Mit Gewalt gegen Hun­ger

Erschie­nen in „jun­ge Welt“ vom 18.05.2010
Peter Clausing

Vor zwei Jah­ren gab es in zahl­rei­chen Län­dern des Südens soge­nann­te Hun­ger­re­vol­ten (Food Riots). Sie erreg­ten soviel Auf­se­hen, daß ihnen über einen län­ge­ren Zeit­raum Platz in den Schlag­zei­len der Welt­pres­se ein­ge­räumt wur­de. Wich­ti­ge Main­stream-Zei­tun­gen und -Zeit­schrif­ten wid­me­ten dem The­ma wie­der­holt Bei­trä­ge. Ein gemein­sa­mes Merk­mal vie­ler die­ser Berich­te war die Her­vor­he­bung des »chao­ti­schen« und »gewalt­tä­ti­gen« Cha­rak­ters der Pro­tes­te, ein Kli­schee, das bekannt­lich nicht auf Food Riots beschränkt ist, son­dern auch bei ande­ren Pro­tes­ten zur Anwen­dung kommt.

Die­se Ver­un­glimp­fung fiel jedoch damals auf­grund der bei­spiel­lo­sen zeit­li­chen Dich­te und der glo­ba­len Ver­brei­tung des Phä­no­mens beson­ders ins Auge. Immer­hin kam es inner­halb Jah­res­frist (2007/2008) zu Hun­ger­re­vol­ten in min­des­tens 40 Län­dern. Allein in den sechs Wochen von Ende Febru­ar bis Anfang April 2008 wur­de über Pro­tes­te in acht ver­schie­de­nen Län­dern Asi­ens und Afri­kas berich­tet, die sich zum Teil lan­des­weit aus­dehn­ten. Das ließ bei zahl­rei­chen Sicher­heits­ex­per­ten die Alarm­glo­cken schril­len und gab den ein­schlä­gi­gen Think-tanks und mäch­ti­gen Insti­tu­tio­nen Anlaß zu ent­spre­chen­den Ana­ly­sen und Ein­schät­zun­gen. Sowohl über die ver­meint­li­chen Ursa­chen als auch über Gegen­maß­nah­men wur­de laut nach­ge­dacht.

Zu Ver­bre­chern gestem­pelt

Hun­ger­re­vol­ten sind ein seit über 400 Jah­ren prak­ti­zier­tes Mit­tel, um bestimm­te gesell­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen zur Ver­hand­lung zu brin­gen. Wäh­rend sie zwi­schen dem 16. und 19. Jahr­hun­dert vor allem für Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en, aber auch für Mit­tel­eu­ro­pa beschrie­ben wur­den – ein Teil der Weber­auf­stän­de fällt in die­se Kate­go­rie –, waren sie im letz­ten Vier­tel des 20. Jahr­hun­derts vor allem in den Län­dern des glo­ba­len Südens prä­sent. Bei die­ser von vorn­her­ein als »Kra­wall« stig­ma­ti­sier­ten Form des sozia­len Pro­tests fin­den – ähn­lich wie bei ande­ren Pro­tes­ten – pri­mär Demons­tra­tio­nen, Kund­ge­bun­gen und Streiks statt. Es wer­den For­de­run­gen nach Lebens­mit­teln zu erschwing­li­chen Prei­sen arti­ku­liert und gele­gent­lich wird die­sen For­de­run­gen durch die Erstür­mung von Super­märk­ten und Vor­rats­la­gern Nach­druck ver­lie­hen. Der letz­te­re Aspekt, der nor­ma­ler­wei­se nicht im Vor­der­grund sol­cher Pro­test­ak­tio­nen steht, son­dern eher eine Rand­er­schei­nung ist, wird jedoch von der Bericht­erstat­tung gern als das domi­nan­te Phä­no­men des Gesche­hens dar­ge­stellt. Eigent­lich, so scheint es, kein gro­ßer Unter­schied zur Bericht­erstat­tung über die Pro­tes­te gegen G-8-, WTO- oder NATO-Tref­fen, bei denen vor­zugs­wei­se stei­ne­wer­fen­de Demons­tran­ten, zer­trüm­mer­te Fens­ter­schei­ben und bren­nen­de oder umge­stürz­te Autos (nicht sel­ten durch »sze­ne­ty­pisch geklei­de­te Poli­zis­ten« ver­ur­sacht) abge­lich­tet und ver­öf­fent­licht wer­den. So die­nen auch die über Food Riots medi­al ver­mit­tel­ten Bil­der und die gebets­müh­len­ar­tig wie­der­hol­te Behaup­tung, es sei­en chao­ti­sche Gewalt­aus­brü­che, einem ein­zi­gen poli­ti­schen Zweck – der Dele­gi­ti­mie­rung die­ser Aktio­nen und der Legi­ti­mie­rung staat­li­cher, in man­chen Fäl­len über­staat­li­cher Repres­si­on der sozia­len Bewe­gun­gen, die die­se Pro­tes­te orga­ni­siert haben.

Eine Beson­der­heit bei den Berich­ten über Hun­ger­re­vol­ten aus den Län­dern des Südens ist aller­dings, daß selbst auf das letz­te Fei­gen­blatt »aus­ge­wo­ge­ner« Repor­ta­ge ver­zich­tet wird, etwa in Form eines Sekun­den­clips aus einem Inter­view mit einem Spre­cher von ATTAC oder dem Schnapp­schuß von einer dis­zi­pli­nier­ten Kolon­ne von Trä­gern mit ein­falls­rei­chen Sprü­che ver­se­he­ner Trans­pa­ren­te. Die Bil­der aus den Län­dern des Südens beschrän­ken sich auf die Dar­stel­lung roher Gewalt. »Plün­de­rung« ist eines der häu­fig wie­der­hol­ten Reiz­wor­te, das gern mit pas­sen­den Bil­dern unter­malt wird. Die »Mas­se« als sozia­ler Akteur bleibt gesichts­los. Daß die­se Art der Dar­stel­lung nicht ohne Wir­kung bleibt, läßt sich an den Äuße­run­gen von Ver­tre­tern inter­na­tio­na­ler Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen able­sen. Obwohl bei Hun­ger­re­vol­ten die regel­mä­ßig zu bekla­gen­den Toten und Ver­wun­de­ten fast aus­schließ­lich auf das Kon­to der Sicher­heits­kräf­te gehen, erklär­te die Lei­te­rin der Abtei­lung für Öko­no­mi­sche Sicher­heit des Inter­na­tio­na­len Roten Kreuz Komi­tees, Bar­ba­ra Boyle Sai­di, unter offen­sicht­li­cher Ver­wechs­lung von Tätern und Opfern am 27. Mai 2008, daß die Behör­den und ins­be­son­de­re die Sicher­heits­kräf­te die Bevöl­ke­rung vor mög­li­chen Gewalt­aus­brü­chen im Zusam­men­hang mit hohen Nah­rungs­mit­tel­prei­sen schüt­zen soll­ten.

Einer der Direk­to­ren der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO), J. M. Sump­si Viñas, for­der­te das Ein­be­zie­hen von ernäh­rungs­be­zo­ge­nen Unru­hen in die Kon­flikt­früh­warn­sys­te­me und Über­le­gun­gen, wie erreicht wer­den kann, daß Behör­den und »Mis­sio­nen zur Frie­dens­för­de­rung« (sprich: Mili­tär­ein­sät­ze) bes­ser mit Mas­sen­auf­stän­den umge­hen kön­nen. Indi­rekt wer­den die sozia­len Bewe­gun­gen in den Län­dern des Südens dif­fa­miert, wenn er schreibt, daß das Risi­ko sozia­ler und poli­ti­scher Unru­hen beson­ders in jenen Län­dern hoch sei, die gera­de einen gewalt­tä­ti­gen Kon­flikt hin­ter sich haben und in denen die brü­chi­ge Sicher­heit und der poli­ti­sche oder wirt­schaft­li­che Fort­schritt recht ein­fach ent­glei­sen könn­ten. In Wirk­lich­keit sind es aber gera­de nicht die »fai­led sta­tes«, son­dern eher Län­der mit eta­blier­ten sozia­len Bewe­gun­gen, in denen es zu sol­chen Pro­tes­ten kommt, ganz abge­se­hen davon, daß eine kri­ti­sche Betrach­tung über die Ent­ste­hungs­ge­schich­te von »fai­led sta­tes« nicht zum Reper­toire sol­cher Think-tanks gehört. Die »Rädels­füh­rer« der­ar­ti­ger Unru­hen, von denen die media­le Schein­welt den Ein­druck ver­mit­telt, daß sie von anony­men Mas­sen oder maro­die­ren­den Ban­den aus­gin­gen, haben Namen und sind, wenn man sich dafür inter­es­siert, sowohl vor als auch nach sol­chen Pro­tes­ten sicht­bar. Drei Bei­spie­le sei­en genannt.

Zen­tren des Wider­stands

Daß es in Ägyp­ten bereits im Jahr 2007 ins­ge­samt 580 Streiks, Demons­tra­tio­nen und Pro­tes­te gab, an denen knapp eine hal­be Mil­li­on Arbei­ter betei­ligt waren, wur­de den Kon­su­men­ten der Agen­tur­mel­dun­gen über die »Brot­re­vol­ten« vor­ent­hal­ten. Maß­geb­li­che Initia­to­ren der 2008er Pro­tes­te waren die Tex­til­ar­bei­ter von Mahal­la, die am bes­ten orga­ni­sier­ten Arbei­ter ganz Ägyp­tens. Rech­te, die in Mahal­la erkämpft wur­den, sind der Maß­stab für ande­re Fabri­ken in Ägypten.1 Die Tex­til­stadt Mahal­la-al-Kubra mit ihren 500000 Ein­woh­nern wird als Epi­zen­trum der unab­hän­gi­gen Gewerk­schafts­be­we­gung Ägyp­tens betrach­tet, die seit 2006 von sich reden macht – eine Gewerk­schafts­be­we­gung, die bereits seit der Grün­dung des »Koor­di­nie­rungs­ko­mi­tees der Arbei­ter für Gewerk­schafts­rech­te« im Jahr 2001 poli­tisch vor­be­rei­tet wur­de. Von 49 Ange­klag­ten im Zusam­men­hang mit den Food Riots vom 6. und 7. April 2008 in Mahal­la sprach ein Son­der­ge­richt 27 frei, wäh­rend die übri­gen 22 zu Gefäng­nis­stra­fen zwi­schen drei und fünf Jah­ren ver­ur­teilt wur­den. Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Gewerk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen, Abge­ord­ne­te der bun­des­deut­schen Links­par­tei und ande­re hat­ten gegen die Pro­zeß­far­ce pro­tes­tiert.

In der tune­si­schen Stadt Gaf­sa, einem Zen­trum des Phos­phat­berg­baus, rumor­te es bereits seit Janu­ar 2008. Die unab­hän­gi­gen Gewerk­schaf­ten, die der in Paris ansäs­si­ge tune­si­sche Akti­vist Tarek Ben Hiba als »sozia­le Bewe­gung völ­lig neu­en Typs« bezeich­ne­te, waren weder aus­schließ­lich auf betrieb­li­che Kämp­fe ori­en­tiert, noch auf poli­ti­sche Riots, die inner­halb weni­ger Tage in sich zusam­men­fal­len kön­nen. Die­se Bewe­gung mobi­li­sier­te für Anfang April 2008 zu Mas­sen­pro­tes­ten gegen die mafiö­sen Ein­stel­lungs­prak­ti­ken der Berg­bau­fir­ma Com­pa­gnie des Phos­pha­tes de Gaf­sa und gegen die gestie­ge­nen Lebens­hal­tungs­kos­ten. Die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters berich­te­te über »stei­ne­wer­fen­de Demons­tran­ten, die mit der Poli­zei zusam­men­stie­ßen« und dar­über, daß der seit 1987 herr­schen­de Prä­si­dent Ben Ali »wenig Tole­ranz« gegen­über der Oppo­si­ti­on hät­te. Über die 38 inhaf­tier­ten Akti­vis­ten, von denen 33 im Dezem­ber 2008 zu mehr­jäh­ri­gen Haft­stra­fen ver­ur­teilt wur­den, erfuhr man bei Reu­ters nichts. Die erneu­ten Pro­tes­te am Tag nach der Urteils­ver­kün­dung in die­sem Schau­pro­zeß beleg­ten die sozia­le Ver­an­ke­rung der Ver­ur­teil­ten. Nach­dem am 4. Novem­ber 2009 alle Gefan­ge­nen durch ein (wahl­tak­ti­sches) Prä­si­den­ten­de­kret begna­digt und frei­ge­las­sen wur­den, mel­de­ten sich sechs von ihnen am 19. Febru­ar mit einem Kom­mu­ni­qué zurück, in dem sie die fort­ge­setz­te poli­ti­sche Unter­drü­ckung und pre­kä­re sozia­le Lage in der Regi­on Gaf­sa unter­stri­chen.

Die Mobi­li­sie­rung zu den Pro­tes­ten in Sene­gal, die am 30. März 2008 statt­fan­den, wur­de von zwei gro­ßen Ver­brau­cher­ver­bän­den getra­gen, der Asso­cia­ti­on des Con­som­ma­teurs du Séné­gal (ASCOSEN) und der Uni­on Natio­na­le des Con­som­ma­teurs du Séné­gal (UNCS). Die Ver­brau­cher­ver­bän­de reagier­ten damit auf die aku­te Erhö­hung der Lebens­hal­tungs­kos­ten. Der Milch­preis hat­te sich inner­halb weni­ger Mona­te ver­dop­pelt, und der Preis für einen Sack Reis war im glei­chen Zeit­raum um das Andert­halb­fa­che gestie­gen. Für den vor­letz­ten Tag des Monats März hat­ten die bei­den Ver­bän­de eine Demons­tra­ti­on und ein Sit-In ange­mel­det. Bei­des war nicht geneh­migt wor­den. Dar­auf­hin luden die Ver­ant­wort­li­chen der bei­den Ver­bän­de, Momar Ndao für ASCOSEN und Jean-Pierre Dieng für UNCS, zu einer »öffent­li­chen Pres­se­kon­fe­renz« ein und setz­ten sich an die Spit­ze eines Mar­sches, der zum Ort die­ser öffent­li­chen Pres­se­kon­fe­renz füh­ren soll­te. Als die bei­den dabei ver­haf­tet wur­den, kam es zu hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen der Bevöl­ke­rung und den Sicher­heits­kräf­ten.

Ver­schär­fung der Ernäh­rungs­kri­se

Die der­zei­ti­ge glo­ba­le Kri­se des Kapi­ta­lis­mus könn­te man grob zwei sich gegen­sei­tig beein­flus­sen­den Kri­sen­kom­ple­xen zuord­nen: 1. eine Ernäh­rungs- und Umwelt­kri­se und 2. eine öko­no­mi­sche und Finanz­kri­se. Bis­lang waren Food Riots in ers­ter Linie eine Reak­ti­on auf den zwei­ten Kom­plex, näm­lich eine Ant­wort auf die Erhö­hung der Lebens­hal­tungs­kos­ten. Auch 2007/2008 hät­te die ver­füg­ba­re Men­ge an Lebens­mit­teln aus­ge­reicht, um die gesam­te Welt­be­völ­ke­rung zu ernäh­ren. Es waren die Lebens­mit­tel­prei­se, die finan­zi­el­le Uner­reich­bar­keit der Lebens­mit­tel, die zu den »Hun­ger­re­vol­ten« führ­ten. Auch auf die­se Serie von Ereig­nis­sen trifft die 1994 von John Walton und David Sed­don getrof­fe­ne Ein­schät­zung zu, daß Food Riots typi­scher­wei­se nicht in einem unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hang mit phy­si­schen Hun­gers­nö­ten stehen.2 Für die 70er bis 90er Jah­re iden­ti­fi­zier­ten Walton und Sed­don zwei Haupt­fak­to­ren für die Ent­ste­hung von Hun­ger­re­vol­ten, die auch heu­te noch bzw. heu­te sogar in ver­stärk­tem Maße wir­ken: die rasan­te Urba­ni­sie­rung in den Län­dern des Südens und die inter­na­tio­na­le Ein­mi­schung in die natio­na­len Öko­no­mi­en (damals ins­be­son­de­re durch den Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds, IWF). Im glo­ba­len Süden ist die Urba­ni­sie­rung seit­dem wei­ter fort­ge­schrit­ten und die Explo­si­on der Lebens­hal­tungs­kos­ten in den Jah­ren 2007/2008 war ein­deu­tig auf inter­na­tio­na­le Ein­flüs­se zurück­zu­füh­ren, ins­be­son­de­re auf den Agro­treib­stoff-Hype und auf Spe­ku­la­tio­nen an den Ter­min­bör­sen.

Ange­sichts der sich abzeich­nen­den wei­te­ren Ver­schär­fung der Ernäh­rungs- und Umwelt­kri­se könn­ten Food Riots und ande­re sozia­le Unru­hen künf­tig aller­dings nicht nur durch Preis­spe­ku­la­tio­nen und agrar­treib­stoff­be­ding­te Flä­chen­kon­kur­renz, son­dern auch direkt durch geo­phy­si­ka­li­sche Fak­to­ren her­vor­ge­ru­fen wer­den. Zu die­sen Fak­to­ren zäh­len Ern­te­ver­lus­te durch die Kli­ma­ver­än­de­rung, die Erschöp­fung der glo­ba­len Was­ser­vor­rä­te und Ertrags­rück­gän­ge infol­ge von Boden­mü­dig­keit, Boden­ero­si­on und Ver­step­pung.

Daß von den Eli­ten kei­ne Lösung der kri­sen­be­ding­ten Pro­ble­me ange­strebt wird, son­dern deren macht­po­li­ti­sche Kon­trol­le, erle­ben wir tag­täg­lich. Tat­säch­li­che Lösungs­ver­su­che wären mit grund­le­gen­den Ände­run­gen im gesell­schaft­li­chen Sys­tem ver­bun­den – Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen müß­ten hin­ter gesamt­ge­sell­schaft­li­che Inter­es­sen zurück­tre­ten und natio­na­le Inter­es­sen (der sozia­len Ruhig­stel­lung in den Kern­län­dern des Kapi­ta­lis­mus die­nend) einer inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­tät den Vor­rang geben. In den ver­gan­ge­nen Deka­den wur­de ein Teil der gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che in den Zen­tren des Kapi­ta­lis­mus durch eine – mehr oder weni­ger – »sozia­le« Markt­wirt­schaft kaschiert, die einer Mit­tel­schicht Tei­le des Wohl­stan­des auf Pump beschaff­te. Ähn­lich wie bei Ver­mark­tungs­py­ra­mi­den, wo es den Teil­neh­mern die­ses Kon­strukts so lan­ge gut geht, wie die Pyra­mi­de nicht zusam­men­bricht, wur­de bei gan­zen Gesell­schafts­schich­ten der Indus­trie­län­der gefühl­ter Wohl­stand erzeugt. Wenn Ver­mark­tungs­py­ra­mi­den zusam­men­bre­chen, haben die Leu­te an der Spit­ze der Pyra­mi­de ihre Schäf­lein längst im tro­cke­nen, und die Basis der Pyra­mi­de bezahlt die Zeche. Auch der gefühl­te Wohl­stand funk­tio­niert nur dann, wenn die per­sön­li­chen Ren­di­ten der Herr­schen­den nicht ange­tas­tet wer­den.

Eli­ten sichern Herr­schaft

Eine wesent­li­che Quel­le des rela­ti­ven Wohl­stan­des im Nor­den war und ist die rück­sichts­lo­se Aus­beu­tung natür­li­cher und mensch­li­cher Res­sour­cen, vor allem in Gegen­den, mit denen die Bewoh­ner der (ehe­ma­li­gen) sozia­len Markt­wirt­schaft nicht in unmit­tel­ba­ren Kon­takt kom­men. Nun schei­nen sich zwei Din­ge gleich­zei­tig zu erschöp­fen. Jener Teil des sug­ge­rier­ten Wohl­stan­des, der auf Schul­den im eigent­li­chen Wort­sinn basiert, droht an der Schul­den­kri­se zu zer­schel­len, die die­ses Mal kei­ne Schul­den­kri­se »irgend­wel­cher« Län­der im Süden ist, son­dern eine glo­ba­le. Zugleich nähert sich der sozia­le (Kon­sum- und Wachstums-)Frieden des Nor­dens auf­grund der Res­sour­cen­er­schöp­fung sei­nen phy­si­schen Gren­zen. Fol­ge­rich­tig steht die sicher­heits­po­li­ti­sche Ein­däm­mung der dar­aus erwach­sen­den Pro­ble­me im Vor­der­grund des Krisenmanagements.4

Man darf anneh­men, daß der IWF, des­sen Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gram­me in den 70er bis 90er Jah­ren zahl­rei­che Hun­ger­re­vol­ten aus­lös­ten, wuß­te, wovon er sprach, als er im Dezem­ber 2008 ange­sichts der aku­ten Wirt­schafts­kri­se die west­li­chen Regie­run­gen auf­for­der­te, die Ergrei­fung von Maß­nah­men zur Bewäl­ti­gung der glo­ba­len Wirt­schafts­kri­se zu beschleu­ni­gen oder das Risi­ko einer ver­zö­ger­ten Erho­lung zu ris­kie­ren und damit »gewalt­sa­me Unru­hen auf den Stra­ßen aus­zu­lö­sen«. Glei­cher­ma­ßen äußer­te sich Den­nis Blair, der am 29. Janu­ar 2009 den Pos­ten des Direk­tors der Natio­na­len Nach­rich­ten­diens­te unter Prä­si­dent Barack Oba­ma über­nahm und im Febru­ar 2009 in einer Rede vor dem Geheim­dienst­ko­mi­tee des US-Senats ein­schätz­te, daß »öko­no­mi­sche Kri­sen das Risi­ko regi­me­be­dro­hen­der Insta­bi­li­tät erhö­hen, wenn sie sich über eine Peri­ode von ein bis zwei Jah­ren hin­zie­hen«.

Im glei­chen Monat gab der höchst­ran­gi­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Gene­ral, Admi­ral Micha­el Mul­len, Vor­sit­zen­der der Joint Chiefs of Staff, zu Pro­to­koll, daß die Finanz­kri­se eine höhe­re Prio­ri­tät und ein höhe­res Risi­ko für die Sicher­heit (der USA) hät­ten als die der­zei­ti­gen Krie­ge im Irak und in Afgha­ni­stan. Er erläu­ter­te, daß die aus der glo­ba­len Kri­se erwach­sen­den Risi­ken »unse­re natio­na­le Sicher­heit auf eine Wei­se beein­flus­sen wer­den, die wir noch nicht rich­tig über­schau­en«. Vor­sorg­lich plan­ten Pen­ta­gon-Mit­ar­bei­ter im Jahr 2008, bis zu 20000 dem US Nort­hern Com­mand (NORTHCOM) unter­ste­hen­de Sol­da­ten dahin­ge­hend aus­zu­bil­den, daß sie die Poli­zei bei ihren Auf­ga­ben (bei der Auf­recht­erhal­tung der »öffent­li­chen Sicher­heit«) unter­stüt­zen kön­nen. Auch in Groß­bri­tan­ni­en wur­den ange­sichts der Kri­se ent­spre­chen­de Vor­keh­run­gen getrof­fen. In Erwar­tung eines »hei­ßen Som­mers« 2009 wur­de die Armee zeit­wei­se in Alarm­be­reit­schaft ver­setzt. Es zeich­net sich also für die Hoch­bur­gen der west­li­chen Demo­kra­tie ein Trend ab, der in vie­len Län­dern der Peri­phe­rie schon lan­ge zum All­tag gehört: der Ein­satz der Armee im Inland. An der Peri­phe­rie aller­dings oft mit einem Aus­maß an Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ver­bun­den, wie sie in den Län­dern der zer­brö­ckeln­den »so­zialen Markt­wirt­schaft« der­zeit noch unvor­stell­bar sind.

Damit der Ein­satz der Sicher­heits­kräf­te noch effek­ti­ver wird, hat­te man sich auf dem G-8-Tref­fen im Juni 2004 dar­auf geei­nigt, im ita­lie­ni­schen Vicen­za ein »Cen­ter of Excel­lence for Sta­bi­li­ty Poli­ce Units« zu eta­blie­ren, unter ande­rem mit dem Ziel, Ein­satz­kon­zep­te für die Kon­trol­le von Per­so­nen­an­samm­lun­gen, die Ver­haf­tung gefähr­li­cher Per­so­nen und den Schutz von VIPs zu ent­wi­ckeln. Unter Rück­griff auf die Erfah­run­gen von UN-Ein­sät­zen an der Elfen­bein­küs­te, in Libe­ria und Sier­ra Leo­ne, wer­den bis Ende 2010 ins­ge­samt 7500 Gen­dar­me­rie­kräf­te in fünf- bis sie­ben­wö­chi­gen Kur­sen aus­ge­bil­det. An der seit März 2005 exis­tie­ren­den Trai­nings­stät­te exer­zie­ren unter ande­rem Poli­zis­ten aus Ägyp­ten, Ban­gla­desh, Bur­ki­na Faso, Indi­en, Indo­ne­si­en, Kame­run, Marok­ko, Paki­stan und Sene­gal – alles Län­der, in denen es 2007/2008 zu Hun­ger­re­vol­ten kam, die viel­fach bru­tal unter­drückt wur­den.

Die unvoll­stän­di­ge Bilanz der in Zei­tungs­mel­dun­gen ver­öf­fent­lich­ten Zah­len über die Food Riots von 2007/2008 beläuft sich auf 80 Tote, über 1000 Ver­letz­te und mehr als 2000 Ver­haf­te­te. Bei den Aus­schrei­tun­gen der Sicher­heits­kräf­te im Zusam­men­hang mit der Unter­drü­ckung der ägyp­ti­schen Tex­til­ar­bei­ter­stadt Mahal­la am 6. April 2008 gab es sie­ben Tote, Hun­der­te Ver­letz­te und min­des­tens 331 Ver­haf­te­te. Im indi­schen Bun­des­staat West­ben­ga­len im Herbst 2007 wur­den zwei Teil­neh­mer an den Demons­tra­tio­nen getö­tet und min­des­tens 300 ver­letzt, als die Poli­zei in die Men­ge feu­er­te. In Gui­nea kam es 2007/2008 inner­halb von 18 Mona­ten zu einem Gene­ral­streik und fünf lan­des­wei­ten Pro­tes­ten, bei denen Dut­zen­de getö­tet wur­den. Auf Hai­ti erschos­sen UN-Trup­pen zunächst eine Per­son und ver­wun­de­ten wei­te­re fünf. Bei wei­te­ren Pro­tes­ten wur­den fünf Per­so­nen getö­tet und min­des­tens 25 ver­letzt. In Kame­run ging Ende Febru­ar 2008 die Armee gegen die lan­des­wei­ten Pro­tes­te vor. Nach offi­zi­el­len Anga­ben kos­te­te dies 40 Men­schen das Leben, nach Anga­ben der kame­ru­ni­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Mai­son des Droits de L’Homme star­ben nahe­zu 200 Per­so­nen. Offi­zi­ell kam es zu 1671 Ver­haf­tun­gen. In der marok­ka­ni­schen Stadt Sefrou demons­trier­ten am 23. Sep­tem­ber 2007 3000 bis 4000 Men­schen gegen die hohen Lebens­mit­tel­prei­se – die knüp­peln­de Poli­zei hin­ter­ließ 300 Ver­letz­te, davon 20 Schwer­ver­letz­te. Im tune­si­schen Phos­phat­re­vier Gaf­sa schoß die Poli­zei am 5. Juni 2008 in die pro­tes­tie­ren­de Men­ge, töte­te eine Per­son und ver­letz­te 26 wei­te­re. Aus vie­len Län­dern wur­den kei­ne kon­kre­ten Zah­len bekannt, obwohl die Unter­drü­ckung der Pro­tes­te nicht glimpf­lich ver­lief.

Ange­sichts der Bei­be­hal­tung der gra­vie­ren­den Ver­tei­lungs­un­ge­rech­tig­kei­ten und der feh­len­den Bereit­schaft zu einer glo­ba­le Trend­wen­de in Rich­tung sozi­al und öko­lo­gisch ver­träg­li­cher Wirt­schaft ist zu erwar­ten, daß sich das Poten­ti­al von Hun­ger­re­vol­ten in den Bal­lungs­räu­men des Südens ver­stär­ken wird. Par­al­lel dazu läßt sich eine Zunah­me von Unru­hen in den Län­dern West- und Ost­eu­ro­pas pro­gnos­ti­zie­ren bzw. aktu­ell beob­ach­ten, die »eine tie­fe Ver­zweif­lung über die öko­no­mi­schen Per­spek­ti­ven, die selbst für jun­ge Leu­te mit guter Aus­bil­dung« und »eine schar­fe Kri­tik am star­ren Klas­sen­sys­tem und an der Kor­rup­ti­on der poli­ti­schen Klas­se« reflek­tie­ren. Die herr­schen­den Eli­ten wer­den auch künf­tig dar­auf set­zen, Unru­hen mit »Sicher­heits­po­li­tik« unter Kon­trol­le zu brin­gen, wobei sich die glo­ba­le Sicher­heits­po­li­tik, ähn­lich wie die Land­wirt­schafts- und Kli­ma­po­li­tik in einer Sack­gas­se befin­det.

1 Mehr dazu ist auf dem Gewerk­schafts­blog LabourNet.de zu lesen

2 J. Walton, D. Sed­don (1994): Free mar­kets and food riots. The poli­tics of glo­bal adjust­ment, Oxford UK & Cam­bridge USA

3 http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=18529

4 sie­he ebd.

Peter Clausing ist Bei­rat der Infor­ma­ti­ons­stel­le Mili­ta­ri­sie­rung e. V. und ver­öf­fent­lich­te 2008 unter dem Pseud­onym Klaus Peder­sen das Buch »Natur­schutz und Pro­fit« im Unrast Ver­lag, Müns­ter

Quel­le: http://www.jungewelt.de/2010/05-18/017.php

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