Reale Alternativen

Erschienen in „junge Welt“ vom 18.11.2009
Peter Clausing

Hintergrund. Wider das agroindustrielle Doping – eine andere Landwirtschaft ist möglich. Überlegungen anläßlich des diesjährigen Welternährungsgipfels

Noch bis zum heutigen Mittwoch findet in Rom der Welternährungsgipfel statt. Der nach 1996 und 2002 dritte Gipfel weist in mehrfacher Hinsicht Besonderheiten auf. Nie zuvor waren Machtkonzentration und Verflechtung von Agrar- und Biotechnologiekonzernen, lebensmittelverarbeitender Industrie und Handelsketten so groß. Doch auch die Sackgasse, in die diese Entwicklung führt, war noch nie so deutlich erkennbar. So wächst vor dem Hintergrund der globalen kapitalistischen Krise und einer steigenden Zahl hungernder Menschen die Notwendigkeit, einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Internationale Bewegungen wie Via Campesina, die solche Alternativen einfordern und praktizieren, finden zunehmend Gehör. Nationale Initiativen wie die brasilianische Bewegung der Landlosen (MST in portugiesischer Abkürzung) sind auf der Basis jahrelanger Kampferfahrung fest etabliert und können beachtliche Erfolge vorweisen.1 Seit 2008 gibt es mit dem Weltagrarbericht erstmalig ein umfassendes Dokument, das von einer institutionell-wissenschaftlichen Position aus eine radikale Wende in der globalen Landwirtschafts- und Ernährungspolitik fordert.2 Sein Kernstück, der »Globale Bericht«, ein von über 400 Wissenschaftlern erarbeitetes, 600seitiges Dokument, wurde von 61 Regierungen unterschrieben (inklusive sieben EU-Staaten, unter Vorbehalt auch von Australien, Kanada und USA, nicht aber von Deutschland). Hinzu kommen ausführliche Teilberichte, die sich mit den regionalen Problemen der Welt befassen, die zu diesem Zweck in fünf Wirtschaftsregionen unterteilt wurde. Der Weltagrarbericht stellt somit einen wichtigen Bezugspunkt in der Diskussion über die Perspektiven von Landwirtschaft und Welternährung dar oder ist, wie es Uwe Hoering auf seinem Blog www.globe-spotting.de ausdrückt, zu einer »Art Bibel für die Kritiker der globalen Agrarindustrie« geworden. Am 9. Oktober 2009 wurde die deutsche Übersetzung der umfangreichen Zusammenfassung des Berichts der Öffentlichkeit präsentiert.3

Kein »Weiter so!«

Trotz dieser ermutigenden Entwicklung sollte man sich keinen Illusionen hingeben – auf dem Welternährungsgipfel wird man die Stimmen der vom 13. bis 17. November ebenfalls in Rom stattfindenden Alternativkonferenz, dem People’s Food Sovereignty Forum, voraussichtlich ignorieren und ein »Weiter so!« als Rezept zur vermeintlichen Lösung der Welternährungskrise beschließen. Also genau das, wovon der Weltagrarbericht dringend abrät. Hinter dem »Weiter so!« verbirgt sich in erster Linie die Fortsetzung einer auf Agrochemikalien basierenden Steigerung der Hektarerträge von Monokulturen, anstatt auf eine umfassende Unterstützung kleinbäuerlicher Betriebe in den Ländern des Südens umzuschwenken, um so eine ökologisch und sozial verträgliche Produktionssteigerung zu erreichen, die den Begriff »nachhaltig« tatsächlich verdienen würde. Dabei ist die Zeit für eine solche radikale Agrarwende nicht nur reif, sondern auch knapp. Mehrfach ist im Weltagrarbericht davon die Rede, daß wir uns an einer »Weggabelung der Geschichte« befinden und daß die jetzt zu treffenden Entscheidungen bestimmen werden, »auf welche Weise wir unsere Erde erhalten und unsere Zukunft sichern« – oder eben auch nicht. Eine umfassende Förderung und verbindliche Umsetzung eines alternativen Weges, der in Wirklichkeit eine Vielzahl miteinander verflochtener Wege darstellt, würde zu einer raschen Verbreitung von Erprobtem und Bewährtem beitragen und darüber hinaus zahlreiche neue Möglichkeiten erschließen, die teils kurzfristig erreichbar und teils langfristig zu erarbeiten wären. Es geht also darum, daß »ökologische Nachhaltigkeit maximiert und bäuerliche Familienbetriebe wirtschaftlich so stark gemacht werden, daß sie in vorderster Linie die Armutsverringerung vorantreiben können«. (Weltagrarbericht)

Im vorliegenden Beitrag geht es um die inhaltliche Skizzierung solcher Alternativen. Ihre gegenwärtige politische Durchsetzbarkeit bleibt dahingestellt. Es ist aber wichtig, diese Alternativen zu kennen, denn auch im linken Spektrum wird »Fortschritt« im landwirtschaftlichen Bereich gelegentlich mit der Ausweitung und »Verfeinerung« agroindustrieller Produktionsmethoden gleichgesetzt. Von dieser Seite werden kleinbäuerliche Betriebe in den Ländern des Südens als überlebte Wirtschaftsform und somit als Ursache der Ernährungskrise eingestuft. Doch wie sollen ökologisch und sozial nachhaltige Alternativen gegen Konzerninteressen durchgesetzt werden, wenn selbst in linken Kreisen an ihrer Validität gezweifelt wird?

Wenn Landwirtschaft und Welternährung am Scheideweg stehen und – wie im Weltagrarbericht formuliert – ein »Weiter so!« keine rationale Option mehr darstellt, dann betrifft das einerseits die Anerkennung der Grenzen, an die die derzeitige landwirtschaftliche Strategie stößt und andererseits das Durchbrechen dieser Grenzen, um auf der Basis neuer Handlungsoptionen der fortschreitenden Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen Einhalt zu gebieten und einer deutlichen Linderung, wenn nicht Abschaffung von Armut und Hunger den Weg zu ebnen. Dabei trifft die bereits 1968 in einer Studie der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler getroffene Feststellung weiterhin zu, daß »ohne einschneidende wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Veränderungen alle wissenschaftlich-technischen Maßnahmen gegen den Hunger zum Scheitern verurteilt sind«. Charakteristisch für das herrschende Gesellschaftssystem ist allerdings, daß diese vor 40 Jahren gewonnene Erkenntnis bis heute keine praktische Umsetzung erfahren hat.

Folgen der Grünen Revolution

Lange Jahre haben sich die Agrarwissenschaften auf die Bereitstellung von Technologien zur Steigerung der betrieblichen Produktivität mit dem Ergebnis einer ständigen Senkung der Erzeugerpreise und Externalisierung der Kosten konzentriert, heißt es im Weltagrarbericht. Das Resultat dieser Preisdrückerei sind Erzeugerpreise bei Milch und Getreide, die selbst in Deutschland kaum noch für eine rentable Produktion ausreichen. Im Ergebnis der Externalisierung der Kosten trugen »Enklaven einer Intensivlandwirtschaft zu einer schleichenden Zerstörung von Böden und Wasser sowie zu Verunreinigungen, die den globalen Temperaturanstieg fördern, bei«. (Weltagrarbericht) Konkret sind 38 Prozent (zwei Milliarden Hektar) der weltweiten Kulturflächen von Bodendegradation betroffen, die Landwirtschaft verbraucht global 70 Prozent des knapp werdenden Süßwassers, zehn Prozent der weltweit bewässerten Flächen sind versalzt, und die Bodennährstoffe sind so erschöpft, daß daraus jährlich über eine Milliarde Tonnen Ernteverluste (etwa ein Sechstel der globalen Produktion) resultieren. Großflächige Monokulturen zerstören die biologische Vielfalt und beeinträchtigen laut Weltagrarbericht die Produktivität insbesondere von ökologisch sensiblen Landschaften in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Lateinamerika.

Produktivität: Biologischer Anbau

Eines der »Totschlag«-Argumente bei der Diskussion um eine Landwirtschaft ohne Pestizide und chemischen Dünger ist die Produktivität. Ohne genügend Stickstoff auf dem Acker, so die Protagonisten der Düngemittelindustrie, gäbe es keine ausreichenden Erträge, und ohne Pestizide ginge ein beträchtlicher Teil der Ernte bereits auf dem Acker verloren. Die Tatsache, daß die Düngemittelindustrie seit Jahren unter einer Überproduktionskrise leidet,4 ist zwar ein Indiz dafür, daß die wahren Motive zum Beispiel für eine »Grüne Revolution in Afrika«, die von der Bill&Melinda Gates Stiftung mitgesponsert wird, woanders liegen als im Bemühen um eine gesicherte Welternährung. Aber das ist kein sachliches Argument in der Diskussion um die Ertragssteigerung. Neben dem Einwand, daß aufgrund der geringeren Hektarerträge biologische Anbauverfahren ungeeignet seien, die wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren, geben die Verfechter einer chemiegestützten Landwirtschaft den vermeintlich höheren Flächenverbrauch des Ökolandbaus zu bedenken. Um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren, ergäbe sich bei den niedrigeren Hektarerträgen des biologischen Anbaus global ein wesentlich größerer Flächenbedarf, was die ökologischen Vorteile wieder zunichte machte.

In dieser Auseinandersetzung kann die Bedeutung einer 2007 erschienenen, viel zu wenig beachteten Veröffentlichung nicht überbewertet werden, mit der die Ertragsdiskussion dem Reich der Bekenntnisse und Vermutungen entrissen und in die Welt der Daten und Fakten transferiert wird.5 Wenn der Weltagrarbericht aus gutem Grund fordert, auch künftig »unabhängige vergleichende Abschätzungen durchzuführen«, so repräsentiert die angesprochene Arbeit eine erste »Metaanalyse« in diesem Sinne: Badgley und Mitautoren zogen ihre Schlußfolgerungen aus insgesamt 293 vergleichenden Feldversuchen, davon 160 Vergleiche zwischen »high-input« und biologischen Methoden (Industrieländer) sowie 133 Vergleiche zwischen »low-intensity« und biologischem Anbau in den Ländern des Südens. Die Ergebnisse der meisten dieser Vergleiche sind in sogenannten peer-reviewed papers veröffentlicht, also in Fachzeitschriften, in denen über die Veröffentlichung eines Manuskripts mittels gutachterlicher Stellungnahmen von Experten entschieden wird. Die Versuchszeiträume der 293 Feldvergleiche reichten von einer einjährigen Beobachtungszeit bis zu 20jährigen Beobachtungsreihen, zahlreiche Direktvergleiche (Parzellen mit konventionellem und Biolandbau auf der gleichen Versuchsstation) bzw. Vorher-Nachher-Vergleiche eingeschlossen. Bei der Metaanalyse wurden bewußt keine Daten ausgeschlossen, obwohl der Übergang vom konventionellen zum Biolandbau erfahrungsgemäß mit anfänglichen Ertragseinbußen verbunden ist. Zugleich wurden unzulässige Generalisierungen, zum Beispiel durch Verwendung von Landesdurchschnittswerten, vermieden.

Im Ergebnis kommen die Autoren zu der Schlußfolgerung, daß es mit dem momentanen Ertragspotential des Biolandbaus möglich wäre, die derzeitige Weltbevölkerung zu ernähren. Bei entsprechenden Forschungsinvestitionen in biologische Anbaumethoden wäre es sicher möglich, eine noch größere Zahl von Menschen ausreichend zu ernähren. Bei dem Vergleich zwischen »high-input« und biologischen Methoden (Industrieländer) war der Biolandbau im Durchschnitt gegenüber allen Kulturen um neun Prozent unterlegen (bei Körnerfrüchten um sieben Prozent). In den Ländern des Südens hatten ökologische Anbaumethoden über alle Kulturen gerechnet dagegen 74 Prozent höhere Erträge (57 Prozent mehr bei Körnerfrüchten). Für die Hochrechnungen bezüglich der Aussagen zur Welternährung kombinierten die Autorinnen und Autoren die oben genannten Ergebnisse mit entsprechenden Statistiken der Welternährungsorganisation (FAO) und bezogen sich auf die zur Zeit existierende globale landwirtschaftliche Nutzfläche.

Perspektivisch würde bei dem rechnerischen Vergleich der Biolandbau aufgrund der einsetzenden Bodenmüdigkeit in Intensivanbaugebieten sogar noch besser abschneiden. Badgley et al. kalkulierten ferner, inwieweit durch Mischkulturtechniken mit Hülsenfrüchten, die bekanntlich Stickstoff im Boden fixieren, der globale Bedarf an Stickstoff gedeckt werden könnte. Sie kamen zu dem Ergebnis, daß deren Potential ausreichen könnte, um die derzeitige Weltproduktion an synthetischem Stickstoffdünger vollständig zu ersetzen – eine gute Nachricht für das Klima, zugleich eine schlechte Nachricht für die Düngemittelindustrie.

Große gegen kleine Betriebe

Neben der im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft vermeintlich geringeren Produktivität des Biolandbaus besteht der zweite Mythos in der gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung, daß Großbetriebe produktiver seien als kleine Farmen. Dies trifft dann zu, wenn man die Situation aus zwei verzerrten Perspektiven betrachtet. Die erste Verzerrung ist die Verwechslung von Produktivität pro Arbeitskraft und flächenbezogener Gesamtproduktivität des Betriebes. Die zweite betrifft den Vergleich zwischen unterversorgten, marginalisierten kleinbäuerlichen Wirtschaften und Großbetrieben, die mit Agrochemie und Erdöl »gedopt« werden.

Bereits dem oft bemühten »gesunden Menschenverstand« wird klar, daß es keinen Sinn macht, in Regionen, die schon jetzt hohe zweistellige Arbeitslosenziffern aufweisen, durch eine mechanisierte Großflächenwirtschaft eine noch größere Zahl von Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Zugleich leuchtet ein, daß kleinbäuerliche Betriebe keine Chance haben, wenn sie, eingebunden in globale Wirtschaftskreisläufe, gezwungen werden, gegen mechanisierte, chemisierte Großbetriebe anzutreten, die ihre Kosten massiv externalisieren. Es bräuchte also internationalen politischen Willen, um den kleinbäuerlichen Betrieben ein lebensfähiges Umfeld zu bieten, in dem sie dem Sog der Weltmarkt»effizienz« trotzen können. Interessant ist deshalb die gut dokumentierte, aber selten beachtete Tatsache, daß Kleinbetriebe – bei anderweitig vergleichbaren Bedingungen – eine deutliche höhere flächenbezogene Gesamtproduktivität aufweisen als Großbetriebe. Eine ausgezeichnete Übersicht dazu wurde bereits vor zehn Jahren von Peter Rosset, damals Direktor des Institute for Food and Development Policy in Oakland, Kalifornien, präsentiert.6 Dabei bezog er sich auf umfangreiche Untersuchungen, die in den 1980er Jahren in fünfzehn Ländern des Südens durchgeführt wurden und auf eine Analyse des US-Landwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 1992.

Für die fünfzehn Länder des globalen Südens schälten sich zwei Kurvenverläufe bezüglich des Zusammenhangs zwischen Produktivität und Betriebsgröße heraus. Der häufigere, besonders in Asien und Nordafrika beobachtete Kurvenverlauf vom Typ I wies eine mit steigender Betriebsgröße durchgängig abfallende Produktivität auf. Bei Typ II, der besonders in Peru, Mexiko und Bangladesch anzutreffen war, gab es bei bis zu einer bestimmten, aber immer noch kleinen Betriebsgröße einen steilen Produktivitätsanstieg, doch schon bei wenig größeren Betrieben einen ebenso steilen Produktivitätsabfall, der sich mit weiterer Betriebsgröße flacher, aber kontinuierlich fortsetzte. Bei der anderen Analyse, jener des US-Landwirtschaftsministeriums, hatten Betriebe mit einer Größe bis zu zehn Hektar eine über zehnfach höhere Produktivität (Dollar pro Hektar Betriebsgröße) als Großfarmen. Während dies größtenteils durch die Tendenz der Kleinbetriebe zum Anbau von Spezialkulturen erklärt wurde, reflektierte es zugleich eine größere Vielfalt in den Anbauformen und eine höhere Arbeitsintensität.

Die zweite Verzerrung – der Vergleich unterversorgter Kleinbetriebe mit »gedopten« Großbetrieben – ist schnell besprochen. Wenn man unter »Versorgung« nicht Kunstdünger, Pestizide und Großmaschinen versteht, sondern die Vermittlung ortsangepaßter landwirtschaftlicher Kenntnisse, öffentlich zugängliches, adaptiertes Saatgut (ggf. Resultat einer regionalen Züchtungsforschung), Fördermittel für die Umstellung auf biologischen Anbau und kluge, umweltschonende Bewässerungssysteme, dann wäre der flächenbezogene Gesamtertrag sicher auch bei den afrikanischen Kleinbetrieben größer als derjenige der Großfarmen.

Die Frage, welche der beiden »Produktivitäten« für die Ernährung von perspektivisch neun Milliarden Menschen bedeutsamer ist – eine auf neoliberalem Weltmarkt konkurrenzfähige Arbeitsproduktivität oder eine umweltverträgliche, flächenbezogene Gesamtproduktivität –, beantwortet sich von selbst.

Biodiversität und Landwirtschaft

Naturschutzorganisationen mahnen häufig an, daß durch die Landwirtschaft die biologische Vielfalt zerstört wird – eine für industriemäßige Produktionsformen berechtigte Sorge. Oftmals sind die daraus abgeleiteten Maßnahmen fragwürdig: Schutzgebiete, in denen »unberührte Natur« erhalten werden soll, ist ein Ansatz, der in der Vergangenheit regelmäßig zu Vertreibungen oder Zwangsumsiedlungen von Teilen der lokalen Bevölkerung führte.7 Die Schaffung biodiversitätsreicher Habitatinseln in einem Meer von Monokulturen ist aber nicht nur sozial unakzeptabel, sondern auch ökologisch fragwürdig. Wenn eine Tier- oder Pflanzenart in einer der Habitatinseln ausstirbt, ist bei einer Umgebung aus Monokulturen oder anderweitig geschädigter Umwelt die Wiederbesiedlung schwer oder unmöglich. Als man in den 1990er Jahren die ökologische Zweifelhaftigkeit dieses Ansatzes erkannte, kam man auf die Idee, die Habitatinseln durch »grüne Korridore« zu verbinden, was weitere Beschränkungen für die Landbevölkerung zur Folge hatte.

Außerdem hat eine solche Politik des Ausschlusses erfahrungsgemäß zur Folge, daß eine lokale Verankerung des Schutzes der biologischen Vielfalt nicht gegeben ist, insbesondere nicht bei dem Teil der Bevölkerung, der sich den Vertreibungen und Umsiedlungen entzieht und – dann kriminalisiert – in der Region weiterlebt. Diese Menschen erleben die Maßnahmen des Biodiversitätsschutzes als etwas unmittelbar gegen sie Gerichtetes.

Insofern ist eine wissenschaftlich fundierte Alternative zu dem oben beschriebenen Ausschlußprinzip von großer Bedeutung. Die Grundaussage in dem kürzlich erschienenen Buch »Nature’s Matrix«8 lautet: Landwirtschaftliche Produktion und der Schutz der biologischen Vielfalt lassen sich in Einklang bringen, allerdings mit Produk¬tionsformen, die konzeptionell den Empfehlungen des Weltagrarberichts entsprechen. Die Autoren, eine Arbeitsgruppe der Ökologieprofessorin Ivette Perfecto von der Universität Michigan, USA, forschen seit Jahren zur Vereinbarkeit von Landwirtschaft und Naturschutz und sehen dafür die stärksten Verbündeten in sozialen Bauernbewegungen wie MST und Via Campesina.

Multifunktionalität

Eine der wichtigsten Forderungen des Welt¬agrarberichts ist die Wiederherstellung der Multifunktionalität der Landwirtschaft: Diese stellt die Lebensmittel für Verbraucher bereit, bietet den Erzeugern Existenzgrundlage und Einkommen und bringt eine Vielzahl von Gütern für die Bürger und ihre Umwelt hervor, samt funktionierender Ökosysteme. Die Agrarwissenschaften haben sich in der Vergangenheit »auf institutioneller Ebene vor allem an einer verstärkten Spezialisierung der Massengüterproduktion ausgerichtet, aber so die Optimierung des Gesamtergebnisses dynamischer multifunktionaler Systeme, die biophysischen und sozioökonomischen Komponenten ausgeschlossen«. (Weltagrarbericht) Eine Aufgabe für die Zukunft besteht laut Welt¬agrarbericht darin, »den Mangel an Forschungen in den geographischen, sozialen, ökologischen, anthropologischen und anderen evolutionsbezogenen Wissenschaften, die sich mit vielfältigen agrikulturellen Ökosystemen befassen, zu überwinden«. Mit anderen Worten, eine andere Landwirtschaft ist möglich, und die Agrarwissenschaften tragen eine Mitverantwortung dafür, daß diese Möglichkeit zur Realität wird.

Fußnoten

  1. Pedersen, K., David gegen Goliath? land & wirtschaft, Beilage der jW v. 5.8.2009
  2. Im englischen Original wurde der Weltagrarbericht unter dem Titel International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) anläßlich einer zwischenstaatlichen Plenarsitzung in Johannesburg im April 2008 verabschiedet; er besteht aus einem globalen und fünf regionalen Berichten, die Afrika, Asien, Europa, Nord- und Südamerika abdecken, sich aber nicht an diesen Kontinenten, sondern an Wirtschaftsregionen orientieren www.agassessment.org
  3. Weltagrarbericht – Synthesebericht, hrsg. v. Stephan Albrecht u. Albert Engel, Hamburg 2009 (im Text: Welt¬agrarbericht), online unter: hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2009/94/pdf/HamburgUP_IAASTD_Synthesebericht.pdf
  4. Hoering, U.: Agrarkolonialismus in Afrika, Hamburg 2007
  5. Badgeley, C. et al., Organic agriculture and the global food supply. Renewable Agriculture and Food Systems, Bd. 22, S. 86–108, Cambridge 2007
  6. Rosset, P., The multiple functions and benefits of small farm agriculture. Food First Policy Brief No. 4, 1999. www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf
  7. Pedersen, K., Naturschutz und Profit, Münster 2008
  8. Perfecto, I. et al., Nature’s Matrix, Linking Agriculture, Conservation and Food Sovereignty, London 2009

Quelle:http://www.jungewelt.de/2009/11-18/024.php

Tag-Wolke