Gepflanz­te Pro­fi­te

Der heu­ti­ge 16. Okto­ber wur­de 1979 zum Welt­ernäh­rungs­tag erklärt. Es ist der Grün­dungs­tag der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) der Ver­ein­ten Natio­nen, die im Jahr 1945 an die­sem Tag geschaf­fen wur­de. Der Welt­ernäh­rungs­tag steht jedes Jahr unter einem beson­de­ren The­ma. Im vori­gen Jahr lau­te­te das Mot­to »Das Recht auf Nah­rung ist kei­ne Uto­pie«. Die rea­le Poli­tik der FAO dis­qua­li­fi­ziert die­ses Mot­to zur hoh­len Phra­se, denn die­ses Recht ist unlängst für wei­te­re zig Mil­lio­nen Men­schen zur Uto­pie gewor­den. Es ist seit län­ge­rem bekannt, daß das sowohl vom Welt­ernäh­rungs­gip­fel 1996 als auch von der »Mill­en­ni­ums­er­klä­rung« der UNO im Jahr 2000 defi­nier­te Ziel, die Zahl der chro­nisch hun­gern­den Men­schen bis zum Jahr 2015 zu hal­bie­ren, nicht erreicht wird. Mitt­ler­wei­le zeich­net sich ab, daß es nicht ein­mal gelin­gen wird, die­se Zahl kon­stant zu hal­ten. Laut FAO erhöh­te sich zwi­schen 1992 und 2005 die Zahl der chro­nisch Hun­gern­den zunächst von 842 auf 848 Mil­lio­nen Men­schen, um dann im Jahr 2007 sprung­haft auf 943 Mil­lio­nen zu stei­gen. Eine wei­te­re dra­ma­ti­sche Erhö­hung in die­sem Jahr ist abseh­bar.

Die­se tro­cke­ne Sta­tis­tik macht die Gefahr deut­lich, daß der Skan­dal und die Tra­gö­die, die sich hin­ter den nüch­ter­nen Zah­len ver­ber­gen, aus dem Blick­feld gera­ten. Der Skan­dal besteht dar­in, daß welt­weit genü­gend Nah­rung vor­han­den ist: In den letz­ten 20 Jah­ren wuchs die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on schnel­ler als die Welt­be­völ­ke­rung, näm­lich im Durch­schnitt um über zwei Pro­zent jähr­lich, wäh­rend sich im glei­chen Zeit­raum das Bevöl­ke­rungs­wachs­tum glo­bal auf 1,14 Pro­zent redu­zier­te. Laut FAO gab es nach der Rekord­ge­trei­de­ern­te von 2007 andert­halb­mal mehr Nah­rung, als der der­zei­ti­ge Bedarf aus­macht.

Ange­sichts die­ser Kon­stel­la­ti­on ist die Tra­gö­die umso empö­ren­der, die in der Hoff­nungs­lo­sig­keit und dem Schmerz besteht, unter denen fast eine Mil­li­ar­de Men­schen gezwun­gen sind zu leben. Chro­ni­scher Hun­ger bei 15 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung beschränkt sich nicht auf feh­len­de Lebens­per­spek­ti­ven. Er bedeu­tet regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­de Magen­krämp­fe und erhöh­te Krank­heits­an­fäl­lig­keit. Umge­kehrt zeigt eine im Febru­ar ver­öf­fent­lich­te Lang­zeit­stu­die, die das Inter­na­tio­nal Food Poli­cy Rese­arch Insti­tu­te (IFPRI) mit 1400 Per­so­nen in Gua­te­ma­la durch­führ­te, daß jene Hälf­te, die in der Kind­heit in den Genuß eines Kin­der­spei­sungs­pro­gramms gekom­men war, im spä­te­ren Leben ein 50 Pro­zent höhe­res Ein­kom­men hat­te. Laut FIAN (Food­First Infor­ma­ti­ons- und Akti­ons-Netz­werk) star­ben schon vor der Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se täg­lich 25000 Men­schen an Hun­ger. Der Auf­schrei blieb bis­lang aus. Es ist der stil­le Tod von neun Mil­lio­nen Men­schen jähr­lich. Es sind die – anschei­nend anony­men – »Kräf­te des Mark­tes«, die Jahr für Jahr eine über den glo­ba­len Süden ver­teil­te Kata­stro­phe ver­ur­sa­chen. Und es bedurf­te der Hun­ger­re­vol­ten, die in die­sem Jahr inner­halb weni­ger Mona­te in rund 40 Län­dern aus­bra­chen, damit die­ses The­ma sowohl in den Schlag­zei­len der Welt­pres­se als auch in den Gre­mi­en der zwi­schen­staat­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen Beach­tung fand.

Wir­kungs­lo­ser Akti­ons­plan

»Unge­rech­te Han­dels­ab­kom­men und Agrar­ex­port­sub­ven­tio­nen sind maß­geb­lich für die zuneh­men­de Armut und den Hun­ger sowie für die Zer­stö­rung der Märk­te der Ent­wick­lungs­län­der ver­ant­wort­lich«, schrie­ben Annet­te Groth und Alex­an­der King im jW-The­ma vom 13. Juni 2008 und beleg­ten dies mit ein­drucks­vol­len Bei­spie­len. Der Hun­ger in der Welt exis­tiert nicht wegen des oft zitier­ten »feh­len­den poli­ti­schen Wil­lens«, son­dern die Ernäh­rungs­kri­se ist das Ergeb­nis poli­ti­schen Wil­lens. Sie wird zuguns­ten von Unter­neh­mens­pro­fi­ten bewußt in Kauf genom­men. Eben die­ser poli­ti­sche Wil­le ver­un­glimpft knapp eine Mil­li­ar­de Men­schen mit einem per­ma­nen­ten Zynis­mus. So äußer­te sich Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel am 17. April 2008 unter Bezug­nah­me auf 300 Mil­lio­nen Men­schen in Indi­en, die jetzt eine zwei­te Mahl­zeit am Tag ein­neh­men: »Wenn die plötz­lich dop­pelt soviel Nah­rungs­mit­tel ver­brau­chen, als sie das frü­her gemacht haben, und dann auch noch 100 Mil­lio­nen Chi­ne­sen begin­nen, Milch zu trin­ken, dann ver­zer­ren sich natür­lich unse­re gesam­ten Milch­quo­ten und vie­les ande­re.«1 Die­se Äuße­rung erfolg­te anläß­lich der Inbe­trieb­nah­me einer Anla­ge zur Her­stel­lung von syn­the­ti­schem Agro­kraft­stoff bei Cho­ren Indus­tries im säch­si­schen Frei­berg. Mer­kel ver­such­te damit, die Bedeu­tung die­ser Treib­stof­fe bei der Preis­ex­plo­si­on der Nah­rungs­mit­tel her­un­ter­zu­spie­len. Abge­se­hen davon ist das Nach­plap­pern einer vom US-Prä­si­den­ten Geor­ge W. Bush ver­brei­te­ten Behaup­tung auch sach­lich falsch, wie in der Okto­ber-Aus­ga­be des Seed­ling der inter­na­tio­nal für land­wirt­schaft­li­che Bio­di­ver­si­tät ein­tre­ten­den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on GRAIN belegt wird.2

Nach­dem Regie­run­gen, die UNO und ande­re zwi­schen­staat­li­che Orga­ni­sa­tio­nen die Exis­tenz einer glo­ba­len Ernäh­rungs­kri­se schließ­lich ein­ge­stan­den hat­ten, wur­de im April 2008 zwecks Kri­sen­ma­nage­ment eine Koor­di­nie­rungs­grup­pe geschaf­fen, die »High Level Task Force on the Glo­bal Food Cri­sis«, in der sämt­li­che für das The­ma Ernäh­rung rele­van­ten UN-Orga­ni­sa­tio­nen ver­tre­ten sind – also nicht nur die FAO, son­dern auch die Welt­bank, der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) und die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO). Die Koor­di­nie­rungs­grup­pe ver­öf­fent­lich­te im Juli 2008 einen »Com­pre­hen­si­ve Frame­work of Action« (CFA, Rah­men­ak­ti­ons­plan gegen den Hun­ger).3

Die­ser Rah­men­ak­ti­ons­plan spricht sich dafür aus, daß ange­mes­se­ne Ernäh­rung ein inter­na­tio­nal aner­kann­tes Men­schen­recht ist und die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me in den betrof­fe­nen Län­dern gestärkt wer­den; er for­dert die geziel­te Unter­stüt­zung von Klein­bau­ern und schlägt eine Über­prü­fung der Han­dels- und Zoll­po­li­tik vor. Das Netz­werk FIAN ver­öf­fent­lich­te im Sep­tem­ber ein Positionspapier4, in dem es die Emp­feh­lun­gen des Rah­men­ak­ti­ons­plans im Prin­zip begrüßt, die­se jedoch wegen ihrer feh­len­den Spe­zi­fi­tät und der dar­aus resul­tie­ren­den Wir­kungs­lo­sig­keit scharf kri­ti­siert. Der Plan stellt mit sei­ner Ober­fläch­lich­keit inso­fern ein bedenk­li­ches Signal dar, als das Doku­ment auf­grund der Zusam­men­set­zung der »High Level Task Force« als Kon­sens aller wich­ti­gen UN-Insti­tu­tio­nen ange­se­hen wer­den muß.

Das vom Rah­men­ak­ti­ons­plan genann­te Recht auf ange­mes­se­ne Ernäh­rung wur­de bereits im Arti­kel 25 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te vom 10.Dezember 1948 fest­ge­schrie­ben und ist daher nichts Neu­es. Im glei­chen Atem­zug leis­tet aber der Plan mit bestimm­ten For­mu­lie­run­gen »der Kri­mi­na­li­sie­rung sozia­ler Bewe­gun­gen und wei­te­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen Vor­schub«. Zugleich kri­ti­siert FIAN, daß der Akti­ons­plan kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge gibt, wie das Men­schen­recht aller Opfer von Hun­ger und Unter­ernäh­rung durch­ge­setzt und insti­tu­tio­na­li­siert wer­den kann.

Saat­gut macht Bau­ern abhän­gig

Wäh­rend der Rah­men­ak­ti­ons­plan das welt­wei­te Poten­ti­al des öko­lo­gi­schen Land­baus für die Klein­bau­ern lobt und sich zurück­hal­tend, ja fast kri­tisch zu gen­tech­nisch ver­än­der­ten Sor­ten äußert, bleibt in dem ange­bo­te­nen »Hand­lungs­me­nü« eine der Kern­fra­gen – die nach den bei­den wich­tigs­ten Res­sour­cen Land und Was­ser – so gut wie unbe­rück­sich­tigt. Die Tat­sa­che, daß »der Zugang zu und die Kon­trol­le über Land und Was­ser in den Hän­den einer immer klei­ne­ren Grup­pe liegt (…) (wird) voll­stän­dig igno­riert. Im Rah­men­ak­ti­ons­plan wer­den kei­ne Emp­feh­lun­gen zur Siche­rung des Anspruchs auf Land und Was­ser aus­ge­grenz­ter Grup­pen abge­ge­ben«, kri­ti­siert FIAN im Posi­ti­ons­pa­pier.

Die vagen Äuße­run­gen des Rah­men­ak­ti­ons­plans über die »Siche­rung des Zugangs zu Land­rech­ten (nicht etwa zu Land – K. P.) für Gemein­den und Per­so­nen, ins­be­son­de­re mar­gi­na­li­sier­ten Grup­pen«, dürf­ten eben­so­viel prak­ti­schen Wert haben wie die papier­ne Fest­stel­lung eines Rechts auf ange­mes­se­ne Ernäh­rung. Die im Plan zitier­ten Schät­zun­gen über die erfor­der­li­chen Finanz­mit­tel schwan­ken zwi­schen 25 und 40 Mil­li­ar­den US-Dol­lar pro Jahr. Mit ande­ren Wor­ten, die Hälf­te des­sen, was der Irak-Krieg im Jahr ver­schlingt, wür­de aus­rei­chen, um auf zehn Jah­re ver­teilt ein glo­ba­les Pro­gramm zur Über­win­dung der Ernäh­rungs­kri­se zu finan­zie­ren. Dies als Ergän­zung zur Fra­ge nach dem poli­ti­schen Wil­len. Wie wäre es, die­se ver­gleichs­wei­se lächer­li­chen Beträ­ge strikt an die Bedin­gung zügig durch­zu­füh­ren­der Land­re­for­men zu kop­peln – die in vie­len Län­dern des Südens irgend­wann ein­mal ange­fan­gen, spä­ter aber abge­würgt wur­den –, statt an die Bedin­gung der Libe­ra­li­sie­rung der Märk­te?

Wesent­lich ziel­ge­rich­te­ter dürf­ten die Trä­ger­or­ga­ni­sa­tio­nen des Rah­men­ak­ti­ons­plans mit Emp­feh­lun­gen wie »der Schaf­fung eines güns­ti­ge­ren Inves­ti­ti­ons­kli­mas« umge­hen. Die Vor­schlä­ge lau­fen dar­auf hin­aus, daß »effek­ti­ve öffent­li­che Inves­ti­tio­nen in die länd­li­che Ent­wick­lung die Basis für stei­gen­de pri­va­te Inves­ti­tio­nen in Unter­neh­men bie­ten sol­len, die wie­der­um Inputs und Dienst­leis­tun­gen für Klein­bau­ern schaf­fen sol­len«. Damit schließt sich der Kreis: Wir sind beim klas­si­schen »Trickle-down«-Effekt der rei­nen Leh­re des Neo­li­be­ra­lis­mus ange­kom­men. Auch Pro­fes­sor Peter Micha­el Schmitz vom Insti­tut für Agrar­po­li­tik und Markt­for­schung der Uni­ver­si­tät Gie­ßen behaup­te­te in einer öffent­li­chen Anhö­rung des Bun­des­tags­aus­schus­ses für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft, daß es »unstrit­tig ist, daß Libe­ra­li­sie­rung die Wohl­fahrt der Ent­wick­lungs­län­der för­dert«. Doch auch er muß ein­ge­ste­hen: »Für Arme ist das Ergeb­nis dann immer noch völ­lig offen.« Zugleich ist für ihn die Markt­macht der gro­ßen Saat­gut- und Pflan­zen­schutz­fir­men »eher eine Legen­de«.

Schau­en wir uns nur ein kon­kre­tes Bei­spiel die­ser Legen­de an: Die Phil­ip­pi­nen müs­sen einen Groß­teil ihres Reis­be­darfs durch Impor­te abde­cken. Die Situa­ti­on war auf­grund der Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se in die­sem Jahr so ange­spannt, daß dort Löschung und Bin­nen­trans­port von Reis­lie­fe­run­gen mas­siv mili­tä­risch abge­si­chert wur­den. Im Mai 2008 unter­zeich­ne­te das phil­ip­pi­ni­sche Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um mit dem Inter­na­tio­na­len Reis­for­schungs­in­sti­tut (IRRI) ein Pro­jekt­ab­kom­men über 216 Mil­lio­nen US-Dol­lar – man soll­te mei­nen, um die­sem Zustand abzu­hel­fen. Doch Schlüs­sel­kom­po­nen­te die­ses Pro­jekts sind Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung von sub­ven­tio­nier­tem Hybrid­reis. Zum wei­te­ren Ver­ständ­nis: Im sie­ben­köp­fi­gen Auf­sichts­rat des IRRI sit­zen drei Ver­tre­ter von Saat­gut­kon­zer­nen, ein Mit­ar­bei­ter von Bay­er Crop­Sci­ence ein­ge­schlos­sen.

Hybrid­sor­ten, egal von wel­cher Frucht, sind »öko­no­misch ste­ril«, das heißt, es kann kein brauch­ba­res Saat­gut aus eige­ner Ern­te für die nächs­te Aus­saat gewon­nen wer­den. Das ist für Klein­bau­ern ein bedeu­ten­der Nach­teil, denn sie müs­sen Saat­gut kau­fen. Bei Mais und Wei­zen haben Hybrid­sor­ten zumin­dest den Vor­teil, daß sie höhe­re Erträ­ge brin­gen, wenn­gleich auf­grund der teu­ren che­mi­schen Inputs mit kata­stro­pha­len öko­lo­gi­schen und sozia­len Lang­zeit­fol­gen. Bei Hybrid­reis war laut offi­zi­el­len phil­ip­pi­ni­schen Sta­tis­ti­ken aus dem Jahr 2003 der Ertrag jedoch nied­ri­ger als bei den boden­stän­di­gen Sor­ten. Das Pro­jekt »ist für uns ange­sichts der schwa­chen Leis­tung des Hybrid­reis­pro­gramms und der vie­len Pro­ble­me, die über die Jah­re auf­ge­tre­ten sind, schwer zu ver­ste­hen«, sag­te Jim­my Tadeo, Prä­si­dent des Natio­na­len Rats der Reis­bau­ern. Wodurch wird eine Regie­rung zu einem sol­chen Vor­ge­hen ver­an­laßt? Als Ant­wort kom­men nur exter­ner poli­ti­scher Druck, Kor­rup­ti­on oder Fehl­in­for­ma­ti­on (etwa durch Lob­by­ar­beit) in Fra­ge.

»Grü­ne« Revo­lu­ti­on gegen rote

Genau so funk­tio­nier­te die »grü­ne Revo­lu­ti­on« in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts: Saat­gut von Hybrid­sor­ten (Mais, Wei­zen) wur­de anfangs staat­lich sub­ven­tio­niert und ver­dräng­te die boden­stän­di­gen Sor­ten. Nach Weg­fall der Sub­ven­tio­nen kam es bei den Klein­bau­ern des Südens zu einer schnell wach­sen­den Ver­schul­dung, denn eine Rück­kehr zu den alten Sor­ten war nicht mehr mög­lich; öko­no­misch gese­hen mach­ten sich die Hybrid­sor­ten nur bei groß­flä­chi­gem Anbau bezahlt. Die Bau­ern ver­lo­ren ihr Land an Gläu­bi­ger, die Slums der Städ­te füll­ten sich mit den land­los Gewor­de­nen, und der Pro­zeß der Kon­zen­tra­ti­on des frucht­ba­ren Bodens in den Hän­den rela­tiv weni­ger erhielt neu­en Auf­schwung bzw. mach­te die Ergeb­nis­se der Boden­re­for­men zunich­te. Ein Aus­druck der sozia­len Fol­gen der »grü­nen Revo­lu­ti­on« sind die 150000 indi­schen Klein­bau­ern, die nach Schät­zun­gen des Madras Insti­tu­te of Deve­lop­ment Stu­dies zwi­schen 1997 und 2005 Selbst­mord begin­gen, weil sie kei­nen Aus­weg aus der Schul­den­fal­le sahen.

Davon abge­se­hen war die­se »grü­ne Revo­lu­ti­on« in ihrer Inten­ti­on kein Akti­ons­pro­gramm gegen den Hun­ger, son­dern eine stra­te­gi­sche Maß­nah­me des Wes­tens in der Zeit des kal­ten Krie­ges. Wil­liam Gaud, der dama­li­ge Direk­tor von USAID, dem »Entwicklungshilfe«-Ministerium der USA, der 1968 den Begriff der »grü­nen Revo­lu­ti­on« präg­te, erklär­te offen, daß es vor allem dar­um ging, die »roten« Revo­lu­tio­nen ein­zu­däm­men.

Die »grü­ne Revo­lu­ti­on« trug zu einer kon­ti­nu­ier­li­chen Stei­ge­rung der welt­wei­ten land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on, aber nicht zu einer genü­gen­den Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln bei. Trotz aus­rei­chen­der glo­ba­ler Pro­duk­ti­on sind heu­te Mil­lio­nen Men­schen unter­ernährt. Im Jahr 2001 gin­gen in Indi­en, dem Vor­zei­ge­land der »grü­nen Revo­lu­ti­on«, 320 Mil­lio­nen Men­schen hung­rig zu Bett, und in 13 Bun­des­staa­ten wur­den Hun­ger­to­te regis­triert. In eben die­sem Jahr lagen dort 65 Mil­lio­nen Ton­nen Getrei­de unge­nutzt auf Hal­de. Lang­fris­tig am gra­vie­rends­ten dürf­te jedoch die feh­len­de Nach­hal­tig­keit einer auf Hoch­leis­tungs­sor­ten basie­ren­den Welt­ernäh­rung sein. Es gibt Bele­ge, daß sich eine Land­wirt­schaft nach den Regeln der »grü­nen Revo­lu­ti­on« im Bereich eines Net­to­en­er­gie­ver­lusts bewegt. Das ist nach dem Natur­ge­setz der Entro­pie auf Dau­er nicht trag­fä­hig: Es wer­den mehr (fos­si­le) Kalo­ri­en als Input ver­braucht, als ver­dau­li­che Kalo­ri­en pro­du­ziert wer­den. Dar­über hin­aus hat Inten­siv­land­wirt­schaft nach dem Mus­ter der »grü­nen Revo­lu­ti­on« dazu geführt, daß glo­bal inzwi­schen 75 Pro­zent des ver­füg­ba­ren Was­sers durch die Land­wirt­schaft ver­braucht wer­den, was ange­sichts der sich ent­fal­ten­den welt­wei­ten Was­ser­kri­se eben­falls sehr kri­tisch zu betrach­ten ist.

Im Gegen­satz zur Inten­siv­land­wirt­schaft wer­den in der tra­di­tio­nel­len Land­wirt­schaft bis zu zehn­mal mehr Kalo­ri­en für Nah­rung pro­du­ziert als wäh­rend der Pro­duk­ti­on der Nah­rung ver­braucht wur­den. Auch der Welt­agrar­rat, ein von der UNO beru­fe­nes Gre­mi­um von 400 Land­wirt­schafts­ex­per­ten, hat sich in sei­nem im April die­ses Jah­res in Paris vor­ge­leg­ten ers­ten Bericht für eine Rück­kehr zu tra­di­tio­nel­len Anbau­me­tho­den mit her­kömm­li­chen Pro­duk­ti­ons­wei­sen, ange­stamm­tem Saat­gut und natür­li­chem Dün­ger aus­ge­spro­chen.

Ein vom Agro­busi­neß sorg­fäl­tig geheg­ter Mythos sind die ver­meint­lich gerin­ge­ren Erträ­ge bei tra­di­tio­nel­lem Anbau. Im Gegen­satz dazu kommt eine umfas­sen­de Ana­ly­se5, in der die Ergeb­nis­se von über 300 Stu­di­en zu bei­den Anbau­ver­fah­ren ver­gli­chen wur­den, zu dem Schluß, daß eine Ertrags­über­le­gen­heit weder für das eine noch für das ande­re Anbau­ver­fah­ren erkenn­bar war. Eine wei­te­re Schluß­fol­ge­rung die­ser Ana­ly­se besteht dar­in, daß die der­zei­ti­ge Welt­be­völ­ke­rung auf der Basis bio­lo­gi­schen Anbaus ernährt wer­den könn­te.

Nächs­tes Opfer: Afri­ka

Davon unbe­ein­druckt dro­hen inzwi­schen zwei wei­te­re »grü­ne Revo­lu­tio­nen«. Die ers­te ist hin­läng­lich bekannt: Seit Jah­ren wird von den mul­ti­na­tio­na­len Agrar­kon­zer­nen die Bekämp­fung des Hun­gers mit gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen ver­spro­chen. Obwohl sogar durch Gen­tech­nik ver­mit­tel­te Ertrags­stei­ge­run­gen – die aber nicht den Hun­ger bekämp­fen – bis­lang auf dem Niveau eines Mar­ke­ting­be­griffs ver­har­ren, tri­um­phiert das Agro­busi­neß all­jähr­lich über zwei­stel­li­ge Wachs­tums­zah­len in der Anbau­flä­che gen­tech­nisch ver­än­der­ter Pflan­zen. Dank Lob­by­ar­beit und dank an ent­spre­chen­de Bedin­gun­gen geknüpf­ter »Ent­wick­lungs­hil­fe« umfaßt die­se inzwi­schen sie­ben Pro­zent der glo­ba­len Acker­flä­che (114 Mil­lio­nen Hekt­ar in 23 Län­dern). Davon decken Soja, Mais und Raps 90 Pro­zent der Anbau­flä­che ab, also genau jene Nutz­pflan­zen, die als Tier­fut­ter und zur Her­stel­lung von Agro­treib­stof­fen ver­wen­det wer­den sowie durch Flä­chen­kon­kur­renz bzw. sub­ven­tio­nier­te indus­tri­el­le Nut­zung maß­geb­lich zur Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se bei­getra­gen haben. Die Lob­by­is­ten der Agro-Bio­tech­no­lo­gie-Agen­tur ISAAA (Inter­na­tio­nal Ser­vice for the Acqui­si­ti­on of Agri-Bio­tech App­li­ca­ti­ons) hin­ge­gen spre­chen von der Errei­chung eines »sehr wich­ti­gen Mei­len­steins von huma­ni­tä­rer Bedeu­tung im Jahr 2007« – die Zahl der »res­sour­cen­ar­men Klein­bau­ern«, die in den Genuß der Seg­nun­gen gen­tech­ni­scher Sor­ten kam, habe erst­mals die Zehn-Mil­lio­nen-Gren­ze über­schrit­ten. Auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent hat die Gen­tech­nik bis­lang nur in Süd­afri­ka Fuß fas­sen kön­nen.

Das soll sich jetzt ändern – mit Hil­fe der Alli­an­ce for a Green Revo­lu­ti­on in Afri­ca (AGRA). Sie wur­de 2006 von der Bill & Melin­da Gates Stif­tung und der Rocke­fel­ler-Stif­tung ins Leben geru­fen. Inzwi­schen sind auch die Welt­bank und zahl­rei­che ande­re Insti­tu­tio­nen betei­ligt. Kofi Ann­an fun­giert als Chef die­ser Alli­anz. Wäh­rend sei­ner Amts­zeit als UN-Gene­ral­se­kre­tär hat­te Ann­an mehr­fach die Gen­tech­nik als Lösung des Hun­ger­pro­blems in Afri­ka pro­pa­giert. In sei­ner neu­en Funk­ti­on erklär­te er im Juli 2007, daß Gen­tech­nik­pflan­zen nicht Teil des AGRA-Pro­gramms sein wer­den. Zehn Tage spä­ter, am 24.Juli 2007, kor­ri­gier­te die AGRA die­se Äuße­rung und stell­te klar, die Alli­anz stün­de Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie, ein­schließ­lich Gen­tech­no­lo­gie, auf­ge­schlos­sen gegen­über, um afri­ka­ni­sche Klein­bau­ern »bei ihren drin­gen­den Bemü­hun­gen zu unter­stüt­zen, Armut und Hun­ger aus­zu­mer­zen«. Da ist es nur logisch, daß auf der AGRA-Jah­res­kon­fe­renz im August in Oslo Flo­rence Wam­bu­gu, eine her­aus­ra­gen­de Befür­wor­te­rin von Gen­tech­nik und Bio­tech­no­lo­gie, mit dem »Yara-Preis für eine grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka« aus­ge­zeich­net wur­de. Doch selbst wenn man von der Gen­tech­nik-Kom­po­nen­te des AGRA-Pro­jekts absieht – bereits auf der Web­site wird klar: Es geht um die Schaf­fung von »Wert­ket­ten«, wie dort wie­der­holt betont wird. Die afri­ka­ni­schen Klein­bau­ern wer­den sich über kurz oder lang mit paten­tier­tem Saat­gut und Kunst­dün­ger über­schüt­tet sehen, um spä­ter in den glei­chen Teu­fels­kreis ein­zu­tre­ten, in dem sich die indi­schen Bau­ern befin­den.

Zu guter Letzt sei in Erin­ne­rung geru­fen, daß die Gates- und die Rocke­fel­ler-Stif­tung gemein­sam mit den Agrar­kon­zer­nen Mon­s­an­to und Syn­gen­ta Mil­lio­nen­be­trä­ge inves­tier­ten, um auf Spitz­ber­gen die welt­größ­te Saat­gut­bank zu instal­lie­ren. Die­se nahm am 26. Febru­ar 2008 ihren Betrieb auf. Auch das paßt ins Gesamt­bild. Bereits 1978 kam die Natio­na­le Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der USA zu der Erkennt­nis, daß die »grü­ne Revo­lu­ti­on« mehr und mehr die eige­ne züch­te­ri­sche Aus­gangs­ba­sis unter­höhl­te: »Der Pro­zeß stellt ein Para­dox sozia­ler und öko­no­mi­scher Ent­wick­lung dar, indem das Pro­dukt der Tech­no­lo­gie (Züch­tung auf hohen Ertrag und Ein­heit­lich­keit) die Res­sour­cen zer­stört, auf denen die Tech­no­lo­gie auf­baut.«6

Fuß­no­ten

  1. Sie­he z. B. unter
    n-tv.de/Wenn_der_Inder_zweimal_isst_Merkel_findet_Erklaerung/ 170420081816/950504.html
  2. grain.org/seedling_files/seed-08-10.pdf
  3. un.org/issues/food/taskforce/Documentation/CFA%20Web.pdf
  4. fian.de/fian/index.php?option=content&task=view&id=599
  5. C. Bag­ley u. a.: Orga­nic agri­cul­tu­re and the glo­bal food sup­ply, in: Rene­wa­ble Agri­cul­tu­re and Food Sys­tems 22, S. 86–108 (2007)
  6. M. Flit­ner: Samm­ler, Räu­ber und Gelehr­te. Frankfurt/Main, New York 1995, S. 11 f.
* Vom Autor erschien vor kur­zem »Natur­schutz und Pro­fit. Men­schen zwi­schen Ver­trei­bung und Natur­zer­stö­rung«, Unrast Ver­lag Müns­ter, 140 Sei­ten, 13,80 Euro

Quel­le:
Jun­ge Welt vom 16.10.2009
Klaus Peder­sen · Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors.

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