Agro­treib­stof­fe

Der ulti­ma­ti­ve Angriff auf die Ernäh­rungs­si­cher­heit

„Hun­ger­re­vol­ten“ heißt das neue Schreck­ge­spenst, das füh­ren­de Poli­ti­ker der Nord­halb­ku­gel in Atem hält − Hun­ger­re­vol­ten in 20 Län­dern1 auf­grund explo­die­ren­der Grund­nah­rungs­mit­tel­prei­se. Das hat sozia­le Insta­bi­li­tät mit den von der offi­zi­el­len Poli­tik gefürch­te­ten Aus­wir­kun­gen zur Fol­ge: Unsi­cher­heit für Direkt­in­ves­ti­tio­nen in den kri­sen­ge­schüt­tel­ten Län­dern, Zulauf für al-Qai­da, erhöh­ter Migra­ti­ons­druck. „Wenn es zu einem Klas­sen­kampf kommt, dann unter­mi­niert das die Sta­bi­li­tät der Gesell­schaft“, zitiert Bernd Musch- Borow­ska in einer ARD-Kor­re­spon­denz Ifzal Ali, den Chef-Öko­no­men der Asia­ti­schen Ent­wick­lungs­bank. In Ägyp­ten, Indo­ne­si­en und Paki­stan wur­de Mili­tär ein­ge­setzt, um Mehl­trans­por­te zu bewa­chen. Die ban­ge Fra­ge bei den hie­si­gen Poli­ti­kern schließt sich an: Wird die „Fes­tung Euro­pa“ stand­hal­ten? Die Explo­si­on der Prei­se bei den Grund­nah­rungs­mit­teln ist zwar mul­ti­fak­to­ri­ell bedingt, aber die Agro­treib­stoff- Bonan­za hat einen signi­fi­kan­ten Anteil dar­an. Dies ist umso pro­ble­ma­ti­scher, da zudem auch die Agro­treib­stof­fe, ent­ge­gen der offi­zi­el­len Pro­pa­gan­da, kaum einen Bei­trag zur Redu­zie­rung der CO2-Emis­sio­nen leis­ten.

„Hun­ger­re­vol­ten“ heißt das neue Schreck­ge­spenst, das füh­ren­de Poli­ti­ker der Nord­halb­ku­gel in Atem hält − Hun­ger­re­vol­ten in 20 Ländern1 auf­grund explo­die­ren­der Grund­nah­rungs­mit­tel­prei­se. Das hat sozia­le Insta­bi­li­tät mit den von der offi­zi­el­len Poli­tik gefürch­te­ten Aus­wir­kun­gen zur Fol­ge: Unsi­cher­heit für Direkt­in­ves­ti­tio­nen in den kri­sen­ge­schüt­tel­ten Län­dern, Zulauf für al-Qai­da, erhöh­ter Migra­ti­ons­druck. „Wenn es zu einem Klas­sen­kampf kommt, dann unter­mi­niert das die Sta­bi­li­tät der Gesell­schaft“, zitiert Bernd Musch- Borow­ska in einer ARD-Kor­re­spon­denz Ifzal Ali, den Chef-Öko­no­men der Asia­ti­schen Ent­wick­lungs­bank. In Ägyp­ten, Indo­ne­si­en und Paki­stan wur­de Mili­tär ein­ge­setzt, um Mehl­trans­por­te zu bewa­chen.

Die ban­ge Fra­ge bei den hie­si­gen Poli­ti­kern schließt sich an: Wird die „Fes­tung Euro­pa“ stand­hal­ten? Die Explo­si­on der Prei­se bei den Grund­nah­rungs­mit­teln ist zwar mul­ti­fak­to­ri­ell bedingt, aber die Agro­treib­stoff- Bonan­za hat einen signi­fi­kan­ten Anteil dar­an. Dies ist umso pro­ble­ma­ti­scher, da zudem auch die Agro­treib­stof­fe, ent­ge­gen der offi­zi­el­len Pro­pa­gan­da, kaum einen Bei­trag zur Redu­zie­rung der CO2-Emis­sio­nen leis­ten.

Auch wenn der der­zei­ti­ge Pro­test gegen den Zustand von „vol­len Tanks und lee­ren Tel­lern“ Anlass zur Hoff­nung gibt, dass die Richt­li­ni­en zur Agro­treib­stoff­po­li­tik kor­ri­giert wer­den − sicher ist dies ange­sichts des Inves­ti­ti­ons­vo­lu­mens und der dahin­ter ste­hen­den Inter­es­sen­grup­pen nicht. So ist Geor­ge Soros einer der größ­ten aus­län­di­schen Inves­to­ren in Bra­si­li­en für Zucker­rohr- Etha­nol. Vor kur­zem kün­dig­te er an, dass er wei­te­re $900 Mil­lio­nen in das Zucker- Etha­nol­ge­schäft ste­cken will. Soros kon­trol­liert meh­re­re Invest­ment­fonds, die mit Akti­en von bra­si­lia­ni­schen Etha­nol­raf­fi­ne­ri­en han­deln. Fer­ner hat er $300 Mil­lio­nen in die Agro­treib­stoff­ent­wick­lung, vor allem Etha­nol aus Mais, in Argen­ti­ni­en inves­tiert. Zudem ergibt sich die Fra­ge, wel­chen Umfang eine even­tu­el­le Kurs­kor­rek­tur haben wird. Und schließ­lich lohnt es sich nach­zu­schau­en, was die Lang­zeit­wir­kun­gen der jetzt ver­stärkt pro­pa­gier­ten „Bio­treib­stof­fe“ (so die euphe­mis­ti­sche Bezeich­nung) der zwei­ten Gene­ra­ti­on sein wer­den. Die­se wer­den mit der Abkür­zung „BtL“ („Bio­mass to Liquid“) pro­pa­giert. Ihre Prot­ago­nis­ten ver­kün­den, dass in 10-15 Jah­ren, wenn die­se Tech­no­lo­gie markt­reif ist, die Kon­kur­renz zur Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren wird.

Agro­treib­stof­fe als wich­ti­ge Ursa­che für die explo­die­ren­den Nah­rungs­mit­tel­prei­se

In den Län­dern des Südens gibt die Mehr­heit der dort leben­den Men­schen 50-60% ihres Ein­kom­mens für den Kauf von Lebens­mit­teln aus. Das ver­deut­licht die Dra­ma­tik, die sich hin­ter dem der­zei­ti­gen Anstieg der Lebens­mit­tel­prei­se ver­birgt. Die Prei­se für Wei­zen, Reis und Soja haben sich seit dem Früh­jahr 2007 etwa ver­dop­pelt. Auch der Inter­na­tio­nal Food Pri­ce Index, ein inte­gra­ti­ves Maß für die glo­ba­len Lebens­mit­tel­prei­se, stieg von Janu­ar 2007 bis März 2008 um 90 Pro­zent, also fast eine Ver­dopp­lung.2 Als Ursa­che für die­se Ent­wick­lung wer­den gern die ver­än­der­ten Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten (ver­mehr­ter Fleisch­kon­sum) einer im Ent­ste­hen begrif­fe­nen sozia­len Mit­tel­schicht in Chi­na ins Feld geführt. Dies mag für einen mit­tel­fris­ti­gen Trend Bedeu­tung haben. Als Erklä­rung dafür, war­um sich Grund­nah­rungs­mit­tel­prei­se in Jah­res­frist ver­dop­peln, taugt es nicht.

Viel­mehr sind es die Agro­treib­stof­fe, die maß­geb­lich zur der­zei­ti­gen Kos­ten­ex­plo­si­on bei­tra­gen, auch wenn ihr genau­er Bei­trag schwer zu bezif­fern ist. So schätzt ihn ein Ver­tre­ter des Inter­na­tio­nal Food Poli­cy Rese­arch Insti­tu­te (IFPRI) am 21. April auf einer Pres­se­kon­fe­renz auf 25 Pro­zent, Oli­ver Mül­ler vom Cari­tas-Ver­band ver­mu­tet sogar, dass er zwi­schen 30 und 70 Pro­zent liegt3. In jedem Fall haben die Agro­treib­stof­fe also einen wich­ti­gen Anteil an den stei­gen­den Nah­rungs­mit­tel­prei­sen. Wer­ner Eckert kommt der Sache in sei­nem ARD-Kom­men­tar vom 22.04.2008 schon näher, auch wenn er etwas nebu­lös vom „Bör­sen­he­bel“ spricht und zugleich for­dert, das Kind nicht mit dem Bade aus­zu­schüt­ten, denn „bestimm­te For­men von Bio­sprit kön­nen hel­fen, die Umwelt zu schüt­zen und welt­weit Ein­kom­mens­quel­len für arme Bau­ern zu schaf­fen.“ Was davon zu hal­ten ist, wer­den wir wei­ter unten betrach­ten. Der „Bör­sen­he­bel“ ist jedoch nicht nur ein Mix aus schrump­fen­dem Ange­bot und wach­sen­der Nach­fra­ge, wie Herr Eckert meint. Es ist zugleich auch Fol­ge eines Über­an­ge­bots, näm­lich eines Über­an­ge­bots an Kapi­tal, das nach „siche­ren“ Anla­ge­mög­lich­kei­ten sucht. Ange­sichts der glo­ba­len Finanz­kri­se wird der Kauf „Sach­wer­ten“ wie Getrei­de oder Soja, die sich wahl­wei­se auf zwei Märk­ten, dem Nah­rungs­mit­tel­markt oder dem Treib­stoff­markt, wei­ter­ver­kau­fen las­sen, plötz­lich beson­ders attrak­tiv.

Kli­ma­schutz?

Vor den Fol­gen des Agro­sprit-Booms wur­de seit Län­ge­rem gewarnt. In lin­ken Monats­zeit­schrif­ten erschie­nen im ers­ten Halb­jahr 2007 meh­re­re Son­der­aus­ga­ben bzw. Mono­gra­phi­en.4 Schließ­lich wur­den von wis­sen­schaft­li­chen Bei­rä­ten bzw. Exper­ten­gre­mi­en zwi­schen Sep­tem­ber 2007 und Janu­ar 2008 fünf umfang­rei­che Gut­ach­ten zu Agro­treib­stof­fen vor­ge­legt, die sich über­wie­gend oder zumin­dest teil­wei­se kri­tisch äußern-5 Der Pres­se­mit­tei­lung des Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­ums (BMU) vom 4.4.2008 ist zu ent­neh­men, dass dies nicht den Aus­schlag dafür gab, dass Minis­ter Gabri­el die „Bio­sprit-Ver­ord­nung“ gestoppt hat.6 Viel­mehr erklär­te Gabri­el: „Die Umwelt­po­li­tik wird nicht die Ver­ant­wor­tung dafür über­neh­men, dass Mil­lio­nen von Auto­fah­rern an die teu­ren Super-Plus-Zapf­säu­len getrie­ben wer­den“.7
Es war also nicht die Vor­stel­lung, dass sich wegen des Agro­kraft­stoff-Hypes die Zahl der chro­nisch Hun­gern­den bis zum Jahr 2025 von der­zeit 820 Mil­lio­nen auf 1,2 Mil­li­ar­den erhö­hen könn­te8, die zu der Ent­schei­dung führ­te, die Bei­mi­schungs­ver­ord­nung für „Bio“sprit ein­zu­frie­ren. Nein, es war die erschre­cken­de Vor­stel­lung, dass drei­ein­halb Mil­lio­nen Auto­fah­rer im Wahl­jahr 2009 das teu­re Super­Plus tan­ken müss­ten, die den zum Bun­des­um­welt­mi­nis­ter avan­cier­ten ehe­ma­li­gen Pop­mu­sik­be­auf­trag­ten der SPD-Frak­ti­on zu die­sem Schritt bewog. Das war weni­ge Tage bevor die oben beschrie­be­nen Hun­gers­nö­te es end­lich in die Schlag­zei­len schaff­ten.
Doch auch in einer zwei­ten Hin­sicht ist die genann­te Pres­se­mit­tei­lung auf­schluss­reich. Wir wer­den dort offi­zi­ell über etwas infor­miert, was den Agro­treib­stoff- Kri­ti­kern schon län­ger klar war: „Gabri­el ver­wies dar­auf, dass die Dis­kus­si­on um die Erhö­hung der Bei­mi­schungs­ober­gren­zen nur begrenzt etwas mit dem Errei­chen von Kli­ma­schutz­zie­len zu tun gehabt habe.
’Viel­mehr ging es sowohl um Inter­es­sen der Land­wirt­schaft an der Sta­bi­li­sie­rung und dem Aus­bau des Bio­kraft­stoff­mark­tes und einem ganz spe­zi­el­len Inter­es­se der Auto­mo­bil­in­dus­trie.‘“9
Die­ses Ein­ge­ständ­nis passt erstaun­lich gut in das von kri­ti­schen Stim­men gezeich­ne­te Bild. So wird in der am 1. Juli 2007 von Indi­gena- und Bau­ern­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­ab­schie­de­ten „Erklä­rung von Qui­to“ das Pro­blem fol­gen­der­ma­ßen beschrie­ben: „Aus unse­rer Per­spek­ti­ve, als Agrar­ex­port-Län­der des Südens, durch die Logik der Außen­schul­den und unse­rer kolo­nia­len Geschich­te die­sem Zustand unter­wor­fen, ver­tie­fen die Agro­treib­stof­fe das Modell des Agri­busi­ness und der indus­tri­el­len Land­wirt­schaft, ver­stan­den als die Ver­bin­dung aus Mono­kul­tu­ren, Bio­tech­no­lo­gie, Agrar­gif­ten, Finanz­ka­pi­tal und Export­wirt­schaft. … Die Unter­wer­fung loka­ler land­wirt­schaft­li­cher Sys­te­me unter das indus­tri­el­le Modell und einer Ener­gie­nach­fra­ge von außen, ist eine poli­ti­sche Ange­le­gen­heit, wel­che Macht­ver­hält­nis­se über Öko­sys­te­me und Völ­ker impli­ziert. … Die Geo­po­li­tik der Agro­treib­stof­fe erzwingt eine ter­ri­to­ria­le Neu­ord­nung auf glo­ba­ler Ebe­ne.“
Ent­ge­gen den jah­re­lan­gen Ver­laut­ba­run­gen der ein­schlä­gi­gen Public-Rela­ti­ons- Maschi­ne han­delt es sich bei den Agro­treib­stof­fen also nicht um ein Pro­jekt zur Redu­zie­rung von CO2-Emis­sio­nen, son­dern um ein Busi­ness- und Hege­mo­nie- Modell des agro­in­dus­tri­el­len Kom­ple­xes. Dies wird durch eine Anfang April 2008 publi­zier­te Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen­rats für Umwelt­fra­gen (SRU) deut­lich, in der die wah­re Inter­es­sen­la­ge bei den Agro­treib­stof­fen klar umris­sen wird: „Es ent­steht ein neu­er stark wach­sen­der Wirt­schafts­zweig um die Wert­schöp­fungs­ket­te Agro­kraft­stof­fe. Die Zulie­fe­rer, so ins­be­son­de­re die Land­wirt­schaft, pro­fi­tie­ren von den höhe­ren Prei­sen. Die Auto­mo­bil­in­dus­trie wird im Rah­men des so genann­ten ’Inte­grier­ten Ansat­zes’ von Anpas­sungs-, Inno­va­tions- und Inves­ti­ti­ons­kos­ten für leich­te­re und effi­zi­en­te­re Fahr­zeu­ge ent­las­tet.“ 10
Dass es − von Aus­nah­men abge­se­hen − kli­ma­po­li­ti­scher Unsinn ist, mit Agro­treib­stof­fen den CO2-Aus­stoß redu­zie­ren zu wol­len, wur­de inzwi­schen von unter­schied­li­chen Stel­len nach­ge­wie­sen. Zuvor wur­den die EU-Mit­glieds­staa­ten jedoch ver­pflich­tet, bis zum 31.12.2004 die im Mai 2003 (!) ver­ab­schie­de­te EU-Richt­li­nie „Zur För­de­rung und Ver­wen­dung von Bio­kraft­stof­fen“ in natio­na­les Recht umzu­set­zen. Es dau­er­te vier Jah­re von der Ver­ab­schie­dung der Richt­li­nie bis zur Ver­öf­fent­li­chung des oben erwähn­ten und ver­schie­de­ner wei­te­rer Gut­ach­ten zu den sozia­len und öko­lo­gi­schen Fol­gen des Agro­treib­stoff­booms.11
In der Zeit dazwi­schen wur­den voll­ende­te Tat­sa­chen in Form von Inves­ti­tio­nen und der Eta­blie­rung von Märk­ten geschaf­fen. So hat sich der Umsatz von Agro­treib­stof­fen in Deutsch­land von 2004 bis 2006 auf knapp 40.000 GWh mehr als ver­drei­facht.12
Doch trotz der täg­li­chen Hun­ger­schlag­zei­len beharr­te Bar­ba­ra Helf­fe­rich, Spre­che­rin des EU-Umwelt­kom­mis­sars Stav­ros Dimas, am 14. April 2008: „Eine Auf­he­bung des ver­ein­bar­ten Ziels für Bio­kraft­stof­fe steht nicht zur Debat­te.“ Paca­la und Soco­low13 ver­öf­fent­lich­ten im Jahr 2004 ein ver­meint­li­ches Modell zur Ver­rin­ge­rung des CO2-Aus­sto­ßes, das von den Exper­ten der Arbeits­grup­pe 3 des zwi­schen­staat­li­chen Aus­schus­ses für Kli­ma­än­de­run­gen (IPCC) dank­bar auf­ge­grif­fen wur­de. Die­ses tech­no­kra­ti­sche Sze­na­rio beinhal­tet unter ande­rem fol­gen­de Punk­te14:

Zu letz­te­rem Punkt fragt sich Almuth Ern­sting von der bri­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Bio­fu­el­watch, wo die­se Auf­fors­tun­gen ange­sichts der zuvor genann­ten 250 Mil­lio­nen Hekt­ar ertrag­star­ken Acker­lan­des sowie in Anbe­tracht sin­ken­der Wei­zen­er­trä­gen und schrump­fen­der Agrar­flä­chen (Deser­ti­fi­ka­ti­on) her­kom­men sol­len. Ern­sting kommt zu dem Schluss, dass das nur bedeu­ten kann, Aber­mil­lio­nen Hekt­ar Land für mono­kul­tu­rel­len Ener­gie­an­bau zu nut­zen und die Land­wirt­schaft quer durch die Ent­wick­lungs­län­der zu inten­si­vie­ren. Wie sieht es nun kon­kret mit der CO2-Bilanz von Agro­treib­stof­fen aus?
Modell­rech­nun­gen, die in renom­mier­ten Fach­zeit­schrif­ten publi­ziert wur­den, geben dazu Aus­kunft. So unter ande­rem von der For­scher­grup­pe um den Öko­lo­gen David Til­man von der Uni­ver­si­tät Min­ne­so­ta.12 Unter Berück­sich­ti­gung der Inputs an fos­si­ler Ener­gie für Dün­gung, Pes­ti­zi­de und Trans­port errech­ne­ten sie einen CO2– Ein­spa­rungs­ef­fekt von kläg­li­chen 12% bei Etha­nol aus Mais und immer noch weni­ger als der Hälf­te (41%) bei Die­sel aus Soja. In einer Zusam­men­stel­lung des Sach­ver­stän­di­gen­rats für Umweltfragen15 wei­sen wich­ti­ge Agro­kraft­stof­fe (Raps, Soja­öl und Etha­nol aus Mais bzw. Rog­gen) einen CO2-Ein­spa­rungs­ef­fekt unter 50% auf.
Hin­zu kom­men wei­te­re Nega­tiv­ef­fek­te, die nicht in die­se Bilanz­rech­nun­gen ein­ge­gan­gen sind. Der Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat für Agrar­po­li­tik des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Ver­brau­cher­schutz (BMELV) weist in sei­nem Gut­ach­ten vom Novem­ber 2007 dar­auf hin, dass „bei knap­pen Acker­flä­chen eine groß­flä­chi­ge Aus­deh­nung der Bio­en­er­gie zwangs­läu­fig dazu (führt), dass bis­her nicht acker­bau­lich genutz­te Flä­chen in Kul­tur genom­men wer­den (Grün­land­um­bruch, Wald­ro­dung) bzw. die Bewirt­schaf­tung der Flä­chen inten­si­viert wird. Das ver­ur­sacht erhöh­te CO2– und N2O-Emis­sio­nen mit der Fol­ge, dass die Aus­deh­nung der Bio­en­er­gie­er­zeu­gung auf Acker­flä­chen im End­ef­fekt sogar kon­tra­pro­duk­tiv für den Kli­ma­schutz sein kann.“16 Die­se Risi­ken sei­en mit den von der Poli­tik geplan­ten Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­te­men nicht in den Griff zu bekom­men.
Ein wei­te­rer Aspekt wur­de von der Arbeits­grup­pe des Main­zer Nobel­preis­trä­gers Paul J. Crut­zen auf­ge­deckt. Die Kli­ma­bi­lanz der kunst­dün­ger­inten­si­ven Agrostreib­stof­fe wie Mais und Raps wird durch die Frei­set­zung von Lach­gas (N2O) zusätz­lich belas­tet. Dabei wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das im Ver­gleich zu CO2 rund 300-fach kli­ma­schäd­li­che­re Lach­gas sowohl aus dem ein­ge­setz­ten Dün­ger als auch aus dem Stick­stoff der Pflan­zen selbst frei­ge­setzt wird.17 Bestimm­te Details in der glo­ba­len Lach­gas-Bilanz der Arbeits­grup­pe Crut­zen wer­den in Fach­krei­sen kon­tro­vers dis­ku­tiert. Doch laut SRU ist es unstrit­tig, dass durch die Auf­brin­gung von Dün­ger 1,25% des dar­in ent­hal­te­nen Stick­stoffs direkt über Lach­gas und spä­ter wei­te­re 10% des im Dün­ger ent­hal­te­nen Stick­stoffs über Lach­gas, Ammo­ni­ak und ande­re Stick­oxi­de frei­ge­setzt wer­den. Im Ergeb­nis liegt die Gesam­t­emis­si­on bei Raps „nur knapp unter den Emis­sio­nen fos­si­ler Treib­stof­fe“.18

Tro­ja­ni­sches Pferd für die Gen­tech­nik

Je hef­ti­ger die Agro­treib­stof­fe der ers­ten Gene­ra­ti­on in die öffent­li­che Kri­tik gera­ten, des­to inbrüns­ti­ger bezie­hen sich die Agro­treib­stoff-Prot­ago­nis­ten auf jene der so genann­ten „zwei­ten Gene­ra­ti­on“. Dabei han­delt es sich bei den BtL-Kraft­stof­fen laut Georg Gru­ber vom Bun­des­ver­band Pflan­zen­öle bis­lang mehr „um eine Art Mar­ke­ting­be­griff“. Und Kurt Döh­mel, Deutsch­land-Chef von Shell, räum­te in einer öffent­li­chen Ver­an­stal­tung Anfang Febru­ar ein, dass frü­hes­tens in 15 Jah­ren mit einer brei­ten Markt­ein­füh­rung von BtL-Kraft­stof­fen zu rech­nen sei. Die­se Aus­sa­ge ist bedeut­sam, denn Shell gehört zu den „stra­te­gi­schen Part­nern“ der Fir­ma Cho­ren Inter­na­tio­nal in Frei­berg, Sach­sen, jener Fir­ma, bei der am 17.04.2008 im Bei­sein von Frau Mer­kel „die welt­weit ers­te kom­mer­zi­el­le Anla­ge“ für BtL fer­tig gestellt wur­de. Inter­es­san­ter­wei­se wur­de die­se welt­weit ers­te „kom­mer­zi­el­le“ Anla­ge noch weni­ge Wochen zuvor als „Demons­tra­ti­ons­an­la­ge“ bezeich­net.
Abge­se­hen davon, dass der Beweis für die tat­säch­li­che Kli­ma­ef­fi­zi­enz der BtLKraft­stof­fe unter Pra­xis­be­din­gun­gen noch in wei­ter Fer­ne liegt, wer­den sie von zahl­rei­chen Basis­or­ga­ni­sa­tio­nen als Tro­ja­ni­sches Pferd der Gen­tech­nik-Indus­trie betrach­tet. Nach­dem die Gen­tech­nik bei Nah­rungs­mit­tel­pflan­zen ins­be­son­de­re in Euro­pa und in vie­len Län­dern des Südens auf brei­te Ableh­nung stößt, sehen Mon­s­an­to und ande­re Kon­zer­ne die Mög­lich­keit, sich über „Bio“kraftstoffe ein grü­nes Image zu ver­lei­hen. Zugleich sind Zel­lu­lo­se- wie Agro­kraft­stoff­in­dus­trie hef­tig an einer Roh­stoff­ba­sis inter­es­siert, die auf schnell­wüch­si­gen Bäu­men basiert, die durch gen­tech­ni­sche Modi­fi­ka­ti­on (GM) einen mög­lichst gerin­gen Lignin-Gehalt haben. Schon jetzt wird bei den für die­se Indus­trie­zwei­ge attrak­ti­ven Arten Wei­de und Pap­pel mit Hoch­leis­tungs­klo­nen auf extrem ein­ge­eng­ter gene­ti­scher Basis gear­bei­tet.
Der Schritt zu GM-Bäu­men, um das Wachs­tum wei­ter zu beschleu­ni­gen und schließ­lich den Lignin­ge­halt zu redu­zie­ren, erscheint in die­sem Denk­sche­ma logisch. Frei­land­ver­su­che mit GM-Bäu­men sind inzwi­schen aus Ban­gla­desh, Bra­si­li­en, Chi­le, Chi­na, Finn­land, Indi­en, Indo­ne­si­en, Kana­da, Malay­sia, Süd­afri­ka und Thai­land bekannt. Getes­tet wer­den vor allem Euka­lyp­tus und Ölpal­men, aber auch Pap­pel, Kie­fer und Bir­ke. Auf­grund der Lang­le­big­keit von Bäu­men und der Pol­len­ver­drif­tung über hun­der­te von Kilo­me­tern, haben GM-Bäu­me ein sehr gro­ßes Gefah­ren­po­ten­zi­al
– ein will­kom­me­ner Anlass für die Gen­tech­nik-Lob­by, die nach wie vor ver­bo­te­ne Ter­mi­na­tor-Tech­no­lo­gie19 wie­der ins Gespräch zu brin­gen. Die­ses Sze­na­rio liest sich, als wol­le man den Teu­fel mit dem Beel­ze­bub aus­trei­ben, was auch ins­ge­samt für den Kom­plex der Agro­treib­stof­fe gilt. Gleich­zei­tig wer­den die hier­aus resul­tie­ren­den Hun­ger­auf­stän­de im Wes­ten immer stär­ker als Sicher­heits­ri­si­ko inter­pre­tiert und hier­mit Inter­ven­tio­nen in den Län­dern des Südens legi­ti­miert.

Anmer­kun­gen

  1. Demons­tra­tio­nen und Auf­stän­de gab es unter ande­rem in Ägyp­ten, Ban­gla­desh, Elfen­bein­küs­te, Hai­ti, Indo­ne­si­en, Jemen, Kame­run, Mau­re­ta­ni­en, Mocam­bi­que, Paki­stan und Sene­gal.
  2. Braun, J.v. (2008): High and rising food pri­ces. Pre­sen­ta­ti­on at a U.S. Agen­cy for Inter­na­tio­nal Deve­lop­ment (USAID) con­fe­rence, Washing­ton, D.C. 11. April 2008.
  3. Peter­sen, K.: Vol­le Tanks – lee­re Tel­ler, Jun­ge Welt, 28.04.2008.
  4. ila Nr. 304 (April 2007): Agro­treib­stof­fe, Seed­ling (Juli 2007): Agro­fu­els Spe­cial Issue, Fritz, T., FDCL (Juli 2007): Das Grü­ne Gold. Welt­han­del mit Bio­en­er­gie − Märk­te, Macht und Mono­po­le.
  5. Gut­ach­ten u.a. von der Euro­päi­schen Umwelt­be­hör­de EEA, dem „Run­den Tisch für Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung der OECD, dem Sach­ver­stän­di­gen­rat für Umwelt­fra­gen und dem Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rat für Agrar­po­li­tik der jewei­li­gen Bun­des­mi­nis­te­ri­en.
  6. Die Bun­des­er­gie­rung hat­te damit geplant, den Bio­etha­nol­an­teil im Ben­zin ab dem kom­men­den Jahr von fünf auf zehn Pro­zent zu erhö­hen. Vie­le älte­re Autos sind hier­für aber nicht geeig­net und hät­ten des­halb auf teu­res Super plus umstei­gen müs­sen.
  7. Pres­se­mit­tei­lung des BMU (2008): Bun­des­um­welt­mi­nis­ter stoppt Bio­sprit-Ver­ord­nung, www.bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/41118.php
  8. Run­ge, C.F. und Sen­au­er, B.: How Bio­fu­els could star­ve the poor. For­eign Affairs, Aus­ga­be Mai/Juni 2007.
  9. Bun­des­um­welt­mi­nis­ter stoppt Bio­sprit-Ver­ord­nung, BMU-Pres­se­mit­tei­lung Nr. 052/08.
  10. SRU (2008): Schrift­li­che Stel­lung­nah­me vom 4.4.08,
    http://www.bundestag.de/ausschuesse/a16/anhoerungen/61__Sitzung/stellungnahmen/ A-Drs_16-16-391_C_.pdf
  11. Sie­he Fuß­no­te 5.
  12. Nut­zung von Bio­mas­se zur Ener­gie­ge­win­nung. Gut­ach­ten, Wis­sen­schaft­li­cher Bei­rat Agrar­po­li­tik des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Ver­brau­cher­schutz (BMELV)
  13. Paca­la, S. und Soco­low, R. (2004): Sta­bi­li­za­ti­on wed­ges: sol­ving the cli­ma­te pro­blem for the next 50 years with cur­rent tech­no­lo­gies. Sci­ence 305: S. 968-972.
  14. Ern­sting, A. (2007): The glo­bal blue­print for a bio­mass eco­no­my. Bericht vom 20.01.2007, aktua­li­siert im Juli 2007, 7 S.
    http://www.biofuelwatch.org.uk/background.php,
    auf deutsch: (http://www.regenwald.org/news.php?id=592) (27.10.2007).
  15. Schrift­li­che Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen­ra­tes für Umwelt­fra­gen zur Bun­des­tags­druck­sa­che 16/8150 vom 09.04.2008.
  16. Sie­he Fuß­no­te 12.
  17. Crut­zen et al. (2007): Atmo­s­phe­ric Che­mi­stry and Phy­sics Dis­cus­sions 7. S. 11191-11205.
  18. Sie­he Fuß­no­te 10.
  19. Peder­sen, K. (2005) Freie Saat statt tote Ern­te, Jun­ge Welt 28.10.2005

Quel­le:
Aus­druck – IMI-Maga­zin – Juni 2008, S.17-19
Klaus Peder­sen · Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors

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