Peak Soil II – Bodenzerstörung

Deutliches Gefahrenpotential
Hintergrund. »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil II: Der Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen und wie er abgewendet werden kann

Peter Clausing

Peak Soil – die unterschätzte Krise des Bodens« lautet der Titel eines im Vorjahr erschienenen Hefts der Zeitschrift Politische Ökologie. »Der Boden ist das vergessene Medium der Umweltpolitik. Erst viel zu spät und dann auch nicht vollständig hat das Umweltrecht auf die Schäden an den Böden reagiert«, stellt Günther Bachmann dort für die Situation in Deutschland fest.1 Winfried E. H. Blum, Professor für Bodenkunde an der Universität Wien, ergänzt: »Was sich derzeit in den Böden Europas abspielt, gilt im wesentlichen auch und zum Teil in noch stärkerem Maße für weitere Länder der Nordhalbkugel, vor allem aber für Afrika, Südamerika und Südostasien, wo Erosion, Verdichtung, Verlust an organischer Substanz sowie Biodiversität, Kontamination, Versalzung und insbesondere Erdrutsche ein alarmierendes Ausmaß erreicht haben.«2 Nach seiner Einschätzung wird die Intensivierung des vollmechanisierten Ackerbaus die Bodenprobleme noch weiter verschärfen.

Boden und Klima
Von den rund 150 Millionen Quadratkilometern Landfläche der Erde sind ungefähr 31 Prozent mit Wald bedeckt, 24 Prozent werden als Weideland und 12 Prozent als Ackerland genutzt. Diese Anteile verringern sich durch Flächenversiegelung im Zuge der fortschreitenden Urbanisierung und neuerdings auch durch die massenhafte »Umwidmung« von Flächen zur Erzeugung von »Energiepflanzen«, aus denen Agrotreibstoffe statt Lebensmittel gewonnen werden. Laut Blum müßten zur Erreichung des von der Europäischen Kommission für 2020 gesetzten Zieles 15 Prozent der europäischen Agrarfläche zur Agrotreibstoffproduktion eingesetzt werden, was nicht realistisch ist, so daß ein wachsender Teil durch außereuropäische Importe abgedeckt werden muß.

Andererseits wird durch diverse »Agrarfronten« landwirtschaftliche Nutzfläche hinzugewonnen. In den vergangenen vier Jahrzehnten wurde– und Prognosen zufolge wird das auch noch in den nächsten 15 Jahren der Fall sein– der degradationsbedingte Bodenverlust durch die Erschließung neuer Flächen mehr als kompensiert. So wird für die Länder des Südens ein Nettozuwachs an genutzter Gesamtfläche (d.h. bereits unter Abzug der Flächenverluste) von 82 Millionen Hektar zwischen 1990 und 2025 prognostiziert.3

Auch wenn – trotz über einer Milliarde hungernder Menschen – momentan rein rechnerisch genügend Nahrung für die Weltbevölkerung produziert wird, muß der Tatsache ins Auge gesehen werden, daß für den genannten Zeitraum der Zuwachs an landwirtschaftlicher Nutzfläche (zehn Prozent), deutlich geringer ausfällt als der prognostizierte Bevölkerungszuwachs (60 Prozent). Zudem geht der Gewinn an landwirtschaftlicher Nutzfläche häufig mit der Zerstörung von Wäldern einher, ein Prozeß, den man seit den 1970er Jahren erfolglos mit den unterschiedlichsten Waldschutzprogrammen zu stoppen versucht. Es handelt sich also um zwei simultan laufende Prozesse globaler Umweltzerstörung.

Parallel zu diesen beiden Prozessen – Flächenversiegelung und Umweltzerstörung durch die Agrarfronten – spielt sich eine stille Katastrophe sozusagen direkt unter unseren Füßen ab: Fruchtbarer Boden wird durch Wind oder Wasser abgetragen, und die Bodenfruchtbarkeit wird zerstört. Bislang findet die Bodenproblematik unter anderem deshalb wenig Beachtung, weil es sich um einen langfristigen Prozeß handelt, der noch weniger augenfällig ist als der Klimawandel. Für letzteren wird in den Medien durch gelegentliche Bilder von schmelzenden Gletschern und Verwüstungen durch Taifune und Hurrikans zumindest die Existenz des Problems bewußt gemacht, auch wenn keine gesellschaftlichen Konsequenzen gezogen werden. Dabei gibt es eine bedeutsame gegenseitige Beeinflussung von Bodendegradation und Klimawandel. Bereits 1994 wies der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) darauf hin, daß »durch Veränderung des Energieumsatzes und der biogeochemischen Kreisläufe von Kohlenstoff und Stickstoff die Degradation auch auf das Klima (wirkt), d.h. die Regelungsfunktion der Böden wird gestört.«4

José Louis Rubio, Präsident der Europäischen Gesellschaft für Bodenschutz, machte unlängst darauf aufmerksam, daß die Kohlenstoff-Speicherkapazität des Bodens mit 2300 Gigatonnen jene der globalen Vegetationsdecke um das Drei- bis Vierfache übertrifft5. In einer anderen Studie wird hervorgehoben, daß über den Zeitraum von 1989 bis 1998 rund ein Drittel des durch den Menschen verursachten atmosphärischen Kohlendioxidanstiegs auf Veränderungen in der Landnutzung zurückzuführen ist.6 Der Boden ist also nicht nur ein wichtige Grundlage für unsere Ernährung, sondern auch ein maßgeblicher Klimafaktor.

Nicht erneuerbar
Der Boden, die hauchdünne Schicht auf der Oberfläche der Erde, ist eine der wesentlichen Grundlagen unserer Ernährung und somit unserer Existenz. Eine Degradation des Bodens fand auch statt, als es noch keine Menschen auf der Erde gab. Zugleich steht dem natürlichen Phänomen des Abbaus von Boden seine Neubildung gegenüber. Doch all dies erfolgt in geologischem Tempo: Auf knapp 4000 Jahre wird die Zeitspanne beziffert, die für die Bildung von 20 Zentimetern landwirtschaftlich nutzbarem Boden notwendig ist. Bezogen auf die menschlichen Zeithorizonte macht das den Boden zu einer nicht erneuerbaren Ressource. Mithin ist die anthropogen bedingte Beschleunigung der Bodenschädigung, die seit der Mechanisierung der Landwirtschaft, dem Anbau von Monokulturen und dem Einsatz von chemischen Düngemitteln zu beobachten ist, ein gravierendes Problem. Die Zahlen sprechen für sich. Während im WGBU-Gutachten aus dem Jahr 1994 »nur« von 15 Prozent der globalen Landfläche die Rede war, die von Bodendegradation betroffen waren, 7 hatten im Jahr 2008 diese kumulativen Schäden bereits knapp ein Viertel der Erde erfaßt8, wobei in beiden Studien die Prozentangaben für alle Schädigungen – von leicht bis irreversibel – subsumiert wurden.

Die Erosion hat laut WGBU-Gutachten den Löwenanteil am degradationsbedingten Flächenverlust (16,4 Millionen Quadratkilometer – 85 Prozent aller degradierten Flächen). Wasser und Wind tragen jährlich 75 Milliarden Tonnen Boden ab. Vor Jahrtausenden boten die durch Wasser abgetragenen und an anderer Stelle wieder angeschwemmten fruchtbaren Erdmengen die Voraussetzung für die Entstehung von Zivilisationen – erinnert sei an das Nildelta und die Flußläufe von Euphrat und Tigris. Auch andere Episoden natürlicher Erosion waren später für die Menschen von Vorteil. Beispielsweise wurde der Lößboden in der Magdeburger Börde und weiteren Regionen Mitteleuropas von jenen Winden herbeigetragen, die in der vegetationsarmen Periode der Eiszeit über das eurasische Festland hinwegfegten. Das passierte im Verlauf der letzten 2,6 Millionen Jahre der Erdgeschichte. Das Problem ist also nicht die Erosion an sich, sondern das Tempo, mit der sie heute weltweit vonstatten geht.

Wenn einer jährlichen Bodenbildungsrate von etwa einer Tonne pro Hektar eine Erosionsrate von über fünf Tonnen pro Hektar Jahr gegenübersteht, wie es zum Beispiel in Teilen von Südspanien, Südfrankreich, Italien und Griechenland der Fall ist, dann ergeben sich daraus mittelfristig Probleme für die Produktivität. Zum Teil ist das in diesen Regionen jetzt schon spürbar. Wenn jedoch die Erosionsraten durchschnittlich 30 bis 40 Tonnen pro Hektar und Jahr betragen, was in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas dem Durchschnitt entspricht, dann ist die Situation dramatisch. Die häufiger auftretenden extremen Wetterereignisse verstärken diesen Prozeß zusätzlich. Die negativen Auswirkungen von Starkregen, Überschwemmungen und Dürreperioden beschränken sich nicht auf die unmittelbaren, in den Medien verbreiteten Bilder. Am Ende der Skala stehen Desertifikation (Wüstenbildung) und Erdrutsche. Beispielsweise ist einer Übersicht der europäischen Umweltagentur zu entnehmen, daß sich die Zahl der Erdrutsche (unterschiedlichsten Ausmaßes) in Italien exponentiell erhöht hat. Lagen diese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch unter 500 pro Dekade, waren es zwischen 1950 und 1979 über 1000. In den 1980er und 1990er Jahren wurde dann jeweils die 2000er Marke überschritten.

Die zweitgrößte Bedeutung nach der Erosion hat die chemische Degradation (Nährstoffverlust, Versalzung, Kontamination, Versauerung), wobei der Nährstoffverlust mit über der Hälfte der betroffenen Flächen besonders zu Buche schlägt. In Zahlen ausgedrückt, leiden 1,35 Millionen Quadratkilometer bzw. sieben Prozent aller degradierten Flächen an Nährstoffverlust bzw. -mangel. Parodoxerweise ist ein Verlust der Bodenfruchtbarkeit nicht selten eine Langzeitfolge von Nährstoffzuführung, nämlich anorganischer Düngung, und zwar besonders dann, wenn im Rahmen industrieller Anbaumethoden auf die arbeitsintensivere organische Düngung gänzlich verzichtet wurde, was insbesondere bei empfindlicheren Böden zur Verarmung an Humus führt.

Gesamtökologische Krise
Die entscheidende Frage ist, welche konkreten Folgen der Verlust an Bodenqualität auf die landwirtschaftlichen Erträge und somit auf die globale Nahrungsmittelversorgung hat bzw. haben wird. Dies erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise, denn schon die Daten über den Schweregrad der Degradation sind im globalen Maßstab nicht sonderlich präzise. So verwundert es nicht, daß unter den Experten zwar Einigkeit herrscht, daß die Schädigung der Böden ernste Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität haben wird. Es divergieren jedoch die Ansichten über Zeithorizonte und das Ausmaß. Auch in dem 2009 veröffentlichten Weltagrarbericht wird beklagt, daß aufgrund fehlender Daten die Schätzungen über Auswirkungen auf die Produktivität stark divergieren.9

Winfried E.H. Blum mahnt in seinem oben erwähnten Beitrag mit dringenden Worten: »Treffen Weltgemeinschaft, EU oder zumindest einzelne Länder keine Maßnahmen, um die (agrarisch genutzten) Böden zu schützen, wird in spätestens zehn bis 20 Jahren nicht nur die Produktion von Nahrungsmitteln kritisch. Auch die gesamtökologische Situation in den Agrargebieten wird sich rasant verschlechtern.« Im Gegensatz dazu vertrat Sara J. Scherr vom International Food Policy Research Institute in Washington die Ansicht, daß »bis zum Jahr 2020 Degradation die globale Nahrungsmittelversorgung insgesamt nicht zu bedrohen (scheint), auch wenn eventuell die globalen Lebensmittelpreise und die Unterernährung steigen werden.«10 Als sie diese Prognose veröffentlichte, waren allerdings Agrotreibstoffboom, »Land Grabbing« und die Explosion der Lebensmittelpreise von 2008 mit den darauffolgenden Hungerprotesten in über 40 Ländern noch fast ein Jahrzehnt entfernt. Außerdem: Wenngleich die Folgen des Klimawandels auch heute noch nicht überschaut werden können, ist in diesem Punkt das Gefahrenpotential inzwischen deutlicher erkennbar als noch vor zwölf Jahren.

Auch der Weltagrarbericht beurteilt aufgrund der relativ vagen Daten den Schweregrad der zu erwartenden Konsequenzen eher zurückhaltend. Eindeutig äußern sich die Verfasser hingegen in bezug auf andere interessante Details. Etwa die Bilanz, daß 25 Prozent der bisherigen Bodenzerstörung durch die landwirtschaftliche Produktion selbst verursacht wurden. Zugleich kommt der Überweidung, die von anderen Autoren vielfach als einer der wichtigsten Degradationsgründe hervorgehoben wird, offenbar ein deutlich geringerer Stellenwert zu. Der Effekt der Überweidung ist oftmals sekundärer Natur. Die Ausdehnung des Ackerbaus auf Böden mit schlechter Qualität führt dazu, daß Hirten, die in dem Gebiet ursprünglich eine nachhaltige Weidewirtschaft betrieben, in noch marginalere Bereiche verdrängt werden, wo ihre Herden dann über kurz oder lang den Boden zerstören. Zur Verdrängung kommt es auch durch den Anbau bestimmter Energiepflanzen, auch wenn die Agrotreibstofflobby, zum Beispiel die Agentur für Erneuerbare Energien e.V., nicht müde wird zu behaupten, Agrotreibstoffe würden auch auf kargen Böden wachsen, weshalb es angeblich keine Flächenkonkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion gäbe.

Politische Blockadehaltung
Der Weltagrarbericht wendet sich auch gegen die vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) vertretene Ansicht, bis zum Jahr 2030 müßten in den Ländern des Südens 1,2 Millionen Quadratkilometer Wald in landwirtschaftliche Nutzfläche mit kommerzieller Intensivwirtschaft umgewandelt werden, um die Welternährung zu sichern. Statt dessen sollten, so die Verfasser des Weltagrarberichts, degradierte Agrarflächen restauriert werden. Methoden zur Restaurierung– Anreicherung des Bodens mit organischer Masse, eventuell verbunden mit einer zurückhaltenden Anwendung anorganischer Dünger – stünden zur Verfügung, fänden aber ungenügende politische Unterstützung. Vielfach könnten solche Maßnahmen den Prozeß der Bodendegradation rückgängig machen. Weitere vom Agrarbericht empfohlene Mittel sind eine Diversifizierung der Fruchtfolge und eine als »Agroforstwirtschaft« bezeichnete Strategie, der besonders in Afrika gute Chancen eingeräumt werden, um mit einfachen Mitteln Prozesse der Umweltzerstörung umzukehren.

Menschengemachten Problemen ist man nicht hilflos ausgeliefert, wenn der politische Wille vorhanden ist, sie zu beseitigen. Der allerdings fehlt oftmals. Das trifft auf die Schäden in den Böden in ähnlicher Weise zu wie auf den Klimawandel. Politische Blockadehaltungen gehen häufig von der nationalen Ebene aus und strahlen sowohl auf die regionale als auch auf die supranationale Ebene aus. So berichtet Uwe Hoering von einem Beispiel im tansanischen Distrikt Kondoa, wo die dortige Verwaltung den Einsatz organischen Düngers und somit die Verbesserung degradierter Böden unterstützt, während die nationale Regierung Landwirtschaftsberater losschickt, um den Einsatz von Kunstdünger zu propagieren, obwohl sie es eigentlich besser wissen müßte, denn in vier tansanischen Provinzen ist mittlerweile die Bodenfruchtbarkeit zusammengebrochen, nachdem jahrelang Tonnen von Kunstdünger auf die Mais- und Baumwollfelder gekippt wurden.11

Ein anderes bemerkenswertes Beispiel ist die Weigerung Deutschlands, Großbritanniens, der Niederlande, Österreichs und Frankreichs, der Europäischen Bodenrahmenrichtlinie (BRRL), die seit 2006 im Entwurf vorliegt, Geltung zu verschaffen. Alle Verbände, wissenschaftlichen Gesellschaften und diverse Institute würden die BRRL als gut begründet befürworten, betont Gabriele Broll, Präsidentin des Bundesverbandes Boden und Professorin für Geoökologie an der Universität Osnabrück. »Würde sich Deutschland bei der BRRL kompromißbereit zeigen, kann man sicher sein, daß sich weitere Länder anschließen würden, die jetzt noch opponieren«, schreibt sie.12

In einer Haltung von nationalem Egoismus argumentiert die deutsche Regierung, daß für sie das Bundesbodengesetz von 1998 alle Erfordernisse abdecken würde, und blockiert wegen vermeintlicher Wettbewerbsnachteile eine europäische Regelung. Auch wenn die Situation der Böden in den Ländern Asiens, Afrikas und Südamerikas vor allem aufgrund ihrer geologischen Beschaffenheit besonders gravierend ist, sind die europäischen Böden deshalb nicht frei von Problemen. Auf 75 Prozent aller im Auftrag der Europäischen Kommission untersuchten Flächen, repräsentativ für über eine Million Quadratkilometer, weist die Bodenkrume einen niedrigen bis sehr niedrigen Gehalt an organischem Kohlenstoff auf. Betroffen sind vor allem Flächen in Südeuropa. Zu bedenken ist auch der oben angedeutete, sich gegenseitig aufschaukelnde Prozeß von Klimaveränderung und Verschlechterung der Bodenqualität.

Nachhaltige Landwirtschaft
In letzter Instanz ist das Thema Bodendegradation in die Diskussion integriert, welchem landwirtschaftlichen Modell die Zukunft gehört – einem nachhaltigen kleinbäuerlich-biologischen Anbau oder einer industriemäßigen Großflächenwirtschaft mit massiven erdölbasierten Inputs. Die Motive, die hinter letzterem Modell stecken, sind durchsichtig. Für jedes große Unternehmen, egal aus welcher Branche, stellt die Gewinnmaximierung, die üblicherweise mit Umsatzsteigerungen einhergeht, den betriebswirtschaftlichen Imperativ dar. Daran ändert weder die vorgegaukelte »Sorge um die Gesundheit der Menschen« bei Pharmakonzernen etwas noch die heuchlerische »Sorge um die Welternährung« bei den Unternehmen des agroindustriellen Komplexes. Scheinbare Glaubwürdigkeit erhält dieser Diskurs, indem er von den dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen abgekoppelt wird. Von »unabhängigen« Meinungsbildnern in Politik, Medien und Wissenschaft wird die Sorge um das Wohlbefinden der Menschheit so oft in einem Atemzug mit dem konzernfreundlichen Lösungsvorschlag wiederholt, bis sich die durchsichtigen Motive verflüchtigt haben und eine »Wahrheit« entsteht, an die am Ende die Meinungsbildner vielleicht sogar selbst glauben. Alternative landwirtschaftliche Verfahren werden dementsprechend stiefmütterlich behandelt. »Agroökologischer Anbau in der Praxis – sporadische Anwendung, beschränkte Unterstützung« lautet die Kapitelüberschrift eines vor nicht allzu langer Zeit erschienen Oxfam-Berichts13. Agroökologischer Anbau bedeutet eben nicht »einfach nur« kleinbäuerliches Wirtschaften, sondern ein integrales Konzept, das auf Kenntnissen basiert, deren flächendeckende Vermittlung eben nicht in den Betriebskosten von Agrarkonzernen enthalten ist, denn eine solche Entwicklung wäre mit einem Bruch mit dem sich immer stärker ausdehnenden Modell einer globalen kapitalistischen Landwirtschaft verbunden. Außerdem erforderte eine solche wissensbasierte Transformation vermutlich den Bruch mit paternalistischen, bisweilen quasi-feudalen Verhältnissen vor Ort, die derzeit dem kapitalistischen Modell in die Hände spielen.

Agroökologische Methoden haben zur Restaurierung der Böden und zu einer beeindruckenden Steigerung der Erträge geführt. Jedoch ist deren »sporadische Anwendung« so unscheinbar, daß sie auf Satellitenbildern gar nicht sichtbar wird. Eindrucksvolle Beispiele werden im oben zitierten Bericht von Uwe Hoering präsentiert. Selbst Extremfälle von Erosion konnten rückgängig gemacht werden. »Gullies« sind typische Erscheinungen wasserbedingter Erosion im südlichen Afrika – metertiefe Erosionsrinnen, die entstehen, wenn oberflächlich abfließendes Wasser die Erde mitreißt. Hoering berichtet von Raphael und Jessica Chinolo aus Tansania, die von ihren Nachbarn belächelt wurden, als sie vor zehn Jahren einen drei Meter tiefen Gully wieder füllten, indem sie oben, wo er noch schmal war, Gräben zogen und Barrieren aus Stöcken und Elefantengras anlegten, um die Erde zurückzuhalten, während das Wasser weiter fließen konnte. Mit der Zeit war die Menge zurückgehaltener Erde große genug, um sie zu bepflanzen, unter anderem mit Bananenstauden, die als zusätzliche, früchtetragende Barrieren dienten. »Heute wächst dort, wo früher nur unfruchtbarer Kies war, eine dichte Mischvegetation aus Bananen, einheimischen Bäumen, Orangen und Zitronen, Papayas, Mais, Hirse, Süßkartoffeln, Maniok und Erbsen. In einem Teich tummeln sich Fische, die im Dorf verkauft werden«, berichtet Hoering. Eine Verfünffachung der Erträge, zum Beispiel bei Hirse, wird zudem durch einen lokal entwickelten organischen Dünger ermöglicht. Nachhaltige Erfolge sind nur von der vervielfachten Anwendung solcher zukunftsweisender, lokal verwurzelter Strategien zu erwarten.

Anmerkungen
1 Peak Soil. Die unterschätzte Krise der Böden. Politische Ökologie Nr. 119, April 2010, S. 18. »Peak Soil« von engl. peak (dt. Gipfelpunkt) und soil (dt. Land/Boden). Der Begriff bezeichnet in Anlehnung an »Peak Oil«, dem Zeitpunkt ab dem mehr Erdöl verbraucht wird als an Förderquellen neu erschlossen werden, die Grenzen der globalen Vernutzung von Boden – d. Red.

2 Peak Soil, a.a.O. S. 37.

3 Bouwman, A.F. (1997): Long-Term Scenarios of Livestock-Crop-Land Use Interactions in Developing Countries. Food & Agriculture Organization, S. 50

4 WGBU: (1994): Welt im Wandel: Die Gefährdung der Böden, Economica-Verlag, Bonn, S. 58

5 unddd.nccd.int/docs/Rubio.pdf

6 Bai, Z.G. u.a. (2008): Global Assessment of land degradation and improvement. GLADA Report 5, ISRIC .- World Soil Information, Wageningen, S. 28

7 WGBU, a.a.O., S. 59

8 Bai a.a.O., S. 28

9 IAASTD (2009): Global Report.

10 Scherr, S.J. (1999): Soil degradation. A threat to Developing-Country Food Security by 2020? Food, Agriculture, and the Environment Discussion Paper 27, IFPRI, Washington, S.3

11 Hoering, U. (2008): Wer ernährt die Welt? Bäuerliche Landwirtschaft hat Zukunft, Evangelischer Entwicklungsdienst, Bonn, S. 16

12 Peak Soil, a.a.O., S. 23

13 www.oxfam.org/en/policy/people-centered-resilience

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