Rea­le Alter­na­ti­ven

Erschie­nen in „jun­ge Welt“ vom 18.11.2009
Peter Clausing

Hin­ter­grund. Wider das agro­in­dus­tri­el­le Doping – eine ande­re Land­wirt­schaft ist mög­lich. Über­le­gun­gen anläß­lich des dies­jäh­ri­gen Welt­ernäh­rungs­gip­fels

Noch bis zum heu­ti­gen Mitt­woch fin­det in Rom der Welt­ernäh­rungs­gip­fel statt. Der nach 1996 und 2002 drit­te Gip­fel weist in mehr­fa­cher Hin­sicht Beson­der­hei­ten auf. Nie zuvor waren Macht­kon­zen­tra­ti­on und Ver­flech­tung von Agrar- und Bio­tech­no­lo­gie­kon­zer­nen, lebens­mit­tel­ver­ar­bei­ten­der Indus­trie und Han­dels­ket­ten so groß. Doch auch die Sack­gas­se, in die die­se Ent­wick­lung führt, war noch nie so deut­lich erkenn­bar. So wächst vor dem Hin­ter­grund der glo­ba­len kapi­ta­lis­ti­schen Kri­se und einer stei­gen­den Zahl hun­gern­der Men­schen die Not­wen­dig­keit, einen Aus­weg aus die­ser Situa­ti­on zu fin­den. Inter­na­tio­na­le Bewe­gun­gen wie Via Cam­pe­si­na, die sol­che Alter­na­ti­ven ein­for­dern und prak­ti­zie­ren, fin­den zuneh­mend Gehör. Natio­na­le Initia­ti­ven wie die bra­si­lia­ni­sche Bewe­gung der Land­lo­sen (MST in por­tu­gie­si­scher Abkür­zung) sind auf der Basis jah­re­lan­ger Kampf­erfah­rung fest eta­bliert und kön­nen beacht­li­che Erfol­ge vor­wei­sen.1 Seit 2008 gibt es mit dem Welt­agrar­be­richt erst­ma­lig ein umfas­sen­des Doku­ment, das von einer insti­tu­tio­nell-wis­sen­schaft­li­chen Posi­ti­on aus eine radi­ka­le Wen­de in der glo­ba­len Land­wirt­schafts- und Ernäh­rungs­po­li­tik for­dert.2 Sein Kern­stück, der »Glo­ba­le Bericht«, ein von über 400 Wis­sen­schaft­lern erar­bei­te­tes, 600seitiges Doku­ment, wur­de von 61 Regie­run­gen unter­schrie­ben (inklu­si­ve sie­ben EU-Staa­ten, unter Vor­be­halt auch von Aus­tra­li­en, Kana­da und USA, nicht aber von Deutsch­land). Hin­zu kom­men aus­führ­li­che Teil­be­rich­te, die sich mit den regio­na­len Pro­ble­men der Welt befas­sen, die zu die­sem Zweck in fünf Wirt­schafts­re­gio­nen unter­teilt wur­de. Der Welt­agrar­be­richt stellt somit einen wich­ti­gen Bezugs­punkt in der Dis­kus­si­on über die Per­spek­ti­ven von Land­wirt­schaft und Welt­ernäh­rung dar oder ist, wie es Uwe Hoe­ring auf sei­nem Blog www.globe-spotting.de aus­drückt, zu einer »Art Bibel für die Kri­ti­ker der glo­ba­len Agrar­in­dus­trie« gewor­den. Am 9. Okto­ber 2009 wur­de die deut­sche Über­set­zung der umfang­rei­chen Zusam­men­fas­sung des Berichts der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert.3

Kein »Wei­ter so!«

Trotz die­ser ermu­ti­gen­den Ent­wick­lung soll­te man sich kei­nen Illu­sio­nen hin­ge­ben – auf dem Welt­ernäh­rungs­gip­fel wird man die Stim­men der vom 13. bis 17. Novem­ber eben­falls in Rom statt­fin­den­den Alter­na­tiv­kon­fe­renz, dem People’s Food Sover­eig­n­ty Forum, vor­aus­sicht­lich igno­rie­ren und ein »Wei­ter so!« als Rezept zur ver­meint­li­chen Lösung der Welt­ernäh­rungs­kri­se beschlie­ßen. Also genau das, wovon der Welt­agrar­be­richt drin­gend abrät. Hin­ter dem »Wei­ter so!« ver­birgt sich in ers­ter Linie die Fort­set­zung einer auf Agro­che­mi­ka­li­en basie­ren­den Stei­ge­rung der Hekt­ar­er­trä­ge von Mono­kul­tu­ren, anstatt auf eine umfas­sen­de Unter­stüt­zung klein­bäu­er­li­cher Betrie­be in den Län­dern des Südens umzu­schwen­ken, um so eine öko­lo­gisch und sozi­al ver­träg­li­che Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung zu errei­chen, die den Begriff »nach­hal­tig« tat­säch­lich ver­die­nen wür­de. Dabei ist die Zeit für eine sol­che radi­ka­le Agrar­wen­de nicht nur reif, son­dern auch knapp. Mehr­fach ist im Welt­agrar­be­richt davon die Rede, daß wir uns an einer »Weg­ga­be­lung der Geschich­te« befin­den und daß die jetzt zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen bestim­men wer­den, »auf wel­che Wei­se wir unse­re Erde erhal­ten und unse­re Zukunft sichern« – oder eben auch nicht. Eine umfas­sen­de För­de­rung und ver­bind­li­che Umset­zung eines alter­na­ti­ven Weges, der in Wirk­lich­keit eine Viel­zahl mit­ein­an­der ver­floch­te­ner Wege dar­stellt, wür­de zu einer raschen Ver­brei­tung von Erprob­tem und Bewähr­tem bei­tra­gen und dar­über hin­aus zahl­rei­che neue Mög­lich­kei­ten erschlie­ßen, die teils kurz­fris­tig erreich­bar und teils lang­fris­tig zu erar­bei­ten wären. Es geht also dar­um, daß »öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit maxi­miert und bäu­er­li­che Fami­li­en­be­trie­be wirt­schaft­lich so stark gemacht wer­den, daß sie in vor­ders­ter Linie die Armuts­ver­rin­ge­rung vor­an­trei­ben kön­nen«. (Welt­agrar­be­richt)

Im vor­lie­gen­den Bei­trag geht es um die inhalt­li­che Skiz­zie­rung sol­cher Alter­na­ti­ven. Ihre gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Durch­setz­bar­keit bleibt dahin­ge­stellt. Es ist aber wich­tig, die­se Alter­na­ti­ven zu ken­nen, denn auch im lin­ken Spek­trum wird »Fort­schritt« im land­wirt­schaft­li­chen Bereich gele­gent­lich mit der Aus­wei­tung und »Ver­fei­ne­rung« agro­in­dus­tri­el­ler Pro­duk­ti­ons­me­tho­den gleich­ge­setzt. Von die­ser Sei­te wer­den klein­bäu­er­li­che Betrie­be in den Län­dern des Südens als über­leb­te Wirt­schafts­form und somit als Ursa­che der Ernäh­rungs­kri­se ein­ge­stuft. Doch wie sol­len öko­lo­gisch und sozi­al nach­hal­ti­ge Alter­na­ti­ven gegen Kon­zern­in­ter­es­sen durch­ge­setzt wer­den, wenn selbst in lin­ken Krei­sen an ihrer Vali­di­tät gezwei­felt wird?

Wenn Land­wirt­schaft und Welt­ernäh­rung am Schei­de­weg ste­hen und – wie im Welt­agrar­be­richt for­mu­liert – ein »Wei­ter so!« kei­ne ratio­na­le Opti­on mehr dar­stellt, dann betrifft das einer­seits die Aner­ken­nung der Gren­zen, an die die der­zei­ti­ge land­wirt­schaft­li­che Stra­te­gie stößt und ande­rer­seits das Durch­bre­chen die­ser Gren­zen, um auf der Basis neu­er Hand­lungs­op­tio­nen der fort­schrei­ten­den Zer­stö­rung unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen Ein­halt zu gebie­ten und einer deut­li­chen Lin­de­rung, wenn nicht Abschaf­fung von Armut und Hun­ger den Weg zu ebnen. Dabei trifft die bereits 1968 in einer Stu­die der Ver­ei­ni­gung Deut­scher Wis­sen­schaft­ler getrof­fe­ne Fest­stel­lung wei­ter­hin zu, daß »ohne ein­schnei­den­de wirt­schafts­po­li­ti­sche und gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen alle wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Maß­nah­men gegen den Hun­ger zum Schei­tern ver­ur­teilt sind«. Cha­rak­te­ris­tisch für das herr­schen­de Gesell­schafts­sys­tem ist aller­dings, daß die­se vor 40 Jah­ren gewon­ne­ne Erkennt­nis bis heu­te kei­ne prak­ti­sche Umset­zung erfah­ren hat.

Fol­gen der Grü­nen Revo­lu­ti­on

Lan­ge Jah­re haben sich die Agrar­wis­sen­schaf­ten auf die Bereit­stel­lung von Tech­no­lo­gi­en zur Stei­ge­rung der betrieb­li­chen Pro­duk­ti­vi­tät mit dem Ergeb­nis einer stän­di­gen Sen­kung der Erzeu­ger­prei­se und Exter­na­li­sie­rung der Kos­ten kon­zen­triert, heißt es im Welt­agrar­be­richt. Das Resul­tat die­ser Preis­drü­cke­rei sind Erzeu­ger­prei­se bei Milch und Getrei­de, die selbst in Deutsch­land kaum noch für eine ren­ta­ble Pro­duk­ti­on aus­rei­chen. Im Ergeb­nis der Exter­na­li­sie­rung der Kos­ten tru­gen »Enkla­ven einer Inten­siv­land­wirt­schaft zu einer schlei­chen­den Zer­stö­rung von Böden und Was­ser sowie zu Ver­un­rei­ni­gun­gen, die den glo­ba­len Tem­pe­ra­tur­an­stieg för­dern, bei«. (Welt­agrar­be­richt) Kon­kret sind 38 Pro­zent (zwei Mil­li­ar­den Hekt­ar) der welt­wei­ten Kul­tur­flä­chen von Boden­de­gra­da­ti­on betrof­fen, die Land­wirt­schaft ver­braucht glo­bal 70 Pro­zent des knapp wer­den­den Süß­was­sers, zehn Pro­zent der welt­weit bewäs­ser­ten Flä­chen sind ver­salzt, und die Boden­nähr­stof­fe sind so erschöpft, daß dar­aus jähr­lich über eine Mil­li­ar­de Ton­nen Ern­te­ver­lus­te (etwa ein Sechs­tel der glo­ba­len Pro­duk­ti­on) resul­tie­ren. Groß­flä­chi­ge Mono­kul­tu­ren zer­stö­ren die bio­lo­gi­sche Viel­falt und beein­träch­ti­gen laut Welt­agrar­be­richt die Pro­duk­ti­vi­tät ins­be­son­de­re von öko­lo­gisch sen­si­blen Land­schaf­ten in den afri­ka­ni­schen Län­dern süd­lich der Saha­ra und in Latein­ame­ri­ka.

Pro­duk­ti­vi­tät: Bio­lo­gi­scher Anbau

Eines der »Totschlag«-Argumente bei der Dis­kus­si­on um eine Land­wirt­schaft ohne Pes­ti­zi­de und che­mi­schen Dün­ger ist die Pro­duk­ti­vi­tät. Ohne genü­gend Stick­stoff auf dem Acker, so die Prot­ago­nis­ten der Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie, gäbe es kei­ne aus­rei­chen­den Erträ­ge, und ohne Pes­ti­zi­de gin­ge ein beträcht­li­cher Teil der Ern­te bereits auf dem Acker ver­lo­ren. Die Tat­sa­che, daß die Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie seit Jah­ren unter einer Über­pro­duk­ti­ons­kri­se lei­det,4 ist zwar ein Indiz dafür, daß die wah­ren Moti­ve zum Bei­spiel für eine »Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka«, die von der Bill&Melinda Gates Stif­tung mit­ge­spon­sert wird, woan­ders lie­gen als im Bemü­hen um eine gesi­cher­te Welt­ernäh­rung. Aber das ist kein sach­li­ches Argu­ment in der Dis­kus­si­on um die Ertrags­stei­ge­rung. Neben dem Ein­wand, daß auf­grund der gerin­ge­ren Hekt­ar­er­trä­ge bio­lo­gi­sche Anbau­ver­fah­ren unge­eig­net sei­en, die wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung aus­rei­chend zu ernäh­ren, geben die Ver­fech­ter einer che­mie­ge­stütz­ten Land­wirt­schaft den ver­meint­lich höhe­ren Flä­chen­ver­brauch des Öko­land­baus zu beden­ken. Um die glei­che Men­ge an Nah­rungs­mit­teln zu pro­du­zie­ren, ergä­be sich bei den nied­ri­ge­ren Hekt­ar­er­trä­gen des bio­lo­gi­schen Anbaus glo­bal ein wesent­lich grö­ße­rer Flä­chen­be­darf, was die öko­lo­gi­schen Vor­tei­le wie­der zunich­te mach­te.

In die­ser Aus­ein­an­der­set­zung kann die Bedeu­tung einer 2007 erschie­ne­nen, viel zu wenig beach­te­ten Ver­öf­fent­li­chung nicht über­be­wer­tet wer­den, mit der die Ertrags­dis­kus­si­on dem Reich der Bekennt­nis­se und Ver­mu­tun­gen ent­ris­sen und in die Welt der Daten und Fak­ten trans­fe­riert wird.5 Wenn der Welt­agrar­be­richt aus gutem Grund for­dert, auch künf­tig »unab­hän­gi­ge ver­glei­chen­de Abschät­zun­gen durch­zu­füh­ren«, so reprä­sen­tiert die ange­spro­che­ne Arbeit eine ers­te »Meta­ana­ly­se« in die­sem Sin­ne: Bad­gley und Mit­au­toren zogen ihre Schluß­fol­ge­run­gen aus ins­ge­samt 293 ver­glei­chen­den Feld­ver­su­chen, davon 160 Ver­glei­che zwi­schen »high-input« und bio­lo­gi­schen Metho­den (Indus­trie­län­der) sowie 133 Ver­glei­che zwi­schen »low-inten­si­ty« und bio­lo­gi­schem Anbau in den Län­dern des Südens. Die Ergeb­nis­se der meis­ten die­ser Ver­glei­che sind in soge­nann­ten peer-review­ed papers ver­öf­fent­licht, also in Fach­zeit­schrif­ten, in denen über die Ver­öf­fent­li­chung eines Manu­skripts mit­tels gut­ach­ter­li­cher Stel­lung­nah­men von Exper­ten ent­schie­den wird. Die Ver­suchs­zeit­räu­me der 293 Feld­ver­glei­che reich­ten von einer ein­jäh­ri­gen Beob­ach­tungs­zeit bis zu 20jährigen Beob­ach­tungs­rei­hen, zahl­rei­che Direkt­ver­glei­che (Par­zel­len mit kon­ven­tio­nel­lem und Bio­land­bau auf der glei­chen Ver­suchs­sta­ti­on) bzw. Vor­her-Nach­her-Ver­glei­che ein­ge­schlos­sen. Bei der Meta­ana­ly­se wur­den bewußt kei­ne Daten aus­ge­schlos­sen, obwohl der Über­gang vom kon­ven­tio­nel­len zum Bio­land­bau erfah­rungs­ge­mäß mit anfäng­li­chen Ertrags­ein­bu­ßen ver­bun­den ist. Zugleich wur­den unzu­läs­si­ge Gene­ra­li­sie­run­gen, zum Bei­spiel durch Ver­wen­dung von Lan­des­durch­schnitts­wer­ten, ver­mie­den.

Im Ergeb­nis kom­men die Autoren zu der Schluß­fol­ge­rung, daß es mit dem momen­ta­nen Ertrags­po­ten­ti­al des Bio­land­baus mög­lich wäre, die der­zei­ti­ge Welt­be­völ­ke­rung zu ernäh­ren. Bei ent­spre­chen­den For­schungs­in­ves­ti­tio­nen in bio­lo­gi­sche Anbau­me­tho­den wäre es sicher mög­lich, eine noch grö­ße­re Zahl von Men­schen aus­rei­chend zu ernäh­ren. Bei dem Ver­gleich zwi­schen »high-input« und bio­lo­gi­schen Metho­den (Indus­trie­län­der) war der Bio­land­bau im Durch­schnitt gegen­über allen Kul­tu­ren um neun Pro­zent unter­le­gen (bei Kör­ner­früch­ten um sie­ben Pro­zent). In den Län­dern des Südens hat­ten öko­lo­gi­sche Anbau­me­tho­den über alle Kul­tu­ren gerech­net dage­gen 74 Pro­zent höhe­re Erträ­ge (57 Pro­zent mehr bei Kör­ner­früch­ten). Für die Hoch­rech­nun­gen bezüg­lich der Aus­sa­gen zur Welt­ernäh­rung kom­bi­nier­ten die Autorin­nen und Autoren die oben genann­ten Ergeb­nis­se mit ent­spre­chen­den Sta­tis­ti­ken der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) und bezo­gen sich auf die zur Zeit exis­tie­ren­de glo­ba­le land­wirt­schaft­li­che Nutz­flä­che.

Per­spek­ti­visch wür­de bei dem rech­ne­ri­schen Ver­gleich der Bio­land­bau auf­grund der ein­set­zen­den Boden­mü­dig­keit in Inten­siv­an­bau­ge­bie­ten sogar noch bes­ser abschnei­den. Bad­gley et al. kal­ku­lier­ten fer­ner, inwie­weit durch Misch­kul­tur­tech­ni­ken mit Hül­sen­früch­ten, die bekannt­lich Stick­stoff im Boden fixie­ren, der glo­ba­le Bedarf an Stick­stoff gedeckt wer­den könn­te. Sie kamen zu dem Ergeb­nis, daß deren Poten­ti­al aus­rei­chen könn­te, um die der­zei­ti­ge Welt­pro­duk­ti­on an syn­the­ti­schem Stick­stoff­dün­ger voll­stän­dig zu erset­zen – eine gute Nach­richt für das Kli­ma, zugleich eine schlech­te Nach­richt für die Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie.

Gro­ße gegen klei­ne Betrie­be

Neben der im Ver­gleich zur kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft ver­meint­lich gerin­ge­ren Pro­duk­ti­vi­tät des Bio­land­baus besteht der zwei­te Mythos in der gebets­müh­len­ar­tig wie­der­hol­ten Behaup­tung, daß Groß­be­trie­be pro­duk­ti­ver sei­en als klei­ne Far­men. Dies trifft dann zu, wenn man die Situa­ti­on aus zwei ver­zerr­ten Per­spek­ti­ven betrach­tet. Die ers­te Ver­zer­rung ist die Ver­wechs­lung von Pro­duk­ti­vi­tät pro Arbeits­kraft und flä­chen­be­zo­ge­ner Gesamt­pro­duk­ti­vi­tät des Betrie­bes. Die zwei­te betrifft den Ver­gleich zwi­schen unter­ver­sorg­ten, mar­gi­na­li­sier­ten klein­bäu­er­li­chen Wirt­schaf­ten und Groß­be­trie­ben, die mit Agro­che­mie und Erd­öl »gedopt« wer­den.

Bereits dem oft bemüh­ten »gesun­den Men­schen­ver­stand« wird klar, daß es kei­nen Sinn macht, in Regio­nen, die schon jetzt hohe zwei­stel­li­ge Arbeits­lo­sen­zif­fern auf­wei­sen, durch eine mecha­ni­sier­te Groß­flä­chen­wirt­schaft eine noch grö­ße­re Zahl von Men­schen ihrer Lebens­grund­la­ge zu berau­ben. Zugleich leuch­tet ein, daß klein­bäu­er­li­che Betrie­be kei­ne Chan­ce haben, wenn sie, ein­ge­bun­den in glo­ba­le Wirt­schafts­kreis­läu­fe, gezwun­gen wer­den, gegen mecha­ni­sier­te, che­mi­sier­te Groß­be­trie­be anzu­tre­ten, die ihre Kos­ten mas­siv exter­na­li­sie­ren. Es bräuch­te also inter­na­tio­na­len poli­ti­schen Wil­len, um den klein­bäu­er­li­chen Betrie­ben ein lebens­fä­hi­ges Umfeld zu bie­ten, in dem sie dem Sog der Weltmarkt»effizienz« trot­zen kön­nen. Inter­es­sant ist des­halb die gut doku­men­tier­te, aber sel­ten beach­te­te Tat­sa­che, daß Klein­be­trie­be – bei ander­wei­tig ver­gleich­ba­ren Bedin­gun­gen – eine deut­li­che höhe­re flä­chen­be­zo­ge­ne Gesamt­pro­duk­ti­vi­tät auf­wei­sen als Groß­be­trie­be. Eine aus­ge­zeich­ne­te Über­sicht dazu wur­de bereits vor zehn Jah­ren von Peter Ros­set, damals Direk­tor des Insti­tu­te for Food and Deve­lop­ment Poli­cy in Oak­land, Kali­for­ni­en, prä­sen­tiert.6 Dabei bezog er sich auf umfang­rei­che Unter­su­chun­gen, die in den 1980er Jah­ren in fünf­zehn Län­dern des Südens durch­ge­führt wur­den und auf eine Ana­ly­se des US-Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums aus dem Jahr 1992.

Für die fünf­zehn Län­der des glo­ba­len Südens schäl­ten sich zwei Kur­ven­ver­läu­fe bezüg­lich des Zusam­men­hangs zwi­schen Pro­duk­ti­vi­tät und Betriebs­grö­ße her­aus. Der häu­fi­ge­re, beson­ders in Asi­en und Nord­afri­ka beob­ach­te­te Kur­ven­ver­lauf vom Typ I wies eine mit stei­gen­der Betriebs­grö­ße durch­gän­gig abfal­len­de Pro­duk­ti­vi­tät auf. Bei Typ II, der beson­ders in Peru, Mexi­ko und Ban­gla­desch anzu­tref­fen war, gab es bei bis zu einer bestimm­ten, aber immer noch klei­nen Betriebs­grö­ße einen stei­len Pro­duk­ti­vi­täts­an­stieg, doch schon bei wenig grö­ße­ren Betrie­ben einen eben­so stei­len Pro­duk­ti­vi­täts­ab­fall, der sich mit wei­te­rer Betriebs­grö­ße fla­cher, aber kon­ti­nu­ier­lich fort­setz­te. Bei der ande­ren Ana­ly­se, jener des US-Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums, hat­ten Betrie­be mit einer Grö­ße bis zu zehn Hekt­ar eine über zehn­fach höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät (Dol­lar pro Hekt­ar Betriebs­grö­ße) als Groß­far­men. Wäh­rend dies größ­ten­teils durch die Ten­denz der Klein­be­trie­be zum Anbau von Spe­zi­al­kul­tu­ren erklärt wur­de, reflek­tier­te es zugleich eine grö­ße­re Viel­falt in den Anbau­for­men und eine höhe­re Arbeits­in­ten­si­tät.

Die zwei­te Ver­zer­rung – der Ver­gleich unter­ver­sorg­ter Klein­be­trie­be mit »gedop­ten« Groß­be­trie­ben – ist schnell bespro­chen. Wenn man unter »Ver­sor­gung« nicht Kunst­dün­ger, Pes­ti­zi­de und Groß­ma­schi­nen ver­steht, son­dern die Ver­mitt­lung orts­an­gepaß­ter land­wirt­schaft­li­cher Kennt­nis­se, öffent­lich zugäng­li­ches, adap­tier­tes Saat­gut (ggf. Resul­tat einer regio­na­len Züch­tungs­for­schung), För­der­mit­tel für die Umstel­lung auf bio­lo­gi­schen Anbau und klu­ge, umwelt­scho­nen­de Bewäs­se­rungs­sys­te­me, dann wäre der flä­chen­be­zo­ge­ne Gesamt­ertrag sicher auch bei den afri­ka­ni­schen Klein­be­trie­ben grö­ßer als der­je­ni­ge der Groß­far­men.

Die Fra­ge, wel­che der bei­den »Pro­duk­ti­vi­tä­ten« für die Ernäh­rung von per­spek­ti­visch neun Mil­li­ar­den Men­schen bedeut­sa­mer ist – eine auf neo­li­be­ra­lem Welt­markt kon­kur­renz­fä­hi­ge Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät oder eine umwelt­ver­träg­li­che, flä­chen­be­zo­ge­ne Gesamt­pro­duk­ti­vi­tät –, beant­wor­tet sich von selbst.

Bio­di­ver­si­tät und Land­wirt­schaft

Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen mah­nen häu­fig an, daß durch die Land­wirt­schaft die bio­lo­gi­sche Viel­falt zer­stört wird – eine für indus­trie­mä­ßi­ge Pro­duk­ti­ons­for­men berech­tig­te Sor­ge. Oft­mals sind die dar­aus abge­lei­te­ten Maß­nah­men frag­wür­dig: Schutz­ge­bie­te, in denen »unbe­rühr­te Natur« erhal­ten wer­den soll, ist ein Ansatz, der in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig zu Ver­trei­bun­gen oder Zwangs­um­sied­lun­gen von Tei­len der loka­len Bevöl­ke­rung führ­te.7 Die Schaf­fung bio­di­ver­si­täts­rei­cher Habi­tat­in­seln in einem Meer von Mono­kul­tu­ren ist aber nicht nur sozi­al unak­zep­ta­bel, son­dern auch öko­lo­gisch frag­wür­dig. Wenn eine Tier- oder Pflan­zen­art in einer der Habi­tat­in­seln aus­stirbt, ist bei einer Umge­bung aus Mono­kul­tu­ren oder ander­wei­tig geschä­dig­ter Umwelt die Wie­der­be­sied­lung schwer oder unmög­lich. Als man in den 1990er Jah­ren die öko­lo­gi­sche Zwei­fel­haf­tig­keit die­ses Ansat­zes erkann­te, kam man auf die Idee, die Habi­tat­in­seln durch »grü­ne Kor­ri­do­re« zu ver­bin­den, was wei­te­re Beschrän­kun­gen für die Land­be­völ­ke­rung zur Fol­ge hat­te.

Außer­dem hat eine sol­che Poli­tik des Aus­schlus­ses erfah­rungs­ge­mäß zur Fol­ge, daß eine loka­le Ver­an­ke­rung des Schut­zes der bio­lo­gi­schen Viel­falt nicht gege­ben ist, ins­be­son­de­re nicht bei dem Teil der Bevöl­ke­rung, der sich den Ver­trei­bun­gen und Umsied­lun­gen ent­zieht und – dann kri­mi­na­li­siert – in der Regi­on wei­ter­lebt. Die­se Men­schen erle­ben die Maß­nah­men des Bio­di­ver­si­täts­schut­zes als etwas unmit­tel­bar gegen sie Gerich­te­tes.

Inso­fern ist eine wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Alter­na­ti­ve zu dem oben beschrie­be­nen Aus­schluß­prin­zip von gro­ßer Bedeu­tung. Die Grund­aus­sa­ge in dem kürz­lich erschie­ne­nen Buch »Nature’s Matrix«8 lau­tet: Land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on und der Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt las­sen sich in Ein­klang brin­gen, aller­dings mit Produk¬tionsformen, die kon­zep­tio­nell den Emp­feh­lun­gen des Welt­agrar­be­richts ent­spre­chen. Die Autoren, eine Arbeits­grup­pe der Öko­lo­gie­pro­fes­so­rin Ivet­te Per­fec­to von der Uni­ver­si­tät Michi­gan, USA, for­schen seit Jah­ren zur Ver­ein­bar­keit von Land­wirt­schaft und Natur­schutz und sehen dafür die stärks­ten Ver­bün­de­ten in sozia­len Bau­ern­be­we­gun­gen wie MST und Via Cam­pe­si­na.

Mul­ti­funk­tio­na­li­tät

Eine der wich­tigs­ten For­de­run­gen des Welt¬agrarberichts ist die Wie­der­her­stel­lung der Mul­ti­funk­tio­na­li­tät der Land­wirt­schaft: Die­se stellt die Lebens­mit­tel für Ver­brau­cher bereit, bie­tet den Erzeu­gern Exis­tenz­grund­la­ge und Ein­kom­men und bringt eine Viel­zahl von Gütern für die Bür­ger und ihre Umwelt her­vor, samt funk­tio­nie­ren­der Öko­sys­te­me. Die Agrar­wis­sen­schaf­ten haben sich in der Ver­gan­gen­heit »auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne vor allem an einer ver­stärk­ten Spe­zia­li­sie­rung der Mas­sen­gü­ter­pro­duk­ti­on aus­ge­rich­tet, aber so die Opti­mie­rung des Gesamt­ergeb­nis­ses dyna­mi­scher mul­ti­funk­tio­na­ler Sys­te­me, die bio­phy­si­schen und sozio­öko­no­mi­schen Kom­po­nen­ten aus­ge­schlos­sen«. (Welt­agrar­be­richt) Eine Auf­ga­be für die Zukunft besteht laut Welt¬agrarbericht dar­in, »den Man­gel an For­schun­gen in den geo­gra­phi­schen, sozia­len, öko­lo­gi­schen, anthro­po­lo­gi­schen und ande­ren evo­lu­ti­ons­be­zo­ge­nen Wis­sen­schaf­ten, die sich mit viel­fäl­ti­gen agri­kul­tu­rel­len Öko­sys­te­men befas­sen, zu über­win­den«. Mit ande­ren Wor­ten, eine ande­re Land­wirt­schaft ist mög­lich, und die Agrar­wis­sen­schaf­ten tra­gen eine Mit­ver­ant­wor­tung dafür, daß die­se Mög­lich­keit zur Rea­li­tät wird.

Fuß­no­ten

  1. Peder­sen, K., David gegen Goli­ath? land & wirt­schaft, Bei­la­ge der jW v. 5.8.2009
  2. Im eng­li­schen Ori­gi­nal wur­de der Welt­agrar­be­richt unter dem Titel Inter­na­tio­nal Assess­ment of Agri­cul­tu­ral Know­ledge, Sci­ence and Tech­no­lo­gy for Deve­lop­ment (IAASTD) anläß­lich einer zwi­schen­staat­li­chen Ple­nar­sit­zung in Johan­nes­burg im April 2008 ver­ab­schie­det; er besteht aus einem glo­ba­len und fünf regio­na­len Berich­ten, die Afri­ka, Asi­en, Euro­pa, Nord- und Süd­ame­ri­ka abde­cken, sich aber nicht an die­sen Kon­ti­nen­ten, son­dern an Wirt­schafts­re­gio­nen ori­en­tie­ren www.agassessment.org
  3. Welt­agrar­be­richt – Syn­the­se­be­richt, hrsg. v. Ste­phan Albrecht u. Albert Engel, Ham­burg 2009 (im Text: Welt¬agrarbericht), online unter: hup.sub.uni-hamburg.de/opus/volltexte/2009/94/pdf/HamburgUP_IAASTD_Synthesebericht.pdf
  4. Hoe­ring, U.: Agrar­ko­lo­nia­lis­mus in Afri­ka, Ham­burg 2007
  5. Bad­ge­ley, C. et al., Orga­nic agri­cul­tu­re and the glo­bal food sup­ply. Rene­wa­ble Agri­cul­tu­re and Food Sys­tems, Bd. 22, S. 86–108, Cam­bridge 2007
  6. Ros­set, P., The mul­ti­ple func­tions and bene­fits of small farm agri­cul­tu­re. Food First Poli­cy Brief No. 4, 1999. www.foodfirst.org/pubs/policybs/pb4.pdf
  7. Peder­sen, K., Natur­schutz und Pro­fit, Müns­ter 2008
  8. Per­fec­to, I. et al., Nature’s Matrix, Lin­king Agri­cul­tu­re, Con­ser­va­ti­on and Food Sover­eig­n­ty, Lon­don 2009

Quel­le:http://www.jungewelt.de/2009/11-18/024.php

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