Mexi­ko: Recht auf Nah­rung – ein wei­te­res Lip­pen­be­kennt­nis?

Kata­stro­pha­le Aus­wir­kun­gen der Frei­han­dels­ab­kom­men auf die Ernäh­rungs­si­tua­ti­on in Mexi­ko

Von Peter Clausing

Mit­te Okto­ber begrüß­te Oli­vi­er de Schutter, UN-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, die Bekannt­ma­chung Mexi­kos, eben die­sem Recht Ver­fas­sungs­rang ein­zu­räu­men. Bereits am Ende sei­ner im Juni durch­ge­führ­ten Mexi­ko-Mis­si­on mahn­te der UNO-Beauf­trag­te mit Blick auf die anste­hen­de Ver­fas­sungs­re­form „die wei­te­re Ver­bes­se­rung des juris­ti­schen Umfelds in Form einer Rah­men­ge­setz­ge­bung für das Recht auf Nah­rung an, so, wie es in einer Rei­he ande­rer Län­der die­ser Regi­on bereits erfolgt ist“. Vor dem Hin­ter­grund gra­vie­ren­der Miss­stän­de in den Berei­chen Ernäh­rung und land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on emp­fahl de Schutter eine natio­na­le Stra­te­gie, um dem Recht auf Nah­rung Gel­tung zu ver­schaf­fen.

Es stellt sich jedoch die Fra­ge, ob die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Aner­ken­nung des Rechts auf Nah­rung nicht nur eine wei­te­re Insze­nie­rung im Kon­text von Mexi­kos simu­lier­ter Demo­kra­tie dar­stellt. Schließ­lich hat Mexi­ko die Anti-Fol­ter­kon­ven­ti­on der UNO im Janu­ar 1986 rati­fi­ziert und akzep­tiert bis heu­te unter Fol­ter erzwun­ge­ne Geständ­nis­se als Beweis­mit­tel vor sei­nen Gerich­ten. Auch das land­läu­fig als ILO-Kon­ven­ti­on 169 bekann­te „Über­ein­kom­men über ein­ge­bo­re­ne und in Stäm­men leben­de Völ­ker in unab­hän­gi­gen Län­dern“ aus dem Jahr 1989 wur­de von Mexi­ko im Jahr dar­auf rati­fi­ziert, ohne dass sich bis heu­te dadurch irgend etwas Wesent­li­ches an der Situa­ti­on von Mexi­kos Indíge­nas geän­dert hät­te.

Die Ver­fas­sungs­re­form zum Recht auf Nah­rung wur­de am 17. August 2011 abge­schlos­sen. Sie betraf den Arti­kel 4 und (erneut) den Arti­kel 27 der mexi­ka­ni­schen Ver­fas­sung. Letz­te­rer wur­de Anfang der 1990er Jah­re ver­än­dert, um die Pri­va­ti­sie­rung der kom­mu­na­len Län­de­rei­en zu ermög­li­chen – eine Vor­leis­tung, um Mexi­kos Teil­nah­me am nord­ame­ri­ka­ni­schen Frei­han­dels­ab­kom­men (NAFTA) zu ermög­li­chen. Dies war einer der Grün­de für den zapa­tis­ti­schen Auf­stand am 1. Janu­ar 1994. In einer am 20. Okto­ber ver­öf­fent­lich­ten Ana­ly­se iden­ti­fi­zier­te Lau­ra Carl­sen das NAFTA-Abkom­men als einen wesent­li­chen Grund für den in Mexi­ko herr­schen­den Hun­ger. Der hat einen beträcht­li­chen Umfang und nimmt offen­bar wei­ter zu.

Die Zahl der in „Ernäh­rungs­ar­mut“ leben­den Per­so­nen, also Per­so­nen, die es sich nicht leis­ten kön­nen, eine aus­rei­chen­de Men­ge an Grund­nah­rungs­mit­teln zu kau­fen, stieg von 18 Mil­lio­nen Men­schen im Jahr 2008 auf 20 Mil­lio­nen Ende 2010. Etwa 20 Pro­zent der mexi­ka­ni­schen Kin­der sind fehl­ernährt. De Schutter beklagt in sei­nem Bericht, dass gewis­se Fort­schrit­te in der Ernäh­rungs­fra­ge ungleich ver­teilt sind. Gro­ßen Tei­len der Bevöl­ke­rung wer­de das Recht auf Nah­rung „in dra­ma­ti­schem Aus­maß“ vor­ent­hal­ten. Das betrifft in beson­de­rem Maße die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung. In die­sem Seg­ment lei­det ein Drit­tel der Kin­der unter fünf Jah­ren an chro­ni­scher Fehl­ernäh­rung – ver­gli­chen mit 11 Pro­zent bei nicht-indi­ge­nen Kin­dern.

All das sind deut­li­che Indi­ka­to­ren für das Schei­tern des Modells der Frei­han­dels­ab­kom­men, die Mexi­ko inzwi­schen mit über 40 Län­dern abge­schlos­sen hat. Dem neo­li­be­ra­len Dog­ma zu Fol­ge gilt ein Land als „ernäh­rungs­si­cher“, so lan­ge es genü­gend Wer­te pro­du­ziert, um aus­rei­chend Lebens­mit­tel zu impor­tie­ren. Die oben genann­ten Zah­len bele­gen, dass die­se Rech­nung nicht auf­geht, wenn anstel­le von Preis­sta­bi­li­tät auf der Basis einer soli­den Eigen­ver­sor­gung die Lebens­mit­tel­prei­se den Fluk­tua­tio­nen des Welt­markts fol­gen. Die Welt­markt­prei­se für die wich­tigs­ten land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­te haben inzwi­schen wie­der die Rekord­mar­ken von 2008 erreicht und teil­wei­se über­schrit­ten.

Doch das Dra­ma begann nicht erst mit der Preis­ex­plo­si­on für land­wirt­schaft­li­che Grund­pro­duk­te im Jahr 2008. Im Ver­lauf der nun­mehr 17 NAFTA-Jah­re muss­ten zwei Mil­lio­nen Bau­ern ihr Land ver­las­sen und wur­den Teil des gro­ßen Exo­dus, der die USA jähr­lich mit einer hal­ben Mil­li­on neu­er Arbeits­kräf­te im Bil­lig­lohn­sek­tor ver­sorg­te. Inzwi­schen wer­den 42 Pro­zent der in Mexi­ko ver­zehr­ten Nah­rungs­mit­tel impor­tiert. Wäh­rend in der Zeit vor NAFTA weni­ger als zwei Mil­li­ar­den US-Dol­lar für Nah­rungs­mit­tel­im­por­te aus­ge­ge­ben wur­den, sind es inzwi­schen 24 Mil­li­ar­den. Dem­entspre­chend folgt der Preis für Mais, Mexi­kos wich­tigs­tem Grund­nah­rungs­mit­tel, dem Welt­markt, wo Preis­fluk­tua­tio­nen mitt­ler­wei­le nicht mehr an die jähr­li­chen Welt­er­trä­ge gekop­pelt sind, son­dern an ande­re Fak­to­ren wie Bör­sen­spe­ku­la­ti­on und Agro­treib­stoff­boom. Im Jahr 2009, als die Welt­markt­prei­se wie­der nach­ge­ge­ben hat­ten, kos­te­te ein Kilo Mais zwei Pesos. Inzwi­schen hat sich der Preis wie­der ver­drei­facht, und für ein Kilo­gramm Tor­til­las, das vor zwei Jah­ren drei Pesos kos­te­te, müs­sen einem Bericht zufol­ge jetzt bis zu zwölf Pesos aus­ge­ge­ben wer­den.

Ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel zu den Fol­gen der Markt­li­be­ra­li­sie­rung lie­fert der Fall der US-Fir­ma Corn Pro­ducts Inter­na­tio­nal (CPI), die im Jahr 2003 den mexi­ka­ni­schen Staat beim NAFTA-Tri­bu­nal ver­klag­te, weil sie Geschäfts­ein­bu­ßen auf­grund von Steu­ern auf den in Geträn­ken ver­wen­de­ten Fruk­to­se­si­rup erlit­ten hät­ten. Nach einem jah­re­lan­gen Ver­fah­ren ver­ur­teil­te die NAFTA-Behör­de Mexi­ko 2008 zur Zah­lung von 58,4 Mil­lio­nen Dol­lar an CPI. Mais-Fruk­to­se­si­rup, Bestand­teil von Coca Cola und Chips, trägt eine wesent­li­che Mit­ver­ant­wor­tung für den von Oli­vi­er de Schutter beschrie­be­nen dop­pel­ten Ernäh­rungs­not­stand in Mexi­ko. Par­al­lel zur oben beschrie­be­nen Hun­ger­sta­tis­tik sind 70 Pro­zent der Erwach­sen – 35 Mil­lio­nen Men­schen – über­ge­wich­tig bzw. fett­süch­tig. Die Fol­ge­er­schei­nun­gen sind Dia­be­tes, Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen und Krebs. Nach Berech­nun­gen des mexi­ka­ni­schen Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums hat die­ses Phä­no­men im Jahr 2008 Kos­ten in Höhe von 4,9 Mil­li­ar­den Dol­lar ver­ur­sacht – für 2017 wird ein Anstieg auf 5,6 Mil­li­ar­den Dol­lar erwar­tet.

Wei­te­re vom UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter beschrie­be­ne Pro­ble­me betref­fen staat­li­che För­der­pro­gram­me, die Rech­te von Tage­löh­nern in der Land­wirt­schaft, Um- und Ansied­lungs­pro­gram­me im Rah­men von Ent­wick­lungs­pro­jek­ten, die Zulas­sung von Feld­ver­su­chen mit gen­tech­nisch ver­än­der­tem Mais und die Was­ser­ver­schwen­dung durch die indus­tri­el­le Land­wirt­schaft. So beklagt de Schutter, dass länd­li­che För­der­pro­gram­me nur unge­nü­gend auf die Armuts­be­sei­ti­gung abzie­len. Als Bei­spiel nennt er eine Zahl aus dem Jahr 2005, in dem die ärms­ten sechs Bun­des­staa­ten nur sie­ben Pro­zent der öffent­li­chen Aus­ga­ben für die Land­wirt­schaft erhiel­ten, obwohl sich dort 55 Pro­zent der in extre­mer Armut leben­den Bevöl­ke­rung befin­den. In Bezug auf die zwei Mil­lio­nen Land­ar­bei­ter, die ihren Lebens­un­ter­halt als Tage­löh­ner ver­die­nen und von denen 20 Pro­zent inlän­di­sche Migran­ten aus den süd­li­chen Bun­des­staa­ten sind, kri­ti­siert de Schutter sowohl man­geln­de Sozi­al­stan­dards wie den Zugang zu Schu­len als auch das Feh­len von Arbeits­ver­trä­gen bei zir­ka 90 Pro­zent der Tage­löh­ner.

Wäh­rend sei­ner Juni-Mis­si­on erhielt de Schutter zahl­rei­che Zeug­nis­se der Betrof­fe­nen von Ent­wick­lungs­pro­jek­ten (Däm­me, Infra­struk­tur, Berg­bau) im gan­zen Land, die über feh­len­de Kon­sul­ta­ti­on, das Nicht­ein­ho­len ihrer frei­en und infor­mier­ten Zustim­mung und das Aus­blei­ben von Kom­pen­sa­tio­nen klag­ten. Auf sei­ner Mis­si­on besuch­te de Schutter auch die zwei bis­lang exis­tie­ren­den „länd­li­chen Städ­te“ (Ciu­dades rura­les sus­ten­ab­les) Nue­veo Juan de Gri­jal­va und San­tia­go el Pinar. Von den mexi­ka­ni­schen Behör­den wer­den die „länd­li­chen Städ­te“ als Kon­zept zur Schaf­fung von Arbeits­plät­zen und zur Über­win­dung von feh­len­der Schul­bil­dung und Gesund­heits­für­sor­ge infol­ge der Ver­streut­heit der Bevöl­ke­rung in länd­li­chen Regio­nen ange­prie­sen. Sozia­le Orga­ni­sa­ti­on sehen dar­in eine Stra­te­gie der „wei­chen Räu­mung“ länd­li­cher Gebie­te, um deren Res­sour­cen anschlie­ßend unge­stört aus­beu­ten zu kön­nen.

Die der­zei­ti­ge Land­wirt­schafts­po­li­tik in Bezug auf Gen­tech­nik und indus­trie­mä­ßi­ge Anbau­ver­fah­ren sieht der UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter beson­ders kri­tisch. In Ursprungs­land des Mai­ses mit sei­ner Sor­ten­viel­falt, wo die Bau­ern der­zeit noch 85 Pro­zent des Mais­saat­guts durch Tausch erwer­ben (bei 5,2 Pro­zent Markt­an­teil der Saat­gut­in­dus­trie) sen­de die Zulas­sung von Frei­land­ver­su­chen mit gen­tech­nisch ver­än­der­ten Mais­sor­ten das fal­sche Signal und len­ke von wich­ti­ge­ren The­men wie Ver­mei­dung von Boden­ero­si­on und Erhö­hung der Wider­stands­fä­hig­keit gegen­über Kli­ma­ver­än­de­run­gen ab. Gen­tech­ni­sche Feld­ver­su­che sind nach Ansicht de Schutters der ers­te Schritt eines schlei­chen­den Pro­zes­ses, der unver­meid­lich zum groß­flä­chi­gen Ein­satz gen­tech­ni­scher Sor­ten füh­ren wird.

Neben der Gefahr des Sor­ten­schwun­des und der gen­tech­ni­schen Ver­un­rei­ni­gung der Landsor­ten ver­weist er auf die nega­ti­ven Erfah­run­gen US-ame­ri­ka­ni­scher Far­mer hin­sicht­lich Mon­s­an­tos aggres­si­ver Durch­set­zung patent­recht­li­cher Ansprü­che. De Schutter emp­fiehlt den mexi­ka­ni­schen Behör­den, das Mora­to­ri­um für Feld­ver­su­che schleu­nigst wie­der ein­zu­füh­ren. Dar­über hin­aus kri­ti­sier­te er das Sub­ven­ti­ons­pro­gramm Tarifa 9 durch das land­wirt­schaft­li­che Groß­un­ter­neh­men bil­li­gen Strom zum Abpum­pen von Grund­was­ser erhal­ten. Durch die­se Sub­ven­tio­nen tra­gen die Unter­neh­men selbst nur 23 Pro­zent der Kos­ten für die Bewäs­se­rung. Ergänzt wird die­se Poli­tik durch ein För­der­pro­gramm zum Aus­bau der Infra­struk­tur der Bewäs­se­rung. Im Bei­spiels­jahr 2006 wur­den meh­re­re Hun­dert Mil­lio­nen US-Dol­lar dafür aus­ge­ge­ben. Das führ­te zur Erwei­te­rung der Bewäs­se­rungs­flä­chen auf 1,8 Mil­lio­nen Hekt­ar im Jahr 2011. Ange­sichts der Pro­ble­me, die land­wirt­schaft­li­che Bewäs­se­rungs­pro­gram­me welt­weit in Form von Boden­ver­sal­zung und Absen­kung des Grund­was­ser­spie­gels geschaf­fen haben, ist es nur logisch, dass der UN-Beauf­trag­te emp­fiehlt, statt künst­li­cher Bewäs­se­rung die Eta­blie­rung von Sys­te­men zur Rück­hal­tung von Regen zu unter­stüt­zen.

Die­ser Bei­trag erschien auf dem Por­tal amerika21.de

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