<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung &#187; Nahrungskrise</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/category/nahrungskrise/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Wed, 11 Jan 2012 04:53:53 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/#comments</comments> <pubDate>Thu, 17 Nov 2011 08:34:21 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Food Riots]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agroökologie]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Kuba]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=673</guid> <description><![CDATA[Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis. Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?</strong></p><p>Von Peter Clausing<br /> <em><br /> Hunger ist die Alltagsrealität für ein Sechstel der Menschheit und &#8211; hungerbedingte Krankheiten mitberücksichtigt &#8211; die Todesursache für 10 Millionen Menschen jährlich. Spätestens seit der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2007/2008 ist klar, dass das Milleniums-Entwicklungsziel, den Anteil der Menschen, die Hunger leiden, von 1990 bis 2015 zu halbieren, nicht annähernd erreicht werden wird. Statt zu einer Reduzierung kam es 2008 zu einem Anstieg der Zahl der Hungernden. Dabei wird Jahr für Jahr genügend produziert, um &#8211; statistisch betrachtet &#8211; alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen.</em></p><div id="attachment_676" class="wp-caption alignnone" style="width: 310px"><a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096.jpg"><img src="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096-300x224.jpg" alt="" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" width="300" height="224" class="size-medium wp-image-676" /></a><p class="wp-caption-text">Marktfrauen in Zomba, Malawi</p></div><p><strong>Preisexplosionen, Proteste und verengte Sichtweisen</strong><br /> Als sich 2007/2008 innerhalb weniger Monate die Weltmarktpreise für Weizen und Mais verdoppelten und für Reis verdreifachten, gab es Hungerrevolten in mehr als 40 Ländern. J. Walton und D. Seddon dokumentierten 1994 in einem Buch, dass solche Food Riots zumeist nicht in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit physischen Hungersnöten stehen. Vielmehr sind sie ein seit über 400 Jahren praktiziertes Mittel, um bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Verhandlung zu bringen. Bei dieser als „Krawall“ stigmatisierten Form des sozialen Protests finden Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks statt. Es werden Forderungen nach Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen artikuliert. Und gelegentlich wird diesen Forderungen durch die Erstürmung von Supermärkten bzw. Vorratslagern Nachdruck verliehen &#8211; so auch 2007/2008. Die Gründe für die Preisexplosion vor reichlich drei Jahren haben noch heute Gültigkeit: Konkurrenz durch Agrotreibstoffe, Spekulation an den Getreidebörsen und – in geringerem Maß &#8211; Änderungen in den Ernährungsgewohnheiten (dazu Merkel in treuherziger Arroganz im April 2008: Der Preisanstieg sei nicht verwunderlich, wenn neuerdings 300 Millionen Inder eine zweite Mahlzeit einnähmen). In diesem Jahr lag der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) permanent über den Spitzenwerten von 2007/2008, doch Food Riots blieben anscheinend aus. Nicht ganz, denn das, was 2011 medial als „arabischer Frühling“ vermarktet wurde, hatte seinen Ausgangspunkt abermals in Protesten gegen erhöhte Lebensmittel. Im Januar, zu Beginn der Proteste in Tunesien, machten sich Kommentatoren großbürgerlicher Zeitungen noch Sorgen, ob es zu einer „zweiten globalen Welle von Hungerrevolten“ (Washington Post, 14.1.2011) kommen könnte. Teils mutierten diese Proteste in einen „arabischen Frühling“, teils wurde ihnen &#8211; in Erinnerung 2008 &#8211; dadurch vorgebeugt, dass strategische Reserven zur Preisstabilisierung auf den Binnenmarkt geworfen wurden – so in Äthiopien.<br /> Von (britischen) Politikern wurde 2008 eine kurzlebige Debatte über Essensverschwendung in den Metropolen losgetreten, die mit dem kürzlich veröffentlichten Buch Die Essensvernichter bzw. dem Film Taste the Waste eine Renaissance fand. Diese Diskussion hat durchaus ihre Berechtigung. In den Medien wird sie jedoch durch Statements wie „Die Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird, wird ungenutzt weggeworfen“ eurozentrisch verengt, denn weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung kauft ihre Lebensmittel in Supermärkten. Und Hungerkatastrophen, wie die gegenwärtige am Horn von Afrika, lassen sich nicht unmittelbar durch die Vermeidung von Lebensmittelvernichtung in den Metropolen des Nordens verhindern. Doch die angeprangerte Verschwendung legt gravierende „Systemfehler“ offen.</p><p><strong>Sackgassen und Auswege</strong><br /> Seit Jahren ist bekannt, dass Hunger vor allem dort herrscht, wo Nahrungsmittel produziert werden – nämlich auf dem Land, genauer gesagt auf dem Land in den Ländern des Südens. Die Erkenntnis, dass in diesen Regionen nicht genügend Nahrungsmittel produziert werden, könnte zu dem Fehlschluss führen, dass man das Problem damit lösen könnte, die „Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird“ (s.o.), statt sie zu vernichten, dorthin zu schaffen, wo die Nahrung fehlt. Das wäre keine Lösung des Problems. Von der hinlänglich kritisierten Zerstörung lokaler Ökonomien durch das Dumping von Lebensmitteln aus der EU und den USA abgesehen, wäre eine Verteilung von Nahrung über so riesige Flächen (bei zugleich fehlender verkehrstechnischer Erschließung) ein logistisches Unding und darüber hinaus ökologisch nicht wünschenswert. Ein weiterer Fehlschluss wäre die Etablierung landwirtschaftlicher Großflächenproduktion in „unterentwickelten“ Regionen – ein häufig benutztes Argument, um die unter dem Begriff Land Grabbing bekannt gewordenen großflächigen Landtransaktionen zu rechtfertigen, die seit über drei Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika grassieren.<br /> Welche nachhaltige Bewältigung der Welternährungskrise ist von Produktionssystemen zu erwarten, die 15 Kilokalorien an fossiler Energie verbrauchen, um eine Kilokalorie Nahrungsmittel zu produzieren? Damit wird zugleich der wichtigste Kritikpunkt an der oben erwähnten Nahrungsmittelverschwendung berührt. Die profitgetriebene Vernichtung von rund der Hälfte der für Supermärkte bestimmten Lebensmittel, bedeutet zugleich eine grandiose Energieverschwendung und somit einen bedeutsamen Beitrag zum Klimawandel. Dieser wiederum wirkt sich besonders gravierend auf die Ernährungssituation in den Hungerregionen der Welt aus. So wird die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika, der Auslöser der derzeitigen akuten Hungerkrise, auch immer wieder als Folge des Klimawandels beschrieben.<br /> Welche möglichen Auswege zeichnen sich ab? Die einfache, aber in der heutigen Zeit schwer umzusetzende Antwort wären lokal angepasste, wissensbasierte agroökologische Systeme. Doch derartige Produktionsverfahren schaffen Unabhängigkeit vom globalen Agrobusiness und finden deshalb kaum Unterstützung durch die mächtigen Institutionen der Welt. Dabei wäre eine „zentrale“ Förderung diversifizierten Herangehens an die Lösung des Welternährungsproblems dringend notwendig. Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, fasste die Ergebnisse einer zur Jahreswende veröffentlichten Studie mit den Worten zusammen: „Öko-Anbau kann die Nahrungsmittelproduktion innerhalb von zehn Jahren verdoppeln.“ Damit meinte er nicht den zertifizierten Bioanbau für eine wohlhabende Mittelschicht des Nordens, sondern eine ressourcenschonende Ertragssteigerung mit anschließender lokaler Vermarktung in den Ländern des Südens, basierend auf ausgeklügelten ökologischen Methoden der Fruchtfolge, Schädlingsbekämpfung, Bodenverbesserung und organischen Düngung. Die Tragfähigkeit dieses Konzepts wurde inzwischen mit Hunderten von Feldversuchen in Afrika, Asien und Lateinamerika demonstriert. Solche Anbausysteme sind widerstandsfähiger gegen Einflüsse des Klimawandels und in der Lage, mit einer Kilokalorie fossiler Energie 10-15 Kilokalorien Nahrung auf die lokalen Märkte zu bringen. Selbst die FAO schätzt ein, dass jeder Dollar, der sinnvoll in die Landwirtschaft investiert werde, zehn Dollar an humanitärer Hilfe ersetzen könnte. Erforderlich ist also die Vervielfachung dieser Erfahrungen auf Graswurzelbasis – ein Prozess, der in nationalem Maßstab bislang lediglich in Kuba Fuß gefasst hat.</p><p><strong>Zahlen, bitte!</strong><br /> ·	Knapp zwei Drittel aller Wasserreserven werden global von der Landwirtschaft verbraucht, die Industrie verbraucht ca. 20 Prozent.<br /> ·	884 Millionen Menschen weltweit verfügen nicht über ausreichend sauberes Trinkwasser.<br /> ·	2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu ausreichenden sanitären Anlagen.<br /> ·	Zur Produktion von 1 kg Fleisch werden 10 kg Getreide benötigt. Für die Produktion von 1 kg Getreide werden 1.500 Liter Wasser benötigt.<br /> ·	Der Nestlé-Konzern vertreibt 77 Wassermarken (u.a. Vittel, Contrex, Perrier und S. Pellegrino), hält damit 17 Prozent des globalen Wassermarkts und setzt damit ca. 6,2 Milliarden Euro um.</p><p>(Quellen: welthungerhilfe.de, wasserstiftung.de, wasser-und-mehr.de, zeit.de, ag-friedensforschung.de; Zusammenstellung: bew, Direkte Aktion)</p><p>Der Beitrag erschien in <a href="http://www.direkteaktion.org/208/hunger-katastrophe-protest-und-medienereignis">Direkte Aktion Nr.208 (Nov./Dez. 2011)</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Mexiko: Recht auf Nahrung – ein weiteres Lippenbekenntnis?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/#comments</comments> <pubDate>Mon, 14 Nov 2011 08:10:11 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[Mexiko]]></category> <category><![CDATA[Recht auf Nahrung]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=647</guid> <description><![CDATA[Mexiko: Recht auf Nahrung – ein weiteres Lippenbekenntnis?]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Katastrophale Auswirkungen der Freihandelsabkommen auf die Ernährungssituation in Mexiko</strong></p><p>Von Peter Clausing</p><p>Mitte Oktober <a href="http://www.srfood.org/index.php/en/component/content/article/1-latest-news/1684-mexico-un-expert-welcomes-constitutional-recognition-of-the-right-to-food-">begrüßte Olivier de Schutter</a>, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, die Bekanntmachung Mexikos, eben diesem Recht Verfassungsrang einzuräumen. Bereits am Ende seiner im Juni durchgeführten Mexiko-Mission mahnte der UNO-Beauftragte mit Blick auf die anstehende Verfassungsreform &#8220;die weitere Verbesserung des juristischen Umfelds in Form einer Rahmengesetzgebung für das Recht auf Nahrung an, so, wie es in einer Reihe anderer Länder dieser Region bereits erfolgt ist&#8221;. Vor dem Hintergrund gravierender Missstände in den Bereichen Ernährung und landwirtschaftliche Produktion empfahl de Schutter eine nationale Strategie, um dem Recht auf Nahrung Geltung zu verschaffen.</p><p>Es stellt sich jedoch die Frage, ob die verfassungsmäßige Anerkennung des Rechts auf Nahrung nicht nur eine weitere Inszenierung im Kontext von Mexikos simulierter Demokratie darstellt. Schließlich hat Mexiko die Anti-Folterkonvention der UNO im Januar 1986 ratifiziert und akzeptiert bis heute unter Folter erzwungene Geständnisse als Beweismittel vor seinen Gerichten. Auch das landläufig als ILO-Konvention 169 bekannte &#8220;Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern&#8221; aus dem Jahr 1989 wurde von Mexiko im Jahr darauf ratifiziert, ohne dass sich bis heute dadurch irgend etwas Wesentliches an der Situation von Mexikos Indígenas geändert hätte.</p><p>Die Verfassungsreform zum Recht auf Nahrung wurde am 17. August 2011 abgeschlossen. Sie betraf den Artikel 4 und (erneut) den Artikel 27 der mexikanischen Verfassung. Letzterer wurde Anfang der 1990er Jahre verändert, um die Privatisierung der kommunalen Ländereien zu ermöglichen – eine Vorleistung, um Mexikos Teilnahme am nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) zu ermöglichen. Dies war einer der Gründe für den zapatistischen Aufstand am 1. Januar 1994. In einer am 20. Oktober <a href="http://www.fpif.org/articles/nafta_is_starving_mexico">veröffentlichten Analyse</a> identifizierte Laura Carlsen das NAFTA-Abkommen als einen wesentlichen Grund für den in Mexiko herrschenden Hunger. Der hat einen beträchtlichen Umfang und nimmt offenbar weiter zu.</p><p>Die Zahl der in &#8220;Ernährungsarmut&#8221; lebenden Personen, also Personen, die es sich nicht leisten können, eine ausreichende Menge an Grundnahrungsmitteln zu kaufen, stieg von 18 Millionen Menschen im Jahr 2008 auf 20 Millionen Ende 2010. Etwa 20 Prozent der mexikanischen Kinder sind fehlernährt. De Schutter beklagt <a href="http://www.fpif.org/articles/nafta_is_starving_mexico">in seinem Bericht</a>, dass gewisse Fortschritte in der Ernährungsfrage ungleich verteilt sind. Großen Teilen der Bevölkerung werde das Recht auf Nahrung &#8220;in dramatischem Ausmaß&#8221; vorenthalten. Das betrifft in besonderem Maße die indigene Bevölkerung. In diesem Segment leidet ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren an chronischer Fehlernährung – verglichen mit 11 Prozent bei nicht-indigenen Kindern.</p><p>All das sind deutliche Indikatoren für das Scheitern des Modells der Freihandelsabkommen, die Mexiko inzwischen mit über 40 Ländern abgeschlossen hat. Dem neoliberalen Dogma zu Folge gilt ein Land als &#8220;ernährungssicher&#8221;, so lange es genügend Werte produziert, um ausreichend Lebensmittel zu importieren. Die oben genannten Zahlen belegen, dass diese Rechnung nicht aufgeht, wenn anstelle von Preisstabilität auf der Basis einer soliden Eigenversorgung die Lebensmittelpreise den Fluktuationen des Weltmarkts folgen. Die Weltmarktpreise für die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte haben inzwischen wieder die Rekordmarken von 2008 erreicht und teilweise überschritten.</p><p>Doch das Drama begann nicht erst mit der Preisexplosion für landwirtschaftliche Grundprodukte im Jahr 2008. Im Verlauf der nunmehr 17 NAFTA-Jahre mussten zwei Millionen Bauern ihr Land verlassen und wurden Teil des großen Exodus, der die USA jährlich mit einer halben Million neuer Arbeitskräfte im Billiglohnsektor versorgte. Inzwischen werden 42 Prozent der in Mexiko verzehrten Nahrungsmittel importiert. Während in der Zeit vor NAFTA weniger als zwei Milliarden US-Dollar für Nahrungsmittelimporte ausgegeben wurden, sind es inzwischen 24 Milliarden. Dementsprechend folgt der Preis für Mais, Mexikos wichtigstem Grundnahrungsmittel, dem Weltmarkt, wo Preisfluktuationen mittlerweile nicht mehr an die jährlichen Welterträge gekoppelt sind, sondern an andere Faktoren wie Börsenspekulation und Agrotreibstoffboom. Im Jahr 2009, als die Weltmarktpreise wieder nachgegeben hatten, kostete ein Kilo Mais zwei Pesos. Inzwischen hat sich der Preis wieder verdreifacht, und für ein Kilogramm Tortillas, das vor zwei Jahren drei Pesos kostete, müssen <a href="http://www.theecologist.org/trial_investigations/1051194/mexicos_poor_suffer_as_food_speculation_fuels_tortilla_crisis.html">einem Bericht zufolge</a> jetzt bis zu zwölf Pesos ausgegeben werden.</p><p>Ein eindrucksvolles Beispiel zu den Folgen der Marktliberalisierung liefert der Fall der US-Firma Corn Products International (CPI), die im Jahr 2003 den mexikanischen Staat beim NAFTA-Tribunal verklagte, weil sie Geschäftseinbußen aufgrund von Steuern auf den in Getränken verwendeten Fruktosesirup erlitten hätten. Nach einem jahrelangen Verfahren verurteilte die NAFTA-Behörde Mexiko 2008 zur Zahlung von 58,4 Millionen Dollar an CPI. Mais-Fruktosesirup, Bestandteil von Coca Cola und Chips, trägt eine wesentliche Mitverantwortung für den von Olivier de Schutter beschriebenen doppelten Ernährungsnotstand in Mexiko. Parallel zur oben beschriebenen Hungerstatistik sind 70 Prozent der Erwachsen – 35 Millionen Menschen – übergewichtig bzw. fettsüchtig. Die Folgeerscheinungen sind Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Nach Berechnungen des mexikanischen Gesundheitsministeriums hat dieses Phänomen im Jahr 2008 Kosten in Höhe von 4,9 Milliarden Dollar verursacht – für 2017 wird ein Anstieg auf 5,6 Milliarden Dollar erwartet.</p><p>Weitere vom UNO-Sonderberichterstatter beschriebene Probleme betreffen staatliche Förderprogramme, die Rechte von Tagelöhnern in der Landwirtschaft, Um- und Ansiedlungsprogramme im Rahmen von Entwicklungsprojekten, die Zulassung von Feldversuchen mit gentechnisch verändertem Mais und die Wasserverschwendung durch die industrielle Landwirtschaft. So beklagt de Schutter, dass ländliche Förderprogramme nur ungenügend auf die Armutsbeseitigung abzielen. Als Beispiel nennt er eine Zahl aus dem Jahr 2005, in dem die ärmsten sechs Bundesstaaten nur sieben Prozent der öffentlichen Ausgaben für die Landwirtschaft erhielten, obwohl sich dort 55 Prozent der in extremer Armut lebenden Bevölkerung befinden. In Bezug auf die zwei Millionen Landarbeiter, die ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner verdienen und von denen 20 Prozent inländische Migranten aus den südlichen Bundesstaaten sind, kritisiert de Schutter sowohl mangelnde Sozialstandards wie den Zugang zu Schulen als auch das Fehlen von Arbeitsverträgen bei zirka 90 Prozent der Tagelöhner.</p><p>Während seiner Juni-Mission erhielt de Schutter zahlreiche Zeugnisse der Betroffenen von Entwicklungsprojekten (Dämme, Infrastruktur, Bergbau) im ganzen Land, die über fehlende Konsultation, das Nichteinholen ihrer freien und informierten Zustimmung und das Ausbleiben von Kompensationen klagten. Auf seiner Mission besuchte de Schutter auch die zwei bislang existierenden &#8220;ländlichen Städte&#8221; (Ciudades rurales sustenables) Nueveo Juan de Grijalva und Santiago el Pinar. Von den mexikanischen Behörden werden die &#8220;ländlichen Städte&#8221; als Konzept zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Überwindung von fehlender Schulbildung und Gesundheitsfürsorge infolge der Verstreutheit der Bevölkerung in ländlichen Regionen angepriesen. Soziale Organisation sehen darin eine Strategie der &#8220;weichen Räumung&#8221; ländlicher Gebiete, um deren Ressourcen anschließend ungestört ausbeuten zu können.</p><p>Die derzeitige Landwirtschaftspolitik in Bezug auf Gentechnik und industriemäßige Anbauverfahren sieht der UNO-Sonderberichterstatter besonders kritisch. In Ursprungsland des Maises mit seiner Sortenvielfalt, wo die Bauern derzeit noch 85 Prozent des Maissaatguts durch Tausch erwerben (bei 5,2 Prozent Marktanteil der Saatgutindustrie) sende die Zulassung von Freilandversuchen mit gentechnisch veränderten Maissorten das falsche Signal und lenke von wichtigeren Themen wie Vermeidung von Bodenerosion und Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaveränderungen ab. Gentechnische Feldversuche sind nach Ansicht de Schutters der erste Schritt eines schleichenden Prozesses, der unvermeidlich zum großflächigen Einsatz gentechnischer Sorten führen wird.</p><p>Neben der Gefahr des Sortenschwundes und der gentechnischen Verunreinigung der Landsorten verweist er auf die negativen Erfahrungen US-amerikanischer Farmer hinsichtlich Monsantos aggressiver Durchsetzung patentrechtlicher Ansprüche. De Schutter empfiehlt den mexikanischen Behörden, das Moratorium für Feldversuche schleunigst wieder einzuführen. Darüber hinaus kritisierte er das Subventionsprogramm Tarifa 9 durch das landwirtschaftliche Großunternehmen billigen Strom zum Abpumpen von Grundwasser erhalten. Durch diese Subventionen tragen die Unternehmen selbst nur 23 Prozent der Kosten für die Bewässerung. Ergänzt wird diese Politik durch ein Förderprogramm zum Ausbau der Infrastruktur der Bewässerung. Im Beispielsjahr 2006 wurden mehrere Hundert Millionen US-Dollar dafür ausgegeben. Das führte zur Erweiterung der Bewässerungsflächen auf 1,8 Millionen Hektar im Jahr 2011. Angesichts der Probleme, die landwirtschaftliche Bewässerungsprogramme weltweit in Form von Bodenversalzung und Absenkung des Grundwasserspiegels geschaffen haben, ist es nur logisch, dass der UN-Beauftragte empfiehlt, statt künstlicher Bewässerung die Etablierung von Systemen zur Rückhaltung von Regen zu unterstützen.</p><p>Dieser <a href="http://amerika21.de/analyse/41712/recht-auf-nahrung">Beitrag</a> erschien auf dem Portal amerika21.de</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Peak Soil II &#8211; Bodenzerstörung</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-ii-bodenzerstorung/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-ii-bodenzerstorung/#comments</comments> <pubDate>Tue, 29 Mar 2011 06:26:00 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Bodendegradation]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Bodenrestaurierung]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=556</guid> <description><![CDATA[Peak Soil – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil II: Der Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen und wie er abgewendet werden kann]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Deutliches Gefahrenpotential<br /> Hintergrund. »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil II: Der Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen und wie er abgewendet werden kann</p><p>Peter Clausing</p><p>Peak Soil – die unterschätzte Krise des Bodens« lautet der Titel eines im Vorjahr erschienenen Hefts der Zeitschrift Politische Ökologie. »Der Boden ist das vergessene Medium der Umweltpolitik. Erst viel zu spät und dann auch nicht vollständig hat das Umweltrecht auf die Schäden an den Böden reagiert«, stellt Günther Bachmann dort für die Situation in Deutschland fest.1 Winfried E. H. Blum, Professor für Bodenkunde an der Universität Wien, ergänzt: »Was sich derzeit in den Böden Europas abspielt, gilt im wesentlichen auch und zum Teil in noch stärkerem Maße für weitere Länder der Nordhalbkugel, vor allem aber für Afrika, Südamerika und Südostasien, wo Erosion, Verdichtung, Verlust an organischer Substanz sowie Biodiversität, Kontamination, Versalzung und insbesondere Erdrutsche ein alarmierendes Ausmaß erreicht haben.«2 Nach seiner Einschätzung wird die Intensivierung des vollmechanisierten Ackerbaus die Bodenprobleme noch weiter verschärfen.</p><p><strong>Boden und Klima</strong><br /> Von den rund 150 Millionen Quadratkilometern Landfläche der Erde sind ungefähr 31 Prozent mit Wald bedeckt, 24 Prozent werden als Weideland und 12 Prozent als Ackerland genutzt. Diese Anteile verringern sich durch Flächenversiegelung im Zuge der fortschreitenden Urbanisierung und neuerdings auch durch die massenhafte »Umwidmung« von Flächen zur Erzeugung von »Energiepflanzen«, aus denen Agrotreibstoffe statt Lebensmittel gewonnen werden. Laut Blum müßten zur Erreichung des von der Europäischen Kommission für 2020 gesetzten Zieles 15 Prozent der europäischen Agrarfläche zur Agrotreibstoffproduktion eingesetzt werden, was nicht realistisch ist, so daß ein wachsender Teil durch außereuropäische Importe abgedeckt werden muß.</p><p>Andererseits wird durch diverse »Agrarfronten« landwirtschaftliche Nutzfläche hinzugewonnen. In den vergangenen vier Jahrzehnten wurde– und Prognosen zufolge wird das auch noch in den nächsten 15 Jahren der Fall sein– der degradationsbedingte Bodenverlust durch die Erschließung neuer Flächen mehr als kompensiert. So wird für die Länder des Südens ein Nettozuwachs an genutzter Gesamtfläche (d.h. bereits unter Abzug der Flächenverluste) von 82 Millionen Hektar zwischen 1990 und 2025 prognostiziert.3</p><p>Auch wenn – trotz über einer Milliarde hungernder Menschen – momentan rein rechnerisch genügend Nahrung für die Weltbevölkerung produziert wird, muß der Tatsache ins Auge gesehen werden, daß für den genannten Zeitraum der Zuwachs an landwirtschaftlicher Nutzfläche (zehn Prozent), deutlich geringer ausfällt als der prognostizierte Bevölkerungszuwachs (60 Prozent). Zudem geht der Gewinn an landwirtschaftlicher Nutzfläche häufig mit der Zerstörung von Wäldern einher, ein Prozeß, den man seit den 1970er Jahren erfolglos mit den unterschiedlichsten Waldschutzprogrammen zu stoppen versucht. Es handelt sich also um zwei simultan laufende Prozesse globaler Umweltzerstörung.</p><p>Parallel zu diesen beiden Prozessen – Flächenversiegelung und Umweltzerstörung durch die Agrarfronten – spielt sich eine stille Katastrophe sozusagen direkt unter unseren Füßen ab: Fruchtbarer Boden wird durch Wind oder Wasser abgetragen, und die Bodenfruchtbarkeit wird zerstört. Bislang findet die Bodenproblematik unter anderem deshalb wenig Beachtung, weil es sich um einen langfristigen Prozeß handelt, der noch weniger augenfällig ist als der Klimawandel. Für letzteren wird in den Medien durch gelegentliche Bilder von schmelzenden Gletschern und Verwüstungen durch Taifune und Hurrikans zumindest die Existenz des Problems bewußt gemacht, auch wenn keine gesellschaftlichen Konsequenzen gezogen werden. Dabei gibt es eine bedeutsame gegenseitige Beeinflussung von Bodendegradation und Klimawandel. Bereits 1994 wies der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) darauf hin, daß »durch Veränderung des Energieumsatzes und der biogeochemischen Kreisläufe von Kohlenstoff und Stickstoff die Degradation auch auf das Klima (wirkt), d.h. die Regelungsfunktion der Böden wird gestört.«4</p><p>José Louis Rubio, Präsident der Europäischen Gesellschaft für Bodenschutz, machte unlängst darauf aufmerksam, daß die Kohlenstoff-Speicherkapazität des Bodens mit 2300 Gigatonnen jene der globalen Vegetationsdecke um das Drei- bis Vierfache übertrifft5. In einer anderen Studie wird hervorgehoben, daß über den Zeitraum von 1989 bis 1998 rund ein Drittel des durch den Menschen verursachten atmosphärischen Kohlendioxidanstiegs auf Veränderungen in der Landnutzung zurückzuführen ist.6 Der Boden ist also nicht nur ein wichtige Grundlage für unsere Ernährung, sondern auch ein maßgeblicher Klimafaktor.</p><p><strong>Nicht erneuerbar</strong><br /> Der Boden, die hauchdünne Schicht auf der Oberfläche der Erde, ist eine der wesentlichen Grundlagen unserer Ernährung und somit unserer Existenz. Eine Degradation des Bodens fand auch statt, als es noch keine Menschen auf der Erde gab. Zugleich steht dem natürlichen Phänomen des Abbaus von Boden seine Neubildung gegenüber. Doch all dies erfolgt in geologischem Tempo: Auf knapp 4000 Jahre wird die Zeitspanne beziffert, die für die Bildung von 20 Zentimetern landwirtschaftlich nutzbarem Boden notwendig ist. Bezogen auf die menschlichen Zeithorizonte macht das den Boden zu einer nicht erneuerbaren Ressource. Mithin ist die anthropogen bedingte Beschleunigung der Bodenschädigung, die seit der Mechanisierung der Landwirtschaft, dem Anbau von Monokulturen und dem Einsatz von chemischen Düngemitteln zu beobachten ist, ein gravierendes Problem. Die Zahlen sprechen für sich. Während im WGBU-Gutachten aus dem Jahr 1994 »nur« von 15 Prozent der globalen Landfläche die Rede war, die von Bodendegradation betroffen waren, 7 hatten im Jahr 2008 diese kumulativen Schäden bereits knapp ein Viertel der Erde erfaßt8, wobei in beiden Studien die Prozentangaben für alle Schädigungen – von leicht bis irreversibel – subsumiert wurden.</p><p>Die Erosion hat laut WGBU-Gutachten den Löwenanteil am degradationsbedingten Flächenverlust (16,4 Millionen Quadratkilometer – 85 Prozent aller degradierten Flächen). Wasser und Wind tragen jährlich 75 Milliarden Tonnen Boden ab. Vor Jahrtausenden boten die durch Wasser abgetragenen und an anderer Stelle wieder angeschwemmten fruchtbaren Erdmengen die Voraussetzung für die Entstehung von Zivilisationen – erinnert sei an das Nildelta und die Flußläufe von Euphrat und Tigris. Auch andere Episoden natürlicher Erosion waren später für die Menschen von Vorteil. Beispielsweise wurde der Lößboden in der Magdeburger Börde und weiteren Regionen Mitteleuropas von jenen Winden herbeigetragen, die in der vegetationsarmen Periode der Eiszeit über das eurasische Festland hinwegfegten. Das passierte im Verlauf der letzten 2,6 Millionen Jahre der Erdgeschichte. Das Problem ist also nicht die Erosion an sich, sondern das Tempo, mit der sie heute weltweit vonstatten geht.</p><p>Wenn einer jährlichen Bodenbildungsrate von etwa einer Tonne pro Hektar eine Erosionsrate von über fünf Tonnen pro Hektar Jahr gegenübersteht, wie es zum Beispiel in Teilen von Südspanien, Südfrankreich, Italien und Griechenland der Fall ist, dann ergeben sich daraus mittelfristig Probleme für die Produktivität. Zum Teil ist das in diesen Regionen jetzt schon spürbar. Wenn jedoch die Erosionsraten durchschnittlich 30 bis 40 Tonnen pro Hektar und Jahr betragen, was in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas dem Durchschnitt entspricht, dann ist die Situation dramatisch. Die häufiger auftretenden extremen Wetterereignisse verstärken diesen Prozeß zusätzlich. Die negativen Auswirkungen von Starkregen, Überschwemmungen und Dürreperioden beschränken sich nicht auf die unmittelbaren, in den Medien verbreiteten Bilder. Am Ende der Skala stehen Desertifikation (Wüstenbildung) und Erdrutsche. Beispielsweise ist einer Übersicht der europäischen Umweltagentur zu entnehmen, daß sich die Zahl der Erdrutsche (unterschiedlichsten Ausmaßes) in Italien exponentiell erhöht hat. Lagen diese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch unter 500 pro Dekade, waren es zwischen 1950 und 1979 über 1000. In den 1980er und 1990er Jahren wurde dann jeweils die 2000er Marke überschritten.</p><p>Die zweitgrößte Bedeutung nach der Erosion hat die chemische Degradation (Nährstoffverlust, Versalzung, Kontamination, Versauerung), wobei der Nährstoffverlust mit über der Hälfte der betroffenen Flächen besonders zu Buche schlägt. In Zahlen ausgedrückt, leiden 1,35 Millionen Quadratkilometer bzw. sieben Prozent aller degradierten Flächen an Nährstoffverlust bzw. -mangel. Parodoxerweise ist ein Verlust der Bodenfruchtbarkeit nicht selten eine Langzeitfolge von Nährstoffzuführung, nämlich anorganischer Düngung, und zwar besonders dann, wenn im Rahmen industrieller Anbaumethoden auf die arbeitsintensivere organische Düngung gänzlich verzichtet wurde, was insbesondere bei empfindlicheren Böden zur Verarmung an Humus führt.</p><p><strong>Gesamtökologische Krise</strong><br /> Die entscheidende Frage ist, welche konkreten Folgen der Verlust an Bodenqualität auf die landwirtschaftlichen Erträge und somit auf die globale Nahrungsmittelversorgung hat bzw. haben wird. Dies erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise, denn schon die Daten über den Schweregrad der Degradation sind im globalen Maßstab nicht sonderlich präzise. So verwundert es nicht, daß unter den Experten zwar Einigkeit herrscht, daß die Schädigung der Böden ernste Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität haben wird. Es divergieren jedoch die Ansichten über Zeithorizonte und das Ausmaß. Auch in dem 2009 veröffentlichten Weltagrarbericht wird beklagt, daß aufgrund fehlender Daten die Schätzungen über Auswirkungen auf die Produktivität stark divergieren.9</p><p>Winfried E.H. Blum mahnt in seinem oben erwähnten Beitrag mit dringenden Worten: »Treffen Weltgemeinschaft, EU oder zumindest einzelne Länder keine Maßnahmen, um die (agrarisch genutzten) Böden zu schützen, wird in spätestens zehn bis 20 Jahren nicht nur die Produktion von Nahrungsmitteln kritisch. Auch die gesamtökologische Situation in den Agrargebieten wird sich rasant verschlechtern.« Im Gegensatz dazu vertrat Sara J. Scherr vom International Food Policy Research Institute in Washington die Ansicht, daß »bis zum Jahr 2020 Degradation die globale Nahrungsmittelversorgung insgesamt nicht zu bedrohen (scheint), auch wenn eventuell die globalen Lebensmittelpreise und die Unterernährung steigen werden.«10 Als sie diese Prognose veröffentlichte, waren allerdings Agrotreibstoffboom, »Land Grabbing« und die Explosion der Lebensmittelpreise von 2008 mit den darauffolgenden Hungerprotesten in über 40 Ländern noch fast ein Jahrzehnt entfernt. Außerdem: Wenngleich die Folgen des Klimawandels auch heute noch nicht überschaut werden können, ist in diesem Punkt das Gefahrenpotential inzwischen deutlicher erkennbar als noch vor zwölf Jahren.</p><p>Auch der Weltagrarbericht beurteilt aufgrund der relativ vagen Daten den Schweregrad der zu erwartenden Konsequenzen eher zurückhaltend. Eindeutig äußern sich die Verfasser hingegen in bezug auf andere interessante Details. Etwa die Bilanz, daß 25 Prozent der bisherigen Bodenzerstörung durch die landwirtschaftliche Produktion selbst verursacht wurden. Zugleich kommt der Überweidung, die von anderen Autoren vielfach als einer der wichtigsten Degradationsgründe hervorgehoben wird, offenbar ein deutlich geringerer Stellenwert zu. Der Effekt der Überweidung ist oftmals sekundärer Natur. Die Ausdehnung des Ackerbaus auf Böden mit schlechter Qualität führt dazu, daß Hirten, die in dem Gebiet ursprünglich eine nachhaltige Weidewirtschaft betrieben, in noch marginalere Bereiche verdrängt werden, wo ihre Herden dann über kurz oder lang den Boden zerstören. Zur Verdrängung kommt es auch durch den Anbau bestimmter Energiepflanzen, auch wenn die Agrotreibstofflobby, zum Beispiel die Agentur für Erneuerbare Energien e.V., nicht müde wird zu behaupten, Agrotreibstoffe würden auch auf kargen Böden wachsen, weshalb es angeblich keine Flächenkonkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion gäbe.</p><p><strong>Politische Blockadehaltung</strong><br /> Der Weltagrarbericht wendet sich auch gegen die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) vertretene Ansicht, bis zum Jahr 2030 müßten in den Ländern des Südens 1,2 Millionen Quadratkilometer Wald in landwirtschaftliche Nutzfläche mit kommerzieller Intensivwirtschaft umgewandelt werden, um die Welternährung zu sichern. Statt dessen sollten, so die Verfasser des Weltagrarberichts, degradierte Agrarflächen restauriert werden. Methoden zur Restaurierung– Anreicherung des Bodens mit organischer Masse, eventuell verbunden mit einer zurückhaltenden Anwendung anorganischer Dünger – stünden zur Verfügung, fänden aber ungenügende politische Unterstützung. Vielfach könnten solche Maßnahmen den Prozeß der Bodendegradation rückgängig machen. Weitere vom Agrarbericht empfohlene Mittel sind eine Diversifizierung der Fruchtfolge und eine als »Agroforstwirtschaft« bezeichnete Strategie, der besonders in Afrika gute Chancen eingeräumt werden, um mit einfachen Mitteln Prozesse der Umweltzerstörung umzukehren.</p><p>Menschengemachten Problemen ist man nicht hilflos ausgeliefert, wenn der politische Wille vorhanden ist, sie zu beseitigen. Der allerdings fehlt oftmals. Das trifft auf die Schäden in den Böden in ähnlicher Weise zu wie auf den Klimawandel. Politische Blockadehaltungen gehen häufig von der nationalen Ebene aus und strahlen sowohl auf die regionale als auch auf die supranationale Ebene aus. So berichtet Uwe Hoering von einem Beispiel im tansanischen Distrikt Kondoa, wo die dortige Verwaltung den Einsatz organischen Düngers und somit die Verbesserung degradierter Böden unterstützt, während die nationale Regierung Landwirtschaftsberater losschickt, um den Einsatz von Kunstdünger zu propagieren, obwohl sie es eigentlich besser wissen müßte, denn in vier tansanischen Provinzen ist mittlerweile die Bodenfruchtbarkeit zusammengebrochen, nachdem jahrelang Tonnen von Kunstdünger auf die Mais- und Baumwollfelder gekippt wurden.11</p><p>Ein anderes bemerkenswertes Beispiel ist die Weigerung Deutschlands, Großbritanniens, der Niederlande, Österreichs und Frankreichs, der Europäischen Bodenrahmenrichtlinie (BRRL), die seit 2006 im Entwurf vorliegt, Geltung zu verschaffen. Alle Verbände, wissenschaftlichen Gesellschaften und diverse Institute würden die BRRL als gut begründet befürworten, betont Gabriele Broll, Präsidentin des Bundesverbandes Boden und Professorin für Geoökologie an der Universität Osnabrück. »Würde sich Deutschland bei der BRRL kompromißbereit zeigen, kann man sicher sein, daß sich weitere Länder anschließen würden, die jetzt noch opponieren«, schreibt sie.12</p><p>In einer Haltung von nationalem Egoismus argumentiert die deutsche Regierung, daß für sie das Bundesbodengesetz von 1998 alle Erfordernisse abdecken würde, und blockiert wegen vermeintlicher Wettbewerbsnachteile eine europäische Regelung. Auch wenn die Situation der Böden in den Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas vor allem aufgrund ihrer geologischen Beschaffenheit besonders gravierend ist, sind die europäischen Böden deshalb nicht frei von Problemen. Auf 75 Prozent aller im Auftrag der Europäischen Kommission untersuchten Flächen, repräsentativ für über eine Million Quadratkilometer, weist die Bodenkrume einen niedrigen bis sehr niedrigen Gehalt an organischem Kohlenstoff auf. Betroffen sind vor allem Flächen in Südeuropa. Zu bedenken ist auch der oben angedeutete, sich gegenseitig aufschaukelnde Prozeß von Klimaveränderung und Verschlechterung der Bodenqualität.</p><p><strong>Nachhaltige Landwirtschaft</strong><br /> In letzter Instanz ist das Thema Bodendegradation in die Diskussion integriert, welchem landwirtschaftlichen Modell die Zukunft gehört – einem nachhaltigen kleinbäuerlich-biologischen Anbau oder einer industriemäßigen Großflächenwirtschaft mit massiven erdölbasierten Inputs. Die Motive, die hinter letzterem Modell stecken, sind durchsichtig. Für jedes große Unternehmen, egal aus welcher Branche, stellt die Gewinnmaximierung, die üblicherweise mit Umsatzsteigerungen einhergeht, den betriebswirtschaftlichen Imperativ dar. Daran ändert weder die vorgegaukelte »Sorge um die Gesundheit der Menschen« bei Pharmakonzernen etwas noch die heuchlerische »Sorge um die Welternährung« bei den Unternehmen des agroindustriellen Komplexes. Scheinbare Glaubwürdigkeit erhält dieser Diskurs, indem er von den dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen abgekoppelt wird. Von »unabhängigen« Meinungsbildnern in Politik, Medien und Wissenschaft wird die Sorge um das Wohlbefinden der Menschheit so oft in einem Atemzug mit dem konzernfreundlichen Lösungsvorschlag wiederholt, bis sich die durchsichtigen Motive verflüchtigt haben und eine »Wahrheit« entsteht, an die am Ende die Meinungsbildner vielleicht sogar selbst glauben. Alternative landwirtschaftliche Verfahren werden dementsprechend stiefmütterlich behandelt. »Agroökologischer Anbau in der Praxis – sporadische Anwendung, beschränkte Unterstützung« lautet die Kapitelüberschrift eines vor nicht allzu langer Zeit erschienen Oxfam-Berichts13. Agroökologischer Anbau bedeutet eben nicht »einfach nur« kleinbäuerliches Wirtschaften, sondern ein integrales Konzept, das auf Kenntnissen basiert, deren flächendeckende Vermittlung eben nicht in den Betriebskosten von Agrarkonzernen enthalten ist, denn eine solche Entwicklung wäre mit einem Bruch mit dem sich immer stärker ausdehnenden Modell einer globalen kapitalistischen Landwirtschaft verbunden. Außerdem erforderte eine solche wissensbasierte Transformation vermutlich den Bruch mit paternalistischen, bisweilen quasi-feudalen Verhältnissen vor Ort, die derzeit dem kapitalistischen Modell in die Hände spielen.</p><p>Agroökologische Methoden haben zur Restaurierung der Böden und zu einer beeindruckenden Steigerung der Erträge geführt. Jedoch ist deren »sporadische Anwendung« so unscheinbar, daß sie auf Satellitenbildern gar nicht sichtbar wird. Eindrucksvolle Beispiele werden im oben zitierten Bericht von Uwe Hoering präsentiert. Selbst Extremfälle von Erosion konnten rückgängig gemacht werden. »Gullies« sind typische Erscheinungen wasserbedingter Erosion im südlichen Afrika – metertiefe Erosionsrinnen, die entstehen, wenn oberflächlich abfließendes Wasser die Erde mitreißt. Hoering berichtet von Raphael und Jessica Chinolo aus Tansania, die von ihren Nachbarn belächelt wurden, als sie vor zehn Jahren einen drei Meter tiefen Gully wieder füllten, indem sie oben, wo er noch schmal war, Gräben zogen und Barrieren aus Stöcken und Elefantengras anlegten, um die Erde zurückzuhalten, während das Wasser weiter fließen konnte. Mit der Zeit war die Menge zurückgehaltener Erde große genug, um sie zu bepflanzen, unter anderem mit Bananenstauden, die als zusätzliche, früchtetragende Barrieren dienten. »Heute wächst dort, wo früher nur unfruchtbarer Kies war, eine dichte Mischvegetation aus Bananen, einheimischen Bäumen, Orangen und Zitronen, Papayas, Mais, Hirse, Süßkartoffeln, Maniok und Erbsen. In einem Teich tummeln sich Fische, die im Dorf verkauft werden«, berichtet Hoering. Eine Verfünffachung der Erträge, zum Beispiel bei Hirse, wird zudem durch einen lokal entwickelten organischen Dünger ermöglicht. Nachhaltige Erfolge sind nur von der vervielfachten Anwendung solcher zukunftsweisender, lokal verwurzelter Strategien zu erwarten.</p><p><strong>Anmerkungen</strong><br /> 1 <a href="http://www.politische-oekologie.de/">Peak Soil. Die unterschätzte Krise der Böden. Politische Ökologie Nr. 119</a>, April 2010, S. 18. »Peak Soil« von engl. peak (dt. Gipfelpunkt) und soil (dt. Land/Boden). Der Begriff bezeichnet in Anlehnung an »Peak Oil«, dem Zeitpunkt ab dem mehr Erdöl verbraucht wird als an Förderquellen neu erschlossen werden, die Grenzen der globalen Vernutzung von Boden – d. Red.</p><p>2 Peak Soil, a.a.O. S. 37.</p><p>3 Bouwman, A.F. (1997): Long-Term Scenarios of Livestock-Crop-Land Use Interactions in Developing Countries. Food &#038; Agriculture Organization, S. 50</p><p>4 WGBU: (1994): <a href="http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/jg1994/wbgu_jg1994.pdf">Welt im Wandel: Die Gefährdung der Böden</a>, Economica-Verlag, Bonn, S. 58</p><p>5 <a href="http://unddd.unccd.int/docs/Rubio.pdf">unddd.nccd.int/docs/Rubio.pdf</a></p><p>6 Bai, Z.G. u.a. (2008): <a href="http://www.isric.org/isric/webdocs/docs/Report 2008_01_GLADA international_REV_Nov 2008.pdf">Global Assessment of land degradation and improvement. </a>GLADA Report 5, ISRIC .- World Soil Information, Wageningen, S. 28</p><p>7 WGBU, a.a.O., S. 59</p><p>8 Bai a.a.O., S. 28</p><p>9 IAASTD (2009): <a href="http://www.agassessment.org/">Global Report</a>.</p><p>10 Scherr, S.J. (1999): <a href="http://www.ifpri.org/sites/default/files/publications/vb58.pdf">Soil degradation. A threat to Developing-Country Food Security by 2020?</a> Food, Agriculture, and the Environment Discussion Paper 27, IFPRI, Washington, S.3</p><p>11 Hoering, U. (2008): <a href="http://www.eed.de//fix/files/doc/EED_Baeuerliche_Landwirtschaft_08_deu.pdf">Wer ernährt die Welt? Bäuerliche Landwirtschaft hat Zukunft</a>, Evangelischer Entwicklungsdienst, Bonn, S. 16</p><p>12 Peak Soil, a.a.O., S. 23</p><p>13 <a href="http://www.oxfam.org/en/policy/people-centered-resilience">www.oxfam.org/en/policy/people-centered-resilience</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-ii-bodenzerstorung/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Peak Soil I &#8211; Hunger nach Land</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/#comments</comments> <pubDate>Tue, 29 Mar 2011 05:01:53 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Alternativen]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landkäufe]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=547</guid> <description><![CDATA[Peak Soil – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Hintergrund »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren</p><p>Peter Clausing</p><p>»Peak Soil«1 lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches des Berliner Autors Thomas Fritz, einer ersten umfassenderen Übersicht zum Thema »Land Grabbing« (Landnahme) in deutscher Sprache. Der Begriff »Land Grabbing« bezieht sich auf den Kauf bzw. die langfristige Pachtung großer Landflächen – vor allem in den Ländern des Südens, aber auch in Osteuropa – mit oft drastischen Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung.</p><p>Die Ansichten, ab wann von »großen Landflächen« zu sprechen ist, divergieren. Während Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, 1000 Hektar als Untergrenze betrachtet, definierte die Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN 10000 Hektar als unteres Limit. Entsprechend der Bedeutung dieses bedrohlichen Phänomens ist inzwischen eine Reihe von Publikationen erschienen, und es fanden zahlreiche nationale und internationale Tagungen zum Thema statt. »Land Grabbing, so scheint es, kommt wie ein Tsunami über die Welt, eine in kürzester Zeit aus dem Nichts anschwellende Welle. Die Daten über das Ausmaß der Landgeschäfte, Vertragskonditionen und Anbauprodukte sind unvollständig und unzuverlässig. Der Trend aber ist eindeutig: Die neue Landnahme nimmt enorme Ausmaße an«, schreibt der Publizist Uwe Hoering im INKOTA-Brief 152 vom Juni 2010. Die Aneignung von 15 bis 20 Millionen Hektar zwischen 2006 und April 2008 (Schätzungen des International Food Policy Research Institute, IFPRI) ließ vor rund zwei Jahren bei NGOs und internationalen Institutionen gleichermaßen die Alarmglocken schrillen. Doch diese Zahl verblaßt angesichts der weiteren Entwicklung: Allein von Oktober 2008 bis Juni 2009 wurden von der Weltbank 463 Landdeals erfaßt, die eine Fläche von insgesamt 47 Millionen Hektar betrafen – einem Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Europäischen Union. Drei Viertel der Transaktionen fanden in Afrika statt.</p><p><strong>Jagd nach Rendite</strong><br /> Der seit längerem stattfindende Prozeß der Kommodifizierung, des »Zur-Ware-Werdens« der Welternährung, verbunden mit der vorgeschalteten privaten Aneignung des Produktionsmittels Boden, erfuhr in den letzten drei Jahren durch mehrere Faktoren eine maßgebliche Beschleunigung. Erstens hatten sich im Jahr 2008 die Weltmarktpreise für Reis, Weizen und Mais innerhalb weniger Monate zeitweilig verdoppelt bis verdreifacht. Dies führte bei finanzstarken Ländern mit aktuell oder perspektivisch prekärer Eigenversorgung zur Suche nach Lösungen, um ihre Abhängigkeit vom Weltmarkt zu verringern. Zu diesen Ländern zählten vor allem China, Südkorea und erdölreiche Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate.</p><p>Zum zweiten sind seit der globalen Finanzkrise immer mehr Anleger auf der Suche nach renditeträchtigen Sachwerten. So lockt die zur Deutschen Bank gehörende DWS auf der Webseite ihres Fonds Invest Global Agribusiness (LC) mit der Formulierung: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, (…) Land- und Wasserknappheit – all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen.« Andere Agrarfonds werben mit ähnlich inhumanen Slogans und treten so das durch internationale Abkommen garantierte Recht auf Nahrung mit Füßen – zugunsten der Verheißung von Alpha-Renditen.2</p><p>Drittens kommt es durch den vor allem aus machtpolitischen Erwägungen geförderten Anbau von Agrotreibstoffen zu einer dauerhaften Flächenkonkurrenz mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Wenngleich die Bedeutung des Anteils von »Biosprit« an der Preisexplosion von Nahrungsmitteln im Jahr 2008 teilweise überschätzt wurde – Spekulationen, vor allem an der Chicagoer Börse, waren nach neueren Analysen offenbar deutlich stärker beteiligt –, schränkt die Produktion von Mais, Zuckerrohr, Jatropha und Soja zur Erzeugung von Ethanol und »Biodiesel« jedoch langfristig die Verfügbarkeit von Lebensmitteln ein.</p><p>Viertens rücken mögliche Ernteausfälle infolge des Klimawandels mehr und mehr in den Vordergrund. Aus der fehlenden Bereitschaft, insbesondere der Industriestaaten, umfassende und verbindliche Maßnahmen zur Reduzierung der Freisetzung von Treibhausgasen zu vereinbaren, resultiert letztlich, daß klimabedingte Ernteausfälle künftig an Bedeutung gewinnen werden – Prognosen zufolge insbesondere in den Ländern des Südens.</p><p><strong>Schizophrene Situation</strong><br /> Waren es anfangs vor allem Länder wie China oder Saudi-Arabien, die in Sachen Ackerland auf Einkaufstour gingen, wies die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bereits im August 2009 darauf hin, daß inzwischen die Mehrzahl der Landkäufe durch den Privatsektor erfolgt.3 Mittlerweile verfügen private Investmentfonds über 14 Milliarden US-Dollar für den Erwerb von Landflächen, Tendenz steigend. Es wird erwartet, daß sich dieser Betrag in den kommenden Jahren auf bis zu 42 Milliarden Dollar erhöhen wird.4</p><p>Von den 30 dort erwähnten Investmentfonds kommen 24 aus Europa und Nordamerika. Einer Statistik von Klaus Deininger, Weltbankexperte zu Landfragen, die er Anfang Januar 2010 auf einer Konferenz in Rom präsentierte, ist zu entnehmen, daß bei 290 von 389 analysierten Landgeschäften die Käufer bzw. Pächter aus den Bereichen Agrobusineß, Industrie und Investmentfonds kamen. Knapp 15 Prozent aller Transaktionen fanden Deininger zufolge im Sudan, in Ghana und Madagaskar statt. Unter den 25 Ländern Afrikas und Asiens, in denen nach Angaben von IFPRI und GRAIN derartige Geschäfte abgeschlossen wurden, befinden sich 20, die gleichzeitig Empfängerländer der Welthungerhilfe sind. Laut Welternährungsorganisation (FAO) sind in Angola, Äthiopien, Kambodscha, Kamerun, Kenia, der Demokratischen Republik Kongo, Malawi, Pakistan, Sudan und Tansania – alles Staaten in denen große Landgeschäfte getätigt werden – jeweils mehr als 20 Prozent der Bevölkerung unterernährt.5</p><p>Angesichts dieser schizophrenen Situation argumentieren die Vertreter der mächtigen Institutionen, daß es sich bei diesem Prozeß um Agrarinvestitionen handeln würde, aus denen beide Seiten einen Nutzen zögen – die gern bemühte »Win-Win«-Situation. Es lohnt sich deshalb, deren vier Hauptargumente näher anzuschauen, denn inzwischen mußte selbst die Weltbank einräumen, daß »bei vielen Investitionen die Erwartungen nicht erfüllt wurden und daß diese, anstatt nachhaltige Vorteile zu erzeugen, zum Verlust von Hab und Gut beitrugen und die Bevölkerung in eine Situation brachten, die schlechter war, als sie ohne Investitionen gewesen wäre.«6 Dessen ungeachtet werden die »Win-Win«-Argumente von den Vertretern der Finanzinstitutionen gebetsmühlenartig wiederholt, so von Thomas Koch, Abteilungsleiter bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft.</p><p>Dabei steht außer Zweifel, daß Investitionen in die Landwirtschaft in den Ländern des Südens dringend benötigt werden, allerdings in eine sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft. Doch Landkäufe per se stellen noch keine Investitionen in die Produktion von Nahrungsmitteln dar, und an der Frage, welches landwirtschaftliche Modell dem Ziel einer nachhaltigen Lösung des Welternährungsproblems dient, scheiden sich die Geister.</p><p>Koch propagierte die Etablierung einer »hocheffizienten«, d.h. industriemäßigen Landwirtschaft auf den gekauften Flächen, die der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung diene und deshalb unabdingbar sei. Die Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes sei an dieser Stelle deutlich in Frage gestellt, ganz abgesehen von dem Tatbestand, daß bereits jetzt – trotz ausreichender Produktion von Nahrungsmitteln – über eine Milliarde Menschen chronisch hungert.</p><p>Auch ohne das Eingeständnis der Weltbank läßt ein prüfender Blick auf die vermeintlichen Vorteile von Verkauf und Verpachtung der riesigen Ländereien erhebliche Zweifel aufkommen.</p><p><strong>Zynische Floskeln</strong><br /> Von den Protagonisten des »Land Grabbing« wird behauptet, es würden bislang ungenutzte Flächen produktiv gemacht – die Landnahme habe somit a priori keine Auswirkungen auf die örtliche Bevölkerung.</p><p>Das Argument ignoriert die Tatsache, daß bei einem großen Teil der Weltbevölkerung der Lebensunterhalt auf ganz andere Weise erfolgt und nicht auf dem Verkauf der Arbeitskraft basiert, sondern auf Weiderechten, Zugangsrechten zu Wasser, der Verfügbarkeit von Heilpflanzen, dem lokalen Austausch von Gütern usw. Mit anderen Worten, vermeintlich ungenutzte Flächen spielen für die örtliche Bevölkerung eine wichtige Rolle. Das Argument negiert die Perspektive, daß die oftmals harten und in ihrem aktuellen Zustand häufig nicht erstrebenswerten Bedingungen zum Ausgangspunkt für Verbesserungen gemacht werden könnten, anstatt die vorhandenen Existenzgrundlagen zu beseitigen. Mit der Zerstörung der kulturellen und wirtschaftlichen Grundlage dieses nicht in die Logik des Weltmarkts passenden Lebens wird das Versprechen eines neuen »modernen« Lebens verbunden, das sich dann für eine verschwindende Minderheit – die neue Mittelschicht des Südens – materialisiert und parallel dazu die große Mehrheit in die Slums der Metropolen des Südens, in brutale Lohnsklaverei oder an die Mauern der »Festung Europa« treibt.</p><p>Die Verfechter des »Land Grabbing« behaupten weiter, mit der Nutzung der verkauften und verpachteten Flächen käme es zu einem Transfer moderner Technologie in die Landwirtschaft des »Gastgeberlandes« und somit zu Produktivitätssteigerungen. Dazu muß an dieser Stelle zunächst die prinzipielle Frage wiederholt werden: Ist eine vom Agrobusineß kontrollierte Landwirtschaft mit energieintensiven Inputs, gentechnisch veränderten Sorten und Monopolen an »geistigen Eigentumsrechten« das Modell der Zukunft? Oder ist das ein Freifahrtschein in die ökologische und soziale Katastrophe für die Mehrheit der Weltbevölkerung? Abgesehen davon gibt es bislang kein Beispiel dafür, daß profitorientierte ausländische Investoren Technologie an lokale Kleinbauern transferiert hätten. Die Einführung kommerziellen Saatguts und erdölbasierter Inputs wie Kunstdünger und Pestizide mit dem Ziel ihres gewinnorientierten Verkaufs als »Technologietransfer« zu bezeichnen, ist ein Euphemismus.</p><p>Institutionen wie die Weltbank sprechen außerdem von einer »Miternährung« der Bevölkerung des »Gastgeberlandes« durch die höheren Erträge auf den verpachteten Flächen. Bislang ist es unmöglich, dies fundiert zu beurteilen. Bei der nahezu völligen Intransparenz der Vertragsinhalte läßt sich die Verbindlichkeit entsprechender medienwirksamer Verlautbarungen kaum überprüfen. Unbeschadet der Vertragsinhalte muß berücksichtigt werden, daß ein beträchtlicher Teil der verhökerten Flächen – laut Deininger inzwischen mehr als 35 Prozent – zur Produktion von Agrotreibstoffen genutzt wird. In diesem Fall degeneriert das Argument der »Miternährung« zur zynischen Floskel. Ferner ist das Outsourcing der landwirtschaftlichen Produktion in Drittländer in besonderem Maße an Preisfluktuationen auf dem Weltmarkt gekoppelt. Es ist also nur logisch zu erwarten, daß in Zeiten hoher Weltmarktpreise, wenn die »Miternährung« der Bevölkerung des »Gastgeberlandes« besonders dringlich wäre, die Ernte zu hundert Prozent ins »Mutterland« transferiert oder auf den Weltmarkt geworfen wird (Stichwort Alpha-Rendite). Falls dem vertragliche Klauseln entgegenstehen, ist die Vermutung leider nicht unbegründet, daß die in vielen »Gastgeberländern« verbreitete Korruption ausreichen dürfte, um vielfach die betreffenden Klauseln zu umgehen. Selbst die Weltbank mußte eingestehen, daß sich Investoren insbesondere auf Länder mit »schwacher Staatlichkeit« konzentrieren.</p><p>Weiterhin wird behauptet, mit den vermeintlichen Agrarinvestitionen, die im Zusammenhang mit dem Verkauf bzw. der Verpachtung großer Ländereien in das »Gastgeberland« flössen, würden Arbeitsplätze geschaffen. Klar ist, daß mit dem »Land Grabbing« das Konzept einer industriemäßigen, hochtechnisierten Landwirtschaft verfolgt wird, was unter anderem Thomas Koch unumwunden erklärte. Wie auf diese Weise Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, ist nicht nachvollziehbar, es sei denn, man verzichtet in der Bilanz auf die Berücksichtigung der dadurch zerstörten kleinbäuerlichen Existenzen.</p><p><strong>Sklavenarbeit</strong><br /> Auch in den Zentren der Macht – vom G-8-Gipfel über die Weltbank bis zu nationalen Regierungen – ruft das schwindelerregende Tempo bei den Landkäufen Besorgnis hervor. Es darf unterstellt werden, daß die Entscheidungsträger dieser Institutionen weniger von den Schicksalen der Menschen berührt werden als von der Sorge um politische Stabilität. Das führt reflexartig zu Rufen nach freiwilligen Selbstverpflichtungen der Investoren, nach Transparenz, Nachhaltigkeit und Anhörung aller Betroffenen (»stakeholder consultation«). Diese Appelle wirken scheinheilig und hilflos. Sie offenbaren einen objektiven Widerspruch, der aus dem Wunsch nach politischer Stabilität einerseits und dem Diktat der Märkte andererseits resultiert. Ein Widerspruch, der auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist und dem man vor Ort mit »sicherheitspolitischen« Maßnahmen zu begegnen versucht – häufig unter dem Deckmantel der »Terrorbekämpfung«. Doch während die internationalen Gremien freiwillige Verpflichtungen (»Code of Conduct«) propagieren, fehlt augenscheinlich die Basis, deren Einhaltung auch nur annähernd zu überblicken. So gab die Bundesregierung im August 2010 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der Linkspartei zur Antwort: »Über eine Beteiligung deutscher Unternehmen an großflächigen Landnahmen in Ländern des globalen Südens hat die Bundesregierung keine Kenntnisse.«7</p><p>Der Antwort der Bundesregierung zufolge ist ihr auch nicht bekannt, »welche deutschen Finanzinstitutionen sich in Landfonds engagieren und/oder mit Land oder mit Agrarprodukten spekulieren«. Der Bundesregierung bleibt also verschlossen, was Autoren wie Thomas Fritz zutage fördern konnten. Um mit dem extremsten der in seiner Untersuchung aufgeführten Beispiele zu beginnen: Die Deutsche Bank investiert über ihre Investmentgesellschaft DWS mindestens in drei Landfonds des brasilianischen Zucker- und Ethanolunternehmens Cosan, das die Landkäufe über seinen eigenen an der New Yorker Börse gelisteten Fonds, Radar Propriedades Agricolas S.A., abwickelt. Von den gigantischen Landkäufen abgesehen – der Konzern kontrolliert mittlerweile mindestens 700000 Hektar – steht Cosan seit Anfang 2010 auf der schwarzen Liste des brasilianischen Arbeitsministeriums, in der Unternehmen verzeichnet sind, die ihre Angestellten unter sklavenartigen Bedingungen schuften lassen. Das hatte zur Folge, daß seitens der brasilianischen Staatsbank bereits vereinbarte Kreditzahlungen an Cosan ausgesetzt wurden. »Die DWS hingegen«, so Fritz, »ermöglicht es ihren AnlegerInnen, von Cosans Geschäftsmethoden zu profitieren – Landnahme und Sklavenarbeit inbegriffen.«8</p><p>Und da es »keine aufsichtsrechtliche Verpflichtung« der Bundesregierung gegenüber deutschen Finanzinstitutionen gibt, braucht sich die Bundesregierung auch nicht darum zu kümmern. Die »Freiwilligen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten«, deren Entwicklung von der Bundesregierung seit Ende 2009 mitgefördert wird, werden es schon richten. Gefordert (und durchgesetzt) wird statt dessen von der Bundesregierung seit diesem Jahr die von der EU festgelegte Erhöhung des Ethanolanteils an Benzinkraftstoffen auf zehn Prozent. Cosan hat Vorsorge getroffen und vereinbarte im August 2010 ein Joint Venture mit Shell, so daß Cosans Ethanol weltweit durch Zapfsäulen des Mineralölkonzerns fließen kann. Vom DWS-Fonds gelangt auch Geld in das argentinische Unternehmen Cresud S.A. und in die in Singapur ansässigen Konzerne Wilmar International Ltd. und Olam International – Unternehmen mit einer katastrophalen Umweltbilanz und darüber hinaus für gravierende Menschenrechtsverletzungen bei der Durchsetzung ihrer Interessen bekannt.</p><p><strong>Bundesregierung sieht zu</strong><br /> Ist die Deutsche Bank das »schwarze Schaf« in einer sonst heilen Welt der deutschen Anlegerlandschaft? Nein. Was der Bundesregierung aufgrund ihrer fehlenden und offensichtlich auch nicht angestrebten »aufsichtsrechtlichen Verpflichtung« vorenthalten bleibt, ist die Kenntnisnahme weiterer Fälle sozialer und ökologischer Fehlinvestitionen deutscher »Finanzdienstleister«. Auch der von der Allianz-Gruppe im April 2008 aufgelegte Fonds RCM Global Agricultural Trends investiert in Cosan. Die in Gelching bei München ansässige Acazis AG (früher Flora Ecopower) hat in Äthiopien 50jährige Pachtverträge über 56000 Hektar zum Anbau von »Energiepflanzen« (Castor und Eukalyptus) abgeschlossen und verfügt über Konzessionen für weitere 200 000 Hektar.9</p><p>Abgesehen davon, daß die Segnungen der Agrarinvestitionen von Flora Ecopower ausblieben – zeitweilig wurden nicht einmal die Löhne ausgezahlt –, ist das ein konkretes Beispiel dafür, wie in einem Land (Äthiopien), das sich am Tropf des Welternährungsprogramms befindet, Flächen der Stillung des Energiehungers in den kapitalistischen Kernländern dienen statt der des Hungers der Bevölkerung im eigenen Land.</p><p>Auch Saturnio Borras und Jennifer Franco, zwei in Kanada arbeitende Wissenschaftler, kommen in einer Publikation der Yale-Universität zu dem Schluß, daß der oben erwähnte »Code of Conduct« zum Scheitern verurteilt ist.10 Sie führen dafür einige Punkte an: Erstens wird damit das konzernkontrollierte Modell landwirtschaftlicher Produktion nicht in Frage gestellt; zweitens ist die Verbesserung der Lage der Landbevölkerung des Südens nicht primärer Gegenstand dieser Art von »Entwicklung«; drittens wird suggeriert, die Klärung von Landeigentumsrechten sei eine Lösung (für sich selbst genommen ist sie es nicht, denn es muß gleichzeitig geklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen dort Nahrungsmittel produziert werden); und viertens betrachten Borras und Franco »Transparenz« und »Partnerschaft« nicht automatisch als Garantien für Fairneß, und schließlich steht das Prinzip der Freiwilligkeit notwendigen Sanktionen bei Verstößen entgegen.</p><p>Welche Alternativen gäbe es angesichts der »Land Grabbing«-Welle? Die dringendste und am schnellsten realisierbare Maßnahme wäre – bei vorhandenem politischen Willen – ein globales Moratorium für großflächige Landkäufe. Damit würde Zeit gewonnen, um Mechanismen zu installieren, die garantieren, daß Agrarinvestitionen ihren eigentlichen Zweck erfüllen – die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung. Olivier de Schutter hat im Dezember 2009 anläßlich der 13. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats minimale Prinzipien für großflächige Landkäufe aufgelistet11: Freies und bewußtes vorheriges Einverständnis der örtlichen Bevölkerung bei Änderungen in der Landnutzung, die Förderung arbeitsintensiver Anbausysteme (d.h. kleinbäuerlichen Wirtschaftens, P.Cl.), angemessener Schutz und Einräumung gewerkschaftlicher Rechte für Landarbeiter, Förderung umweltverträglicher Produktionsmethoden sowie Verträge zur Landnutzung mit sanktionierbaren Verpflichtungen gegenüber den Investoren. Die »alternative Agenda« von Thomas Fritz sieht ähnlich aus. Zusätzlich schlägt er eine Stärkung des Widerstandes gegen Landgeschäfte und deren systematische Überwachung vor. Diesen Widerstand gibt es schon heute, und er ist weiter verbreitet, als man vermutet. Die Tatsache, daß von den eingangs erwähnten 463 Landdeals laut Weltbank-Angaben zum Erfassungszeitpunkt nur 21 Prozent praktisch umgesetzt waren, hat viele Ursachen. Eine der anerkannten ist lokaler Widerstand – ein nicht ganz unbedeutendes »Investitionshindernis«.</p><p><strong>Anmerkungen</strong><br /> 1 von engl. peak (dt. Gipfelpunkt) und soil (dt. Land/Boden). Der Begriff bezeichnet in Anlehnung an »Peak Oil«, dem Zeitpunkt, ab dem mehr Erdöl verbraucht wird als an Förderquellen neu erschlossen werden, die Grenzen der globalen Vernutzung von Boden – d. Red.<br /> 2 Fritz, T.: <a href="http://www.fdcl-berlin.de/publikationen/fdcl-veroeffentlichungen/publikation-das-grosse-bauernlegen-agrarinvestitionen-und-der-run-aufs-land/">Das große Bauernlegen. Agrarinvestionen und der Run auf’s Land</a>, FDCL-Verlag, Berlin 2010, S. 10. Durch die Erzielung von Extrarenditen (»Alpha«) versprechen die Fonds jährliche Erträge von 15 bis 25 Prozent.<br /> 3 GTZ: Foreign Direct Investment (FDI), in: Land in developing countries, Eschborn, 2009.<br /> 4 Fritz a.a.O., S. 10<br /> 5 FAO: <a href="http://www.fao.org/docrep/011/i0291e/i0291e00.htm">The state of food insecurity in the world</a>, Rome, 2008.<br /> 6 World Bank: <a href="http://siteresources.worldbank.org/INTARD/Resources/ESW_Sept7_final_final.pdf">Rising global interest in farmland. Can it yield sustainable and equitable benefits?</a> 2011, S. 118<br /> 7 Deutscher Bundestag, Drucksache 17/2779 vom 20.08.2010, S.3<br /> 8 Fritz a.a.O., S. 12<br /> 9 <a href="http://land-grabbing.de/fallbeispiele">land-grabbing.de/fallbeispiele</a><br /> 10 Borras Jr., S. und Franco, J.: From Threat to Opportunity? Problems with the Idea of a ’Code of Conduct’ for Land-Grabbing. Yale Human Rights &#038; Development Law Journal, Vol 13, 2010, S. 507-523<br /> 11 <a href="http://www.srfood.org/images/stories/pdf/officialreports/20100305_a-hrc-13-33-add2_land-principles_en.pdf">www.srfood.org/images/stories/pdf/officialreports/20100305_a-hrc-13-33-add2_land-principles_en.pdf</a></p><p>Erschienen in: <a href="http://www.jungewelt.de/2011/03-28/039.php">junge Welt vom 28.03.2011</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Schönredner bei der FAO</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/#comments</comments> <pubDate>Thu, 05 Aug 2010 03:38:47 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=438</guid> <description><![CDATA[Aus: land &#038; wirtschaft, junge Welt-Beilage vom 04.08.2010 von Peter Clausing Landnahme durch private Investoren in Afrika und Lateinamerika erreicht dramatische Dimensionen. UN-Ernährungsorganisation, Weltbank und Entwicklungspolitiker betonen »Chancen« »Man muß kein Bauer sein, um mit Ackerland Geld zu verdienen«, hieß es in einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 11. Februar 2010, der sich mit [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Aus: land &#038; wirtschaft, <em>junge Welt</em>-Beilage vom 04.08.2010<br /> von Peter Clausing</p><p>Landnahme durch private Investoren in Afrika und Lateinamerika erreicht dramatische Dimensionen. UN-Ernährungsorganisation, Weltbank und Entwicklungspolitiker betonen »Chancen«</p><p>»Man muß kein Bauer sein, um mit Ackerland Geld zu verdienen«, hieß es in einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 11. Februar 2010, der sich mit einem Trend beschäftigte, über den in den letzten zwei Jahren viel geschrieben und diskutiert wurde, ohne daß es seither zu einer Trendwende gekommen ist. Die Rede ist von der rasanten Aneignung des Produktionsmittels Boden durch Investoren und – seit der Preisexplosion im Nahrungsmittelbereich 2008 – durch finanzstarke Länder mit prekärer Eigenversorgung, international unter dem Begriff Land Grabbing bekannt. Die Berichterstattung in den Medien vermittelt den Eindruck, daß es vor allem die Regierungen Chinas, Südkoreas und der Golfstaaten seien, die diese Landumverteilung vorantreiben. Eine repräsentative Analyse des Londoner International Institute for Environment and Development (IIED) zeigte aber am Beispiel von Äthiopien, Ghana, Madagaskar und Mali, daß dort 90 Prozent der Flächen an private Investoren vergeben wurden. Auch in anderen Ländern dürften Privatkäufer dominieren. Insgesamt wurden laut Schätzungen der in Spanien ansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN von 2006 bis Herbst 2009 zwischen 22 und 50 Millionen Hektar Land in Ländern des Südens gekauft oder gepachtet. Das entspricht einem Viertel bis der Hälfte der Ackerfläche der Europäischen Union.</p><p><strong>Neokolonialismus</strong></p><p>Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist das Profitstreben der Investoren. Eine Binsenweisheit, die an dieser Stelle wiederholt wird, um an das damit verbundene Potential an krimineller Energie zu erinnern, zumal genau dies beispielsweise von der Welternährungsorganisation (FAO) schöngeredet wird. FAO, Weltbank, die staatliche und staatsnahe deutsche Entwicklungshilfe und andere erkennen bei diesen Transaktionen zwar Risiken, halluzinieren aber gleichzeitig »Chancen« für die ländliche Bevölkerung des Südens. So schlagen Weltbank und FAO allen Ernstes vor, die Ernährung der ländlichen Bevölkerung im globalen Süden durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Verpackungsindustrie zu sichern. Die Werbesprüche auf den Websites der Investmentfonds zeigen deutlich, worum es geht: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, Land- und Wasserknappheit– all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen«, frohlockt etwa die zur Deutschen Bank gehörende Fondsgesellschaft DWS. Besonders vielversprechend für die Anleger ist dabei die kontinuierlich zunehmende Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Agrotreibstoffproduktion, die die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt in die Höhe treibt.</p><p>Was Almuth Ernsting von der britischen »Biofuelwatch«-Kampagne vor drei Jahren voraussah, ist inzwischen bittere Realität. Damals schrieb sie: »Karten, Länder und Kontinente werden in ›Gebiete‹ eingeteilt, die darlegen, für welche unterschiedlichen Monokultur-Plantagen sie ›passend‹ sind. (…) Weiden und ertragsgeringe Agrarflächen werden für Effizienz und Treibstoffproduktion geopfert. Experten nehmen wenig Rücksicht auf ›soziale Faktoren‹ wie die lästige Tatsache, daß das Land vielleicht das Zuhause von Millionen Menschen ist.« Laut FIAN, einer NGO, die sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt, leben allein in Afrika südlich der Sahara 60 Millionen Nomaden, deren Weideland zu diesen Flächen zählt. Ernsting fährt in ihrem 2007 publizierten Text fort: »Die Karten zeigen eine furchterregende Ähnlichkeit zu denen, die die Europäer während des ›Gerangels um Afrika‹ 1880 gezeichnet haben. Mit wissenschaftlicher Billigung, Unterstützung von den Regierungen, vielen NGOs und der UNO werde neue Partnerschaften zwischen der Biotech-Industrie, Ölfirmen und Agrarkonzernen geschlossen. Diese investieren Milliarden von Dollar, zuversichtlich, daß ihnen der Zugang zu Land und die Kontrolle der Versorgungsketten sicher sind.«</p><p>Dementsprechend beeilen sich die Regierungen von Ländern des Südens mit der Schaffung neuer Gesetze, um den Bedürfnissen der Planer und Investoren gerecht zu werden und die gewünschten Handlungsspielräume zu schaffen. Vorreiter war Mexiko, das im Zuge seiner neoliberalen Reformen bereits Anfang der 1990er Jahre die verfassungsmäßigen Hürden für die Privatisierung von Gemeindeland beseitigt und damit die Grundlage für Landkäufe bzw. -nutzungen auch durch ausländische Investoren geschaffen hatte. In Madagaskar gibt es seit 2008 ein Gesetz, das ausländischen Investoren erlaubt, große Landflächen bis zu 99 Jahr lang, zu pachten. Auf den Philippinen bemüht man sich um eine Verfassungsänderung, die ausländischen Investoren das 100prozentige Eigentum an erworbenem Land ermöglichen soll.</p><p>Selbst den Institutionen des politischen Mainstreams wird angesichts der Dynamik des Prozesses mulmig. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), das Londoner IIED und andere zählen in ihren Arbeitspapieren alle wesentlichen mit dem Land Grabbing verbundenen Risiken auf. Gleichzeitig weist das IIED den Begriff jedoch vehement zurück, weil dies den angeblichen Chancen, die mit dem euphemistisch als »Auslandsdirektinvestition« bezeichneten Landraub verbunden sind, nicht gerecht würde. Die vom IIED und anderen Institutionen identifizierten »Entwicklungschancen« bestehen in der Produktivmachung vermeintlich ungenutzter Flächen, in der Schaffung von Arbeitsplätzen, im angeblichen Technologietransfer in die Landwirtschaft des »Gastgeberlandes« und in der Miternährung von dessen Bevölkerung.</p><p>Dabei schreien die Risiken, allen voran die Zerstörung der Umwelt durch industriemäßige Landwirtschaft und die Vertreibung lokaler Gemeinschaften, förmlich nach einem globalen Moratorium für große Landtransaktionen. Doch das Rezept der offiziellen Politik besteht in der Propagierung freiwilliger Selbstverpflichtungen, auf deren Basis Agrarkonzerne und Finanzinstitutionen von einer profit- und spekulationsorientierten Gewinnmaximierung Abstand nehmen sollen.</p><p><strong>Folgenlose Analysen</strong></p><p>Bei der Weltbank ist es zudem gängige Praxis, kritische Einschätzungen und die formulierten Politikempfehlungen voneinander zu entkoppeln. Ihr jüngster Bericht, dem Vernehmen nach der bislang umfassendste zu diesem Thema, zeichnet ein ernüchterndes Bild bezüglich der propagierten Chancen. Der Entwurf des Reports, der im August veröffentlicht werden soll, wurde vergangene Woche der Financial Times zugespielt. Deren am 27.Juli erschienenem Bericht zufolge konzentrierten sich die Investoren auf Länder mit schwacher Landgesetzgebung, und die im Zusammenhang mit den Landkäufen versprochenen Arbeitsplätze und Infrastrukturinvestitionen blieben weitestgehend aus. Im Report der Weltbank wird deshalb Spekulation als das Schlüsselmotiv für diese Transaktionen identifiziert. Wenn von den neuen Eigentümern überhaupt Steuern gezahlt würden, seien diese niedriger als die von den Kleinbauern entrichteten. Die in den freiwilligen Richtlinien der FAO und anderer Institutionen empfohlenen Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung waren schwach und oberflächlich und in einigen Ländern mit Rechtsverletzungen verbunden. Häufig entstanden Landrechtkonflikte. Bemühungen, die Investitionen in eine breitere Entwicklungsstrategie des »Gastgeberlandes« einzubinden, gab es so gut wie nie.</p><p>Unbeschadet dieser katastrophalen Bilanz setzt die Weltbank auf eine »Land Transparancy Initiative« dem Vorbild der »Extractive Industry Transparency Initiative« (EITI) der Bergbauindustrie. Acht Jahre nach ihrem Start wurde EITI indes lediglich von drei Ländern, nämlich Aserbaidschan, Liberia und Osttimor umgesetzt. Ein weiteres Problem ist, daß eine solche Initiative nur finanzielle Aspekte erfaßt. Umweltfragen und solche der Ernährungssouveränität bleiben außen vor. Ein globales Moratorium für großflächige Landtransaktionen – so lange, bis sanktionierbare »minimale Menschrechtsprinzipien« eingeführt worden sind, wie sie von Olivier de Schutter, UNO-Berichterstatter für das Recht auf Ernährung, gefordert werden – wären deshalb das Gebot der Stunde.</p><p>URL: http://www.jungewelt.de/beilage/art/2384</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Präsentation zu Vortrag &#8220;Landgrabbing&#8221; am 25.02.2010 in Berlin</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/#comments</comments> <pubDate>Sun, 21 Feb 2010 12:17:30 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=311</guid> <description><![CDATA[Hier die Präsentation als Live-View (Flash) &#124; PDF zum Vortrag &#8220;Turbo-Kapitalismus &#8211; die neue Landnahme im globalen Süden&#8221; im Rahmen der Veranstaltungsreihe &#8220;Frisch serviert vom Krisenherd&#8221; (siehe Meldung vom 14.02.2010). Den Vortrag gab&#8217;s am 25.2.2010 um 19:00 Uhr in der »Galerie Zeitzone«, Adalbertstr. 79, 10997 Berlin-Kreuzberg.]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Hier die Präsentation als <a href="http://www.chiapas98.de/ppt/Landgrabbing-A17/index.html" target="_blank" onclick="FensterOeffnenMax(this.href); return false">Live-View (Flash)</a> | <a href='http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/01/Landgrabbing-A17.pdf'>PDF</a> zum Vortrag &#8220;Turbo-Kapitalismus &#8211; die neue Landnahme im globalen Süden&#8221; im Rahmen der Veranstaltungsreihe &#8220;Frisch serviert vom Krisenherd&#8221; (siehe Meldung vom 14.02.2010).</p><p>Den Vortrag gab&#8217;s am 25.2.2010 um 19:00 Uhr in der »Galerie Zeitzone«, Adalbertstr. 79, 10997 Berlin-Kreuzberg.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Kommentiert: The Coming Food Coups by Natsios &amp; Doley</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/#comments</comments> <pubDate>Mon, 31 Aug 2009 00:00:47 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Food Riots]]></category> <category><![CDATA[Hungersnot]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[Preisexplosion]]></category> <category><![CDATA[Subventionen]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=72</guid> <description><![CDATA[In ihrem Beitrag &#8220;The Coming Food Coups&#8221;, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom Center for Strategic and International Studies herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die Famine Theory ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>In ihrem Beitrag <a href="http://www.twq.com/09winter/docs/09jan_NatsiosDoley.pdf">&#8220;The Coming Food Coups&#8221;</a>, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom <em>Center for Strategic and International Studies</em> herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die <em>Famine Theory</em> ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den Hungersnöten, &#8220;<em>a body of knowledge about the microeconomic dynamics of famines, the vulnerability of people to food price shocks, and the common patterns of behavior people use to try to survive in different stages of a famine</em>&#8220;.</p><p>Ihrer Meinung nach müssen Politiker ausgerüstet sein, um die Sicherheits- (und andere) Konsequenzen derartiger Entwicklungen zu minimieren. Dabei betrachten sie &#8211; im Gegensatz zu Paul Collier (vgl. <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=144">Medien-Offensive des Agrobusiness [1]</a>) &#8211;  die Rücknahme von Subventionen (z.B. für Agrotreibstoffe) in einer bürgerlichen Demokratie als unrealistisch.</p><blockquote><p>»The likelihood of a substantial reduction in U.S. corn-based ethanol subsidies is unlikely. Once democratic governments begin to subsidize something, withdrawing the subsidy becomes politically very difficult, mainly because the subsidies create constituencies which make a great deal of money and wield substantial political power.«</p></blockquote><p>Im Abschnitt »What We Know About Famine« führen uns die Autoren zu folgender erstaunlicher Erkenntnis:</p><blockquote><p>»Famines are seldom caused by the absence of food, but rather by an individual’s inability to access food that is available.«</p></blockquote><p>So weit so gut. Zugleich wird uns aber mitgeteilt, dass die Hungersnot in dem Maße abnimmt, in dem sich die Zahl der zu stopfenden Mäuler durch den Tod des schwächeren Teils der Bevölkerung verringert:</p><blockquote><p>»Famine is &#8230; climaxing in widespread mortality, and then followed by reduced mortality as the death of the most vulnerable people reduces the number of mouths to feed.«</p></blockquote><p>Liegt es also doch an der Menge der verfügbaren Nahrungsmittel ? So richtig schlau wird man aus der zynischen Betrachtungsweise der Autoren nicht.</p><p>Ausgehend von der Feststellung, dass das Horten von Nahrungsmitteln die Versorgungssituation verschlimmert, kommen die Autoren unter bemerkenswerter Ignorierung der Tatsache, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen, also Horten in globalem Maßstab, maßgeblich zur 2008er Preisexplosion beigetragen hat, zu der frappierenden Einsicht:</p><blockquote><p>»Market-based interventions work best to stop hoarding.«</p></blockquote><p>Interessant für eine Publikation aus dem <em>Center for Strategic and International Studies</em> ist das Eingeständnis, <em>&#8220;The Iraqi insurgency was partially fueled by the migration of destitute young men from rural areas&#8221;</em> auch wenn schützend die Behauptung hinzugefügt wird <em>&#8220;where the agricultural economy had collapsed before the Iraq war had begun.&#8221;</em></p><p>Für Afghanistan sehen es die Autoren ähnlich:<em> »&#8230;(T)he increase in food prices in Afghanistan, &#8230; may contribute to an increase in the number of Taliban recruits.«</em>, was in Anbetracht der Tatsache, dass trotz zig Milliarden &#8220;Entwicklungshilfe&#8221; (militärischer und ziviler Art) 35% der 26.6 Millionen Afghanen chronisch hungern, nicht verwunderlich ist. Im ersten Halbjahr 2008 hat es 12 bewaffnete Überfälle auf Nahrungsmittelkonvois des World Food Program (WFP) gegeben, im Jahr 2007 waren es insgesamt 30 (Zur Instrumentalisierung des eigentlich der UNO unterstehenden WFP für die US-amerikanische Außenpolitik siehe <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=142">hier</a>).</p><p>Das sicherste Mittel gegen Hungersnöte, so schlussfolgern Natsios &#038; Doley, ist eine gut funktionierende bürgerliche Demokratie. Ihr schlagkräftigster Beweis ist, dass es in Indien seit Einführung der Demokratie keine Hungersnot mehr gegeben habe. Mehrere Hundert Millionen chronisch Hungernder fallen da offenbar ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, dass sowohl während der Hungersnöte in Indien im 19. Jahrhundert als auch während der <em>Great Irish Famine </em>(1845-1852) ein Nettoexport von Lebensmitteln ins demokratische &#8220;Mutter&#8221;land Großbritannien stattfand. Diese Hungersnöte hielten übrigens den Kriterien von Natsios &#038; Doley stand &#8211; es waren solche, bei denen sich an ein »Klimaxstadium verbreiteter Mortalität eine Periode abnehmender Mortalität« anschloss.</p><p>Die Autoren, die Food Riots und die daraus resultierenden Sicherheitskonsequenzen fürchten, greifen am Ende ihres Beitrages in die Kiste mit den guten Ratschlägen, um im Abschnitt »<em>What to do</em>« mit einer »<strong>Vier-Zinken-Strategie</strong> künftigen Preisanstiegen entgegen zu wirken«.</p><p><strong>Zinke 1:</strong> Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklungsprogramme, einschließlich 1,2 Milliarden Dollar von der Weltbank; Verdopplung des Budgets der Consultative Groups on International Agricultural Research (CGIAR); verstärkte Investitionen in gentechnisch modifizierte (GM-) Sorten; Grüne Revolution für Afrika; und <strong>eine Gegenoffensive gegen die anti-Biotechnologie und anti-GM-Kampagnen</strong>.</p><p><strong>Zinke 2:</strong> Etablierung eines Frühwarnsystems »<em>to meet rapid increases in food prices with new tools, new market-based approaches, and improvements in existing tools</em>«, ähnlich dem »<em>Famine Early Warning Systems Network</em>« (FEWS NET) von USAID, FEWS NET sollte über die bisherigen 25 Länder hinaus ausgedehnt werden.</p><p><strong>Zinke 3:</strong> Marktinterventionen (wieso das jetzt plötzlich ?).</p><p><strong>Zinke 4:</strong> Einstampfen der Subventionen für die Herstellung von Agrotreibstoffen aus Getreide (nun also doch !?).</p><p><b>Quelle:</b></p><p><i>Klaus Pedersen</i>, 31.8.2009 &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Beiträge bleiben aus</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/#comments</comments> <pubDate>Tue, 11 Aug 2009 12:00:51 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[WFP]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=114</guid> <description><![CDATA[Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><i>Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt</i></p><p>Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht hervor. Bereits Ende Juni hatte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, offenbart, seine Organisation habe erst 25 Prozent ihres Budgets für 2009 erhalten. Das WFP ist zu hundert Prozent auf freiwillige Beiträge, in erster Linie von Regierungen, angewiesen. Für die Unterstützung von 108 Millionen bedürftigen Menschen in 74 Ländern hatte das WFP einen Finanzbedarf von 6,7 Milliarden Dollar errechnet.</p><p>Angesichts der nach wie vor unvollständigen Deckung des Budgets hat sich das Welternährungsprogramm nun zu drastischen Kürzungen entschlossen. So muß im Laufe des August der humanitäre Flugdienst des WFP in Teilen Afrikas eingestellt werden, mit dem sowohl Helfer als auch ein Teil der Hilfsgüter transportiert werden. Betroffen sind Guinea, Liberia, Sierra Leone und der Tschad. Allein im Tschad wurden monatlich etwa 4000 Helfer zu zehn Einsatzorten geflogen, um 250000 Flüchtlinge aus Darfur und 180000 Binnenvertriebene zu versorgen.</p><p><b>Kostenexplosion</b></p><p>Meldungen über fehlende Geldmittel beim WFP gab es in letzter Zeit fast jährlich. Doch während es sich in den früheren Jahren um Millionensummen handelte und Programme in bestimmten Regionen (2002 Afghanistan, 2003 Äthiopien, 2006 südliches Afrika) gefährdet waren, fehlen neuerdings Milliarden im globalen Maßstab. Das wirft ein Schlaglicht auf die Welternährungssituation, und zwar nicht wegen Mißernten, sondern hinsichtlich der Nahrungsmittelpreise. Im Zuge der Kostenexplosion bei Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten 2008 kam es zu einer Doppelbelastung für das WFP und andere humanitäre Organisationen. Einerseits mußte für den Einkauf der Hilfslieferungen erheblich mehr Geld ausgegeben werden, denn die Durchschnittspreise für Körnerfrüchte hatten sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Andererseits stieg durch die höheren Verbraucherpreise in den Ländern des Südens die Zahl der Hilfsbedürftigen.</p><p>Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) kostete eine Tonne Reis auf dem Weltmarkt im vorigen Jahr zeitweise über 900 Dollar, bei Weizen lag der Spitzenwert knapp unter 500 Dollar. Obwohl Nahrungsmittelpreise inzwischen keine Schlagzeilen mehr machen, liegen sie in den Ländern der sogenannten dritten Welt vielfach immer noch auf dem extrem hohen Niveau von 2008. Und das trotz einer über dem Vorjahresergebnis liegenden Weltgetreideernte. Dementsprechend stieg auch die Zahl der Bedürftigen. Eine wegen der Welternährungskrise direkt beim UN-Generalsekretär eingerichtete Arbeitsgruppe prognostizierte im Juli 2008 einen Anstieg der Hilfsbedürftigen von 70 auf 98 Millionen, inzwischen sind es 108 Millionen. Im Ergebnis dieser beiden Entwicklungen – Einkaufspreis und Zahl der Bedürftigen – erhöhte sich der Finanzbedarf des WFP sprunghaft auf fünf Milliarden Dollar (2008), während sich der jährliche Haushalt von 2003 bis 2007 zwischen 2,2 und 2,7 Milliarden Dollar bewegte. Im Jahr 2009 wird von den budgetierten 6,7 Milliarden Dollar voraussichtlich knapp die Hälfte fehlen.</p><p>Das WFP ist das weltgrößte Nahrungsmittelhilfsprogramm und deckt jährlich etwa die Hälfte der verteilten Mengen ab. Größter Geldgeber sind die USA, die in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent des Budgets bestreiten, gefolgt von der Europäischen Kommission, die meist zwischen sieben und neun Prozent beisteuert. Die Hälfte des Geldes wird für sogenannte »Längerfristige Hilfs- und Wiederaufbauaktionen« (Protracted Relief and Rehabilitation Operation – PRRO) ausgegeben. Bei den 54 Empfängern zeichnen sich Schwerpunktländer ab, die bestimmte Interessen der Hauptgeberstaaten (politische Einflußnahme, Stabilisierung von Krisengebieten) vermuten lassen. So soll Afghanistan zehn Prozent der PPRO erhalten, die Demokratische Republik Kongo und Simbabwe sechs bzw. sieben Prozent. Für Äthiopien, das auch mehrfach von Mißernten geplagt war, zugleich aber die westlichen Interessen gegen den »zerfallenen Staat« Somalia vertritt, sind 18 Prozent eingeplant.</p><p><b>Einflußnahme</b></p><p>Selbstverständlich muß Menschen in großer Not sehr schnell geholfen werden. Aber es drängt sich die Frage auf, ob nicht grundsätzlich etwas falsch läuft, wenn im Vergleich zum Vorjahr die Welternte und die Zahl der Bedürftigen gleichzeitig steigen. Neben der eskalierenden Einflußnahme mächtiger Länder in Krisengebieten, nicht selten mit dem Ergebnis einer Erhöhung der Zahl der Hilfsbedürftigen (genannt seien Afghanistan, Haiti, Sudan, Kongo, Tschad, Somalia), fällt ein anderer Widerspruch ins Auge. Für Äthiopien, Kenia, Madagaskar, Moçambique, Pakistan und Sudan werden laut WFP-Statistik in Summe über 1,7 Milliarden Dollar an Nahrungsmittelhilfen aufgewendet. Gleichzeitig haben diese Länder zusammengenommen mehr als 1,1 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche mit jahrzehntelangen Pachtverträgen an ausländische Investoren abgegeben, die dort entweder Agrotreibstoffe oder Nahrungsmittel für den Rückexport in die Investorländer anbauen.</p><p> Angesichts dieser Widersprüche und der wachsenden Zahl der Hunger leidenden Menschen, was bislang nichts mit einer globalen Verknappung an Nahrungsmitteln zu tun hat, werden Konzepte zur Ernährungssouveränität immer dringlicher. Sie sind mittelfristig die Alternative zu Hilfslieferungen.</p><p><b>Hintergrund</b></p><p><b>WFP in Zahlen und Fakten</b></p><p><i>2008</i></p><p>Zahl der unterstützten Personen:102 Millionen<br /> Zahl der unterstützten Länder: 78<br /> Zahl der laufenden Projekte: 214<br /> Verteilte Nahrungsmittel: 3,9 Millionen Tonnen<br /> Finanzieller Aufwand: 5,046 Milliarden Dollar</p><p><i>2009</i></p><p>Budgetierter Bedarf: 6,7 Milliarden Dollar<br /> Bis Anfang August 2009 akquiriert: 1,905 Milliarden Dollar</p><p><b>Regionaler Einkauf</b></p><p>Nach den Kontroversen zu Genfood und Food-Dumping korrigierte das Welternährungsprogramm seine Strategie: Heute werden 75 bis 80 Prozent der WFP-Nahrungsmittel regional eingekauft.</p><p><b>WFP und Irak-Krieg</b></p><p>2003, im Jahr der US-Invasion, wurden 25 Prozent der WFP-Nahrungsmittel im Irak eingesetzt, 2004 waren es 44 Prozent – ein Indiz für die Instrumentalisierung dieses UN-Programms durch die USA.</p><p><b>WFP, Piraten und Marine</b></p><p>Zahl der jährlichen WFP-Schiffsladungen nach Mombasa und Somalia: ca. 200<br /> Zahl der gekaperten WFP-Schiffe vor Somalia<br /> 2007: 3<br /> 2008: 0<br /> bis August 2009: 2</p><p>Ein drittes WFP-Schiff wurde attackiert und beschädigt, aber nicht gekapert. Dies war eine angekündigte Vergeltungsaktion für die gewaltsame Geiselbefreiung beim ersten Schiff durch US-Spezialeinheiten.</p><p><b>WFP-Geschichte</b></p><p>Das Welternährungsprogramm ist ein Nebenorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom, Italien. Die Gründung wurde 1961 von der UN-Generalversammlung und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) beschlossen, um die Nahrungsmittelversorgung in Kriegs- und Katastrophengebieten zu sichern. Offiziell nahm das WFP 1963 seine Arbeit auf. Mittlerweile ist die UN-Organisation die weltweit größte und leistungsfähigste Einrichtung zur Versorgung von Notopfern. Zudem führt sie zahlreiche Entwicklungsprojekte durch.</p><p>WFP im Internet: <a href="http://www.wfp.org" target="_blank">www.wfp.org</a><br /> <b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 11.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Humanitäre Hilfe instrumentalisiert</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/#comments</comments> <pubDate>Tue, 11 Aug 2009 12:00:18 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[WFP]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=120</guid> <description><![CDATA[Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><i>Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz</i></p><p>Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. Eine bevorzugte Bedienung jener Krisenregionen, in denen der Westen seine Handlungsschwerpunkte sieht, überrascht deshalb nicht. Das Budget des WFP reicht ohnehin nur für zehn Prozent der eine Milliarde hungernden Menschen. Auch andere Indizien deuten darauf hin, daß das WFP keine »selbstlose« Organisation ist, sondern für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird.</p><p>In der Vergangenheit geriet das Welternährungsprogramm wiederholt wegen des Versuchs in die Kritik, bedürftigen Ländern gentechnisch veränderte Nahrungsmittel aufzuzwingen, insbesondere Genmais. Diese Lieferungen kamen in der Regel aus den USA und hatten den Beigeschmack, daß mit »Sachspenden« die eigene Überproduktion entsorgt wird, anstatt durch Geldbeiträge dem WFP den Kauf von Lebensmitteln auf regionaler Ebene zu ermöglichen und so die landwirtschaftliche Entwicklung in den Ländern des Südens zu fördern. Auch die vorerst gescheiterte Taktik, Hilfslieferungen mit Genmais als »trojanisches Pferd« für Länder zu benutzen, die sich dessen Anbau versperrten, spielte eine Rolle.</p><p>Der Versuch, im Herbst 2002 Genmais als Nothilfe in Sambia einzusetzen, scheiterte an der Ablehnung durch die dortige Regierung. Als Angola im März 2004 ein Einführungsverbot für ungemahlenen Genmais aussprach, drohte der für das südliche Afrika zuständige WFP-Direktor, Mike Sacket, daß es zu einer dramatischen Verschlechterung der Hungerbekämpfung in dem Land kommen würde, in dem damals gerade der Bürgerkrieg zu Ende ging. Ein Jahr später gab es Probleme in Mittelamerika. Achtzig Prozent aller Proben aus WFP-Nahrungsmittelhilfen (Mais, Soja), die nach El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua geschickt wurden, waren im Test auf gentechnische Veränderungen positiv. Es wurden sogar Spuren der Maissorte Starlink gefunden, die selbst in den USA nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen war.</p><p> Aktuell werden die drei diesjährigen Angriffe auf WFP-Schiffe in der Debatte um die Piratenbekämpfung instrumentalisiert, um der Militarisierung am Horn von Afrika einen besonders humanitären Anstrich zu geben. Durch die Bezugnahme auf den Schutz von Schiffen, die Nahrungsmittel für zehn Millionen notleidende Menschen in Ostafrika transportieren, sollen Fragen nach den wahren Motiven und der Entstehungsgeschichte des Antipirateneinsatzes gar nicht erst aufkommen. Auch der parallele Anstieg von Marineeinsätzen und Zahl der Piratenangriffe in den Gewässern vor Somalia wird gern verschwiegen.<br /> <b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 11.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>David gegen Goliath?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/#comments</comments> <pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:00:06 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[IAASTD]]></category> <category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category> <category><![CDATA[Produktivität]]></category> <category><![CDATA[Via Campesina]]></category> <category><![CDATA[Weltagrarbericht]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=130</guid> <description><![CDATA[Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung</b></p><p>Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.</p><p>Doch das Thema Welternährung steht nicht nur aufgrund von Preisexplosionen und Hungerprotesten auf der Tagesordnung. Unterschiedliche Modellrechnungen prognostizieren bei einer globalen Zunahme der Durchschnittstemperatur von etwa drei Grad Celsius regionale Ernteeinbußen zwischen 20 und 50 Prozent, je nachdem, ob man die Ernteausfälle infolge von Überflutungen und Dürreperioden mit einrechnet oder den extrapolierten Verlust auf die Folgen von »Hitzestreß« begrenzt<sup>1</sup>. Dabei befindet sich eine angenommene Erwärmung um drei Grad nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC eher am unteren Ende der Skala des Erwarteten. Bislang spricht mehr dafür als dagegen, daß Mike Davis Recht behalten wird, der im Juni 2008 feststellte: »Wie das UNDP in seinem letztjährigen Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen – beides Größen mit geringem oder gar keinem politischen Gewicht. Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder und Klassen in eine aufgeklärte ›Solidarität‹.«<sup>2</sup></p><p>Darüber, daß die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist und daß hier massiver Handlungsbedarf besteht, besteht inzwischen allgemeiner Konsens. Das kommt in den Erklärungen der letzten G-8-Gipfel und in der Bildung einer speziellen Arbeitsgruppe beim Generalsekretär der Vereinten Nationen ebenso zum Ausdruck wie in Erklärungen kritischer Wissenschaftler, Basisinitiativen und Nichtregierungsorganisationen. Die zwei prinzipiellen Lösungswege, die zur Debatte stehen, um der sich abzeichnenden Zuspitzung der Situation zu begegnen, divergieren jedoch so stark, daß man sie als antagonistisch bezeichnen könnte. Eingedenk der herrschenden Kräfteverhältnisse entspricht es einer David-gegen-Goliath-Konstellation.</p><p>Der von den Mächtigen bevorzugte Ansatz beinhaltet die beschleunigte Ausweitung hochproduktiver Systeme, wobei die Worthülse »Nachhaltigkeit« in den Beschreibungen dieses von Welternährungsorganisation, Weltbank und anderen Institutionen unterstützten Konzepts nicht fehlen darf. In der Praxis sind mit »hochproduktiven Systemen« Hochleistungssorten gemeint, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann. Die Befürworter dieses Weges verweisen auf die Erträge in Modellversuchen. So erreichten die Maiserträge von Beispielbetrieben in Äthiopien, Malawi, Mali, Moçambique, Nigeria und Uganda das Drei- bis Fünffache des jeweiligen Landesdurchschnitts<sup>3</sup>. Solche Vergleiche suggerieren, daß diese Art zu produzieren der einzige Weg zu höheren Erträgen ist.</p><p><b>Ressourcenplünderung</b></p><p>Abgesehen von der Frage, ob hohe Ertragssteigerungen auch auf andere Weise erzielt werden können, läßt der Rückblick auf die »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre begründete Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Ansatzes zu. Wer den in diesem Jahr publizierten 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD), eines Gremiums von rund 400 Wissenschaftlern, aufmerksam liest, stößt an vielen Stellen auf Hinweise, die das belegen<sup>4</sup>. Die Grüne Revolution war laut IAASTD-Bericht die technologische Antwort auf gescheiterte, oftmals aber auch gewaltsam unterdrückte Agrarreformen. Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden<sup>5</sup> – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.</p><p>Doch die Verfechter dieses Modells fordern unverdrossen ein »Weiter so«. Darüber hinaus nutzen die Lobbyisten der Gentechnik die plötzliche Publizität des Themas Welternährung, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit genmanipulierte Pflanzen als ultimative Lösung des Problems feilzubieten. Stellvertretend sei Douglas Kell, der Leiter des britischen Forschungsrats für Biotechnologie und Biologische Wissenschaften (BBSRC), zitiert, der in einem BBC-Interview am 27.April 2009 eine »maßgebliche Entwicklung der Agrarwissenschaften« einforderte, um weiteren Hungerrevolten vorzubeugen. Da der BBSRC die Gentechnik als eine von drei Säulen der Ertragssteigerung betrachtet<sup>6</sup>, kann man sich ausrechnen, was Kell meint. Noch werden laut IAASTD auf 93 Prozent der globalen Ackerfläche konventionelle Sorten angebaut. Folglich läßt sich da viel »entwickeln«. So hat die britische Regierung beschlossen, die Versorgung »der Armen in der Welt« mit genmanipuliertem Saatgut mit 100 Millionen Pfund unterstützen zu wollen, wie der Guardian am 19. Juli berichtete – wobei ein großer Teil dieser Gelder an Forschungsinstitute geht, die etwa dürreresistenten Mais entwickeln, sowie an den Agrarkonzern Syngenta<sup>7</sup>. Daß sowohl im IAASTD-Bericht4 als auch in der jüngsten Publikation der »Union of Concerned Scientists«8 den Gentechnik-Sorten bescheinigt wird, im Vergleich zu konventionellen Sorten keine besseren Erträge zu bringen, scheint da wenig zu stören.</p><p><b>Effiziente Alternativen</b></p><p>Auch die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die in den letzten zehn bis 20 Jahren stark vernachlässigt wurde (siehe dazu auch Seite 7) – und die Förderung einer darauf ausgerichteten Agrarforschung. Das von ihnen verfolgte Konzept dürfte in dem von der internationalen Kleinbauernorganisation »Via Campensina« geprägten Begriff »Ernährungssouveränität« am prägnantesten zusammengefaßt sein. Kernstück ist die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf nachhaltige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevölkerung produzieren soll. Hierbei geht es nicht um die Revitalisierung überlebter Traditionen, sondern um Überlebensstrategien in einer rauhen neoliberalen Wirklichkeit. Wichtige Komponenten des Konzepts der Ernährungssouveränität sind Landreformen, die Stärkung der Rechte der Bauern und Landarbeiter, die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik, soziale Gerechtigkeit und der Schutz vor Billigimporten. Selbstversorgung sowie lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor einer Exportorientierung haben. Mehrere Länder, darunter Nepal, der Senegal und Venezuela, haben das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihren Verfassungen verankert.</p><p>Es gibt sowohl akademische als auch praktische Beweise für die Tragfähigkeit dieses Konzepts. Eine 2007 publizierte Meta-Analyse von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Anbausysteme dokumentierte, daß man problemlos die eine oder andere Arbeit herauspicken könnte, um entweder die konventionellen oder biologischen (einschließlich quasi-biologischen) Anbaumethoden als überlegen darzustellen<i>9</i>. Bei einer Gesamtbetrachtung aller Arbeiten zeichnet sich jedoch de facto kein Unterschied im Ertragspotential des einen oder des anderen Verfahrens ab – wohl aber in bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Autoren räumen ein, die tatsächlich erzielten Erträge des (quasi-)biologischen Anbaus in den Ländern des Südens vermutlich unterschätzt zu haben, weil die Vergleiche nur in bezug auf eine Fruchtart angestellt wurden. Der Output an Kalorien je Flächeneinheit ist jedoch aufgrund der anzutreffenden »Multicropping«-Systeme (Felder mit mehreren gleichzeitig angebauten Früchten) oftmals höher. Eine Forschergruppe um Peter Rosset, Direktor der US-Entwicklungshilfeorganisation »Food First« führte darüber hinaus einen Produktivitätsvergleich zwischen kleinen und großen Landwirtschaftsbetrieben in 15 Ländern des Südens durch. Wenngleich für eine einzelne Frucht die Hektarerträge in den Großbetrieben oftmals höher waren, war die Gesamtproduktivität pro Flächeneinheit bei den kleineren Betrieben um den Faktor zwei bis zehn größer<sup>10</sup>. Als Gründe für diesen Unterschied nennt Rosset das erwähnte Multicropping, eine höhere Arbeitsintensität pro Flächeneinheit und eine effektivere Bewässerung.</p><p><b>Von der Not zur Tugend</b></p><p><i>Zu den Erfolgsbeispielen der praktischen Anwendung des Konzepts der Ernährungssouveränität zählen das unfreiwillige »Großexperiment« Kuba und die Erfolge der brasilianischen Landlosenbewegung MST.</i></p><p>Nach dem Kollaps des sozialistischen Lagers brach für Kuba nicht nur der Absatzmarkt über Nacht weg, sondern auch die bislang von dort importierten Produktionsmittel wie Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, Maschinen und Ersatzteile fehlten plötzlich. Im Ergebnis schrumpfte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion von 1986 bis 1995 um jährlich fünf Prozent. Die erzwungene Neuorientierung machte Kuba zum ersten Land, das begann, biologischen Landbau in nationalem Maßstab zu betreiben – mit dem Erfolg, daß, nachdem diese Umstellung ihre Wirkung entfaltete, von 1996 bis 2005 die Pro-Kopf-Produktion wieder um jährlich 4,2 Prozent wuchs. In diesem Fall wirkte sich das US-Embargo ausnahmsweise begünstigend aus: Kuba war vor importierter Billigware weitgehend geschützt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das in Kuba gut etablierte Campesino-a-Campesino-System der Weitervermittlung von Erfahrungen<sup>11</sup>. Nahezu die Hälfte der unabhängigen Kleinbauern Kubas in rund 100000 Familienbetrieben erzeugen mit ihren agroökologischen Methoden pro Hektar mehr Nahrung als die industrialisierten Großbetriebe. Von den 25 Prozent der bebaubaren Fläche, die auf diese Weise genutzt wird, kommen 65 Prozent der nationalen Nahrungsmittelproduktion. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß die Zerstörungen der drei Hurricans, die Kuba 2008 getroffen haben, ihren Tribut gefordert haben: Momentan importiert Kuba nach inoffiziellen Angaben 55 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs – ein dramatisches Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Dessen ungeachtet haben die Kubaner sich vorgenommen, die Fläche ökologischen Anbaus auf 1,5 Millionen Hektar auszudehnen, was, effizient genutzt, genügen würde, um die Ernährungssouveränität des Landes herzustellen.</p><p>Im Zuge der vom brasilianischen MST praktizierten »umverteilenden« Landreform waren 2002 acht Millionen Hektar Land besetzt und von etwa einer Million Menschen in Besitz genommen worden. Die sozioökonomischen Kennziffern dieses rebellischen landwirtschaftlichen Experiments sind beeindruckend. Die Nutznießer der Landreform haben im Durchschnitt ein Einkommen, das dem 3,7fachen des nationalen Mindestlohns entspricht, während Landlose nur 70 Prozent des Mindestlohns erhalten<sup>11</sup>. Die Kindersterblichkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch halb so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Mit dieser Strategie werden nicht nur die vor Ort benötigten Nahrungsmittel produziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, deren Einrichtung in der Industrie nach Schätzungen zwei- bis 20mal teurer ist.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Battisti &#038; Naylor (2009): Science 323, S. 240-244; und Daten von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC</li><li>Davis, M. (2008): Willkommen im Anthropozän; <a href="http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php" target="_blank">www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php</a></li><li>FAO: The State of Food Insecurity in the World 2008. FAO, 2008</li><li>IAASTD: Global Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li>IAASTD: Synthesis Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li><a href="http://www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf" target="_blank">www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf</a></li><li><a href="http://www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding" target="_blank">www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding</a></li><li><a href="http://www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf" target="_blank">www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf</a></li><li>Badgley u.a. (2007): Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108</li><li><a href="http://www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf" target="_blank">www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf</a></li><li>Rosset, P. (2009): Monthly Review 61, Nr. 3, S. 114–128</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 05.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br /> URL: <a href="http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112" target="_blank">http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112</a> (Nur im Online-Abo)</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
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