. In eben diesem Jahr lagen dort 65 Millionen Tonnen Getreide ungenutzt auf Halde. Langfristig am gravierendsten dürfte jedoch die fehlende Nachhaltigkeit einer auf Hochleistungssorten basierenden Welternährung sein. Es gibt Belege, daß sich eine Landwirtschaft nach den Regeln der »grünen Revolution« im Bereich eines Nettoenergieverlusts bewegt. Das ist nach dem Naturgesetz der Entropie auf Dauer nicht tragfähig: Es werden mehr (fossile) Kalorien als Input verbraucht, als verdauliche Kalorien produziert werden. Darüber hinaus hat Intensivlandwirtschaft nach dem Muster der »grünen Revolution« dazu geführt, daß global inzwischen 75 Prozent des verfügbaren Wassers durch die Landwirtschaft verbraucht werden, was angesichts der sich entfaltenden weltweiten Wasserkrise ebenfalls sehr kritisch zu betrachten ist.</p><p>Im Gegensatz zur Intensivlandwirtschaft werden in der traditionellen Landwirtschaft bis zu zehnmal mehr Kalorien für Nahrung produziert als während der Produktion der Nahrung verbraucht wurden. Auch der Weltagrarrat, ein von der UNO berufenes Gremium von 400 Landwirtschaftsexperten, hat sich in seinem im April dieses Jahres in Paris vorgelegten ersten Bericht für eine Rückkehr zu traditionellen Anbaumethoden mit herkömmlichen Produktionsweisen, angestammtem Saatgut und natürlichem Dünger ausgesprochen.</p><p>Ein vom Agrobusineß sorgfältig gehegter Mythos sind die vermeintlich geringeren Erträge bei traditionellem Anbau. Im Gegensatz dazu kommt eine umfassende Analyse<sup>5</sup>, in der die Ergebnisse von über 300 Studien zu beiden Anbauverfahren verglichen wurden, zu dem Schluß, daß eine Ertragsüberlegenheit weder für das eine noch für das andere Anbauverfahren erkennbar war. Eine weitere Schlußfolgerung dieser Analyse besteht darin, daß die derzeitige Weltbevölkerung auf der Basis biologischen Anbaus ernährt werden könnte.</p><p><b>Nächstes Opfer: Afrika</b></p><p>Davon unbeeindruckt drohen inzwischen zwei weitere »grüne Revolutionen«. Die erste ist hinlänglich bekannt: Seit Jahren wird von den multinationalen Agrarkonzernen die Bekämpfung des Hungers mit gentechnisch veränderten Pflanzen versprochen. Obwohl sogar durch Gentechnik vermittelte Ertragssteigerungen – die aber nicht den Hunger bekämpfen – bislang auf dem Niveau eines Marketingbegriffs verharren, triumphiert das Agrobusineß alljährlich über zweistellige Wachstumszahlen in der Anbaufläche gentechnisch veränderter Pflanzen. Dank Lobbyarbeit und dank an entsprechende Bedingungen geknüpfter »Entwicklungshilfe« umfaßt diese inzwischen sieben Prozent der globalen Ackerfläche (114 Millionen Hektar in 23 Ländern). Davon decken Soja, Mais und Raps 90 Prozent der Anbaufläche ab, also genau jene Nutzpflanzen, die als Tierfutter und zur Herstellung von Agrotreibstoffen verwendet werden sowie durch Flächenkonkurrenz bzw. subventionierte industrielle Nutzung maßgeblich zur Explosion der Lebensmittelpreise beigetragen haben. Die Lobbyisten der Agro-Biotechnologie-Agentur ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications) hingegen sprechen von der Erreichung eines »sehr wichtigen Meilensteins von humanitärer Bedeutung im Jahr 2007« – die Zahl der »ressourcenarmen Kleinbauern«, die in den Genuß der Segnungen gentechnischer Sorten kam, habe erstmals die Zehn-Millionen-Grenze überschritten. Auf dem afrikanischen Kontinent hat die Gentechnik bislang nur in Südafrika Fuß fassen können.</p><p>Das soll sich jetzt ändern – mit Hilfe der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA). Sie wurde 2006 von der Bill &#038; Melinda Gates Stiftung und der Rockefeller-Stiftung ins Leben gerufen. Inzwischen sind auch die Weltbank und zahlreiche andere Institutionen beteiligt. Kofi Annan fungiert als Chef dieser Allianz. Während seiner Amtszeit als UN-Generalsekretär hatte Annan mehrfach die Gentechnik als Lösung des Hungerproblems in Afrika propagiert. In seiner neuen Funktion erklärte er im Juli 2007, daß Gentechnikpflanzen nicht Teil des AGRA-Programms sein werden. Zehn Tage später, am 24.Juli 2007, korrigierte die AGRA diese Äußerung und stellte klar, die Allianz stünde Wissenschaft und Technologie, einschließlich Gentechnologie, aufgeschlossen gegenüber, um afrikanische Kleinbauern »bei ihren dringenden Bemühungen zu unterstützen, Armut und Hunger auszumerzen«. Da ist es nur logisch, daß auf der AGRA-Jahreskonferenz im August in Oslo Florence Wambugu, eine herausragende Befürworterin von Gentechnik und Biotechnologie, mit dem »Yara-Preis für eine grüne Revolution in Afrika« ausgezeichnet wurde. Doch selbst wenn man von der Gentechnik-Komponente des AGRA-Projekts absieht – bereits auf der Website wird klar: Es geht um die Schaffung von »Wertketten«, wie dort wiederholt betont wird. Die afrikanischen Kleinbauern werden sich über kurz oder lang mit patentiertem Saatgut und Kunstdünger überschüttet sehen, um später in den gleichen Teufelskreis einzutreten, in dem sich die indischen Bauern befinden.</p><p>Zu guter Letzt sei in Erinnerung gerufen, daß die Gates- und die Rockefeller-Stiftung gemeinsam mit den Agrarkonzernen Monsanto und Syngenta Millionenbeträge investierten, um auf Spitzbergen die weltgrößte Saatgutbank zu installieren. Diese nahm am 26. Februar 2008 ihren Betrieb auf. Auch das paßt ins Gesamtbild. Bereits 1978 kam die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA zu der Erkenntnis, daß die »grüne Revolution« mehr und mehr die eigene züchterische Ausgangsbasis unterhöhlte: »Der Prozeß stellt ein Paradox sozialer und ökonomischer Entwicklung dar, indem das Produkt der Technologie (Züchtung auf hohen Ertrag und Einheitlichkeit) die Ressourcen zerstört, auf denen die Technologie aufbaut.«<sup>6</sup></p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Siehe z. B. unter<br /> <a href="http://n-tv.de/Wenn_der_Inder_zweimal_isst_Merkel_findet_Erklaerung/170420081816/950504.html" target="_blank">n-tv.de/Wenn_der_Inder_zweimal_isst_Merkel_findet_Erklaerung/ 170420081816/950504.html</a></li><li><a href="http://grain.org/seedling_files/seed-08-10.pdf" target="_blank">grain.org/seedling_files/seed-08-10.pdf</a></li><li><a href="http://un.org/issues/food/taskforce/Documentation/CFA%20Web.pdf" target="_blank">un.org/issues/food/taskforce/Documentation/CFA%20Web.pdf</a></li><li><a href="http://fian.de/fian/index.php?option=content&#038;task=view&#038;id=599" target="_blank">fian.de/fian/index.php?option=content&#038;task=view&#038;id=599</a></li><li>C. Bagley u. a.: Organic agriculture and the global food supply, in: Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108 (2007)</li><li>M. Flitner: Sammler, Räuber und Gelehrte. Frankfurt/Main, New York 1995, S. 11 f.</li></ol></div><div class="infoframe">* Vom Autor erschien vor kurzem »Naturschutz und Profit. Menschen zwischen Vertreibung und Naturzerstörung«, Unrast Verlag Münster, 140 Seiten, 13,80 Euro</div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 16.10.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
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