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Welternährungsprogramm in Finanznöten: UN-Unterstützungsfonds fehlen drei Milliarden Dollar – knapp die Hälfte seines Budgets. Hilfe für Hunderttausende Hungernde eingestellt

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) muß wegen fehlender finanzieller Mittel seine Hilfslieferungen einschränken. Bis zum Jahresende rechnet die UN-Organisation mit einem Fehlbetrag von drei Milliarden Dollar. Dies geht aus einem im vergangenen Monat veröffentlichten Bericht hervor. Bereits Ende Juni hatte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, offenbart, seine Organisation habe erst 25 Prozent ihres Budgets für 2009 erhalten. Das WFP ist zu hundert Prozent auf freiwillige Beiträge, in erster Linie von Regierungen, angewiesen. Für die Unterstützung von 108 Millionen bedürftigen Menschen in 74 Ländern hatte das WFP einen Finanzbedarf von 6,7 Milliarden Dollar errechnet.

Angesichts der nach wie vor unvollständigen Deckung des Budgets hat sich das Welternährungsprogramm nun zu drastischen Kürzungen entschlossen. So muß im Laufe des August der humanitäre Flugdienst des WFP in Teilen Afrikas eingestellt werden, mit dem sowohl Helfer als auch ein Teil der Hilfsgüter transportiert werden. Betroffen sind Guinea, Liberia, Sierra Leone und der Tschad. Allein im Tschad wurden monatlich etwa 4000 Helfer zu zehn Einsatzorten geflogen, um 250000 Flüchtlinge aus Darfur und 180000 Binnenvertriebene zu versorgen.

Kostenexplosion

Meldungen über fehlende Geldmittel beim WFP gab es in letzter Zeit fast jährlich. Doch während es sich in den früheren Jahren um Millionensummen handelte und Programme in bestimmten Regionen (2002 Afghanistan, 2003 Äthiopien, 2006 südliches Afrika) gefährdet waren, fehlen neuerdings Milliarden im globalen Maßstab. Das wirft ein Schlaglicht auf die Welternährungssituation, und zwar nicht wegen Mißernten, sondern hinsichtlich der Nahrungsmittelpreise. Im Zuge der Kostenexplosion bei Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten 2008 kam es zu einer Doppelbelastung für das WFP und andere humanitäre Organisationen. Einerseits mußte für den Einkauf der Hilfslieferungen erheblich mehr Geld ausgegeben werden, denn die Durchschnittspreise für Körnerfrüchte hatten sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Andererseits stieg durch die höheren Verbraucherpreise in den Ländern des Südens die Zahl der Hilfsbedürftigen.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) kostete eine Tonne Reis auf dem Weltmarkt im vorigen Jahr zeitweise über 900 Dollar, bei Weizen lag der Spitzenwert knapp unter 500 Dollar. Obwohl Nahrungsmittelpreise inzwischen keine Schlagzeilen mehr machen, liegen sie in den Ländern der sogenannten dritten Welt vielfach immer noch auf dem extrem hohen Niveau von 2008. Und das trotz einer über dem Vorjahresergebnis liegenden Weltgetreideernte. Dementsprechend stieg auch die Zahl der Bedürftigen. Eine wegen der Welternährungskrise direkt beim UN-Generalsekretär eingerichtete Arbeitsgruppe prognostizierte im Juli 2008 einen Anstieg der Hilfsbedürftigen von 70 auf 98 Millionen, inzwischen sind es 108 Millionen. Im Ergebnis dieser beiden Entwicklungen – Einkaufspreis und Zahl der Bedürftigen – erhöhte sich der Finanzbedarf des WFP sprunghaft auf fünf Milliarden Dollar (2008), während sich der jährliche Haushalt von 2003 bis 2007 zwischen 2,2 und 2,7 Milliarden Dollar bewegte. Im Jahr 2009 wird von den budgetierten 6,7 Milliarden Dollar voraussichtlich knapp die Hälfte fehlen.

Das WFP ist das weltgrößte Nahrungsmittelhilfsprogramm und deckt jährlich etwa die Hälfte der verteilten Mengen ab. Größter Geldgeber sind die USA, die in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent des Budgets bestreiten, gefolgt von der Europäischen Kommission, die meist zwischen sieben und neun Prozent beisteuert. Die Hälfte des Geldes wird für sogenannte »Längerfristige Hilfs- und Wiederaufbauaktionen« (Protracted Relief and Rehabilitation Operation – PRRO) ausgegeben. Bei den 54 Empfängern zeichnen sich Schwerpunktländer ab, die bestimmte Interessen der Hauptgeberstaaten (politische Einflußnahme, Stabilisierung von Krisengebieten) vermuten lassen. So soll Afghanistan zehn Prozent der PPRO erhalten, die Demokratische Republik Kongo und Simbabwe sechs bzw. sieben Prozent. Für Äthiopien, das auch mehrfach von Mißernten geplagt war, zugleich aber die westlichen Interessen gegen den »zerfallenen Staat« Somalia vertritt, sind 18 Prozent eingeplant.

Einflußnahme

Selbstverständlich muß Menschen in großer Not sehr schnell geholfen werden. Aber es drängt sich die Frage auf, ob nicht grundsätzlich etwas falsch läuft, wenn im Vergleich zum Vorjahr die Welternte und die Zahl der Bedürftigen gleichzeitig steigen. Neben der eskalierenden Einflußnahme mächtiger Länder in Krisengebieten, nicht selten mit dem Ergebnis einer Erhöhung der Zahl der Hilfsbedürftigen (genannt seien Afghanistan, Haiti, Sudan, Kongo, Tschad, Somalia), fällt ein anderer Widerspruch ins Auge. Für Äthiopien, Kenia, Madagaskar, Moçambique, Pakistan und Sudan werden laut WFP-Statistik in Summe über 1,7 Milliarden Dollar an Nahrungsmittelhilfen aufgewendet. Gleichzeitig haben diese Länder zusammengenommen mehr als 1,1 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Anbaufläche mit jahrzehntelangen Pachtverträgen an ausländische Investoren abgegeben, die dort entweder Agrotreibstoffe oder Nahrungsmittel für den Rückexport in die Investorländer anbauen.


Angesichts dieser Widersprüche und der wachsenden Zahl der Hunger leidenden Menschen, was bislang nichts mit einer globalen Verknappung an Nahrungsmitteln zu tun hat, werden Konzepte zur Ernährungssouveränität immer dringlicher. Sie sind mittelfristig die Alternative zu Hilfslieferungen.

Hintergrund

WFP in Zahlen und Fakten

2008

Zahl der unterstützten Personen:102 Millionen
Zahl der unterstützten Länder: 78
Zahl der laufenden Projekte: 214
Verteilte Nahrungsmittel: 3,9 Millionen Tonnen
Finanzieller Aufwand: 5,046 Milliarden Dollar

2009

Budgetierter Bedarf: 6,7 Milliarden Dollar
Bis Anfang August 2009 akquiriert: 1,905 Milliarden Dollar

Regionaler Einkauf

Nach den Kontroversen zu Genfood und Food-Dumping korrigierte das Welternährungsprogramm seine Strategie: Heute werden 75 bis 80 Prozent der WFP-Nahrungsmittel regional eingekauft.

WFP und Irak-Krieg

2003, im Jahr der US-Invasion, wurden 25 Prozent der WFP-Nahrungsmittel im Irak eingesetzt, 2004 waren es 44 Prozent – ein Indiz für die Instrumentalisierung dieses UN-Programms durch die USA.

WFP, Piraten und Marine

Zahl der jährlichen WFP-Schiffsladungen nach Mombasa und Somalia: ca. 200
Zahl der gekaperten WFP-Schiffe vor Somalia
2007: 3
2008: 0
bis August 2009: 2

Ein drittes WFP-Schiff wurde attackiert und beschädigt, aber nicht gekapert. Dies war eine angekündigte Vergeltungsaktion für die gewaltsame Geiselbefreiung beim ersten Schiff durch US-Spezialeinheiten.

WFP-Geschichte

Das Welternährungsprogramm ist ein Nebenorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom, Italien. Die Gründung wurde 1961 von der UN-Generalversammlung und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) beschlossen, um die Nahrungsmittelversorgung in Kriegs- und Katastrophengebieten zu sichern. Offiziell nahm das WFP 1963 seine Arbeit auf. Mittlerweile ist die UN-Organisation die weltweit größte und leistungsfähigste Einrichtung zur Versorgung von Notopfern. Zudem führt sie zahlreiche Entwicklungsprojekte durch.

WFP im Internet:
www.wfp.org
Quelle:
Junge Welt vom 11.08.2009
Klaus Pedersen · Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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