Globales Land Grabbing: die europäische Dimension
von Peter Clausing
Die vier wesentlichen Triebkräfte, die den Kauf und die Pacht riesiger Flächen in den Ländern des Südens und Osteuropas befeuern – Nahrungsmittelspekulation, der Einsatz von Agrotreibstoffen, die Suche nach “sicheren“ Anlagen sowie Ernteausfälle aufgrund von Klimawandel und Bodenmüdigkeit – haben sich seit dem vor drei Jahren an dieser Stelle veröffentlichten Beitrag nicht geändert.(1) Allerdings haben sich bei den investierenden Interessengruppen die Proportionen verschoben: Waren es ursprünglich vor allem Länder mit prekärer Eigenversorgung, die auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit von den Fluktuationen der Weltmarktpreise nach Möglichkeiten eines Offshore farming suchten, sind es heute in viel stärkerem Maße Investoren, die auf Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen spekulieren. Hinzu kommt noch die Rolle der Europäischen Union und die der EU-„Bio“kraftstofflobby, wie im Folgenden gezeigt wird.
Peak Soil I – Hunger nach Land
Hintergrund »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren
Peter Clausing
»Peak Soil«1 lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches des Berliner Autors Thomas Fritz, einer ersten umfassenderen Übersicht zum Thema »Land Grabbing« (Landnahme) in deutscher Sprache. Der Begriff »Land Grabbing« bezieht sich auf den Kauf bzw. die langfristige Pachtung großer Landflächen – vor allem in den Ländern des Südens, aber auch in Osteuropa – mit oft drastischen Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung.
Präsentation zu Vortrag “Landgrabbing” am 25.02.2010 in Berlin
Hier die Präsentation als Live-View (Flash) | PDF zum Vortrag “Turbo-Kapitalismus – die neue Landnahme im globalen Süden” im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Frisch serviert vom Krisenherd” (siehe Meldung vom 14.02.2010).
Den Vortrag gab’s am 25.2.2010 um 19:00 Uhr in der »Galerie Zeitzone«, Adalbertstr. 79, 10997 Berlin-Kreuzberg.
Kommentiert: The Coming Food Coups by Natsios & Doley
In ihrem Beitrag “The Coming Food Coups”, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom Center for Strategic and International Studies herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die Famine Theory ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den Hungersnöten, “a body of knowledge about the microeconomic dynamics of famines, the vulnerability of people to food price shocks, and the common patterns of behavior people use to try to survive in different stages of a famine“.
Beiträge bleiben aus
Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht hervor. Bereits Ende Juni hatte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, offenbart, seine Organisation habe erst 25 Prozent ihres Budgets für 2009 erhalten. Das WFP ist zu hundert Prozent auf freiwillige Beiträge, in erster Linie von Regierungen, angewiesen. Für die Unterstützung von 108 Millionen bedürftigen Menschen in 74 Ländern hatte das WFP einen Finanzbedarf von 6,7 Milliarden Dollar errechnet.
Humanitäre Hilfe instrumentalisiert
Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz
Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. Eine bevorzugte Bedienung jener Krisenregionen, in denen der Westen seine Handlungsschwerpunkte sieht, überrascht deshalb nicht. Das Budget des WFP reicht ohnehin nur für zehn Prozent der eine Milliarde hungernden Menschen. Auch andere Indizien deuten darauf hin, daß das WFP keine »selbstlose« Organisation ist, sondern für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird.
David gegen Goliath?
Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung
Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.
Gepflanzte Profite
Der heutige 16. Oktober wurde 1979 zum Welternährungstag erklärt. Es ist der Gründungstag der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die im Jahr 1945 an diesem Tag geschaffen wurde. Der Welternährungstag steht jedes Jahr unter einem besonderen Thema. Im vorigen Jahr lautete das Motto »Das Recht auf Nahrung ist keine Utopie«. Die reale Politik der FAO disqualifiziert dieses Motto zur hohlen Phrase, denn dieses Recht ist unlängst für weitere zig Millionen Menschen zur Utopie geworden. Es ist seit längerem bekannt, daß das sowohl vom Welternährungsgipfel 1996 als auch von der »Millenniumserklärung« der UNO im Jahr 2000 definierte Ziel, die Zahl der chronisch hungernden Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren, nicht erreicht wird. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß es nicht einmal gelingen wird, diese Zahl konstant zu halten. Laut FAO erhöhte sich zwischen 1992 und 2005 die Zahl der chronisch Hungernden zunächst von 842 auf 848 Millionen Menschen, um dann im Jahr 2007 sprunghaft auf 943 Millionen zu steigen. Eine weitere dramatische Erhöhung in diesem Jahr ist absehbar.
