<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Sat, 31 Mar 2012 05:25:39 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Greenwashing: Der WWF als Krake</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2012/03/31/greenwash-krake-wwf/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2012/03/31/greenwash-krake-wwf/#comments</comments> <pubDate>Sat, 31 Mar 2012 05:11:04 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Asien]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik-Lobby]]></category> <category><![CDATA[Palmöl]]></category> <category><![CDATA[Soja]]></category> <category><![CDATA[WWF]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=697</guid> <description><![CDATA[Über das Umweltschutzspektakel »Earth Hour«, den WWF und dessen Liaison mit den Konzernen des Agrobusines]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><em>Über das Umweltschutzspektakel »Earth Hour«, den WWF und dessen Liaison mit den Konzernen des Agrobusiness</em><br /> von Peter Clausing</p><p>Am 31. März wird zum sechsten Mal die »Earth Hour« begangen, ein vom »World Wide Fund for Nature« (WWF) organisiertes Event, dessen Teilnehmer für eine Stunde das Licht ausschalten. Ein symbolischer Akt, mit dem die Unterstützung des Umweltschutzgedankens zum Ausdruck gebracht werden soll. Eine echte Wohlfühlnummer für die Beteiligten, und zugleich ein Meßinstrument dafür, wie viele Menschen bereit sind, sich der Vernebelung durch den WWF hinzugeben: Im Jahr 2011 waren es in Deutschland über 30000 in 66 Städten. Die Aktion ist einfach wunderbar: Man bleibt anonym und unauffällig, stellt keine Forderungen, ist nicht den üblichen Unbilden einer Demonstration wie Wetter oder Polizei ausgesetzt und hat trotzdem das Erlebnis, dabei gewesen zu sein. Wobei? Beim WWF! Also bei jener Organisation, auf deren enge Verbindungen mit internationalen Großkonzernen Wilfried Huismann in seiner am 22. Juni 2011 auf ARD gesendeten Dokumentation aufmerksam machte, unbeschadet bereits früher veröffentlichter Hinweise.1 Anläßlich der »Earth Hour 2012« soll ein Blick auf die sogenannten Greenwashing-Praktiken des WWF geworfen werden.</p><p>Greenwashing – die Schaffung eines »grünen« Images für Unternehmen – ist in dem Maße, in dem der Neoliberalismus bis in die letzten Winkel unseres Planeten vordringt, immer stärker zum Handlungsfeld der großen Naturschutzorganisationen geworden. Immer umfangreicher werden die Firmenspenden bei Conservation International, The Nature Conservancy und dem WWF. Zugleich sind diese Organisationen darauf angewiesen, ihren Ruf als Umweltschützer zu wahren, weil nach wie vor ein Teil ihres Budgets aus den Spendengeldern bzw. Mitgliedsbeiträgen gutgläubiger Bürger bestritten wird und weil ihre vermeintliche Glaubwürdigkeit letztlich die Grundlage für ihre Attraktivität als »grüne Waschmaschinen« bildet. Ihre Kohabitation mit McDonalds, Nestlé, diversen Ölkonzernen und dem agroindustriellen Komplex wird gebetsmühlenartig damit begründet, daß man miteinander im Gespräch bleiben müsse, um etwas zu verändern.</p><p><strong>»Nachhaltiges Palmöl«</strong><br /> Der »World Wide Fund for Nature« spricht besonders gern mit Unternehmen des Agrobusiness. Doch:»Werden dem WWF durch die Dokumentation [von Huismann] also auf breiter Front diese Spender abhanden kommen?« fragt Christoph Seidler im Spiegel und antwortet: »Vermutlich nicht, denn Geldgeber für die vermeintlich gute Sache sind tendenziell treu.« Er bezieht sich dabei auf eine Einschätzung von Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI).2 Dieser meinte, es müsse insgesamt sehr viel zusammenkommen, damit eine Organisation in eine Glaubwürdigkeitskrise gerät. Beim WWF ist da durchaus einiges zusammengekommen. Bereits im Jahr 2002 wurde unter dem Titel »Panda-Pornographie, die Hochzeit von WWF und Weyerhaeuser« die Liaison der Naturschutzorganisation mit der Industrie kritisiert. Anlaß für den Beitrag war das Überwechseln von Linda Coady, damals Vizepräsidentin des für seine Umweltzerstörung an der nordamerikanischen Pazifikküste notorischen Holzkonzerns Weyerhaeuser, in die Position der Vizepräsidentin von WWF-Kanada.3 Auch die Verwaltung des J. Paul Getty »Umweltpreises« durch den WWF fällt in die Kategorie der ungenierten Nähe zu Konzernen mit rücksichtsloser Umweltbilanz. (Getty, Gründer und Eigentümer der Getty Oil Company, war einer der reichsten Ölmagnaten der 1960er Jahre.) Im sozialen Bereich tut sich der WWF bei der Errichtung von Nationalparks durch die entschädigungslose Vertreibung lokaler Bevölkerungsgruppen hervor.4</p><p>Im Jahr 2004 wurde vom WWF der »Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl« (RSPO, Roundtable on Sustainable Palm Oil) initiiert – ein Klub von derzeit 539 kommerziellen Mitgliedern und 27 Nichtregierungsorganisationen (NGOs), darunter der WWF selbst gleich viermal, in Gestalt seiner Regionalgliederungen aus Indonesien, Malaysia und der Schweiz sowie als WWF International. Der RSPO zertifiziert »nachhaltiges Palmöl« und bietet damit den beteiligten Firmen ein »grünes« Image. Sowohl aus prinzipiellen Gründen als auch aufgrund der Details des Verfahrens darf die bescheinigte »Nachhaltigkeit« bezweifelt werden. Anläßlich des Welternährungstages am 16. Oktober 2008 lehnten 257 Organisationen aus 50 Ländern den RSPO öffentlich ab. In Deutschland wurde eine entsprechende Erklärung von 22 Organisationen unterzeichnet, unter anderem von FIAN, Pax Christi, Robin Wood, Terre des hommes und WEED. Ein wichtiges Argument darin war, daß großflächige Monokulturen per se nicht nachhaltig sein können.</p><p>Die Frage, warum es überhaupt zu der rasanten Ausdehnung von Palmölplantagen kommt, ist für die Vermarkter »nachhaltigen« Palmöls kein Gesprächsthema, denn schließlich ist das Siegel ein Marketinginstrument und dient der Umsatzsteigerung. Der globale Verbrauch an pflanzlichen Ölen hat sich in den letzten 30 Jahren verdreifacht, der von Palmöl verzehnfacht. Bei der Diskussion um die gestiegene Nutzung steht oftmals die Beimischung zu Dieseltreibstoffen im Vordergrund. In der EU ist seit 2010 ein Anteil von mindestens 5,75 Prozent vorgeschrieben. Ab 2020 sollen es zehn Prozent sein. Bereits 2009 wurden über 13 Prozent der global produzierten 133 Millionen Tonnen pflanzlichen Öls als Treibstoff verwendet. Palmöl wird bislang nur relativ wenig zur Kraftstoffbeimischung verwendet, aber aus der »Umwidmung« anderer Öle (Raps, Soja) zu Treibstoffen ergibt sich eine Lücke im Nahrungsmittelbereich, die mit Palmöl geschlossen wird. In der Zukunft dürfte der Einsatz für Energiezwecke drastisch steigen: Innerhalb der nächsten zehn Jahre plant Indonesien, das knapp die Hälfte allen Palmöls produziert, die Verdopplung seiner Produktion auf 40 Millionen Tonnen, wovon die Hälfte für Energiezwecke verwendet werden soll.5 Die grundsätzliche Frage ist jedoch, ob der exzessive Einsatz von Agrotreibstoffen überhaupt akzeptabel ist – egal ob aus Ölpalmen oder Raps. Eine Frage, die der WWF mit ja beantwortet, denn: »Das zunehmende Interesse von (Bio-)Energieversorgern, Mineralöl- und Automobilindustrie, Kommunen und privaten Haushalten an (…) der Nutzung von Biomasse ist aus Sicht des WWF sehr positiv zu bewerten«.6 Via RSPO wird versucht, diesen Wahnsinn in Nachhaltigkeit umzudeuten.</p><p>Dabei hat das Verfahren selbst gravierende Mängel. Die Probleme beginnen damit, daß nicht die gesamte Produktionsweise von Unternehmen zertifiziert wird, sondern ihre Produktion auf bestimmten Flächen. Die Firmen bezeichnen sich als zertifiziert, obwohl nicht selten ein großer Teil ihrer Produktion von Flächen stammt, die überhaupt nicht begutachtet wurden. Eine Täuschung, die der RSPO durch prominente Positionierung der Liste zertifizierter Produzenten auf seiner Website verstärkt. Erst an versteckter Stelle auf der Homepage und auch dann nur bei genauem Hinsehen wird deutlich, daß es einzelne Plantagen sind, die zertifiziert werden.</p><p>Zu einer »nachhaltigen« Produktion, sollte man meinen, gehört auch der Verzicht auf Agrochemikalien oder zumindest eine drastische Reduktion ihres Einsatzes. Dies ist bei industrieller Bewirtschaftung großflächiger Monokulturen so gut wie unmöglich. Folgerichtig gehört dies nicht zu den Kriterien des RSPO. Es wird lediglich eine »Begründung« für die Verwendung von Agrochemikalien verlangt. Die Eliminierung hochtoxischer Verbindungen wie Paraquat hatte der Runde Tisch bereits im März 2006 angekündigt und sich dazu verpflichtet, bis November 2007 Alternativen zu solchen Pestiziden zu finden. Später wurde November 2008 als »letzter Termin« dafür angesetzt. Auf Anfrage teilte ein RSPO-Vertreter Anfang 2012 mit, daß ein abschließender Bericht zu diesem Vorhaben noch immer nicht vorliegt.</p><p>Problematisch ist außerdem, daß sich die Unternehmen faktisch selbst zertifizieren: Die Vergabe des Labels basiert zwar auf den Inspektionen und Berichten von Dritten (der TÜV Rheinland, der unlängst wegen der gesundheitsgefährdenden Brustimplantate des französischen Herstellers PIP in die Schlagzeilen geriet, ist auch hier dabei), aber sowohl die Entscheidung, welche Organisation mit der Inspektion beauftragt wird, als auch die Zuerkennung des Zertifikats liegt in den Händen des RSPO Executive Board, einem 16köpfigen Gremium mit zwölf Industrievertretern.</p><p><strong>Monokulturen statt Vielfalt</strong><br /> Der »Round Table on Responsible Soy« (RTRS, »Runder Tisch für verantwortungsbewußt produziertes Soja«) ist ein ähnliches Konstrukt wie der RSPO. Auch bei diesem Projekt ist der WWF die treibende Kraft. Nach dem gleichen Muster wie beim RSPO versucht der von der Industrie dominierte RTRS Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zu suggerieren. Dagegen protestierten im Jahr 2010 wiederum Hunderte NGOs und Initiativen in einem offenen Brief. Die Unterzeichner lehnen das RTRS-Label ab, weil die Kriterien als vollkommen ungenügend angesehen werden und weil sich der Runde Tisch als »internationale Stakeholder-Initiative« verkauft, obwohl er in Europa und Südamerika weder bei der Zivilgesellschaft noch bei nachhaltig wirtschaftenden Familienbetrieben Rückhalt findet. Die fehlende Verankerung des RTRS vor Ort läßt sich auch aus den Berichten über die im Zertifizierungsverfahren vorgeschriebenen Treffen mit den örtlichen Interessenvertretern (Stakeholders) ablesen. Entweder finden sie gar nicht statt oder sie sind – den Berichten nach zu urteilen – von einer Oberflächlichkeit, die geradezu peinlich ist.</p><p>Ähnlich wie die Palmölkonjunktur steht der Sojaboom im Zusammenhang mit der Beimischungsrichtlinie für Dieselkraftstoffe. Argentinien und Brasilien zusammen produzieren derzeit ein reichliches Drittel des weltweiten Aufkommens an Sojabohnen, verbunden mit einem überdurchschnittlichen jährlichen Wachstum. Bis 2020 wird der Anteil der beiden Länder an der Weltproduktion voraussichtlich auf über 50 Prozent steigen, vor allem durch eine Erweiterung der Anbauflächen – laut Prognosen um 11,6 Millionen Hektar. Riesige Monokulturen verdrängen Kleinbauern und biologische Vielfalt zugunsten der Versorgung der globalen Märkte mit industriellem Tierfutter und Agrodiesel. Obwohl die Kritik am Einsatz von Agrotreibstoffen wegen der nachweislichen ökologischen und sozialen Konsequenzen unvermindert anhält, ist keine Bereitschaft der Europäischen Union zu einem Abrücken von ihren Beimischungszielen zu erkennen.</p><p>Laut einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Studie wird im Jahr 2020 der Sojaanteil am »Biodiesel«-Mix der EU etwa 20 Prozent betragen.7 Besonders pervers ist die Zertifizierung von gentechnisch modifizierten (GM-)Sojabohnen und von solchen, die auf Flächen wachsen, wo bis Mai 2009 noch Regenwald gestanden hat. Die »Einhaltung der geltenden Gesetze« und die »Zahlung üblicher Löhne« werden nicht als Grundvoraussetzungen betrachtet, um eine Zertifizierung überhaupt beantragen zu können, sondern vom WWF lediglich als zertifizierungswürdige Kriterien begrüßt.</p><p><strong>Mit Gentechnik</strong><br /> GM-Soja unterstützt nach Ansicht des WWF den Einsatz mindergiftiger Pestizide. Die Förderung einer Entwicklung mit der durch agroökologische Anbaumethoden auf den Einsatz von Pestiziden ganz verzichtet werden kann, kommt der Organisation offenbar nicht in den Sinn. Der Favorit ist Roundup mit seinem Wirkstoff Glyphosat. Als Monsanto 1974 die Marktzulassung beantragte, bescheinigten die dabei eingereichten Studien dem Wirkstoff eine geringe Toxizität. Doch die akute Giftwirkung kann nicht als einziger Maßstab gelten. Wenn es danach ginge, wäre auch der Contergan-Wirkstoff Thalidomid, dessen akute letale Wirkung oberhalb von fünf Gramm pro Kilogramm Körpergewicht liegt, ungiftig. Inzwischen wird die Harmlosigkeit von Glyphosat mehr und mehr in Frage gestellt.8 Zu den beobachteten Effekten zählen Störungen des Hormonhaushalts, Schäden an Embryonen bzw. Föten (tierexperimentell belegt und vermehrtes Auftreten in jenen Bevölkerungsgruppen beobachtet, die in Gebieten intensiver Roundup-Anwendung leben) und die tödliche Wirkung auf Kaulquappen in umweltrelevanten Konzentrationen.</p><p>Das in Roundup-Präparaten verwendete Netzmittel POEA (polyethoxyliertes Tallowamin), verstärkt die toxischen Effekte des Wirkstoffs, und das Glyphosat-Abbauprodukt AMPA (Aminomethyl-Phosphonsäure), das sich anscheinend in der Umwelt anreichert, ist ein weiterer Problempunkt. Die nachweisliche Bedenklichkeit führte in verschiedenen Regionen Argentiniens, Kolumbiens und Israels zu gerichtlichen Verboten der Ausbringung von Roundup mit dem Flugzeug. Wegen möglicher Verdriftung ist eine Flugzeugausbringung mit besonders hohen Risiken einer unbeabsichtigten Exposition von Mensch und Tier verbunden.</p><p>Die Dosis macht das Gift. Diese von Paracelsus im 16. Jahrhundert formulierte Erkenntnis, ist bis heute unangefochten. In dem Maße, in dem wegen der inzwischen existierenden »Superunkräuter« immer höhere Glyphosatmengen ausgebracht werden müssen, schrumpft dessen ohnehin zweifelhafte Harmlosigkeit. Superunkräuter sind inzwischen ein Riesenproblem. Weltweit existieren mittlerweile über 20 Roundup-resistente Unkrautarten. Das Tempo ihrer Entstehung wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß vor nur acht Jahren – 2004 – erstmals Glyphosat-resistente Unkräuter identifiziert wurden.</p><p>Doch der WWF führt einen weiteren Pluspunkt für GM-Soja an: Nach Ansicht des WWF-Vizepräsidenten Jason Clay hilft es beim Kampf gegen den Klimawandel. Auf der vierten RTRS-Konferenz im Mai 2009 schlug er vor, die Produzenten von zertifiziertem GM-Soja über den sogenannten REDD-Mechanismus zu belohnen. REDD ist seit der Klimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancún ein nun auch offiziell von der UNO anerkanntes Instrument des CO2-Handels. Es bietet Unternehmen die Möglichkeit, statt der Umsetzung eigener Klimaschutzmaßnahmen Emissionszertifikate zu kaufen. Für die Produzenten von zertifizierten GM-Sojabohnen soll es nach den Vorstellungen des WWF die Möglichkeit geben, wegen ihrer »klimafreundlichen« landwirtschaftlichen Praxis von den »Kohlenstoffmärkten« zu profitieren. Beim Einsatz von Roundup-Ready-Sorten wird auf das Pflügen des Bodens (zur mechanischen Unkrautbekämpfung) verzichtet. Das Herbizid tötet alles, was nicht gentechnisch modifiziert oder – siehe oben – resistent geworden ist. Dieser Verzicht auf das Pflügen (»No-Till«-Technologie) könnte dann in eingesparte CO2-Emission umgerechnet und anschließend in Form von Zertifikaten in den globalen Emissionshandel eingebracht werden. Das eigentliche Motiv des WWF ist die Deckung eines Teils der Kosten für die Vergabe des RTRS-Labels, da es nur zögerlichen Zulauf findet. Monsanto jubelt über den neuen Verbündeten, denn seit Jahren bemühen sich seine Lobbyisten, CO2-Zertifikate für die Verwendung herbizid-resistenter Sorten geltend machen zu können.</p><p>Während »No-Till« als Verfahren zur Verringerung von Bodenerosion und zur Verbesserung des Wasserhaushalts seit Jahrzehnten anerkannt ist, steht die vermeintlich höhere Kohlenstoffbindung im Boden als äußerst umstrittene Vermutung im Raum. Nach Auswertung der verfügbaren Literatur kommen die Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) in Frick (Schweiz) zu dem Schluß, daß es bislang kein Verfahren für eine brauchbare Abschätzung der CO2-Bilanzen im Boden gibt, die eine Bewertung des »No-Till«-Effekts für den Emissionshandel zuließen.9 Das hindert weder Monsanto daran, »Paketlösungen« von »No-Till«, GM-Sorten und Herbizidanwendung anzubieten, noch den WWF, das Label vom »verantwortungsbewußt produzierten Soja« mit rechnerisch erfundenen CO2-Zertifikaten zu versüßen.</p><p><strong>Zugeständnisse an Firmen</strong><br /> Sowohl bei der eingangs erwähnten »Earth Hour« als auch bei den »Round Tables« wird der Öffentlichkeit »demokratisches Mitspracherecht« suggeriert. Nationale Regierungen überlassen aus Angst vor Sanktionen durch die Welthandelsorganisation (WTO) nichtstaatlichen Initiativen das Feld. Dazu gehören der »Forest Stewardship Council« (FSC), die hier diskutierten RSPO und RTRS sowie weitere vom WWF initiierte Projekte zu »besserer Baumwolle« (»Better Cotton Initative«, BCI), »besserem Zuckerrohr« (»Better Sugarcane Initiative«, BSI) und »nachhaltigem Biotreibstoff« (»Round Table on Sustainable Biofuel«). Die in den letzten 20 Jahren entstandenen Runden Tische sind der Versuch eines systemkonformen Auswegs aus dem neoliberalen Dilemma. Regierungen begründen den Verzicht auf gesetzliche Regelungen explizit mit deren Existenz. So argumentierte der niederländische Landwirtschaftsminister im Jahr 2008, daß der RSPO eine vielversprechende internationale Initiative auf freiwilliger Basis sei, womit sich ein gesetzlicher Rahmen zur Einschränkung des Imports von nicht nachhaltigem Palmöl erübrige.10 Die Niederlande mit dem Hafen von Rotterdam und dem Lebensmittelriesen Unilever nehmen beim Palmölgeschäft in Europa eine Schlüsselstellung ein.</p><p>Einer der grundlegenden Widersprüche dieser marktbasierten Initiativen ist der Spagat zwischen dem bindenden Charakter, den die angestrebten Nachhaltigkeitskriterien eigentlich haben müßten, und der mangelnden Bereitschaft der Unternehmen, sich auf solche einzulassen. Letzteres ist nicht primär eine moralische Fehlleistung, sondern Resultat des Wirkens der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus: Profitmaximierung ist ein objektiver Zwang. Die obligatorische Durchsetzung »harter« Nachhaltigkeitskriterien hätte zur Folge, daß sich kaum ein Unternehmen darauf einlassen würde. Deshalb werden an den Runden Tischen entweder Zugeständnisse bei der Härte der Kriterien oder bei deren konsequenter Anwendung gemacht, zumeist aber in beiden Bereichen gleichzeitig. Im Fall des RSPO ist es vor allem die fehlende Durchsetzung der festgelegten Spielregeln. In ihrer Analyse verweisen Greetje Schouten und Pieter Glasbergen darauf, daß ein Ausschluß aus dem RSPO, der bei einer wiederholten Verletzung der Regeln eigentlich angezeigt wäre, nicht erfolgt. Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß der »Code of Conduct« des RSPO Vorgaben zur Messung, Überprüfung und Durchsetzung von eingeforderten Verbesserungen von vornherein vermeidet. So bleibt die Anprangerung der Verletzung von Menschenrechten und ökologischen Normen (Vertreibungen, Abholzung von Primärwald) auf der Strecke. Dies übernehmen letztlich Organisationen, die nicht am RSPO teilnehmen. Die Regelverstöße des indonesischen Plantagenbetreibers PT Smart wurden nicht vom RSPO geahndet, sondern aufgrund des außerhalb erzeugten öffentlichen Drucks.11 Aufgrund der Proteste entschied der Lebensmittelkonzern Unilever, kein Palmöl mehr von PT Smart zu kaufen. Weder an der Benennung des Problems noch an der Sanktionierung der Vergehen war der RSPO beteiligt, obwohl beide – der Plantagenbetreiber und der Lebensmittelkonzern – Teilnehmer des Runden Tisches sind. Das wirft ein Licht auf den Charakter des »Im-Gespräch-Bleibens«, den der WWF und andere NGOs propagieren.</p><p><strong>Naturschutz ohne Menschen</strong><br /> Der Vorwurf des Greenwashings, so berechtigt er ist, greift zu kurz. Die Liaison zwischen den transnationalen Naturschutzorganisationen und dem Agrobusiness geht weit über die Runden Tische hinaus. Das Mosaik an Initiativen, Meinungsäußerungen und Prognosen des WWF (und von Organisationen wie Conservation International und The Nature Conservancy) läßt eine Vision erkennen, in der die Welt in drei Teile zerfällt: urbane Bereiche, hochgerüstete Flächen industrialisierter Landwirtschaft und menschenleere Naturschutzgebiete. Diese Vision ist nicht neu. Doch gelangte sie durch die unverblümten Pro-Gentechnik-Äußerungen von WWF-Vize Clay in letzter Zeit stärker ins öffentliche Bewußtsein. Sie ist die logische Fortsetzung eines »Naturschutz ohne Menschen«, dessen kolonial-historische Wurzeln sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.12<br /> Anmerkungen</p><p>1 vgl. www.wilfried-huismann.de; Pedersen, K: Naturschutz und Profit, Unrast-Verlag Münster 2008</p><p>2 Seidler, C. (2011): <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,770184,00.html">Sturm im Pandaland</a>, Spiegel Online vom 23.6.2011</p><p>3 Clair, J.S. (2002): Panda porn, the marriage of WWF and Weyerhaeuser. Counterpunch vom 5.12.2002 www.counterpunch.org</p><p>4 Pedersen, a.a.O.</p><p>5 Teoh, C.H. (2010): <a href="http://www.ifc.org/ifcext/agriconsultation.nsf/AttachmentsByTitle/Discussion+Paper/$FILE/Discussion+Paper_FINAL.pdf">Key Sustainability Issues in the Palm Oil Sector</a>. World Bank, IFC</p><p>6 www.wwf.de/themen/landwirtschaft/bioenergie/ (der Text auf dieser Website wurde vom WWF mittlerweile geändert)</p><p>7 Al-Riffai, P. u.a. (2010): <a href="http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2010/march/tradoc_145954.pdf">Global Trade and Environmental Impact Study of the EU Biofuels Mandate</a></p><p>8 Antoniou, M. u.a. (2010): <a href="http://www.gmwatch.eu/images/pdf/gm_full_ger_v3.pdf">GV-SOJA &#8211; Nachhaltig? Verantwortungsbewusst?</a> und Mertens, M. (2011): <a href="http://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/gentechnik/studien/nabu-glyphosat-agrogentechnik_fin.pdf">Glyphosat und Agrogentechnik</a></p><p>9 Gattinger, A. u.a.: <a href="http://www.misereor.de/fileadmin/redaktion/MISEREOR_no%20till.pdf">No-till agriculture – a climate smart solution?</a> MISEREOR, Aachen 2011</p><p>10 Schouten, G., Glasbergen, P. (2011): <a href="http://www.unpop.nl/userfiles/Schouten_Glasbergen%202011.pdf">Creating legitimacy in global private governance: The case of the Roundtable on Sustainable Palm Oil</a>. Ecological Economics 70: 1891-1899</p><p>11 Schouten, G., Glasbergen, P., a.a.O.</p><p>12 Pedersen, a.a.O.</p><p>erschienen in <a href="http://www.jungewelt.de/2012/03-31/023.php">junge Welt vom 31.3.2012</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2012/03/31/greenwash-krake-wwf/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Nahrungsmittelspekulation: Deutsche Bank will Dokumentarfilm zensieren</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/12/17/nahrungsmittelspekulation-deutsche-bank-will-dokumentarfilm-zensieren/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/12/17/nahrungsmittelspekulation-deutsche-bank-will-dokumentarfilm-zensieren/#comments</comments> <pubDate>Sat, 17 Dec 2011 08:18:19 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Im Norden]]></category> <category><![CDATA[Nahrungsmittelspekulation]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=680</guid> <description><![CDATA[Die Deutsche Bank will einem Film des »Zentrums für Politische Schönheit« verbieten und hat angekündigt, mit juristischen Mitteln gegen den Film über Nahrungsmittelspekulation vorzugehen. In dem Film hatte der Pressesprecher der Deutschen Bank, Frank Hartmann, auf die Nachfrage, ob seine Argumentation nicht auf die zynische Auffassung hinauslaufe, dass die Menschen in Afrika an ihrem Hunger selbst schuld seien geantwortet: »Natürlich sind die selbst schuld!«]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Die Deutsche Bank will einem Film des »Zentrums für Politische Schönheit« verbieten und hat angekündigt, mit juristischen Mitteln gegen den Film über Nahrungsmittelspekulation vorzugehen. In dem Film hatte der Pressesprecher der Deutschen Bank, Frank Hartmann, auf die Nachfrage, ob seine Argumentation nicht auf die zynische Auffassung hinauslaufe, dass die Menschen in Afrika an ihrem Hunger selbst schuld seien geantwortet: »Natürlich sind die selbst schuld!«</p><p>Jetzt die Filme kopieren, über die sozialen Netzwerke teilen und auf eigenen Homepages einstellen!</p><p>Pressemitteilung dazu:<br /> <a href="https://www.dfg-vk.de/aktuelles/informationen-der-friedensbewegung/2011/722" target="_blank">https://www.dfg-vk.de/aktuelles/informationen-der-friedensbewegung/2011/722</a></p><p>Video-Link:<br /> <a href="http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E" target="_blank">http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E</a></p><p>Das Video selbst:</p><p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E">http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/12/17/nahrungsmittelspekulation-deutsche-bank-will-dokumentarfilm-zensieren/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/#comments</comments> <pubDate>Thu, 17 Nov 2011 08:34:21 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category> <category><![CDATA[Food Riots]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agroökologie]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Kuba]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=673</guid> <description><![CDATA[Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis. Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?</strong></p><p>Von Peter Clausing<br /> <em><br /> Hunger ist die Alltagsrealität für ein Sechstel der Menschheit und &#8211; hungerbedingte Krankheiten mitberücksichtigt &#8211; die Todesursache für 10 Millionen Menschen jährlich. Spätestens seit der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2007/2008 ist klar, dass das Milleniums-Entwicklungsziel, den Anteil der Menschen, die Hunger leiden, von 1990 bis 2015 zu halbieren, nicht annähernd erreicht werden wird. Statt zu einer Reduzierung kam es 2008 zu einem Anstieg der Zahl der Hungernden. Dabei wird Jahr für Jahr genügend produziert, um &#8211; statistisch betrachtet &#8211; alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen.</em></p><div id="attachment_676" class="wp-caption alignnone" style="width: 310px"><a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096.jpg"><img src="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096-300x224.jpg" alt="" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" width="300" height="224" class="size-medium wp-image-676" /></a><p class="wp-caption-text">Marktfrauen in Zomba, Malawi</p></div><p><strong>Preisexplosionen, Proteste und verengte Sichtweisen</strong><br /> Als sich 2007/2008 innerhalb weniger Monate die Weltmarktpreise für Weizen und Mais verdoppelten und für Reis verdreifachten, gab es Hungerrevolten in mehr als 40 Ländern. J. Walton und D. Seddon dokumentierten 1994 in einem Buch, dass solche Food Riots zumeist nicht in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit physischen Hungersnöten stehen. Vielmehr sind sie ein seit über 400 Jahren praktiziertes Mittel, um bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Verhandlung zu bringen. Bei dieser als „Krawall“ stigmatisierten Form des sozialen Protests finden Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks statt. Es werden Forderungen nach Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen artikuliert. Und gelegentlich wird diesen Forderungen durch die Erstürmung von Supermärkten bzw. Vorratslagern Nachdruck verliehen &#8211; so auch 2007/2008. Die Gründe für die Preisexplosion vor reichlich drei Jahren haben noch heute Gültigkeit: Konkurrenz durch Agrotreibstoffe, Spekulation an den Getreidebörsen und – in geringerem Maß &#8211; Änderungen in den Ernährungsgewohnheiten (dazu Merkel in treuherziger Arroganz im April 2008: Der Preisanstieg sei nicht verwunderlich, wenn neuerdings 300 Millionen Inder eine zweite Mahlzeit einnähmen). In diesem Jahr lag der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) permanent über den Spitzenwerten von 2007/2008, doch Food Riots blieben anscheinend aus. Nicht ganz, denn das, was 2011 medial als „arabischer Frühling“ vermarktet wurde, hatte seinen Ausgangspunkt abermals in Protesten gegen erhöhte Lebensmittel. Im Januar, zu Beginn der Proteste in Tunesien, machten sich Kommentatoren großbürgerlicher Zeitungen noch Sorgen, ob es zu einer „zweiten globalen Welle von Hungerrevolten“ (Washington Post, 14.1.2011) kommen könnte. Teils mutierten diese Proteste in einen „arabischen Frühling“, teils wurde ihnen &#8211; in Erinnerung 2008 &#8211; dadurch vorgebeugt, dass strategische Reserven zur Preisstabilisierung auf den Binnenmarkt geworfen wurden – so in Äthiopien.<br /> Von (britischen) Politikern wurde 2008 eine kurzlebige Debatte über Essensverschwendung in den Metropolen losgetreten, die mit dem kürzlich veröffentlichten Buch Die Essensvernichter bzw. dem Film Taste the Waste eine Renaissance fand. Diese Diskussion hat durchaus ihre Berechtigung. In den Medien wird sie jedoch durch Statements wie „Die Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird, wird ungenutzt weggeworfen“ eurozentrisch verengt, denn weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung kauft ihre Lebensmittel in Supermärkten. Und Hungerkatastrophen, wie die gegenwärtige am Horn von Afrika, lassen sich nicht unmittelbar durch die Vermeidung von Lebensmittelvernichtung in den Metropolen des Nordens verhindern. Doch die angeprangerte Verschwendung legt gravierende „Systemfehler“ offen.</p><p><strong>Sackgassen und Auswege</strong><br /> Seit Jahren ist bekannt, dass Hunger vor allem dort herrscht, wo Nahrungsmittel produziert werden – nämlich auf dem Land, genauer gesagt auf dem Land in den Ländern des Südens. Die Erkenntnis, dass in diesen Regionen nicht genügend Nahrungsmittel produziert werden, könnte zu dem Fehlschluss führen, dass man das Problem damit lösen könnte, die „Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird“ (s.o.), statt sie zu vernichten, dorthin zu schaffen, wo die Nahrung fehlt. Das wäre keine Lösung des Problems. Von der hinlänglich kritisierten Zerstörung lokaler Ökonomien durch das Dumping von Lebensmitteln aus der EU und den USA abgesehen, wäre eine Verteilung von Nahrung über so riesige Flächen (bei zugleich fehlender verkehrstechnischer Erschließung) ein logistisches Unding und darüber hinaus ökologisch nicht wünschenswert. Ein weiterer Fehlschluss wäre die Etablierung landwirtschaftlicher Großflächenproduktion in „unterentwickelten“ Regionen – ein häufig benutztes Argument, um die unter dem Begriff Land Grabbing bekannt gewordenen großflächigen Landtransaktionen zu rechtfertigen, die seit über drei Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika grassieren.<br /> Welche nachhaltige Bewältigung der Welternährungskrise ist von Produktionssystemen zu erwarten, die 15 Kilokalorien an fossiler Energie verbrauchen, um eine Kilokalorie Nahrungsmittel zu produzieren? Damit wird zugleich der wichtigste Kritikpunkt an der oben erwähnten Nahrungsmittelverschwendung berührt. Die profitgetriebene Vernichtung von rund der Hälfte der für Supermärkte bestimmten Lebensmittel, bedeutet zugleich eine grandiose Energieverschwendung und somit einen bedeutsamen Beitrag zum Klimawandel. Dieser wiederum wirkt sich besonders gravierend auf die Ernährungssituation in den Hungerregionen der Welt aus. So wird die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika, der Auslöser der derzeitigen akuten Hungerkrise, auch immer wieder als Folge des Klimawandels beschrieben.<br /> Welche möglichen Auswege zeichnen sich ab? Die einfache, aber in der heutigen Zeit schwer umzusetzende Antwort wären lokal angepasste, wissensbasierte agroökologische Systeme. Doch derartige Produktionsverfahren schaffen Unabhängigkeit vom globalen Agrobusiness und finden deshalb kaum Unterstützung durch die mächtigen Institutionen der Welt. Dabei wäre eine „zentrale“ Förderung diversifizierten Herangehens an die Lösung des Welternährungsproblems dringend notwendig. Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, fasste die Ergebnisse einer zur Jahreswende veröffentlichten Studie mit den Worten zusammen: „Öko-Anbau kann die Nahrungsmittelproduktion innerhalb von zehn Jahren verdoppeln.“ Damit meinte er nicht den zertifizierten Bioanbau für eine wohlhabende Mittelschicht des Nordens, sondern eine ressourcenschonende Ertragssteigerung mit anschließender lokaler Vermarktung in den Ländern des Südens, basierend auf ausgeklügelten ökologischen Methoden der Fruchtfolge, Schädlingsbekämpfung, Bodenverbesserung und organischen Düngung. Die Tragfähigkeit dieses Konzepts wurde inzwischen mit Hunderten von Feldversuchen in Afrika, Asien und Lateinamerika demonstriert. Solche Anbausysteme sind widerstandsfähiger gegen Einflüsse des Klimawandels und in der Lage, mit einer Kilokalorie fossiler Energie 10-15 Kilokalorien Nahrung auf die lokalen Märkte zu bringen. Selbst die FAO schätzt ein, dass jeder Dollar, der sinnvoll in die Landwirtschaft investiert werde, zehn Dollar an humanitärer Hilfe ersetzen könnte. Erforderlich ist also die Vervielfachung dieser Erfahrungen auf Graswurzelbasis – ein Prozess, der in nationalem Maßstab bislang lediglich in Kuba Fuß gefasst hat.</p><p><strong>Zahlen, bitte!</strong><br /> ·	Knapp zwei Drittel aller Wasserreserven werden global von der Landwirtschaft verbraucht, die Industrie verbraucht ca. 20 Prozent.<br /> ·	884 Millionen Menschen weltweit verfügen nicht über ausreichend sauberes Trinkwasser.<br /> ·	2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu ausreichenden sanitären Anlagen.<br /> ·	Zur Produktion von 1 kg Fleisch werden 10 kg Getreide benötigt. Für die Produktion von 1 kg Getreide werden 1.500 Liter Wasser benötigt.<br /> ·	Der Nestlé-Konzern vertreibt 77 Wassermarken (u.a. Vittel, Contrex, Perrier und S. Pellegrino), hält damit 17 Prozent des globalen Wassermarkts und setzt damit ca. 6,2 Milliarden Euro um.</p><p>(Quellen: welthungerhilfe.de, wasserstiftung.de, wasser-und-mehr.de, zeit.de, ag-friedensforschung.de; Zusammenstellung: bew, Direkte Aktion)</p><p>Der Beitrag erschien in <a href="http://www.direkteaktion.org/208/hunger-katastrophe-protest-und-medienereignis">Direkte Aktion Nr.208 (Nov./Dez. 2011)</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/17/hunger-%e2%80%93-katastrophe-protest-und-medienereignis/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Naturschutz im Spannungsfeld</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/#comments</comments> <pubDate>Tue, 15 Nov 2011 09:34:36 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=667</guid> <description><![CDATA[Naturschutz im Spannungsfeld]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Kommentierte <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/Naturschutz-im-Spannungsfeld.pdf">Präsentation</a> zu einem am 10. November 2011 im Rahmen des <a href="http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=95&#038;Itemid=169&#038;lang=de">Wuppertaler Nord-Süd-Kolloquiums</a> gehaltenen Vortrag.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Mexiko-Lateinamerika: Tödliche Pestizide</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/#comments</comments> <pubDate>Mon, 14 Nov 2011 08:53:57 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category> <category><![CDATA[Mexiko]]></category> <category><![CDATA[Pestizide]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=661</guid> <description><![CDATA[Mexiko-Lateinamerika: Tödliche Pestizide]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>von Alfredo Acedo*</p><p>(Quito, 14. Oktober 2011, alai).- Der grün und ockerfarben gemusterte Teppich des Valle del Yaqui ist zwar schön anzusehen, er verbirgt jedoch eine Tragödie, die sich in dieser Region abspielt. Unter dem kapitalistischen Landwirtschaftsmodell wurden hier über 50 Jahre intensiv Pflanzenschutzmittel eingesetzt, wodurch Wasser, Böden und Luft verschmutzt und die Region damit praktisch zerstört wurde. Doch nicht nur die Natur trägt die verheerenden Konsequenzen. Die unverantwortlichen Praktiken haben auch Menschenleben gefordert.</p><p><strong>Vergiftungssymptome nach der Feldarbeit</strong><br /> Das im Süden des nordöstlichen Bundesstaats Sonora gelegene Tal erstreckt sich über ein Gebiet von mehr als 225.000 Hektar und wird hauptsächlich schwerkraftbewässert. Dort werden vor allem Weizen (65 Prozent der mexikanischen Weizenproduktion), Mais, Wolle, Gemüse und Grünfutter angebaut. Ich bin in einem kleinen Dorf südlich der Stadt Obregón inmitten der Anbauflächen geboren und habe bis zur Pubertät dort gelebt. Oft sah ich meinen Vater mit Vergiftungssymptome von der Arbeit heimkehren. Er arbeitete mit verschiedenen Maschinen, wie zum Beispiel Traktoren, die Pestizide, Entlaubungsmittel und Dünger auf den Äckern verteilten. Er starb im Alter von nur 61 Jahren an einem Gehirntumor. Das bösartige Gliom hat sein Leben innerhalb von weniger als sechs Monaten ausgelöscht und wir als Familie konnten dem nur tatenlos zusehen.</p><p><strong>Unkenntnis bei LandarbeiterInnen</strong><br /> Die Unverantwortlichkeit der HerstellerInnen und VerkäuferInnen dieser Gifte ist ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss. Angesichts komplett fehlender Informationen unter den LandarbeiterInnen und der Bevölkerung, reicht ein simples Warnschild nicht aus, um die Menschen davor zu warnen, mit welchen Stoffen sie da in Berührung kommen. Die Gifte werden ohne jeglichen Schutz versprüht, die Behälter einfach auf den Feldern stehen gelassen. PilotInnen schütten das verschmutzte Wasser nach dem Auswaschen der Sprühtanks einfach auf den Boden, und dies selbst in bewohnten Gegenden.</p><p>Selbst Kinder verdingen sich für gerade einmal ein paar Pesos in den Anbaugebieten, sobald sie groß genug sind, um die Sprühtanks auf dem Rücken zu tragen, oder die nötige Kraft haben, um den Sprühflugzeugen mit einem Fähnchen den Weg zu weisen. In beiden Fällen sind sie stundenlang in eine Giftwolke gehüllt. Selbst wenn sie nicht sofort an Vergiftungserscheinungen leiden, zeigen sich die verheerenden Spätfolgen der Giftakkumulation nur wenig später. Der fürchterliche Gestank dieser Entlaubungsmittel bleibt auch mir wie eine makabre Nostalgie in Erinnerung.</p><p><strong>Gift in der Muttermilch</strong><br /> Es wird immer wieder gesagt, dass Muttermilch für ein Baby am besten ist. Das ist medizinisch sicher richtig, gilt jedoch nicht für Kinder, die im Valle del Yaqui aufwachsen. Seit mehr als 20 Jahren werden chlororganische Pestizide in der Muttermilch der Bewohnerinnen des Valle nachgewiesen. Laut einer Studie des Kommissariats der Gemeinde Cajeme aus dem Jahr 1990 wurden bei 85,71 Prozent der untersuchten Muttermilchproben im Dorf Yaqui ein bis drei Pestizide nachgewiesen. Dazu zählen Aldrin, HCH, (Lindan), DDT und pp-DDE mit einer durchschnittlichen Konzentration von jeweils 0,11, 0,17, 0,27 und 1,90 Teile einer Million (parts por million, ppm). Der Untersuchung zufolge liegen die Lindan-, DDT- und pp-DDE-Werte über den von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation erlassenen Grenzwerten.</p><p>Später durchgeführte Studien bestätigten diesen dramatischen Fund nicht nur, sondern ergänzten ihn um ein weiteres verheerendes Detail. Vor drei Jahren fand man im Rahmen einer anderen Studie an Bewohnerinnen von Pueblo Yaqui heraus, dass Schädlingsbekämpfungsmittel aus deren Plazenta auf das Neugeborene übertragen wurden. Im Blut, Fruchtwasser und in der Nabelschnur der Mütter fand man die Insektizide alfa-HCH, gamma-HCH (Lindan), HCB, Dieldrin, Endrin und DDE.<br /> Im Blut von drei Monate alten Säuglingen dieser Gemeinde waren die gleichen Insektizide enthalten. Ab einem Alter von sechs Monaten tauchten die Substanzen permanent auf, teilweise als Abbauprodukte, wobei die entsprechenden Lindan- und Dieldrin-Werte die von Personen überstiegen, die dem Gift nicht übermäßig ausgesetzt waren. Vor weniger als drei Jahren überschritten die Schwermetall-Werte in Wasserproben in den Gemeinden Bácum, Pueblo Yaqui und Quetchehueca die offiziell in Mexiko zugelassenen Grenzwerte. Im Abwasser der beiden zuletzt genannten Gemeinden wurden zudem chlororganische Pestizide wie Malathion und Methylparathion gefunden.</p><p><strong>300.000 Tote durch Vergiftungen mit Pflanzenschutzmitteln</strong><br /> Verschiedenen zuverlässigen Studien zufolge führt der dauerhafte Kontakt mit den Giftstoffen, bereits in geringen Dosen, zu schweren Gesundheitsschäden, wie Krebs, Erbgutveränderungen, kongenitalen Anomalien, Beeinträchtigungen des Nervensystems und Hormonstörungen.</p><p>Angesichts des öffentlichen Drucks haben einige Regierungs- und Bildungsinstitutionen erst vor kurzem begonnen, die Situation zu untersuchen und die Bevölkerung über die Gefahren aufzuklären – wenn auch ohne große Überzeugung. Zudem wurden spezielle Mülldeponien für die sichere Aufbewahrung der giftigen Behälter eingerichtet. Problematisch ist allerdings, dass trotz dieser Maßnahmen keine Sicherheit für LandarbeiterInnen, LandbewohnerInnen und KonsumentInnen der dort erzeugten Produkte gewährleistet ist.</p><p>Die versprühten Gifte verschmutzen unausweichlich Flüsse, das Grundwasser, die Küste, Luft, Boden und Lebensmittel. Sie werden von den Menschen über die Atemwege, die Nahrungsaufnahme oder durch direkten Kontakt aufgenommen. Jedes Jahr erleiden weltweit drei Millionen Menschen schwere Vergiftungserscheinungen durch Pflanzenschutzmittel, mindestens 300.000 Menschen sterben daran. 99 Prozent der Vergiftungsfälle ereignen sich in Entwicklungsländern.</p><p><strong>Nobelpreis für die grüne Revolution</strong><br /> Es erscheint absurd, dass trotz dieser ökologischen und menschlichen Tragödie ein Friedensnobelpreis vergeben wurde. Der Preisträger Norman Ernest Borlaug, ein US-amerikanischer Agrarforscher, gilt als Initiator der „Grünen Revolution“. Mit einer speziellen Technik entwickelte er Hochleistungsweizensorten und züchtete auf Testfeldern mitten im Valle Yaqui mit Unterstützung der mexikanischen Regierung (in Form des Centro de Investigaciones Agrícolas del Noroeste) den so genannten Mexiko-Weizen.</p><p>Das von Borlaug eingeführte Landwirtschaftsmodell wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts umgesetzt und hat seitdem die intensive Nutzung von Hybridsamen, chemischen Düngern, Insektiziden und den umfassenden Einsatz von Maschinen auf den Feldern etabliert. Vor allem nach dem 2. Weltkrieg sicherte die Ausweitung des Agrobusiness jenen Industrien die Gewinne, die zuvor fürs Militär produziert hatten. Bomben wurden durch Stickstoffdünger, tödliche Gase durch Pestizide und Kriegsgeschütz durch Traktoren ersetzt.</p><p><strong>Monokulturen, Arbeitslosigkeit und Landflucht</strong><br /> Der verstärkte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird immer wieder mit der Bekämpfung von Hunger durch höhere Erträge gerechtfertigt. Doch nicht nur auf den Feldern werden die Gifte verwendet. Auch in der Industrie und in Privathaushalten kommen sie zum Einsatz und dienen selbst in Gesundheitseinrichtungen der Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria. Das Agrobusiness bringt verschiedene negative Folgen mit sich. Neben der Ausweitung von Monokulturen stärkt es die politische Macht der GroßproduzentInnen, Arbeitskräfte werden zunehmend ausgebeutet, die Landflucht erhöht sich und die Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten steigt.</p><p>Gleichzeitig beschert das Agrobusiness GroßgrundbesitzerInnen und Großkonzernen aus der Chemie-, Metall- und Biotechnologiebranche immer größere Gewinne. Die Regierung sowie wissenschaftliche und technische Institutionen haben das Agrobusiness von Anfang an unterstützt. Hinzu kam die Unterstützung in Form weltweiter Vorgaben, wonach Großkonzerne mit öffentlichen Geldern subventioniert werden sollten.</p><p><strong>Der „Agro-Titan“ Borlaug</strong><br /> Ist die Rede vom Mythos der so genannten „Agro-Titanen“ – angeblichen Vorreitern bei der Einführung von Bewässerung und Anbau im Valle del Yaqui – wird der Name Borlaug hervorgehoben. Der Nobelpreisträger ist mittlerweile zu einer Art Kultfigur unter den LandwirtInnen in der Region geworden; Straßen, Statuen und andere Gebäude sind ihm zu Ehren mit seinem Namen geschmückt.</p><p>Ich habe Borlaug vor einigen Jahren, kurz vor seinem Tod, gefragt, ob die Grüne Revolution tatsächlich den Hunger bekämpfen könne. Er räumte ein, dass wir bei der Steigerung der Einnahmen mithilfe seiner landwirtschaftlichen Methode an unsere Grenzen gelangt sind und dass wir das Problem nun mit politischen Entscheidungen lösen müssen. Das war Anfang der neunziger Jahre. Heute liegt es noch deutlicher auf der Hand, dass der Hunger nicht mit technischen Lösungen bekämpft werden kann. Es bedarf vielmehr einer radikalen Reform der Produktion, der Verteilung und des Konsums von Nahrungsmitteln. Hinsichtlich der Umweltschäden, die im Zuge seiner Grünen Revolution durch Pflanzenschutzmittel hervorgerufen werden, äußerte Borlaug keine großen Bedenken.</p><p><strong>Pestizidstudie im Valle de Yaqui</strong><br /> Mittlerweile gibt es weltweit ungefähr 20 große FabrikantInnen derartiger Pflanzenschutzmittel mit einem jährlichen Absatzvolumen von mehr als 40 Milliarden US-Dollar und einer Produktion von 2,5 Millionen Tonnen. Die wichtigsten Hersteller sind Syngenta, Bayer, Monsanto, Dow Agrosciences und Du Pont. Lateinamerika ist ein wichtiger und wachsender Markt, in dem der Verkaufsumsatz der Giftstoffe zwischen 2006 und 2007 um 18,6 Prozent und zwischen 2007 und 2008 um 36,2 Prozent gewachsen ist.</p><p>Eine Studie zu den zwischen 1995 und 1999 im Valle del Yaqui verwendeten Pestiziden und deren Auswirkungen auf die Gesundheit der BewohnerInnen ergab, dass die zumeist eingesetzten Gifte Herbizide (34 Prozent), Carbamat (27,53 Prozent), Phosphorsäureester (27,53 Prozent), Fungizide, chlororganische Gifte und Pyrethroide sind. Insgesamt wurden im Zeitraum 3.146.616 kg Pestizide im Tal eingesetzt. Im Jahr 1998 kam es zum größten Pestizideinsatz in einer Größenordnung von 806.123 kg. Die häufigsten damit verbundenen Krankheiten waren Knochenmark-Aplasie, schwere Leukämie und Non-Hodgkin-Lymphome (NHL). (Valenzuela Gómez, L. 2000. Abschlussarbeit. ITSON. Obregón, Sonora.)</p><p><strong>Illusorische Grenzwerte</strong><br /> Nach Angaben eines im Beruf tätigen Agraringenieurs, der anonym bleiben möchte, sei das momentan meist verwendete Insektengift das von Monsanto hergestellte Glyphosat. Es wird in der Region als Faena, in anderen Regionen als Roundup verkauft. Laut einer aktuellen Studie rufen die Produkte und Stoffwechselprodukte von Glyphosat beim Menschen selbst in geringen Dosen den Tod von Embryonen, Plazentas und Nabelschnurzellen im Reagenzglas hervor.</p><p>Im Valle del Yaqui werden laut der anonymen Quelle weiterhin Parathion und Malathion angewendet. Parathion ist extrem giftig und in verschiedenen Ländern ausdrücklich durch das Rotterdamer Übereinkommen verboten. Die US-amerikanische Bundesbehörde zur Durchsetzung des Arbeitsschutzgesetzes OSHA (Occupational Safety and Health Administration) hat für Malathion einen Grenzwert von 15 mg pro Kubikmeter Luft bei einer Arbeitszeit von acht Stunden in einer 40-Stunden-Woche festgesetzt. Diese Empfehlungen sind praktisch unmöglich einzuhalten.</p><p><strong>Aufklärungskampagne „Los agrotóxicos matan“</strong><br /> Agrargifte können als in der industriellen Landwirtschaft verwendete giftige, chemische Substanzen definiert werden, die es in Form von Insektiziden, Entlaubungsmitteln, Herbiziden und Fungiziden gibt. Wegen ihrer schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt werden auch Düngemittel in diese Kategorie gezählt. Sie vergiften die Böden und ihre Komponenten gelangen in Gebieten wie Lagunen und Buchten in die Nahrungsmittelkette. Genetisch veränderte Samen für den intensiven Einsatz von krebserregenden Pestiziden wie Glyphosat und von Pflanzen, die eigene Insektizide bilden, sollten ebenfalls dazugezählt werden.</p><p>Auf Grundlage dieser Definition und weiterer umfassende Informationen zum Ausmaß des Agrobusiness und der Macht der Verantwortlichen widmeten sich RepräsentantInnen aller Mitgliedsländer der Koordinationsstelle von kleinbäuerlichen und indigenen Organisationen in Lateinamerika CLOC (Coordinadora Latinoamericana de Organizaciones del Campo) bei einem Treffen in einem bäuerlichen Fortbildungszentrum des Nationalen Vereinigten Landwirtschaftlichen Gewerkschaftsverbands FENSUAGRO (Federación Nacional Sindical Unitaria Agropecuaria) in Viotá, Kolumbien, der Analyse dieses Problems, das in allen Regionen der CLOC allgegenwärtig ist: im Cono Sur, in der Andenregion, in Mittelamerika, in Mexiko und der Karibik.</p><p><strong>Schaffung einer Informationsplattform</strong><br /> Dabei wurde entschieden, eine Kampagne für ganz Lateinamerika zu starten unter dem Motto „Tödliche Agrargifte“ (Los agrotóxicos matan). Die Kampagne soll die Gesellschaft aufklären und für das Thema sensibilisieren. Dem Mythos der sicheren Verwendung von Pflanzenschutzmitteln soll ein Ende bereitet und ein endgültiges Verbot der Gifte erreicht werden. Die Kampagne zielt auf eine Abkehr von der Ideologie des Agrobusiness ab und richtet sich vor allem an Gemeinden und Familien. Außerdem soll sie eine vereinte Plattform für UmweltschützerInnen, Bauern und Bäuerinnen, ArbeiterInnen, StudentInnen, KonsumentInnen und alle Personen bilden, die sich für eine gesunde und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion einsetzen.</p><p>Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln müssen wir klarmachen, dass unsere Länder das Potential haben, auf Basis der ökologischen Landwirtschaft diversifizierte und gesunde Lebensmittel für alle Menschen zu produzieren, und dass es höchste Zeit ist, dieses Modell durchzusetzen. Gleichzeitig müssen die HerstellerInnen und HändlerInnen von Agrargiften zur Rechenschaft gezogen werden. Die Gesellschaft muss verstehen, dass das derzeitige Landwirtschaftsmodell, das giftige Nahrungsmittel produziert, die Umwelt zerstört und nur einigen Wenigen Reichtum beschert, ausgedient hat.</p><p><strong>3. Dezember: Weltweiter Tag gegen den Pestizideinsatz</strong><br /> Dafür wurde eine Organisation für jede Region damit beauftragt – im Fall von Mexiko ist das der Nationale Verband der autonomen, regionalen Bauernorganisationen, UNORCA – in verschiedenen Regionen Ausschüsse und Unterausschüsse zu bilden, an denen alle Organisationen der CLOC beteiligt sind. Darüber hinaus sollen die einzelnen Organisationen Koordinationsteams zusammenstellen, die von der Kommunikationsstelle des Operativen Sekretariats in Quito, Ecuador, bei ihrer Arbeit unterstützt werden.<br /> Die Kampagne soll am 3. Dezember, anlässlich des „Weltweiten Tages gegen den Pestizideinsatz“ starten. Im Vorfeld wird sie bereits im November auf dem Internationalen Kongress für Agroökologie in Havanna eingeleitet.<br /> Es ist an der Zeit, den verheerenden Teufelskreis landwirtschaftlicher Produktion zu durchbrechen, in dem ein und dasselbe Unternehmen – vielleicht in Begleitung eines Tochterunternehmens – die Samen produziert, die Gifte vertreibt und am Ende sogar die falsche Medizin dafür verkauft. Und gemeinsam sorgen sie dafür, dass das Gift auf unseren Tellern landet.</p><p>* Alfredo Acedo ist Direktor im Bereich der sozialen Kommunikation und Berater des Landesverbands der autonomen, regionalen Bauernorganisationen UNORCA (Unión Nacional de Organizaciones Regionales Campesinas Autónomas), Mexiko</p><p>Dieser Beitrag erschien bei <a href="http://www.npla.de/de/poonal/3594-toedliche-pestizide">Poonal</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-lateinamerika-todliche-pestizide/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Mexiko: Recht auf Nahrung – ein weiteres Lippenbekenntnis?</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/#comments</comments> <pubDate>Mon, 14 Nov 2011 08:10:11 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category> <category><![CDATA[Mexiko]]></category> <category><![CDATA[Recht auf Nahrung]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=647</guid> <description><![CDATA[Mexiko: Recht auf Nahrung – ein weiteres Lippenbekenntnis?]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Katastrophale Auswirkungen der Freihandelsabkommen auf die Ernährungssituation in Mexiko</strong></p><p>Von Peter Clausing</p><p>Mitte Oktober <a href="http://www.srfood.org/index.php/en/component/content/article/1-latest-news/1684-mexico-un-expert-welcomes-constitutional-recognition-of-the-right-to-food-">begrüßte Olivier de Schutter</a>, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, die Bekanntmachung Mexikos, eben diesem Recht Verfassungsrang einzuräumen. Bereits am Ende seiner im Juni durchgeführten Mexiko-Mission mahnte der UNO-Beauftragte mit Blick auf die anstehende Verfassungsreform &#8220;die weitere Verbesserung des juristischen Umfelds in Form einer Rahmengesetzgebung für das Recht auf Nahrung an, so, wie es in einer Reihe anderer Länder dieser Region bereits erfolgt ist&#8221;. Vor dem Hintergrund gravierender Missstände in den Bereichen Ernährung und landwirtschaftliche Produktion empfahl de Schutter eine nationale Strategie, um dem Recht auf Nahrung Geltung zu verschaffen.</p><p>Es stellt sich jedoch die Frage, ob die verfassungsmäßige Anerkennung des Rechts auf Nahrung nicht nur eine weitere Inszenierung im Kontext von Mexikos simulierter Demokratie darstellt. Schließlich hat Mexiko die Anti-Folterkonvention der UNO im Januar 1986 ratifiziert und akzeptiert bis heute unter Folter erzwungene Geständnisse als Beweismittel vor seinen Gerichten. Auch das landläufig als ILO-Konvention 169 bekannte &#8220;Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern&#8221; aus dem Jahr 1989 wurde von Mexiko im Jahr darauf ratifiziert, ohne dass sich bis heute dadurch irgend etwas Wesentliches an der Situation von Mexikos Indígenas geändert hätte.</p><p>Die Verfassungsreform zum Recht auf Nahrung wurde am 17. August 2011 abgeschlossen. Sie betraf den Artikel 4 und (erneut) den Artikel 27 der mexikanischen Verfassung. Letzterer wurde Anfang der 1990er Jahre verändert, um die Privatisierung der kommunalen Ländereien zu ermöglichen – eine Vorleistung, um Mexikos Teilnahme am nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) zu ermöglichen. Dies war einer der Gründe für den zapatistischen Aufstand am 1. Januar 1994. In einer am 20. Oktober <a href="http://www.fpif.org/articles/nafta_is_starving_mexico">veröffentlichten Analyse</a> identifizierte Laura Carlsen das NAFTA-Abkommen als einen wesentlichen Grund für den in Mexiko herrschenden Hunger. Der hat einen beträchtlichen Umfang und nimmt offenbar weiter zu.</p><p>Die Zahl der in &#8220;Ernährungsarmut&#8221; lebenden Personen, also Personen, die es sich nicht leisten können, eine ausreichende Menge an Grundnahrungsmitteln zu kaufen, stieg von 18 Millionen Menschen im Jahr 2008 auf 20 Millionen Ende 2010. Etwa 20 Prozent der mexikanischen Kinder sind fehlernährt. De Schutter beklagt <a href="http://www.fpif.org/articles/nafta_is_starving_mexico">in seinem Bericht</a>, dass gewisse Fortschritte in der Ernährungsfrage ungleich verteilt sind. Großen Teilen der Bevölkerung werde das Recht auf Nahrung &#8220;in dramatischem Ausmaß&#8221; vorenthalten. Das betrifft in besonderem Maße die indigene Bevölkerung. In diesem Segment leidet ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren an chronischer Fehlernährung – verglichen mit 11 Prozent bei nicht-indigenen Kindern.</p><p>All das sind deutliche Indikatoren für das Scheitern des Modells der Freihandelsabkommen, die Mexiko inzwischen mit über 40 Ländern abgeschlossen hat. Dem neoliberalen Dogma zu Folge gilt ein Land als &#8220;ernährungssicher&#8221;, so lange es genügend Werte produziert, um ausreichend Lebensmittel zu importieren. Die oben genannten Zahlen belegen, dass diese Rechnung nicht aufgeht, wenn anstelle von Preisstabilität auf der Basis einer soliden Eigenversorgung die Lebensmittelpreise den Fluktuationen des Weltmarkts folgen. Die Weltmarktpreise für die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte haben inzwischen wieder die Rekordmarken von 2008 erreicht und teilweise überschritten.</p><p>Doch das Drama begann nicht erst mit der Preisexplosion für landwirtschaftliche Grundprodukte im Jahr 2008. Im Verlauf der nunmehr 17 NAFTA-Jahre mussten zwei Millionen Bauern ihr Land verlassen und wurden Teil des großen Exodus, der die USA jährlich mit einer halben Million neuer Arbeitskräfte im Billiglohnsektor versorgte. Inzwischen werden 42 Prozent der in Mexiko verzehrten Nahrungsmittel importiert. Während in der Zeit vor NAFTA weniger als zwei Milliarden US-Dollar für Nahrungsmittelimporte ausgegeben wurden, sind es inzwischen 24 Milliarden. Dementsprechend folgt der Preis für Mais, Mexikos wichtigstem Grundnahrungsmittel, dem Weltmarkt, wo Preisfluktuationen mittlerweile nicht mehr an die jährlichen Welterträge gekoppelt sind, sondern an andere Faktoren wie Börsenspekulation und Agrotreibstoffboom. Im Jahr 2009, als die Weltmarktpreise wieder nachgegeben hatten, kostete ein Kilo Mais zwei Pesos. Inzwischen hat sich der Preis wieder verdreifacht, und für ein Kilogramm Tortillas, das vor zwei Jahren drei Pesos kostete, müssen <a href="http://www.theecologist.org/trial_investigations/1051194/mexicos_poor_suffer_as_food_speculation_fuels_tortilla_crisis.html">einem Bericht zufolge</a> jetzt bis zu zwölf Pesos ausgegeben werden.</p><p>Ein eindrucksvolles Beispiel zu den Folgen der Marktliberalisierung liefert der Fall der US-Firma Corn Products International (CPI), die im Jahr 2003 den mexikanischen Staat beim NAFTA-Tribunal verklagte, weil sie Geschäftseinbußen aufgrund von Steuern auf den in Getränken verwendeten Fruktosesirup erlitten hätten. Nach einem jahrelangen Verfahren verurteilte die NAFTA-Behörde Mexiko 2008 zur Zahlung von 58,4 Millionen Dollar an CPI. Mais-Fruktosesirup, Bestandteil von Coca Cola und Chips, trägt eine wesentliche Mitverantwortung für den von Olivier de Schutter beschriebenen doppelten Ernährungsnotstand in Mexiko. Parallel zur oben beschriebenen Hungerstatistik sind 70 Prozent der Erwachsen – 35 Millionen Menschen – übergewichtig bzw. fettsüchtig. Die Folgeerscheinungen sind Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Nach Berechnungen des mexikanischen Gesundheitsministeriums hat dieses Phänomen im Jahr 2008 Kosten in Höhe von 4,9 Milliarden Dollar verursacht – für 2017 wird ein Anstieg auf 5,6 Milliarden Dollar erwartet.</p><p>Weitere vom UNO-Sonderberichterstatter beschriebene Probleme betreffen staatliche Förderprogramme, die Rechte von Tagelöhnern in der Landwirtschaft, Um- und Ansiedlungsprogramme im Rahmen von Entwicklungsprojekten, die Zulassung von Feldversuchen mit gentechnisch verändertem Mais und die Wasserverschwendung durch die industrielle Landwirtschaft. So beklagt de Schutter, dass ländliche Förderprogramme nur ungenügend auf die Armutsbeseitigung abzielen. Als Beispiel nennt er eine Zahl aus dem Jahr 2005, in dem die ärmsten sechs Bundesstaaten nur sieben Prozent der öffentlichen Ausgaben für die Landwirtschaft erhielten, obwohl sich dort 55 Prozent der in extremer Armut lebenden Bevölkerung befinden. In Bezug auf die zwei Millionen Landarbeiter, die ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner verdienen und von denen 20 Prozent inländische Migranten aus den südlichen Bundesstaaten sind, kritisiert de Schutter sowohl mangelnde Sozialstandards wie den Zugang zu Schulen als auch das Fehlen von Arbeitsverträgen bei zirka 90 Prozent der Tagelöhner.</p><p>Während seiner Juni-Mission erhielt de Schutter zahlreiche Zeugnisse der Betroffenen von Entwicklungsprojekten (Dämme, Infrastruktur, Bergbau) im ganzen Land, die über fehlende Konsultation, das Nichteinholen ihrer freien und informierten Zustimmung und das Ausbleiben von Kompensationen klagten. Auf seiner Mission besuchte de Schutter auch die zwei bislang existierenden &#8220;ländlichen Städte&#8221; (Ciudades rurales sustenables) Nueveo Juan de Grijalva und Santiago el Pinar. Von den mexikanischen Behörden werden die &#8220;ländlichen Städte&#8221; als Konzept zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Überwindung von fehlender Schulbildung und Gesundheitsfürsorge infolge der Verstreutheit der Bevölkerung in ländlichen Regionen angepriesen. Soziale Organisation sehen darin eine Strategie der &#8220;weichen Räumung&#8221; ländlicher Gebiete, um deren Ressourcen anschließend ungestört ausbeuten zu können.</p><p>Die derzeitige Landwirtschaftspolitik in Bezug auf Gentechnik und industriemäßige Anbauverfahren sieht der UNO-Sonderberichterstatter besonders kritisch. In Ursprungsland des Maises mit seiner Sortenvielfalt, wo die Bauern derzeit noch 85 Prozent des Maissaatguts durch Tausch erwerben (bei 5,2 Prozent Marktanteil der Saatgutindustrie) sende die Zulassung von Freilandversuchen mit gentechnisch veränderten Maissorten das falsche Signal und lenke von wichtigeren Themen wie Vermeidung von Bodenerosion und Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaveränderungen ab. Gentechnische Feldversuche sind nach Ansicht de Schutters der erste Schritt eines schleichenden Prozesses, der unvermeidlich zum großflächigen Einsatz gentechnischer Sorten führen wird.</p><p>Neben der Gefahr des Sortenschwundes und der gentechnischen Verunreinigung der Landsorten verweist er auf die negativen Erfahrungen US-amerikanischer Farmer hinsichtlich Monsantos aggressiver Durchsetzung patentrechtlicher Ansprüche. De Schutter empfiehlt den mexikanischen Behörden, das Moratorium für Feldversuche schleunigst wieder einzuführen. Darüber hinaus kritisierte er das Subventionsprogramm Tarifa 9 durch das landwirtschaftliche Großunternehmen billigen Strom zum Abpumpen von Grundwasser erhalten. Durch diese Subventionen tragen die Unternehmen selbst nur 23 Prozent der Kosten für die Bewässerung. Ergänzt wird diese Politik durch ein Förderprogramm zum Ausbau der Infrastruktur der Bewässerung. Im Beispielsjahr 2006 wurden mehrere Hundert Millionen US-Dollar dafür ausgegeben. Das führte zur Erweiterung der Bewässerungsflächen auf 1,8 Millionen Hektar im Jahr 2011. Angesichts der Probleme, die landwirtschaftliche Bewässerungsprogramme weltweit in Form von Bodenversalzung und Absenkung des Grundwasserspiegels geschaffen haben, ist es nur logisch, dass der UN-Beauftragte empfiehlt, statt künstlicher Bewässerung die Etablierung von Systemen zur Rückhaltung von Regen zu unterstützen.</p><p>Dieser <a href="http://amerika21.de/analyse/41712/recht-auf-nahrung">Beitrag</a> erschien auf dem Portal amerika21.de</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/14/mexiko-recht-auf-nahrung-%e2%80%93-ein-weiteres-lippenbekenntnis/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Land Grabbing in Mexiko: Ein argumentativer Kopfstand der Weltbank</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/09/land-grabbing-in-mexiko-ein-argumentativer-kopfstand-der-weltbank/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/09/land-grabbing-in-mexiko-ein-argumentativer-kopfstand-der-weltbank/#comments</comments> <pubDate>Wed, 09 Nov 2011 09:08:19 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category> <category><![CDATA[Mexiko]]></category> <category><![CDATA[Weltbank]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=641</guid> <description><![CDATA[Von Peter Clausing und Christina Goschenhofer In diesem in der Zeitschrift PERIPHERIE erschienen Beitrag wird die Argumentation der Weltbank analysiert, dass mit freiwilligen Richtlinien und “klar definierten Landrechten” das Land Grabbing in den Ländern des Südens von einer Bedrohung in eine Entwicklungschance konvertiert werden könne. Mexiko dient der Weltbank dafür als wichtiger Beispiel. Im Gegensatz [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Von Peter Clausing und Christina Goschenhofer</p><p>In diesem in der Zeitschrift PERIPHERIE erschienen Beitrag wird die Argumentation der <a href="http://siteresources.worldbank.org/INTARD/Resources/ESW_Sept7_final_final.pdf">Weltbank</a> analysiert, dass mit freiwilligen Richtlinien und “klar definierten Landrechten” das Land Grabbing in den Ländern des Südens von einer Bedrohung in eine Entwicklungschance konvertiert werden könne. Mexiko dient der Weltbank dafür als wichtiger Beispiel. Im Gegensatz dazu kommt die vorliegende <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/124_05_Clausing-u-Goschenhofer.pdf">Analyse</a> zu der Schlussfolgerung, dass sich die realen Verhältnisse in Mexiko von dem „papiernen“ Mexiko, wie es in den Dokumenten der Weltbank zu finden ist, sehr stark unterscheiden. Wenn Mexiko eines der wichtigen positiven Beispiele ist, dieses aber erhebliche Mängel aufweist, dann wird damit das gesamte Konzept freiwilliger Selbstverpflichtungen als Lösungsansatz für die sozialen und ökologischen Folgen des Land Grabbing in Frage gestellt.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/09/land-grabbing-in-mexiko-ein-argumentativer-kopfstand-der-weltbank/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Peak Soil: Bodenzerstörung und Nahrungsmittelkrise</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/29/peak-soil-bodenzerstorung-und-nahrungsmittelkrise/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/29/peak-soil-bodenzerstorung-und-nahrungsmittelkrise/#comments</comments> <pubDate>Thu, 29 Sep 2011 07:25:15 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agroökologie]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Bodendegradation]]></category> <category><![CDATA[Bodenregeneration]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=630</guid> <description><![CDATA[Von Peter Clausing In dem Beitrag „Peak Soil: Soil Destruction and the Food Crisis“ in der Ausgabe Nr. 38/39 von „local land &#038; soil news“ (2011) geht es um die globale Bodendegradation und deren mögliche Umkehr. Der Begriff „Peak Soil“ ist eine semantische Ableitung von „Peak Oil“, aber zwischen diesen beiden Begriffen besteht ein wesentlicher [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Von Peter Clausing</p><p>In dem Beitrag <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/09/llsn38-pcl-final.pdf">„Peak Soil: Soil Destruction and the Food Crisis“</a> in der Ausgabe Nr. 38/39 von „local land &#038; soil news“ (2011) geht es um die globale Bodendegradation und deren mögliche Umkehr. Der Begriff „Peak Soil“ ist eine semantische Ableitung von „Peak Oil“, aber zwischen diesen beiden Begriffen besteht ein wesentlicher Unterschied: Während es unmöglich ist, fossile Energie zu „erneuern“ (außer in geologischen Zeiträumen), ist es möglich, viele degradierte Böden innerhalb eines menschlichen Zeithorizonts zu restaurieren, vorausgesetzt der politische Wille existiert und es würden die entsprechenden Kenntnisse angewendet und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/29/peak-soil-bodenzerstorung-und-nahrungsmittelkrise/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Widerstand gegen Landgrabbing in Mali finanziell rückkoppeln</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/18/widerstand-gegen-landgrabbing-in-mali-finanziell-ruckkoppeln/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/18/widerstand-gegen-landgrabbing-in-mali-finanziell-ruckkoppeln/#comments</comments> <pubDate>Sun, 18 Sep 2011 04:50:21 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Alternativen]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=618</guid> <description><![CDATA[Umverteilung praktisch angehen – beispielsweise Flugreisen mit Widerstand gegen Landgrabbing in Mali finanziell rückkoppeln Gastbeitrag von NoLager Bremen Die Anfang des Jahres stattgefundene Bamako-Dakar-Karawane für Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung hat nicht nur politisch merkliche Spuren hinterlassen, sie hat auch intern einmal mehr deutlich gemacht, auf wie dünnem Eis soziale Basisbewegungen in Mali bzw. Westafrika ingesamt [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Umverteilung praktisch angehen – beispielsweise Flugreisen mit Widerstand gegen Landgrabbing in Mali finanziell rückkoppeln<br /> </strong></p><p><em>Gastbeitrag von NoLager Bremen</em></p><p>Die Anfang des Jahres stattgefundene Bamako-Dakar-Karawane für Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung hat nicht nur politisch merkliche Spuren hinterlassen, sie hat auch intern einmal mehr deutlich gemacht, auf wie dünnem Eis soziale Basisbewegungen in Mali bzw. Westafrika ingesamt wandeln – sei es, weil die erforderlichen Ressourcen in nahezu jedweder Hinsicht fehlen oder sei es, weil sich die AktivistInnen zunächst einmal um ihr eigenes Überleben kümmern müssen. Afrique-Europe-Interact hat daher beschlossen, die politische Arbeit der malischen Gruppen unseres Netzwerks durch eine Spenden- bzw. Umverteilungskampagne hierzulande zu unterstützen (inklusive steuerlicher Absetzbarkeit). Was das genau heißt, kann unserem Spendenaufruf entnommen werden (siehe unten), wobei ausdrücklich darauf hingewiesen sei, dass wir uns nicht nur über individuelle Spenden freuen (ob groß oder klein), sondern auch über Soli-Partys, private Bingo-Abende oder aber – und hierum soll es nunmehr genauer gehen – die finanzielle Rückkoppelung der letzten Flugreise mit dem von Afrique-Europe-Interact unterstützten Widerstand gegen Landgrabbing in Mali.</p><p>Gemeint ist mit letzterem, was üblicherweise unter dem Label von CO2-Kompensationszahlungen für Flugreisen, Kreuzfahrten oder Großevents firmiert, eine Praxis, die immer wieder in die Kritik geraten ist – ob aus prinzipiellen Gründen (Emissionshandel, Individualisierung gesellschaftlicher Probleme etc.) oder weil sich diverse mit CO2 Kompensationszahlungen finanzierten Projekte selber als ökologisch kontraproduktiv entpuppt haben. Und doch: Bei aller notwendigen Kritik, grundsätzlich ist die Idee keineswegs falsch, durch Unterstützung politisch-ökologisch sinnvoller und somit als CO2-Senken fungierender Projekte den in industrialisierten Ländern zwangsläufig größeren ökologischen Fußabdruck zu kompensieren – und zwar so lange, bis gesamtgesellschaftlich Verhältnisse durchgesetzt wurden, in denen der Zugriff auf die natürlichen Ressourcen im globalen Maßstab gerecht erfolgt – Stichwort: climate justice&#8230;</p><p>Womit wir wieder bei Afrique-Europe-Interact gelandet wären. Denn unser transnationales Netzwerk unterstützt in seiner 11 x 1.000 Euro-Kampagne nicht nur mehrere kleinbäuerliche Projekte, welche quasi automatisch den Klimawandel abbremsen („small farmers cool the planet!“). Vielmehr werden wir in nächster Zeit auch verstärkt gegen den seit 2008 rasant angestiegenen Ausverkauf fruchtbarer Ackerböden an (global operierende) Investmentsfonds, Banken und Unternehmen aktiv werden – Stichwort: Landgrabbing. Hintergrund ist, dass allein in Mali in den letzten 3 Jahren 500.000 Hektar verkauft wurden, über weitere 500.000 Hektar wird aktuell verhandelt, insgesamt hat die Regierung die Hälfte der malischen Ackerfläche zum Verkauf ausgeschrieben. Die Konsequenzen des agrarindustriellen Anbaus von Biotreibstoffen oder Exportgetreide sind unterdessen katastrophal: Er führt zu massiven Landvertreibungen kleinbäuerlicher ProduzentInnen, forciert die in Mail ohnehin starke Bodenerosion, schädigt das Klima, senkt die Grund- und Flusswasserspiegel, bedroht die Biodiversität und verschärft die Konkurrenz zwischen Ackerbauern und Viehirten (zur Verdeutlichung sei im Übrigen darauf hingewiesen, dass von den 25 Ländern in Afrika und Asien, in denen Landgrabbing im größeren Stil stattfindet, 20 Empfänger der Welthungerhilfe sind). Umgekehrt setzen sich die betroffenen Kleinbauern und -bäuerinnen (nicht nur in Mali) massiv zur Wehr. Konkret ist daraus im November 2010 der insbesondere von kleinbäuerlichen Organisationen initiierte „Appell von Kolongo“ hervorgegangen. Aber auch auf dem Weltsozialforum in Dakar haben Kleinbauern und -bäuerinnen aus Mali von ihren Erfahrungen berichtet, unter anderem über das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen DemonstrantInnen in dem von Landvertreibungen besonders stark betroffenen Dorf Samana Dugu. Wichtig ist nun, dass einige bei Afrique-Europe-Interact beteiligte Gruppen an diesen Kämpfen bereits beteiligt sind, insofern sehen wir als transnationales Netzwerk gute Möglichkeiten, uns an diesem Punkt sinnvoll einbringen zu können.</p><p>Mehr zu unserem Netzwerk und unseren aktuellen Projekten findet sich im Spendenaufruf (der auch gerne als Flyer bestellt werden kann) oder auf unser dreisprachigen Webseite: www.afrique-europe-interact.net (dort auch mit zahlreichen Informationen zu Landgrabbing etc.).</p><p>Mit besten Grüßen,</p><p>NoLager Bremen</p><blockquote><p><strong>11 x 1.000 Euro: Umverteilung praktisch angehen! Spendenkampagne für Basisinitiativen in Mali</strong></p></blockquote><p><strong>Unser Netzwerk&#8230;</strong></p><p>Afrique-Europe-Interact ist ein kleines, transnational organisiertes Netzwerk, das im Oktober 2009 gegründet wurde. Beteiligt sind BasisaktivistInnen vor allem aus Mali, Deutschland, Österreich und den Niederlanden – unter ihnen zahlreiche selbstorganisierte Flüchtlinge, MigrantInnen und Abgeschobene.</p><p>Politisch verfolgt Afrique-Europe-Interact vor allem zwei Ziele: Einerseits möchten wir die EU-Migrationspolitik öffentlichkeitswirksam an den Pranger stellen, andererseits die strukturellen Hintergründe von Flucht und Migration und somit die Forderung nach gerechter bzw. selbstbestimmter Entwicklung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Denn das Recht auf globale Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit ist nur die eine Seite der Medaille, nicht minder wichtig ist das Recht zu bleiben, also die Möglichkeit, zu Hause bzw. im Herkunftsland ein Leben unter sicheren, würdigen und selbstbestimmten Bedingungen führen zu können. Was uns grundsätzlich eint, ist die gemeinsame Überzeugung, dass sich an den neokolonialen Dominanz- und Ausbeutungsverhältnissen nur etwas ändern lässt, wenn soziale Basisbewegungen aus Afrika und Europa in großem Stil gleichberechtigt, verbindlich und direkt zusammenarbeiten.</p><p>Unsere erste größere Aktion war eine dreiwöchige Karawane für „Bewegungsfreiheit und gerechte Entwicklung“ Anfang 2011. Rund 250 AktivistInnen – die meisten aus Mali – haben sich an der Bustour von der malischen Hauptstadt Bamako zum 11. Weltsozialforum in Dakar/Senegal beteiligt. Insgesamt waren die im Rahmen der Karawane durchgeführten Aktionen, Workshops und Versammlungen mit der lokalen Bevölkerung eine äußerst erfolgreiche Angelegenheit, so der einhellige Tenor. Ganz oben auf der &#8216;Hitliste&#8217; stand, dass es trotz zum Teil erheblicher organisatorischer, sozialer und politische Schwierigkeiten überhaupt gelungen ist, das Vorhaben umzusetzen und somit so etwas wie wechselseitiges Vertrauen und gemeinsame Handlungsfähigkeit herzustellen.</p><p>Seit der Karawane hat uns vor allem der Konflikt in Libyen in Atem gehalten. Konkret sind sowohl aus Mali als auch aus Deutschland Delegierte von Afrique-Europe-Interact nach Tunesien gefahren. Nicht nur aus Solidarität mit den sozialen Umbrüchen in Nordafrika, sondern auch weil zehntausende malische ArbeitsmigrantInnen Libyen verlassen mussten – und das mit der katastrophalen Konsequenz, dass sie ihre Familien von jetzt auf sofort nicht mehr finanziell unterstützen konnten. Praktisch haben unsere Aktivitäten unter anderem in mehreren Video-Clips sowie in zwei zusammen mit weiteren Organisationen und Netzwerken initiierten Aufrufen Niederschlag gefunden: Zum einen der Deklaration „Freiheit statt Frontex“, zum anderen dem Appell „Fluchtwege öffnen, Flüchtlinge aufnehmen!“. Die malischen Gruppen unseres Netzwerks waren zudem mehrere Monate lang mit der Aufnahme von RückkehrerInnen aus Libyen bzw. Bürgerkriegsflüchtlingen aus der Elfenbeinküste beschäftigt.</p><p>Im Oktober wird sich Afrique-Europe-Interact an dem transnationalen Projekt „Schiffe der Solidarität“ beteiligen. Geplant ist, mit mehreren Schiffen zwischen Italien und Tunesien hin- und herzupendeln. Einerseits um durch öffentliche Beobachtung den Krieg der EU gegen Flüchtlinge und MigrantInnen auf dem Mittelmeer zumindest für einige Wochen zu erschweren, andererseits um das Schicksal der tausenden, überwiegend aus Subsahara-Ländern stammenden Libyen-Flüchtlinge in Erinnerung zu rufen, die vor allem in tunesischen Wüstencamps gestrandet sind und häufig keine andere Chance sehen, als die hochgradig gefährliche Bootspassage nach Europa anzutreten. Im November ist sodann eine Veranstaltungstour mit drei malischen AktivistInnen durch Deutschland, Österreich und die Niederlande geplant, bevor im Februar 2012 eine größere europäische Delegation nach Mali aufbrechen wird. Ziel ist es, eine weitere Karawane vorzubereiten, bei der neben migrationsbezogenen Themenstellungen insbesondere soziale Kämpfe gegen Privatisierungen (meist diktiert durch IWF, Weltbank &#038; Co.) sowie den in Mali besonders stark grassierenden Ausverkauf fruchtbarer Böden an global operierende Investmentfonds, Banken und Konzerne unterstützt werden sollen.</p><p>Mehr Infos zu den Aktivitäten von Afrique-Europe-Interact auf unserer <a href="http://www.afrique-europe-interact.net">Webseite</a></p><p><strong>11 x 1.000 Euro&#8230;</strong></p><p>Nicht nur in der antirassistischen Arbeit sind politische Kampagnen und praktische Solidarität eng verschränkt, auch in der transnationalen Kooperation zwischen südlichen und nördlichen Basisinitiativen spielen beide Aspekte eine zentrale Rolle. Denn viele AktivistInnen in südlichen Ländern stehen buchstäblich mit dem Rücken zur Wand – nicht zuletzt in Ländern wie Mali, das zu einem der ärmsten bzw. am ärmsten gemachten Länder überhaupt gehört: Über 60 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der (ohnehin sehr niedrig angesetzten) Armutsgrenze, 33 Prozent der Kinder unter 5 Jahren sind mangelernährt, gerade mal 50 Prozent der Menschen haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Entsprechend beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 49 Jahre, 75 Prozent der über 15-Jährigen können weder lesen noch schreiben. Praktisch bedeutet all dies, dass größere Teile der Bevölkerung immer wieder von Neuem schauen müssen, woher ihr Geld für die nächsten Tage oder Wochen kommt. Formelle Jobs mit regelmäßigem Einkommen sind die absolute Ausnahme, von Arbeitslosengeld oder gesetzlicher Krankenversicherung ganz zu schweigen. Besonders krass ist zudem die Situation für Abgeschobene und Vertriebene – zum einen, weil es unter derart prekären Umständen für „ Neue“ immer schwieriger ist, Fuß zu fassen, zum anderen weil Abgeschobene nicht nur in Mali häufig als „Versager“ stigmatisiert und daher von ihren Familien kaum unterstützt werden.</p><p>Die mit solchen Verhältnissen verbundene existentielle Verunsicherung ist nicht nur persönlich fatal, sie lähmt auch die politische Arbeit – sei es, weil die erforderlichen Ressourcen fehlen, sei es weil sich die AktivistInnen zunächst einmal um ihr eigenes Überleben kümmern müssen. Afrique-Europe-Interact hat daher beschlossen, dass elf der malischen Gruppen unseres Netzwerks mit Hilfe einer Spendenkampagne einmalig jeweils 1.000 Euro erhalten sollen (wobei die Gruppen ausschließlich von der afrikanischen Seite bestimmt wurden), zudem sollen je nach Spendenstand kleinere politische Aktivitäten in Mali aus der Kasse des Netzwerks unterstützt werden. Hierbei ist allen Beteiligten bewusst, dass 1.000 Euro nicht sonderlich viel Geld sind. Umgekehrt sollte aber auch nicht aus dem Blick geraten, dass zum Beispiel das Jahresgehalt eines Lehrers in Mali gerade mal 720 Euro beträgt – eine Tatsache, die deutlich macht, dass es mit 1.000 Euro durchaus möglich ist, politische Arbeit punktuell sinnvoll zu unterstützen. Hinzu kommt, dass es im Rahmen eines transnationalen Netzwerks ausgesprochen schwierig ist, vertrauensvoll und verbindlich zusammenzuarbeiten, ohne zumindest auf der persönlichen Ebene eine Antwort auf den permanenten Skandal extremer globaler Ungleichheiten zu finden. Unsere 11 x 1.000 Euro-Spendenkampage versteht sich insofern auch als mehr oder weniger symbolischer Vorgriff auf jene Umverteilung bzw. Umkehrung der Ressourcenströme zwischen Süd und Nord, an der gesamtgesellschaftlich ohnehin kein Weg vorbeiführt.</p><p><strong><em>Die Projekte&#8230;</em></strong></p><p>Für folgende Projekte und politische Aktivitäten suchen wir Spenden, detailliertere Informationen finden sich auf unserer Webseite. Bei Interesse geben wir auch gerne zusätzliche Auskünfte oder stellen Direktkontakt zu den jeweiligen Basisinitiativen her.</p><p><strong>APEGA/Association des Planteurs et Exploitantes de Gomme Arabique (Verein für den Anbau und die Nutzung von Gummi-Arabicum):</strong> Die Umweltorganisation APEGA unterstützt vor allem die Selbstorganisierung von Frauen im ländlichen Bereich. Mit den 1.000 Euro ist der Kauf einer Getreidemühle für Frauen aus dem 100 Kilometer östlich von Bamako gelegenen Dorf Konobougou geplant – einschließlich Ausbildung in der Handhabung und Verwaltung der Mühle.</p><p><strong>Le collective des artisans et travailleurs culturels (Das Kollektiv der HandwerkerInnen und KulturarbeiterInnen):</strong> Neben der Einrichtung einer gemeinsamen Metallwerkstatt und eines Ladens für Schneidereizubehör sollen Räume für Musik- und Theateraufführungen angemietet werden – zum aktuellen Reportoire gehört unter anderem ein Theaterstück über den in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Asylbewerber Oury Jalloh.</p><p><strong>AJRECY/Association des jeunes refoules de l´espagne de la commune Yanfolila (Verein von jungen Abgeschobenen aus Spanien in der Region Yanfolila):</strong> Der 2005 von Abgeschobenen aus Ceuta und Mellila gegründete Verein plant die Einrichtung einer versicherungsartigen Solidarkasse für ärztliche Notfälle, Beerdigungen, Taufen etc.</p><p><strong>MSV/Mouvement des Sans Voix (Bewegung der Menschen ohne Stimme):</strong> Erforderlich ist die Anmietung eines kleinen Büros in Bamako – inklusive Internetanschluss. Die MSV ist eine 2005 gegründete Basisbewegung, die in 6 Regionen Malis sowie in Burkina Faso und Niger aktiv ist. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Widerstand gegen die Auswirkungen neoliberaler Strukturanpassungsprogramme. Derzeit unterstützt die MSV vor allem Menschen, die auf dem Land oder in der Stadt von ihren Grundstücken bzw. Anbauflächen vertrieben werden.</p><p><strong>UACDDDD/ Union des Associations et des Coordinations d&#8217;Association pour le Développement et la Défence des Droits des Démunies (Union der Vereine und der Koordinationen für die Entwicklung und Verteidigung der Rechte von Mittellosen):</strong> Geplant ist die Anschaffung einer Lautsprecheranlage sowie weiterer Materialien zur Fortbildung von Jugendlichen aus besonders verarmten Wohnvierteln – einerseits hinsichtlich ihrer Rechte im Umgang mit staatlichen Behörden, andererseits um ihre Selbstorganisierung zu unterstützen.</p><p><strong>Association des veuves et orphelins de Koulikoro (Verein der Witwen und Weisen von Koulikoro):</strong> Unterstützung von Gemüseanbau durch Finanzierung von Werkzeug und Materialien für den Bau von Zäunen (Schutz vor Tieren), außerdem Ausbau der Wasserversorgung. Dem 2008 gegründeten Verein haben sich bislang 60 Frauen angeschlossen.</p><p><strong>Association Direi Ben: </strong>Der Verein in Gao im Norden Malis unterstützt sowohl Abgeschobene als auch (Transit-)MigrantInnen auf ihrem Weg gen Norden. Geplant ist unter anderem die Anschaffung von drei Wassertanks und einer Motorpumpe zur Bewässerung von Gemüseparzellen.</p><p><strong>ECK/Association Espoir de Cachan Kalifa (Verein der Hoffnung von Cachan Kalifa):</strong> ECK ist ein von Abgeschobenen aus Paris gegründeter Verein, der Arbeitsmöglichkeiten im handwerklichen und landwirtschaftlichen Bereich für Abgeschobene und Jugendliche schafft. Benötigt ist die Einrichtung eines Büros mit Internet- und Telefonanschluss sowie die Bezahlung von Fahrtkosten der verstreut lebenden Mitglieder.</p><p><strong><br /> AJE/Association des Jeunes Expulsés (Assoziation der jungen Abgeschobenen):</strong> Geplant ist die Einrichtung eines Büros für die psycho-soziale Betreuung junger Abgeschobener, insbesondere aus der Elfenbeinküste – inklusive Lohnkosten für die BeraterInnen.</p><p><strong><br /> ADEM/L’Association pour la Défense des Emigrés Maliens (Verein zur Verteidigung der malischen MigrantInnen):</strong> Der Verein ist vor allem in der Region Kayes aktiv – seine Arbeit umfasst sowohl Beratung als auch politische Kampagnen. Geplant ist die Einrichtung eines Büros und Versammlungsraums – inklusive Infrastruktur.</p><p><strong>FAM/Fédération des Associations de Migrants de Mali (Föderation der Vereine der MigrantInnen aus Mali):</strong> Anmietung und Einrichtung eines Restaurants in Bamako. Mit dem erwirtschafteten Geld sollen Mitglieder der FAM ein Einkommen erhalten und zudem Ausbildungsplätze geschaffen werden. Langfristig ist die Eröffnung weiterer Restaurants geplant. In der FAM sind unter anderem zahlreiche Bürgerkriegsflüchtlinge aus der Elfenbeinküste organisiert.</p><p><strong><em>Wie spenden?</em></strong></p><p>Afrique-Europe-Interact ist keine professionelle Spendenorganisation, sondern ein Netzwerk afrikanischer und europäischer Basisintiativen: Entsprechend gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten, unsere aktuelle Spendenkampagne zu unterstützen – sowohl individuell als auch kollektiv:</p><p><strong>Individuelle Spenden:</strong> Kleinvieh macht auch Mist, insofern ist jeder Betrag willkommen – ob 10, 50, 500 oder mehr Euro. Spendensammlungen leben zudem vom Schneeballeffekt. Wir möchten deshalb ausdrücklich darum bitten, unsere Informationen möglichst breit zu streuen (gerne auch via Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken).</p><p><strong>Kollektive Spendensammlungen:</strong> Ein weiterer Hebel ist die Organisation kollektiver Spenden bzw. die eigenständige Betätigung als FundraiserIn – ob durch Soli-Partys, Benefiz-Konzerte, private Bingo-Abende, Spenden-Banketts in der lokalen Volxküche, Überlassung der restlichen Gelder vom aufgelösten WG-Konto oder schlichte Sammelmails im persönlichen Umfeld. Je nach Kontext kann es diesbezüglich auch passender sein, nur für bestimmte Projekte zu sammeln, bei Bedarf helfen wir gerne mit zusätzlichen Informationen, Hintergrundmaterialien oder auch Direktkontakten weiter.</p><p><strong>Veranstaltungen:</strong> Afrique-Europe-Interact lässt sich gerne zu (Film-)Veranstaltungen einladen – ob zur Karawane, zu unseren aktuellen Aktivitäten („Schiffe der Solidarität“ etc.) oder zu spezifischen Themen wie etwa FRONTEX, Landgrabbing oder die Situation von Baumwollbauern/bäuerinnen in Westafrika. Wenn dies obendrein mit ReferentInnenhonoraren einhergeht, hat sich die Angelegenheit aus unserer Sicht doppelt gelohnt.</p><p><strong>Flugreisen kompensieren:</strong> Flugzeuge sind Klimakiller, vor diesem Hintergrund haben sich in den letzten Jahren immer mehr Menschen zu ökologischen Kompensationszahlungen für Flugreisen entschieden. Zu Recht, wie wir sagen würden, auch wenn die aus diesen Töpfen finanzierten Klimaschutzmaßnahmen die Debatte um ein global verträgliches Produktions- und Konsumtionsmodell nicht ersetzen können. In diesem Sinne möchten wir einschlägig Interessierte einladen, bei <a href="http://www.atmosfair.de">www.atmosfair.de</a> den ökologischen Preis für ihre letzte(n) Flugreise(n) auszurechnen und das Geld an Afrique-Europe-Interact zu spenden. Denn nicht nur unsere Beteiligung am Kampf gegen den Ausverkauf fruchtbarer Böden und somit den agrarindustriellen, äußerst klimaschädlichen Anbau von Agrotreibstoffen in Mali ist praktischer Klimaschutz von unten. Auch kleinbäuerliche Landwirtschaft (wie sie im Rahmen unserer Spendenkampagne unterstützt wird) entlastet das Klima – beispielsweise durch Verzicht auf Kunstdünger oder die Erhöhung des Humusgehalts im Boden. Es ist also keineswegs Zufall, dass kleinbäuerliche Netzwerke wie „via campesina“ schon seit langem den Slogan „small farmers cool the planet“ geprägt haben.</p><p>Alle SpenderInnen erhalten als Dankeschön die Broschüre oder einen unserer Filme zur Bamako-Dakar-Karawane. Spenden für Afrique-Europe-Interact sind steuerabzugsfähig und unter dem Stichwort „AEI“ auf unten stehendes Konto zu überweisen (bitte Postadresse angeben oder per Mail schicken). Alternativ kann auch online per Lastschrifteinzug auf unserer Webseite gespendet werden – dort ist auch der je aktuelle Spendenbedarf dokumentiert.</p><p>Spendenkonto:</p><p>Initiative ZusammenLeben e.V.<br /> Kto.-Nr. 17 44 96 53<br /> BLZ 120 300 00<br /> Deutsche Kreditbank</p><p>IBAN: DE11 1203 0000 0017 449653<br /> BIC: BYLADEM1001</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/09/18/widerstand-gegen-landgrabbing-in-mali-finanziell-ruckkoppeln/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Neoliberale Scheinlösungen (Rezension)</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/#comments</comments> <pubDate>Tue, 09 Aug 2011 04:31:49 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Biolandbau]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik-Lobby]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=605</guid> <description><![CDATA[Der britische Gentechnik-Befürworter Paul Collier degradiert La Via Campesina und und die Verfasser des Weltagrarberichts zum Fußvolk aristokratischer Umweltromantiker wie Prinz Charles]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Der Gentechnik-Befürworter Paul Collier macht Vorschläge zur Rettung der Welt</b></p><p><i>Peter Clausing</i></p><p>Der britische Ökonomieprofessor Paul Collier nimmt in seinem im Mai in deutscher Übersetzung erschienenen Buch »Der hungrige Planet« für sich in Anspruch, »Ideen aus der präzisen, aber schwer verständlichen Sprache der modernen Wirtschaftswissenschaft in eine Form zu übersetzen, die auch außerhalb des engen Zirkels von Fachleuten gelesen werden kann« (S. 14). Das ist ihm gelungen: Der Vereinfachungsgrad des Buches liegt auf BILD-Niveau. In dem Werk wimmelt es von simplen Antworten auf noch simplere Fragen – vermutlich mit ein Grund, warum Collier zu den Bestsellerautoren im Sachbuchbereich gehört. Doch bei falsch gestellten Fragen werden die Antworten auch nicht richtiger, trotz der ausgefeilten Computersimulationen, auf die Collier so häufig Bezug nimmt. Ab und zu werden korrekt beschriebene Sachverhalte mit weniger korrekten Schlußfolgerungen gekoppelt, so daß man unwillkürlich an Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismus »Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt« denken muß.</p><p>Meist geht es im Buch also sehr einfach zu. Die Ökonomen zerfallen in zwei Lager – Utilitaristen und Ethiker –, die Menschheit insgesamt in drei: Umweltplünderer, die von Collier als »Ignoranten« etikettiert werden; Umweltschützer, die er als »Romantiker« bezeichnet und zu deren wichtigstem Protagonisten er Prinz Charles auserkoren hat, sowie die »kritische Masse der Bürger«, die durch eine von ihm vorgeschlagene »Charta für natürliche Ressourcen« geläutert werden soll. Diesen Läuterungsprozeß betrachtet er deshalb als erfolgversprechend, weil er von »drei politischen Riesen aus rohstoffreichen Ländern« geleitet wird, zu denen er unter anderem den früheren mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo zählt. Mit dieser »glaubwürdigen Führung«, so Collier, »gleicht die Charta durch Autorität aus, was ihr an institutioneller Macht fehlt« (S. 239). Kennern der Verhältnisse in Mexiko dürften bei dieser Offenbarung die Haare zu Berge stehen.</p><p><b>Korruption als Mysterium</b></p><p>Im Mittelpunkt von Colliers Erörterungen stehen der von ihm so genannte Ressourcenfluch und seine These von der »mißverstandenen Natur«. Mit ersterem umschreibt er die Beobachtung, daß zahlreiche Länder des Südens rohstoffreich, aber bitterarm sind. Der Professor kommt zu der nicht ganz taufrischen Erkenntnis, daß die Ausplünderung natürlicher Ressourcen in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas mit Korruption einhergeht. An der einen oder anderen Stelle fällt ihm sogar auf, daß es neben den Bestochenen auch jene gibt, die das Geld zur Verfügung stellen. Colliers ausgiebige Erörterung des Themas Korruption ist jedoch von einer bemerkenswert ahistorischen Betrachtungsweise gekennzeichnet, die den Beitrag westlicher Regierungen zur Entstehung korrupter Regimes komplett ausblendet. Das betrifft deren geheimdienstlich betriebene Installierung (erinnert sei hier an John Perkins’ Buch »Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia«) und jahrzehntelange Unterstützung durch Länder mit »guter Regierungsführung«. Auch die fortdauernde Blockade eines gerechteren Weltwirtschaftssystems durch die westlichen Länder kommt mit keinem Wort zur Sprache. Für Collier ist Korruption ein fast mystisches Geschehen: »Es ist oft wahrscheinlich, daß Regierungsmitglieder, gemeinsam mit den natürlichen Ressourcen, von privaten Interessen vereinnahmt werden« (S. 77). Dieser Prozeß wird nicht beleuchtet, denn schuld sind eigentlich nicht die »privaten Interessen«, deren konkrete Benennung Collier strikt vermeidet, sondern die natürlichen Ressourcen selbst: »Sierra Leones Diamanten haben den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft zerstört; Nigerias Öl hat die Korruption der politischen Klasse genährt« (S. 53). Diesem Dilemma setzt er die sanktionsfreien Selbstverpflichtungen der Extractive Industry Transparency Initiative (EITI) als Problemlösung entgegen. Abgesehen davon, daß neun Jahre nach deren Beginn bislang nur zehn Länder »EITI-zertifiziert« sind, werden die ökologischen und sozialen Problemen in den rohstoffreichen Ländern von der Initiative ungenügend berücksichtigt. Kein Thema für Collier. Statt dessen verlangt er unter anderem, die »Waldbewohner« Brasiliens sollten »keine Rechte auf das Öl unter dem Wald haben«, eine Forderung, die mit den Bestimmungen der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über die Rechte indigener Völker kollidiert (S. 50).</p><p><b>Skandalöse Ignoranz</b></p><p>Collier propagiert auch die These, der Einmarsch der USA in den Irak 2003 sei in der Absicht erfolgt, »die Demokratie in den rohstoffreichen Nahen Osten (zu) bringen« (S.65), nur sei die »neokonservative Agenda naiv« gewesen. Denn, man höre und staune: Der Ölreichtum Iraks vereitelte den Aufbau einer guten Regierungspraxis.</p><p>Colliers Lamento über die Ressourcenplünderung beschränkt sich auf das Anprangern der Verschwendung der dabei erzielten Erlöse: Wert gleich Marktwert. Gebrauchswerte und der stoffliche Verlust von Ressourcen sowie dessen ökologische Konsequenzen haben im Denken Colliers keinen Platz. Er ist unbekümmert, denn: »Im 19.Jahrhundert war die britische Regierung besorgt, ihr könnten die hohen Bäume für Schiffsmasten ausgehen. Was passierte, war natürlich, daß Schiffe irgendwann keine Masten mehr brauchten« (S. 110). Demagogie oder Einfalt? Das Land, das heute keine Schiffsmasten mehr braucht, hat einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch an Papier von über 200 Kilogramm pro Jahr und würde mit den acht Prozent Wald, die ihm noch verblieben sind, gerade mal die Hälfte dieses Bedarfs decken können, wenn man den Wald komplett dafür nutzen würde.</p><p>In diesem Stil geht es weiter: Collier schlägt »eine gegenseitige Deeskalation der Dummheit« vor. »Im Austausch gegen Europas Aufhebung des selbstzerstörerischen Verbots von gentechnisch veränderten Lebensmitteln könnte Amerika seine selbstzerstörerischen Subventionen für Biokraftstoffe aufheben.« (S. 213) Der Autor vermittelt so den Eindruck, Agrotreibstoffe seien in Europa kein Thema. Der EU droht also die Selbstzerstörung durch das – längst aufgeweichte – Gentechnikverbot von 1996. Schuld daran ist in Colliers Kosmos Prinz Charles, der Anführer der Biobauern der Welt. Diese massive Verzerrung – umfassende wissenschaftliche Argumente gegen Agrogentechnik und beispielsweise »La Via Campesina«, die globale politische Bewegung der Kleinbauern, unerwähnt zu lassen und ihre Vertreter damit stillschweigend in einen Topf mit aristokratischen Umweltromantikern zu stecken – ist einer der besonders ärgerlichen Aspekte des Buches. Als würden der 2008 von 400 Experten veröffentlichte Weltagrarbericht und die wichtigen Publikationen renommierter Agrarökologen nicht existieren.</p><p>Das ganze Kapitel ist ein Skandal: Proteste gegen Hunger bilden die »klassische politische Basis für Demagogie«; in Brüssel wütet eine »Agrarlobby«, womit Collier allerdings Greenpeace und ähnliche Organisationen meint. Seine Behauptung, die europäische Getreideproduktion sei wegen des Gentechnikverbots ab 1996 um jährlich ein bis zwei Prozent gesunken, läßt sich mit offiziellen Statistiken widerlegen. Afrikas Kleinbauern vergleicht der Ökonom mit Straßenhändlern, »die man dort an jeder Ecke trifft« und die er durch die Errichtung von Supermärkten verschwinden lassen will. Wohin, verrät er nicht. Auch die Kleinbauern scheinen sich einfach in Luft aufzulösen, wenn Afrikas Landwirtschaft eines Tages durchmechanisiert ist, denn sie werden nicht weiter erwähnt.</p><p>Das Bedenklichste an diesem fadenscheinigen Plädoyer für eine nicht nachhaltige, neoliberale Scheinlösung großer Weltprobleme ist, daß sich – betrachtet man die Verkaufszahlen und die Rezeption des Buches in Medien wie Deutschlandfunk und Welt – kaum jemand daran zu stören scheint.</p><p>Paul Collier: Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern. Aus dem Englischen von Martin Richter, Siedler Verlag, München 2011, 272 S., 22,99 Euro</p><p>Rezension erschienen in:<br /> junge Welt, Beilage &#8220;land &#038; wirtschaft&#8221; vom 03.08.2011</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
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