<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung &#187; Global</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/category/nahrungskrise/global-nahrungskrise/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Wed, 11 Jan 2012 04:53:53 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Peak Soil I &#8211; Hunger nach Land</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/#comments</comments> <pubDate>Tue, 29 Mar 2011 05:01:53 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Alternativen]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landkäufe]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=547</guid> <description><![CDATA[Peak Soil – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Hintergrund »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren</p><p>Peter Clausing</p><p>»Peak Soil«1 lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches des Berliner Autors Thomas Fritz, einer ersten umfassenderen Übersicht zum Thema »Land Grabbing« (Landnahme) in deutscher Sprache. Der Begriff »Land Grabbing« bezieht sich auf den Kauf bzw. die langfristige Pachtung großer Landflächen – vor allem in den Ländern des Südens, aber auch in Osteuropa – mit oft drastischen Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung.</p><p>Die Ansichten, ab wann von »großen Landflächen« zu sprechen ist, divergieren. Während Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, 1000 Hektar als Untergrenze betrachtet, definierte die Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN 10000 Hektar als unteres Limit. Entsprechend der Bedeutung dieses bedrohlichen Phänomens ist inzwischen eine Reihe von Publikationen erschienen, und es fanden zahlreiche nationale und internationale Tagungen zum Thema statt. »Land Grabbing, so scheint es, kommt wie ein Tsunami über die Welt, eine in kürzester Zeit aus dem Nichts anschwellende Welle. Die Daten über das Ausmaß der Landgeschäfte, Vertragskonditionen und Anbauprodukte sind unvollständig und unzuverlässig. Der Trend aber ist eindeutig: Die neue Landnahme nimmt enorme Ausmaße an«, schreibt der Publizist Uwe Hoering im INKOTA-Brief 152 vom Juni 2010. Die Aneignung von 15 bis 20 Millionen Hektar zwischen 2006 und April 2008 (Schätzungen des International Food Policy Research Institute, IFPRI) ließ vor rund zwei Jahren bei NGOs und internationalen Institutionen gleichermaßen die Alarmglocken schrillen. Doch diese Zahl verblaßt angesichts der weiteren Entwicklung: Allein von Oktober 2008 bis Juni 2009 wurden von der Weltbank 463 Landdeals erfaßt, die eine Fläche von insgesamt 47 Millionen Hektar betrafen – einem Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Europäischen Union. Drei Viertel der Transaktionen fanden in Afrika statt.</p><p><strong>Jagd nach Rendite</strong><br /> Der seit längerem stattfindende Prozeß der Kommodifizierung, des »Zur-Ware-Werdens« der Welternährung, verbunden mit der vorgeschalteten privaten Aneignung des Produktionsmittels Boden, erfuhr in den letzten drei Jahren durch mehrere Faktoren eine maßgebliche Beschleunigung. Erstens hatten sich im Jahr 2008 die Weltmarktpreise für Reis, Weizen und Mais innerhalb weniger Monate zeitweilig verdoppelt bis verdreifacht. Dies führte bei finanzstarken Ländern mit aktuell oder perspektivisch prekärer Eigenversorgung zur Suche nach Lösungen, um ihre Abhängigkeit vom Weltmarkt zu verringern. Zu diesen Ländern zählten vor allem China, Südkorea und erdölreiche Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate.</p><p>Zum zweiten sind seit der globalen Finanzkrise immer mehr Anleger auf der Suche nach renditeträchtigen Sachwerten. So lockt die zur Deutschen Bank gehörende DWS auf der Webseite ihres Fonds Invest Global Agribusiness (LC) mit der Formulierung: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, (…) Land- und Wasserknappheit – all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen.« Andere Agrarfonds werben mit ähnlich inhumanen Slogans und treten so das durch internationale Abkommen garantierte Recht auf Nahrung mit Füßen – zugunsten der Verheißung von Alpha-Renditen.2</p><p>Drittens kommt es durch den vor allem aus machtpolitischen Erwägungen geförderten Anbau von Agrotreibstoffen zu einer dauerhaften Flächenkonkurrenz mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Wenngleich die Bedeutung des Anteils von »Biosprit« an der Preisexplosion von Nahrungsmitteln im Jahr 2008 teilweise überschätzt wurde – Spekulationen, vor allem an der Chicagoer Börse, waren nach neueren Analysen offenbar deutlich stärker beteiligt –, schränkt die Produktion von Mais, Zuckerrohr, Jatropha und Soja zur Erzeugung von Ethanol und »Biodiesel« jedoch langfristig die Verfügbarkeit von Lebensmitteln ein.</p><p>Viertens rücken mögliche Ernteausfälle infolge des Klimawandels mehr und mehr in den Vordergrund. Aus der fehlenden Bereitschaft, insbesondere der Industriestaaten, umfassende und verbindliche Maßnahmen zur Reduzierung der Freisetzung von Treibhausgasen zu vereinbaren, resultiert letztlich, daß klimabedingte Ernteausfälle künftig an Bedeutung gewinnen werden – Prognosen zufolge insbesondere in den Ländern des Südens.</p><p><strong>Schizophrene Situation</strong><br /> Waren es anfangs vor allem Länder wie China oder Saudi-Arabien, die in Sachen Ackerland auf Einkaufstour gingen, wies die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bereits im August 2009 darauf hin, daß inzwischen die Mehrzahl der Landkäufe durch den Privatsektor erfolgt.3 Mittlerweile verfügen private Investmentfonds über 14 Milliarden US-Dollar für den Erwerb von Landflächen, Tendenz steigend. Es wird erwartet, daß sich dieser Betrag in den kommenden Jahren auf bis zu 42 Milliarden Dollar erhöhen wird.4</p><p>Von den 30 dort erwähnten Investmentfonds kommen 24 aus Europa und Nordamerika. Einer Statistik von Klaus Deininger, Weltbankexperte zu Landfragen, die er Anfang Januar 2010 auf einer Konferenz in Rom präsentierte, ist zu entnehmen, daß bei 290 von 389 analysierten Landgeschäften die Käufer bzw. Pächter aus den Bereichen Agrobusineß, Industrie und Investmentfonds kamen. Knapp 15 Prozent aller Transaktionen fanden Deininger zufolge im Sudan, in Ghana und Madagaskar statt. Unter den 25 Ländern Afrikas und Asiens, in denen nach Angaben von IFPRI und GRAIN derartige Geschäfte abgeschlossen wurden, befinden sich 20, die gleichzeitig Empfängerländer der Welthungerhilfe sind. Laut Welternährungsorganisation (FAO) sind in Angola, Äthiopien, Kambodscha, Kamerun, Kenia, der Demokratischen Republik Kongo, Malawi, Pakistan, Sudan und Tansania – alles Staaten in denen große Landgeschäfte getätigt werden – jeweils mehr als 20 Prozent der Bevölkerung unterernährt.5</p><p>Angesichts dieser schizophrenen Situation argumentieren die Vertreter der mächtigen Institutionen, daß es sich bei diesem Prozeß um Agrarinvestitionen handeln würde, aus denen beide Seiten einen Nutzen zögen – die gern bemühte »Win-Win«-Situation. Es lohnt sich deshalb, deren vier Hauptargumente näher anzuschauen, denn inzwischen mußte selbst die Weltbank einräumen, daß »bei vielen Investitionen die Erwartungen nicht erfüllt wurden und daß diese, anstatt nachhaltige Vorteile zu erzeugen, zum Verlust von Hab und Gut beitrugen und die Bevölkerung in eine Situation brachten, die schlechter war, als sie ohne Investitionen gewesen wäre.«6 Dessen ungeachtet werden die »Win-Win«-Argumente von den Vertretern der Finanzinstitutionen gebetsmühlenartig wiederholt, so von Thomas Koch, Abteilungsleiter bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft.</p><p>Dabei steht außer Zweifel, daß Investitionen in die Landwirtschaft in den Ländern des Südens dringend benötigt werden, allerdings in eine sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft. Doch Landkäufe per se stellen noch keine Investitionen in die Produktion von Nahrungsmitteln dar, und an der Frage, welches landwirtschaftliche Modell dem Ziel einer nachhaltigen Lösung des Welternährungsproblems dient, scheiden sich die Geister.</p><p>Koch propagierte die Etablierung einer »hocheffizienten«, d.h. industriemäßigen Landwirtschaft auf den gekauften Flächen, die der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung diene und deshalb unabdingbar sei. Die Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes sei an dieser Stelle deutlich in Frage gestellt, ganz abgesehen von dem Tatbestand, daß bereits jetzt – trotz ausreichender Produktion von Nahrungsmitteln – über eine Milliarde Menschen chronisch hungert.</p><p>Auch ohne das Eingeständnis der Weltbank läßt ein prüfender Blick auf die vermeintlichen Vorteile von Verkauf und Verpachtung der riesigen Ländereien erhebliche Zweifel aufkommen.</p><p><strong>Zynische Floskeln</strong><br /> Von den Protagonisten des »Land Grabbing« wird behauptet, es würden bislang ungenutzte Flächen produktiv gemacht – die Landnahme habe somit a priori keine Auswirkungen auf die örtliche Bevölkerung.</p><p>Das Argument ignoriert die Tatsache, daß bei einem großen Teil der Weltbevölkerung der Lebensunterhalt auf ganz andere Weise erfolgt und nicht auf dem Verkauf der Arbeitskraft basiert, sondern auf Weiderechten, Zugangsrechten zu Wasser, der Verfügbarkeit von Heilpflanzen, dem lokalen Austausch von Gütern usw. Mit anderen Worten, vermeintlich ungenutzte Flächen spielen für die örtliche Bevölkerung eine wichtige Rolle. Das Argument negiert die Perspektive, daß die oftmals harten und in ihrem aktuellen Zustand häufig nicht erstrebenswerten Bedingungen zum Ausgangspunkt für Verbesserungen gemacht werden könnten, anstatt die vorhandenen Existenzgrundlagen zu beseitigen. Mit der Zerstörung der kulturellen und wirtschaftlichen Grundlage dieses nicht in die Logik des Weltmarkts passenden Lebens wird das Versprechen eines neuen »modernen« Lebens verbunden, das sich dann für eine verschwindende Minderheit – die neue Mittelschicht des Südens – materialisiert und parallel dazu die große Mehrheit in die Slums der Metropolen des Südens, in brutale Lohnsklaverei oder an die Mauern der »Festung Europa« treibt.</p><p>Die Verfechter des »Land Grabbing« behaupten weiter, mit der Nutzung der verkauften und verpachteten Flächen käme es zu einem Transfer moderner Technologie in die Landwirtschaft des »Gastgeberlandes« und somit zu Produktivitätssteigerungen. Dazu muß an dieser Stelle zunächst die prinzipielle Frage wiederholt werden: Ist eine vom Agrobusineß kontrollierte Landwirtschaft mit energieintensiven Inputs, gentechnisch veränderten Sorten und Monopolen an »geistigen Eigentumsrechten« das Modell der Zukunft? Oder ist das ein Freifahrtschein in die ökologische und soziale Katastrophe für die Mehrheit der Weltbevölkerung? Abgesehen davon gibt es bislang kein Beispiel dafür, daß profitorientierte ausländische Investoren Technologie an lokale Kleinbauern transferiert hätten. Die Einführung kommerziellen Saatguts und erdölbasierter Inputs wie Kunstdünger und Pestizide mit dem Ziel ihres gewinnorientierten Verkaufs als »Technologietransfer« zu bezeichnen, ist ein Euphemismus.</p><p>Institutionen wie die Weltbank sprechen außerdem von einer »Miternährung« der Bevölkerung des »Gastgeberlandes« durch die höheren Erträge auf den verpachteten Flächen. Bislang ist es unmöglich, dies fundiert zu beurteilen. Bei der nahezu völligen Intransparenz der Vertragsinhalte läßt sich die Verbindlichkeit entsprechender medienwirksamer Verlautbarungen kaum überprüfen. Unbeschadet der Vertragsinhalte muß berücksichtigt werden, daß ein beträchtlicher Teil der verhökerten Flächen – laut Deininger inzwischen mehr als 35 Prozent – zur Produktion von Agrotreibstoffen genutzt wird. In diesem Fall degeneriert das Argument der »Miternährung« zur zynischen Floskel. Ferner ist das Outsourcing der landwirtschaftlichen Produktion in Drittländer in besonderem Maße an Preisfluktuationen auf dem Weltmarkt gekoppelt. Es ist also nur logisch zu erwarten, daß in Zeiten hoher Weltmarktpreise, wenn die »Miternährung« der Bevölkerung des »Gastgeberlandes« besonders dringlich wäre, die Ernte zu hundert Prozent ins »Mutterland« transferiert oder auf den Weltmarkt geworfen wird (Stichwort Alpha-Rendite). Falls dem vertragliche Klauseln entgegenstehen, ist die Vermutung leider nicht unbegründet, daß die in vielen »Gastgeberländern« verbreitete Korruption ausreichen dürfte, um vielfach die betreffenden Klauseln zu umgehen. Selbst die Weltbank mußte eingestehen, daß sich Investoren insbesondere auf Länder mit »schwacher Staatlichkeit« konzentrieren.</p><p>Weiterhin wird behauptet, mit den vermeintlichen Agrarinvestitionen, die im Zusammenhang mit dem Verkauf bzw. der Verpachtung großer Ländereien in das »Gastgeberland« flössen, würden Arbeitsplätze geschaffen. Klar ist, daß mit dem »Land Grabbing« das Konzept einer industriemäßigen, hochtechnisierten Landwirtschaft verfolgt wird, was unter anderem Thomas Koch unumwunden erklärte. Wie auf diese Weise Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, ist nicht nachvollziehbar, es sei denn, man verzichtet in der Bilanz auf die Berücksichtigung der dadurch zerstörten kleinbäuerlichen Existenzen.</p><p><strong>Sklavenarbeit</strong><br /> Auch in den Zentren der Macht – vom G-8-Gipfel über die Weltbank bis zu nationalen Regierungen – ruft das schwindelerregende Tempo bei den Landkäufen Besorgnis hervor. Es darf unterstellt werden, daß die Entscheidungsträger dieser Institutionen weniger von den Schicksalen der Menschen berührt werden als von der Sorge um politische Stabilität. Das führt reflexartig zu Rufen nach freiwilligen Selbstverpflichtungen der Investoren, nach Transparenz, Nachhaltigkeit und Anhörung aller Betroffenen (»stakeholder consultation«). Diese Appelle wirken scheinheilig und hilflos. Sie offenbaren einen objektiven Widerspruch, der aus dem Wunsch nach politischer Stabilität einerseits und dem Diktat der Märkte andererseits resultiert. Ein Widerspruch, der auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist und dem man vor Ort mit »sicherheitspolitischen« Maßnahmen zu begegnen versucht – häufig unter dem Deckmantel der »Terrorbekämpfung«. Doch während die internationalen Gremien freiwillige Verpflichtungen (»Code of Conduct«) propagieren, fehlt augenscheinlich die Basis, deren Einhaltung auch nur annähernd zu überblicken. So gab die Bundesregierung im August 2010 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der Linkspartei zur Antwort: »Über eine Beteiligung deutscher Unternehmen an großflächigen Landnahmen in Ländern des globalen Südens hat die Bundesregierung keine Kenntnisse.«7</p><p>Der Antwort der Bundesregierung zufolge ist ihr auch nicht bekannt, »welche deutschen Finanzinstitutionen sich in Landfonds engagieren und/oder mit Land oder mit Agrarprodukten spekulieren«. Der Bundesregierung bleibt also verschlossen, was Autoren wie Thomas Fritz zutage fördern konnten. Um mit dem extremsten der in seiner Untersuchung aufgeführten Beispiele zu beginnen: Die Deutsche Bank investiert über ihre Investmentgesellschaft DWS mindestens in drei Landfonds des brasilianischen Zucker- und Ethanolunternehmens Cosan, das die Landkäufe über seinen eigenen an der New Yorker Börse gelisteten Fonds, Radar Propriedades Agricolas S.A., abwickelt. Von den gigantischen Landkäufen abgesehen – der Konzern kontrolliert mittlerweile mindestens 700000 Hektar – steht Cosan seit Anfang 2010 auf der schwarzen Liste des brasilianischen Arbeitsministeriums, in der Unternehmen verzeichnet sind, die ihre Angestellten unter sklavenartigen Bedingungen schuften lassen. Das hatte zur Folge, daß seitens der brasilianischen Staatsbank bereits vereinbarte Kreditzahlungen an Cosan ausgesetzt wurden. »Die DWS hingegen«, so Fritz, »ermöglicht es ihren AnlegerInnen, von Cosans Geschäftsmethoden zu profitieren – Landnahme und Sklavenarbeit inbegriffen.«8</p><p>Und da es »keine aufsichtsrechtliche Verpflichtung« der Bundesregierung gegenüber deutschen Finanzinstitutionen gibt, braucht sich die Bundesregierung auch nicht darum zu kümmern. Die »Freiwilligen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten«, deren Entwicklung von der Bundesregierung seit Ende 2009 mitgefördert wird, werden es schon richten. Gefordert (und durchgesetzt) wird statt dessen von der Bundesregierung seit diesem Jahr die von der EU festgelegte Erhöhung des Ethanolanteils an Benzinkraftstoffen auf zehn Prozent. Cosan hat Vorsorge getroffen und vereinbarte im August 2010 ein Joint Venture mit Shell, so daß Cosans Ethanol weltweit durch Zapfsäulen des Mineralölkonzerns fließen kann. Vom DWS-Fonds gelangt auch Geld in das argentinische Unternehmen Cresud S.A. und in die in Singapur ansässigen Konzerne Wilmar International Ltd. und Olam International – Unternehmen mit einer katastrophalen Umweltbilanz und darüber hinaus für gravierende Menschenrechtsverletzungen bei der Durchsetzung ihrer Interessen bekannt.</p><p><strong>Bundesregierung sieht zu</strong><br /> Ist die Deutsche Bank das »schwarze Schaf« in einer sonst heilen Welt der deutschen Anlegerlandschaft? Nein. Was der Bundesregierung aufgrund ihrer fehlenden und offensichtlich auch nicht angestrebten »aufsichtsrechtlichen Verpflichtung« vorenthalten bleibt, ist die Kenntnisnahme weiterer Fälle sozialer und ökologischer Fehlinvestitionen deutscher »Finanzdienstleister«. Auch der von der Allianz-Gruppe im April 2008 aufgelegte Fonds RCM Global Agricultural Trends investiert in Cosan. Die in Gelching bei München ansässige Acazis AG (früher Flora Ecopower) hat in Äthiopien 50jährige Pachtverträge über 56000 Hektar zum Anbau von »Energiepflanzen« (Castor und Eukalyptus) abgeschlossen und verfügt über Konzessionen für weitere 200 000 Hektar.9</p><p>Abgesehen davon, daß die Segnungen der Agrarinvestitionen von Flora Ecopower ausblieben – zeitweilig wurden nicht einmal die Löhne ausgezahlt –, ist das ein konkretes Beispiel dafür, wie in einem Land (Äthiopien), das sich am Tropf des Welternährungsprogramms befindet, Flächen der Stillung des Energiehungers in den kapitalistischen Kernländern dienen statt der des Hungers der Bevölkerung im eigenen Land.</p><p>Auch Saturnio Borras und Jennifer Franco, zwei in Kanada arbeitende Wissenschaftler, kommen in einer Publikation der Yale-Universität zu dem Schluß, daß der oben erwähnte »Code of Conduct« zum Scheitern verurteilt ist.10 Sie führen dafür einige Punkte an: Erstens wird damit das konzernkontrollierte Modell landwirtschaftlicher Produktion nicht in Frage gestellt; zweitens ist die Verbesserung der Lage der Landbevölkerung des Südens nicht primärer Gegenstand dieser Art von »Entwicklung«; drittens wird suggeriert, die Klärung von Landeigentumsrechten sei eine Lösung (für sich selbst genommen ist sie es nicht, denn es muß gleichzeitig geklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen dort Nahrungsmittel produziert werden); und viertens betrachten Borras und Franco »Transparenz« und »Partnerschaft« nicht automatisch als Garantien für Fairneß, und schließlich steht das Prinzip der Freiwilligkeit notwendigen Sanktionen bei Verstößen entgegen.</p><p>Welche Alternativen gäbe es angesichts der »Land Grabbing«-Welle? Die dringendste und am schnellsten realisierbare Maßnahme wäre – bei vorhandenem politischen Willen – ein globales Moratorium für großflächige Landkäufe. Damit würde Zeit gewonnen, um Mechanismen zu installieren, die garantieren, daß Agrarinvestitionen ihren eigentlichen Zweck erfüllen – die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung. Olivier de Schutter hat im Dezember 2009 anläßlich der 13. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats minimale Prinzipien für großflächige Landkäufe aufgelistet11: Freies und bewußtes vorheriges Einverständnis der örtlichen Bevölkerung bei Änderungen in der Landnutzung, die Förderung arbeitsintensiver Anbausysteme (d.h. kleinbäuerlichen Wirtschaftens, P.Cl.), angemessener Schutz und Einräumung gewerkschaftlicher Rechte für Landarbeiter, Förderung umweltverträglicher Produktionsmethoden sowie Verträge zur Landnutzung mit sanktionierbaren Verpflichtungen gegenüber den Investoren. Die »alternative Agenda« von Thomas Fritz sieht ähnlich aus. Zusätzlich schlägt er eine Stärkung des Widerstandes gegen Landgeschäfte und deren systematische Überwachung vor. Diesen Widerstand gibt es schon heute, und er ist weiter verbreitet, als man vermutet. Die Tatsache, daß von den eingangs erwähnten 463 Landdeals laut Weltbank-Angaben zum Erfassungszeitpunkt nur 21 Prozent praktisch umgesetzt waren, hat viele Ursachen. Eine der anerkannten ist lokaler Widerstand – ein nicht ganz unbedeutendes »Investitionshindernis«.</p><p><strong>Anmerkungen</strong><br /> 1 von engl. peak (dt. Gipfelpunkt) und soil (dt. Land/Boden). Der Begriff bezeichnet in Anlehnung an »Peak Oil«, dem Zeitpunkt, ab dem mehr Erdöl verbraucht wird als an Förderquellen neu erschlossen werden, die Grenzen der globalen Vernutzung von Boden – d. Red.<br /> 2 Fritz, T.: <a href="http://www.fdcl-berlin.de/publikationen/fdcl-veroeffentlichungen/publikation-das-grosse-bauernlegen-agrarinvestitionen-und-der-run-aufs-land/">Das große Bauernlegen. Agrarinvestionen und der Run auf’s Land</a>, FDCL-Verlag, Berlin 2010, S. 10. Durch die Erzielung von Extrarenditen (»Alpha«) versprechen die Fonds jährliche Erträge von 15 bis 25 Prozent.<br /> 3 GTZ: Foreign Direct Investment (FDI), in: Land in developing countries, Eschborn, 2009.<br /> 4 Fritz a.a.O., S. 10<br /> 5 FAO: <a href="http://www.fao.org/docrep/011/i0291e/i0291e00.htm">The state of food insecurity in the world</a>, Rome, 2008.<br /> 6 World Bank: <a href="http://siteresources.worldbank.org/INTARD/Resources/ESW_Sept7_final_final.pdf">Rising global interest in farmland. Can it yield sustainable and equitable benefits?</a> 2011, S. 118<br /> 7 Deutscher Bundestag, Drucksache 17/2779 vom 20.08.2010, S.3<br /> 8 Fritz a.a.O., S. 12<br /> 9 <a href="http://land-grabbing.de/fallbeispiele">land-grabbing.de/fallbeispiele</a><br /> 10 Borras Jr., S. und Franco, J.: From Threat to Opportunity? Problems with the Idea of a ’Code of Conduct’ for Land-Grabbing. Yale Human Rights &#038; Development Law Journal, Vol 13, 2010, S. 507-523<br /> 11 <a href="http://www.srfood.org/images/stories/pdf/officialreports/20100305_a-hrc-13-33-add2_land-principles_en.pdf">www.srfood.org/images/stories/pdf/officialreports/20100305_a-hrc-13-33-add2_land-principles_en.pdf</a></p><p>Erschienen in: <a href="http://www.jungewelt.de/2011/03-28/039.php">junge Welt vom 28.03.2011</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/03/29/peak-soil-i-hunger-nach-land/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Präsentation zu Vortrag &#8220;Landgrabbing&#8221; am 25.02.2010 in Berlin</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/#comments</comments> <pubDate>Sun, 21 Feb 2010 12:17:30 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=311</guid> <description><![CDATA[Hier die Präsentation als Live-View (Flash) &#124; PDF zum Vortrag &#8220;Turbo-Kapitalismus &#8211; die neue Landnahme im globalen Süden&#8221; im Rahmen der Veranstaltungsreihe &#8220;Frisch serviert vom Krisenherd&#8221; (siehe Meldung vom 14.02.2010). Den Vortrag gab&#8217;s am 25.2.2010 um 19:00 Uhr in der »Galerie Zeitzone«, Adalbertstr. 79, 10997 Berlin-Kreuzberg.]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Hier die Präsentation als <a href="http://www.chiapas98.de/ppt/Landgrabbing-A17/index.html" target="_blank" onclick="FensterOeffnenMax(this.href); return false">Live-View (Flash)</a> | <a href='http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/01/Landgrabbing-A17.pdf'>PDF</a> zum Vortrag &#8220;Turbo-Kapitalismus &#8211; die neue Landnahme im globalen Süden&#8221; im Rahmen der Veranstaltungsreihe &#8220;Frisch serviert vom Krisenherd&#8221; (siehe Meldung vom 14.02.2010).</p><p>Den Vortrag gab&#8217;s am 25.2.2010 um 19:00 Uhr in der »Galerie Zeitzone«, Adalbertstr. 79, 10997 Berlin-Kreuzberg.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/02/21/vortrag-zu-landgrabbing-am-25-02-2010-in-berlin/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Kommentiert: The Coming Food Coups by Natsios &amp; Doley</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/#comments</comments> <pubDate>Mon, 31 Aug 2009 00:00:47 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Food Riots]]></category> <category><![CDATA[Hungersnot]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[Preisexplosion]]></category> <category><![CDATA[Subventionen]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=72</guid> <description><![CDATA[In ihrem Beitrag &#8220;The Coming Food Coups&#8221;, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom Center for Strategic and International Studies herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die Famine Theory ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>In ihrem Beitrag <a href="http://www.twq.com/09winter/docs/09jan_NatsiosDoley.pdf">&#8220;The Coming Food Coups&#8221;</a>, der im Januar 2009 im Washington Quartely erschien, das vom <em>Center for Strategic and International Studies</em> herausgegeben wird, befassen sich Natsios und Doley mit den humanitären, politischen und Sicherheitskonsequenzen der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln. Dabei ist für sie die <em>Famine Theory</em> ein hilfreiches Werkzeug, also die Theorie von den Hungersnöten, &#8220;<em>a body of knowledge about the microeconomic dynamics of famines, the vulnerability of people to food price shocks, and the common patterns of behavior people use to try to survive in different stages of a famine</em>&#8220;.</p><p>Ihrer Meinung nach müssen Politiker ausgerüstet sein, um die Sicherheits- (und andere) Konsequenzen derartiger Entwicklungen zu minimieren. Dabei betrachten sie &#8211; im Gegensatz zu Paul Collier (vgl. <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=144">Medien-Offensive des Agrobusiness [1]</a>) &#8211;  die Rücknahme von Subventionen (z.B. für Agrotreibstoffe) in einer bürgerlichen Demokratie als unrealistisch.</p><blockquote><p>»The likelihood of a substantial reduction in U.S. corn-based ethanol subsidies is unlikely. Once democratic governments begin to subsidize something, withdrawing the subsidy becomes politically very difficult, mainly because the subsidies create constituencies which make a great deal of money and wield substantial political power.«</p></blockquote><p>Im Abschnitt »What We Know About Famine« führen uns die Autoren zu folgender erstaunlicher Erkenntnis:</p><blockquote><p>»Famines are seldom caused by the absence of food, but rather by an individual’s inability to access food that is available.«</p></blockquote><p>So weit so gut. Zugleich wird uns aber mitgeteilt, dass die Hungersnot in dem Maße abnimmt, in dem sich die Zahl der zu stopfenden Mäuler durch den Tod des schwächeren Teils der Bevölkerung verringert:</p><blockquote><p>»Famine is &#8230; climaxing in widespread mortality, and then followed by reduced mortality as the death of the most vulnerable people reduces the number of mouths to feed.«</p></blockquote><p>Liegt es also doch an der Menge der verfügbaren Nahrungsmittel ? So richtig schlau wird man aus der zynischen Betrachtungsweise der Autoren nicht.</p><p>Ausgehend von der Feststellung, dass das Horten von Nahrungsmitteln die Versorgungssituation verschlimmert, kommen die Autoren unter bemerkenswerter Ignorierung der Tatsache, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen, also Horten in globalem Maßstab, maßgeblich zur 2008er Preisexplosion beigetragen hat, zu der frappierenden Einsicht:</p><blockquote><p>»Market-based interventions work best to stop hoarding.«</p></blockquote><p>Interessant für eine Publikation aus dem <em>Center for Strategic and International Studies</em> ist das Eingeständnis, <em>&#8220;The Iraqi insurgency was partially fueled by the migration of destitute young men from rural areas&#8221;</em> auch wenn schützend die Behauptung hinzugefügt wird <em>&#8220;where the agricultural economy had collapsed before the Iraq war had begun.&#8221;</em></p><p>Für Afghanistan sehen es die Autoren ähnlich:<em> »&#8230;(T)he increase in food prices in Afghanistan, &#8230; may contribute to an increase in the number of Taliban recruits.«</em>, was in Anbetracht der Tatsache, dass trotz zig Milliarden &#8220;Entwicklungshilfe&#8221; (militärischer und ziviler Art) 35% der 26.6 Millionen Afghanen chronisch hungern, nicht verwunderlich ist. Im ersten Halbjahr 2008 hat es 12 bewaffnete Überfälle auf Nahrungsmittelkonvois des World Food Program (WFP) gegeben, im Jahr 2007 waren es insgesamt 30 (Zur Instrumentalisierung des eigentlich der UNO unterstehenden WFP für die US-amerikanische Außenpolitik siehe <a href="http://www.jpberlin.de/online-ag/?p=142">hier</a>).</p><p>Das sicherste Mittel gegen Hungersnöte, so schlussfolgern Natsios &#038; Doley, ist eine gut funktionierende bürgerliche Demokratie. Ihr schlagkräftigster Beweis ist, dass es in Indien seit Einführung der Demokratie keine Hungersnot mehr gegeben habe. Mehrere Hundert Millionen chronisch Hungernder fallen da offenbar ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, dass sowohl während der Hungersnöte in Indien im 19. Jahrhundert als auch während der <em>Great Irish Famine </em>(1845-1852) ein Nettoexport von Lebensmitteln ins demokratische &#8220;Mutter&#8221;land Großbritannien stattfand. Diese Hungersnöte hielten übrigens den Kriterien von Natsios &#038; Doley stand &#8211; es waren solche, bei denen sich an ein »Klimaxstadium verbreiteter Mortalität eine Periode abnehmender Mortalität« anschloss.</p><p>Die Autoren, die Food Riots und die daraus resultierenden Sicherheitskonsequenzen fürchten, greifen am Ende ihres Beitrages in die Kiste mit den guten Ratschlägen, um im Abschnitt »<em>What to do</em>« mit einer »<strong>Vier-Zinken-Strategie</strong> künftigen Preisanstiegen entgegen zu wirken«.</p><p><strong>Zinke 1:</strong> Investitionen in landwirtschaftliche Entwicklungsprogramme, einschließlich 1,2 Milliarden Dollar von der Weltbank; Verdopplung des Budgets der Consultative Groups on International Agricultural Research (CGIAR); verstärkte Investitionen in gentechnisch modifizierte (GM-) Sorten; Grüne Revolution für Afrika; und <strong>eine Gegenoffensive gegen die anti-Biotechnologie und anti-GM-Kampagnen</strong>.</p><p><strong>Zinke 2:</strong> Etablierung eines Frühwarnsystems »<em>to meet rapid increases in food prices with new tools, new market-based approaches, and improvements in existing tools</em>«, ähnlich dem »<em>Famine Early Warning Systems Network</em>« (FEWS NET) von USAID, FEWS NET sollte über die bisherigen 25 Länder hinaus ausgedehnt werden.</p><p><strong>Zinke 3:</strong> Marktinterventionen (wieso das jetzt plötzlich ?).</p><p><strong>Zinke 4:</strong> Einstampfen der Subventionen für die Herstellung von Agrotreibstoffen aus Getreide (nun also doch !?).</p><p><b>Quelle:</b></p><p><i>Klaus Pedersen</i>, 31.8.2009 &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/31/kommentiert-the-coming-food-coups-by-natsios-doley/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Beiträge bleiben aus</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/#comments</comments> <pubDate>Tue, 11 Aug 2009 12:00:51 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[WFP]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=114</guid> <description><![CDATA[Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><i>Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt</i></p><p>Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht hervor. Bereits Ende Juni hatte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, offenbart, seine Organisation habe erst 25 Prozent ihres Budgets für 2009 erhalten. Das WFP ist zu hundert Prozent auf freiwillige Beiträge, in erster Linie von Regierungen, angewiesen. Für die Unterstützung von 108 Millionen bedürftigen Menschen in 74 Ländern hatte das WFP einen Finanzbedarf von 6,7 Milliarden Dollar errechnet.</p><p>Angesichts der nach wie vor unvollständigen Deckung des Budgets hat sich das Welternährungsprogramm nun zu drastischen Kürzungen entschlossen. So muß im Laufe des August der humanitäre Flugdienst des WFP in Teilen Afrikas eingestellt werden, mit dem sowohl Helfer als auch ein Teil der Hilfsgüter transportiert werden. Betroffen sind Guinea, Liberia, Sierra Leone und der Tschad. Allein im Tschad wurden monatlich etwa 4000 Helfer zu zehn Einsatzorten geflogen, um 250000 Flüchtlinge aus Darfur und 180000 Binnenvertriebene zu versorgen.</p><p><b>Kostenexplosion</b></p><p>Meldungen über fehlende Geldmittel beim WFP gab es in letzter Zeit fast jährlich. Doch während es sich in den früheren Jahren um Millionensummen handelte und Programme in bestimmten Regionen (2002 Afghanistan, 2003 Äthiopien, 2006 südliches Afrika) gefährdet waren, fehlen neuerdings Milliarden im globalen Maßstab. Das wirft ein Schlaglicht auf die Welternährungssituation, und zwar nicht wegen Mißernten, sondern hinsichtlich der Nahrungsmittelpreise. Im Zuge der Kostenexplosion bei Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten 2008 kam es zu einer Doppelbelastung für das WFP und andere humanitäre Organisationen. Einerseits mußte für den Einkauf der Hilfslieferungen erheblich mehr Geld ausgegeben werden, denn die Durchschnittspreise für Körnerfrüchte hatten sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Andererseits stieg durch die höheren Verbraucherpreise in den Ländern des Südens die Zahl der Hilfsbedürftigen.</p><p>Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) kostete eine Tonne Reis auf dem Weltmarkt im vorigen Jahr zeitweise über 900 Dollar, bei Weizen lag der Spitzenwert knapp unter 500 Dollar. Obwohl Nahrungsmittelpreise inzwischen keine Schlagzeilen mehr machen, liegen sie in den Ländern der sogenannten dritten Welt vielfach immer noch auf dem extrem hohen Niveau von 2008. Und das trotz einer über dem Vorjahresergebnis liegenden Weltgetreideernte. Dementsprechend stieg auch die Zahl der Bedürftigen. Eine wegen der Welternährungskrise direkt beim UN-Generalsekretär eingerichtete Arbeitsgruppe prognostizierte im Juli 2008 einen Anstieg der Hilfsbedürftigen von 70 auf 98 Millionen, inzwischen sind es 108 Millionen. Im Ergebnis dieser beiden Entwicklungen – Einkaufspreis und Zahl der Bedürftigen – erhöhte sich der Finanzbedarf des WFP sprunghaft auf fünf Milliarden Dollar (2008), während sich der jährliche Haushalt von 2003 bis 2007 zwischen 2,2 und 2,7 Milliarden Dollar bewegte. Im Jahr 2009 wird von den budgetierten 6,7 Milliarden Dollar voraussichtlich knapp die Hälfte fehlen.</p><p>Das WFP ist das weltgrößte Nahrungsmittelhilfsprogramm und deckt jährlich etwa die Hälfte der verteilten Mengen ab. Größter Geldgeber sind die USA, die in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent des Budgets bestreiten, gefolgt von der Europäischen Kommission, die meist zwischen sieben und neun Prozent beisteuert. Die Hälfte des Geldes wird für sogenannte »Längerfristige Hilfs- und Wiederaufbauaktionen« (Protracted Relief and Rehabilitation Operation – PRRO) ausgegeben. Bei den 54 Empfängern zeichnen sich Schwerpunktländer ab, die bestimmte Interessen der Hauptgeberstaaten (politische Einflußnahme, Stabilisierung von Krisengebieten) vermuten lassen. So soll Afghanistan zehn Prozent der PPRO erhalten, die Demokratische Republik Kongo und Simbabwe sechs bzw. sieben Prozent. Für Äthiopien, das auch mehrfach von Mißernten geplagt war, zugleich aber die westlichen Interessen gegen den »zerfallenen Staat« Somalia vertritt, sind 18 Prozent eingeplant.</p><p><b>Einflußnahme</b></p><p>Selbstverständlich muß Menschen in großer Not sehr schnell geholfen werden. Aber es drängt sich die Frage auf, ob nicht grundsätzlich etwas falsch läuft, wenn im Vergleich zum Vorjahr die Welternte und die Zahl der Bedürftigen gleichzeitig steigen. Neben der eskalierenden Einflußnahme mächtiger Länder in Krisengebieten, nicht selten mit dem Ergebnis einer Erhöhung der Zahl der Hilfsbedürftigen (genannt seien Afghanistan, Haiti, Sudan, Kongo, Tschad, Somalia), fällt ein anderer Widerspruch ins Auge. Für Äthiopien, Kenia, Madagaskar, Moçambique, Pakistan und Sudan werden laut WFP-Statistik in Summe über 1,7 Milliarden Dollar an Nahrungsmittelhilfen aufgewendet. Gleichzeitig haben diese Länder zusammengenommen mehr als 1,1 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche mit jahrzehntelangen Pachtverträgen an ausländische Investoren abgegeben, die dort entweder Agrotreibstoffe oder Nahrungsmittel für den Rückexport in die Investorländer anbauen.</p><p> Angesichts dieser Widersprüche und der wachsenden Zahl der Hunger leidenden Menschen, was bislang nichts mit einer globalen Verknappung an Nahrungsmitteln zu tun hat, werden Konzepte zur Ernährungssouveränität immer dringlicher. Sie sind mittelfristig die Alternative zu Hilfslieferungen.</p><p><b>Hintergrund</b></p><p><b>WFP in Zahlen und Fakten</b></p><p><i>2008</i></p><p>Zahl der unterstützten Personen:102 Millionen<br /> Zahl der unterstützten Länder: 78<br /> Zahl der laufenden Projekte: 214<br /> Verteilte Nahrungsmittel: 3,9 Millionen Tonnen<br /> Finanzieller Aufwand: 5,046 Milliarden Dollar</p><p><i>2009</i></p><p>Budgetierter Bedarf: 6,7 Milliarden Dollar<br /> Bis Anfang August 2009 akquiriert: 1,905 Milliarden Dollar</p><p><b>Regionaler Einkauf</b></p><p>Nach den Kontroversen zu Genfood und Food-Dumping korrigierte das Welternährungsprogramm seine Strategie: Heute werden 75 bis 80 Prozent der WFP-Nahrungsmittel regional eingekauft.</p><p><b>WFP und Irak-Krieg</b></p><p>2003, im Jahr der US-Invasion, wurden 25 Prozent der WFP-Nahrungsmittel im Irak eingesetzt, 2004 waren es 44 Prozent – ein Indiz für die Instrumentalisierung dieses UN-Programms durch die USA.</p><p><b>WFP, Piraten und Marine</b></p><p>Zahl der jährlichen WFP-Schiffsladungen nach Mombasa und Somalia: ca. 200<br /> Zahl der gekaperten WFP-Schiffe vor Somalia<br /> 2007: 3<br /> 2008: 0<br /> bis August 2009: 2</p><p>Ein drittes WFP-Schiff wurde attackiert und beschädigt, aber nicht gekapert. Dies war eine angekündigte Vergeltungsaktion für die gewaltsame Geiselbefreiung beim ersten Schiff durch US-Spezialeinheiten.</p><p><b>WFP-Geschichte</b></p><p>Das Welternährungsprogramm ist ein Nebenorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom, Italien. Die Gründung wurde 1961 von der UN-Generalversammlung und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) beschlossen, um die Nahrungsmittelversorgung in Kriegs- und Katastrophengebieten zu sichern. Offiziell nahm das WFP 1963 seine Arbeit auf. Mittlerweile ist die UN-Organisation die weltweit größte und leistungsfähigste Einrichtung zur Versorgung von Notopfern. Zudem führt sie zahlreiche Entwicklungsprojekte durch.</p><p>WFP im Internet: <a href="http://www.wfp.org" target="_blank">www.wfp.org</a><br /> <b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 11.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/beitrage-bleiben-aus/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Humanitäre Hilfe instrumentalisiert</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/#comments</comments> <pubDate>Tue, 11 Aug 2009 12:00:18 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[WFP]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=120</guid> <description><![CDATA[Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><i>Einfluß der Geldgeber beim WFP ist spürbar: Entsorgung von Überproduktion, Verbreitung genmanipulierten Saatguts und Militäreinsatz</i></p><p>Da sich das World Food Program (WFP) ausschließlich aus freiwilligen Beiträgen finanzieren muß und die Hälfte des Geldes (vor allem) von den USA und der Europäischen Kommission kommt, muß damit gerechnet werden, daß diese versuchen, ihren Einfluß geltend zu machen. Eine bevorzugte Bedienung jener Krisenregionen, in denen der Westen seine Handlungsschwerpunkte sieht, überrascht deshalb nicht. Das Budget des WFP reicht ohnehin nur für zehn Prozent der eine Milliarde hungernden Menschen. Auch andere Indizien deuten darauf hin, daß das WFP keine »selbstlose« Organisation ist, sondern für bestimmte Zwecke instrumentalisiert wird.</p><p>In der Vergangenheit geriet das Welternährungsprogramm wiederholt wegen des Versuchs in die Kritik, bedürftigen Ländern gentechnisch veränderte Nahrungsmittel aufzuzwingen, insbesondere Genmais. Diese Lieferungen kamen in der Regel aus den USA und hatten den Beigeschmack, daß mit »Sachspenden« die eigene Überproduktion entsorgt wird, anstatt durch Geldbeiträge dem WFP den Kauf von Lebensmitteln auf regionaler Ebene zu ermöglichen und so die landwirtschaftliche Entwicklung in den Ländern des Südens zu fördern. Auch die vorerst gescheiterte Taktik, Hilfslieferungen mit Genmais als »trojanisches Pferd« für Länder zu benutzen, die sich dessen Anbau versperrten, spielte eine Rolle.</p><p>Der Versuch, im Herbst 2002 Genmais als Nothilfe in Sambia einzusetzen, scheiterte an der Ablehnung durch die dortige Regierung. Als Angola im März 2004 ein Einführungsverbot für ungemahlenen Genmais aussprach, drohte der für das südliche Afrika zuständige WFP-Direktor, Mike Sacket, daß es zu einer dramatischen Verschlechterung der Hungerbekämpfung in dem Land kommen würde, in dem damals gerade der Bürgerkrieg zu Ende ging. Ein Jahr später gab es Probleme in Mittelamerika. Achtzig Prozent aller Proben aus WFP-Nahrungsmittelhilfen (Mais, Soja), die nach El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua geschickt wurden, waren im Test auf gentechnische Veränderungen positiv. Es wurden sogar Spuren der Maissorte Starlink gefunden, die selbst in den USA nicht für den menschlichen Verzehr zugelassen war.</p><p> Aktuell werden die drei diesjährigen Angriffe auf WFP-Schiffe in der Debatte um die Piratenbekämpfung instrumentalisiert, um der Militarisierung am Horn von Afrika einen besonders humanitären Anstrich zu geben. Durch die Bezugnahme auf den Schutz von Schiffen, die Nahrungsmittel für zehn Millionen notleidende Menschen in Ostafrika transportieren, sollen Fragen nach den wahren Motiven und der Entstehungsgeschichte des Antipirateneinsatzes gar nicht erst aufkommen. Auch der parallele Anstieg von Marineeinsätzen und Zahl der Piratenangriffe in den Gewässern vor Somalia wird gern verschwiegen.<br /> <b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 11.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/11/humanitare-hilfe-instrumentalisiert/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>David gegen Goliath?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/#comments</comments> <pubDate>Wed, 05 Aug 2009 12:00:06 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[IAASTD]]></category> <category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category> <category><![CDATA[Produktivität]]></category> <category><![CDATA[Via Campesina]]></category> <category><![CDATA[Weltagrarbericht]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=130</guid> <description><![CDATA[Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Zwei unvereinbare Perspektiven zur Zukunft der Welternährung</b></p><p>Spätestens seit den »Brotrevolten« von 2007 und 2008, mit denen die Menschen in rund 40 Ländern auf die Explosion der Lebensmittelpreise reagierten, ist die Ernährungskrise ein bleibendes Thema in den Medien und in der offiziellen Politik. Dabei ist die Krise eher ein gigantischer Skandal, denn den alljährlich neun Millionen Hungertoten und mehr als einer Milliarde chronisch Hungernder steht eine Nahrungsmittelmenge gegenüber, die genügen würde, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Folglich mangelt es in erster Linie an einem »globalen« politischen Willen, ein Mangel, der zum Beispiel in der Tolerierung und vielfach sogar Förderung der Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoff- und Nahrungsmittelproduktion zum Ausdruck kommt.</p><p>Doch das Thema Welternährung steht nicht nur aufgrund von Preisexplosionen und Hungerprotesten auf der Tagesordnung. Unterschiedliche Modellrechnungen prognostizieren bei einer globalen Zunahme der Durchschnittstemperatur von etwa drei Grad Celsius regionale Ernteeinbußen zwischen 20 und 50 Prozent, je nachdem, ob man die Ernteausfälle infolge von Überflutungen und Dürreperioden mit einrechnet oder den extrapolierten Verlust auf die Folgen von »Hitzestreß« begrenzt<sup>1</sup>. Dabei befindet sich eine angenommene Erwärmung um drei Grad nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC eher am unteren Ende der Skala des Erwarteten. Bislang spricht mehr dafür als dagegen, daß Mike Davis Recht behalten wird, der im Juni 2008 feststellte: »Wie das UNDP in seinem letztjährigen Bericht betonte, ist die globale Erwärmung vor allem eine Bedrohung für die Armen und die zukünftigen Generationen – beides Größen mit geringem oder gar keinem politischen Gewicht. Ein koordiniertes globales Handeln zu ihren Gunsten setzt einen revolutionären Zugang zur Macht voraus (ein Szenario, das der IPCC nicht vorsieht) oder die historisch beispiellose Verwandlung des Eigeninteresses der reichen Länder und Klassen in eine aufgeklärte ›Solidarität‹.«<sup>2</sup></p><p>Darüber, daß die Sicherung einer ausreichenden Ernährung für alle eine der größten Herausforderungen unserer Zeit ist und daß hier massiver Handlungsbedarf besteht, besteht inzwischen allgemeiner Konsens. Das kommt in den Erklärungen der letzten G-8-Gipfel und in der Bildung einer speziellen Arbeitsgruppe beim Generalsekretär der Vereinten Nationen ebenso zum Ausdruck wie in Erklärungen kritischer Wissenschaftler, Basisinitiativen und Nichtregierungsorganisationen. Die zwei prinzipiellen Lösungswege, die zur Debatte stehen, um der sich abzeichnenden Zuspitzung der Situation zu begegnen, divergieren jedoch so stark, daß man sie als antagonistisch bezeichnen könnte. Eingedenk der herrschenden Kräfteverhältnisse entspricht es einer David-gegen-Goliath-Konstellation.</p><p>Der von den Mächtigen bevorzugte Ansatz beinhaltet die beschleunigte Ausweitung hochproduktiver Systeme, wobei die Worthülse »Nachhaltigkeit« in den Beschreibungen dieses von Welternährungsorganisation, Weltbank und anderen Institutionen unterstützten Konzepts nicht fehlen darf. In der Praxis sind mit »hochproduktiven Systemen« Hochleistungssorten gemeint, deren Ertragspotential nur unter Einsatz von Intensivbewässerung, Pestiziden und chemischer Düngung ausgeschöpft werden kann. Die Befürworter dieses Weges verweisen auf die Erträge in Modellversuchen. So erreichten die Maiserträge von Beispielbetrieben in Äthiopien, Malawi, Mali, Moçambique, Nigeria und Uganda das Drei- bis Fünffache des jeweiligen Landesdurchschnitts<sup>3</sup>. Solche Vergleiche suggerieren, daß diese Art zu produzieren der einzige Weg zu höheren Erträgen ist.</p><p><b>Ressourcenplünderung</b></p><p>Abgesehen von der Frage, ob hohe Ertragssteigerungen auch auf andere Weise erzielt werden können, läßt der Rückblick auf die »Grüne Revolution« der 1960er und 1970er Jahre begründete Zweifel an der Nachhaltigkeit dieses Ansatzes zu. Wer den in diesem Jahr publizierten 600-Seiten-Bericht des Weltagrarrats (IAASTD), eines Gremiums von rund 400 Wissenschaftlern, aufmerksam liest, stößt an vielen Stellen auf Hinweise, die das belegen<sup>4</sup>. Die Grüne Revolution war laut IAASTD-Bericht die technologische Antwort auf gescheiterte, oftmals aber auch gewaltsam unterdrückte Agrarreformen. Trotz Anerkennung der massiven Ertragssteigerungen, die durch die Grüne Revolution für eine beschränkte Zahl wichtiger Kulturen erreicht wurden, besteht ihre Langzeitwirkung in Umweltzerstörung, wachsender Abhängigkeit von Importen und dem Anwachsen der Slums in den Megastädten des Südens. 80 Prozent der 324 wissenschaftlichen Publikationen, die diesbezüglich ausgewertet wurden, beschrieben eine Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch die Grüne Revolution. Die fehlende Nachhaltigkeit eines solchen Ansatzes zeigt sich aktuell darin, daß einerseits der Wassermangel in vielen Regionen dramatische Ausmaße annimmt und andererseits weltweit 70 Prozent des Süßwassers durch die industrielle Landwirtschaft verbraucht werden<sup>5</sup> – und in dem Umstand, daß dieser Wirtschaftszweig mehr Treibhausgase produziert als der gesamte globale Straßenverkehr. Abnehmende Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt sind weitere Langzeitfolgen dieser Produktionsmethode.</p><p>Doch die Verfechter dieses Modells fordern unverdrossen ein »Weiter so«. Darüber hinaus nutzen die Lobbyisten der Gentechnik die plötzliche Publizität des Themas Welternährung, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit genmanipulierte Pflanzen als ultimative Lösung des Problems feilzubieten. Stellvertretend sei Douglas Kell, der Leiter des britischen Forschungsrats für Biotechnologie und Biologische Wissenschaften (BBSRC), zitiert, der in einem BBC-Interview am 27.April 2009 eine »maßgebliche Entwicklung der Agrarwissenschaften« einforderte, um weiteren Hungerrevolten vorzubeugen. Da der BBSRC die Gentechnik als eine von drei Säulen der Ertragssteigerung betrachtet<sup>6</sup>, kann man sich ausrechnen, was Kell meint. Noch werden laut IAASTD auf 93 Prozent der globalen Ackerfläche konventionelle Sorten angebaut. Folglich läßt sich da viel »entwickeln«. So hat die britische Regierung beschlossen, die Versorgung »der Armen in der Welt« mit genmanipuliertem Saatgut mit 100 Millionen Pfund unterstützen zu wollen, wie der Guardian am 19. Juli berichtete – wobei ein großer Teil dieser Gelder an Forschungsinstitute geht, die etwa dürreresistenten Mais entwickeln, sowie an den Agrarkonzern Syngenta<sup>7</sup>. Daß sowohl im IAASTD-Bericht4 als auch in der jüngsten Publikation der »Union of Concerned Scientists«8 den Gentechnik-Sorten bescheinigt wird, im Vergleich zu konventionellen Sorten keine besseren Erträge zu bringen, scheint da wenig zu stören.</p><p><b>Effiziente Alternativen</b></p><p>Auch die Verfechter alternativer Strategien fordern eine stärkere Unterstützung der landwirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern des Südens, die in den letzten zehn bis 20 Jahren stark vernachlässigt wurde (siehe dazu auch Seite 7) – und die Förderung einer darauf ausgerichteten Agrarforschung. Das von ihnen verfolgte Konzept dürfte in dem von der internationalen Kleinbauernorganisation »Via Campensina« geprägten Begriff »Ernährungssouveränität« am prägnantesten zusammengefaßt sein. Kernstück ist die Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die auf nachhaltige Weise vor allem Nahrung für die lokale Bevölkerung produzieren soll. Hierbei geht es nicht um die Revitalisierung überlebter Traditionen, sondern um Überlebensstrategien in einer rauhen neoliberalen Wirklichkeit. Wichtige Komponenten des Konzepts der Ernährungssouveränität sind Landreformen, die Stärkung der Rechte der Bauern und Landarbeiter, die Ablehnung des Einsatzes von Gentechnik, soziale Gerechtigkeit und der Schutz vor Billigimporten. Selbstversorgung sowie lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor einer Exportorientierung haben. Mehrere Länder, darunter Nepal, der Senegal und Venezuela, haben das Ziel der Ernährungssouveränität inzwischen in ihren Verfassungen verankert.</p><p>Es gibt sowohl akademische als auch praktische Beweise für die Tragfähigkeit dieses Konzepts. Eine 2007 publizierte Meta-Analyse von über 300 wissenschaftlichen Arbeiten zur Leistungsfähigkeit unterschiedlicher Anbausysteme dokumentierte, daß man problemlos die eine oder andere Arbeit herauspicken könnte, um entweder die konventionellen oder biologischen (einschließlich quasi-biologischen) Anbaumethoden als überlegen darzustellen<i>9</i>. Bei einer Gesamtbetrachtung aller Arbeiten zeichnet sich jedoch de facto kein Unterschied im Ertragspotential des einen oder des anderen Verfahrens ab – wohl aber in bezug auf die Nachhaltigkeit. Die Autoren räumen ein, die tatsächlich erzielten Erträge des (quasi-)biologischen Anbaus in den Ländern des Südens vermutlich unterschätzt zu haben, weil die Vergleiche nur in bezug auf eine Fruchtart angestellt wurden. Der Output an Kalorien je Flächeneinheit ist jedoch aufgrund der anzutreffenden »Multicropping«-Systeme (Felder mit mehreren gleichzeitig angebauten Früchten) oftmals höher. Eine Forschergruppe um Peter Rosset, Direktor der US-Entwicklungshilfeorganisation »Food First« führte darüber hinaus einen Produktivitätsvergleich zwischen kleinen und großen Landwirtschaftsbetrieben in 15 Ländern des Südens durch. Wenngleich für eine einzelne Frucht die Hektarerträge in den Großbetrieben oftmals höher waren, war die Gesamtproduktivität pro Flächeneinheit bei den kleineren Betrieben um den Faktor zwei bis zehn größer<sup>10</sup>. Als Gründe für diesen Unterschied nennt Rosset das erwähnte Multicropping, eine höhere Arbeitsintensität pro Flächeneinheit und eine effektivere Bewässerung.</p><p><b>Von der Not zur Tugend</b></p><p><i>Zu den Erfolgsbeispielen der praktischen Anwendung des Konzepts der Ernährungssouveränität zählen das unfreiwillige »Großexperiment« Kuba und die Erfolge der brasilianischen Landlosenbewegung MST.</i></p><p>Nach dem Kollaps des sozialistischen Lagers brach für Kuba nicht nur der Absatzmarkt über Nacht weg, sondern auch die bislang von dort importierten Produktionsmittel wie Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, Maschinen und Ersatzteile fehlten plötzlich. Im Ergebnis schrumpfte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion von 1986 bis 1995 um jährlich fünf Prozent. Die erzwungene Neuorientierung machte Kuba zum ersten Land, das begann, biologischen Landbau in nationalem Maßstab zu betreiben – mit dem Erfolg, daß, nachdem diese Umstellung ihre Wirkung entfaltete, von 1996 bis 2005 die Pro-Kopf-Produktion wieder um jährlich 4,2 Prozent wuchs. In diesem Fall wirkte sich das US-Embargo ausnahmsweise begünstigend aus: Kuba war vor importierter Billigware weitgehend geschützt. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das in Kuba gut etablierte Campesino-a-Campesino-System der Weitervermittlung von Erfahrungen<sup>11</sup>. Nahezu die Hälfte der unabhängigen Kleinbauern Kubas in rund 100000 Familienbetrieben erzeugen mit ihren agroökologischen Methoden pro Hektar mehr Nahrung als die industrialisierten Großbetriebe. Von den 25 Prozent der bebaubaren Fläche, die auf diese Weise genutzt wird, kommen 65 Prozent der nationalen Nahrungsmittelproduktion. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß die Zerstörungen der drei Hurricans, die Kuba 2008 getroffen haben, ihren Tribut gefordert haben: Momentan importiert Kuba nach inoffiziellen Angaben 55 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs – ein dramatisches Beispiel für die Auswirkungen des Klimawandels. Dessen ungeachtet haben die Kubaner sich vorgenommen, die Fläche ökologischen Anbaus auf 1,5 Millionen Hektar auszudehnen, was, effizient genutzt, genügen würde, um die Ernährungssouveränität des Landes herzustellen.</p><p>Im Zuge der vom brasilianischen MST praktizierten »umverteilenden« Landreform waren 2002 acht Millionen Hektar Land besetzt und von etwa einer Million Menschen in Besitz genommen worden. Die sozioökonomischen Kennziffern dieses rebellischen landwirtschaftlichen Experiments sind beeindruckend. Die Nutznießer der Landreform haben im Durchschnitt ein Einkommen, das dem 3,7fachen des nationalen Mindestlohns entspricht, während Landlose nur 70 Prozent des Mindestlohns erhalten<sup>11</sup>. Die Kindersterblichkeit ist in dieser Bevölkerungsgruppe nur noch halb so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Mit dieser Strategie werden nicht nur die vor Ort benötigten Nahrungsmittel produziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen, deren Einrichtung in der Industrie nach Schätzungen zwei- bis 20mal teurer ist.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Battisti &#038; Naylor (2009): Science 323, S. 240-244; und Daten von der Arbeitsgruppe 2 des IPCC</li><li>Davis, M. (2008): Willkommen im Anthropozän; <a href="http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php" target="_blank">www.vsp-vernetzt.de/soz-0812/081220.php</a></li><li>FAO: The State of Food Insecurity in the World 2008. FAO, 2008</li><li>IAASTD: Global Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li>IAASTD: Synthesis Report, siehe <a href="http://www.agassessment.org/" target="_blank">www.agassessment.org/</a></li><li><a href="http://www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf" target="_blank">www.bbsrc.ac.uk/science/topical/food/workshop_crops.pdf</a></li><li><a href="http://www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding" target="_blank">www.guardian.co.uk/environment/2009/jul/19/gm-crops-aid-uk-funding</a></li><li><a href="http://www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf" target="_blank">www.ucsusa.org/assets/documents/food_and_agriculture/failure-to-yield.pdf</a></li><li>Badgley u.a. (2007): Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108</li><li><a href="http://www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf" target="_blank">www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf</a></li><li>Rosset, P. (2009): Monthly Review 61, Nr. 3, S. 114–128</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 05.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br /> URL: <a href="http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112" target="_blank">http://www.jungewelt.de/beilage/art/2112</a> (Nur im Online-Abo)</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/05/david-gegen-goliath/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Gepflanzte Profite</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/#comments</comments> <pubDate>Thu, 16 Oct 2008 12:00:00 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=122</guid> <description><![CDATA[Der heutige 16. Oktober wurde 1979 zum Welternährungstag erklärt. Es ist der Gründungstag der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die im Jahr 1945 an diesem Tag geschaffen wurde. Der Welternährungstag steht jedes Jahr unter einem besonderen Thema. Im vorigen Jahr lautete das Motto »Das Recht auf Nahrung ist keine Utopie«. Die reale Politik der FAO [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Der heutige 16. Oktober wurde 1979 zum Welternährungstag erklärt. Es ist der Gründungstag der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die im Jahr 1945 an diesem Tag geschaffen wurde. Der Welternährungstag steht jedes Jahr unter einem besonderen Thema. Im vorigen Jahr lautete das Motto »Das Recht auf Nahrung ist keine Utopie«. Die reale Politik der FAO disqualifiziert dieses Motto zur hohlen Phrase, denn dieses Recht ist unlängst für weitere zig Millionen Menschen zur Utopie geworden. Es ist seit längerem bekannt, daß das sowohl vom Welternährungsgipfel 1996 als auch von der »Millenniumserklärung« der UNO im Jahr 2000 definierte Ziel, die Zahl der chronisch hungernden Menschen bis zum Jahr 2015 zu halbieren, nicht erreicht wird. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß es nicht einmal gelingen wird, diese Zahl konstant zu halten. Laut FAO erhöhte sich zwischen 1992 und 2005 die Zahl der chronisch Hungernden zunächst von 842 auf 848 Millionen Menschen, um dann im Jahr 2007 sprunghaft auf 943 Millionen zu steigen. Eine weitere dramatische Erhöhung in diesem Jahr ist absehbar.</p><p>Diese trockene Statistik macht die Gefahr deutlich, daß der Skandal und die Tragödie, die sich hinter den nüchternen Zahlen verbergen, aus dem Blickfeld geraten. Der Skandal besteht darin, daß weltweit genügend Nahrung vorhanden ist: In den letzten 20 Jahren wuchs die Nahrungsmittelproduktion schneller als die Weltbevölkerung, nämlich im Durchschnitt um über zwei Prozent jährlich, während sich im gleichen Zeitraum das Bevölkerungswachstum global auf 1,14 Prozent reduzierte. Laut FAO gab es nach der Rekordgetreideernte von 2007 anderthalbmal mehr Nahrung, als der derzeitige Bedarf ausmacht.</p><p>Angesichts dieser Konstellation ist die Tragödie umso empörender, die in der Hoffnungslosigkeit und dem Schmerz besteht, unter denen fast eine Milliarde Menschen gezwungen sind zu leben. Chronischer Hunger bei 15 Prozent der Weltbevölkerung beschränkt sich nicht auf fehlende Lebensperspektiven. Er bedeutet regelmäßig wiederkehrende Magenkrämpfe und erhöhte Krankheitsanfälligkeit. Umgekehrt zeigt eine im Februar veröffentlichte Langzeitstudie, die das International Food Policy Research Institute (IFPRI) mit 1400 Personen in Guatemala durchführte, daß jene Hälfte, die in der Kindheit in den Genuß eines Kinderspeisungsprogramms gekommen war, im späteren Leben ein 50 Prozent höheres Einkommen hatte. Laut FIAN (FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk) starben schon vor der Explosion der Lebensmittelpreise täglich 25000 Menschen an Hunger. Der Aufschrei blieb bislang aus. Es ist der stille Tod von neun Millionen Menschen jährlich. Es sind die – anscheinend anonymen – »Kräfte des Marktes«, die Jahr für Jahr eine über den globalen Süden verteilte Katastrophe verursachen. Und es bedurfte der Hungerrevolten, die in diesem Jahr innerhalb weniger Monate in rund 40 Ländern ausbrachen, damit dieses Thema sowohl in den Schlagzeilen der Weltpresse als auch in den Gremien der zwischenstaatlichen Organisationen Beachtung fand.</p><p><b>Wirkungsloser Aktionsplan</b></p><p>»Ungerechte Handelsabkommen und Agrarexportsubventionen sind maßgeblich für die zunehmende Armut und den Hunger sowie für die Zerstörung der Märkte der Entwicklungsländer verantwortlich«, schrieben Annette Groth und Alexander King im jW-Thema vom 13. Juni 2008 und belegten dies mit eindrucksvollen Beispielen. Der Hunger in der Welt existiert nicht wegen des oft zitierten »fehlenden politischen Willens«, sondern die Ernährungskrise ist das Ergebnis politischen Willens. Sie wird zugunsten von Unternehmensprofiten bewußt in Kauf genommen. Eben dieser politische Wille verunglimpft knapp eine Milliarde Menschen mit einem permanenten Zynismus. So äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am 17. April 2008 unter Bezugnahme auf 300 Millionen Menschen in Indien, die jetzt eine zweite Mahlzeit am Tag einnehmen: »Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen, als sie das früher gemacht haben, und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen, Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere.«<sup>1</sup> Diese Äußerung erfolgte anläßlich der Inbetriebnahme einer Anlage zur Herstellung von synthetischem Agrokraftstoff bei Choren Industries im sächsischen Freiberg. Merkel versuchte damit, die Bedeutung dieser Treibstoffe bei der Preisexplosion der Nahrungsmittel herunterzuspielen. Abgesehen davon ist das Nachplappern einer vom US-Präsidenten George W. Bush verbreiteten Behauptung auch sachlich falsch, wie in der Oktober-Ausgabe des Seedling der international für landwirtschaftliche Biodiversität eintretenden Nichtregierungsorganisation GRAIN belegt wird.<sup>2</sup></p><p>Nachdem Regierungen, die UNO und andere zwischenstaatliche Organisationen die Existenz einer globalen Ernährungskrise schließlich eingestanden hatten, wurde im April 2008 zwecks Krisenmanagement eine Koordinierungsgruppe geschaffen, die »High Level Task Force on the Global Food Crisis«, in der sämtliche für das Thema Ernährung relevanten UN-Organisationen vertreten sind – also nicht nur die FAO, sondern auch die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO). Die Koordinierungsgruppe veröffentlichte im Juli 2008 einen »Comprehensive Framework of Action« (CFA, Rahmenaktionsplan gegen den Hunger).<sup>3</sup></p><p>Dieser Rahmenaktionsplan spricht sich dafür aus, daß angemessene Ernährung ein international anerkanntes Menschenrecht ist und die sozialen Sicherungssysteme in den betroffenen Ländern gestärkt werden; er fordert die gezielte Unterstützung von Kleinbauern und schlägt eine Überprüfung der Handels- und Zollpolitik vor. Das Netzwerk FIAN veröffentlichte im September ein Positionspapier4, in dem es die Empfehlungen des Rahmenaktionsplans im Prinzip begrüßt, diese jedoch wegen ihrer fehlenden Spezifität und der daraus resultierenden Wirkungslosigkeit scharf kritisiert. Der Plan stellt mit seiner Oberflächlichkeit insofern ein bedenkliches Signal dar, als das Dokument aufgrund der Zusammensetzung der »High Level Task Force« als Konsens aller wichtigen UN-Institutionen angesehen werden muß.</p><p>Das vom Rahmenaktionsplan genannte Recht auf angemessene Ernährung wurde bereits im Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.Dezember 1948 festgeschrieben und ist daher nichts Neues. Im gleichen Atemzug leistet aber der Plan mit bestimmten Formulierungen »der Kriminalisierung sozialer Bewegungen und weiteren Menschenrechtsverletzungen Vorschub«. Zugleich kritisiert FIAN, daß der Aktionsplan keine Antwort auf die Frage gibt, wie das Menschenrecht aller Opfer von Hunger und Unterernährung durchgesetzt und institutionalisiert werden kann.</p><p><b>Saatgut macht Bauern abhängig</b></p><p>Während der Rahmenaktionsplan das weltweite Potential des ökologischen Landbaus für die Kleinbauern lobt und sich zurückhaltend, ja fast kritisch zu gentechnisch veränderten Sorten äußert, bleibt in dem angebotenen »Handlungsmenü« eine der Kernfragen – die nach den beiden wichtigsten Ressourcen Land und Wasser – so gut wie unberücksichtigt. Die Tatsache, daß »der Zugang zu und die Kontrolle über Land und Wasser in den Händen einer immer kleineren Gruppe liegt (…) (wird) vollständig ignoriert. Im Rahmenaktionsplan werden keine Empfehlungen zur Sicherung des Anspruchs auf Land und Wasser ausgegrenzter Gruppen abgegeben«, kritisiert FIAN im Positionspapier.</p><p>Die vagen Äußerungen des Rahmenaktionsplans über die »Sicherung des Zugangs zu Landrechten (nicht etwa zu Land – K. P.) für Gemeinden und Personen, insbesondere marginalisierten Gruppen«, dürften ebensoviel praktischen Wert haben wie die papierne Feststellung eines Rechts auf angemessene Ernährung. Die im Plan zitierten Schätzungen über die erforderlichen Finanzmittel schwanken zwischen 25 und 40 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Mit anderen Worten, die Hälfte dessen, was der Irak-Krieg im Jahr verschlingt, würde ausreichen, um auf zehn Jahre verteilt ein globales Programm zur Überwindung der Ernährungskrise zu finanzieren. Dies als Ergänzung zur Frage nach dem politischen Willen. Wie wäre es, diese vergleichsweise lächerlichen Beträge strikt an die Bedingung zügig durchzuführender Landreformen zu koppeln – die in vielen Ländern des Südens irgendwann einmal angefangen, später aber abgewürgt wurden –, statt an die Bedingung der Liberalisierung der Märkte?</p><p>Wesentlich zielgerichteter dürften die Trägerorganisationen des Rahmenaktionsplans mit Empfehlungen wie »der Schaffung eines günstigeren Investitionsklimas« umgehen. Die Vorschläge laufen darauf hinaus, daß »effektive öffentliche Investitionen in die ländliche Entwicklung die Basis für steigende private Investitionen in Unternehmen bieten sollen, die wiederum Inputs und Dienstleistungen für Kleinbauern schaffen sollen«. Damit schließt sich der Kreis: Wir sind beim klassischen »Trickle-down«-Effekt der reinen Lehre des Neoliberalismus angekommen. Auch Professor Peter Michael Schmitz vom Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Universität Gießen behauptete in einer öffentlichen Anhörung des Bundestagsausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, daß es »unstrittig ist, daß Liberalisierung die Wohlfahrt der Entwicklungsländer fördert«. Doch auch er muß eingestehen: »Für Arme ist das Ergebnis dann immer noch völlig offen.« Zugleich ist für ihn die Marktmacht der großen Saatgut- und Pflanzenschutzfirmen »eher eine Legende«.</p><p>Schauen wir uns nur ein konkretes Beispiel dieser Legende an: Die Philippinen müssen einen Großteil ihres Reisbedarfs durch Importe abdecken. Die Situation war aufgrund der Explosion der Lebensmittelpreise in diesem Jahr so angespannt, daß dort Löschung und Binnentransport von Reislieferungen massiv militärisch abgesichert wurden. Im Mai 2008 unterzeichnete das philippinische Landwirtschaftsministerium mit dem Internationalen Reisforschungsinstitut (IRRI) ein Projektabkommen über 216 Millionen US-Dollar – man sollte meinen, um diesem Zustand abzuhelfen. Doch Schlüsselkomponente dieses Projekts sind Produktion und Verteilung von subventioniertem Hybridreis. Zum weiteren Verständnis: Im siebenköpfigen Aufsichtsrat des IRRI sitzen drei Vertreter von Saatgutkonzernen, ein Mitarbeiter von Bayer CropScience eingeschlossen.</p><p>Hybridsorten, egal von welcher Frucht, sind »ökonomisch steril«, das heißt, es kann kein brauchbares Saatgut aus eigener Ernte für die nächste Aussaat gewonnen werden. Das ist für Kleinbauern ein bedeutender Nachteil, denn sie müssen Saatgut kaufen. Bei Mais und Weizen haben Hybridsorten zumindest den Vorteil, daß sie höhere Erträge bringen, wenngleich aufgrund der teuren chemischen Inputs mit katastrophalen ökologischen und sozialen Langzeitfolgen. Bei Hybridreis war laut offiziellen philippinischen Statistiken aus dem Jahr 2003 der Ertrag jedoch niedriger als bei den bodenständigen Sorten. Das Projekt »ist für uns angesichts der schwachen Leistung des Hybridreisprogramms und der vielen Probleme, die über die Jahre aufgetreten sind, schwer zu verstehen«, sagte Jimmy Tadeo, Präsident des Nationalen Rats der Reisbauern. Wodurch wird eine Regierung zu einem solchen Vorgehen veranlaßt? Als Antwort kommen nur externer politischer Druck, Korruption oder Fehlinformation (etwa durch Lobbyarbeit) in Frage.</p><p><b>»Grüne« Revolution gegen rote</b></p><p>Genau so funktionierte die »grüne Revolution« in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Saatgut von Hybridsorten (Mais, Weizen) wurde anfangs staatlich subventioniert und verdrängte die bodenständigen Sorten. Nach Wegfall der Subventionen kam es bei den Kleinbauern des Südens zu einer schnell wachsenden Verschuldung, denn eine Rückkehr zu den alten Sorten war nicht mehr möglich; ökonomisch gesehen machten sich die Hybridsorten nur bei großflächigem Anbau bezahlt. Die Bauern verloren ihr Land an Gläubiger, die Slums der Städte füllten sich mit den landlos Gewordenen, und der Prozeß der Konzentration des fruchtbaren Bodens in den Händen relativ weniger erhielt neuen Aufschwung bzw. machte die Ergebnisse der Bodenreformen zunichte. Ein Ausdruck der sozialen Folgen der »grünen Revolution« sind die 150000 indischen Kleinbauern, die nach Schätzungen des Madras Institute of Development Studies zwischen 1997 und 2005 Selbstmord begingen, weil sie keinen Ausweg aus der Schuldenfalle sahen.</p><p>Davon abgesehen war diese »grüne Revolution« in ihrer Intention kein Aktionsprogramm gegen den Hunger, sondern eine strategische Maßnahme des Westens in der Zeit des kalten Krieges. William Gaud, der damalige Direktor von USAID, dem »Entwicklungshilfe«-Ministerium der USA, der 1968 den Begriff der »grünen Revolution« prägte, erklärte offen, daß es vor allem darum ging, die »roten« Revolutionen einzudämmen.</p><p>Die »grüne Revolution« trug zu einer kontinuierlichen Steigerung der weltweiten landwirtschaftlichen Produktion, aber nicht zu einer genügenden Versorgung mit Nahrungsmitteln bei. Trotz ausreichender globaler Produktion sind heute Millionen Menschen unterernährt. Im Jahr 2001 gingen in Indien, dem Vorzeigeland der »grünen Revolution«, 320 Millionen Menschen hungrig zu Bett, und in 13 Bundesstaaten wurden Hungertote registriert. In eben diesem Jahr lagen dort 65 Millionen Tonnen Getreide ungenutzt auf Halde. Langfristig am gravierendsten dürfte jedoch die fehlende Nachhaltigkeit einer auf Hochleistungssorten basierenden Welternährung sein. Es gibt Belege, daß sich eine Landwirtschaft nach den Regeln der »grünen Revolution« im Bereich eines Nettoenergieverlusts bewegt. Das ist nach dem Naturgesetz der Entropie auf Dauer nicht tragfähig: Es werden mehr (fossile) Kalorien als Input verbraucht, als verdauliche Kalorien produziert werden. Darüber hinaus hat Intensivlandwirtschaft nach dem Muster der »grünen Revolution« dazu geführt, daß global inzwischen 75 Prozent des verfügbaren Wassers durch die Landwirtschaft verbraucht werden, was angesichts der sich entfaltenden weltweiten Wasserkrise ebenfalls sehr kritisch zu betrachten ist.</p><p>Im Gegensatz zur Intensivlandwirtschaft werden in der traditionellen Landwirtschaft bis zu zehnmal mehr Kalorien für Nahrung produziert als während der Produktion der Nahrung verbraucht wurden. Auch der Weltagrarrat, ein von der UNO berufenes Gremium von 400 Landwirtschaftsexperten, hat sich in seinem im April dieses Jahres in Paris vorgelegten ersten Bericht für eine Rückkehr zu traditionellen Anbaumethoden mit herkömmlichen Produktionsweisen, angestammtem Saatgut und natürlichem Dünger ausgesprochen.</p><p>Ein vom Agrobusineß sorgfältig gehegter Mythos sind die vermeintlich geringeren Erträge bei traditionellem Anbau. Im Gegensatz dazu kommt eine umfassende Analyse<sup>5</sup>, in der die Ergebnisse von über 300 Studien zu beiden Anbauverfahren verglichen wurden, zu dem Schluß, daß eine Ertragsüberlegenheit weder für das eine noch für das andere Anbauverfahren erkennbar war. Eine weitere Schlußfolgerung dieser Analyse besteht darin, daß die derzeitige Weltbevölkerung auf der Basis biologischen Anbaus ernährt werden könnte.</p><p><b>Nächstes Opfer: Afrika</b></p><p>Davon unbeeindruckt drohen inzwischen zwei weitere »grüne Revolutionen«. Die erste ist hinlänglich bekannt: Seit Jahren wird von den multinationalen Agrarkonzernen die Bekämpfung des Hungers mit gentechnisch veränderten Pflanzen versprochen. Obwohl sogar durch Gentechnik vermittelte Ertragssteigerungen – die aber nicht den Hunger bekämpfen – bislang auf dem Niveau eines Marketingbegriffs verharren, triumphiert das Agrobusineß alljährlich über zweistellige Wachstumszahlen in der Anbaufläche gentechnisch veränderter Pflanzen. Dank Lobbyarbeit und dank an entsprechende Bedingungen geknüpfter »Entwicklungshilfe« umfaßt diese inzwischen sieben Prozent der globalen Ackerfläche (114 Millionen Hektar in 23 Ländern). Davon decken Soja, Mais und Raps 90 Prozent der Anbaufläche ab, also genau jene Nutzpflanzen, die als Tierfutter und zur Herstellung von Agrotreibstoffen verwendet werden sowie durch Flächenkonkurrenz bzw. subventionierte industrielle Nutzung maßgeblich zur Explosion der Lebensmittelpreise beigetragen haben. Die Lobbyisten der Agro-Biotechnologie-Agentur ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications) hingegen sprechen von der Erreichung eines »sehr wichtigen Meilensteins von humanitärer Bedeutung im Jahr 2007« – die Zahl der »ressourcenarmen Kleinbauern«, die in den Genuß der Segnungen gentechnischer Sorten kam, habe erstmals die Zehn-Millionen-Grenze überschritten. Auf dem afrikanischen Kontinent hat die Gentechnik bislang nur in Südafrika Fuß fassen können.</p><p>Das soll sich jetzt ändern – mit Hilfe der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA). Sie wurde 2006 von der Bill &#038; Melinda Gates Stiftung und der Rockefeller-Stiftung ins Leben gerufen. Inzwischen sind auch die Weltbank und zahlreiche andere Institutionen beteiligt. Kofi Annan fungiert als Chef dieser Allianz. Während seiner Amtszeit als UN-Generalsekretär hatte Annan mehrfach die Gentechnik als Lösung des Hungerproblems in Afrika propagiert. In seiner neuen Funktion erklärte er im Juli 2007, daß Gentechnikpflanzen nicht Teil des AGRA-Programms sein werden. Zehn Tage später, am 24.Juli 2007, korrigierte die AGRA diese Äußerung und stellte klar, die Allianz stünde Wissenschaft und Technologie, einschließlich Gentechnologie, aufgeschlossen gegenüber, um afrikanische Kleinbauern »bei ihren dringenden Bemühungen zu unterstützen, Armut und Hunger auszumerzen«. Da ist es nur logisch, daß auf der AGRA-Jahreskonferenz im August in Oslo Florence Wambugu, eine herausragende Befürworterin von Gentechnik und Biotechnologie, mit dem »Yara-Preis für eine grüne Revolution in Afrika« ausgezeichnet wurde. Doch selbst wenn man von der Gentechnik-Komponente des AGRA-Projekts absieht – bereits auf der Website wird klar: Es geht um die Schaffung von »Wertketten«, wie dort wiederholt betont wird. Die afrikanischen Kleinbauern werden sich über kurz oder lang mit patentiertem Saatgut und Kunstdünger überschüttet sehen, um später in den gleichen Teufelskreis einzutreten, in dem sich die indischen Bauern befinden.</p><p>Zu guter Letzt sei in Erinnerung gerufen, daß die Gates- und die Rockefeller-Stiftung gemeinsam mit den Agrarkonzernen Monsanto und Syngenta Millionenbeträge investierten, um auf Spitzbergen die weltgrößte Saatgutbank zu installieren. Diese nahm am 26. Februar 2008 ihren Betrieb auf. Auch das paßt ins Gesamtbild. Bereits 1978 kam die Nationale Akademie der Wissenschaften der USA zu der Erkenntnis, daß die »grüne Revolution« mehr und mehr die eigene züchterische Ausgangsbasis unterhöhlte: »Der Prozeß stellt ein Paradox sozialer und ökonomischer Entwicklung dar, indem das Produkt der Technologie (Züchtung auf hohen Ertrag und Einheitlichkeit) die Ressourcen zerstört, auf denen die Technologie aufbaut.«<sup>6</sup></p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Siehe z. B. unter<br /> <a href="http://n-tv.de/Wenn_der_Inder_zweimal_isst_Merkel_findet_Erklaerung/170420081816/950504.html" target="_blank">n-tv.de/Wenn_der_Inder_zweimal_isst_Merkel_findet_Erklaerung/ 170420081816/950504.html</a></li><li><a href="http://grain.org/seedling_files/seed-08-10.pdf" target="_blank">grain.org/seedling_files/seed-08-10.pdf</a></li><li><a href="http://un.org/issues/food/taskforce/Documentation/CFA%20Web.pdf" target="_blank">un.org/issues/food/taskforce/Documentation/CFA%20Web.pdf</a></li><li><a href="http://fian.de/fian/index.php?option=content&#038;task=view&#038;id=599" target="_blank">fian.de/fian/index.php?option=content&#038;task=view&#038;id=599</a></li><li>C. Bagley u. a.: Organic agriculture and the global food supply, in: Renewable Agriculture and Food Systems 22, S. 86–108 (2007)</li><li>M. Flitner: Sammler, Räuber und Gelehrte. Frankfurt/Main, New York 1995, S. 11 f.</li></ol></div><div class="infoframe">* Vom Autor erschien vor kurzem »Naturschutz und Profit. Menschen zwischen Vertreibung und Naturzerstörung«, Unrast Verlag Münster, 140 Seiten, 13,80 Euro</div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 16.10.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/10/16/gepflanzte-profite/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
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