<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?> <rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/" xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/" xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/" ><channel><title>Welt-Ernährung &#187; Agrotreibstoff</title> <atom:link href="http://www.welt-ernaehrung.de/tag/agrotreibstoff/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" /><link>http://www.welt-ernaehrung.de</link> <description>Den Ursachen des Hungers auf der Spur.</description> <lastBuildDate>Wed, 11 Jan 2012 04:53:53 +0000</lastBuildDate> <language>en</language> <sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod> <sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency> <generator>http://wordpress.org/?v=</generator> <item><title>Naturschutz im Spannungsfeld</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/#comments</comments> <pubDate>Tue, 15 Nov 2011 09:34:36 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität/Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Biodiversität]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=667</guid> <description><![CDATA[Naturschutz im Spannungsfeld]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Kommentierte <a href="http://www.welt-ernaehrung.de/wp-content/uploads/2011/11/Naturschutz-im-Spannungsfeld.pdf">Präsentation</a> zu einem am 10. November 2011 im Rahmen des <a href="http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=95&#038;Itemid=169&#038;lang=de">Wuppertaler Nord-Süd-Kolloquiums</a> gehaltenen Vortrag.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2011/11/15/naturschutz-im-spannungsfeld/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Mexiko: Klimawandel, Landwirtschaft und Menschenrechte</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/12/02/mexiko-klimawandel-landwirtschaft-und-menschenrechte/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/12/02/mexiko-klimawandel-landwirtschaft-und-menschenrechte/#comments</comments> <pubDate>Thu, 02 Dec 2010 00:56:46 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Lateinamerika]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Klimawandel]]></category> <category><![CDATA[Landkonflikt]]></category> <category><![CDATA[Migration]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=467</guid> <description><![CDATA[Von Peter Clausing Klimawandel und Landwirtschaft Nach Einschätzungen des Weltklimarates (IPCC) wird in Mexiko der Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche bis zum Jahr 2050 zwischen 13 und 27 Prozent betragen. Eine düstere Perspektive mit Blick auf das völkerrechtlich garantierte Recht auf Nahrung wie es unter anderem im Pakt über zivile und politische Rechte (Artikel 6) und [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><em>Von Peter Clausing</em></p><p><strong>Klimawandel und Landwirtschaft</strong></p><p>Nach Einschätzungen des Weltklimarates (IPCC) wird in Mexiko der Verlust an landwirtschaftlicher Nutzfläche bis zum Jahr 2050 zwischen 13 und 27 Prozent betragen. Eine düstere Perspektive mit Blick auf das völkerrechtlich garantierte Recht auf Nahrung wie es unter anderem im Pakt über zivile und politische Rechte (Artikel 6) und im Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Artikel 11 und 12) zugesichert ist. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind vor allem jene 40 Millionen Mexikaner, die mit weniger als drei Dollar pro Tag auskommen müssen – eine Zahl, die die 7,5 Millionen mexikanischen Indigenas nahezu vollständig einschließt.</p><p>Rund ein Viertel der rund 100 Millionen Einwohner Mexikos haben bereits jetzt unter den Folgen extremer Wettererscheinungen zu leiden. Während der Südosten in letzter Zeit regelmäßig von Überschwemmungen infolge der häufiger auftretenden Hurrikane heimgesucht wird, gibt es in anderen Teilen dieses Landes, das ungefähr fünfmal so groß ist wie die Bundesrepublik, ausgedehnte Dürreperioden. Die Hälfte der Fläche Mexikos, fast 100 Millionen Hektar, weist Bodendegradation oder Erosion auf – Auswirkung von Klimaveränderung und veränderter Landnutzung. Eine im August veröffentlichte <a href="http://www.pnas.org/content/107/32/14257.full.pdf" target="_blank">Studie</a> der Princeton Universität (USA) schätzt, dass sich die Migration aus Mexiko aufgrund klimabedingter Ernteausfällen in den nächsten Jahrzehnten kumulativ um sechs bis sieben Millionen Menschen erhöhen dürfte – zusätzlich zu der ohnehin seit Jahren stattfindenden Auswanderung aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Misere.</p><p>Ein wichtiger Grund für Bodendegradation und Erosion in Mexiko ist der überdurchschnittlich hohe Waldverlust. Als Folge einer Kombination von Abholzung, gelegten und natürlichen Waldbränden &#8211; letztere verstärkt durch klimawandelbedingte Trockenperioden &#8211; betrug der jährliche Waldverlust in den vergangenen 35 Jahren 0,6 Prozent (bzw. 1,1 Prozent von 1990 bis 2000). Die Vegetationsdecke reduzierte sich von 1970 bis 2005 um 18 Millionen Hektar – eine Fläche, die mehr als dem Anderthalbfachen der ehemaligen DDR entspricht.</p><p>Ein Fall, bei dem die rücksichstlose Abholzung einer ganzen Region zu Missernten und Mindererträgen führte, befindet sich in der Region <em>Sierra de Petatlán y Coyuca de Catalán</em> im mexikanischen Bundesstaat Guerrero, wo allein zwischen 1992 und 2000 etwa 40 Prozent der dortigen Waldfläche, 86.000 Hektar, verloren gingen. Die Verwüstungen, die vor allem auf das Konto des US-amerikanischen Holzkonzerns “Boise Cascade” gingen, wurden seitens der betroffenen Bäuerinnen und Bauern, damit beantwortet, dass sie sich in der Organisation OCESP (<em>Organización de Campesinos Ecologistas de la Sierra de Petatlán y Coyuca de Catalán</em>) zusammenschlossen.</p><p><strong>Menschenrechtsverletzungen</strong></p><p>Rodolfo Montiel und Teodoro Cabrera, über die nachfolgend noch die Rede sein wird, waren Mitbegründer von OCESP.  Eine entsprechende Konzession zur Abholzung vergab der damalige Gouverneur des Bundesstaates Guerrero, Rubén Figueroa, an die US-amerikanischen Firma “Boise Cascade”. Die Mitglieder von OCESP protestierten gegen die Abholzung der Wälder in ihren Heimatregionen, durch die ihre Flüsse austrockneten, was aufgrund des Wassermangels entsprechende Ertragseinbußen nach sich zog. Als ihre Petitionen und Proteste nicht fruchteten, gingen sie zu Wegblockaden über und erreichten schließlich, dass “Boise Cascade” die Region verließ.</p><p>Parallel zu diesem Geschehen setzten die Repressionen gegen diese Basisinitiative ein. „Der Protest gegen die Entwaldung greift die ökonomischen Vereinbarungen der lokalen Machthaber zur Abholzung an. Dies hatte die andauernde Verfolgung der Proteste der Campesinos Ecologistas durch Polizei und Militär zur Folge. Die Campesinos Ecologistas (Ökobauern) durchliefen alle instiutionellen Ebenen, um sich gegen die Abholzung zu wehren. Auf ihre Anfragen erhielten sie keine Antworten – die Reaktion bestand aus Repression, Verfolgung und Festnahmen“, gab Silvestre Pacheco, Umweltaktivist in Guerrero, im Interview mit der <em><a href="http://www.mexiko-koordination.de/de/ressourcen/cat_view/44-dokumentederkoordination.html?start=10" target="_blank">Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko</a></em> am 28. Oktober 2008 zu Protokoll.</p><p>Für Rodolfo Montiel und Teodoro Cabrera bedeutete das 1999 willkürliche Festnahme, Folter und die fälschlich Beschuldigung illegalen Waffenbesitzes. Nach zweijähriger Haft wurden sie aufgrund nationaler und internationaler Proteste im Jahr 2001 freigelassen – freigesprochen wurden sie bis heute nicht. Folglich erhielten sie keine Entschädigung. Weder die Täter noch die geistigen Urheber dieser Menschenrechtsverletzungen &#8211; unter ihnen Militärangehörige &#8211; wurden zur Rechenschaft gezogen. Der mexikanische Staat weigert sich bis heute, den Aktivisten Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen und ihre Unschuld anzuerkennen. Deshalb wird ihr Fall momentan vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt, wo Rodolfo Montiel am 26. August 2010 seine Aussagen machte. Montiel und Cabrera waren nicht die einzigen OCESP-Aktivisten, die Repressionen erleiden mussten. Auch Felipe Arreaga war monatelang willkürlich inhaftiert (2004/2005). Seine Frau, Celsa Valodvinos, wurde bedroht. Und zwei Kinder von Albertano Peñaloza Dominguez wurden im Jahr 2005 umgebracht.</p><p><strong>Regierungsrhetorik und Geschäftsbeziehungen</strong></p><p>Der oben geschilderte Fall – wenngleich ein besonders prominenter,  leider nur einer von vielen in Mexiko &#8211; steht in starkem Kontrast zur aktuellen Rhetorik der mexikanischen Regierung, sich an dem von den Vereinten Nationen unterstützten REDD-Programm (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) beteiligen zu wollen. Dies mag in weltpolitischem Kontext attraktiv erscheinen, zumal Beobachter des Klimagipfels in Cancún nicht allzu viel konkrete Ergebnisse erwarten, am ehesten noch die Verabschiedung eines Abkommens zum Schutz der Urwälder, allerdings auf der Basis eines marktgesteuerten Instrumentariums. Das REDD-Programm ist ein Vorläufer dieses Instruments zum Schutz von “CO2-Senken”. Doch eine Reihe von Regierungen des Südens, allen voran Bolivien, sowie zahlreiche Basisinitiativen kritisieren das marktgesteuerte Programm vor allem deshalb, weil es mit den spekulativen Märkten des Emissionshandels und der Veräußerung traditioneller Bodenrechte verknüpft ist. Die “Weltkonferenz der Völker über den Klimawandel und die Rechte von Mutter Erde”, an der im April in Bolivien 45.000 Vertreterinnen und Vertreter aus 136 Ländern teilnahmen, haben sich aus eben diesen Gründen markant gegen das REDD-Programm ausgesprochen und einen Alternativvorschlag formuliert, den sie auf der angelaufenen Klimakonferenz einbringen werden.<br /> In den Industrieländern wird suggeriert, dass die Klimakrise ohne grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, allein mit technisch-organisatorischen Lösungen in den Griff zu bekommen sei. Die Folge ist, neben der Verletzung der obengenannten Menschenrechte, eine unmittelbare Beeinträchtigung der Lebensgrundlage von jenen Teilen der Bevölkerung, auf deren Grund und Boden die alternativen Energien gewonnen werden. In fast allen Fällen geht es um Landrechte, denn die Nutzung alternativer Energien ist mit einem entsprechenden Flächenbedarf verknüpft. Dabei dienen diese Technologien oftmals der “CO2-neutralen” Stillung des Energiehungers der Industrieländer – erinnert sei an das Solarstromvorhaben DESERTEC in Mauretanien und Mali. Auch in Mexiko werden solche Technologien installiert, was bestimmten “Exportnationen” neue Wertschöpfungsmöglichkeiten bietet. Ausdruck dessen war unter anderem die erste “Unternehmerreise” der deutschen Energiewirtschaft nach Mexiko, die vom 12. bis 20. Juni 2010 stattfand. Darüber hinaus kündigte die Europäische Investitionsbank am 5. Mai an, dass sie sich mit 78,5 Millionen Euro am Bau der Windkraftanlage “La Venta III” in Santa Domingo Ingenio im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca beteiligen wird. Gleichartige Projekte in der Nähe von “La Venta III” waren Ziel von Protesten seitens der lokalen Bevölkerung. Dazu zählen der bereits in Betrieb befindliche Windpark “La Venta II” und der Eurus Windpark, der von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mitfinanziert wird. Ähnlich wie beim Eurus Windpark, dessen Hauptabnehmer der transnationale Zementkonzern CEMEX sein wird, kommt die in solchen Anlagen erzeugte Energie der örtlichen Bevölkerung kaum zugute. Seit 2004 fördert die mexikanische Regierung darüber hinaus Palmölplantagen, deren negative ökologische und soziale Folgen hinlänglich bekannt sind. Inzwischen gibt es davon allein in Chiapas 44.000 Hektar, mit dem Ziel, dort bis 2012 die 100.000-Hektar-Marke zu überschreiten. Langfristig sind 900.000 Hektar angepeilt. Die Europäische Union förderte die Errichtung dieser Plantagen im Rahmen des PRODESIS-Projekts (2004-2007). Die erwähnte „erste deutsche Unternehmerreise der Energiewirtschaft nach Mexiko” folgte diesem Trend und integrierte das Thema Agrotreibstoffe in ihr Programm.</p><p>Querverweise:</p><p><a href="http://www.mexiko-koordination.de/de/ressourcen/cat_view/44-dokumentederkoordination.html" target="_blank">Factsheet &#8220;Klimawandel&#8221; der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko</a></p><p>Schwerpunktseite der junge Welt vom 27.11.2010:<br /> <a href="http://www.jungewelt.de/2010/11-27/023.php" target="_blank">Verschleppt und gefoltert</a><br /> <a href="http://www.jungewelt.de/2010/11-27/022.php" target="_blank">Neuer Anlauf</a></p><p>Hintergrundbeitrag auf amerika21.de vom 1.12.2010:<br /> <a href="http://amerika21.de/analyse/17488/klimaverhandlungen-cancun" target="_blank">Wo Klimaschutz verhandelt wird, werden die Menschenrechte mit Füßen getreten</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/12/02/mexiko-klimawandel-landwirtschaft-und-menschenrechte/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Schönredner bei der FAO</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/#comments</comments> <pubDate>Thu, 05 Aug 2010 03:38:47 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Afrika]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Nahrungskrise]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=438</guid> <description><![CDATA[Aus: land &#038; wirtschaft, junge Welt-Beilage vom 04.08.2010 von Peter Clausing Landnahme durch private Investoren in Afrika und Lateinamerika erreicht dramatische Dimensionen. UN-Ernährungsorganisation, Weltbank und Entwicklungspolitiker betonen »Chancen« »Man muß kein Bauer sein, um mit Ackerland Geld zu verdienen«, hieß es in einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 11. Februar 2010, der sich mit [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Aus: land &#038; wirtschaft, <em>junge Welt</em>-Beilage vom 04.08.2010<br /> von Peter Clausing</p><p>Landnahme durch private Investoren in Afrika und Lateinamerika erreicht dramatische Dimensionen. UN-Ernährungsorganisation, Weltbank und Entwicklungspolitiker betonen »Chancen«</p><p>»Man muß kein Bauer sein, um mit Ackerland Geld zu verdienen«, hieß es in einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 11. Februar 2010, der sich mit einem Trend beschäftigte, über den in den letzten zwei Jahren viel geschrieben und diskutiert wurde, ohne daß es seither zu einer Trendwende gekommen ist. Die Rede ist von der rasanten Aneignung des Produktionsmittels Boden durch Investoren und – seit der Preisexplosion im Nahrungsmittelbereich 2008 – durch finanzstarke Länder mit prekärer Eigenversorgung, international unter dem Begriff Land Grabbing bekannt. Die Berichterstattung in den Medien vermittelt den Eindruck, daß es vor allem die Regierungen Chinas, Südkoreas und der Golfstaaten seien, die diese Landumverteilung vorantreiben. Eine repräsentative Analyse des Londoner International Institute for Environment and Development (IIED) zeigte aber am Beispiel von Äthiopien, Ghana, Madagaskar und Mali, daß dort 90 Prozent der Flächen an private Investoren vergeben wurden. Auch in anderen Ländern dürften Privatkäufer dominieren. Insgesamt wurden laut Schätzungen der in Spanien ansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN von 2006 bis Herbst 2009 zwischen 22 und 50 Millionen Hektar Land in Ländern des Südens gekauft oder gepachtet. Das entspricht einem Viertel bis der Hälfte der Ackerfläche der Europäischen Union.</p><p><strong>Neokolonialismus</strong></p><p>Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung ist das Profitstreben der Investoren. Eine Binsenweisheit, die an dieser Stelle wiederholt wird, um an das damit verbundene Potential an krimineller Energie zu erinnern, zumal genau dies beispielsweise von der Welternährungsorganisation (FAO) schöngeredet wird. FAO, Weltbank, die staatliche und staatsnahe deutsche Entwicklungshilfe und andere erkennen bei diesen Transaktionen zwar Risiken, halluzinieren aber gleichzeitig »Chancen« für die ländliche Bevölkerung des Südens. So schlagen Weltbank und FAO allen Ernstes vor, die Ernährung der ländlichen Bevölkerung im globalen Süden durch die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Verpackungsindustrie zu sichern. Die Werbesprüche auf den Websites der Investmentfonds zeigen deutlich, worum es geht: »Die rasant wachsende Weltbevölkerung, Land- und Wasserknappheit– all das sind Punkte, die für überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen«, frohlockt etwa die zur Deutschen Bank gehörende Fondsgesellschaft DWS. Besonders vielversprechend für die Anleger ist dabei die kontinuierlich zunehmende Flächenkonkurrenz zwischen Nahrungsmittel- und Agrotreibstoffproduktion, die die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt in die Höhe treibt.</p><p>Was Almuth Ernsting von der britischen »Biofuelwatch«-Kampagne vor drei Jahren voraussah, ist inzwischen bittere Realität. Damals schrieb sie: »Karten, Länder und Kontinente werden in ›Gebiete‹ eingeteilt, die darlegen, für welche unterschiedlichen Monokultur-Plantagen sie ›passend‹ sind. (…) Weiden und ertragsgeringe Agrarflächen werden für Effizienz und Treibstoffproduktion geopfert. Experten nehmen wenig Rücksicht auf ›soziale Faktoren‹ wie die lästige Tatsache, daß das Land vielleicht das Zuhause von Millionen Menschen ist.« Laut FIAN, einer NGO, die sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt, leben allein in Afrika südlich der Sahara 60 Millionen Nomaden, deren Weideland zu diesen Flächen zählt. Ernsting fährt in ihrem 2007 publizierten Text fort: »Die Karten zeigen eine furchterregende Ähnlichkeit zu denen, die die Europäer während des ›Gerangels um Afrika‹ 1880 gezeichnet haben. Mit wissenschaftlicher Billigung, Unterstützung von den Regierungen, vielen NGOs und der UNO werde neue Partnerschaften zwischen der Biotech-Industrie, Ölfirmen und Agrarkonzernen geschlossen. Diese investieren Milliarden von Dollar, zuversichtlich, daß ihnen der Zugang zu Land und die Kontrolle der Versorgungsketten sicher sind.«</p><p>Dementsprechend beeilen sich die Regierungen von Ländern des Südens mit der Schaffung neuer Gesetze, um den Bedürfnissen der Planer und Investoren gerecht zu werden und die gewünschten Handlungsspielräume zu schaffen. Vorreiter war Mexiko, das im Zuge seiner neoliberalen Reformen bereits Anfang der 1990er Jahre die verfassungsmäßigen Hürden für die Privatisierung von Gemeindeland beseitigt und damit die Grundlage für Landkäufe bzw. -nutzungen auch durch ausländische Investoren geschaffen hatte. In Madagaskar gibt es seit 2008 ein Gesetz, das ausländischen Investoren erlaubt, große Landflächen bis zu 99 Jahr lang, zu pachten. Auf den Philippinen bemüht man sich um eine Verfassungsänderung, die ausländischen Investoren das 100prozentige Eigentum an erworbenem Land ermöglichen soll.</p><p>Selbst den Institutionen des politischen Mainstreams wird angesichts der Dynamik des Prozesses mulmig. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), das Londoner IIED und andere zählen in ihren Arbeitspapieren alle wesentlichen mit dem Land Grabbing verbundenen Risiken auf. Gleichzeitig weist das IIED den Begriff jedoch vehement zurück, weil dies den angeblichen Chancen, die mit dem euphemistisch als »Auslandsdirektinvestition« bezeichneten Landraub verbunden sind, nicht gerecht würde. Die vom IIED und anderen Institutionen identifizierten »Entwicklungschancen« bestehen in der Produktivmachung vermeintlich ungenutzter Flächen, in der Schaffung von Arbeitsplätzen, im angeblichen Technologietransfer in die Landwirtschaft des »Gastgeberlandes« und in der Miternährung von dessen Bevölkerung.</p><p>Dabei schreien die Risiken, allen voran die Zerstörung der Umwelt durch industriemäßige Landwirtschaft und die Vertreibung lokaler Gemeinschaften, förmlich nach einem globalen Moratorium für große Landtransaktionen. Doch das Rezept der offiziellen Politik besteht in der Propagierung freiwilliger Selbstverpflichtungen, auf deren Basis Agrarkonzerne und Finanzinstitutionen von einer profit- und spekulationsorientierten Gewinnmaximierung Abstand nehmen sollen.</p><p><strong>Folgenlose Analysen</strong></p><p>Bei der Weltbank ist es zudem gängige Praxis, kritische Einschätzungen und die formulierten Politikempfehlungen voneinander zu entkoppeln. Ihr jüngster Bericht, dem Vernehmen nach der bislang umfassendste zu diesem Thema, zeichnet ein ernüchterndes Bild bezüglich der propagierten Chancen. Der Entwurf des Reports, der im August veröffentlicht werden soll, wurde vergangene Woche der Financial Times zugespielt. Deren am 27.Juli erschienenem Bericht zufolge konzentrierten sich die Investoren auf Länder mit schwacher Landgesetzgebung, und die im Zusammenhang mit den Landkäufen versprochenen Arbeitsplätze und Infrastrukturinvestitionen blieben weitestgehend aus. Im Report der Weltbank wird deshalb Spekulation als das Schlüsselmotiv für diese Transaktionen identifiziert. Wenn von den neuen Eigentümern überhaupt Steuern gezahlt würden, seien diese niedriger als die von den Kleinbauern entrichteten. Die in den freiwilligen Richtlinien der FAO und anderer Institutionen empfohlenen Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung waren schwach und oberflächlich und in einigen Ländern mit Rechtsverletzungen verbunden. Häufig entstanden Landrechtkonflikte. Bemühungen, die Investitionen in eine breitere Entwicklungsstrategie des »Gastgeberlandes« einzubinden, gab es so gut wie nie.</p><p>Unbeschadet dieser katastrophalen Bilanz setzt die Weltbank auf eine »Land Transparancy Initiative« dem Vorbild der »Extractive Industry Transparency Initiative« (EITI) der Bergbauindustrie. Acht Jahre nach ihrem Start wurde EITI indes lediglich von drei Ländern, nämlich Aserbaidschan, Liberia und Osttimor umgesetzt. Ein weiteres Problem ist, daß eine solche Initiative nur finanzielle Aspekte erfaßt. Umweltfragen und solche der Ernährungssouveränität bleiben außen vor. Ein globales Moratorium für großflächige Landtransaktionen – so lange, bis sanktionierbare »minimale Menschrechtsprinzipien« eingeführt worden sind, wie sie von Olivier de Schutter, UNO-Berichterstatter für das Recht auf Ernährung, gefordert werden – wären deshalb das Gebot der Stunde.</p><p>URL: http://www.jungewelt.de/beilage/art/2384</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/08/05/schonredner-bei-der-fao/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Presserat rügt Daimler und Bayer wegen getarnter Jatropha-Werbung</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/31/presserat-rugt-daimler-und-bayer-wegen-getarnter-jatropha-werbung/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/31/presserat-rugt-daimler-und-bayer-wegen-getarnter-jatropha-werbung/#comments</comments> <pubDate>Mon, 31 May 2010 08:00:03 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Im Norden]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Bayer Health Care]]></category> <category><![CDATA[Daimler]]></category> <category><![CDATA[Jatropha]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=410</guid> <description><![CDATA[Kostenloser Artikel auf LifeGen.de Daimler und Bayer wollten Medien foppen &#8211; und kassieren öffentliche Rüge Der Deutsche Presserat hat heute einen Verstoß der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung (SZBZ) gegen den Pressekodex festgestellt. Von den vier möglichen Sanktionsmöglichkeiten wurde die schärfste (&#8220;öffentliche Rüge mit Abdruckverpflichtung&#8221;) verhängt. Der Presserat hatte sich auf Antrag der Coordination gegen BAYER-Gefahren mit [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Kostenloser Artikel auf <a href="http://www.lifegen.de/newsip/shownews.php4?getnews=m2010-05-31-2419&#038;pc=s02">LifeGen.de</a></p><p><strong>Daimler und Bayer wollten Medien foppen &#8211; und kassieren öffentliche Rüge</strong></p><p>Der Deutsche Presserat hat heute einen Verstoß der Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung (SZBZ) gegen den Pressekodex festgestellt. Von den vier möglichen Sanktionsmöglichkeiten wurde die schärfste (&#8220;öffentliche Rüge mit Abdruckverpflichtung&#8221;) verhängt. Der Presserat hatte sich auf Antrag der Coordination gegen BAYER-Gefahren mit dem am 5. Februar erschienenen Artikel &#8220;Grundstoff für Biodiesel-Produktion&#8221; befasst. Darin wird ein Projekt der Firmen Daimler und Bayer zum Anbau der ölhaltigen Pflanze Jatropha in Indien vorgestellt. Als Autor wird SZBZ-Redakteur Werner Eberhardt genannt. Peinlich für die PR-Profis beider Konzerne: Einen Tag zuvor war der Artikel jedoch wortgleich auf der Homepage der Daimler AG erschienen. Als Copyright wurde angegeben &#8220;Daimler AG. Alle Rechte vorbehalten&#8221;.</p><p>Da die Veröffentlichung in der SZBZ nicht als Anzeige gekennzeichnet war, verstößt der Abdruck gegen Ziffer 7 des Pressekodex (&#8220;Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken&#8221;).</p><p>Philipp Mimkes, Beschwerdeführer der Coordination gegen BAYER-Gefahren: &#8220;Der Anbau von Pflanzen für die Herstellung von Biodiesel führt zu einer wachsenden Konkurrenz um Anbauflächen und Wasser. Nicht zuletzt der Weltagrarbericht nennt nachwachsenden Treibstoff eine Bedrohung für die Ernährungssicherheit. Es ist daher nicht hinzunehmen, dass die Redaktion der Sindelfinger Zeitung bei einem solch sensiblen Thema die Propaganda von Daimler und Bayer eins zu eins übernimmt.&#8221; Paul Russmann, Sprecher der Kritischen Daimler-Aktionäre, ergänzt: &#8220;Daimler nutzt seine Machtstellung als einer der größten Arbeitgeber der Region aus, um die lokale Presse mit unlauteren Werbemethoden zum verlängerten Arm der Öffentlichkeitsabteilung zu machen&#8221;.</p><p>Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) dokumentiert seit drei Jahrzehnten die Einflussnahme großer Unternehmen auf Medien und Berichterstattung. Der Firma Bayer gelingt es immer wieder, den Abdruck kritischer Berichte zu verhindern. Die Magazine Spiegel und Stern mussten nach kritischen Berichten mehr als zehn Jahre lang auf Anzeigen von Bayer verzichten; O-Ton aus der Zentrale des Chemie-Multis: &#8220;Damit die Jungs in Hamburg mal lernen, wer hier das Sagen hat&#8221;. Und nach einem Störfall in einem Bayer-Werk gelangte kürzlich ein Strategiepapier des Konzerns in die Öffentlichkeit, in dem empfohlen wird, kritische Medien zu &#8220;marginalisieren&#8221;. Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der CBG: &#8220;Die Wahrheit und die Interessen von Mensch und Umwelt bleiben bei dieser Art von Berichterstattung auf der Strecke.&#8221;</p><p><strong>Großkonzerne kapern Deutschlands Medien</strong></p><p>Sind in Deutschland die Medien über Umwege doch käuflich und beeinflussbar? Die Frage zu stellen erscheint nicht nur nach Bayer und Daimler legitim. Denn nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit haben die Konzerne BASF, Siemens und RWE einen direkten Einfluss auf den journalistischen Nachwuchs in Deutschland etabliert: Im Rahmen der &#8220;Initiative Wissenschaftsjournalismus&#8221; tragen sie zur Ausbildung und Fortbildung von Medienvertretern bei. &#8220;Mit dem Mentoringprogramm 2010 wollen die Partner jungen Wissenschaftlern den qualifizierten Einstieg in den Journalismus erleichtern&#8221;m heißt es dazu von der beteiligten TU Dortmund, und: &#8220;In neun Monaten absolvieren die Teilnehmer ein journalistisches Intensivtraining, zwei redaktionelle Praktika bei hochrangigen Medien sowie eine &#8220;freie&#8221; Recherchephase&#8221;. Die unter Beteiligung der BASF laufenden Aktion involvoert praktisch nahezu alle führenden Medien Deutschlands. Die SPIEGEL-Gruppe ist nicht dabei, während selbst die Deutsche Presseagentur (DPA) de facto unter Konsortialflagge der BASF die begehrten Praktika anbietet. Auch BAYER bildet Journalisten aus &#8211; auf Seminaren in der Medienstadt Hamburg.</p><p><strong>So heißt es in der Selbstdarstellung des Projekts:</strong></p><p>&#8220;Die Praktika werden von folgenden Wissenschaftsredaktionen angeboten: Deutschlandfunk, dpa, Focus, FAZ/FAS, Frankfurter Rundschau, GEO, Hessischer Rundfunk, NZZ, PM, Sächsische Zeitung, Spektrum der Wissenschaft, spektrumdirekt, Stern, Stuttgarter Zeitung, Süddeutsche Zeitung, SWR, VDI nachrichten, WELT, WDR, ZDF und ZEIT. Wahlweise ist auch eine Spezialisierung auf den Bereich Wissenschaftskommunikation durch Praktika bei Fraunhofer und Max-Planck-Gesellschaft sowie RWE und Siemens möglich&#8221;.</p><p>Die Aus- und Fortbildung der Journalisten wird zudem durch finanzielle Anreize begleitet. So stellt das ominöse Konsortium &#8220;Recherchestipednien&#8221; in Höhe von EUR 10.000 zur Verfügung.</p><p>Einen Interessenskonflikt zwischen den beteiligten Großkonzernen und der freien Presse sehen die Beteiligten nicht.</p><p><strong>Auch Bayer HealthCare gab Journalisten kostenlose Nachhilfe</strong></p><p>BASF ist kein Einzelfall. Auch der Pharmakonzern Bayer HealthCare bot Journalisten im Juli vergangenen Jahres einen kostenlosen Kurs an &#8211; um Themen zu finden. &#8220;Von den Fakten zur Story &#8211; Themen finden und platzieren&#8221; hieß die entsprechende Veranstaltung in der Hamburger Speicherstadt. Ohnehin erstaunlich, wie sehr sich der Konzern um den medialen Unterricht bemühte: &#8220;Im Mittelpunkt des Workshops steht die Themenfindung. Sie gehört zur täglichen Herausforderung von Journalisten. Wie können Sie spannende Themen recherchieren und in der wachsenden Informationsflut immer wieder neue Stories entwickeln? Und wie können Redakteure ihre Beiträge noch besser in den Redaktionen platzieren?&#8221;.</p><p>Wer sich als Journalist auf die PR-Aktion des Unternehmens einließ, kam zudem in den Genuss einer perfekten Rundum-Betreuung: &#8220;Fragen beantworten wir gerne unter der kostenfreien Service-Hotline 0800 2040020&#8243;.</p><p><strong>FOCUS und Evonik: Verschwimmende Grenze zur Corporate Communications PR?</strong></p><p>Wie sehr die Grenzen zwischen Firmen-PR und Journalismus verschwimmen, belegt das Nachrichtenmagazin FOCUS in der Ausgabe vom 22. März 2010. &#8220;Steckdose statt Zapfsäule&#8221; heißt eine Sonderbeilage, die weder als Anzeige, noch als Kundenzeitschrift deklariert ist. Das &#8220;Gemeinschafts-Spezial von FOCUS und Evonik&#8221; outet sich freilich bei näherem Hinsehen als PR-Coup des einst als Degussa bekannten Chemieriesen. &#8220;Aus der sächsischen Provinz starten der Essener Industriekonzern Evonik und die Daimler AG gemeinsam in das Wettrennen um das Auto der Zukunft&#8221;, heißt es dazu auf Seite 15 des &#8220;FOCUS-Spezial&#8221; &#8211; unabhängiger Wissenschaftsjournalismus sieht anders aus.</p><p>Dass die Offensive der Industrie fruchtet, belegt auch Bayer HealthCare mit einem aktuellen Angebot an die Medien. So heißt es in einem Rundschreiben der Abteilung für Corporate Communications: &#8220;Drei Dinge reichen aus, um Redakteure von einem guten Artikel zu überzeugen: ein passender Titel, ein spannender Anleser und eine ansprechende Illustration. Wenn diese Elemente gut aufeinander abgestimmt sind, wecken sie Aufmerksamkeit und begeistern den Leser für das Thema&#8221;. Als ob Journalisten minderbemittelte Schreiberlinge ohne Sinn für Themen und Hintergrundstories wären, bietet das Unternehmen seine Nachhilfe an:</p><p>&#8220;Mit der Frage, wie Sie eine Story mit den richtigen journalistischen Mitteln aufbereiten, beschäftigt sich Peter Linden in unserem diesjährigen viva.vita Redaktionsworkshop. Unsere nächste Station ist Leipzig. Journalisten die daran teilnehmen möchten, sollten sich mit dem beiliegenden Antwortfax schnell anmelden. Es sind nur noch wenige Plätze frei!&#8221;</p><p>Was Bayer HealthCare zu erwähnen vergaß: Unliebsame Medien, die beispielsweise über Medikamente des Konzerns berichten, die im Verdacht stehen, lebensbedrohliche Nebenwirkungen zu haben, konfrontiert Bayer gerne mit Klagedrohungen. Auch wir bei LifeGen.de machten im vergangenen Jahr mit dieser Art der Themenaufarbeitung von Bayer HealthCare Bekanntschaft &#8211; und freuten uns auf den angedrohten Prozess. In dem wir gerne, vor Gericht, auf die entsprechenden Medikamente sehr ausführlich eingegangen wären. Am Ende zog Bayer den beauftragten Anwalt zurück und entschuldigte sich für das &#8220;Missverständnis&#8221; telefonisch &#8211; ein von LifeGen.de erbetenes Interview zum pikanten Thema blieb bis heute aus.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/31/presserat-rugt-daimler-und-bayer-wegen-getarnter-jatropha-werbung/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Agrosprit, Hunger, Mehrverbrauch statt Effizienz</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/29/agrosprit-hunger-mehrverbrauch-statt-effizienz/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/29/agrosprit-hunger-mehrverbrauch-statt-effizienz/#comments</comments> <pubDate>Sat, 29 May 2010 08:00:43 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=397</guid> <description><![CDATA[Matthias Brake Im spanischen Sevilla ist die internationale Konferenz der Agrartreibstoffindustrie (World Biofuels 2010 [1]) zu Ende gegangenen. Dort wurden die Ausbaupläne und Wachstumshoffnungen der Agrartreibstoff-Produzenten vorgestellt [2]. 480 Millionen Hektar Land sollen bis 2045 für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden. Zum Vergleich: Die Gesamtfläche der Europäischen Union beträgt 430 Millionen Hektar. Weiterlesen auf [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Matthias Brake</p><p>Im spanischen Sevilla ist die internationale Konferenz der Agrartreibstoffindustrie (World Biofuels 2010 [1]) zu Ende gegangenen. Dort wurden die Ausbaupläne und Wachstumshoffnungen der Agrartreibstoff-Produzenten vorgestellt [2]. 480 Millionen Hektar Land sollen bis 2045 für den Anbau von Energiepflanzen genutzt werden. Zum Vergleich: Die Gesamtfläche der Europäischen Union beträgt 430 Millionen Hektar.</p><p>Weiterlesen auf <a href="http://www.heise.de/tp/blogs/2/147694">Telepolis</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2010/05/29/agrosprit-hunger-mehrverbrauch-statt-effizienz/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Kommentiert: »The Politics of Hunger« by Paul Collier</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/22/kommentiert-the-politics-of-hunger-by-paul-collier/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/22/kommentiert-the-politics-of-hunger-by-paul-collier/#comments</comments> <pubDate>Sat, 22 Aug 2009 00:00:02 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik]]></category> <category><![CDATA[Im Norden]]></category> <category><![CDATA[Industrielle Landwirt.]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Gentechnik-Lobby]]></category> <category><![CDATA[Grüne Revolution]]></category> <category><![CDATA[industrielle Landwirtschaft]]></category> <category><![CDATA[Monsanto]]></category> <category><![CDATA[Via Campesina]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=66</guid> <description><![CDATA[Innerhalb der letzten 12 Monate sind mehrere einflussreiche Publikationen der Befürworter von Gentechnik und industrieller Landwirtschaft erschienen Hier werfen wir einen Blick auf den ersten dieser Beiträge, den Walden Bello in seinem Text &#8220;The global food price crisis: A critique of orthodox perspectives“ als „Perhaps the most influential orthodox view on the causes, dynamics, and [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Innerhalb der letzten 12 Monate sind mehrere einflussreiche Publikationen der Befürworter von Gentechnik und industrieller Landwirtschaft erschienen Hier werfen wir einen Blick auf den ersten dieser Beiträge, den Walden Bello in seinem Text &#8220;The global food price crisis: A critique of orthodox perspectives“ als „Perhaps the most influential orthodox view on the causes, dynamics, and solution to the food price crisis“ bezeichnet (<a href="http://www.worldhunger.org/articles/09/editorials/bello.htm">http://www.worldhunger.org/articles/09/editorials/bello.htm</a>). Kaum überraschend, wird Colliers Beitrag vom World Food Program als Informationsquelle angeboten <a href="http://www.wfp.org/content/politics-hunger-foreign-affairs">(http://www.wfp.org/content/politics-hunger-foreign-affairs)</a>.</p><p>Der Text von <strong>Paul Collier</strong>, Ökonomie-Professor und Direktor des Center for the Study of African Economies an der Universität Oxford, erschien 2008 in der November-Ausgabe von <em>Foreign Affairs</em> mit dem Titel <strong>&#8220;The Politics of Hunger“</strong>.</p><p>In seiner Analyse ermittelt Collier drei Bedrohungen für die Welternährung: die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die US-Subventionen für Agrosprit (der dort fast ausschließlich aus Mais gewonnen wird) und die europäische Zurückhaltung bei der Nutzung von gentechnisch modifizierten (GM-) Sorten. Sein Lösungsvorschlag: Die rasche Ausdehnung der industriellen Landwirtschaft und sofortige Abschaffung der US-Subventionen für Agrosprit. Später dann (weil die Entwicklung einer neuen GM-Sorte etwa 15 Jahre in Anspruch<span> </span>nimmt) der große Befreiungsschlag: Gentechnik für alle und überall. Mit den ersten beiden Maßnahmen schlägt er vor Zeit zu schinden, bis die ultimative Lösung dann greift.</p><blockquote><p><em>The three policies &#8212; expanding large commercial farms, ending the GM-crop ban, and doing away with the U.S. subsidies on ethanol &#8212; fit together both economically and politically. Lifting the ethanol subsidies would probably puncture the present ballooning of prices. The expansion of commercial farms could, over the next decade, raise world output by a further few percentage points. Both measures would buy the time needed for GM crops to deliver on their potential (the time between starting research and the mass application of its results is around 15 years). Moreover, the expansion of commercial farming in Africa would encourage global GM-crop research on Africa-suited crops, and innovations would find a ready market not so sensitive to political interference.</em></p></blockquote><p>Collier&#8217;s Strategie wäre in ihrer Simplizität fast zu belächeln, würde dahinter nicht der bittere Ernst von Millionen Dollar u.a. der Melinda &amp; Bill Gates-Stiftung für eine &#8220;Neue Grüne (gentechnische) Revolution<span> </span>in Afrika&#8221; stehen. Zu den amüsanteren Passagen gehört seine Erklärung, worauf die europäischen Gegnerschaft zur Gentechnik zurückzuführen ist – auf einen tief sitzenden Antiamerkanismus. Den gordischen Knoten durchschlägt er mit &#8220;Opferbereitschaft&#8221;: einerseits müssen die amerikanischen Agrospritsubventionen geopfert werden, weil es aus seiner Sicht bessere Lösungen gibt …</p><blockquote><p><em>If the United States wants to run off of agrofuel instead of oil, then Brazilian sugar cane is the answer.</em></p></blockquote><p>… zum anderen als Zeichen des guten Willens gegenüber Europa &#8211; &#8220;Wir opfern etwas, also opfert auch Ihr etwas&#8221; &#8211; gebt Eure negative Einstellung zu GM-Sorten auf!</p><blockquote><p><em>One such message concerns the scope for international reciprocity. Although Americans are attracted to homegrown fuel, they are infuriated by the European ban on GM crops. They see the ban for what it is: a standard piece of anti-American protectionism. Europeans, for their part, cling to the illusory comfort of the ban on high-tech crops, but they are infuriated by the American subsidies on ethanol… the difficulties of reaching a deal on the mutual de-escalation of recent environmental follies is scarcely daunting: the United States would agree to scrap its ethanol subsidies in return for Europe&#8217;s lifting the ban on GM crops.</em></p></blockquote><p>Interessant ist der Vorschlag, wie die Herzen und Köpfe der Gentechnik-Gegner gewonnen werden könnten: Ausgehend von der Feststellung, dass Millionen anständiger Bürger, sowohl in den USA als auch in Europa, sich Sorgen um den globalen Hunger machen, beklagt er, dass viele dieser anständigen Bürger leider gleichzeitig der Kleinbauern-Romantik verfallen seien. Wenn diese erstmal begriffen haben, dass die Gentechnik die Probleme des globalen Hungers lösen kann, werden sie zu Gentechnikbefürwortern konvertieren, wobei ähnlich wie in anderen Publikationen dieser Art, „Gentechnik“ und „wissenschaftliche Landwirtschaft“ synonym verwendet werden.</p><blockquote><p><em>How might the romantic hostility toward commercial and scientific agriculture be countered politically? The answer is to educate the vast community of concern for the poorest countries on the bitter realities of the food crisis. In both the United States and Europe, millions of decent citizens are appalled by global hunger. Each time a famine makes it to television screens, the popular response is overwhelming, and there is a large overlap between the constituency that responds to such crises and the constituency attracted by the idea of preserving organic peasant lifestyles. The cohabitation of these concerns needs to be challenged. Many people will need to agonize over their priorities. Some will decide that the vision articulated by Prince Charles is the more important one: a historical lifestyle must be preserved regardless of the consequences. But however attractive that vision, these people must come face-to-face with the prospect of mass malnutrition and stunted children and realize that the vital matter for public policy is to increase food supplies. Commercial agriculture may be irredeemably unromantic, but if it fills the stomachs of the poor, then it should be encouraged.</em></p></blockquote><p>Wenn es Collier bzw. der Gentechnik-Lobby gelingen sollte, einem Teil der entpolitisierten Gutmenschen diesen Unfug unterzujubeln, könnten tatsächlich einige von ihnen zur Gentechnik &#8220;bekehrt&#8221; werden.</p><p>Im Rest des knapp 12-seitigen Beitrags geißelt er vor allem die &#8220;Kleinbauern-Romantik&#8221;, wobei es ihm unter völliger Ausblendung der großen sozialen Bewegungen wie MST und Via Campesina um den Biobauern Prince Charles und die „Liebesaffäre der Mittel- und Oberschicht mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft geht.</p><blockquote><p><em>The first giant that must be slain is the middle- and upper-class love affair with peasant agriculture. With the near-total urbanization of these classes in both the United States and Europe, rural simplicity has acquired a strange allure. Peasant life is prized as organic in both its literal and its metaphoric sense. (Prince Charles is one of its leading apostles.) In its literal sense, organic agricultural production is now a premium product, a luxury brand. (Indeed, Prince Charles has his own such brand, Duchy Originals.) In its metaphoric sense, it represents the antithesis of the large, hierarchical, pressured organizations in which the middle classes now work. (Prince Charles has built a model peasant village, in traditional architectural style.) Peasants, like pandas, are to be preserved.</em></p></blockquote><blockquote><p><em>Although Monsanto, the main innovator in GM-seed technology, has undertaken never to market a seed that is incapable of reproducing itself, skeptics propagated a widespread belief that farmers will be trapped into annual purchases of &#8220;terminator&#8221; seeds from a monopoly supplier. Thus were laid the political foundations for a winning coalition: onto the base of national agricultural protectionism was added the anti-Americanism of the left and the paranoia of health-conscious consumers.</em></p></blockquote><p>Auch sonst strotzt der Beitrag vor Weisheiten. Hungeraufstände sind die Basis für die hässliche Wiederauferstehung populistischer Politik (<em>For centuries, sudden hunger in slums has provoked the same response: riots. This is the classic political base for populist politics, … , and the food crisis may provoke its ugly resurgence</em>), der Reichtum der westlichen Gesellschaften ist dem Unternehmergeist einer Minderheit zu verdanken (<em>In successful economies, entrepreneurship is a minority pursuit; most people opt for wage employment so that others can have the worry and grind of running a business</em>), große Firmen (wie Monsanto, K.P.) internalisieren bestimmte Verluste, die von der bäuerlichen Landwirtschaft der Gesellschaft aufgebürdet werden (<em>Large organizations can internalize the effects that in peasant agriculture are localized externalities</em>) und so geht es fort.</p><p><b>Quelle:</b></p><p>Klaus Pedersen, 22.08.2009<br /> URL: <a href="http://www.foreignaffairs.com/articles/64607/paul-collier/the-politics-of-hunger" target="_blank">http://www.foreignaffairs.com/articles/64607/paul-collier/the-politics-of-hunger</a></p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/08/22/kommentiert-the-politics-of-hunger-by-paul-collier/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Turbokolonialismus</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/04/28/turbokolonialismus/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/04/28/turbokolonialismus/#comments</comments> <pubDate>Tue, 28 Apr 2009 10:00:32 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Global]]></category> <category><![CDATA[Landraub/Landkonflikte]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Ernährungskrise]]></category> <category><![CDATA[Klimawandel]]></category> <category><![CDATA[Landkäufe]]></category> <category><![CDATA[Landnahme]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=39</guid> <description><![CDATA[Vor knapp einem Jahr eroberten Berichte über Hungeraufstände als Folge der explodierenden Lebensmittelpreise in den Ländern des Südens die Schlagzeilen. Allein von Januar bis Mai 2008 kam es in elf Ländern Afrikas, Asiens und der Karibik zu derartigen Revolten. Von den zum Teil gewaltsamen, vor allem aber gewaltsam unterdrückten Protesten wurde denen in Kamerun (Februar [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p>Vor knapp einem Jahr eroberten Berichte über Hungeraufstände als Folge der explodierenden Lebensmittelpreise in den Ländern des Südens die Schlagzeilen. Allein von Januar bis Mai 2008 kam es in elf Ländern Afrikas, Asiens und der Karibik zu derartigen Revolten. Von den zum Teil gewaltsamen, vor allem aber gewaltsam unterdrückten Protesten wurde denen in Kamerun (Februar 2008) und Haiti (April 2008) die meiste Beachtung geschenkt. Nach kurzer Zeit wurde das Thema durch die ersten Eingeständnisse einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise von den Titelseiten der Weltpresse verdrängt.</p><p>Die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind inzwischen wieder deutlich gesunken. Zum Beispiel wird von der Welternährungsorganisation der Preis für eine Tonne Mais mit 170 US-Dollar angegeben, gegenüber 240 Dollar im April vorigen Jahres. Ähnlich beim Weizen, für den die Weltmarktpreise vor zwölf Monaten rund 60 Prozent höher lagen. Deutet dies auf eine Entspannung im Ernährungssektor hin? Die Experten sagen nein. Man ist sich einig, daß die Welternährungssituation einer dramatischen Zuspitzung entgegensteuert. Daran ändert weder der Preissturz beim Erdöl etwas, noch das rezessionsbedingte Abflauen des Agrotreibstoffhypes. Sogar jetzt, bei gesunkenen Weltmarktpreisen, sind die lokalen Lebensmittelpreise in den meisten afrikanischen Ländern südlich der Sahara höher als vor einem Jahr (Branford 2009).</p><p>Doch konjunkturelle Entwicklungen sind für die Beurteilung langfristiger Trends ungeeignet. Zu diesen Faktoren bezüglich der Wirtschaftlage zählte der Einfluß der Energiekosten auf die Nahrungsmittelpreise, deren Verteuerung in den vergangenen zwei Jahren zu 15 bis 20 Prozent von der Verdopplung der Treibstoff- und der Verdreifachung der Düngemittelpreise (seit 2006) und anderer energieintensiver Inputs getrieben war. Vor allem aber hatte der Agrotreibstoffboom der Jahre 2007 und 2008 zur Preisexplosion bei den Lebensmitteln beigetragen. Wenn, wie in den USA im Jahr 2008, ein Drittel der Maisernte in den Autotanks landet, ergibt sich eine Verknappung, die dann als mexikanische »Tortillakrise« ihren Weg in die Schlagzeilen findet.</p><p>Als Faustregel gilt, daß sich das Geschäft mit den Agrotreibstoffen so richtig lohnt, wenn der Preis pro Barrel Rohöl die 100-Dollar-Marke überschreitet. Der Agrotreibstoffboom von 2008 hatte also eine deutlich spekulative Komponente. Doch das Geschäft damit wird auch aufgrund strategischer Überlegungen gefördert. Ein Geflecht staatlicher Subventionen sicherte bislang auch bei niedrigeren Ölpreisen die Überlebensfähigkeit der Branche, und zwar nicht nur als nette Geste gegenüber den Investoren. Die Stützungsgelder sind Teil eines langfristigen Konzepts der erdölimportierenden Länder. Inwieweit sich dies angesichts der allumfassenden Krise aufrechterhalten läßt, bleibt abzuwarten. Vom Steuerzahler finanziert und gern als Beitrag zum Klimaschutz verkauft, sind die Subventionen als Maßnahme zur Verringerung der Abhängigkeit bei den Energieträgerimporten gedacht sowie als technokratischer Lösungsansatz angesichts der Endlichkeit der fossilen Brennstoffe.</p><p><b>Ernteschäden durch Klimawandel</b></p><p>Im Ergebnis dieser politisch gewollten Entwicklung reduzierte sich von 2001 bis 2007 die Anbaufläche der acht größten Weizenexporteure um 8,4 Millionen Hektar zugunsten des Anbaus von Raps und Soja. Wäre dies nicht erfolgt, hätte das Schrumpfen der globalen Weizenvorräte zu einem Gutteil verhindert werden können.</p><p>Doch neben der von den Agrotreibstoffen ausgelösten Flächenkonkurrenz gibt es einen weiteren wesentlichen Faktor für die befürchtete Zuspitzung der Welternährungssituation: die prognostizierte Auswirkung des nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels auf die globale Nahrungsmittelproduktion. Modellrechnungen über den unmittelbaren Effekt von Hitzestreß (nicht zu verwechseln mit Dürre) auf die wichtigsten Feldfrüchte verweisen auf 2,5 bis 16 Prozent Ernteverlust pro Grad globaler Erwärmung. Veranschaulicht werden diese Modellrechnungen mit dem »Rekordsommer« 2003 in Westeuropa. In Frankreich und Spanien lagen Durchschnittstemperaturen von Juni bis August 3,6 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel – eine Erhöhung, die etwa den globalen Prognosen des Weltklimarats für die zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts entspricht. Mit anderen Worten, was im Jahr 2003 eine regionale Ausnahme war, wird dann zur weltweiten Regel. Während des besagten Rekordsommers starben in Westeuropa 52000 Menschen an Hitzschlag, und die Ernteverluste in Frankreich beliefen sich auf 36 Prozent bei Mais und 21 Prozent bei Weizen. Weitere Ernteausfälle durch den hitzebedingten Verlust an Bodenfeuchtigkeit (Dürre) und damit verbundener Erosion sowie Verluste an landwirtschaftlicher Nutzfläche infolge steigender Meeresspiegel kommen bei den globalen Szenarien hinzu. Die US-amerikanischen Naturwissenschaftler David Battisti und Rosamond Naylor verwendeten 23 globale Klimamodelle sowie die historischen Daten über Extremsommer der letzten 106 Jahre und gelangten so zu einer 90prozentigen statistischen Sicherheit ihrer Aussagen.</p><p>Derartige Prognosen könnten eine Erklärung für jene rasante Entwicklung liefern, deren erste Konturen 2007 erkennbar wurden und die inzwischen dramatische Ausmaße angenommen hat: eine globale Landnahme, deren rasantes Tempo den Begriff »Turbokolonialismus« suggeriert. Die in Barcelona ansässige, zu landwirtschaftlichen Themen arbeitende Nichtregierungsorganisation GRAIN veröffentlichte hierzu im Oktober 2008 ein Dossier, das eine umfassende Analyse zu dieser Problematik liefert. GRAIN führt die neue koloniale Eroberung, die aus Landkäufen oder langfristigen (bis zu 99 Jahre gültigen) Pachtverträgen besteht, auf zwei Motive zurück: Ernährungssicherheit in Ländern, die keine Selbstversorger sind, und Spekulationen, verbunden mit der Erwartung, daß die Preise für Nahrungsmittel und Agrosprit wieder steigen werden. Die Endlichkeit der Ölvorräte und die oben aufgezeigten Folgen des Klimawandels für die Welternährungssituation machen diese Landnahme zu einer »sicheren Wette« auf künftige Profite.</p><p>Die damit verbundenen Unsicherheiten – gravierende soziale Konsequenzen für die von der Landnahme betroffene Bevölkerung – wird man mit militärischen Mitteln zu kontrollieren versuchen. Ein Indiz dafür sind die Bemühungen um eine Intensivierung der »zivil-militärischen Zusammenarbeit« hierzulande wie anderswo. »Daß die Bundeswehr die Debatte um den Klimawandel aktiv vorantreibt, läßt erkennen, daß die Bundesregierung militärische Antworten zur Bewältigung seiner Folgen in Betracht zieht«, wird auf der Internetseite German-Foreign-Policy geschlußfolgert. Sie verweist darauf, daß ähnliche Überlegungen seit geraumer Zeit auch vom Auswärtigen Amt in Verbindung mit einer weltweiten Interventionsinitiative angestellt werden. »Als zulässige Interventionsgründe werden in diesem Zusammenhang auch Natur- und Umweltkatastrophen genannt.« Das Berliner Politikberatungsunternehmen Adelphi Consult, Mitgestalter mehrerer Konferenzen zu dieser Thematik, ist der Ansicht, daß Ressourcenverknappung und Umweltdegradation in den Entwicklungsländern zu Migrationsbewegungen in die westlichen Industriestaaten führen werden, mit der Folge einer gefährdeten »ethnischen Balance«, sozialer Spannungen bis hin zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Die Militarisierung der europäischen Außengrenzen (Frontex) liegt also voll im Trend.</p><p><b>Sicherung der Ernährungsbasis</b></p><p>Zurück zum Dossier von GRAIN. Als Länder, denen keine ausreichende eigene Ernährungsbasis zur Verfügung steht bzw. die dies für die Zukunft befürchten, verortet die Nichtregierungsorganisation Ägypten, China, Indien, Japan, Libyen, Südkorea und die Golfstaaten (Bahrain, Kuwait, Oman, Qatar, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate). Die Preisexplosion für Nahrungsmittel von 2007/2008 löste eine diplomatische Offensive aus, bei der sich hochrangige Politiker bemühen, mittels bilateraler Verträge den Zugang zu Ackerboden in anderen Ländern zu sichern. Langfristig sehen diese Länder darin eine Perspektive, um auf preisgünstige Weise die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Zu den Drittländern, die große Landflächen verkaufen oder verpachten, gehören sowohl Krisenregionen (z.B. Sudan) als auch solche mit eigenen Versorgungsproblemen (wie Kambodscha), ferner Schwellenländer (etwa Brasilien) und sogar Industriestaaten (z.B. Australien). Oftmals verwischen sich die beiden Hauptmotive der Landnahme (Sicherung der nationalen Ernährungsbasis bzw. Profiterwartungen), nämlich dann, wenn mit diplomatischen Mitteln die Voraussetzungen geschaffen werden und die Landnahme anschließend über private Investitionen erfolgt.</p><p>Summiert man die von GRAIN bis Oktober 2008 erfaßten Landkäufe und -verpachtungen, ergeben sich 22 Millionen Hektar (zum Vergleich: die landwirtschaftliche Nutzfläche der BRD umfaßt 19,1 Millionen Hektar). Danach wurden weitere Verträge abgeschlossen, wie jener über insgesamt 1,3 Millionen Hektar zwischen dem koreanischen Mischkonzern Daewoo und Madagaskar. Nur etwa zwei Drittel der rund 100 von GRAIN gelisteten Landgeschäfte enthalten Flächenangaben. Für den Rest sind nur Investitionssummen genannt – die Gesamtfläche des neuen globalen Landraubs ist also noch deutlich größer. Selbst der Generalsekretär der Welternährungsorganisation (FAO), Jacques Diouf, warnt davor, daß der Wettlauf um die Sicherung von bebaubarem Land zu einem neokolonialen System führen könne.</p><p>Teile dieser neoliberalen Landeroberung muten an wie ein großes Grund-und-Boden-Roulette: Während China über 1,6 Millionen Hektar gekauft bzw. geleast hat, pachten japanische Firmen Flächen in China. Ferner sind die Deutsche Bank und Goldman Sachs dabei, sich die chinesische Geflügelverarbeitung unter den Nagel zu reißen (bislang wurden 360 Millionen Dollar investiert). Ägypten, selbst das Ziel von Landeinkäufern aus Japan und den Golfstaaten, produziert künftig zwei Millionen Tonnen Weizen pro Jahr im Nordsudan. Darüber hinaus verhandelte Ägypten am 27. Juni 2008 auf ministerieller Ebene über die Verpachtung von 840000 Hektar Land in Uganda (nach Protesten in Uganda wurde die Flächenangabe dementiert, ohne daß eine andere Zahl genannt wurde). Nahezu grotesk wirkt es, wenn einer der größten Erölexporteure der Welt, Saudi-Arabien, Land pachtet, um Agrotreibstoffe zu produzieren. Aber genau dies ist Teil eines Deals mit Indonesien, bei dem es um die Nutzungsrechte für 1.6 Millionen Hektar Land geht.</p><p>Die meisten Verträge folgen einem immer wiederkehrenden Schema: Regierungsdelegationen bereiten das Terrain durch bilaterale Rahmenvereinbarungen vor, in denen Exportbeschränkungen für Nahrungsmittel beseitigt, gegebenenfalls diplomatische Vertretungen eingerichtet, die spätere Übernahme des Geschäfts durch private Unternehmen vereinbart und die Langfristigkeit der Vorhaben gesichert werden. Das ganze wird in den Medien als eine Sache vermarktet, bei der es ausschließlich Gewinner gibt. Ölreiche Länder gestalten diese Vorgänge nicht selten als Tauschgeschäft: Nahrungsmittel gegen Öl.</p><p><b>Hunger trotz guter Ernten</b></p><p>Ist es nicht eine vernünftige Sache, die multinationalen Agrarkonzerne wie Cargill, Archer Daniel Midlands oder Nestlé beim internationalen Agrarhandel auszubooten, um die Geschäfte direkt abzuschließen? Die Antwort könnte positiv ausfallen, wenn dies auf der Basis gleichberechtigter Beziehungen erfolgen würde. Doch solche Geschäfte, die nicht selten mit den korrupten Machthabern der ärmsten Länder abgeschlossen werden, unterliegen den eisernen Gesetzen der »freien« Marktwirtschaft und dem Bereicherungsdrang der Beteiligten. »Die internationalen Unternehmen haben alle Rechte eines Landeigentümers und können frei entscheiden, wem sie ihre Nahrungsmittel verkaufen wollen«, wird der Rechtsanwalt Stephen Barrister in einem Beitrag des australischen Daily Telegraph vom 7. März 2009 zitiert. In Ländern, die von der FAO im Jahr 2008 als Hochrisikoländer bezüglich der Ernährungssituation eingestuft wurden, findet ein zum Teil massiver Ausverkauf fruchtbaren Ackerlandes statt. Dazu zählen Äthiopien, Madagaskar und Mocambique. Auch der Sudan ist, wie bereits erwähnt, trotz der konfliktbedingten Hungerkrise beliebtes Objekt der Landspekulanten.</p><p>Die in München ansässige Firma FloraEcoPower hat sich bereits vor zwei Jahren über 10000 Hektar in der äthiopischen Region Oromia zur Produktion von Agrotreibstoffen gesichert. Dann titelt die Financial Times in ihrer Ausgabe vom 7. März 2009 »Saudis get first taste of foreign harvest« (Saudi-Arabien erhält einen ersten Geschmack von der ausländischen Ernte) und bezieht sich darauf, daß dem saudischen König Abdullah der erste in Äthiopien geerntete Reis in einer Zeremonie übergeben wurde. Während der Reis in Äthiopien gedieh, verteilte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen dort Nahrungsmittelhilfe an elf Millionen Menschen.</p><p>Der südkoreanische Daewoo-Konzern hatte sich Ende 2008 mit dem korrupten Präsidenten Madagaskars, Marc Ravalomanana, auf einen 99jährigen Pachtvertrag über 1,3 Millionen Hektar geeinigt, mehr als die Hälfte des fruchtbaren Landes der Insel. Laut FAO-Statistik sind 37 Prozent der Bevölkerung Madagaskars chronisch unterernährt; im Jahr 2008 erhielten 600 000 Menschen Nahrungsmittelhilfen aus dem Welternährungsprogramm. Folgerichtig spielte der Daewoo-Deal eine zunehmende Rolle bei den immer wieder aufflammenden und blutig unterdrückten Protesten gegen den Präsidenten, bei denen fast 200 Menschen von den Sicherheitskräften erschossen wurden. Nachdem Ravalomanana am 17. März von seinem Amt zurückgetreten war und sein Gegenspieler Andry Rajoelina mit Unterstützung der Armee und des Verfassungsgerichts das Präsidentenamt übernahm, erklärte letzterer, daß er den Vertrag mit Daewoo annullieren wolle. Ob damit einer der spektakulärsten Landraubversuche der Gegenwart gescheitert ist, bleibt abzuwarten. Am 18. März gab sich Daewoo zuversichtlich, daß auch die neue Regierung den abgeschlossenen Vertrag einhalten wird.</p><p>Befürchtungen anderer Art, die auch auf viele weitere Länder zutreffen, wurden in Pakistan laut. Ibrahim Mughal, Vorsitzender der pakistanischen Bauernvereinigung, äußerte im Oktober 2008 gegenüber der kuwaitischen Nachrichtenagentur KUNA die Sorge, das es zur Vertreibung Tausender Dorfbewohner kommen könnte, wenn die mit den ausländischen Investoren angebahnten Verträge umgesetzt werden sollten. Der »Board of Investment«, eine von der pakistanischen Regierung mit der Akquise von Auslandsinvestitionen beauftragte Institution, hat allein in der Provinz Punjab 2,7 Millionen Hektar ausgewiesen, die für die industrielle Landwirtschaft geeignet seien. Sollten diese Pläne Realität werden, sei mit der Vertreibung der Bewohner von bis zu 25 000 Dörfern zu rechnen, befürchtet Mughal.</p><p>Zu den rührigsten Akteuren der neuen globalen Landnahme gehören die Golfstaaten. Die Liste der Länder, mit denen sie Verhandlungen führen oder Verträge abgeschlossen haben, ist lang und reicht von Äthiopien über Australien, Burma, Indonesien, Jemen, Kambodscha, Laos, Marokko, Pakistan, Philippinen, Philippinen, Sudan, Tadschikistan und Thailand bis zu Vietnam. Die Vermutung liegt nahe, daß die weltweiten Hungeraufstände der Jahre 2007/2008 den Herrschern der Golfstaaten in die Glieder gefahren sind. Schließlich beträgt in diesen Ländern der Anteil der Wanderarbeiter an der Gesamtbevölkerung deutlich über 50, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind es sogar 80 Prozent. Die sozialen Unruhen bei einer Verknappung bzw. dramatischen Verteuerung der Lebensmittel könnten also erheblich sein.</p><p><b>China seit 20 Jahren dabei</b></p><p>China beherbergt 20 Prozent der Weltbevölkerung auf neun Prozent der globalen Landfläche. Durch den industriellen Boom der letzten zehn Jahre ist zusätzlich landwirtschaftliche Nutzfläche verlorengegangen. Deshalb überrascht es nicht, daß China zu den wichtigsten Ländern zählt, die sich an der neuen globalen Landnahme beteiligen. Die Volksrepublik hat mit dieser Politik schon sehr zeitig begonnen. Berichten zufolge gingen die ersten chinesischen »Offshore«-Farmen bereits 1989 in Betrieb. Damals handelte es sich um 43000 Hektar im neuseeländischen Queensland. Im Jahr 2003 gingen 7000 Hektar in Kasachstan unter Vertrag, und es wurden dort 3000 chinesische Bauern angesiedelt. Zu Mocambique wurde eine chinesische Investition von 1,2 Milliarden US-Dollar bekannt. In diesem Zusammenhang war die Rede von 10000 chinesischen Siedlern. Insgesamt hat China laut GRAIN mindestens 30 Verträge über eine Gesamtsumme von mehr als 50 Milliarden Dollar abgeschlossen, unter anderem mit Brasilien, Burma, Indonesien, Kamerun, Kuba, Laos, Mexiko, Philippinen, Rußland, Tansania, Uganda und Simbabwe.</p><p>Um so überraschender klingt eine am 4. März 2008 von Qian Keming, hochrangiger Beamter des chinesischen Landwirtschaftsministeriums, abgegebene Erklärung, China würde nicht danach drängen, im Ausland Landwirtschaft zu betreiben, und chinesische Firmen seien aufgrund der Sorgen über politische Risiken weniger aktiv (Reuters). In einigen Ländern lägen Mißverständnisse über die Auslandsaktivitäten chinesischer Firmen vor. Diese Firmen würden das nur aus Geschäftsgründen tun und nicht mit staatlicher Ermunterung in der Absicht, die Ernten nach China zu verschiffen. Diese Äußerungen wirken nahezu skurril, wenn man sich die 10,5 Milliarden Dollar vor Augen hält, die kürzlich Sinopec und die Chinese National Overseas Oil Corporation, zwei staatliche chinesische Ölfirmen, in Indonesien investierten, und dort Mais anzubauen, diesen in Agrosprit umzuwandeln und ihn dann nach China zu exportieren.</p><p>Aus den europäische Ländern sind es nahezu ausschließlich Investitionen privater Firmen. Man kann sicher davon ausgehen, daß die europäische Außenpolitik mit diversen bi- und mulitlateralen »Frei«handelsverträgen schon vor längerem die nötige Vorarbeit geleistet hat. Laut GRAIN wurden in Summe mehr als 2,5 Millionen Hektar unter Vertrag genommen. Die Hauptakteure sind die schwedischen Firmen Agro und Earth Farming, die mit 200000 bzw. 331000 Hektar in Rußland vertreten sind. Der in London ansässige Hedgefonds Capital hat sich, auf verschiedenste Länder verteilt, 1,2 Millionen Hektar unter den Nagel gerissen, und die russische Investmentbank Capital ihrerseits hat sich in der Ukraine 300000 Hektar zur Seite gelegt.</p><p>Die sozialen Aussichten für 2009 sind auch wegen der hier geschilderten Entwicklungen düster, während der »Turbokolonialismus« eingedenk des zu erwartenden Wiederanstiegs der Nahrungsmittelpreise wie ein Schlupfloch aus der weltweiten Rezession anmutet.</p><p><b>Fußnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Sue Branford: The G20’s Missing Voice, <a href="http://www.opendemocracy.net/article/the-g20-s-missing-voice" target="_blank">www.opendemocracy.net/article/the-g20-s-missing-voice</a></li><li>David S. Battisti/Rosamond L. Naylor: Historical Warnings of Future Food Insecurity with Unprecedented Seasonal Heat, in: Science, Heft 323 (2009);<br /> <a href="http://iis-db.stanford.edu/pubs/22374/battisti_naylor_2009.pdf" target="_blank">iis-db.stanford.edu/pubs/22374/battisti_naylor_2009.pdf</a></li><li><a href="http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57407" target="_blank">www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57407</a></li><li><a href="http://www.grain.org/briefings_files/landgrab-2008-en.pdf" target="_blank">www.grain.org/briefings_files/landgrab-2008-en.pdf</a></li><li>Klaus Pedersen: Die weltweiten Hungerrevolten (Food Riots) 2007/2008, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 76 (2008)</li><li>Reuters: China says not pushing to expand farming overseas; Reuters-Meldung vom 4.3.2009, siehe<br /> <a href="http://farmlandgrab.blogspot.com/2009_03_01_archive.html" target="_blank">farmlandgrab.blogspot.com/2009_03_01_archive.html</a></li><li>L. Wang: International Capital Taps into China’s Agricultural Sector, China Stakes vom 6.8.2008; <a href="http://www.chinastakes.com/story.aspx?id=576" target="_blank">www.chinastakes.com/story.aspx?id=576</a></li></ol></div><div class="infoframe">Von Klaus Pedersen zuletzt erschienen: Naturschutz und Profit. Menschen zwischen Vertreibung und Naturzerstörung, Unrast Verlag Münster, 140 Seiten, 13,80 Euro</div><p><b>Quelle</b><br /> Junge Welt vom 11.08.2009<br /> <i>Klaus Pedersen</i> · Mit freundlicher Genehmigung des Autors</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2009/04/28/turbokolonialismus/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Agrotreibstoffe</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/06/01/agrotreibstoffe/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/06/01/agrotreibstoffe/#comments</comments> <pubDate>Sun, 01 Jun 2008 12:00:16 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=145</guid> <description><![CDATA[Der ultimative Angriff auf die Ernährungssicherheit &#8220;Hungerrevolten&#8221; heißt das neue Schreckgespenst, das führende Politiker der Nordhalbkugel in Atem hält &#8722; Hungerrevolten in 20 Ländern1 aufgrund explodierender Grundnahrungsmittelpreise. Das hat soziale Instabilität mit den von der offiziellen Politik gefürchteten Auswirkungen zur Folge: Unsicherheit für Direktinvestitionen in den krisengeschüttelten Ländern, Zulauf für al-Qaida, erhöhter Migrationsdruck. &#8220;Wenn es [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><b>Der ultimative Angriff auf die Ernährungssicherheit</b></p><p>&#8220;Hungerrevolten&#8221; heißt das neue Schreckgespenst, das führende Politiker der Nordhalbkugel in Atem hält &minus; Hungerrevolten in 20 Ländern<sup>1</sup> aufgrund explodierender Grundnahrungsmittelpreise. Das hat soziale Instabilität mit den von der offiziellen Politik gefürchteten Auswirkungen zur Folge: Unsicherheit für Direktinvestitionen in den krisengeschüttelten Ländern, Zulauf für al-Qaida, erhöhter Migrationsdruck. &#8220;Wenn es zu einem Klassenkampf kommt, dann unterminiert das die Stabilität der Gesellschaft&#8221;, zitiert Bernd Musch- Borowska in einer ARD-Korrespondenz Ifzal Ali, den Chef-Ökonomen der Asiatischen Entwicklungsbank. In Ägypten, Indonesien und Pakistan wurde Militär eingesetzt, um Mehltransporte zu bewachen. Die bange Frage bei den hiesigen Politikern schließt sich an: Wird die &#8220;Festung Europa&#8221; standhalten? Die Explosion der Preise bei den Grundnahrungsmitteln ist zwar multifaktoriell bedingt, aber die Agrotreibstoff- Bonanza hat einen signifikanten Anteil daran. Dies ist umso problematischer, da zudem auch die Agrotreibstoffe, entgegen der offiziellen Propaganda, kaum einen Beitrag zur Reduzierung der CO<sub>2</sub>-Emissionen leisten.</p><p>&#8220;Hungerrevolten&#8221; heißt das neue Schreckgespenst, das führende Politiker der Nordhalbkugel in Atem hält &minus; Hungerrevolten in 20 Ländern1 aufgrund explodierender Grundnahrungsmittelpreise. Das hat soziale Instabilität mit den von der offiziellen Politik gefürchteten Auswirkungen zur Folge: Unsicherheit für Direktinvestitionen in den krisengeschüttelten Ländern, Zulauf für al-Qaida, erhöhter Migrationsdruck. &#8220;Wenn es zu einem Klassenkampf kommt, dann unterminiert das die Stabilität der Gesellschaft&#8221;, zitiert Bernd Musch- Borowska in einer ARD-Korrespondenz Ifzal Ali, den Chef-Ökonomen der Asiatischen Entwicklungsbank. In Ägypten, Indonesien und Pakistan wurde Militär eingesetzt, um Mehltransporte zu bewachen.</p><p>Die bange Frage bei den hiesigen Politikern schließt sich an: Wird die &#8220;Festung Europa&#8221; standhalten? Die Explosion der Preise bei den Grundnahrungsmitteln ist zwar multifaktoriell bedingt, aber die Agrotreibstoff- Bonanza hat einen signifikanten Anteil daran. Dies ist umso problematischer, da zudem auch die Agrotreibstoffe, entgegen der offiziellen Propaganda, kaum einen Beitrag zur Reduzierung der CO<sub>2</sub>-Emissionen leisten.</p><p>Auch wenn der derzeitige Protest gegen den Zustand von &#8220;vollen Tanks und leeren Tellern&#8221; Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Richtlinien zur Agrotreibstoffpolitik korrigiert werden &minus; sicher ist dies angesichts des Investitionsvolumens und der dahinter stehenden Interessengruppen nicht. So ist George Soros einer der größten ausländischen Investoren in Brasilien für Zuckerrohr- Ethanol. Vor kurzem kündigte er an, dass er weitere $900 Millionen in das Zucker- Ethanolgeschäft stecken will. Soros kontrolliert mehrere Investmentfonds, die mit Aktien von brasilianischen Ethanolraffinerien handeln. Ferner hat er $300 Millionen in die Agrotreibstoffentwicklung, vor allem Ethanol aus Mais, in Argentinien investiert. Zudem ergibt sich die Frage, welchen Umfang eine eventuelle Kurskorrektur haben wird. Und schließlich lohnt es sich nachzuschauen, was die Langzeitwirkungen der jetzt verstärkt propagierten &#8220;Biotreibstoffe&#8221; (so die euphemistische Bezeichnung) der zweiten Generation sein werden. Diese werden mit der Abkürzung &#8220;BtL&#8221; (&#8220;Biomass to Liquid&#8221;) propagiert. Ihre Protagonisten verkünden, dass in 10-15 Jahren, wenn diese Technologie marktreif ist, die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion der Vergangenheit angehören wird.</p><p><b>Agrotreibstoffe als wichtige Ursache für die explodierenden Nahrungsmittelpreise</b></p><p>In den Ländern des Südens gibt die Mehrheit der dort lebenden Menschen 50-60% ihres Einkommens für den Kauf von Lebensmitteln aus. Das verdeutlicht die Dramatik, die sich hinter dem derzeitigen Anstieg der Lebensmittelpreise verbirgt. Die Preise für Weizen, Reis und Soja haben sich seit dem Frühjahr 2007 etwa verdoppelt. Auch der <i>International Food Price Index</i>, ein integratives Maß für die globalen Lebensmittelpreise, stieg von Januar 2007 bis März 2008 um 90 Prozent, also fast eine Verdopplung.<sup>2 </sup>Als Ursache für diese Entwicklung werden gern die veränderten Ernährungsgewohnheiten (vermehrter Fleischkonsum) einer im Entstehen begriffenen sozialen Mittelschicht in China ins Feld geführt. Dies mag für einen mittelfristigen Trend Bedeutung haben. Als Erklärung dafür, warum sich Grundnahrungsmittelpreise in Jahresfrist verdoppeln, taugt es nicht.</p><p>Vielmehr sind es die Agrotreibstoffe, die maßgeblich zur derzeitigen Kostenexplosion beitragen, auch wenn ihr genauer Beitrag schwer zu beziffern ist. So schätzt ihn ein Vertreter des <i>International Food Policy Research Institute</i> (IFPRI) am 21. April auf einer Pressekonferenz auf 25 Prozent, Oliver Müller vom Caritas-Verband vermutet sogar, dass er zwischen 30 und 70 Prozent liegt<sup>3</sup>.  In jedem Fall haben die Agrotreibstoffe also einen wichtigen Anteil an den steigenden Nahrungsmittelpreisen. Werner Eckert kommt der Sache in seinem ARD-Kommentar vom 22.04.2008 schon näher, auch wenn er etwas nebulös vom &#8220;Börsenhebel&#8221; spricht und zugleich fordert, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, denn &#8220;bestimmte Formen von Biosprit können helfen, die Umwelt zu schützen und weltweit Einkommensquellen für arme Bauern zu schaffen.&#8221; Was davon zu halten ist, werden wir weiter unten betrachten. Der &#8220;Börsenhebel&#8221; ist jedoch nicht nur ein Mix aus schrumpfendem Angebot und wachsender Nachfrage, wie Herr Eckert meint. Es ist zugleich auch Folge eines Überangebots, nämlich eines Überangebots an Kapital, das nach &#8220;sicheren&#8221; Anlagemöglichkeiten sucht. Angesichts der globalen Finanzkrise wird der Kauf &#8220;Sachwerten&#8221; wie Getreide oder Soja, die sich wahlweise auf zwei Märkten, dem Nahrungsmittelmarkt oder dem Treibstoffmarkt, weiterverkaufen lassen, plötzlich besonders attraktiv.</p><p><b>Klimaschutz?</b></p><p>Vor den Folgen des Agrosprit-Booms wurde seit Längerem gewarnt. In linken Monatszeitschriften erschienen im ersten Halbjahr 2007 mehrere Sonderausgaben bzw. Monographien.<sup>4</sup> Schließlich wurden von wissenschaftlichen Beiräten bzw. Expertengremien zwischen September 2007 und Januar 2008 fünf umfangreiche Gutachten zu Agrotreibstoffen vorgelegt, die sich überwiegend oder zumindest teilweise kritisch äußern-<sup>5 </sup> Der Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums (BMU) vom 4.4.2008 ist zu entnehmen, dass dies nicht den Ausschlag dafür gab, dass Minister Gabriel die &#8220;Biosprit-Verordnung&#8221; gestoppt hat.<sup>6</sup> Vielmehr erklärte Gabriel: &#8220;Die Umweltpolitik wird nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass Millionen von Autofahrern an die teuren Super-Plus-Zapfsäulen getrieben werden&#8221;.<sup>7</sup><br /> Es war also nicht die Vorstellung, dass sich wegen des Agrokraftstoff-Hypes die Zahl der chronisch Hungernden bis zum Jahr 2025 von derzeit 820 Millionen auf 1,2 Milliarden erhöhen könnte<sub>8</sub>, die zu der Entscheidung führte, die Beimischungsverordnung für &#8220;Bio&#8221;sprit einzufrieren. Nein, es war die erschreckende Vorstellung, dass dreieinhalb Millionen Autofahrer im Wahljahr 2009 das teure SuperPlus tanken müssten, die den zum Bundesumweltminister avancierten ehemaligen Popmusikbeauftragten der SPD-Fraktion zu diesem Schritt bewog. Das war wenige Tage bevor die oben beschriebenen Hungersnöte es endlich in die Schlagzeilen schafften.<br /> Doch auch in einer zweiten Hinsicht ist die genannte Pressemitteilung aufschlussreich. Wir werden dort offiziell über etwas informiert, was den Agrotreibstoff- Kritikern schon länger klar war: &#8220;Gabriel verwies darauf, dass die Diskussion um die Erhöhung der Beimischungsobergrenzen nur begrenzt etwas mit dem Erreichen von Klimaschutzzielen zu tun gehabt habe.<br /> &#8217;Vielmehr ging es sowohl um Interessen der Landwirtschaft an der Stabilisierung und dem Ausbau des Biokraftstoffmarktes und einem ganz speziellen Interesse der Automobilindustrie.‘“<sup>9</sup><br /> Dieses Eingeständnis passt erstaunlich gut in das von kritischen Stimmen gezeichnete Bild. So wird in der am 1. Juli 2007 von Indigena- und Bauernorganisationen verabschiedeten &#8220;Erklärung von Quito&#8221; das Problem folgendermaßen beschrieben: &#8220;Aus unserer Perspektive, als Agrarexport-Länder des Südens, durch die Logik der Außenschulden und unserer kolonialen Geschichte diesem Zustand unterworfen, vertiefen die Agrotreibstoffe das Modell des Agribusiness und der industriellen Landwirtschaft, verstanden als die Verbindung aus Monokulturen, Biotechnologie, Agrargiften, Finanzkapital und Exportwirtschaft. &#8230; Die Unterwerfung lokaler landwirtschaftlicher Systeme unter das industrielle Modell und einer Energienachfrage von außen, ist eine politische Angelegenheit, welche Machtverhältnisse über Ökosysteme und Völker impliziert. … Die Geopolitik der Agrotreibstoffe erzwingt eine territoriale Neuordnung auf globaler Ebene.&#8221;<br /> Entgegen den jahrelangen Verlautbarungen der einschlägigen Public-Relations- Maschine handelt es sich bei den Agrotreibstoffen also nicht um ein Projekt zur Reduzierung von CO<sub>2</sub>-Emissionen, sondern um ein Business- und Hegemonie- Modell des agroindustriellen Komplexes. Dies wird durch eine Anfang April 2008 publizierte Stellungnahme des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) deutlich, in der die wahre Interessenlage bei den Agrotreibstoffen klar umrissen wird: &#8220;Es entsteht ein neuer stark wachsender Wirtschaftszweig um die Wertschöpfungskette Agrokraftstoffe. Die Zulieferer, so insbesondere die Landwirtschaft, profitieren von den höheren Preisen. Die Automobilindustrie wird im Rahmen des so genannten &#8217;Integrierten Ansatzes&#8217; von Anpassungs-, Innovations- und Investitionskosten für leichtere und effizientere Fahrzeuge entlastet.&#8221; <sup>10</sup><br /> Dass es &minus; von Ausnahmen abgesehen &minus; klimapolitischer Unsinn ist, mit Agrotreibstoffen den CO<sub>2</sub>-Ausstoß reduzieren zu wollen, wurde inzwischen von unterschiedlichen Stellen nachgewiesen. Zuvor wurden die EU-Mitgliedsstaaten jedoch verpflichtet, bis zum 31.12.2004 die im Mai 2003 (!) verabschiedete EU-Richtlinie &#8220;Zur Förderung und Verwendung von Biokraftstoffen&#8221; in nationales Recht umzusetzen. Es dauerte vier Jahre von der Verabschiedung der Richtlinie bis zur Veröffentlichung des oben erwähnten und verschiedener weiterer Gutachten zu den sozialen und ökologischen Folgen des Agrotreibstoffbooms.<sup>11</sup><br /> In der Zeit dazwischen wurden vollendete Tatsachen in Form von Investitionen und der Etablierung von Märkten geschaffen. So hat sich der Umsatz von Agrotreibstoffen in Deutschland von 2004 bis 2006 auf knapp 40.000 GWh mehr als verdreifacht.<sup>12</sup><br /> Doch trotz der täglichen Hungerschlagzeilen beharrte Barbara Helfferich, Sprecherin des EU-Umweltkommissars Stavros Dimas, am 14. April 2008: &#8220;Eine Aufhebung des vereinbarten Ziels für Biokraftstoffe steht nicht zur Debatte.&#8221; Pacala und Socolow<sup>13</sup> veröffentlichten im Jahr 2004 ein vermeintliches Modell zur Verringerung des CO2-Ausstoßes, das von den Experten der Arbeitsgruppe 3 des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) dankbar aufgegriffen wurde. Dieses technokratische Szenario beinhaltet unter anderem folgende Punkte<sup>14</sup>:</p><ul><li>Zwei Milliarden 5-Liter-Autos fahren mit 100% &#8220;Bio&#8221;treibstoff, der auf 250 Millionen Hektar ertragstarken Ackerlandes angebaut wird (ein Sechstel der globalen Ackerfläche).</li><li>Es werden 250 Millionen Hektar Wald in den Tropen und 400 Millionen Hektar in der gemäßigten Zone aufgeforstet.</li></ul><p>Zu letzterem Punkt fragt sich Almuth Ernsting von der britischen Organisation Biofuelwatch, wo diese Aufforstungen angesichts der zuvor genannten 250 Millionen Hektar ertragstarken Ackerlandes sowie in Anbetracht sinkender Weizenerträgen und schrumpfender Agrarflächen (Desertifikation) herkommen sollen. Ernsting kommt zu dem Schluss, dass das nur bedeuten kann, Abermillionen Hektar Land für monokulturellen Energieanbau zu nutzen und die Landwirtschaft quer durch die Entwicklungsländer zu intensivieren. Wie sieht es nun konkret mit der CO<sub>2</sub>-Bilanz von Agrotreibstoffen aus?<br /> Modellrechnungen, die in renommierten Fachzeitschriften publiziert wurden, geben dazu Auskunft. So unter anderem von der Forschergruppe um den Ökologen David Tilman von der Universität Minnesota.<sup>12</sup> Unter Berücksichtigung der Inputs an fossiler Energie für Düngung, Pestizide und Transport errechneten sie einen CO<sub>2</sub>- Einsparungseffekt von kläglichen 12% bei Ethanol aus Mais und immer noch weniger als der Hälfte (41%) bei Diesel aus Soja. In einer Zusammenstellung des Sachverständigenrats für Umweltfragen15 weisen wichtige Agrokraftstoffe (Raps, Sojaöl und Ethanol aus Mais bzw. Roggen) einen CO<sub>2</sub>-Einsparungseffekt unter 50% auf.<br /> Hinzu kommen weitere Negativeffekte, die nicht in diese Bilanzrechnungen eingegangen sind. Der Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) weist in seinem Gutachten vom November 2007 darauf hin, dass &#8220;bei knappen Ackerflächen eine großflächige Ausdehnung der Bioenergie zwangsläufig dazu (führt), dass bisher nicht ackerbaulich genutzte Flächen in Kultur genommen werden (Grünlandumbruch, Waldrodung) bzw. die Bewirtschaftung der Flächen intensiviert wird. Das verursacht erhöhte CO<sub>2</sub>- und N<sub>2</sub>O-Emissionen mit der Folge, dass die Ausdehnung der Bioenergieerzeugung auf Ackerflächen im Endeffekt sogar kontraproduktiv für den Klimaschutz sein kann.&#8221;<sup>16</sup> Diese Risiken seien mit den von der Politik geplanten Zertifizierungssystemen nicht in den Griff zu bekommen.<br /> Ein weiterer Aspekt wurde von der Arbeitsgruppe des Mainzer Nobelpreisträgers Paul J. Crutzen aufgedeckt. Die Klimabilanz der kunstdüngerintensiven Agrostreibstoffe wie Mais und Raps wird durch die Freisetzung von Lachgas (N<sub>2</sub>O) zusätzlich belastet. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das im Vergleich zu CO<sub>2</sub> rund 300-fach klimaschädlichere Lachgas sowohl aus dem eingesetzten Dünger als auch aus dem Stickstoff der Pflanzen selbst freigesetzt wird.<sup>17</sup> Bestimmte Details in der globalen Lachgas-Bilanz der Arbeitsgruppe Crutzen werden in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Doch laut SRU ist es unstrittig, dass durch die Aufbringung von Dünger 1,25% des darin enthaltenen Stickstoffs direkt über Lachgas und später weitere 10% des im Dünger enthaltenen Stickstoffs über Lachgas, Ammoniak und andere Stickoxide freigesetzt werden. Im Ergebnis liegt die Gesamtemission bei Raps &#8220;nur knapp unter den Emissionen fossiler Treibstoffe&#8221;.<sup>18</sup></p><p><b>Trojanisches Pferd für die Gentechnik</b></p><p>Je heftiger die Agrotreibstoffe der ersten Generation in die öffentliche Kritik geraten, desto inbrünstiger beziehen sich die Agrotreibstoff-Protagonisten auf jene der so genannten &#8220;zweiten Generation&#8221;. Dabei handelt es sich bei den BtL-Kraftstoffen laut Georg Gruber vom Bundesverband Pflanzenöle bislang mehr &#8220;um eine Art Marketingbegriff&#8221;. Und Kurt Döhmel, Deutschland-Chef von Shell, räumte in einer öffentlichen Veranstaltung Anfang Februar ein, dass frühestens in 15 Jahren mit einer breiten Markteinführung von BtL-Kraftstoffen zu rechnen sei. Diese Aussage ist bedeutsam, denn Shell gehört zu den &#8220;strategischen Partnern&#8221; der Firma Choren International in Freiberg, Sachsen, jener Firma, bei der am 17.04.2008 im Beisein von Frau Merkel &#8220;die weltweit erste kommerzielle Anlage&#8221; für BtL fertig gestellt wurde. Interessanterweise wurde diese weltweit erste &#8220;kommerzielle&#8221; Anlage noch wenige Wochen zuvor als &#8220;Demonstrationsanlage&#8221; bezeichnet.<br /> Abgesehen davon, dass der Beweis für die tatsächliche Klimaeffizienz der BtLKraftstoffe unter Praxisbedingungen noch in weiter Ferne liegt, werden sie von zahlreichen Basisorganisationen als Trojanisches Pferd der Gentechnik-Industrie betrachtet. Nachdem die Gentechnik bei Nahrungsmittelpflanzen insbesondere in Europa und in vielen Ländern des Südens auf breite Ablehnung stößt, sehen Monsanto und andere Konzerne die Möglichkeit, sich über &#8220;Bio&#8221;kraftstoffe ein grünes Image zu verleihen. Zugleich sind Zellulose- wie Agrokraftstoffindustrie heftig an einer Rohstoffbasis interessiert, die auf schnellwüchsigen Bäumen basiert, die durch gentechnische Modifikation (GM) einen möglichst geringen Lignin-Gehalt haben. Schon jetzt wird bei den für diese Industriezweige attraktiven Arten Weide und Pappel mit Hochleistungsklonen auf extrem eingeengter genetischer Basis gearbeitet.<br /> Der Schritt zu GM-Bäumen, um das Wachstum weiter zu beschleunigen und schließlich den Ligningehalt zu reduzieren, erscheint in diesem Denkschema logisch. Freilandversuche mit GM-Bäumen sind inzwischen aus Bangladesh, Brasilien, Chile, China, Finnland, Indien, Indonesien, Kanada, Malaysia, Südafrika und Thailand bekannt. Getestet werden vor allem Eukalyptus und Ölpalmen, aber auch Pappel, Kiefer und Birke. Aufgrund der Langlebigkeit von Bäumen und der Pollenverdriftung über hunderte von Kilometern, haben GM-Bäume ein sehr großes Gefahrenpotenzial<br /> - ein willkommener Anlass für die Gentechnik-Lobby, die nach wie vor verbotene Terminator-Technologie<sup>19</sup> wieder ins Gespräch zu bringen. Dieses Szenario liest sich, als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, was auch insgesamt für den Komplex der Agrotreibstoffe gilt. Gleichzeitig werden die hieraus resultierenden Hungeraufstände im Westen immer stärker als Sicherheitsrisiko interpretiert und hiermit Interventionen in den Ländern des Südens legitimiert.</p><p><b>Anmerkungen</b></p><div class="footnote"><ol><li>Demonstrationen und Aufstände gab es unter anderem in Ägypten, Bangladesh, Elfenbeinküste, Haiti, Indonesien, Jemen, Kamerun, Mauretanien, Mocambique, Pakistan und Senegal.</li><li>Braun, J.v. (2008): High and rising food prices. Presentation at a U.S. Agency for International Development (USAID) conference, Washington, D.C. 11. April 2008.</li><li>Petersen, K.: Volle Tanks – leere Teller, Junge Welt, 28.04.2008.</li><li>ila Nr. 304 (April 2007): Agrotreibstoffe, Seedling (Juli 2007): Agrofuels Special Issue, Fritz, T., FDCL (Juli 2007): Das Grüne Gold. Welthandel mit Bioenergie &minus; Märkte, Macht und Monopole.</li><li>Gutachten u.a. von der Europäischen Umweltbehörde EEA, dem &#8220;Runden Tisch für Nachhaltige Entwicklung der OECD, dem Sachverständigenrat für Umweltfragen und dem Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik der jeweiligen Bundesministerien.</li><li>Die Bundesergierung hatte damit geplant, den Bioethanolanteil im Benzin ab dem kommenden Jahr von fünf auf zehn Prozent zu erhöhen. Viele ältere Autos sind hierfür aber nicht geeignet und hätten deshalb auf teures Super plus umsteigen müssen.</li><li>Pressemitteilung des BMU (2008): Bundesumweltminister stoppt Biosprit-Verordnung, <a href="http://www.bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php" target="_blank">www.bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php</a></li><li>Runge, C.F. und Senauer, B.: How Biofuels could starve the poor. Foreign Affairs, Ausgabe Mai/Juni 2007.</li><li>Bundesumweltminister stoppt Biosprit-Verordnung, BMU-Pressemitteilung Nr. 052/08.</li><li>SRU (2008): Schriftliche Stellungnahme vom 4.4.08,<br /><a href="http://www.bundestag.de/ausschuesse/a16/anhoerungen/61__Sitzung/stellungnahmen/A-Drs_16-16-391_C_.pdf" target="_blank">http://www.bundestag.de/ausschuesse/a16/anhoerungen/61__Sitzung/stellungnahmen/ A-Drs_16-16-391_C_.pdf</a></li><li>Siehe Fußnote 5.</li><li>Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung. Gutachten, Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV)</li><li>Pacala, S. und Socolow, R. (2004): Stabilization wedges: solving the climate problem for the next 50 years with current technologies. Science 305: S. 968-972.</li><li>Ernsting, A. (2007): The global blueprint for a biomass economy. Bericht vom 20.01.2007, aktualisiert im Juli 2007, 7 S. <br /><a href="http://www.biofuelwatch.org.uk/background.php" target="_blank">http://www.biofuelwatch.org.uk/background.php</a>,<br />auf deutsch: (<a href="http://www.regenwald.org/news.php?id=592" target="_blank">http://www.regenwald.org/news.php?id=592</a>) (27.10.2007).</li><li>Schriftliche Stellungnahme des Sachverständigenrates für Umweltfragen zur Bundestagsdrucksache 16/8150 vom 09.04.2008.</li><li>Siehe Fußnote 12.</li><li>Crutzen et al. (2007): Atmospheric Chemistry and Physics Discussions 7. S. 11191-11205.</li><li>Siehe Fußnote 10.</li><li>Pedersen, K. (2005) Freie Saat statt tote Ernte, Junge Welt 28.10.2005</li></ol></div><p><b>Quelle:</b><br /> Ausdruck &#8211; IMI-Magazin &#8211; Juni 2008, S.17-19<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung des Autors</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/06/01/agrotreibstoffe/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item><title>Volle Tanks – leere Teller</title><link>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/04/28/volle-tanks-%e2%80%93-leere-teller/</link> <comments>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/04/28/volle-tanks-%e2%80%93-leere-teller/#comments</comments> <pubDate>Mon, 28 Apr 2008 12:00:03 +0000</pubDate> <dc:creator>PCl</dc:creator> <category><![CDATA[Agrotreibstoffe]]></category> <category><![CDATA[Allgemein]]></category> <category><![CDATA[Agrotreibstoff]]></category> <category><![CDATA[Beimischungsverordnung]]></category> <category><![CDATA[BTL-Kraftstoffe]]></category> <category><![CDATA[Choren]]></category> <category><![CDATA[Lachgas]]></category> <category><![CDATA[Palmöl]]></category><guid isPermaLink="false">http://www.welt-ernaehrung.de/?p=57</guid> <description><![CDATA[Eine neue Industrie garantiert gigantische Profite – »Bio«kraftstoffe schädigen die Umwelt mehr als bisher, Lebensmittelpreise explodieren, Dritte-Welt-Länder werden durch Monokulturen in den Ruin getrieben. »Gabriel zieht beim Biosprit die Notbremse!« So oder ähnlich lauteten vor drei Wochen die Schlagzeilen auf den Titelseiten des deutschen Blätterwalds. Wer naiv genug war zu glauben, daß bei Umweltminister Sigmar [...]]]></description> <content:encoded><![CDATA[<p><em>Eine neue Industrie garantiert gigantische Profite – »Bio«kraftstoffe schädigen die Umwelt mehr als bisher, Lebensmittelpreise explodieren, Dritte-Welt-Länder werden durch Monokulturen in den Ruin getrieben.</em></p><p>»Gabriel zieht beim Biosprit die Notbremse!« So oder ähnlich lauteten vor drei Wochen die Schlagzeilen auf den Titelseiten des deutschen Blätterwalds. Wer naiv genug war zu glauben, daß bei Umweltminister Sigmar Gabriel die Einsicht in den ökologischen Unsinn und in die katastrophalen sozialen Folgen dazu geführt hätten, beim Geschäft mit Agrotreibstoffen die Notbremse zu ziehen, wurde enttäuscht. Nicht die Vorstellung, daß sich wegen des Agrokraftstoff-Hypes die Zahl der chronisch Hungernden bis zum Jahr 2025 von derzeit 820 Millionen auf 1,2 Milliarden erhöhen könnte, führte zu der Entscheidung, die Beimischungsverordnung für »Bio«sprit einzufrieren. Nein, es war die erschreckende Vorstellung, daß dreieinhalb Millionen Autofahrer im Wahljahr 2009 den teuren »SuperPlus«-Kraftstoff tanken müßten, die den zum Bundesumweltminister avancierten ehemaligen Popmusikbeauftragten der SPD-Fraktion zu diesem Schritt bewog. Die »Roadmap Biokraftstoffe«, wie das Vorhaben im Oktober 2007 in einer gemeinsamen Erklärung von Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung, und seinen Amtskollegen Gabriel vollmundig bezeichnet wurde, ist in einer wahltaktischen Sackgasse gelandet.</p><p>»Sigi Pop«, so sein Spitzname in Parlamentarierkreisen, hatte auf Angaben des Verbandes der deutschen Automobilhersteller vertraut, wonach nur 375000 Kraftfahrzeuge die zehnprozentige Beimischung von Agrotreibstoffen nicht vertragen würden. Nun sind es plötzlich zehnmal soviel. Doch nicht nur der Sachverhalt, daß die Kurskorrektur vermutlich wahltaktisch bedingt war, ist ernüchternd, sondern auch die Tatsache, daß an den Agrotreibstoffen prinzipiell festgehalten werden soll. Im Ministeriumsjargon ist von »E10«, »E5« und »B7« die Rede, wobei die Zahlen hinter den Buchstaben den prozentualen Anteil der Beimischung repräsentieren. Am 4. April gab Gabriel bekannt, daß die »Nutzung von Biokraftstoffen trotz des Verzichts auf die Einführung von E10 nicht grundsätzlich in Frage gestellt (wird). An E5 halten wir weiterhin fest. Die Einführung von B7, d. h. eine höhere Beimischung von Biodiesel zu Diesel, steht nicht zur Disposition. (…) Das Ziel der EU für einen Anteil von zehn Prozent Biokraftstoffen am Kraftstoffmarkt im Jahr 2020 wird (…) in Deutschland erreicht.« Interessanterweise hatte laut Gabriel die Diskussion um die Beimischungsobergrenzen nur begrenzt etwas mit dem Erreichen von Klimaschutzzielen zu tun. »Vielmehr ging es (…) um Interessen der Landwirtschaft an der Stabilisierung und dem Ausbau des Biokraftstoffmarktes und (ein) ganz spezielle(s) Interesse der Automobilindustrie (…).«1</p><p>Wer denkt, daß Landwirtschaft in erster Linie etwas mit der Produktion von Nahrungsmitteln zu tun hat, irrt! Ökonomische Aktivitäten unter marktwirtschaftlichen Bedingungen dienen primär dem Ziel der Erwirtschaftung von Gewinn und bestenfalls sekundär der Befriedigung realer Bedürfnisse. Keine neue Erkenntnis, aber im konkreten Zusammenhang immer wieder erstaunlich. Wenn »Heizen mit Weizen« dank dem Gesetz über erneuerbare Energien lukrativer wird als die Erzeugung von Mehl, ergeben sich daraus die entsprechenden Konsequenzen: »Volle Tanks und leere Teller« – so der Titel einer vor fünf Monaten erschienenen Broschüre des Caritas-Verbandes. Jacques Diouf, Generaldirektor der Welternährungsorganisation, wies, ohne die USA direkt zu nennen, darauf hin, daß momentan in einem einzigen Land 100 Millionen Tonnen Körnerfrüchte verwendet werden, um Autos zu betanken statt Menschen zu ernähren. Das hat mit dazu beigetragen, daß sich die Weltmarktpreise für Weizen innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelt haben und es in den USA neuerdings eine fünfstellige Zahl chronisch Unterernährter gibt.</p><p>Unbeeindruckt von den sich häufenden Belegen der ökologischen und sozialen Widersinnigkeit des globalen Agrotreibstoff-Geschäfts hält die Politik bislang an ihren Zielen (bzw. den Zielen des agroindustriellen Komplexes) fest. Gabriel versucht, die öffentlichen Vorwürfe mit dem Ruf nach »mehr Ehrlichkeit in der Debatte um Biokraftstoffe« zu konterkarieren, indem er auf den Sojaanbau zur Futtermittelerzeugung verweist. Aber das ist eine eher infantile Argumentation, etwas Schlimmes damit entschuldigen zu wollen, daß es etwas anderes gibt, was noch viel schlimmer sei. Als weiteren Versuch der Rechtfertigung seiner Beimischungspläne bemühte Gabriel den Entwurf der inzwischen auf Eis gelegten Biomassenachhaltigkeitsverordnung und ignorierte dabei geflissentlich, daß diese Verordnung sowohl von den Umweltverbänden als auch von dem von der Bundesregierung bestallten Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) deutlich kritisiert wird.</p><p>Doch eine einseitige Fokussierung auf die Beimischung ist bei der Diskussion um Agrokraftstoffe unangebracht. Die EU-Richtlinie, bis 2020 zehn Prozent des Kraftstoffbedarfs über Agrokraftstoffe abzudecken, ist nach wie vor gültig – egal, ob beigemischt oder pur verbraucht wird. Insgesamt ist das Thema »Agrotreibstoffe« geographisch wie inhaltlich sehr komplex. Deshalb konzentrieren sich die nachfolgenden Betrachtungen auf drei Fragen dieser vielschichtigen Problematik: Können Agrotreibstoffe überhaupt einen Beitrag zum Klimaschutz leisten? Was sind die sozialen Folgen des Agrotreibstoff-Hypes? Was hat es mit den »Agrotreibstoffen zweiter Generation« auf sich?</p><p><strong>Klimakiller Agrotreibstoffe </strong></p><p>Auch wenn Gabriel Anfang April in seltener Offenheit eingeräumt hat, daß es bei den Agrotreibstoffen nur begrenzt um Klimaschutz gehe und in erster Linie um bestimmte wirtschaftliche Interessen, betonen die Agrotreibstoff-Protagonisten im öffentlichen Diskurs den vermeintlichen Klimaschutzeffekt. Doch was ist an diesem verführerisch klingenden Argument, durch die Verwendung nachwachsender Rohstoffe die CO2-Emissionen maßgeblich zu reduzieren, wirklich dran? Zunächst ist es einleuchtend: Die Sonne scheint auf die Äcker, die in den Ackerfrüchten gespeicherte Sonnenenergie wird in Treibstoff umgewandelt, schon ist die Sache »klimaneutral«. Andererseits ist das Argument, daß die Produktion von Agrotreibstoffen selbst fossile Energie verbraucht und die CO2-Einsparung somit nicht hundertprozentig sein kann, ebenfalls eingängig. Eine wichtige Frage ist also, wie viel von dem Einsparungseffekt verlorengeht.</p><p>Vernünftigerweise hätte man solche Untersuchungen zuerst durchführen und dann über die Verabschiedung von Gesetzen und Richtlinien entscheiden sollen. Da wir aber spätestens seit dem 4. April wissen, daß Agrotreibstoffe »nur begrenzt etwas mit dem Erreichen von Klimaschutzzielen zu tun« (Gabriel) haben, wird verständlich, daß derartige Analysen für die Entscheidungsfindung kaum von Bedeutung waren. Bezeichnenderweise wurden Mitgliedsstaaten in der im Mai 2003 verabschiedeten EU-Richtlinie »Zur Förderung und Verwendung von Biokraftstoffen« verpflichtet, bis Ende des Jahres 2004 diese in nationales Recht umzusetzen, während die entsprechenden Gutachten zu sozialen und ökologischen Folgen erst 2007/2008 erschienen. Die Anfang April 2008 publizierte Stellungnahme des SRU umreißt die Interessengruppen mit klaren Worten: »Es entsteht ein neuer stark wachsender Wirtschaftszweig um die Wertschöpfungskette Agrokraftstoffe. Die Zulieferer, so insbesondere die Landwirtschaft, profitieren von den höheren Preisen. Die Automobilindustrie wird im Rahmen des sogenannten ›Integrierten Ansatzes‹ von Anpassungs-, Innovations- und Investitionskosten für leichtere und effizientere Fahrzeuge entlastet. Diese Akteure haben sich am Runden Tisch ›Biokraftstoffe‹ mit der Bundesregierung zusammengefunden.«2 Richtig, die eingangs erwähnte »Roadmap Biokraftstoffe« nennt sich im Untertitel »Gemeinsame Strategie von Bundesumwelt- und Bundeslandwirtschaftsministerium, Verband der Automobilindustrie, Mineralölwirtschaftsverband, Deutschem Bauernverband und dem Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie«. Das liest sich wahrhaftig wie der geballte klimapolitische Sachverstand.</p><p>In den letzten Jahren wurde die Klimaeffizienz von Agrokraftstoffen von verschiedenen Forschergruppen analysiert. Für Ethanol aus Mais und Diesel aus Soja untersuchte dies u.a. das US-amerikanische Team um den Ökologen David Tilman von der Universität Minnesota.3 Dieser Analyse zufolge hat die Verwendung von Maisethanol einen CO2-Einsparungseffekt von zwölf Prozent. Der von Sojadiesel liegt bei 41 Prozent. Ähnlich schlechte Wirkungsgrade wurden den Agrokraftstoffen ein Jahr später in einer Reihe europäischer Analysen bescheinigt. Zusätzlich belastet wird die Klimabilanz der kunstdüngerintensiven Agrostreibstoffe wie Mais und Raps durch die Freisetzung von Lachgas. Eine Arbeitsgruppe des Mainzer Metereologen und Nobelpreisträgers Paul J. Crutzen wies darauf hin, daß das im Vergleich zu CO2 rund 300fach klimaschädlichere Lachgas sowohl aus dem eingesetzten Dünger als auch aus dem Stickstoff der Pflanzen selbst freigesetzt wird. Bestimmte Details in der globalen Lachgasbilanz der Arbeitsgruppe Crutzen werden unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Doch laut SRU ist es unstrittig, daß durch die Ausbringung von Dünger 1,25 Prozent des darin enthaltenen Stickstoffs direkt über Lachgas und später weitere zehn Prozent des im Dünger enthaltenen Stickstoffs über Lachgas, Ammoniak und andere Stickoxide freigesetzt werden. Im Ergebnis liegt die Gesamtemission bei Raps »nur knapp unter den Emissionen fossiler Treibstoffe«.4</p><p>Neben der ungünstigen Emissionsbilanz birgt der Agrokraftstoff-Boom weitere Umweltrisiken in sich. Diese bestehen in der flächenhaften Zunahme umweltgefährdender Kulturen wie Raps und Mais bis hin zur Unterbrechung der für die Bodenqualität wichtigen dreigliedrigen Fruchtfolge sowie in der Umwandlung ökologisch wertvollen Grünlandes in Ackerflächen für Energiepflanzen. Nach Einschätzung des SRU wird durch diese Entwicklung das Ziel, den Rückgang der biologischen Vielfalt im Bereich der EU bis 2010 zu stoppen, zusätzlich gefährdet.</p><p>Insgesamt bescheinigt der SRU Deutschland und der EU einen »unzureichenden nationalen und europäischen Ordnungsrahmen für einen umweltverträglichen heimischen Energiepflanzenanbau« und gibt an anderer Stelle zu bedenken, daß die »Zerstörung wichtiger Kohlenstoffspeicher (z. B. Grünlandumbruch) oder ein hoher Düngemitteleinsatz die Treibhausgasbilanz der Agrotreibstoffe sogar ins Negative umkehren können«.5</p><p>Ähnlich deutlich äußerte sich der Wissenschaftliche Beirat der Europäischen Umweltagentur, ein Komitee von 20 Wissenschaftlern aus 15 EU-Ländern. Dieser forderte am 10. April 2008 die Suspension der EU-Biokraftstoffrichtlinie und empfahl die Durchführung einer umfassenden wissenschaftlichen Studie zu Nutzen und Risiken der Agrotreibstoffe.</p><p><strong>Verheerende soziale Folgen</strong></p><p>Da die Flächenpotentiale der EU für die europäische Agrokraftstoffstrategie nicht ausreichen, ergibt sich nach Berechnungen der niederländischen Umweltagentur zur Erreichung des Zehn-Prozent-Ziels ein geschätzter Bedarf von 6,5 Millionen Hektar in außereuropäischen Regionen. Es werden große Mengen an Agrokraftstoff-Importen erforderlich sein, insbesondere aus Brasilien, Argentinien, Indonesien und Malaysia. Eine Chance für diese Länder, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern? Auf die makroökonomischen Kennziffern könnte sich die Entwicklung in einigen Ländern positiv auswirken – immerhin will Brasilien zur Agrokraftstoff-Macht Nummer eins aufsteigen. Schon ist von einer »grünen OPEC« die Rede. Doch für die Bevölkerung ist die Entwicklung katastrophal. Zerstörung der Lebensgrundlage, gewaltsame Vertreibungen und Zustände der Versklavung für die wenigen, für die auf den endlosen Monokulturflächen ein Job abfällt, werden aus Indonesien, Malaysia, Kolumbien, Brasilien und anderen Ländern berichtet.</p><p>Es wird in der kommenden Dekade mit einem Anstieg der Agrarpreise um 20 bis 50 Prozent gerechnet, wobei »die zum Teil sehr ehrgeizigen Ausbauziele für Agrarkraftstoffe wichtiger Industrie- und Schwellenländer«6 dabei eine beachtliche Rolle spielen dürften. Oliver Müller vom Caritas-Verband schätzte den Anteil von Agrotreibstoffen am jüngsten Preisauftrieb für Grundnahrungsmittel auf 30 bis 70 Prozent. Hält man sich vor Augen, daß die Menschen in den Ländern des Südens über die Hälfte ihres Einkommens für den Kauf von Lebensmitteln ausgeben – in Industrieländern werden zehn bis 20 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben –, läßt sich die Dramatik erahnen, die eine Verdopplung des Preises für Weizen, Reis oder Soja seit Frühjahr 2007 mit sich bringt. Die Ökonomen C. Ford Runge und Benjamin Senauer, beide von der Universität Minnesota, prognostizierten wegen der zu erwartenden Zunahme des Energiepflanzenanbaus für die Treibstoffproduktion bis 2025 im Vergleich zu heute 380 Millionen mehr chronisch hungernde Menschen.7 Angesichts der aktuellen Situation forderte Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, bereits im August 2007 ein fünfjähriges Moratorium für Agrotreibstoffe.</p><p>Gelegentlich wird darauf verwiesen, daß Biomasseproduktion für die örtliche dezentrale Energieversorgung Potential für die Armutsbekämpfung und die Belebung lokaler Wirtschaftskreisläufe in sich birgt. Das ist im Prinzip richtig und wird von positiven Beispielen in verschiedenen Teilen der Welt bestätigt. Das Problem ist, daß diese Beispiele nicht Anfänge einer sich ausbreitenden Entwicklung sind, sondern isolierte Vorzeigeobjekte der Entwicklungszusammenarbeit oder Rudimente in einer Welt globaler Warenströme, die als Hindernisse empfunden und deshalb – so die Befürchtung – bald aus dem Weg geräumt werden.</p><p>Ein wenig beachteter Trend, dessen Folgen in sieben bis acht Jahren in den Schlagzeilen der Weltpresse landen könnten, ist folgender: Der durchschnittliche Weltmarktpreis lag 2006/2007 bei 655 US-Dollar pro Tonne Palmöl im Vergleich zu 852 Dollar pro Tonne Rapsöl. Aufgrund dieser Preisunterschiede werden schon heute umfangreiche Palmölimporte getätigt. In der BRD wurden nach einer Hochrechnung des Leipziger Instituts für Energie und Umwelt in den deutschen Blockheizkraftwerken allein 2007 mindestens 1,3 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Palmöl erzeugt – subventioniert mit rund 200 Millionen Euro auf Basis des Gesetzes für erneuerbare Energien. Die Regierungen von Malaysia und Thailand planen eine Verdopplung der derzeitigen jährlichen Palmölproduktion auf jeweils sechs Millionen Tonnen. Peter Thoenes von der Handelsabteilung der Welternährungsorganisation kommt aufgrund dieser Zielsetzungen zu dem Schluß, daß es »deshalb möglich ist, daß in Asien eine beträchtliche Überproduktionskapazität installiert wird«.8 Der Preisverfall scheint programmiert, und es liegt auf der Hand, wem ein solcher Preisverfall zugute kommt. Eine ähnliche Entwicklung gab es in den 90er Jahren bei Kaffee. Hier hatten Milliardenkredite der französischen Regierung und der Weltbank Vietnam – ein Land, in dem zuvor kein Kaffee angebaut wurde – innerhalb eines Jahrzehnts in die Position des zweitgrößten Kaffeeproduzenten der Welt katapultiert. Die Folge war der Absturz und ein jahrelanges Hindümpeln der Kaffeepreise. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß solche Entwicklung offensichtlich gewollt sind: künftiger Preisverfall, hier bei Palmöl, zum Vorteil von Strom- und Kraftstoffunternehmen, gedeckt mit Hermesbürgschaften der Steuerzahler des globalen Nordens.</p><p><strong>Biotreibstoffe zweiter Generation</strong></p><p>Je massiver die Agrotreibstoffe der ersten Generation in die öffentliche Kritik geraten, desto stärker beziehen sich deren Protagonisten auf die der »zweiten Generation«, die sogenannten BTL-Kraftstoffe (BTL: biomass to liquid, Biomassenverflüssigung). Dabei handelt es sich bislang mehr »um eine Art Marketingbegriff«, wie es kürzlich Georg Gruber vom Bundesverband Pflanzenöle ausdrückte.</p><p>Und Kurt Döhmel, der Deutschland-Chef der Shell AG, räumte Anfang Februar ein, das frühestens 2023 mit einer breiten Markteinführung von BTL-Kraftstoffen zu rechnen sei. Am 17. April 2008 traf Bundeskanzlerin Angela Merkel mit 130 Vertretern aus Wirtschaft und Politik im sächsischen Freiberg zusammen, um der Fertigstellung der »weltweit ersten kommerziellen Anlage zur Herstellung von synthetischem Biokraftstoff« beizuwohnen.9 Interessanterweise hieß die »weltweit erste kommerzielle Anlage« noch wenige Tage zuvor »Demonstrationsanlage«. Doch die Firma Choren Industries aus Freiberg (Sachsen), die sich in strategischer Partnerschaft mit Shell, Daimler-Benz und Volkswagen befindet, nimmt es ohnehin nicht so genau. Bis zur breiten Markteinführung von BTL-Kraftstoffen sind noch etwa 15 Jahre erforderlich. Doch selbst bei Unterstellung eines beträchtlichen Anteils an BTL-Kraftstoffen, so der Hinweis der Europäischen Umweltagentur im EEA-Report 7/2006, wird die in Europa verfügbare Landfläche für Energiepflanzen nicht genügen, um das Zehn-Prozent-Ziel der EU zu erreichen.</p><p>Zusätzlich zu den aufgezählten Unwägbarkeiten haben die Agrokraftstoffe der zweiten Generation das Potential eines trojanischen Pferdes für genetisch modifizierte Bäume. Zellulose- wie Agrokraftstoffindustrie gieren nach schnellwüchsigen Bäumen mit einem möglichst geringen Gehalt von Lignin, das in Pflanzen die Verholzung der Zellen bewirkt. Schon jetzt wird bei den für diese Industriezweige attraktiven Arten Weide und Pappel mit Hochleistungsklonen auf extrem eingeengter genetischer Basis gearbeitet. Der Schritt zu genetisch modifizierten Bäumen, um das Wachstums weiter zu beschleunigen und den Ligningehalt zu reduzieren, erscheint in diesem Denkschema logisch. Freilandversuche mit solchen Bäumen sind bislang aus Bangladesh, Brasilien, Chile, China, Finnland, Indien, Indonesien, Kanada, Malaysia, Südafrika und Thailand bekannt. Getestet werden vor allem Eukalyptus und Ölpalmen, aber auch Pappel, Kiefer und Birke. Aufgrund der Langlebigkeit von Bäumen und der Pollenverdriftung über Hunderte Kilometer haben genetisch modifizierte Bäume ein sehr großes Gefahrenpotential – ein willkommener Anlaß für die Gentechniklobby, die nach wie vor verbotene Terminatortechnologie9 wieder ins Gespräch zu bringen.</p><p><b>Fussnoten</b></p><div class="footnote"><ol><li>Die Zitate sind der Pressemitteilung Nr. 052/08 des Bundesumweltministeriums vom 4. 4.2008 entnommen:<br /><a href="http://bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php">bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php</a></li><li>Schriftliche Stellungnahme des Sachverständigenrates für Umweltfragen zur Bundestagsdrucksache 16/8150 vom 9.4.2008</li><li>Jason Hill et al. (2006): Environmental, economic, and energetic costs and benefits of biodiesel and ethanol biofuels, Proceedings of the National Academy of Sciences No. 103: S. 11206–11210</li><li>Schriftliche Stellungnahme des SRU</li><li>Ebd.</li><li>Ebd.</li><li>Siehe: Foreign Affairs, Ausgabe Mai/Juni:<br /> <a href="http://foreignaffairs.org/20070501faessay86305/c-ford-runge-benjamin-senauer/how-biofuels-could-starve-the-poor.html">foreignaffairs.org/20070501faessay86305/c-ford-runge-benjamin-senauer/how-biofuels-could-starve-the-poor.html</a></li><li>Thoenes (2006): Biofuels and Commodity Markets – Palm Oil Focus,<br /> <a href="http://fao.org/es/esc/common/ecg/122/en/full_paper_English.pdf">fao.org/es/esc/common/ecg/122/en/full_paper_English.pdf</a></li><li>Diese Technologie basiert auf drei in die Pflanze eingebauten Genen. Zwei der drei Gene wirken zusammen, um zunächst beim Saatguthersteller die tödliche Wirkung des dritten Gens zu unterdrücken. Das Killergen schließlich wird bei der Produktion des vom Agrarkonzern zu verkaufenden Saatguts durch einen äußeren Stimulus aktiviert (z.B. durch Besprühen der reifen Saatgutpflanzen mit einer bestimmten Substanz). Vgl. jW vom 28.10.2005, S. 10/11</li></div><p><b>Quelle:</b><br /> Junge Welt vom 28.04.2008<br /> <i>Klaus Pedersen</i> &middot; Mit freundlicher Genehmigung dess Autors.</p> ]]></content:encoded> <wfw:commentRss>http://www.welt-ernaehrung.de/2008/04/28/volle-tanks-%e2%80%93-leere-teller/feed/</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> </channel> </rss>
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