Natur­schutz im Kolo­ni­al­stil

Erschie­nen in “jun­ge Welt” vom 09.06.2010
Peter Clausing

Natur­schutz hat – von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen – sein posi­ti­ves Image bis zum heu­ti­gen Tag bewahrt. Natur­schutz scheint von ras­sis­ti­schen und kolo­nia­lis­ti­schen Ideo­lo­gi­en weit ent­fernt zu sein. Das liegt ver­mut­lich dar­an, daß bei­spiels­wei­se der baye­ri­sche Natio­nal­park oder das Bio­sphä­ren­re­ser­vat Schorf­hei­de nicht unbe­dingt kolo­ni­al-ras­sis­ti­sche Asso­zia­tio­nen erzeu­gen. Fer­ner kann es einem so vor­kom­men, als ob Natur­schutz­ge­bie­te nicht mit Ras­sis­mus und Kolo­nia­lis­mus in Ver­bin­dung gebracht wer­den kön­nen, weil sie schein­bar nicht mit Men­schen zu tun haben. Ein Blick in die Geschich­te zeigt, daß bei­de Annah­men nicht zutref­fen.

Natur­schüt­zer wie Hans-Die­ter Knapp, Lei­ter der Natur­schutz­aka­de­mie Vilm, behaup­ten unter Bezug­nah­me auf den Yel­low­stone-Natio­nal­park unre­flek­tiert, daß Natio­nal­parks heu­te die inter­na­tio­nal erfolg­reichs­te Schutz­ge­biets­ka­te­go­rie sei­en. Dabei igno­rie­ren sie das zutiefst kolo­nia­le Erbe des Modells »Natio­nal­park«, das in den USA »erfun­den« wur­de. Einer der ers­ten, der Yel­low­stone-Natio­nal­park, erwies sich in mehr­fa­cher Hin­sicht als Pro­to­typ: Sei­ne Schaf­fung war mit der gewalt­sa­men Ver­trei­bung der dort leben­den Bevöl­ke­rung ver­bun­den, er ent­sprach von Anbe­ginn dem Sche­ma »Natur als Erleb­nis« (heu­te kri­tisch als Dis­ney­fi­zie­rung von Natur bezeich­net), und er wur­de – ähn­lich ande­ren Schutz­ge­bie­ten – Ende des 20. Jahr­hun­derts zum Betä­ti­gungs­feld für Biopiraten.1

Zum Zeit­punkt sei­ner Grün­dung (1872) wur­de der Yel­low­stone von Shosho­nen bewohnt und von einer Rei­he ande­rer Eth­ni­en genutzt – Crow, Ban­nock, Black­feet und Nez Per­ce. Die Nut­zung des Yel­low­stone-Gebiets durch die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner spiel­te eine wich­ti­ge Rol­le bei der For­mung sei­ner ver­meint­lich »natür­li­chen« Land­schaft, die dann als so schüt­zens­wert emp­fun­den wur­de. Im Jahr 1879 erfolg­te die end­gül­ti­ge Ver­trei­bung der Shosho­nen aus dem Park. Auch die ande­ren ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner wur­den von der US Army ver­jagt, damit der Yel­low­stone-Natio­nal­park sei­ner Bestim­mung gerecht wer­den konn­te, die laut Grün­dungs­de­kret von 1872 dar­in besteht, » (…) öffent­li­cher Park oder Erho­lungs­flä­che zum Nut­zen und zur Erbau­ung des Vol­kes« zu sein. Zum »Volk« gehör­ten die ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner im Yel­low­stone-Natio­nal­park eben­so­we­nig wie auf wei­te­ren »Erho­lungs­flä­chen«, z.B. dem 1864 gegrün­de­ten Yose­mi­te-Natio­nal­park in Kali­for­ni­en, der nach einem erbit­ter­ten Krieg gegen die Miwok-India­ner ent­stand. Die Lis­te lie­ße sich fort­set­zen, denn für nahe­zu alle wich­ti­gen Natio­nal­parks der USA machen heu­te die Nati­ve Ame­ri­cans, wenn­gleich bis­lang wenig erfolg­reich, alte Rech­te gel­tend.

Mit Bibel und Flin­te

Die­se Art der Ent­ste­hung von Natur­schutz­ge­bie­ten war jedoch nicht auf Nord­ame­ri­ka beschränkt. »Wie schon das Begriffs­paar von ›Nati­on‹ und ›Park‹ ver­rät, ist die Insti­tu­ti­on des Natio­nal­parks einer euro­päi­schen Vor­stel­lungs­welt ent­sprun­gen«, schreibt der Züri­cher Umwelt­his­to­ri­ker Patrick Kupper.2 Als Ende des 19. Jahr­hun­derts der Natur­schutz in »Deutsch-Ost­afri­ka« ein­ge­führt wur­de, ging es eben­falls dar­um, künf­ti­gen Genera­tio­nen, in die­sem Fall der Deut­schen, die Mög­lich­keit zur »Erho­lung« zu bie­ten. Was dabei mit Erho­lung gemeint war und wel­ches Seg­ment der »künf­ti­gen deut­schen Genera­tio­nen« in den Genuß die­ser Erho­lung kom­men soll­te, eröff­net uns ein Blick auf die Web­site der deut­schen Dele­ga­ti­on des Inter­na­tio­nal Coun­cil for Game and Wild­life Con­ser­va­ti­on (CIC), eines 1930 gegrün­de­ten Clubs von Groß­wild­jä­gern, der sich in der Tra­di­ti­on eines Her­mann von Wiss­mann sieht. Die­ser dekre­tier­te im Jahr 1896 als Gou­ver­neur von »Deutsch-Ost­afri­ka« die ers­te Wild­tier­ver­ord­nung mit der Bemer­kung: »Ich füh­le mich ver­pflich­tet, die­se Ver­ord­nung für unse­re künf­ti­gen Genera­tio­nen zu ver­ab­schie­den, um die Wild­tie­re zu schüt­zen und zu ver­hin­dern, daß die­se Tier­ar­ten aus­ster­ben.«

Sei­nen Pos­ten als Gou­ver­neur ver­dien­te sich der spä­ter geadel­te Major Wiss­mann mit der blu­ti­gen Nie­der­schla­gung des »Ara­ber­auf­stan­des« in den Jah­ren 1889/1890. Die­se mili­tä­ri­sche Straf­ak­ti­on erfolg­te auf der Grund­la­ge des »Geset­zes, betref­fend den Schutz der deut­schen Inter­es­sen und die Bekämp­fung des Skla­ven­han­dels in Ost­afri­ka«. Der Name die­ses Geset­zes schuf den Mythos, Wiss­mann habe gegen die Skla­ve­rei gekämpft. Abge­se­hen davon, daß die Wiss­mann­sche Skla­ven­be­frei­ung kei­ne war, denn um 1900 gab es in der Kolo­nie »Deutsch-Ost­afri­ka« noch immer 400000 Skla­ven (zir­ka zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung), war der eigent­li­che Grund für die Nie­der­schla­gung des »Ara­ber­auf­stan­des« die Durch­set­zung der Inter­es­sen der Deutsch-Ost­afri­ka­ni­schen Gesell­schaft, deren Han­dels­häu­ser mit denen der ara­bi­schen Ober­schicht in Kon­kur­renz stan­den.

Doch der Mythos von der Skla­ven­be­frei­ung lebt offen­bar fort. Im Rah­men der Bemü­hun­gen, eine Umbe­nen­nung der Wiss­mann­stra­ße in Ber­lin-Neu­kölln zu erwir­ken, fand dort im Jahr 2006 eine Podi­ums­dis­kus­si­on statt, die der selbst­er­nann­te His­to­ri­ker und pen­sio­nier­te Pfar­rer Chris­toph Sehms­dorf für ein sub­ti­les pro­ko­lo­nia­les Plä­doy­er zu nut­zen ver­such­te. Man müs­se Wiss­manns Taten his­to­risch kon­tex­tua­li­sie­ren, und es sei »hoch­pro­ble­ma­tisch«. Dabei stellt die angeb­li­che Nicht­an­wend­bar­keit »unse­res ethi­schen Sys­tems« auf unse­re Groß­el­tern einen wei­te­ren Mythos dar, denn einem Teil der deut­schen Bevöl­ke­rung waren die kolo­nia­len Ver­bre­chen bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts bewußt. Dies läßt sich unter ande­rem mit dem im »Demo­kra­ti­schen Lie­der­buch« von 1898 ent­hal­te­nen, kri­ti­schen Lied­text »Mit Bibel und Flin­te« bele­gen, vor allem aber mit den anti­ko­lo­nia­len Schrif­ten Rosa Luxem­burgs.

Wei­ter heißt es im Pro­to­koll der Podi­ums­dis­kus­si­on: Die »Nie­der­schla­gung des Auf­stan­des der ara­bi­schen Clans setz­te neue Maß­stä­be der Krieg­füh­rung. (…) Zum ers­ten Mal wur­de in einem deut­schen Kolo­ni­al­krieg die Tak­tik der ›ver­brann­ten Erde‹ kon­se­quent ange­wandt (…).«3 Wiss­mann, der die­se Tak­tik ein­führ­te, wur­de Anfang des 20. Jahr­hun­derts als »Deutsch­lands größ­ter Afri­ka­ner« gefei­ert und in der Nazi­zeit ideo­lo­gisch ver­mark­tet. Unbe­scha­det die­ser his­to­ri­schen Last tra­gen in min­des­tens 21 west­deut­schen Städ­ten Stra­ßen und Plät­ze den Namen Wiss­mann – die Wiss­mann-Stra­ßen in Erfurt, Leip­zig und Frankfurt/Oder wur­den zu DDR-Zei­ten umbe­nannt. Wei­ter­hin gibt es meh­re­re Denk­mä­ler, deren pro­mi­nen­tes­tes vor der Ham­bur­ger Uni­ver­si­tät stand und wäh­rend der 68er Stu­den­ten­be­we­gung gestürzt wur­de. Die­ses Denk­mal war die zen­tra­le Anlauf­stel­le für die Kolo­ni­al­nost­al­gie der Tra­di­ti­ons­ver­bän­de von der Wei­ma­rer Repu­blik bis zum Ende der Nazi­zeit. Die­se zen­tra­le Anlauf­stel­le bil­det heu­te das Wiss­mann-Denk­mal in Bad Lau­ter­bach (Harz), wo sich all­jähr­lich der Tra­di­ti­ons­ver­band ehe­ma­li­ger Schutz- und Über­see­trup­pen trifft. Die kürz­lich erfolg­te Anbrin­gung einer Gedenk­ta­fel im Selous Wild­re­ser­vat (Tan­sa­nia) durch die deut­sche Dele­ga­ti­on des CIC wirft ein Licht auf die Geis­tes­hal­tung die­ser Orga­ni­sa­ti­on. In der Mit­tei­lung auf der CIC-Web­sei­te heißt es: »Das Reser­vat ist eine deut­sche Grün­dung. Sie wur­de im Jah­re 1896 durch Gou­ver­neur Her­mann von Wiss­mann ver­an­laßt und ist damit das ältes­te Natur­schutz­ge­biet in Afri­ka. (…) Her­mann von Wiss­mann war ein pas­sio­nier­ter Jäger. Er hat­te früh­zei­tig erkannt, daß unkon­trol­lier­te Aus­beu­tung der natür­li­chen Res­sour­ce Wild ihre Aus­rot­tung zur Fol­ge hat.«4 Die von Wiss­mann betrie­be­ne Aus­rot­tung von Men­schen, scheint die deut­sche Dele­ga­ti­on des CIC nicht wei­ter zu küm­mern.

Heu­te ist das Selous-Wild­re­ser­vat mit 50000 Qua­drat­ki­lo­me­tern das größ­te Natur­schutz­ge­biet der Welt. Ohne »nach­hal­ti­gen Jagd­tou­ris­mus könn­te die­ses ›Welt­kul­tur­er­be‹ der Ver­ein­ten Natio­nen nicht exis­tie­ren. Die Jagd erbringt 90 Pro­zent aller Ein­nah­men und erst dies ermög­licht den Schutz«, ver­kün­det die CIC-Web­site. In Tan­sa­nia sind 40 Pro­zent der Lan­des­flä­che unter Natur­schutz gestellt. Mit fünf Pro­zent der Lan­des­flä­che hat das Selous-Wild­re­ser­vat dar­an einen signi­fi­kan­ten Anteil. Ver­trei­bung bzw. Zwangs­um­sied­lun­gen von Tei­len der Bevöl­ke­rung zuguns­ten eines »wei­ßen« Kon­zepts von Natur­schutz, die sich auch nach Ende der Kolo­ni­al­zeit fort­set­zen und sogar noch ver­stärk­ten, waren und sind inte­gra­ler Bestand­teil der glo­ba­len Natur­schutz­po­li­tik. Kup­per kommt zu der Schluß­fol­ge­rung, daß Wiss­manns Hang zum Natur­schutz »durch jene euro­zen­trisch und sozi­al­dar­wi­nis­tisch imprä­gnier­te Welt­sicht (getra­gen wur­de), die von einem uni­ver­sell gül­ti­gen, räum­lich aber in unter­schied­li­chem Tem­po fort­schrei­ten­den Zivi­li­sa­ti­ons­pro­zeß aus­ging. (…) Außer­halb Euro­pas galt es daher zu schüt­zen, was in Euro­pa bereits ver­lo­ren­ge­gan­gen war. Dies erklärt sowohl die hohe Auf­merk­sam­keit, die der Mega­fau­na auch von jagd­fer­nen Krei­sen zuteil wur­de, als auch die Bemü­hun­gen gewis­ser Natur­schüt­zer, ›pri­mi­ti­ve Völ­ker‹ im ›Natur­zu­stand‹ zu konservieren.«5

Auf Kos­ten von Natur und Mensch

Sei­ne Lie­be zum »Natur­schutz« teil­te Wiss­mann mit einem ande­ren Kolo­ni­al­ver­bre­cher, dem bri­tisch-ame­ri­ka­ni­schen »Afri­ka­for­scher« Hen­ry Mor­ton Stan­ley, der im Auf­trag von Leo­pold II. das Kon­go-Gebiet für die bel­gi­sche Kro­ne erober­te. Auf Anre­gung der bei­den und unter ihrer Teil­nah­me fand im Mai 1900 in Lon­don eine Kon­fe­renz statt, mit der eine Rege­lung zum Wild­schutz für ganz Afri­ka her­bei­ge­führt wer­den soll­te. Das Pro­to­koll die­ser Kon­fe­renz wur­de am 9. Mai 1900 unter­zeich­net, aber nicht rati­fi­ziert. Den Ende des 19. Jahr­hun­derts ein­set­zen­den Wild­schutz­be­mü­hun­gen war das exzes­si­ve Abschlach­ten von Ele­fan­ten, Nas­hör­nern und Fluß­pfer­den vor­an­ge­gan­gen, das durch Wiss­mann mit ver­ur­sacht wur­de.

Der schot­ti­sche Geo­lo­ge Joseph Thom­son beschrieb aus eige­ner Anschau­ung die Bedro­hung des Ele­fan­ten­be­stan­des in den 1880er Jah­ren fol­gen­der­ma­ßen: »Das Abschlach­ten der Ele­fan­ten durch wei­ße Jäger, beson­ders im süd­li­chen Afri­ka, war erschüt­ternd. Ein gut aus­ge­rüs­te­ter Jäger konn­te wäh­rend einer ein­zi­gen Safa­ri mehr als 200 Ele­fan­ten schie­ßen, und meh­re­re tau­send, wenn er es beruf­lich betrieb. Man­che Jäger töte­ten so vie­le Ele­fan­ten, daß ihre Fahr­zeu­ge das Elfen­bein nicht tra­gen konn­ten, so daß es im Gebüsch zurück­ge­las­sen wur­de.«

In einem kri­ti­schen Rück­blick bezeugt 1972 Hen­ry Fos­bro­ke, der pen­sio­nier­te Chef des Ngo­rongo­ro-Natio­nal­parks: »Ein Grund für das Ver­schwin­den (der Nas­hör­ner – P.C.) ist der Abschuß, aus Ver­gnü­gen oder aus Pro­fit­grün­den. Sir John Will­ough­by und sei­ne drei Brü­der, alle Offi­zie­re der bri­ti­schen Armee in Indi­en, schos­sen inner­halb von vier Mona­ten 66 Stück in der Tave­ta Regi­on am Kili­man­dscha­ro. Graf Tele­ki und sei­ne Grup­pe erleg­ten 99 im Lau­fe ihrer Safa­ri. Von einer wei­te­ren Jagd­grup­pe wur­de berich­tet, daß sie im Jahr 1893 in der Umge­bung von Macha­kos in weni­ger als drei Mona­ten 80 getö­tet hät­ten. Wei­te­re Fäl­le auf der deut­schen Sei­te der Gren­ze (zwi­schen den deut­schen und eng­li­schen Kolo­ni­al­ge­bie­ten) waren Dr. Kolb, der 150 töte­te, bevor er selbst von einem getö­tet wur­de, Herr von Bas­ti­nel­ler (140), Herr von Eltz (60) usw.«

Im tan­sa­ni­schen Tar­an­gi­re-Natio­nal­park leb­ten der­einst Tau­sen­de schwar­zer Nas­hör­ner. Heu­te gibt es dort kei­ne mehr. Glei­cher­ma­ßen gab es dort eine gro­ße Zahl von Ele­fan­ten, die von euro­päi­schen Jägern nahe­zu aus­ge­rot­tet wur­den. Den Haz­da, einer in die­ser Regi­on leben­den Eth­nie, aber wur­de ver­bo­ten, das zu jagen, was tra­di­tio­nell ihnen gehör­te, und sie wur­den pau­schal als »Wil­de­rer« gebrand­markt. In der heu­ti­gen Zeit erfolgt ein »nach­hal­ti­ger« Abschuß (Safa­ri auf Quo­ten­ba­sis) in Gegen­den, wo sich die Bestän­de von den Mas­sa­kern der frü­he­ren Jahr­zehn­te erholt haben. Nicht weni­ge afri­ka­ni­sche Regie­run­gen pro­fi­tie­ren finan­zi­ell und rhe­to­risch vom Wild­tier­schutz. Es wird argu­men­tiert, daß sei­ne Durch­set­zung poli­ti­schen, sozia­len, kul­tu­rel­len und öko­no­mi­schen Zwe­cken die­ne. Doch Tei­le der Ein­künf­te, die aus dem Tou­ris­mus­ge­schäft ent­ste­hen, flie­ßen in die Kas­sen mil­lio­nen­schwe­rer Unter­neh­men bzw. in die Taschen von Regie­rungs­mit­ar­bei­tern und kom­men der Bevöl­ke­rung nicht zugu­te. Zugleich steht die loka­le Bevöl­ke­rung nach wie vor unter dem Gene­ral­ver­dacht der Wil­de­rei.

Ein von H. Jür­gen Wäch­ter ver­öf­fent­lich­tes Buch mit dem viel­ver­spre­chen­den Titel »Natur­schutz in den deut­schen Kolo­ni­en in Afri­ka (1884–1918)«, das zwar 2008 in einer Rei­he mit dem Titel »Euro­pas Über­see – His­to­ri­sche Stu­di­en« erschie­nen ist, aber mehr einer mit Jagd­sta­tis­ti­ken gar­nier­ten Samm­lung kolo­nia­ler Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten gleicht, bringt immer­hin ein ent­lar­ven­des Zitat von Carl Georg Schil­lings. Die­ser als Pio­nier des Natur­schut­zes und der Nacht­fo­to­gra­fie (von Tie­ren) gel­ten­de »pas­sio­nier­te Jäger«, der Ost­afri­ka zwi­schen 1896 und 1903 vier­mal bereis­te, schrieb in sei­nem Best­sel­ler »Mit Blitz­licht und Büch­se im Zau­ber des Ele­lé­scho«: »Die den Ein­ge­bo­re­nen auf­er­leg­te Hüt­ten­steu­er trieb sie dazu, der Tier­welt weit über den eige­nen Bedarf nach­zu­stel­len, um durch Ver­kauf an Händ­ler den Betrag der Steu­er ent­rich­ten zu kön­nen.« Die­se Hüt­ten­steu­er aber war in der Kolo­nie Deutsch-Ost­afri­ka vom »Natur­schüt­zer« und Kolo­ni­al­ver­bre­cher Wiss­mann vor­be­rei­tet wor­den. Mit ande­ren Wor­ten, der glei­che, der einen Pro­zeß in Gang zu set­zen half, mit der der loka­len Bevöl­ke­rung im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen wur­de, führ­te Abga­ben ein, die die Bevöl­ke­rung zwan­gen, mehr Wild zu schie­ßen, um ihre Steu­er­schuld gegen­über den Kolo­ni­al­her­ren zu beglei­chen. Wiss­mann hat­te Afri­ka kurz vor der Jahr­hun­dert­wen­de aus gesund­heit­li­chen Grün­den für immer den Rücken gekehrt, doch die Hüt­ten­steu­er war 1905 mit ein Grund für den Aus­bruch des Maji-Maji-Auf­stan­des, bei dem nach unter­schied­li­chen Schät­zun­gen zwi­schen 75000 und 300000 Afri­ka­ner (und 16 Deut­sche) ihr Leben ver­lo­ren.

Patrick Kup­per schrieb dazu: »Außer­halb Euro­pas oktroy­ier­ten die Kolo­ni­al­her­ren Umsied­lun­gen und Nut­zungs­ein­schrän­kun­gen, wobei das Schick­sal der Lokal­be­völ­ke­rung davon abhän­gen konn­te, ob sie von den Park­pla­nern zur Zivi­li­sa­ti­on oder zur Natur gezählt wur­den – mit ent­spre­chen­den Erwar­tun­gen an das Ver­hal­ten der zu ›Natur­völ­kern‹ erklär­ten Gesellschaften.«6 Wäch­ter hin­ge­gen kon­zen­trier­te sei­ne Betrach­tun­gen auf die Aus­wir­kun­gen der Jagd auf den Wild­be­stand und resü­mier­te im Abschnitt »Jagd für die Eigen­ver­sor­gung« bezüg­lich der »Afri­ka­ner«, daß »durch die Ein­füh­rung von Feu­er­waf­fen das bis dahin ver­mu­te­te Gleich­ge­wicht zwi­schen Jägern und Wild­tie­ren emp­find­lich gestört wur­de«, wäh­rend er den Euro­pä­ern neu­tral beschei­nig­te, daß sie sich der Jagd für die eige­ne Ver­sor­gung bedienten.7

Bewoh­ner raus, Tou­ris­ten rein

Die von Kup­per beschrie­be­ne »sozi­al­dar­wi­nis­tisch imprä­gnier­te Welt­sicht« hat­te ihren Fort­be­stand in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. So durf­ten auch in dem von den bri­ti­schen Kolo­ni­al­her­ren ein­ge­rich­te­ten Seren­ge­ti-Natio­nal­park ab 1955 nur noch jene Men­schen blei­ben, die bereit waren, »pri­mi­tiv« zu leben. Wört­lich wur­de von der dama­li­gen Lei­tung for­mu­liert, daß der Park »als natür­li­cher Lebens­raum für Wild und Men­schen in ihrem pri­mi­ti­ven Zustand reser­viert« sei. Für die Natur­schüt­zer waren die im Park leben­den Mas­sai kolo­nia­les Eigen­tum und so als »Teil der Fau­na« schüt­zens­wert.

Nach Erlan­gung der Unab­hän­gig­keit wur­den die Regie­rungs­eli­ten der afri­ka­ni­schen Län­der bald zum wich­ti­gen Ziel für die west­li­che Natur­schutz­lob­by. Im Ergeb­nis die­ser Akti­vi­tä­ten dürf­ten allein in Afri­ka bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts 14 Mil­lio­nen Men­schen im Namen des Natur­schut­zes ver­trie­ben wor­den sein. Das Schick­sal der in Tan­sa­nia leben­den Mas­sai ist ein ekla­tan­tes Bei­spiel. Im Jahr 1959 wur­de der ursprüng­lich zum Seren­ge­ti-Natio­nal­park gehö­ren­de Ngo­rongo­ro-Kra­ter aus die­sem aus­ge­glie­dert und den Mas­sai als Reser­vat zuge­wie­sen. Die gesam­te in der Seren­ge­ti behei­ma­te­te Bevöl­ke­rung wur­de kur­zer­hand in das erheb­lich klei­ne­re Gebiet des Ngo­rongo­ro-Kra­ters umge­sie­delt. Doch die Dis­ney­fi­zie­rung der afri­ka­ni­schen Savan­nen nahm ihren Lauf – der Ngo­rongo­ro-Kra­ter wur­de in den 1970ern zum »Welt­na­tur­er­be« erklärt, und die 15 Jah­re zuvor dort­hin ver­frach­te­ten Mas­sai waren nicht mehr erwünscht. Zwi­schen 10000 und 50000 Men­schen wur­den gewalt­sam ver­trie­ben. Vor weni­gen Wochen erschien die Mel­dung, daß der Ngo­rongo­ro-Kra­ter in Tan­sa­nia Gefahr läuft, den Titel »Welt­na­tur­er­be« aberkannt zu bekom­men, falls mensch­li­che Akti­vi­tä­ten das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht wei­ter­hin gefähr­den soll­ten. Im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te sicker­ten die Mas­sai »ille­gal« in das umstrit­te­ne Gebiet zurück. Inzwi­schen leben im Kra­ter und den angren­zen­den Gebie­ten 65000 Men­schen. Zur Debat­te steht nun ihre erneu­te Zwangs­um­sied­lung. Sham­sa Mwan­gun­ga, Tan­sa­ni­as Tou­ris­mus­mi­nis­te­rin, sorgt sich, daß »kein Tou­rist mehr hier­her­kommt«, wenn die UNESCO das Natur­schutz­ge­biet erst ein­mal von der Welt­na­tur­er­be-Lis­te streicht. Die öko­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen der jähr­lich über 400000 Tou­ris­ten, die in täg­lich bis zu 400 Gelän­de­wa­gen durch den Kra­ter gekarrt wer­den, sind nicht Gegen­stand der Sor­ge. Die Aus­lands­ver­schul­dung des Lan­des, die bei sie­ben Mil­li­ar­den US-Dol­lar liegt (Stand 2009), dürf­te eine wich­ti­ge Rol­le bei den Bemü­hun­gen spie­len, die Devi­sen­ein­nah­men aus dem Tou­ris­mus (ins­ge­samt etwa 30 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes), nicht aufs Spiel zu set­zen.

Markt­ver­mit­tel­ter Umwelt­schutz

All die­se Fak­ten bele­gen, daß die ver­brei­te­te Annah­me, mit der Ein­rich­tung von Natur­schutz­ge­bie­ten wür­de »unbe­rühr­te«, men­schen­lee­re Natur vor dem Ein­drin­gen des Men­schen geschützt, ein Trug­schluß ist. In aller Regel leb­ten dort Men­schen, die klar defi­nier­ba­ren west­li­chen Inter­es­sen wei­chen muß­ten. Wäh­rend der Kolo­ni­al­zeit, waren es Wild­schutz­ge­bie­te, die ein­ge­rich­tet wur­den, um den Mas­sen­ab­schlach­tun­gen von Nas­hör­nern, Ele­fan­ten und ande­ren »Tro­phä­en­trä­gern« Refu­gi­en ent­ge­gen­zu­set­zen. In heu­ti­ger Zeit wer­den Men­schen aus den desi­gnier­ten Bio­sphä­ren­re­ser­va­ten und Natio­nal­parks gewalt­sam ent­fernt, weil es die Zwän­ge des »frei­en« Mark­tes erfor­dern: Schutz­ge­bie­te im Süden wer­den als Aus­gleichs­flä­chen für die glo­ba­le pro­fit- und wachs­tums­be­ding­te Natur­zer­stö­rung benö­tigt. Zugleich unter­liegt der moder­ne Natur­schutz viel­fach dem grund­sätz­li­chen Dog­ma des Neo­li­be­ra­lis­mus – der Markt soll es regeln.

Selbst das dafür getrof­fe­ne völ­ker­recht­li­che Abkom­men – die Kon­ven­ti­on zum Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt (Con­ven­ti­on on Bio­lo­gi­cal Diver­si­ty, CBD) folgt die­ser Les­art. Nach Ansicht der Anthro­po­lo­gin Cori Hay­den von der Uni­ver­si­tät Ber­ke­ley, Kali­for­ni­en, »för­dert und bil­ligt (die CBD) expli­zit eine markt­ver­mit­tel­te Visi­on von Bio­di­ver­si­täts­schutz. Die Kon­ven­ti­on baut buch­stäb­lich auf die Life-Sci­ence-Indus­trie und den immer brei­te­ren Umfang an Paten­ten auf Lebens­for­men als Zug­pfer­de, um der Bio­di­ver­si­tät ›Wert‹ zu ver­lei­hen. Natur­schutz wird somit uner­setz­lich für eine Visi­on von nach­hal­ti­ger Ent­wick­lung, bei der bio­lo­gi­sche Viel­falt als eine pro­duk­ti­ve Res­sour­ce betrach­tet wird, die ›sich selbst bezahlt‹. (…) Die CBD lie­fert den Län­dern des Südens Anrei­ze dafür, ihre Wäl­der lie­ber zu schüt­zen als sie abzu­hol­zen. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist (die­ses) Abkom­men kein Mecha­nis­mus zur För­de­rung sozia­ler Gerech­tig­keit, son­dern es wur­de in ers­ter Linie als Anreiz­struk­tur geschaf­fen.« Im Ergeb­nis des­sen befin­det sich die loka­le Bevöl­ke­rung in vie­len Län­dern des Südens nun­mehr in der Zan­ge zwi­schen Natur­schutz­ge­bie­ten, Baum- und Ener­gie­pflan­zen­plan­ta­gen sowie groß­flä­chig auf­ge­kauf­ten Län­de­rei­en, die von Inves­to­ren mit indus­trie­mä­ßi­gen Metho­den bewirt­schaf­tet wer­den. Mit ande­ren Wor­ten, für Wan­der­feld­bau­er, Hir­ten und Wald­be­woh­ner ist kein Platz mehr in der schö­nen neu­en Welt.

Anmer­kun­gen

1 Für den »zu Nutz und From­men des Vol­kes« geschaf­fe­nen Yel­low­stone Natio­nal­park schlos­sen die US-Bio­tech­fir­ma Diver­sa und der US Natio­nal Parks Ser­vice im August 1997 in aller Stil­le ein Abkom­men, in dem der Fir­ma die geis­ti­gen Eigen­tums­rech­te an den hit­zes­ta­bi­len Mikro­or­ga­nis­men der Gey­si­re über­tra­gen wur­den. Nach­dem die­ser Fall von Bio­pi­ra­te­rie öffent­lich bekannt gewor­den war, wur­de der Bio­pro­spek­ti­ons­ver­trag im März 1999 durch ein US-Gericht annul­liert.

2 Patrick Kup­per: Natio­nal­parks in der euro­päi­schen Geschich­te, 2008: www.europa.clio-online.de/site/lang__en/ItemID__330/mid__11428/40208214/default.aspx

3 Die Wiss­mann­stra­ße. Erin­ne­rung auf der Pro­be. Pro­to­koll eines Podi­ums­ge­sprächs am 6.12.2006

4 www.cic-wildlife.de/index.php?option=com_content&view=article&id=58: gedenk

5 Kup­per, a.a.O.

6 Ebd.

7 H. Jür­gen Wäch­ter, Natur­schutz in den deut­schen Kolo­ni­en in Afri­ka (1884–1918), Ber­lin 2008, S. 23f.

Peter Clausing ist Bei­rats­mit­glied der Infor­ma­ti­ons­stel­le Mili­ta­ri­sie­rung e.V. und ver­öf­fent­lich­te 2008 im Müns­te­ra­ner Unrast Ver­lag unter dem Pseud­onym Klaus Peder­sen das Buch »Natur­schutz und Pro­fit«

URL: http://www.jungewelt.de/2010/06-09/017.php

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