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	<title>Welt-Ernährung</title>
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	<description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description>
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		<title>Land Control Grabbing: Besitz ist gut, Kontrolle ist besser</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Apr 2013 07:16:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category>
		<category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category>
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		<category><![CDATA[Mexiko]]></category>

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		<description><![CDATA[In Mexiko werden inzwischen 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Dritte kontrolliert]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Obwohl Mexiko für das klassische Land Grabbing ein untypischer Fall ist, spielt das Phänomen eine durchaus beachtliche Rolle, wenn man den Blickwinkel erweitert und Land <strong>Control</strong> Grabbing einbezieht. Bei einer solchen Erweiterung des Blickwinkels wird deutlich, dass auf diese Weise in Mexiko inzwischen 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Dritte kontrolliert werden. Näheres dazu in einem Beitrag in der <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2013/04/ila364pcl-1.pdf">ILA</a>. Umgekehrt gibt es zaghafte Versuche von Regierungen bestimmter Länder, Land Grabbing durch gesetzlich Regelungen bzw.  Moratorien einzudämmen. Daran knüpft sich die Frage an, ob sich bäuerliches Wirtschaften und agrarökologische Methoden wie die Push-Pull-Technologie, die im subsaharischen Afrika 300 Millionen Menschen zugutekommen könnte, gegen die mit dem Landraub verbundene Großflächenproduktion behaupten können. Siehe dazu den Beitrag in <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2013/03/Oekologie-und-Landbau-166-2-2013_PCL.pdf">Oekologie und Landbau</a>.</p>
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		<title>Mexiko: Hungerstreik gegen transgenen Mais</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jan 2013 07:50:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gentechnik]]></category>
		<category><![CDATA[Mais]]></category>
		<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Monsanto]]></category>

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		<description><![CDATA[Kollektiver Hungerstreik gegen die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko-Stadt von Peter Clausing Mexiko-Stadt. Am Mittwoch (23.1.2013) hat eine neue Phase des Kampfes gegen die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko begonnen. Die Anführer autonomer regionaler Bauernorganisationen aus über 20 Bundesstaaten initiierten einen kollektiven Hungerstreik vor dem symbolträchtigen Denkmal des Unabhängigkeitsengels in Mexiko-Stadt. [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Kollektiver Hungerstreik gegen die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko-Stadt</strong><br />
von Peter Clausing</p>
<p><strong>Mexiko-Stadt.</strong> Am Mittwoch (23.1.2013) hat eine neue Phase des Kampfes gegen die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko begonnen. Die Anführer autonomer regionaler Bauernorganisationen aus über 20 Bundesstaaten initiierten einen kollektiven Hungerstreik vor dem symbolträchtigen Denkmal des Unabhängigkeitsengels in Mexiko-Stadt.</p>
<p>Entgegen den am Vortag mit der Stadtverwaltung getroffenen Vereinbarungen wurde ein direkter Zugang zu dem Monument durch ein massives Polizeiaufkommen verhindert. Alberto Gómez Flores, Sprecher des Dachverbandes der Autonomen Regionalen Bauernorganisationen (UNORCA), sagte, es sei bezeichnend, dass den Bürgern der Zugang zu dem Monument verweigert würde, während der Staat Konzernen wie Monsanto, Du Pont und Pioneer Dienste erweise. Hunderte Aktivisten hatten sich an dem Ort versammelt, der zudem nur wenige Meter von der US-amerikanischen Botschaft entfernt liegt.</p>
<p>Der Hungerstreik soll zugleich daran erinnern, dass täglich Millionen Mexikaner hungrig zu Bett gehen. Im OECD-Land Mexiko leben über 11 Millionen Menschen in extremer Armut.<br />
Ursprünglich veröffentlicht am 26.1.2013 auf <a href="http://amerika21.de/2013/01/76198/mexiko-hungerstreik-mais">amerika21.de</a></p>
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		<title>Hunger und Verwüstung</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 16:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category>
		<category><![CDATA[Landnahme]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensmittelpreise]]></category>

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		<description><![CDATA[Während es keinen Zweifel darüber gibt, dass die Preisexplosion von 2008 zu globalen Hungerprotesten führte, gehen die Meinungen über die Ursache dieser Preisexplosion weit auseinander. Hier wird gezeigt, dass die Spekulation an den Rohstoffbörsen wesentlichen Anteil daran hat.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Lebensmittelspekulation, Land Grabbing und Agrotreibstoffproduktion: Drei aktuelle Instrumente zur Renditemaximierung verursachen Nahrungsmangel und Verödung von Böden</p>
<p><em>von Peter Clausing</em></p>
<p>Die DWS Investments, eine Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, frohlockte vor einiger Zeit auf ihrer Website: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, (…) Land- und Wasserknappheit – all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen.« Derlei Sprüche sind in der Welt der Investmentbanker inzwischen häufig zu finden. Die Fondsmanager bieten den Investoren sogenannte Alpha-Renditen von bis zu 25 Prozent jährlich. Die Angst vor »Brotrevolten« (Food Riots), die in den Jahren 2007/2008 die Welt erschütterten, scheint verflogen. Damals, als sich die Preise für Reis, Mais und andere Getreidearten innerhalb von ein, zwei Jahren verdoppelten oder gar verdreifachten, gab es Hungerproteste in über 40 Ländern.1 Im Jahr 2009 reduzierten sich die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel auf das Durchschnittsniveau von 2007, aber seit 2011 liegen sie sogar über dem Wert von 2008.</p>
<p>Doch wo bleiben die Proteste? In etlichen Ländern, die vor knapp fünf Jahren zu den Hochburgen der Brotrevolten zählten, hat sich die gesellschaftliche Situation erheblich verändert. Mexiko war das erste Land in der Serie dieser Erhebungen. Dort wurde bereits im Herbst 2007 – medial als »Tortillakrise« vermarktet – gegen die hohen Maispreise protestiert.</p>
<p>In Mexiko ist es inzwischen zu einer massiven Militarisierung des öffentlichen Lebens gekommen. Der Anfang 2007 ausgerufene »Krieg gegen die Drogenkriminalität«, dem inzwischen über 60000 Menschen, darunter eine große Zahl unschuldiger Zivilisten, zum Opfer fielen, beherrscht das öffentliche Leben. Auch in Haiti, ein weiteres Schwerpunktland der damaligen Hungerproteste, hat die militärische Kontrolle der Gesellschaft zugenommen. Das schwere Erdbeben im Januar 2010 bot unter dem Vorwand der Nothilfe die Möglichkeit, die ausländische Militärpräsenz drastisch zu verstärken.</p>
<p>Andere Schwerpunktländer der Proteste zeigten wiederum, daß autoritäre Herrschaft und militärische Kontrolle keine Garantie für »Ruhe und Ordnung« darstellen: In Marokko, Tunesien, Ägypten, Jemen und Somalia hat es seitdem teils dramatische, wenngleich widersprüchliche Veränderungen gegeben. Insgesamt fand die Erkenntnis Bestätigung, daß Food Riots keine chaotischen Gewaltausbrüche irrationaler Massen sind, sondern organisierte, zweckbestimmte Aktionen. Dafür legte unter anderem der »arabische Frühling« Zeugnis ab.</p>
<p><strong>Wenn der Inder zweimal ißt</strong><br />
Während es keinen Zweifel darüber gibt, daß die Preisexplosion vor rund fünf Jahren zu den globalen Protesten führte, gehen die Meinungen über die Ursache der Preisexplosion weit auseinander. Angela Merkel verkündete im April 2008 öffentlich, daß die Menschen in Indien daran Schuld seien, denn dort nähmen neuerdings 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag ein. Ähnlich, wenngleich politisch korrekter, formuliert wurde diese Behauptung von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie in einer Stellungnahme für eine Sitzung des Agrarausschusses des Bundestages wiederholt, die am 27. Juni 2011 zum Thema »Spekulation mit Agrarrohstoffen verhindern« stattfand: »Das aktuell relativ hohe Weltmarktpreisniveau ist auf eine insgesamt eher knappe Versorgungssituation aufgrund wachsender Weltbevölkerung und wachsenden Wohlstandes in Ländern wie China, Indien und anderen (…) Schwellenländern zurückzuführen.« Auch Professor P. Michael Schmitz vom Institut für Agrarpolitik und Marktforschung der Universität Gießen vertrat die Ansicht, daß sich die Preisexplosion im Zeitraum 2007/2008 und der erneute Anstieg in 2010/2011 »weitgehend auf angebots- und nachfrageseitige Fundamentalfaktoren der Agrarmärkte selbst« zurückführen lasse.2 Die »nachfrageseitigen Fundamentalfaktoren« schließen die zweite Mahlzeit der Menschen in Indien mit ein.</p>
<p>Dem halten die prominente Ökonomin Jayati Gosh und und ihre Kollegen entgegen, daß solche Behauptungen unbegründet sind, denn a) habe es im Vergleich zu früheren Jahren zwischen 2008 und 2011 kaum eine Veränderung im globalen Nahrungsmittelverbrauch gegeben und b) sei die Beschuldigung Indiens und Chinas völlig haltlos, denn sowohl der Gesamt- als auch der Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide sei in beiden Ländern in besagtem Zeitraum nachweislich gefallen und nicht gestiegen.3 Die Autoren stellen nicht in Abrede, daß auch Faktoren auf der Angebotsseite eine Rolle spielen und in der Zukunft eine noch stärkere Rolle spielen werden. Dazu zählen die Flächenkonkurrenz durch Agrotreibstoffe, steigende Inputkosten sowie mittelfristig fallende Erträge aufgrund von Bodenzerstörung und Klimawandel. Doch die Reduzierung der Preisproblematik auf Fundamentalfaktoren, wie sie vom neoliberalen Hardliner Schmitz vorgenommen wurde, um Forderungen nach einer Begrenzung von Spekulationsgeschäften abzuschmettern, ist mehr als fadenscheinig.</p>
<p><strong>Grundbegriffe und -prozesse</strong><br />
Um die kontroverse Diskussion zu verstehen, seien zunächst einige grundlegende Begriffe und Prozesse erläutert. In der Welt des Handels gibt es einerseits »Spotmärkte« (auch Kassamärkte genannt), also Handelsbörsen, wo Angebot und Nachfrage unmittelbar aufeinandertreffen und Gekauftes sofort – »on the spot« – bezahlt wird und den Besitzer wechselt. Hier kommen die »Fundamentalfaktoren« (Ernteausfälle, Produktionskosten usw.) zur Wirkung, die Angebot und Nachfrage bestimmen. Das Gegenstück dazu ist der Terminhandel – ein Phänomen des Finanzmarkts, wo Großhändler zum Beispiel Getreide (das erst noch geerntet werden muß) vorab zu einem Garantiepreis kaufen und sich so gegen eine mögliche zukünftige Preissteigerung absichern. Umgekehrt bieten die garantierten Preise den Produzenten eine Absicherung gegen einen möglichen Preisverfall.</p>
<p>Terminhandel für Getreide gibt es seit Jahrhunderten, in Deutschland seit 160 Jahren. Dieser in einer marktgetriebenen Ökonomie an und für sich sinnvolle Gedanke einer gegenseitigen Absicherung glättete in der Vergangenheit Preisfluktuationen. Schon immer gab es branchenfremde Spekulanten, die versuchten, sich durch Termingeschäfte zu bereichern. Allerdings fielen sie früher, als das Handelsvolumen für Termingeschäfte noch Beschränkungen unterworfen war, nicht übermäßig ins Gewicht. Doch neben der zunehmenden Präsenz der traditionellen Spekulanten existiert seit etwa einem halben Jahrzehnt eine neue Gruppe von Akteuren, sogenannte Indexspekulanten, die darauf setzen, daß in einer Anlageklasse (hier Nahrungsmittel) die Preise insgesamt steigen und die sich durch ein gemischtes Anlageportfolio (= Index, z.B. Weizen, Mais und Soja) Gewinne sichern wollen. In den USA sind mittlerweile branchenfremde Spekulanten der »alten Schule« und Indexspekulanten zu je einem Drittel auf den Terminmärkten für Getreide vertreten, das heißt, sie dominieren diese Märkte.</p>
<p>Als weitere Unsicherheitskomponente kommt der außerbörsliche Handel (Over-the-Counter, OTC) mit Agrarrohstoffen hinzu, dessen fehlende Transparenz in Europa nahezu einhellig beklagt wird.</p>
<p>An dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, daß in der neoliberalen Welt von heute beinahe in Vergessenheit geraten ist, daß Hedging und die Regulierung der Termin- und OTC-Märkte nicht die einzigen Möglichkeiten sind, um Preisschocks zu verhindern. Bis zu den vom Weltwährungsfonds diktierten Strukturanpassungsmaßnahmen galten in vielen Ländern des Südens (und bis Ende der 80er Jahre im sozialistischen Lager) für wichtige landwirtschaftliche Produkte und Grundnahrungsmittel staatlich garantierte Aufkauf- und zum Teil auch Verkaufspreise. In diesem Fall nahm der Staat die unmittelbare Verantwortung wahr, übermäßige Preisschwankungen zu verhindern. Heute hingegen sträuben sich die Regierungen der mächtigen Länder allein schon dagegen, Terminmärkte und OTC-Handel einer strikteren Kontrolle zu unterwerfen, um so ihrer Verantwortung zumindest mittelbar gerecht zu werden. Diese Märkte, deren wichtigster die Chicagoer Rohstoffbörse ist, sind seit der Jahrtausendwende zunehmend liberalisiert worden.</p>
<p><strong>Spekulation und ihre Folgen</strong><br />
Im Kern geht die Diskussion um das Verhältnis von Liquidität und Stabilität der Rohstoffmärkte. Marktfundamentalisten wie P. Michael Schmitz bestreiten jegliche Schuld einer Spekulationen an der oben beschriebenen Preisexplosion und insistieren, daß Spekulationsgeschäfte ein unverzichtbarer Bestandteil für die Funktionsfähigkeit von Terminmärkten seien. Nach ihrer Ansicht ist Spekulation die Voraussetzung für Liquidität der Märkte, sprich für die Verfügbarkeit von genügend Geld, um die Wirksamkeit der oben beschriebenen Absicherungsfunktion der Termingeschäfte zu gewährleisten.</p>
<p>Das zweite Argument zur Verteidigung der Spekulation entstammt der »Theorie der effizienten Märkte«, derzufolge die Händler an den Terminmärkten belohnt würden, wenn sie zu Preisen handeln, die die Fundamentaleffekte mehr oder weniger korrekt abbilden, und vom Markt bestraft würden, wenn sie verzerrte Preise verwenden würden. Auf diese Weise würden sich die Preise an den Terminmärkten nicht nur automatisch an die von den Fundamentalfaktoren bestimmten Preise angleichen, sondern sogar eine für die Teilnehmer der physischen Märkte wichtige Vorhersagefunktion ausüben.</p>
<p>Die Theorie der effizienten Märkte ist immer wieder heftig kritisiert worden, angefangen von John Maynard Keynes über Nobelpreisträger wie George Akerlof und Daniel Kahneman bis zu Jayati Gosh. Der wichtigste Kritikpunkt ist die real stattfindende Preisverzerrung, die im harmloseren Fall durch initiale »psychologische« Faktoren bei den Händlern, kombiniert mit dem im Finanzsektor typischen »Herdentrieb«, ausgelöst werden. Im schlimmeren Fall handelt es sich um gezielte Manipulationen durch »Finanzkolosse« wie Goldman Sachs oder die Deutsche Bank.</p>
<p>Wenn man sich das Volumen der Termingeschäfte vor Augen führt, wird deutlich, mit welcher Wucht sich diese Geschäfte auf die realen Preise für Agrarrohstoffe auswirken können. An der Chicagoer Rohstoffbörse, wo etwa 90 Prozent des Terminhandels mit Getreide getätigt wird, überstiegen bereits im Jahr 2002 die Weizentermingeschäfte die physische Weizenproduktion der USA um das Elffache; 2007 war es das 30fache. Dies führt zugleich zu einer verstärkten Volatilität (Schwankungsintensität) der Preise, die nur jenen zugute kommt, die in der Lage sind, kurzfristig zu kaufen und zu verkaufen.</p>
<p>Die Volatilität der Preise für landwirtschaftliche Produkte war bis 2007 relativ konstant und hat sich seitdem drastisch erhöht, auch bedingt durch die höheren Preise an sich. Markus Henn von der Nichtregierungsorganisation WEED (World Economy, Ecology&#038;Development) bringt es auf den Punkt: »Der fundamentale Unterschied ist, daß die den Rohstoffterminmärkten zugrundeliegenden Werte eben physisch begrenzte Rohstoffe sind, die im Leben der Bevölkerung zudem eine überragende Rolle spielen. Schon gar der physische Rohstoffmarkt ist völlig verschieden von einem Finanzmarkt wie dem Aktienmarkt. Wenn der Aktienmarkt eine Spekulationsblase erlebt, ist dies im wesentlichen ein Problem der Anleger. Wenn die Blase auf dem Weizenterminmarkt und dann auf dem Weizenmarkt stattfindet, ist es eine Katastrophe für Millionen Menschen. Deshalb sollte in allen gesetzlichen Maßnahmen der Rohstoffsektor gesondert behandelt und mit besonderer Vorsicht reguliert werden.«4 Und in einem offenen Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vom 29. Oktober 2012 äußerten sich die zwölf unterzeichnenden Organisationen dahingehend, daß es »erdrückende Belege dafür (gibt), daß diese exzessive Spekulation die Ausschläge an den Börsen auf die Spitze treibt, die Märkte destabilisiert, die Schwankungen der Lebensmittelpreise auf Rekordniveau hievt und dadurch die Hungerkrise verschärft«. Der Brief wurde veröffentlicht, weil in diesen Wochen Verhandlungen des Europäischen Rats der Finanzminister über eine Regulierung der Rohstoffterminmärkte anstehen.</p>
<p><strong>EU forciert Land Grabbing</strong><br />
Auch wenn Gosh und Henn zu der Erkenntnis kommen, daß der eigentliche Grund für die Preis­explosion die Spekulation ist und nicht, wie von der Weltbank eingeschätzt, der Agrotreibstoffboom, so sollte die perspektivische Rolle der Agrotreibstoffe für den Preisauftrieb nicht unterschätzt werden. Unstrittig ist die »Katalysatorwirkung« der Agrotreibstoffe beim globalen Land Grabbing (Landnahme). In der Tat sind Agrotreibstoffe eine der vier wesentlichen Kräfte, die den Kauf und die Pacht riesiger Flächen in den Ländern des Südens (und Osteuropas) vorantreiben. Inzwischen wird über ein Drittel der vom globalen Land Grabbing betroffenen Flächen für Agro­treibstoffe genutzt bzw. sind sie für diesen Zweck reserviert.</p>
<p>Vor vier Jahren war die Erzeugung von Nahrungsmitteln das Motiv für die Offshore-Produk­tion. Der spekulationsbedingte Preisanstieg und die erhöhte Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe veranlaßten finanzstarke Länder mit prekärer Eigenversorgung (China, Südkorea, Golfstaaten), nach vom Weltmarkt unabhängigen Möglichkeiten der Versorgung der eigenen Bevölkerung zu suchen. Dies stand nach dem Preisschock von 2008 im Vordergrund. Zugleich sollte zur Kenntnis genommen werden, daß Europa einen der vordersten Plätze einnimmt, was Agrarimporte im weitesten Sinne anbelangt. Einer Studie des internationalen Zusammenschlusses von Umweltschutzorganisationen Friends of the Earth zufolge liegen nahezu 60 Prozent der Landfläche zur Deckung des derzeitigen europäischen Bedarfs an land- und forstwirtschaftlichen Produkten außerhalb Europas – Tendenz steigend. Denn nach Berechnungen, die im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wurden, ist für 2020 zu erwarten, daß 21 Prozent des Agrodiesels aus Soja und Palmöl und 50 bis 90 Prozent des Agrosprits aus Zuckerrohr gewonnen werden. Hierbei handelt es sich um Pflanzen, deren Anbau in Europa nicht möglich ist bzw. – im Fall von Soja – wirtschaftlich keine Rolle spielt.</p>
<p>Grundlage dieser Berechnungen waren die Festlegungen der EU-Direktive zu erneuerbaren Energien aus dem Jahr 2009 (2009/28/EG), derzufolge ab 2020 in der EU ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs und ein Zehntel des Kraftstoffverbrauchs durch Agrotreibstoffe zu decken sind. Inzwischen kaufen oder pachten in viel stärkerem Maße private Investoren Ländereien, weil sie auf weitere Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen und auf Gewinne bei dem Geschäft mit Agrotreibstoffen hoffen. Insofern kann man sagen, daß Land Grabbing, Agrotreibstoff-Boom und Lebensmittelspekulation sich gegenseitig verstärkende Prozesse sind.</p>
<p><strong>Lobby gegen Marktkorrekturen</strong><br />
Welche wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen, wurde Anfang September deutlich, als ein Gesetzentwurf der Europäischen Kommission bekannt wurde, der eine Kurskorrektur bei der EU-Direktive zu den erneuerbaren Energien vorsieht. Am 17. Oktober wurde dieser Gesetzentwurf von der Europäischen Kommission offiziell veröffentlicht. Laut diesem Entwurf soll der Anteil von Agrotreibstoffen im Transportsektor bis 2020 nur auf fünf statt auf zehn Prozent steigen. Dies rief sofort heftige Reaktionen seitens verschiedenster Lobbyorganisationen hervor, allen voran der European Biodiesel Board (EBB), der nach eigener Darstellung drei Viertel der Agro­treibstoff-Industrie repräsentiert. In seinem am 13. September 2012 veröffentlichten Positionspapiers hebt der EBB hervor, daß der Schwenk in der EU-Politik »den Tod des gesamten ­EU-Biodieselsektors« und damit den Verlust von 450000 Arbeitsplätzen sowie vieler Milliarden Euro an Investitionen bedeuten würde. Das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Aufgrund strategischer Überlegungen (langfristige Absicherung von Europas exzessivem Energiebedarf) wurden die seit langem bestehenden Bedenken bezüglich der sozialen und ökologischen Verträglichkeit von Agrotreibstoffen vom Tisch gefegt.</p>
<p>Ignoriert wurden unter anderem zahlreiche Studien darüber, daß eine große Lücke zwischen den versprochenen und den tatsächlich erreichbaren CO2-Einsparungen klafft, obwohl gerade dieser Aspekt des öffentlichen Diskurses im Vordergrund steht – getrieben von der Motivation, die Kohlendioxidbilanz des nach wie vor steigenden Kraftstoffverbrauchs in der EU schönzurechnen. Statt diesen Studien Beachtung zu schenken, wurden »viele Milliarden Euro« investiert, die nun als Argument dafür dienen, daß ein Kurswechsel nicht mehr möglich sei. Mehr noch, der EBB fordert ein, den Termin der für Ende 2014 festgelegten Überprüfungsklausel zu respektieren (2009/28/EG, Artikel 23 Absatz 8). Mit anderen Worten: Es sollen zwei weitere Jahre herhalten, um mit dem Umfang der bis dahin noch zu tätigenden Investitionen die Unumkehrbarkeit der gegenwärtigen Politik bei den »Bio«kraftstoffen weiter zu zementieren.</p>
<p>Fehlende Kohärenz ist das bewußt gewählte, wenngleich verbal bestrittene Markenzeichen der Politik von EU und Bundesregierung. In unterschiedlichsten Bereichen steht die politische Praxis zur Sicherung wirtschaftlicher Interessen im Widerspruch zu den offiziell erklärten Zielen der Armutsbekämpfung in den Ländern des Südens. Mit Hilfe von unverbindlichen Richtlinien und freiwilligen Selbstverpflichtungen wird versucht, diese Widersprüche diskursiv zu übertünchen. Das trifft für den von der Weltbank favorisierten Code of Conduct zu einem »verantwortungsbewußten Land Grabbing« ebenso zu wie für irreführende Zertifizierungssysteme von Agro­treibstoffen (Roundtable for Sustainable Palm Oil; Roundtable for Responsible Soy).</p>
<p>Wenn der öffentliche Druck noch nicht groß genug oder der Sachverhalt schwer verständlich ist (wie im Fall der Lebensmittelspekulationen), reicht es unter Umständen aus, einfach falsche Behauptungen in die Welt zu setzen. So »beweist« P. Michael Schmitz in seinem oben zitierten Gutachten, daß Nahrungsmittelspekulation ein Phantom sei, unter anderem mit der Behauptung, daß die Agrarpreise im Jahr 2009 »in den Keller« gefallen seien. Ein flüchtiger Blick auf den Nahrungsmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (siehe Grafik) zeigt, daß der Wert von 2009 keineswegs gesunken ist, sondern sich auf Rang drei in der Datenreihe von 2000 bis 2009 befindet, also nahezu identisch mit dem Wert von 2007 ist.</p>
<div id="attachment_755" class="wp-caption alignnone" style="width: 310px"><a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2012/12/FAO-Food-Price-Index.jpg"><img src="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2012/12/FAO-Food-Price-Index-300x225.jpg" alt="" title="FAO-Food Price Index" width="300" height="225" class="size-medium wp-image-755" /></a><p class="wp-caption-text">Lebensmittelpreis-Index der Welternährungsorganisation (FAO)</p></div>
<p>Zunächst sollte man sich also, nicht für dumm verkaufen lassen. Wenn darüber hinaus durchdachte Initiativen breite Unterstützung finden und einen ausreichend langen Atem haben, ist es auch möglich, Erfolge zu erzielen. So haben die Kampagnen entwicklungspolitischer Organisationen und globalisierungskritischer Gruppen sowie die große Zahl fundierter Studien zum Thema Nahrungsmittelspekulation inzwischen Wirkung gezeigt. Die Deka-Bank war im Frühjahr 2012 die erste Bank, die verkündete, ihre Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen einzustellen. Ihr folgten im Verlauf des Jahres die Landesbank Baden-Württemberg, im August Deutschlands zweitgrößtes Finanzinstitut, die Commerzbank, und danach die Landesbank Berlin. Geldinstitute wie die Ethikbank Eisenberg und die GLS-Bank beteiligten sich nie an solch schmutzigen Geschäften. »Bleiben noch zwei große Brocken, die weitermachen wie bisher«, schreibt die Nichtregierungsorganisation Oxfam auf ihrer Website und meint damit die Deutsche Bank (die im vorigen Jahr versuchte, einen Dokumentarfilm zum Thema zu zensieren) und der weltgrößte Versicherungskonzern, die Allianz.</p>
<p><strong>Anmerkungen</strong></p>
<p>1 Klaus Pedersen: Die weltweiten Hungerrevolten (Food Riots) 2007/2008, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Dezember 2008, S. 42–50</p>
<p>2 Siehe Bundestag-Ausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Öffentliche Anhörung vom 27.6.2011: Spekulationen mit agrarischen Rohstoffen verhindern</p>
<p>3 Jayati Gosh u.a.: Speculation on Commodities Futures Markets and Destabilization Of Global Food Prices: Exploring the Connections. PERI Working Paper Series No. 269, Oktober 2011, Univeristy of Massachusetts</p>
<p>4 Markus Henn (WEED), in: siehe Anmerkung 2</p>
<p>Erschienen in <a href="http://www.jungewelt.de/2012/11-29/042.php"><em>junge Welt</em> vom 29.11.2012</a></p>
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		<title>Globales Land Grabbing: die europäische Dimension</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Oct 2012 19:04:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Global]]></category>
		<category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Landnahme]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Land Grabbing sind inzwischen in viel stärkerem Maße als noch vor ein paar Jahren europäische Investoren beteiligt, die auf Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen spekulieren.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Peter Clausing</em></p>
<p>Die vier wesentlichen Triebkräfte, die den Kauf und die Pacht riesiger Flächen in den Ländern des Südens und Osteuropas befeuern – Nahrungsmittelspekulation, der Einsatz von Agrotreibstoffen, die Suche nach “sicheren“ Anlagen sowie Ernteausfälle aufgrund von Klimawandel und Bodenmüdigkeit – haben sich seit dem vor drei Jahren an dieser Stelle veröffentlichten Beitrag nicht geändert.(1)  Allerdings haben sich bei den investierenden Interessengruppen die Proportionen verschoben: Waren es ursprünglich vor allem Länder mit prekärer Eigenversorgung, die auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit von den Fluktuationen der Weltmarktpreise nach Möglichkeiten eines Offshore farming suchten, sind es heute in viel stärkerem Maße Investoren, die auf Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen spekulieren. Hinzu kommt noch die Rolle der Europäischen Union und die der EU-„Bio“kraftstofflobby, wie im Folgenden gezeigt wird.</p>
<p><strong>Die Europäische Union und die „Bio“kraftstofflobby</strong></p>
<p>Bei Ländern mit prekärer Eigenversorgung denkt man zunächst an China, Südkorea und die Golfstaaten. Doch wenn es um Eigenversorgung durch importierte Waren geht, rückt Europa auf einen der vordersten Plätze. Einer Studie von Friends of the Earth zufolge ist Europa der größte Importeur von land- und forstwirtschaftlichen Produkten. Nahezu 60% der Landfläche zur Deckung des derzeitigen europäischen Bedarfs an land- und forstwirtschaftlichen Produkten liegt außerhalb Europas &#8211; Tendenz steigend (2): Nach Berechnungen, die im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wurden, ist für 2020 zu erwarten, dass 21% des Agrodiesels aus Soja und Palmöl und 50-90% des Agrosprits aus Zuckerrohr kommen würden,  mithin Pflanzen, deren Anbau in Europa nicht möglich ist bzw. – im Fall von Soja – wirtschaftlich keine Rolle spielt.(3)  Grundlage dieser Berechnungen sind die Festlegungen der EU-Direktive zu erneuerbaren Energien aus dem Jahr 2009 (2009/28/EG), ab 2020 in der EU 20% des gesamten Energieverbrauchs und 10% des Kraftstoffverbrauchs durch Agrotreibstoffe zu decken.(4)  Nun wurde Anfang September ein Gesetzesentwurf der Europäischen Kommission bekannt, der für diese Direktive eine Kurskorrektur vorsieht. Im Transportsektor soll der Anteil von Agrotreibstoffen bis 2020 nur auf 5% statt 10% steigen. Dies rief sofortige und heftige Reaktionen seitens verschiedenster Lobbyorganisationen hervor, allen voran der European Biodiesel Board (EBB), der nach eigener Darstellung 75% der Agrotreibstoff-Industrie verkörpert.(5)  Zu Beginn seines am 13. September 2012 veröffentlichten Positionspapiers schwingt der EBB im Fettdruck die Keule: Der Schwenk in der EU-Politik würde den Tod “des gesamten EU Bio-Diesel-Sektors“ und damit den Verlust von 450.000 Arbeitsplätzen sowie vieler Milliarden Euro an Investitionen bedeuten.</p>
<p>Das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Aufgrund strategischer Überlegungen (langfristige Absicherung von Europas exzessivem Energiebedarf) wurden nicht nur die seit langem bestehenden Bedenken bezüglich der sozialen und ökologischen Verträglichkeit von Agrotreibstoffen vom Tisch gefegt, sondern durch die Ignorierung anderer EU-Vorgaben genau jene Widersprüchlichkeiten erst erzeugt, die der EBB, allerdings aus entgegen gesetzter Perspektive, jetzt beklagt. Ignoriert wurde unter anderem die seit 2004 existierenden EU-Richtlinien zu Landfragen in Entwicklungsländern, die, wenngleich unverbindlich, den Zugang zu Land und seinen Ressourcen mit der Einhaltung von Menschenrechten verknüpfen.(6) Ignoriert wurden ferner zahlreiche Studien darüber, dass eine große Lücke zwischen den versprochenen und den tatsächlich erreichbaren CO2-Einsparungen klafft, auch wenn gerade dieser Aspekt im öffentlichen Diskurs im Vordergrund steht – getrieben von der Motivation, die CO2-Bilanz des nach wie vor steigenden Kraftstoffverbrauchs in der EU schön zu rechnen. Statt diesen Studien Beachtung zu schenken wurden “viele Milliarden Euro“ investiert, die nun als Argument dafür dienen, dass ein Kurswechsel nicht mehr möglich sei. Mehr noch, der EBB fordert, den Termin der für Ende 2014 festgelegten Überprüfungsklausel zu respektieren (2009/28/EG,  Art. 23 Abs. 8). Mit anderen Worten, es sollen zwei weitere Jahre herhalten, um mit dem Umfang der bis dahin noch zu tätigenden Investitionen die Unumkehrbarkeit der gegenwärtigen Politik bei den „Bio“kraftstoffen weiter zu zementieren. Schon frühzeitig wurde in Brüssel die Pro-Agrotreibstoff-Lobby institutionalisiert, zunächst mit dem im Jahr 2005 von der Europäischen Kommission geschaffenen Biofuels Research Advisory Council (Biofrac), der vorschlug, bis 2030 den Anteil von Agrotreibstoffen im Transportsektor auf 25% zu steigern. Wenig später mutierte Biofrac zur European Biofuel Technology Platform, deren 23-köpfiges Leitungsgremium zu 60% aus IndustrievertreterInnen besteht (Auto-, Öl- und „Bio“kraftstoffindustrie, Biotechnologie, industrielle Landwirtschaft).(7)  </p>
<p>Land Grabbing hängt unmittelbar mit den Politikvorgaben zu den so genannten Biokraftstoffen zusammen. Anfang 2010 war – einer Analyse der Weltbank zufolge – mehr als ein Drittel der globalen Landtransaktionen der Produktion von Agrotreibstoffen geschuldet.(8)  In ihrer Gesamtheit erweist sich die EU-Politik zu erneuerbaren Energien als höchst widersprüchlich: Verbale Vorgaben zu Umweltschutz, Nachhaltigkeit und sozialer Verträglichkeit kollidieren mit den von der Wirtschafts- und Sicherheitspolitik geschaffenen Realitäten. Nachdem vor einigen Jahren unbestreitbar wurde, dass für die Erreichung der Vorgaben aus Brüssel die Nutzung von Flächen im globalen Süden unumgänglich ist, wurde versucht, Gegenstimmen mit dem Argument zum Verstummen zu bringen, dass negative Auswirkungen durch freiwillige Verpflichtungen im Rahmen gehalten oder durch technische Innovationen gemildert werden könnten.(9) Am Ende hält von den drei vermeintlichen Gründen für die forcierte Einführung von Agrotreibstoffen (Klimaschutz, ländliche Entwicklung und Energiesicherheit) jedoch nur der letztgenannte einer kritischen Prüfung stand – der strategische Gesichtspunkt, die Anfälligkeit der Treibstoffversorgung gegenüber globalen Störungen durch Diversifizierung zu verringern. Während die wirtschaftlichen Interessen der EU mit ihren offiziell erklärten Zielen zur Armutsbekämpfung in den Ländern des Südens in Konflikt stehen, zeichnen sich die „Sektor-Politiken“ zur Förderung des Geschäfts mit Agrotreibstoffen durch Kohärenz aus. Laut einer Studie fördern die EU-Mitgliedsländer dieses Geschehen durch Eingriffe im globalen Süden.(10) „Entwicklungshilfe“ministerien und internationale Institutionen wie die Weltbank ebnen den Weg zur Fomalisierung und Privatisierung von Landeigentum durch marktorientierte Landreformen, die den Abschluss kommerzieller Landtransaktionen begünstigen.</p>
<p><strong>Spekulanten und Konflikte</strong></p>
<p>In Afrika, wo in den meisten Ländern noch traditionelle Landrechte vorherrschen, schaffen Katasterprojekte, wie sie von der Weltbank und der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) betrieben werden, den rechtlichen Rahmen für privates Landeigentum und somit Rechtssicherheit für künftige Investoren. Erfolgt dies nicht, kann es zu Auseinandersetzungen zwischen traditionellen Landeigentümern und Investoren bzw. den sie unterstützenden Regierungen kommen. Wie zahlreiche Beispiele u.a. aus Äthiopien, Mali und Madagaskar zeigen, ist diese Konfliktpotenzial sehr real. Ein besonders eklatantes Beispiel kommt aus der Provinz Gaza in Mosambik. Das Gebiet Coutanda, Teil dieser Provinz, wurde auf Druck der <em>Peace Parks Foundation</em>(11)  in ein Netzwerk grenzübergreifender Schutzgebiete integriert, um die Elefanten-Überpopulation des südafrikanischen Krüger-Nationalparks aufzufangen und der Tourismusindustrie neue Einkommensquellen zu verschaffen.(12) Es entstand der Great Limpopo Transnational Park, mit 35.000 Quadratkilometern so groß wie Baden-Württemberg. Dieser neu geschaffene Nationalpark war jedoch im mosambikanischen Teil nicht unbesiedelt. Die darin befindlichen Dörfer, gleichermaßen der Zerstörung ihrer Ernten durch die einwandernden Elefanten und den Belästigungen durch Park-Ranger ausgesetzt, wurden schließlich mit Geldern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit umgesiedelt. Als sich herausstellte, dass ein Teil des für die Umsiedlung ausgewiesenen Landes gleichzeitig der Firma Procana versprochen war, eskalierte der Konflikt. Procana plante auf einer Fläche von 30.000 Hektar den Anbau von Zuckerrohr zur Ethanolgewinnung. Aufgrund dauerhafter Konflikte mit der lokalen Bevölkerung zogen sich die Investoren Ende 2009 schließlich zurück.   </p>
<p>Selbst Bettina Rudloff von der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik kommt zu der Schlussfolgerung, dass die EU „die politische Förderung von Agrarrohstoffen zurückfahren (sollte), weil diese das Interesse an Landfläche im Ausland extrem verstärkt“.(13) Ihr Hinweis, dass deutsche Investitionen mit 450.000 Hektar „nur“ 18% aller bekannt gewordenen europäischen Landinvestitionen ausmachen, lässt außer Acht, dass es neben diesen Direktinvestitionen eine Reihe von „Finanzdienstleistern“ gibt, die auf globale Landkäufe spezialisiert sind. Zu ihnen gehören die Agrarius AG Bad Homburg, Aquila Capital und die KTG Agrar AG, beide aus Hamburg, RCM Global Agricultural Trends (Allianz), Altima Partners (ein von der Deutschen Bank gegründeter Hedgefond in Großbritannien) und die notorische DWS-Fonds Investmentgesellschaft, eine Tochter der Deutschen Bank, die fünf globale Agrarfonds aufgelegt hat.(14) Die DWS investierte unter anderem in die brasilianische Cosan S.A., einem brasilianischen  Zuckergiganten, der 700.00 Hektar Land und 23 Zuckerfabriken besitzt und von der Regierung seines Landes keine Kredite mehr bekommt, weil bei Kontrollen sklavenartige Arbeitsverhältnisse festgestellt wurden. Ergänzt wird das Sündenregister von Cosan durch kriminelle Landaneignungen von offiziell anerkannten indigenen Territorien (von der brasilianischen Indigenen-Behörde FUNAI markierte Gebiete).(15)  </p>
<p>Es stellt sich die Frage, warum angesichts der oben genannten Beispiele die von der Weltbank bzw. der EU vorgeschlagenen Instrumente nicht greifen. Richtig, wegen ihrer Unverbindlichkeit und aufgrund der &#8211; entgegen allen Behauptungen &#8211; fehlenden Kohärenz in der Politik der kapitalistischen Kernländer. Einerseits empfiehlt die EU in ihren Land Policy Guidelines den Regierungen des Südens „ein Verbot von Land Grabbing, Eingriffen und anderen Prozessen des Ausschlusses“ (Punkt 6.0.3). Andererseits zieht sie sich gleichzeitig selbst auf die Kosmetik unverbindlicher Richtlinien und Prinzipien der Freiwilligkeit zurück, so dass mächtige Wirtschaftsinteressen immer am längeren Hebel sitzen. Insofern wäre es zu begrüßen, wenn die EU, die den Regierungen des Südens gegebene Empfehlung, Inkohärenzen in der Sektor-Politik der einzelnen Ministerien zu beseitigen (Punkt 6.1.5 der Land Policy Guidelines), auch im eigenen Haus durchsetzen würde.</p>
<p><strong>Anmerkungen:</strong><br />
(1) Pedersen, K. (2009): Landbesitz: Eine Frage der Sicherheit! in: AUSDRUCK (Oktober 2009), S. 20-24.<br />
(2) Friends of the Earth Europe (2011). <a href="http://www.foeeurope.org/sites/default/files/publications/FoEE_Briefing_Europe_Global_Land_Demand_1011.pdf">Europe’s Land Import Dependency</a>.<br />
(3) Laborde, D. (2011): <a href="http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2011/october/tradoc_148289.pdf">Assessing the Land Use Change Consequences of European Biofuel Policies</a>.<br />
(4) <a href="http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2009:140:0016:0062:de:PDF">2009/28/EG</a>.<br />
(5) <a href="http://www.endseurope.com/docs/120914a.pdf">EBB Position Paper</a> on Commission DG Climate draft proposals on ILUC, 13.09.2012.<br />
(6) EU Land Policy Guidelines. Guidelines for support to land policy design and land policy reform<br />
processes in developing countries, November 2004.<br />
(7) Vgl. Franco, J. u.a. (2010): Assumptions in the European Union biofuels policy: frictions with experiences in Germany, Brazil and Mozambique. Journal of Peasant Studies 37:661-698.<br />
(8) Deiniger, K., zitiert bei Fritz, T (2010): <a href="http://fdcl-berlin.de/fileadmin/landnahme/FDCL_DasGrosseBauernlegen_28Seiten_WEB.pdf">Das große Bauernlegen</a>, FDCL-Verlag.<br />
(9) Franco a.a.O., S. 661<br />
(10) Franco a.a.O., S. 663.<br />
(11) Die Peace Parks Foundation wurde auf Initiative des WWF Südafrika gegründet<br />
(12) Franco a.a.O. S.686/687, McDermott Hughes, D. (2005): Third Nature: Making Space and Time in<br />
the Great Limpopo Conservation Area, Cultural Anthropology, 20: 157–184.<br />
(13) Rudloff, B. (2012): Kein schöner Land. SWP-Studie 19, 2012<br />
(14) Siehe auch Fritz (2010) a.a.O.<br />
(15) Fritz a.a.O.</p>
<p>Der <a href="http://www.imi-online.de/2012/10/10/globales-land-grabbing-die-europaische-dimension/">Beitrag</a> erschien in der Oktober/2012-Ausgabe der Zweimonatszeitschrift AUSDRUCK der Informationsstelle Militarisierung e.V. Tübingen.</p>
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		<title>Zum Treffen der Gentechnik-Lobbyorganisation Innoplanta am 4.9.2012</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Sep 2012 07:11:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gentechnik]]></category>

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		<description><![CDATA[InnoPlanta-Tagung: Gentechnik-Lobby beklagt Überregulierung in der EU und ergeht sich in Sabotagespekulationen. Golden Rice als Rammbock. Nachweis von Einkommensvorteilen bei Bt-Baumwolle ignoriert globale Realität]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Frust in Gatersleben</strong><br />
Gentechnik-Lobby beklagt Überregulierung in der EU und ergeht sich in Sabotagespekulationen. Golden Rice als Rammbock. Nachweis von Einkommensvorteilen bei Bt-Baumwolle ignoriert globale Realität</p>
<p><em>von Peter Clausing</em></p>
<p>Es war eher Festungsstimmung als Feststimmung, die die Gentechnikbefürworter auf der diesjährigen InnoPlanta-Tagung im Gaterslebener Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung erfaßt hatte. Nicht nur die Abschottung des Tagungsgeländes durch rund 150 Polizisten und das Trillerpfeifenkonzert der Gentechik­gegner vermittelten ein Gefühl des Belagerungszustandes. Auch die Empfindung, von Politikern und der Öffentlichkeit alleingelassen zu sein, trug zu der leicht gedrückten Grundstimmung auf der Veranstaltung am vergangenen Dienstag bei. Während Henning von der Ohe, Manager bei der KWS Saat AG, langfristige Änderungen bezüglich der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gentechnik erwartet, gab sich Ingo Potrykus, »Vater« des »Golden Rice«-Projekts, resigniert. Die Klage über die angebliche Miß- und Überregulierung der Zulassung gentechnisch veränderter Sorten und darüber, daß in der EU nur zwei, in den USA aber inzwischen 90 gentechnisch veränderte Sorten auf dem Markt sind, zog sich wie ein roter Faden durch das Programm. Auch die wegen anhaltender Proteste für 2013 geplante Schließung der Gaterslebener BASF-Tochter SunGene und die als ungenügend empfundene Forschungsförderung waren Ursachen des Frusts. Lediglich der Exvorsitzende von InnoPlanta e.V., Uwe Schrader, der die Tagung moderierte und seit vorigem Jahr das Farmers-Scientist-Network aufbaut, verströmte Aufbruchstimmung. Dieses Netzwerk hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die Sprachbarrieren zwischen jenen Landwirten der verschiedenen EU-Länder zu überwinden, die bereit wären, Gentechnik einzusetzen, und ihnen beizubringen, wie man bei Hearings in Brüssel den wortgewandten NGO-Vertretern Paroli bieten kann.</p>
<p><strong>Verbessertes Einkommen</strong></p>
<p>Der Göttinger Agrarökonom Qaim stellte die Ergebnisse einer mehrjährigen Studie (2002–2008) zu den Auswirkungen von Bt-Baumwolle (siehe Spalte) auf das Familieneinkommen indischer Kleinbauern vor. Dieses Einkommen verbesserte sich im Vergleich zu dem durch konventionelle Anbaumethoden erzielten um 18 Prozent aufgrund geringerer Ertragsverluste und weniger Ausgaben für Pestizide. Daß die Ertragsschädlinge später Resistenz gegen das Bt-Protein entwickeln könnten – und dies in China schon haben –, und so den Einkommensvorteil zunichte machen würden, wollte der Referent nicht ausschließen. Qaim wies dies aber als »Totschlagargument« zurück. Nicht weiter vertieft wurde, daß in Indien Patente auf Saatgut bislang nicht möglich sind. Qaim räumte ein, daß der Samen von Bt-Bauwolle vor diesem Hintergrund in Indien vergleichsweise billig verkauft wird – ähnlich wie Generika im Vergleich zu patentgeschützten Arzneimitteln. Doch daß sich die Europäische Union seit Jahren bemüht, Indien im Rahmen der Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen ein neues Saatgutgesetz aufzuzwingen, das entsprechende Patente ermöglichen würde, blieb unerwähnt.</p>
<p>Die Rückschau des emeritierten Professors Ingo Potrykus auf sein »humanitäres« Golden-Rice-Projekt diente vor allem einem Zweck: zu behaupten, daß eine Regulation gentechnisch veränderter Sorten (im Sinne der gentechnischen Sicherheit) »völliger Unsinn« sei und daß es dazu »nicht den geringsten Grund« gäbe. Qaim, der mit seiner Kritik an einer angeblichen Überregulation in die gleiche Kerbe schlug, machte immerhin die Einschränkung, daß keine »unmittelbaren« Schäden beim Menschen bekannt seien. Die Diskussion hatte mit Blick auf den Contergan-Skandal, der unlängst noch einmal die Schlagzeilen beherrschte, etwas Gespenstisches. Auch bei Contergan war es zu keinen »unmittelbaren Schäden« beim Menschen gekommen. Als Beleg für die vermeintliche Unsinnigkeit diente Potrykus die Verzögerung der Zulassung seines »goldenen Reises« aufgrund der geforderten Sicherheitsprüfungen. Merkwürdig nur, daß sowohl der National Research Council (Nationaler Forschungsrat) der USA im Jahr 2000 als auch eine mit 17 Toxikologen besetzte Arbeitsgruppe der EFSA (European Food Safety Authority) im Jahr 2008 zu der Schlußfolgerung kamen, daß eine Sicherheitsprüfung gentechnisch modifizierter Pflanzen unerläßlich sei. Die generelle Forderung nach Abschaffung dieser Sicherheitsbewertung wurde von Potrykus erneut mit der Behauptung verknüpft, daß Gentechnikopponenten ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« begingen. Dies wurde mit einer solchen Penetranz vorgetragen, daß ein gehöriges Maß an »Betriebsblindheit« erforderlich war, um die wahren Absichten des Golden Rice-Projekts zu ignorieren. Schon 2005 wurde von Gentechnikkritikern erkannt, daß es darauf abzielt, mit einem publikumswirksamen Einzelprojekt die Regularien zur biologischen Sicherheit für alle gentechnischen Entwicklungen abzuschaffen. Für den Agrarkonzern Syngenta gab es also gute Gründe, dem Projekt »freie Lizenzen« für seine auf den Golden Rice angemeldeten Patente zuzugestehen. Unter diesen Bedingungen zu behaupten, daß im Gegensatz zu den geforderten Sicherheitsprüfungen, Patente die Entwicklung des Golden Rice »um keinen einzigen Tag verzögert« hätten, ist hanebüchen.</p>
<p><strong>Spekulation über Sabotage</strong></p>
<p>In der folgenden Diskussion trieb die Phantasie Blüten: Ein Tagungsteilnehmer spekulierte, daß nach der für 2014 erwarteten Markteinführung »ein Saboteur eine Handvoll goldenen Reis« heimlich unter normalen Reis mischen würde, um so Reisexporte wegen nachgewiesener Verunreinigung unmöglich zu machen und auf indirekte Weise den Anbau von Golden Rice zu unterbinden. Und Potrykus wollte nicht ausschließen, daß Greenpeace so etwas vielleicht machen würde.</p>
<p>Das Ganze könnte man als Posse abtun, wenn Potrykus nicht die Speerspitze einer ganz besonderen Stoßrichtung der Gentechniklobby wäre. In der Erkenntnis, daß die Öffentlichkeit von den Pro-Gentechnik-Argumenten bislang unbeeindruckt blieb und daß Politiker (außer in Sachsen Anhalt) sich nur hinter vorgehaltener Hand zur Gentechnik bekennen würden, bekräftigte man in Gatersleben die Strategie, renommierte Institutionen für die Gentechnik einzunehmen, um so die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Erste Erfolge habe man im Jahr 2009 erzielt, als die in Halle ansässige Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina »eine neue Politik in der Grünen Gentechnik« forderte und es darüber hinaus gelungen war, mit der Päpstlichen Akademie eine Studienwoche zum Thema »Transgene Pflanzen für die Ernährungssicherheit« zu veranstalten. Die danach lancierte Pressemitteilung, die grüne Gentechnik hätte nun den päpstlichen Segen, wurde vom Vatikan allerdings postwendend dementiert.</p>
<p>Die abschließende Podiumsdiskussion in Gatersleben wiederum diente vor allem als Resonanzboden für die zuvor vorgetragenen Sichtweisen, wobei der von Gentechnikbefürwortern umringte und leider recht glücklos argumentierende Stephan Bischoff von Bündnis90/Die Grünen dem moderierenden InnoPlanta-Beiratsvorsitzenden Horst Rehberger die Gelegenheit bot, einen Teil des angestauten Frusts abzureagieren.</p>
<p><strong>Naturschutz predigen und Gentechnik fördern</strong></p>
<p>InnoPlanta e.V. hatte von 2001 bis 2006 die Möglichkeit, 20 Millionen Euro Gentechnik- Fördergelder an regionale Akteure weiterzureichen. Eine gute Basis, um sich als »kleiner Bruder« der großen internationalen Lobbyorganisation ISAAA zu profilieren, auf die sich InnoPlanta gern bezieht. ISAAA (International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications) publiziert regelmäßig Statistiken zu den globalen Gentechnikanbauflächen. Der Zuwachs, Ergebnis eines aggressiven Marketings, dient dann als Beweis für die Überlegenheit der Gentechnik. InnoPlanta ist fest in der Hand der FDP: ihr früherer Landesvorsitzender Schrader war bis 2011 Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt, sein Nachfolger Kaufmann ist FDP-Fraktionsvorsitzender im Harzer Kreistag und der Beiratsvorsitzende Rehberger ist ein skandalumwitterter Ex-FDP-Minister aus dem Saarland. Die für das Podiumsgespräch in Gatersleben ursprünglich angekündigte Gentechnik-Befürworterin Happach-Kasan ist FDP-Bundestagsabgeordnete, wurde aber von ihrem Parteikollegen Martin Neumann vertreten. Auffällig das simultane Engagement der Protagonisten in Naturschutzorganisationen: Das betrifft sowohl Happach-Kasan wie Schrader und den Podiumsredner und Gentechniklobbyisten Klaus Amman. Es werden Reminiszenzen an den WWF wach: Naturschutz predigen und Gentechnik fördern.</p>
<p><strong>Für den Verzehr nicht geeignet oder notwendig</strong></p>
<p>Bacillus thuringiensis ist ein Bakterium, das 1938 erstmals zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt wurde. Die von ihm produzierten kristallinen Proteine (Bt-Toxine) sind für verschiedenste Insektenarten giftig, nicht aber für Menschen und Säugetiere. Nach Übertragung der Bt-Gene auf Mais und Baumwolle produzieren diese Pflanzen Bt-Toxine – mit tödlicher Wirkung für saugende Insekten. Im Jahr 1997 wurde in den USA die Zulassung der Bt-Maissorte Starlink für den Verzehr durch Mensch und Tier beantragt. Die US-Umweltbehörde EPA erteilte 1998 eine Genehmigung als Tierfutter, nicht aber für den menschlichen Verzehr. Spätere Untersuchungen wiesen auf das Allergiepotential des in Starlink enthaltenen Bt-Toxins Cry9c hin. Der Skandal war perfekt als im Herbst 2000 Starlink in menschlichen Nahrungsmitteln gefunden wurde. Die US-Behörden riefen zahlreiche Lebensmittel aus den Regalen zurück, und die Firma Aventis suspendierte ihre Starlink-Registrierung.</p>
<p>Das Golden Rice-Projekt nimmt für sich in Anspruch, mit dem gentechnischen Einbau von ß-Karotin, einer Vorstufe von Vitamin A, die Folgen des Vitamin-A-Mangels zu bekämpfen. Dieser betrifft laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) insbesondere Kinder in 40 Ländern des Südens. In schweren Fällen kann der Mangel zu Erblindung oder sogar zum Tod führen. Im Jahr 1998 hatte die WHO zusammen mit anderen Partnern ein globales Programm zur Bekämpfung des Vitamin-A-Mangels gestartet. Ohne Gentechnik gelang es, bislang den Tod von etwa 1,25 Millionen Kindern zu verhindern.</p>
<p>In dem im Januar veröffentlichen Bericht »Golden Lies, fragwürdige ›Golden-Rice‹-Projekte der Saatgutindustrie« analysierte Christoph Then die wahren Hintergründe des Projekts: seine Torpedo-Funktion gegen die vorgeschriebenen Sicherheitsprüfungen für gentechnisch veränderte Pflanzen. Der Nachweis einer ausreichenden Bioverfügbarkeit, d.h. ob überhaupt genügend Vitamin A im menschlichen Körper ankommt, war bis dahin nicht erbracht worden. Eine im August veröffentlichte Studie an chinesischen Schulkindern legt dies zwar nahe, aber die Beständigkeit des ß-Karotins in unter (sub)tropischen Bedingungen gelagertem Reis scheint nach wie vor zu fehlen. Ein wichtiger Punkt ist aber auch, daß mit »freien Lizenzen« (für gentechnische Patente) aus durchsichtigen Gründen ein »humanitäres Exempel« statuiert wurde, das mit den Regeln einer »freien Marktwirtschaft«, die zu den Grundfesten des Gentechnikgeschäfts gehört, nicht kompatibel ist.</p>
<p>Erschienen in: junge Welt vom 7.9.2012</p>
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		<title>Malawi im Prisma der Welternährungskrise</title>
		<link>http://www.welt-ernaehrung.de/2012/08/04/malawi-im-prisma-der-welternahrungskrise/</link>
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		<pubDate>Sat, 04 Aug 2012 03:57:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährungssouveränität]]></category>
		<category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category>
		<category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Malawi]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Hungerkatastrophen zur Überschussproduktion. Wie nachhaltig sind die Ertäge in Malawi?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>von Peter Clausing</p>
<p>Malawi, ein kleines Land im Herzen Afrikas, gehört mit seinen 14 Millionen Bewohnern zu den am dichtesten besiedelten Ländern Afrikas, nur übertroffen von Burundi, Gambia, Nigeria und Ruanda. Seine Ernährungsprobleme und die entsprechenden Lösungsversuche reflektieren eine ganze Reihe von Aspekten der globalen Ernährungskrise. Aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums hat sich die Einwohnerzahl seit 1950 mehr als vervierfacht. Trotzdem liegt die Bevölkerungsdichte mit 120 Einwohner/km² noch immer deutlich unter der von Deutschland (229 Einwohner/km²). Malawi zählt zu den Least Developed Countries (LDC), einer sozialökonomischen Definition der UNO für die 48 ärmsten Länder der Welt. Trotz innenpolitischer Stabilität und obwohl das Land nicht vom „Ressourcenfluch“ heimgesucht ist, den der konservative Ökonom Paul Collier in fragwürdiger Weise als Wurzel allen Übels der Armut in Afrika betrachtet (1), hat das Land &#8211; seit langem ein Liebling der internationalen Entwicklungshilfe – es bis heute nicht geschafft, den LDC-Status zu verlassen. Schlimmer noch – in den letzten Jahrzehnten kam es wiederholt zu Hungersnöten, bei denen Todesopfer zu beklagen waren. </p>
<p>Im Jahr 1949, als es noch englische Kolonie war und Njassaland hieß, verhungerten 200 Menschen. Besonders dramatisch war die Hungerkatastrophe von 2001/2002, der zwischen 46.000 und 85.000 Menschen zum Opfer fielen. Dann, im Jahr 2005 wurde die schlechteste Ernte der letzten zehn Jahre eingefahren. Wenngleich Berichte darüber fehlen, hat es  vermutlich auch im Jahr 2005 Todesopfer gegeben. Nach offiziellen Einschätzungen hatte ein Drittel der Bevölkerung nicht genügend zu Essen. Heute ist die Situation wiederum angespannt. Der Länderbericht des Frühwarnsystems FEWSNET von Juni 2012 beurteilt aufgrund von Dürre und Preissteigerungen die Versorgung der Bevölkerung im Süden Malawis als kritisch.</p>
<p>Mais ist seit vielen Jahrzehnten das wichtigste Grundnahrungsmittel des Landes, mit Abstand gefolgt von Hülsenfrüchten, Maniok, Süßkartoffeln, Reis und Sorghum. Rund 80 Prozent der malawischen Bevölkerung leben auf dem Land. Im Durchschnitt bewirtschaftet eine Familie weniger als ein Viertel Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Das hat zur Folge, daß bei den in Malawi üblichen Erträgen die Vorräte aus der Eigenproduktion Ende Dezember aufgebraucht sind. Bei Gelegenheitsarbeiten verdientes Geld ermöglicht normalerweise, die „mageren Monate“ (Januar bis März) durch den Zukauf von Lebensmitteln zu überbrücken. Nur ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe produziert genügend, um eine ganzjährige Eigenversorgung zu gewährleisten. </p>
<p>Vor diesem Hintergrund ereignete sich die große Hungerkatastrophe von 2001/2002. Was war geschehen? Dem Druck der wichtigsten Geberländer (Dänemark, Großbritannien, USA) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) folgend, wurde das 1998 eingeführte Subventionsprogramm für Saatgut und mineralischen Dünger im Jahr 2001 drastisch reduziert. Während in den Jahren zuvor 2,8 Millionen Haushalten ein Start-Paket, bestehend aus Saatgut und Dünger, kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, erhielten Ende 2000 nur noch 1,5 Million und 2001 nur 1 Million Familien diese Unterstützung. Der Rest sollte durch private Händler versorgt werden, die unerschwingliche Preisen verlangten bzw. in die schwerer erreichbaren Regionen gar nicht erst vordrangen. Im Ergebnis sank die nationale Maisproduktion 2001 auf 1,7 Millionen Tonnen und 2002 auf 1,6 Millionen Tonnen, verglichen mit jeweils 2,5 Millionen Tonnen in den Jahren 1999 und 2000. Auch wenn es strittig ist, ob der IWF zwecks Einsparung von Lagerhaltungskosten den Verkauf von nur 60 Prozent oder der gesamten strategischen Getreidereserven verlangte. Korrupte Regierungsbeamte folgten dieser Aufforderung mehr als bereitwillig. Sie verkauften auf jeden die komplette Reserve und bereicherten sich dabei persönlich – ein Vorwurf, der im Nachhinein von der Antikorruptionsbehörde der Regierung bestätigt wurde (2). Hinzu kam ein vom globalen Norden induziertes Phänomen, das Malawi, ebenso wie anderen Ländern des Südens immer wieder zu schaffen macht: Verspätet einsetzende, dann aber ungewöhnlich heftige Regenfälle &#8211; Folgen des Klimawandels, die zu verstärkter Bodenerosion und Überflutungen führen. Die Hungerkatastrophe war perfekt.</p>
<p>Ungeachtet dieser negativen Faktoren kam der an der Universität Cambridge arbeitende Agrarforscher Zoltán Tiban in einer gründlichen Analyse zu der Schlußfolgerung, daß die Pro-Kopf-Produktion an Nahrungsmitteln von 1998, einem Jahr ohne einschneidende Problem und 2001, in dem die Katastrophen ausgelöst wurde, mehr oder weniger identisch war. Binnenverteilung und lokale Preisentwicklung im Jahresverlauf waren die entscheidenden Faktoren der Hungerkatastrophe von 2001/2002. Die Aufgabe der (nicht mehr vorhandenen) strategischen Getreidereserve wäre es gewesen, Preisfluktuationen abzufedern. So aber wurde Mais, der früher in den „mageren Monaten“ für 5 Malawi Kwacha (MK) pro Kilogramm aus der Staatsreserve verkauft wurde, zu 17 MK pro Kilogramm gehandelt. Zehntausende starben. Arme Kleinbauernfamilien mussten, sofern sie etwas Vieh besaßen, dieses verhökern, um Mais kaufen zu können. Paradoxerweise führte das zu einem zwei- bis dreifachen Verfall der Preis von Hühnern, Ziegen, Schweinen und Rindern.</p>
<p>Nach einer weiteren Hungerkrise im Jahr 2005 entschloß sich die malawische Regierung zu einem drastischen Schritt. „Ending famine, simply by ignoring the experts“ (Die Experten ignorieren und so die Hungerkatastrophe beenden) betitelte die New York Times einen Beitrag vom 2. Dezember 2007, in dem die Wiedereinführung und Vertiefung der subventionierten Start-Pakete beschrieben wurde. Durch die Start-Pakete und günstige Regenfälle wurde die nationale Maisernte von 2006 im Vergleich zum Vorjahr auf 2,6 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt. Bis 2011 produzierte das Land jedes Jahr bis zu 3,8 Millionen Tonnen Mais. Hatte Malawi damit seine Ernährungsprobleme gelöst? Die Nachhaltigkeit dieser Ernteerfolge wird von sehr unterschiedlichen Seiten bezweifelt. Zunächst ist festzuhalten, dass die Verteilung subventionierter Start-Pakete kostengünstiger ist als der Import und die anschließende Verteilung von Nahrungsmitteln im Rahmen von Notprogrammen, droht das System zusammen zu brechen, so bald der Staat das Geld für die Start-Pakete nicht mehr aufbringen kann oder darf. Die internationalen Institutionen kamen nicht umhin, den Erfolg der souveränen Entscheidung der malawischen Regierung, die Produktionshilfen wieder einzuführen, anzuerkennen. Doch die Verfechter neoliberaler Dogmen vertreten weiterhin die Ansicht, daß damit „das langfristige Wachstum privater Märkte im Inputsektor gehemmt werden könnte“ (3). </p>
<p>Bedenken zur Nachhaltigkeit dieser von Art Produktionshilfe gibt es auch aus agro-ökologischer Perspektive. Die Verfügbarkeit von Kunstdünger ist so endlich wie das Erdöl, denn daraus wird er hergestellt, bei gleichzeitiger Abhängigkeit vom Ölpreis, eventuelle Preisschocks und eine kontinuierliche Verteuerung eingeschlossen. Sinkende Erträge aufgrund von Bodenmüdigkeit infolge des ständigen „Doping“ mit mineralischem Dünger sind eine inzwischen gut beschriebene und immer häufiger auftretende Folge der Grünen Revolution in Indien und China. Eine biologische Alternative ist die Stickstoffanreicherung durch Hülsenfrüchte (Leguminosen). Ertragsteigerungen durch die Kombination mit Straucherbsen oder Erdnüssen (ebenfalls eine Leguminosenart) wurde in Malawi mehrfach unter Praxisbedingungen demonstriert. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass so nicht nur die Maiserträge erhöht werden, sondern die Leguminosen auch selbst zur Ernährungssicherung beitragen. Doch dieser vielversprechende Weg hat seine Probleme. Die Einführung solcher fortgeschrittenen Anbaumethoden erfordert ein breites Netzwerk zur Wissensvermittlung und mithin einen langen Atem. Zugleich verheißt das Engagement der Bill &#038; Melinda Gates Stiftung bei der Einführung von Leguminosen in Malawi und anderen afrikanischen Ländern nichts Gutes. In den jüngsten Veröffentlichungen malawischer Agrarforscher wird auf die Sorgen der Bäuer_innen wegen des teuren Leguminosen-Saatguts hingewiesen. Der Kampf um freies Saatgut ist auch hier angesagt.</p>
<p>(1)	<a href="http://www.welt-ernaehrung.de/2011/08/09/neoliberale-scheinlosungen-rezension">Collier</a><br />
(2)	Tiba, Z. (2010) Journal of Agrarian Change 11, S. 4<br />
(3)	<a href="http://cip.cornell.edu/DPubS?verb=Display&#038;version=1.0&#038;service=UI&#038;handle=dns.gfs/1200428181&#038;page=record">The 2002 Malawi famine</a></p>
<p>Ursprüngliche Fassung eines am 3.8.2012 in der junge-Welt-Beilage &#8220;land &#038; wirtschaft&#8221; erschienen Beitrags</p>
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		<title>Bodenrausch (Rezension)</title>
		<link>http://www.welt-ernaehrung.de/2012/07/31/bodenrausch-rezension/</link>
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		<pubDate>Tue, 31 Jul 2012 03:08:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Landnahme]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Buch "Bodenrausch" von Wilfried Bommert erfüllt die Erwartungen des Rezensenten nicht. Die Ursachen des Landgrabbing werden korrekt benannt, aber die Bedienung von Klischees und die simplifizierte Darstellung bestimmter Phänomen ist ärgerlich.]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Buch &#8220;Bodenrausch&#8221; von Wilfried Bommert erfüllt die Erwartungen des (rezensierenden) Lesers nicht</strong><br />
<em>Peter Clausing</em></p>
<p>Vor rund vier Jahren begannen im globalen Süden fieberhafte Landkäufe, die bis heute anhalten. Nach einer Reihe von Studien durch Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Hilfswerke und selbst Regierungsstellen ist Wilfried Bommerts &#8220;Bodenrausch&#8221; nun das erste deutschsprachige Buch zu dem Thema, das in einem größeren Verlagshaus erschien. Es ist faktenreich und vermittelt einen breiten, wenngleich nicht unproblematischen Überblick. In vier Teilen befasst es sich mit dem Phänomen des Land Grabbing, seinen Triebkräften, Alternativen zur industriellen Landwirtschaft, und unterbreitet Vorschläge, wie das Ganze gestoppt werden könnte. </p>
<p><strong>Gescheiterte Staaten</strong><br />
Teil I (&#8220;Von Tätern und Opfern&#8221;) präsentiert eine umfangreiche Auflistung von Gewinnern und Verlierern des 2008 ausgebrochenen Kauf- und Pachtrauschs von Ackerland. Als Auslöser identifiziert der Verfasser &#8220;vier Krisen&#8221;, allerdings ohne auf den Berliner Ökonomen Elmar Altvater, der den Begriff der Vierfachkrise (Energie-, Klima-, Finanz- und Ernährungskrise) prägte, Bezug zu nehmen. Ebensowenig findet der im Oktober 2008 publizierte Bericht &#8220;Seized: The 2008 landgrab for food and financial security&#8221; Erwähnung, mit dem die NGO GRAIN als erste auf das Phänomen aufmerksam machte. Statt dessen fungiert der von GRAIN scharf kritisierte, im September 2010 hierzu erschienene Weltbankbericht bei Bommert als Kronzeuge, was in gewissem Widerspruch zu der im Buch an anderer Stelle geäußerten Kritik an der Weltbank steht. Nach Benennung der Täter (Banken, Investoren, Länder mit prekärer Eigenversorgung) stellt der Autor in kurzen Länderporträts die Opfer vor – die meist nur über traditionelle Landrechte verfügende Bevölkerung der betroffenen Länder. Dies geschieht zum Teil leider nur oberflächlich, obwohl es Material zur Genüge gibt. So zum Beispiel zum &#8220;neuen Treck&#8221; der weißen Farmer aus Südafrika und Simbabwe in die Demokratische Republik Kongo. Auch zu Äthiopien, Moçambique und Tansania gibt es gute Studien, die nicht berücksichtigt wurden. Die weitgehende Beschränkung auf Zitate von Massenmedien kommt zwar dem Reportagestil Bommerts entgegen, doch wird Authentizität suggeriert, die nicht gegeben ist: Die &#8220;Reportage&#8221; stützt sich auf Sekundärquellen. Hinzu kommen sachliche Fehler: Wenn schon der Begriff der &#8220;failed states&#8221; (gescheiterten Staaten) bemüht wird, sollte dies zumindest korrekt erfolgen. Tansania, Moçambique und Sambia fallen entgegen seiner Behauptung nicht in diese Kategorie.</p>
<p>Teil II (&#8220;Peak Soil – die Grenzen des Wachstums&#8221;) befasst sich mit den Ursachen der derzeitigen und künftigen Welternährungskrise: Bodendegradation, Fleischkonsum, Bevölkerungszuwachs, Klimawandel. Die Ursachen werden korrekt benannt, aber die Bedienung von Klischees und die simplifizierte Darstellung bestimmter Phänomen ist ärgerlich. Der Sinn des Kapitels &#8220;Mangel an Dünger&#8221; erschließt sich dem Leser angesichts der nachgewiesenen Leistungsfähigkeit biologischer Anbaumethoden nicht. Die in vielen afrikanischen Ländern herrschenden patriarchalen Verhältnisse sind zweifellos ein Problem, aber die plakative Behandlung dieses Punktes ist verfehlt. Ähnlich vereinfachend behandelt der Autor das Phänomen der Landflucht: &#8220;Das Erbrecht ist Schuld&#8221; ist seine simple Schlussfolgerung. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.</p>
<p>In den Teilen III und IV (&#8220;Verlorenen Boden wiedergutmachen&#8221; und &#8220;Dem Bodenrausch den Boden entziehen&#8221;) geht es um Auswege aus der Krise. Die Vorschläge reichen von Methoden zur Bodenverbesserung bis zur Bekämpfung der &#8220;Schwindsucht zwischen Acker und Teller&#8221; (Ernteverluste, Essensvernichtung). Auch hier sind nicht alle Beispiele schlüssig. Das Buch schließt mit einem Aufruf an die Zivilgesellschaft, &#8220;die Politik&#8221; dazu zu bringen, &#8220;Grenzen zu setzen und Schranken aufzubauen&#8221;. Radikale Veränderungen, nämlich die Politik selbst in die Hand zu nehmen, sind für Bommert offenbar keine angemessene Antwort auf die Krise.</p>
<p>Zwar sieht die Zukunft tatsächlich düster aus, aber die Kritik des Autors ist zu verwaschen und zu schmalspurig. Die religionsgeschichtliche Betrachtung zum Gemeineigentum an Boden ist unterhaltsam (Thomas Müntzer bleibt unerwähnt), doch die Berücksichtigung von Beispielen für die Herstellung von Landgerechtigkeit aus der jüngeren Geschichte wären trotz aller Rückschläge wichtiger gewesen. Erinnert sei an Guatemala 1952, Kuba 1959, Portugal 1975, Nikaragua 1979, Chiapas 1994 und an die Erfolge der unter ihrem Kürzel MST bekannten Landlosenbewegung Brasiliens. </p>
<p><strong>Umverteilung</strong><br />
Die wahren Gegenprojekte zum Land Grabbing sind umverteilende Landreformen. Sie sind aus der Mode gekommen und waren häufig mit gewaltsamen Auseinandersetzungen verbunden – nicht erstrebenswert, aber offenbar schwer zu vermeiden. Bommert macht den Bock zum Gärtner, wenn er danach ruft, daß UN-Sicherheitsrat und Blauhelmmissionen &#8220;neue Stabilität&#8221; schaffen sollen. Grotesk wirkt der Vorschlag, daß die 80 Millionen Bundesbürger &#8220;mit ihren kleinen, aber nachhaltigen Kaufentscheidungen den Bodenspekulanten den Wind aus den Segeln nehmen&#8221; sollen. Aufrufe dieser Art können in bestimmten Situationen zur Mobilisierung beitragen, hier wirken sie belehrend und hilflos. Fazit: Die Anhäufung von Fakten ist keine Garantie für ein gutes Sachbuch, auf ihre kundige Verarbeitung kommt es an.</p>
<p><em>Wilfried Bommert: Die globale Jagd nach den Äckern der Welt. Eichborn, Köln 2012, 384 Seiten, 19,99 Euro</em></p>
<p>Eine leicht modifizierte Version dieser rezension erschien am 9. Juli 2012 in der Tageszeitung &#8220;junge Welt&#8221;.</p>
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		<title>Greenwashing: Der WWF als Krake</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Mar 2012 05:11:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Gentechnik]]></category>
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		<category><![CDATA[WWF]]></category>

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		<description><![CDATA[Über das Umweltschutzspektakel »Earth Hour«, den WWF und dessen Liaison mit den Konzernen des Agrobusines]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Über das Umweltschutzspektakel »Earth Hour«, den WWF und dessen Liaison mit den Konzernen des Agrobusiness</em><br />
von Peter Clausing</p>
<p>Am 31. März wird zum sechsten Mal die »Earth Hour« begangen, ein vom »World Wide Fund for Nature« (WWF) organisiertes Event, dessen Teilnehmer für eine Stunde das Licht ausschalten. Ein symbolischer Akt, mit dem die Unterstützung des Umweltschutzgedankens zum Ausdruck gebracht werden soll. Eine echte Wohlfühlnummer für die Beteiligten, und zugleich ein Meßinstrument dafür, wie viele Menschen bereit sind, sich der Vernebelung durch den WWF hinzugeben: Im Jahr 2011 waren es in Deutschland über 30000 in 66 Städten. Die Aktion ist einfach wunderbar: Man bleibt anonym und unauffällig, stellt keine Forderungen, ist nicht den üblichen Unbilden einer Demonstration wie Wetter oder Polizei ausgesetzt und hat trotzdem das Erlebnis, dabei gewesen zu sein. Wobei? Beim WWF! Also bei jener Organisation, auf deren enge Verbindungen mit internationalen Großkonzernen Wilfried Huismann in seiner am 22. Juni 2011 auf ARD gesendeten Dokumentation aufmerksam machte, unbeschadet bereits früher veröffentlichter Hinweise.1 Anläßlich der »Earth Hour 2012« soll ein Blick auf die sogenannten Greenwashing-Praktiken des WWF geworfen werden.</p>
<p>Greenwashing – die Schaffung eines »grünen« Images für Unternehmen – ist in dem Maße, in dem der Neoliberalismus bis in die letzten Winkel unseres Planeten vordringt, immer stärker zum Handlungsfeld der großen Naturschutzorganisationen geworden. Immer umfangreicher werden die Firmenspenden bei Conservation International, The Nature Conservancy und dem WWF. Zugleich sind diese Organisationen darauf angewiesen, ihren Ruf als Umweltschützer zu wahren, weil nach wie vor ein Teil ihres Budgets aus den Spendengeldern bzw. Mitgliedsbeiträgen gutgläubiger Bürger bestritten wird und weil ihre vermeintliche Glaubwürdigkeit letztlich die Grundlage für ihre Attraktivität als »grüne Waschmaschinen« bildet. Ihre Kohabitation mit McDonalds, Nestlé, diversen Ölkonzernen und dem agroindustriellen Komplex wird gebetsmühlenartig damit begründet, daß man miteinander im Gespräch bleiben müsse, um etwas zu verändern. </p>
<p><strong>»Nachhaltiges Palmöl«</strong><br />
Der »World Wide Fund for Nature« spricht besonders gern mit Unternehmen des Agrobusiness. Doch:»Werden dem WWF durch die Dokumentation [von Huismann] also auf breiter Front diese Spender abhanden kommen?« fragt Christoph Seidler im Spiegel und antwortet: »Vermutlich nicht, denn Geldgeber für die vermeintlich gute Sache sind tendenziell treu.« Er bezieht sich dabei auf eine Einschätzung von Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI).2 Dieser meinte, es müsse insgesamt sehr viel zusammenkommen, damit eine Organisation in eine Glaubwürdigkeitskrise gerät. Beim WWF ist da durchaus einiges zusammengekommen. Bereits im Jahr 2002 wurde unter dem Titel »Panda-Pornographie, die Hochzeit von WWF und Weyerhaeuser« die Liaison der Naturschutzorganisation mit der Industrie kritisiert. Anlaß für den Beitrag war das Überwechseln von Linda Coady, damals Vizepräsidentin des für seine Umweltzerstörung an der nordamerikanischen Pazifikküste notorischen Holzkonzerns Weyerhaeuser, in die Position der Vizepräsidentin von WWF-Kanada.3 Auch die Verwaltung des J. Paul Getty »Umweltpreises« durch den WWF fällt in die Kategorie der ungenierten Nähe zu Konzernen mit rücksichtsloser Umweltbilanz. (Getty, Gründer und Eigentümer der Getty Oil Company, war einer der reichsten Ölmagnaten der 1960er Jahre.) Im sozialen Bereich tut sich der WWF bei der Errichtung von Nationalparks durch die entschädigungslose Vertreibung lokaler Bevölkerungsgruppen hervor.4</p>
<p>Im Jahr 2004 wurde vom WWF der »Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl« (RSPO, Roundtable on Sustainable Palm Oil) initiiert – ein Klub von derzeit 539 kommerziellen Mitgliedern und 27 Nichtregierungsorganisationen (NGOs), darunter der WWF selbst gleich viermal, in Gestalt seiner Regionalgliederungen aus Indonesien, Malaysia und der Schweiz sowie als WWF International. Der RSPO zertifiziert »nachhaltiges Palmöl« und bietet damit den beteiligten Firmen ein »grünes« Image. Sowohl aus prinzipiellen Gründen als auch aufgrund der Details des Verfahrens darf die bescheinigte »Nachhaltigkeit« bezweifelt werden. Anläßlich des Welternährungstages am 16. Oktober 2008 lehnten 257 Organisationen aus 50 Ländern den RSPO öffentlich ab. In Deutschland wurde eine entsprechende Erklärung von 22 Organisationen unterzeichnet, unter anderem von FIAN, Pax Christi, Robin Wood, Terre des hommes und WEED. Ein wichtiges Argument darin war, daß großflächige Monokulturen per se nicht nachhaltig sein können.</p>
<p>Die Frage, warum es überhaupt zu der rasanten Ausdehnung von Palmölplantagen kommt, ist für die Vermarkter »nachhaltigen« Palmöls kein Gesprächsthema, denn schließlich ist das Siegel ein Marketinginstrument und dient der Umsatzsteigerung. Der globale Verbrauch an pflanzlichen Ölen hat sich in den letzten 30 Jahren verdreifacht, der von Palmöl verzehnfacht. Bei der Diskussion um die gestiegene Nutzung steht oftmals die Beimischung zu Dieseltreibstoffen im Vordergrund. In der EU ist seit 2010 ein Anteil von mindestens 5,75 Prozent vorgeschrieben. Ab 2020 sollen es zehn Prozent sein. Bereits 2009 wurden über 13 Prozent der global produzierten 133 Millionen Tonnen pflanzlichen Öls als Treibstoff verwendet. Palmöl wird bislang nur relativ wenig zur Kraftstoffbeimischung verwendet, aber aus der »Umwidmung« anderer Öle (Raps, Soja) zu Treibstoffen ergibt sich eine Lücke im Nahrungsmittelbereich, die mit Palmöl geschlossen wird. In der Zukunft dürfte der Einsatz für Energiezwecke drastisch steigen: Innerhalb der nächsten zehn Jahre plant Indonesien, das knapp die Hälfte allen Palmöls produziert, die Verdopplung seiner Produktion auf 40 Millionen Tonnen, wovon die Hälfte für Energiezwecke verwendet werden soll.5 Die grundsätzliche Frage ist jedoch, ob der exzessive Einsatz von Agrotreibstoffen überhaupt akzeptabel ist – egal ob aus Ölpalmen oder Raps. Eine Frage, die der WWF mit ja beantwortet, denn: »Das zunehmende Interesse von (Bio-)Energieversorgern, Mineralöl- und Automobilindustrie, Kommunen und privaten Haushalten an (…) der Nutzung von Biomasse ist aus Sicht des WWF sehr positiv zu bewerten«.6 Via RSPO wird versucht, diesen Wahnsinn in Nachhaltigkeit umzudeuten.</p>
<p>Dabei hat das Verfahren selbst gravierende Mängel. Die Probleme beginnen damit, daß nicht die gesamte Produktionsweise von Unternehmen zertifiziert wird, sondern ihre Produktion auf bestimmten Flächen. Die Firmen bezeichnen sich als zertifiziert, obwohl nicht selten ein großer Teil ihrer Produktion von Flächen stammt, die überhaupt nicht begutachtet wurden. Eine Täuschung, die der RSPO durch prominente Positionierung der Liste zertifizierter Produzenten auf seiner Website verstärkt. Erst an versteckter Stelle auf der Homepage und auch dann nur bei genauem Hinsehen wird deutlich, daß es einzelne Plantagen sind, die zertifiziert werden.</p>
<p>Zu einer »nachhaltigen« Produktion, sollte man meinen, gehört auch der Verzicht auf Agrochemikalien oder zumindest eine drastische Reduktion ihres Einsatzes. Dies ist bei industrieller Bewirtschaftung großflächiger Monokulturen so gut wie unmöglich. Folgerichtig gehört dies nicht zu den Kriterien des RSPO. Es wird lediglich eine »Begründung« für die Verwendung von Agrochemikalien verlangt. Die Eliminierung hochtoxischer Verbindungen wie Paraquat hatte der Runde Tisch bereits im März 2006 angekündigt und sich dazu verpflichtet, bis November 2007 Alternativen zu solchen Pestiziden zu finden. Später wurde November 2008 als »letzter Termin« dafür angesetzt. Auf Anfrage teilte ein RSPO-Vertreter Anfang 2012 mit, daß ein abschließender Bericht zu diesem Vorhaben noch immer nicht vorliegt.</p>
<p>Problematisch ist außerdem, daß sich die Unternehmen faktisch selbst zertifizieren: Die Vergabe des Labels basiert zwar auf den Inspektionen und Berichten von Dritten (der TÜV Rheinland, der unlängst wegen der gesundheitsgefährdenden Brustimplantate des französischen Herstellers PIP in die Schlagzeilen geriet, ist auch hier dabei), aber sowohl die Entscheidung, welche Organisation mit der Inspektion beauftragt wird, als auch die Zuerkennung des Zertifikats liegt in den Händen des RSPO Executive Board, einem 16köpfigen Gremium mit zwölf Industrievertretern.</p>
<p><strong>Monokulturen statt Vielfalt</strong><br />
Der »Round Table on Responsible Soy« (RTRS, »Runder Tisch für verantwortungsbewußt produziertes Soja«) ist ein ähnliches Konstrukt wie der RSPO. Auch bei diesem Projekt ist der WWF die treibende Kraft. Nach dem gleichen Muster wie beim RSPO versucht der von der Industrie dominierte RTRS Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung zu suggerieren. Dagegen protestierten im Jahr 2010 wiederum Hunderte NGOs und Initiativen in einem offenen Brief. Die Unterzeichner lehnen das RTRS-Label ab, weil die Kriterien als vollkommen ungenügend angesehen werden und weil sich der Runde Tisch als »internationale Stakeholder-Initiative« verkauft, obwohl er in Europa und Südamerika weder bei der Zivilgesellschaft noch bei nachhaltig wirtschaftenden Familienbetrieben Rückhalt findet. Die fehlende Verankerung des RTRS vor Ort läßt sich auch aus den Berichten über die im Zertifizierungsverfahren vorgeschriebenen Treffen mit den örtlichen Interessenvertretern (Stakeholders) ablesen. Entweder finden sie gar nicht statt oder sie sind – den Berichten nach zu urteilen – von einer Oberflächlichkeit, die geradezu peinlich ist.</p>
<p>Ähnlich wie die Palmölkonjunktur steht der Sojaboom im Zusammenhang mit der Beimischungsrichtlinie für Dieselkraftstoffe. Argentinien und Brasilien zusammen produzieren derzeit ein reichliches Drittel des weltweiten Aufkommens an Sojabohnen, verbunden mit einem überdurchschnittlichen jährlichen Wachstum. Bis 2020 wird der Anteil der beiden Länder an der Weltproduktion voraussichtlich auf über 50 Prozent steigen, vor allem durch eine Erweiterung der Anbauflächen – laut Prognosen um 11,6 Millionen Hektar. Riesige Monokulturen verdrängen Kleinbauern und biologische Vielfalt zugunsten der Versorgung der globalen Märkte mit industriellem Tierfutter und Agrodiesel. Obwohl die Kritik am Einsatz von Agrotreibstoffen wegen der nachweislichen ökologischen und sozialen Konsequenzen unvermindert anhält, ist keine Bereitschaft der Europäischen Union zu einem Abrücken von ihren Beimischungszielen zu erkennen.</p>
<p>Laut einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Studie wird im Jahr 2020 der Sojaanteil am »Biodiesel«-Mix der EU etwa 20 Prozent betragen.7 Besonders pervers ist die Zertifizierung von gentechnisch modifizierten (GM-)Sojabohnen und von solchen, die auf Flächen wachsen, wo bis Mai 2009 noch Regenwald gestanden hat. Die »Einhaltung der geltenden Gesetze« und die »Zahlung üblicher Löhne« werden nicht als Grundvoraussetzungen betrachtet, um eine Zertifizierung überhaupt beantragen zu können, sondern vom WWF lediglich als zertifizierungswürdige Kriterien begrüßt. </p>
<p><strong>Mit Gentechnik</strong><br />
GM-Soja unterstützt nach Ansicht des WWF den Einsatz mindergiftiger Pestizide. Die Förderung einer Entwicklung mit der durch agroökologische Anbaumethoden auf den Einsatz von Pestiziden ganz verzichtet werden kann, kommt der Organisation offenbar nicht in den Sinn. Der Favorit ist Roundup mit seinem Wirkstoff Glyphosat. Als Monsanto 1974 die Marktzulassung beantragte, bescheinigten die dabei eingereichten Studien dem Wirkstoff eine geringe Toxizität. Doch die akute Giftwirkung kann nicht als einziger Maßstab gelten. Wenn es danach ginge, wäre auch der Contergan-Wirkstoff Thalidomid, dessen akute letale Wirkung oberhalb von fünf Gramm pro Kilogramm Körpergewicht liegt, ungiftig. Inzwischen wird die Harmlosigkeit von Glyphosat mehr und mehr in Frage gestellt.8 Zu den beobachteten Effekten zählen Störungen des Hormonhaushalts, Schäden an Embryonen bzw. Föten (tierexperimentell belegt und vermehrtes Auftreten in jenen Bevölkerungsgruppen beobachtet, die in Gebieten intensiver Roundup-Anwendung leben) und die tödliche Wirkung auf Kaulquappen in umweltrelevanten Konzentrationen.</p>
<p>Das in Roundup-Präparaten verwendete Netzmittel POEA (polyethoxyliertes Tallowamin), verstärkt die toxischen Effekte des Wirkstoffs, und das Glyphosat-Abbauprodukt AMPA (Aminomethyl-Phosphonsäure), das sich anscheinend in der Umwelt anreichert, ist ein weiterer Problempunkt. Die nachweisliche Bedenklichkeit führte in verschiedenen Regionen Argentiniens, Kolumbiens und Israels zu gerichtlichen Verboten der Ausbringung von Roundup mit dem Flugzeug. Wegen möglicher Verdriftung ist eine Flugzeugausbringung mit besonders hohen Risiken einer unbeabsichtigten Exposition von Mensch und Tier verbunden.</p>
<p>Die Dosis macht das Gift. Diese von Paracelsus im 16. Jahrhundert formulierte Erkenntnis, ist bis heute unangefochten. In dem Maße, in dem wegen der inzwischen existierenden »Superunkräuter« immer höhere Glyphosatmengen ausgebracht werden müssen, schrumpft dessen ohnehin zweifelhafte Harmlosigkeit. Superunkräuter sind inzwischen ein Riesenproblem. Weltweit existieren mittlerweile über 20 Roundup-resistente Unkrautarten. Das Tempo ihrer Entstehung wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß vor nur acht Jahren – 2004 – erstmals Glyphosat-resistente Unkräuter identifiziert wurden.</p>
<p>Doch der WWF führt einen weiteren Pluspunkt für GM-Soja an: Nach Ansicht des WWF-Vizepräsidenten Jason Clay hilft es beim Kampf gegen den Klimawandel. Auf der vierten RTRS-Konferenz im Mai 2009 schlug er vor, die Produzenten von zertifiziertem GM-Soja über den sogenannten REDD-Mechanismus zu belohnen. REDD ist seit der Klimakonferenz 2010 im mexikanischen Cancún ein nun auch offiziell von der UNO anerkanntes Instrument des CO2-Handels. Es bietet Unternehmen die Möglichkeit, statt der Umsetzung eigener Klimaschutzmaßnahmen Emissionszertifikate zu kaufen. Für die Produzenten von zertifizierten GM-Sojabohnen soll es nach den Vorstellungen des WWF die Möglichkeit geben, wegen ihrer »klimafreundlichen« landwirtschaftlichen Praxis von den »Kohlenstoffmärkten« zu profitieren. Beim Einsatz von Roundup-Ready-Sorten wird auf das Pflügen des Bodens (zur mechanischen Unkrautbekämpfung) verzichtet. Das Herbizid tötet alles, was nicht gentechnisch modifiziert oder – siehe oben – resistent geworden ist. Dieser Verzicht auf das Pflügen (»No-Till«-Technologie) könnte dann in eingesparte CO2-Emission umgerechnet und anschließend in Form von Zertifikaten in den globalen Emissionshandel eingebracht werden. Das eigentliche Motiv des WWF ist die Deckung eines Teils der Kosten für die Vergabe des RTRS-Labels, da es nur zögerlichen Zulauf findet. Monsanto jubelt über den neuen Verbündeten, denn seit Jahren bemühen sich seine Lobbyisten, CO2-Zertifikate für die Verwendung herbizid-resistenter Sorten geltend machen zu können.</p>
<p>Während »No-Till« als Verfahren zur Verringerung von Bodenerosion und zur Verbesserung des Wasserhaushalts seit Jahrzehnten anerkannt ist, steht die vermeintlich höhere Kohlenstoffbindung im Boden als äußerst umstrittene Vermutung im Raum. Nach Auswertung der verfügbaren Literatur kommen die Wissenschaftler des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) in Frick (Schweiz) zu dem Schluß, daß es bislang kein Verfahren für eine brauchbare Abschätzung der CO2-Bilanzen im Boden gibt, die eine Bewertung des »No-Till«-Effekts für den Emissionshandel zuließen.9 Das hindert weder Monsanto daran, »Paketlösungen« von »No-Till«, GM-Sorten und Herbizidanwendung anzubieten, noch den WWF, das Label vom »verantwortungsbewußt produzierten Soja« mit rechnerisch erfundenen CO2-Zertifikaten zu versüßen. </p>
<p><strong>Zugeständnisse an Firmen</strong><br />
Sowohl bei der eingangs erwähnten »Earth Hour« als auch bei den »Round Tables« wird der Öffentlichkeit »demokratisches Mitspracherecht« suggeriert. Nationale Regierungen überlassen aus Angst vor Sanktionen durch die Welthandelsorganisation (WTO) nichtstaatlichen Initiativen das Feld. Dazu gehören der »Forest Stewardship Council« (FSC), die hier diskutierten RSPO und RTRS sowie weitere vom WWF initiierte Projekte zu »besserer Baumwolle« (»Better Cotton Initative«, BCI), »besserem Zuckerrohr« (»Better Sugarcane Initiative«, BSI) und »nachhaltigem Biotreibstoff« (»Round Table on Sustainable Biofuel«). Die in den letzten 20 Jahren entstandenen Runden Tische sind der Versuch eines systemkonformen Auswegs aus dem neoliberalen Dilemma. Regierungen begründen den Verzicht auf gesetzliche Regelungen explizit mit deren Existenz. So argumentierte der niederländische Landwirtschaftsminister im Jahr 2008, daß der RSPO eine vielversprechende internationale Initiative auf freiwilliger Basis sei, womit sich ein gesetzlicher Rahmen zur Einschränkung des Imports von nicht nachhaltigem Palmöl erübrige.10 Die Niederlande mit dem Hafen von Rotterdam und dem Lebensmittelriesen Unilever nehmen beim Palmölgeschäft in Europa eine Schlüsselstellung ein.</p>
<p>Einer der grundlegenden Widersprüche dieser marktbasierten Initiativen ist der Spagat zwischen dem bindenden Charakter, den die angestrebten Nachhaltigkeitskriterien eigentlich haben müßten, und der mangelnden Bereitschaft der Unternehmen, sich auf solche einzulassen. Letzteres ist nicht primär eine moralische Fehlleistung, sondern Resultat des Wirkens der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus: Profitmaximierung ist ein objektiver Zwang. Die obligatorische Durchsetzung »harter« Nachhaltigkeitskriterien hätte zur Folge, daß sich kaum ein Unternehmen darauf einlassen würde. Deshalb werden an den Runden Tischen entweder Zugeständnisse bei der Härte der Kriterien oder bei deren konsequenter Anwendung gemacht, zumeist aber in beiden Bereichen gleichzeitig. Im Fall des RSPO ist es vor allem die fehlende Durchsetzung der festgelegten Spielregeln. In ihrer Analyse verweisen Greetje Schouten und Pieter Glasbergen darauf, daß ein Ausschluß aus dem RSPO, der bei einer wiederholten Verletzung der Regeln eigentlich angezeigt wäre, nicht erfolgt. Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß der »Code of Conduct« des RSPO Vorgaben zur Messung, Überprüfung und Durchsetzung von eingeforderten Verbesserungen von vornherein vermeidet. So bleibt die Anprangerung der Verletzung von Menschenrechten und ökologischen Normen (Vertreibungen, Abholzung von Primärwald) auf der Strecke. Dies übernehmen letztlich Organisationen, die nicht am RSPO teilnehmen. Die Regelverstöße des indonesischen Plantagenbetreibers PT Smart wurden nicht vom RSPO geahndet, sondern aufgrund des außerhalb erzeugten öffentlichen Drucks.11 Aufgrund der Proteste entschied der Lebensmittelkonzern Unilever, kein Palmöl mehr von PT Smart zu kaufen. Weder an der Benennung des Problems noch an der Sanktionierung der Vergehen war der RSPO beteiligt, obwohl beide – der Plantagenbetreiber und der Lebensmittelkonzern – Teilnehmer des Runden Tisches sind. Das wirft ein Licht auf den Charakter des »Im-Gespräch-Bleibens«, den der WWF und andere NGOs propagieren. </p>
<p><strong>Naturschutz ohne Menschen</strong><br />
Der Vorwurf des Greenwashings, so berechtigt er ist, greift zu kurz. Die Liaison zwischen den transnationalen Naturschutzorganisationen und dem Agrobusiness geht weit über die Runden Tische hinaus. Das Mosaik an Initiativen, Meinungsäußerungen und Prognosen des WWF (und von Organisationen wie Conservation International und The Nature Conservancy) läßt eine Vision erkennen, in der die Welt in drei Teile zerfällt: urbane Bereiche, hochgerüstete Flächen industrialisierter Landwirtschaft und menschenleere Naturschutzgebiete. Diese Vision ist nicht neu. Doch gelangte sie durch die unverblümten Pro-Gentechnik-Äußerungen von WWF-Vize Clay in letzter Zeit stärker ins öffentliche Bewußtsein. Sie ist die logische Fortsetzung eines »Naturschutz ohne Menschen«, dessen kolonial-historische Wurzeln sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen.12<br />
Anmerkungen</p>
<p>1 vgl. www.wilfried-huismann.de; Pedersen, K: Naturschutz und Profit, Unrast-Verlag Münster 2008</p>
<p>2 Seidler, C. (2011): <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,770184,00.html">Sturm im Pandaland</a>, Spiegel Online vom 23.6.2011 </p>
<p>3 Clair, J.S. (2002): Panda porn, the marriage of WWF and Weyerhaeuser. Counterpunch vom 5.12.2002 www.counterpunch.org</p>
<p>4 Pedersen, a.a.O.</p>
<p>5 Teoh, C.H. (2010): <a href="http://www.ifc.org/ifcext/agriconsultation.nsf/AttachmentsByTitle/Discussion+Paper/$FILE/Discussion+Paper_FINAL.pdf">Key Sustainability Issues in the Palm Oil Sector</a>. World Bank, IFC</p>
<p>6 www.wwf.de/themen/landwirtschaft/bioenergie/ (der Text auf dieser Website wurde vom WWF mittlerweile geändert)</p>
<p>7 Al-Riffai, P. u.a. (2010): <a href="http://trade.ec.europa.eu/doclib/docs/2010/march/tradoc_145954.pdf">Global Trade and Environmental Impact Study of the EU Biofuels Mandate</a> </p>
<p>8 Antoniou, M. u.a. (2010): <a href="http://www.gmwatch.eu/images/pdf/gm_full_ger_v3.pdf">GV-SOJA &#8211; Nachhaltig? Verantwortungsbewusst?</a>  und Mertens, M. (2011): <a href="http://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/gentechnik/studien/nabu-glyphosat-agrogentechnik_fin.pdf">Glyphosat und Agrogentechnik</a> </p>
<p>9 Gattinger, A. u.a.: <a href="http://www.misereor.de/fileadmin/redaktion/MISEREOR_no%20till.pdf">No-till agriculture – a climate smart solution?</a>  MISEREOR, Aachen 2011</p>
<p>10 Schouten, G., Glasbergen, P. (2011): <a href="http://www.unpop.nl/userfiles/Schouten_Glasbergen%202011.pdf">Creating legitimacy in global private governance: The case of the Roundtable on Sustainable Palm Oil</a>. Ecological Economics 70: 1891-1899</p>
<p>11 Schouten, G., Glasbergen, P., a.a.O.</p>
<p>12 Pedersen, a.a.O.</p>
<p>erschienen in <a href="http://www.jungewelt.de/2012/03-31/023.php">junge Welt vom 31.3.2012</a></p>
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		<title>Nahrungsmittelspekulation: Deutsche Bank will Dokumentarfilm zensieren</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Dec 2011 08:18:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Im Norden]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Deutsche Bank will einem Film des »Zentrums für Politische Schönheit« verbieten und hat angekündigt, mit juristischen Mitteln gegen den Film über Nahrungsmittelspekulation vorzugehen. In dem Film hatte der Pressesprecher der Deutschen Bank, Frank Hartmann, auf die Nachfrage, ob seine Argumentation nicht auf die zynische Auffassung hinauslaufe, dass die Menschen in Afrika an ihrem Hunger selbst schuld seien geantwortet: »Natürlich sind die selbst schuld!«]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Deutsche Bank will einem Film des »Zentrums für Politische Schönheit« verbieten und hat angekündigt, mit juristischen Mitteln gegen den Film über Nahrungsmittelspekulation vorzugehen. In dem Film hatte der Pressesprecher der Deutschen Bank, Frank Hartmann, auf die Nachfrage, ob seine Argumentation nicht auf die zynische Auffassung hinauslaufe, dass die Menschen in Afrika an ihrem Hunger selbst schuld seien geantwortet: »Natürlich sind die selbst schuld!«</p>
<p>Jetzt die Filme kopieren, über die sozialen Netzwerke teilen und auf eigenen Homepages einstellen!</p>
<p>Pressemitteilung dazu:<br />
<a href="https://www.dfg-vk.de/aktuelles/informationen-der-friedensbewegung/2011/722" target="_blank">https://www.dfg-vk.de/aktuelles/informationen-der-friedensbewegung/2011/722</a></p>
<p>Video-Link:<br />
<a href="http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E" target="_blank">http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E</a></p>
<p>Das Video selbst:</p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E">http://www.youtube.com/watch?v=rQ7cXnsCh0E</a></p>
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		<title>Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 08:34:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>PCl</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hunger – Katastrophe, Protest und Medienereignis. Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wo liegen die Gründe für die skandalöse Diskrepanz zwischen Produktion und Versorgung?</strong></p>
<p>Von Peter Clausing<br />
<em><br />
Hunger ist die Alltagsrealität für ein Sechstel der Menschheit und &#8211; hungerbedingte Krankheiten mitberücksichtigt &#8211; die Todesursache für 10 Millionen Menschen jährlich. Spätestens seit der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2007/2008 ist klar, dass das Milleniums-Entwicklungsziel, den Anteil der Menschen, die Hunger leiden, von 1990 bis 2015 zu halbieren, nicht annähernd erreicht werden wird. Statt zu einer Reduzierung kam es 2008 zu einem Anstieg der Zahl der Hungernden. Dabei wird Jahr für Jahr genügend produziert, um &#8211; statistisch betrachtet &#8211; alle Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen.</em></p>
<div id="attachment_676" class="wp-caption alignnone" style="width: 310px"><a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096.jpg"><img src="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/P5260096-300x224.jpg" alt="" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" width="300" height="224" class="size-medium wp-image-676" /></a><p class="wp-caption-text">Marktfrauen in Zomba, Malawi</p></div>
<p><strong>Preisexplosionen, Proteste und verengte Sichtweisen</strong><br />
Als sich 2007/2008 innerhalb weniger Monate die Weltmarktpreise für Weizen und Mais verdoppelten und für Reis verdreifachten, gab es Hungerrevolten in mehr als 40 Ländern. J. Walton und D. Seddon dokumentierten 1994 in einem Buch, dass solche Food Riots zumeist nicht in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit physischen Hungersnöten stehen. Vielmehr sind sie ein seit über 400 Jahren praktiziertes Mittel, um bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Verhandlung zu bringen. Bei dieser als „Krawall“ stigmatisierten Form des sozialen Protests finden Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks statt. Es werden Forderungen nach Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen artikuliert. Und gelegentlich wird diesen Forderungen durch die Erstürmung von Supermärkten bzw. Vorratslagern Nachdruck verliehen &#8211; so auch 2007/2008. Die Gründe für die Preisexplosion vor reichlich drei Jahren haben noch heute Gültigkeit: Konkurrenz durch Agrotreibstoffe, Spekulation an den Getreidebörsen und – in geringerem Maß &#8211; Änderungen in den Ernährungsgewohnheiten (dazu Merkel in treuherziger Arroganz im April 2008: Der Preisanstieg sei nicht verwunderlich, wenn neuerdings 300 Millionen Inder eine zweite Mahlzeit einnähmen). In diesem Jahr lag der Lebensmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (FAO) permanent über den Spitzenwerten von 2007/2008, doch Food Riots blieben anscheinend aus. Nicht ganz, denn das, was 2011 medial als „arabischer Frühling“ vermarktet wurde, hatte seinen Ausgangspunkt abermals in Protesten gegen erhöhte Lebensmittel. Im Januar, zu Beginn der Proteste in Tunesien, machten sich Kommentatoren großbürgerlicher Zeitungen noch Sorgen, ob es zu einer „zweiten globalen Welle von Hungerrevolten“ (Washington Post, 14.1.2011) kommen könnte. Teils mutierten diese Proteste in einen „arabischen Frühling“, teils wurde ihnen &#8211; in Erinnerung 2008 &#8211; dadurch vorgebeugt, dass strategische Reserven zur Preisstabilisierung auf den Binnenmarkt geworfen wurden – so in Äthiopien.<br />
Von (britischen) Politikern wurde 2008 eine kurzlebige Debatte über Essensverschwendung in den Metropolen losgetreten, die mit dem kürzlich veröffentlichten Buch Die Essensvernichter bzw. dem Film Taste the Waste eine Renaissance fand. Diese Diskussion hat durchaus ihre Berechtigung. In den Medien wird sie jedoch durch Statements wie „Die Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird, wird ungenutzt weggeworfen“ eurozentrisch verengt, denn weniger als die Hälfte der Weltbevölkerung kauft ihre Lebensmittel in Supermärkten. Und Hungerkatastrophen, wie die gegenwärtige am Horn von Afrika, lassen sich nicht unmittelbar durch die Vermeidung von Lebensmittelvernichtung in den Metropolen des Nordens verhindern. Doch die angeprangerte Verschwendung legt gravierende „Systemfehler“ offen.</p>
<p><strong>Sackgassen und Auswege</strong><br />
Seit Jahren ist bekannt, dass Hunger vor allem dort herrscht, wo Nahrungsmittel produziert werden – nämlich auf dem Land, genauer gesagt auf dem Land in den Ländern des Südens. Die Erkenntnis, dass in diesen Regionen nicht genügend Nahrungsmittel produziert werden, könnte zu dem Fehlschluss führen, dass man das Problem damit lösen könnte, die „Hälfte dessen, was an Lebensmitteln produziert wird“ (s.o.), statt sie zu vernichten, dorthin zu schaffen, wo die Nahrung fehlt. Das wäre keine Lösung des Problems. Von der hinlänglich kritisierten Zerstörung lokaler Ökonomien durch das Dumping von Lebensmitteln aus der EU und den USA abgesehen, wäre eine Verteilung von Nahrung über so riesige Flächen (bei zugleich fehlender verkehrstechnischer Erschließung) ein logistisches Unding und darüber hinaus ökologisch nicht wünschenswert. Ein weiterer Fehlschluss wäre die Etablierung landwirtschaftlicher Großflächenproduktion in „unterentwickelten“ Regionen – ein häufig benutztes Argument, um die unter dem Begriff Land Grabbing bekannt gewordenen großflächigen Landtransaktionen zu rechtfertigen, die seit über drei Jahren in Afrika, Asien und Lateinamerika grassieren.<br />
Welche nachhaltige Bewältigung der Welternährungskrise ist von Produktionssystemen zu erwarten, die 15 Kilokalorien an fossiler Energie verbrauchen, um eine Kilokalorie Nahrungsmittel zu produzieren? Damit wird zugleich der wichtigste Kritikpunkt an der oben erwähnten Nahrungsmittelverschwendung berührt. Die profitgetriebene Vernichtung von rund der Hälfte der für Supermärkte bestimmten Lebensmittel, bedeutet zugleich eine grandiose Energieverschwendung und somit einen bedeutsamen Beitrag zum Klimawandel. Dieser wiederum wirkt sich besonders gravierend auf die Ernährungssituation in den Hungerregionen der Welt aus. So wird die Dürrekatastrophe am Horn von Afrika, der Auslöser der derzeitigen akuten Hungerkrise, auch immer wieder als Folge des Klimawandels beschrieben.<br />
Welche möglichen Auswege zeichnen sich ab? Die einfache, aber in der heutigen Zeit schwer umzusetzende Antwort wären lokal angepasste, wissensbasierte agroökologische Systeme. Doch derartige Produktionsverfahren schaffen Unabhängigkeit vom globalen Agrobusiness und finden deshalb kaum Unterstützung durch die mächtigen Institutionen der Welt. Dabei wäre eine „zentrale“ Förderung diversifizierten Herangehens an die Lösung des Welternährungsproblems dringend notwendig. Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, fasste die Ergebnisse einer zur Jahreswende veröffentlichten Studie mit den Worten zusammen: „Öko-Anbau kann die Nahrungsmittelproduktion innerhalb von zehn Jahren verdoppeln.“ Damit meinte er nicht den zertifizierten Bioanbau für eine wohlhabende Mittelschicht des Nordens, sondern eine ressourcenschonende Ertragssteigerung mit anschließender lokaler Vermarktung in den Ländern des Südens, basierend auf ausgeklügelten ökologischen Methoden der Fruchtfolge, Schädlingsbekämpfung, Bodenverbesserung und organischen Düngung. Die Tragfähigkeit dieses Konzepts wurde inzwischen mit Hunderten von Feldversuchen in Afrika, Asien und Lateinamerika demonstriert. Solche Anbausysteme sind widerstandsfähiger gegen Einflüsse des Klimawandels und in der Lage, mit einer Kilokalorie fossiler Energie 10-15 Kilokalorien Nahrung auf die lokalen Märkte zu bringen. Selbst die FAO schätzt ein, dass jeder Dollar, der sinnvoll in die Landwirtschaft investiert werde, zehn Dollar an humanitärer Hilfe ersetzen könnte. Erforderlich ist also die Vervielfachung dieser Erfahrungen auf Graswurzelbasis – ein Prozess, der in nationalem Maßstab bislang lediglich in Kuba Fuß gefasst hat.</p>
<p><strong>Zahlen, bitte!</strong><br />
·	Knapp zwei Drittel aller Wasserreserven werden global von der Landwirtschaft verbraucht, die Industrie verbraucht ca. 20 Prozent.<br />
·	884 Millionen Menschen weltweit verfügen nicht über ausreichend sauberes Trinkwasser.<br />
·	2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu ausreichenden sanitären Anlagen.<br />
·	Zur Produktion von 1 kg Fleisch werden 10 kg Getreide benötigt. Für die Produktion von 1 kg Getreide werden 1.500 Liter Wasser benötigt.<br />
·	Der Nestlé-Konzern vertreibt 77 Wassermarken (u.a. Vittel, Contrex, Perrier und S. Pellegrino), hält damit 17 Prozent des globalen Wassermarkts und setzt damit ca. 6,2 Milliarden Euro um.</p>
<p>(Quellen: welthungerhilfe.de, wasserstiftung.de, wasser-und-mehr.de, zeit.de, ag-friedensforschung.de; Zusammenstellung: bew, Direkte Aktion)</p>
<p>Der Beitrag erschien in <a href="http://www.direkteaktion.org/208/hunger-katastrophe-protest-und-medienereignis">Direkte Aktion Nr.208 (Nov./Dez. 2011)</a></p>
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