Vol­le Tanks – lee­re Tel­ler

Eine neue Indus­trie garan­tiert gigan­ti­sche Pro­fi­te – »Bio«kraftstoffe schä­di­gen die Umwelt mehr als bis­her, Lebens­mit­tel­prei­se explo­die­ren, Drit­te-Welt-Län­der wer­den durch Mono­kul­tu­ren in den Ruin getrie­ben.

»Gabri­el zieht beim Bio­sprit die Not­brem­se!« So oder ähn­lich lau­te­ten vor drei Wochen die Schlag­zei­len auf den Titel­sei­ten des deut­schen Blät­ter­walds. Wer naiv genug war zu glau­ben, daß bei Umwelt­mi­nis­ter Sig­mar Gabri­el die Ein­sicht in den öko­lo­gi­schen Unsinn und in die kata­stro­pha­len sozia­len Fol­gen dazu geführt hät­ten, beim Geschäft mit Agro­treib­stof­fen die Not­brem­se zu zie­hen, wur­de ent­täuscht. Nicht die Vor­stel­lung, daß sich wegen des Agro­kraft­stoff-Hypes die Zahl der chro­nisch Hun­gern­den bis zum Jahr 2025 von der­zeit 820 Mil­lio­nen auf 1,2 Mil­li­ar­den erhö­hen könn­te, führ­te zu der Ent­schei­dung, die Bei­mi­schungs­ver­ord­nung für »Bio«sprit ein­zu­frie­ren. Nein, es war die erschre­cken­de Vor­stel­lung, daß drei­ein­halb Mil­lio­nen Auto­fah­rer im Wahl­jahr 2009 den teu­ren »SuperPlus«-Kraftstoff tan­ken müß­ten, die den zum Bun­des­um­welt­mi­nis­ter avan­cier­ten ehe­ma­li­gen Pop­mu­sik­be­auf­trag­ten der SPD-Frak­ti­on zu die­sem Schritt bewog. Die »Road­map Bio­kraft­stof­fe«, wie das Vor­ha­ben im Okto­ber 2007 in einer gemein­sa­men Erklä­rung von Horst See­ho­fer, Bun­des­mi­nis­ter für Ernäh­rung, und sei­nen Amts­kol­le­gen Gabri­el voll­mun­dig bezeich­net wur­de, ist in einer wahl­tak­ti­schen Sack­gas­se gelan­det.

»Sigi Pop«, so sein Spitz­na­me in Par­la­men­ta­rier­krei­sen, hat­te auf Anga­ben des Ver­ban­des der deut­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler ver­traut, wonach nur 375000 Kraft­fahr­zeu­ge die zehn­pro­zen­ti­ge Bei­mi­schung von Agro­treib­stof­fen nicht ver­tra­gen wür­den. Nun sind es plötz­lich zehn­mal soviel. Doch nicht nur der Sach­ver­halt, daß die Kurs­kor­rek­tur ver­mut­lich wahl­tak­tisch bedingt war, ist ernüch­ternd, son­dern auch die Tat­sa­che, daß an den Agro­treib­stof­fen prin­zi­pi­ell fest­ge­hal­ten wer­den soll. Im Minis­te­ri­ums­jar­gon ist von »E10«, »E5« und »B7« die Rede, wobei die Zah­len hin­ter den Buch­sta­ben den pro­zen­tua­len Anteil der Bei­mi­schung reprä­sen­tie­ren. Am 4. April gab Gabri­el bekannt, daß die »Nut­zung von Bio­kraft­stof­fen trotz des Ver­zichts auf die Ein­füh­rung von E10 nicht grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt (wird). An E5 hal­ten wir wei­ter­hin fest. Die Ein­füh­rung von B7, d. h. eine höhe­re Bei­mi­schung von Bio­die­sel zu Die­sel, steht nicht zur Dis­po­si­ti­on. (…) Das Ziel der EU für einen Anteil von zehn Pro­zent Bio­kraft­stof­fen am Kraft­stoff­markt im Jahr 2020 wird (…) in Deutsch­land erreicht.« Inter­es­san­ter­wei­se hat­te laut Gabri­el die Dis­kus­si­on um die Bei­mi­schungs­ober­gren­zen nur begrenzt etwas mit dem Errei­chen von Kli­ma­schutz­zie­len zu tun. »Viel­mehr ging es (…) um Inter­es­sen der Land­wirt­schaft an der Sta­bi­li­sie­rung und dem Aus­bau des Bio­kraft­stoff­mark­tes und (ein) ganz spezielle(s) Inter­es­se der Auto­mo­bil­in­dus­trie (…).«1

Wer denkt, daß Land­wirt­schaft in ers­ter Linie etwas mit der Pro­duk­ti­on von Nah­rungs­mit­teln zu tun hat, irrt! Öko­no­mi­sche Akti­vi­tä­ten unter markt­wirt­schaft­li­chen Bedin­gun­gen die­nen pri­mär dem Ziel der Erwirt­schaf­tung von Gewinn und bes­ten­falls sekun­där der Befrie­di­gung rea­ler Bedürf­nis­se. Kei­ne neue Erkennt­nis, aber im kon­kre­ten Zusam­men­hang immer wie­der erstaun­lich. Wenn »Hei­zen mit Wei­zen« dank dem Gesetz über erneu­er­ba­re Ener­gi­en lukra­ti­ver wird als die Erzeu­gung von Mehl, erge­ben sich dar­aus die ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen: »Vol­le Tanks und lee­re Tel­ler« – so der Titel einer vor fünf Mona­ten erschie­ne­nen Bro­schü­re des Cari­tas-Ver­ban­des. Jac­ques Diouf, Gene­ral­di­rek­tor der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on, wies, ohne die USA direkt zu nen­nen, dar­auf hin, daß momen­tan in einem ein­zi­gen Land 100 Mil­lio­nen Ton­nen Kör­ner­früch­te ver­wen­det wer­den, um Autos zu betan­ken statt Men­schen zu ernäh­ren. Das hat mit dazu bei­getra­gen, daß sich die Welt­markt­prei­se für Wei­zen inner­halb weni­ger Jah­re mehr als ver­dop­pelt haben und es in den USA neu­er­dings eine fünf­stel­li­ge Zahl chro­nisch Unter­ernähr­ter gibt.

Unbe­ein­druckt von den sich häu­fen­den Bele­gen der öko­lo­gi­schen und sozia­len Wider­sin­nig­keit des glo­ba­len Agro­treib­stoff-Geschäfts hält die Poli­tik bis­lang an ihren Zie­len (bzw. den Zie­len des agro­in­dus­tri­el­len Kom­ple­xes) fest. Gabri­el ver­sucht, die öffent­li­chen Vor­wür­fe mit dem Ruf nach »mehr Ehr­lich­keit in der Debat­te um Bio­kraft­stof­fe« zu kon­ter­ka­rie­ren, indem er auf den Soja­an­bau zur Fut­ter­mit­tel­er­zeu­gung ver­weist. Aber das ist eine eher infan­ti­le Argu­men­ta­ti­on, etwas Schlim­mes damit ent­schul­di­gen zu wol­len, daß es etwas ande­res gibt, was noch viel schlim­mer sei. Als wei­te­ren Ver­such der Recht­fer­ti­gung sei­ner Bei­mi­schungs­plä­ne bemüh­te Gabri­el den Ent­wurf der inzwi­schen auf Eis geleg­ten Bio­mas­sen­ach­hal­tig­keits­ver­ord­nung und igno­rier­te dabei geflis­sent­lich, daß die­se Ver­ord­nung sowohl von den Umwelt­ver­bän­den als auch von dem von der Bun­des­re­gie­rung bestall­ten Sach­ver­stän­di­gen­rat für Umwelt­fra­gen (SRU) deut­lich kri­ti­siert wird.

Doch eine ein­sei­ti­ge Fokus­sie­rung auf die Bei­mi­schung ist bei der Dis­kus­si­on um Agro­kraft­stof­fe unan­ge­bracht. Die EU-Richt­li­nie, bis 2020 zehn Pro­zent des Kraft­stoff­be­darfs über Agro­kraft­stof­fe abzu­de­cken, ist nach wie vor gül­tig – egal, ob bei­gemischt oder pur ver­braucht wird. Ins­ge­samt ist das The­ma »Agro­treib­stof­fe« geo­gra­phisch wie inhalt­lich sehr kom­plex. Des­halb kon­zen­trie­ren sich die nach­fol­gen­den Betrach­tun­gen auf drei Fra­gen die­ser viel­schich­ti­gen Pro­ble­ma­tik: Kön­nen Agro­treib­stof­fe über­haupt einen Bei­trag zum Kli­ma­schutz leis­ten? Was sind die sozia­len Fol­gen des Agro­treib­stoff-Hypes? Was hat es mit den »Agro­treib­stof­fen zwei­ter Genera­ti­on« auf sich?

Kli­ma­kil­ler Agro­treib­stof­fe

Auch wenn Gabri­el Anfang April in sel­te­ner Offen­heit ein­ge­räumt hat, daß es bei den Agro­treib­stof­fen nur begrenzt um Kli­ma­schutz gehe und in ers­ter Linie um bestimm­te wirt­schaft­li­che Inter­es­sen, beto­nen die Agro­treib­stoff-Prot­ago­nis­ten im öffent­li­chen Dis­kurs den ver­meint­li­chen Kli­ma­schutz­ef­fekt. Doch was ist an die­sem ver­füh­re­risch klin­gen­den Argu­ment, durch die Ver­wen­dung nach­wach­sen­der Roh­stof­fe die CO2-Emis­sio­nen maß­geb­lich zu redu­zie­ren, wirk­lich dran? Zunächst ist es ein­leuch­tend: Die Son­ne scheint auf die Äcker, die in den Acker­früch­ten gespei­cher­te Son­nen­en­er­gie wird in Treib­stoff umge­wan­delt, schon ist die Sache »kli­ma­neu­tral«. Ande­rer­seits ist das Argu­ment, daß die Pro­duk­ti­on von Agro­treib­stof­fen selbst fos­si­le Ener­gie ver­braucht und die CO2-Ein­spa­rung somit nicht hun­dert­pro­zen­tig sein kann, eben­falls ein­gän­gig. Eine wich­ti­ge Fra­ge ist also, wie viel von dem Ein­spa­rungs­ef­fekt ver­lo­ren­geht.

Ver­nünf­ti­ger­wei­se hät­te man sol­che Unter­su­chun­gen zuerst durch­füh­ren und dann über die Ver­ab­schie­dung von Geset­zen und Richt­li­ni­en ent­schei­den sol­len. Da wir aber spä­tes­tens seit dem 4. April wis­sen, daß Agro­treib­stof­fe »nur begrenzt etwas mit dem Errei­chen von Kli­ma­schutz­zie­len zu tun« (Gabri­el) haben, wird ver­ständ­lich, daß der­ar­ti­ge Ana­ly­sen für die Ent­schei­dungs­fin­dung kaum von Bedeu­tung waren. Bezeich­nen­der­wei­se wur­den Mit­glieds­staa­ten in der im Mai 2003 ver­ab­schie­de­ten EU-Richt­li­nie »Zur För­de­rung und Ver­wen­dung von Bio­kraft­stof­fen« ver­pflich­tet, bis Ende des Jah­res 2004 die­se in natio­na­les Recht umzu­set­zen, wäh­rend die ent­spre­chen­den Gut­ach­ten zu sozia­len und öko­lo­gi­schen Fol­gen erst 2007/2008 erschie­nen. Die Anfang April 2008 publi­zier­te Stel­lung­nah­me des SRU umreißt die Inter­es­sen­grup­pen mit kla­ren Wor­ten: »Es ent­steht ein neu­er stark wach­sen­der Wirt­schafts­zweig um die Wert­schöp­fungs­ket­te Agro­kraft­stof­fe. Die Zulie­fe­rer, so ins­be­son­de­re die Land­wirt­schaft, pro­fi­tie­ren von den höhe­ren Prei­sen. Die Auto­mo­bil­in­dus­trie wird im Rah­men des soge­nann­ten ›Inte­grier­ten Ansat­zes‹ von Anpas­sungs-, Inno­va­tions- und Inves­ti­ti­ons­kos­ten für leich­te­re und effi­zi­en­te­re Fahr­zeu­ge ent­las­tet. Die­se Akteu­re haben sich am Run­den Tisch ›Bio­kraft­stof­fe‹ mit der Bun­des­re­gie­rung zusammengefunden.«2 Rich­tig, die ein­gangs erwähn­te »Road­map Bio­kraft­stof­fe« nennt sich im Unter­ti­tel »Gemein­sa­me Stra­te­gie von Bun­des­um­welt- und Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um, Ver­band der Auto­mo­bil­in­dus­trie, Mine­ral­öl­wirt­schafts­ver­band, Deut­schem Bau­ern­ver­band und dem Ver­band der Deut­schen Bio­kraft­stoff­in­dus­trie«. Das liest sich wahr­haf­tig wie der geball­te kli­ma­po­li­ti­sche Sach­ver­stand.

In den letz­ten Jah­ren wur­de die Kli­ma­ef­fi­zi­enz von Agro­kraft­stof­fen von ver­schie­de­nen For­scher­grup­pen ana­ly­siert. Für Etha­nol aus Mais und Die­sel aus Soja unter­such­te dies u.a. das US-ame­ri­ka­ni­sche Team um den Öko­lo­gen David Til­man von der Uni­ver­si­tät Minnesota.3 Die­ser Ana­ly­se zufol­ge hat die Ver­wen­dung von Mais­etha­nol einen CO2-Ein­spa­rungs­ef­fekt von zwölf Pro­zent. Der von Soja­die­sel liegt bei 41 Pro­zent. Ähn­lich schlech­te Wir­kungs­gra­de wur­den den Agro­kraft­stof­fen ein Jahr spä­ter in einer Rei­he euro­päi­scher Ana­ly­sen beschei­nigt. Zusätz­lich belas­tet wird die Kli­ma­bi­lanz der kunst­dün­ger­inten­si­ven Agrostreib­stof­fe wie Mais und Raps durch die Frei­set­zung von Lach­gas. Eine Arbeits­grup­pe des Main­zer Mete­reo­lo­gen und Nobel­preis­trä­gers Paul J. Crut­zen wies dar­auf hin, daß das im Ver­gleich zu CO2 rund 300fach kli­ma­schäd­li­che­re Lach­gas sowohl aus dem ein­ge­setz­ten Dün­ger als auch aus dem Stick­stoff der Pflan­zen selbst frei­ge­setzt wird. Bestimm­te Details in der glo­ba­len Lach­gas­bi­lanz der Arbeits­grup­pe Crut­zen wer­den unter Wis­sen­schaft­lern kon­tro­vers dis­ku­tiert. Doch laut SRU ist es unstrit­tig, daß durch die Aus­brin­gung von Dün­ger 1,25 Pro­zent des dar­in ent­hal­te­nen Stick­stoffs direkt über Lach­gas und spä­ter wei­te­re zehn Pro­zent des im Dün­ger ent­hal­te­nen Stick­stoffs über Lach­gas, Ammo­ni­ak und ande­re Stick­oxi­de frei­ge­setzt wer­den. Im Ergeb­nis liegt die Gesamt­emis­si­on bei Raps »nur knapp unter den Emis­sio­nen fos­si­ler Treibstoffe«.4

Neben der ungüns­ti­gen Emis­si­ons­bi­lanz birgt der Agro­kraft­stoff-Boom wei­te­re Umwelt­ri­si­ken in sich. Die­se bestehen in der flä­chen­haf­ten Zunah­me umwelt­ge­fähr­den­der Kul­tu­ren wie Raps und Mais bis hin zur Unter­bre­chung der für die Boden­qua­li­tät wich­ti­gen drei­glied­ri­gen Frucht­fol­ge sowie in der Umwand­lung öko­lo­gisch wert­vol­len Grün­lan­des in Acker­flä­chen für Ener­gie­pflan­zen. Nach Ein­schät­zung des SRU wird durch die­se Ent­wick­lung das Ziel, den Rück­gang der bio­lo­gi­schen Viel­falt im Bereich der EU bis 2010 zu stop­pen, zusätz­lich gefähr­det.

Ins­ge­samt beschei­nigt der SRU Deutsch­land und der EU einen »unzu­rei­chen­den natio­na­len und euro­päi­schen Ord­nungs­rah­men für einen umwelt­ver­träg­li­chen hei­mi­schen Ener­gie­pflan­zen­an­bau« und gibt an ande­rer Stel­le zu beden­ken, daß die »Zer­stö­rung wich­ti­ger Koh­len­stoff­spei­cher (z. B. Grün­land­um­bruch) oder ein hoher Dün­ge­mit­tel­ein­satz die Treib­haus­gas­bi­lanz der Agro­treib­stof­fe sogar ins Nega­ti­ve umkeh­ren können«.5

Ähn­lich deut­lich äußer­te sich der Wis­sen­schaft­li­che Bei­rat der Euro­päi­schen Umwelt­agen­tur, ein Komi­tee von 20 Wis­sen­schaft­lern aus 15 EU-Län­dern. Die­ser for­der­te am 10. April 2008 die Sus­pen­si­on der EU-Bio­kraft­stoff­richt­li­nie und emp­fahl die Durch­füh­rung einer umfas­sen­den wis­sen­schaft­li­chen Stu­die zu Nut­zen und Risi­ken der Agro­treib­stof­fe.

Ver­hee­ren­de sozia­le Fol­gen

Da die Flä­chen­po­ten­tia­le der EU für die euro­päi­sche Agro­kraft­stoff­stra­te­gie nicht aus­rei­chen, ergibt sich nach Berech­nun­gen der nie­der­län­di­schen Umwelt­agen­tur zur Errei­chung des Zehn-Pro­zent-Ziels ein geschätz­ter Bedarf von 6,5 Mil­lio­nen Hekt­ar in außer­eu­ro­päi­schen Regio­nen. Es wer­den gro­ße Men­gen an Agro­kraft­stoff-Impor­ten erfor­der­lich sein, ins­be­son­de­re aus Bra­si­li­en, Argen­ti­ni­en, Indo­ne­si­en und Malay­sia. Eine Chan­ce für die­se Län­der, ihre wirt­schaft­li­che Situa­ti­on zu ver­bes­sern? Auf die makro­öko­no­mi­schen Kenn­zif­fern könn­te sich die Ent­wick­lung in eini­gen Län­dern posi­tiv aus­wir­ken – immer­hin will Bra­si­li­en zur Agro­kraft­stoff-Macht Num­mer eins auf­stei­gen. Schon ist von einer »grü­nen OPEC« die Rede. Doch für die Bevöl­ke­rung ist die Ent­wick­lung kata­stro­phal. Zer­stö­rung der Lebens­grund­la­ge, gewalt­sa­me Ver­trei­bun­gen und Zustän­de der Ver­skla­vung für die weni­gen, für die auf den end­lo­sen Mono­kul­tur­flä­chen ein Job abfällt, wer­den aus Indo­ne­si­en, Malay­sia, Kolum­bi­en, Bra­si­li­en und ande­ren Län­dern berich­tet.

Es wird in der kom­men­den Deka­de mit einem Anstieg der Agrar­prei­se um 20 bis 50 Pro­zent gerech­net, wobei »die zum Teil sehr ehr­gei­zi­gen Aus­bau­zie­le für Agrar­kraft­stof­fe wich­ti­ger Indus­trie- und Schwellenländer«6 dabei eine beacht­li­che Rol­le spie­len dürf­ten. Oli­ver Mül­ler vom Cari­tas-Ver­band schätz­te den Anteil von Agro­treib­stof­fen am jüngs­ten Preis­auf­trieb für Grund­nah­rungs­mit­tel auf 30 bis 70 Pro­zent. Hält man sich vor Augen, daß die Men­schen in den Län­dern des Südens über die Hälf­te ihres Ein­kom­mens für den Kauf von Lebens­mit­teln aus­ge­ben – in Indus­trie­län­dern wer­den zehn bis 20 Pro­zent des Ein­kom­mens für Lebens­mit­tel aus­ge­ge­ben –, läßt sich die Dra­ma­tik erah­nen, die eine Ver­dopp­lung des Prei­ses für Wei­zen, Reis oder Soja seit Früh­jahr 2007 mit sich bringt. Die Öko­no­men C. Ford Run­ge und Ben­ja­min Sen­au­er, bei­de von der Uni­ver­si­tät Min­ne­so­ta, pro­gnos­ti­zier­ten wegen der zu erwar­ten­den Zunah­me des Ener­gie­pflan­zen­an­baus für die Treib­stoff­pro­duk­ti­on bis 2025 im Ver­gleich zu heu­te 380 Mil­lio­nen mehr chro­nisch hun­gern­de Menschen.7 Ange­sichts der aktu­el­len Situa­ti­on for­der­te Jean Zieg­ler, UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, bereits im August 2007 ein fünf­jäh­ri­ges Mora­to­ri­um für Agro­treib­stof­fe.

Gele­gent­lich wird dar­auf ver­wie­sen, daß Bio­mas­se­pro­duk­ti­on für die ört­li­che dezen­tra­le Ener­gie­ver­sor­gung Poten­ti­al für die Armuts­be­kämp­fung und die Bele­bung loka­ler Wirt­schafts­kreis­läu­fe in sich birgt. Das ist im Prin­zip rich­tig und wird von posi­ti­ven Bei­spie­len in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt bestä­tigt. Das Pro­blem ist, daß die­se Bei­spie­le nicht Anfän­ge einer sich aus­brei­ten­den Ent­wick­lung sind, son­dern iso­lier­te Vor­zei­ge­ob­jek­te der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit oder Rudi­men­te in einer Welt glo­ba­ler Waren­strö­me, die als Hin­der­nis­se emp­fun­den und des­halb – so die Befürch­tung – bald aus dem Weg geräumt wer­den.

Ein wenig beach­te­ter Trend, des­sen Fol­gen in sie­ben bis acht Jah­ren in den Schlag­zei­len der Welt­pres­se lan­den könn­ten, ist fol­gen­der: Der durch­schnitt­li­che Welt­markt­preis lag 2006/2007 bei 655 US-Dol­lar pro Ton­ne Palm­öl im Ver­gleich zu 852 Dol­lar pro Ton­ne Raps­öl. Auf­grund die­ser Preis­un­ter­schie­de wer­den schon heu­te umfang­rei­che Palm­öl­im­por­te getä­tigt. In der BRD wur­den nach einer Hoch­rech­nung des Leip­zi­ger Insti­tuts für Ener­gie und Umwelt in den deut­schen Block­heiz­kraft­wer­ken allein 2007 min­des­tens 1,3 Mil­li­ar­den Kilo­watt­stun­den Strom aus Palm­öl erzeugt – sub­ven­tio­niert mit rund 200 Mil­lio­nen Euro auf Basis des Geset­zes für erneu­er­ba­re Ener­gi­en. Die Regie­run­gen von Malay­sia und Thai­land pla­nen eine Ver­dopp­lung der der­zei­ti­gen jähr­li­chen Palm­öl­pro­duk­ti­on auf jeweils sechs Mil­lio­nen Ton­nen. Peter Thoe­nes von der Han­dels­ab­tei­lung der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on kommt auf­grund die­ser Ziel­set­zun­gen zu dem Schluß, daß es »des­halb mög­lich ist, daß in Asi­en eine beträcht­li­che Über­pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät instal­liert wird«.8 Der Preis­ver­fall scheint pro­gram­miert, und es liegt auf der Hand, wem ein sol­cher Preis­ver­fall zugu­te kommt. Eine ähn­li­che Ent­wick­lung gab es in den 90er Jah­ren bei Kaf­fee. Hier hat­ten Mil­li­ar­den­kre­di­te der fran­zö­si­schen Regie­rung und der Welt­bank Viet­nam – ein Land, in dem zuvor kein Kaf­fee ange­baut wur­de – inner­halb eines Jahr­zehnts in die Posi­ti­on des zweit­größ­ten Kaf­fee­pro­du­zen­ten der Welt kata­pul­tiert. Die Fol­ge war der Absturz und ein jah­re­lan­ges Hin­düm­peln der Kaf­fee­prei­se. Man kann sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, daß sol­che Ent­wick­lung offen­sicht­lich gewollt sind: künf­ti­ger Preis­ver­fall, hier bei Palm­öl, zum Vor­teil von Strom- und Kraft­stoff­un­ter­neh­men, gedeckt mit Her­mes­bürg­schaf­ten der Steu­er­zah­ler des glo­ba­len Nor­dens.

Bio­treib­stof­fe zwei­ter Genera­ti­on

Je mas­si­ver die Agro­treib­stof­fe der ers­ten Genera­ti­on in die öffent­li­che Kri­tik gera­ten, des­to stär­ker bezie­hen sich deren Prot­ago­nis­ten auf die der »zwei­ten Genera­ti­on«, die soge­nann­ten BTL-Kraft­stof­fe (BTL: bio­mass to liquid, Bio­mas­sen­ver­flüs­si­gung). Dabei han­delt es sich bis­lang mehr »um eine Art Mar­ke­ting­be­griff«, wie es kürz­lich Georg Gru­ber vom Bun­des­ver­band Pflan­zen­öle aus­drück­te.

Und Kurt Döh­mel, der Deutsch­land-Chef der Shell AG, räum­te Anfang Febru­ar ein, das frü­hes­tens 2023 mit einer brei­ten Markt­ein­füh­rung von BTL-Kraft­stof­fen zu rech­nen sei. Am 17. April 2008 traf Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel mit 130 Ver­tre­tern aus Wirt­schaft und Poli­tik im säch­si­schen Frei­berg zusam­men, um der Fer­tig­stel­lung der »welt­weit ers­ten kom­mer­zi­el­len Anla­ge zur Her­stel­lung von syn­the­ti­schem Bio­kraft­stoff« beizuwohnen.9 Inter­es­san­ter­wei­se hieß die »welt­weit ers­te kom­mer­zi­el­le Anla­ge« noch weni­ge Tage zuvor »Demons­tra­ti­ons­an­la­ge«. Doch die Fir­ma Cho­ren Indus­tries aus Frei­berg (Sach­sen), die sich in stra­te­gi­scher Part­ner­schaft mit Shell, Daim­ler-Benz und Volks­wa­gen befin­det, nimmt es ohne­hin nicht so genau. Bis zur brei­ten Markt­ein­füh­rung von BTL-Kraft­stof­fen sind noch etwa 15 Jah­re erfor­der­lich. Doch selbst bei Unter­stel­lung eines beträcht­li­chen Anteils an BTL-Kraft­stof­fen, so der Hin­weis der Euro­päi­schen Umwelt­agen­tur im EEA-Report 7/2006, wird die in Euro­pa ver­füg­ba­re Land­flä­che für Ener­gie­pflan­zen nicht genü­gen, um das Zehn-Pro­zent-Ziel der EU zu errei­chen.

Zusätz­lich zu den auf­ge­zähl­ten Unwäg­bar­kei­ten haben die Agro­kraft­stof­fe der zwei­ten Genera­ti­on das Poten­ti­al eines tro­ja­ni­schen Pfer­des für gene­tisch modi­fi­zier­te Bäu­me. Zel­lu­lo­se- wie Agro­kraft­stoff­in­dus­trie gie­ren nach schnell­wüch­si­gen Bäu­men mit einem mög­lichst gerin­gen Gehalt von Lignin, das in Pflan­zen die Ver­hol­zung der Zel­len bewirkt. Schon jetzt wird bei den für die­se Indus­trie­zwei­ge attrak­ti­ven Arten Wei­de und Pap­pel mit Hoch­leis­tungs­klo­nen auf extrem ein­ge­eng­ter gene­ti­scher Basis gear­bei­tet. Der Schritt zu gene­tisch modi­fi­zier­ten Bäu­men, um das Wachs­tums wei­ter zu beschleu­ni­gen und den Lignin­ge­halt zu redu­zie­ren, erscheint in die­sem Denk­sche­ma logisch. Frei­land­ver­su­che mit sol­chen Bäu­men sind bis­lang aus Ban­gla­desh, Bra­si­li­en, Chi­le, Chi­na, Finn­land, Indi­en, Indo­ne­si­en, Kana­da, Malay­sia, Süd­afri­ka und Thai­land bekannt. Getes­tet wer­den vor allem Euka­lyp­tus und Ölpal­men, aber auch Pap­pel, Kie­fer und Bir­ke. Auf­grund der Lang­le­big­keit von Bäu­men und der Pol­len­ver­drif­tung über Hun­der­te Kilo­me­ter haben gene­tisch modi­fi­zier­te Bäu­me ein sehr gro­ßes Gefah­ren­po­ten­ti­al – ein will­kom­me­ner Anlaß für die Gen­tech­nik­lob­by, die nach wie vor ver­bo­te­ne Terminatortechnologie9 wie­der ins Gespräch zu brin­gen.

Fuss­no­ten

  1. Die Zita­te sind der Pres­se­mit­tei­lung Nr. 052/08 des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums vom 4. 4.2008 ent­nom­men:
    bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php
  2. Schrift­li­che Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen­ra­tes für Umwelt­fra­gen zur Bun­des­tags­druck­sa­che 16/8150 vom 9.4.2008
  3. Jason Hill et al. (2006): Envi­ron­men­tal, eco­no­mic, and ener­ge­tic costs and bene­fits of bio­die­sel and etha­nol bio­fu­els, Pro­cee­dings of the Natio­nal Aca­de­my of Sci­en­ces No. 103: S. 11206–11210
  4. Schrift­li­che Stel­lung­nah­me des SRU
  5. Ebd.
  6. Ebd.
  7. Sie­he: For­eign Affairs, Aus­ga­be Mai/Juni:
    foreignaffairs.org/20070501faessay86305/c-ford-runge-benjamin-senauer/how-biofuels-could-starve-the-poor.html
  8. Thoe­nes (2006): Bio­fu­els and Com­mo­di­ty Mar­kets – Palm Oil Focus,
    fao.org/es/esc/common/ecg/122/en/full_paper_English.pdf
  9. Die­se Tech­no­lo­gie basiert auf drei in die Pflan­ze ein­ge­bau­ten Genen. Zwei der drei Gene wir­ken zusam­men, um zunächst beim Saat­gut­her­stel­ler die töd­li­che Wir­kung des drit­ten Gens zu unter­drü­cken. Das Killer­gen schließ­lich wird bei der Pro­duk­ti­on des vom Agrar­kon­zern zu ver­kau­fen­den Saat­guts durch einen äuße­ren Sti­mu­lus akti­viert (z.B. durch Besprü­hen der rei­fen Saat­gut­pflan­zen mit einer bestimm­ten Sub­stanz). Vgl. jW vom 28.10.2005, S. 10/11

Quel­le:
Jun­ge Welt vom 28.04.2008
Klaus Peder­sen · Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung dess Autors.

Tag-Wolke