Kuba: Revo­lu­ti­on der Nach­hal­tig­keit

Aus: land & wirt­schaft, jun­ge Welt-Bei­la­ge vom 04.08.2010
Peter Clausing

Kubas Land­wirt­schaft befin­det sich in einer wich­ti­gen Pha­se, auch wegen der Schlüs­sel­po­si­ti­on, die ihr im Rah­men der wei­te­ren gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung bei­gemes­sen wird. Staats­prä­si­dent Raul Cas­tro sprach von einer »Fra­ge der natio­na­len Sicher­heit«. Ange­sichts der rund 1,5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, die der­zeit noch jähr­lich für Lebens­mit­tel­im­por­te aus­ge­ge­ben wer­den müs­sen, über­rascht es nicht, daß dem Ziel der Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät so hohe Prio­ri­tät ein­ge­räumt wird. Und Kuba hat güns­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen, um die­ses Ziel zu errei­chen – trotz wet­ter­be­ding­ter Ern­te­ver­lus­te (im Jahr 2008 wur­de zum Bei­spiel ein Drit­tel der gesam­ten Ern­te durch Hur­ri­kans ver­nich­tet). Denn das Land ver­fügt über opti­ma­le natür­li­che Rah­men­be­din­gun­gen und die nöti­ge Infra­struk­tur für schnel­le Wis­sens­ver­mitt­lung. Daß dies mit einer umwelt­ver­träg­li­chen und damit wirk­lich nach­hal­ti­gen Pro­duk­ti­ons­wei­se mög­lich ist, haben die über 200000 klein­bäu­er­li­chen Fami­li­en­be­trie­be unter Beweis gestellt, die auf inzwi­schen 41 Pro­zent der Acker­flä­che bereits 70 Pro­zent des land­wirt­schaft­li­chen Brut­to­in­lands­pro­dukts erzeu­gen. Rund die Hälf­te von ihnen betreibt Bio­land­bau.

Die­se »Revo­lu­ti­on der Nach­hal­tig­keit« wird von pro­gres­si­ven Agrar­wis­sen­schaft­lern bewun­dert und fand im Mai bei der dies­jäh­ri­gen Ver­lei­hung des als »Grü­ner Nobel­preis« betrach­te­ten Gold­man Envi­ron­men­tal Pri­ze an Hum­ber­to Rios Labra­da inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung. Auch wenn Rios, Koor­di­na­tor für Loka­le Land­wirt­schaft­li­che Inno­va­ti­on am Natio­na­len Insti­tut der Land­wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, zu beden­ken gibt, daß Kubas land­wirt­schaft­li­ches Sys­tem »noch immer auf indus­tri­el­len Prin­zi­pi­en basiert«, kann er sich nicht vor­stel­len, daß man in nen­nens­wer­tem Umfang zur Nut­zung von Agro­che­mie zurück­keh­ren wird, die die kuba­ni­sche Land­wirt­schaft in den 1980er Jah­ren beherrsch­ten – schon aus Kos­ten­grün­den.

Die Gefahr für eine nach­hal­ti­ge Land­wirt­schaft in Kuba kommt aus einer ande­ren Ecke. Einer­seits hat sich die kuba­ni­sche Bio­tech­no­lo­gie in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten gro­ße Ver­diens­te sowohl bei der Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Arz­nei­mit­teln als auch bei der Unter­stüt­zung bio­lo­gi­scher Anbau­me­tho­den in der Land­wirt­schaft erwor­ben, letz­te­res ins­be­son­de­re durch die Pra­xis­ein­füh­rung stick­stoff­bin­den­der Boden­mi­kro­ben als bio­lo­gi­sche Dün­ge­me­tho­de (z.B. Azo­s­pi­ril­li­um rhizo­bi­um) und durch die Pro­duk­ti­on von Bio­pes­ti­zi­den in den lan­des­weit 220 Cen­tros de la Repro­duc­ción de los Ento­mo­fages y Ento­mo­pa­tóge­nos (Zen­tren zur Ver­meh­rung von Insek­ten­fres­sern und Lebe­we­sen, die bei Insek­ten Krank­hei­ten ver­ur­sa­chen). Ande­rer­seits ver­fügt das Flagg­schiff der kuba­ni­schen Bio­tech­no­lo­gie, das renom­mier­te Zen­trum für Gen­tech­nik und Bio­tech­no­lo­gie (CIBG) in Havan­na, über eine Abtei­lung für gen­tech­nisch ver­än­der­te Nutz­pflan­zen, die ver­stärkt von sich reden macht. In die­sem Jahr wur­de auf ihr Betrei­ben erst­mals auf 2600 Hekt­ar in der Pro­vinz Sanc­ti Spí­ri­tus Gen­mais ange­baut. Car­los Bor­ro­to, stell­ver­tre­ten­der Direk­tor des CIBG und wohl einer der ein­fluß­reichs­ten Gen­tech­nik­be­für­wor­ter in Kuba, ver­kün­de­te vor eini­ger Zeit, es sei poli­ti­scher Wil­le, die Grü­ne Gen­tech­nik zu nut­zen.

Die seit kur­zem ent­brann­te Dis­kus­si­on zu die­sem The­ma ist zumin­dest dadurch gekenn­zeich­net, daß Befür­wor­ter und Geg­ner der Gen­tech­nik noch ernst­haft mit­ein­an­der reden. Immer­hin wür­dig­te Bor­ro­to auf der dies­jäh­ri­gen Buch­mes­se in Havan­na in einem über­füll­ten Saal das dort vor­ge­stell­te ers­te in Kuba erschie­ne­ne gen­tech­nik­kri­ti­sche Buch einen wich­ti­gen Bei­trag zur Debat­te. Und auf einen Bei­trag in der Online-Zeit­schrift Rebe­lión ant­wor­te­te er aus­führ­lich. Nar­ci­so Agui­le­ra Marín, Mit­glied der Aso­cia­ción Cuba­na de Téc­ni­cos Agrí­co­las y Fore­s­ta­les (ACTAF), hat­te in Rebe­lión am 16. Mai unter dem Titel »Öko­lo­gi­scher Alarm gegen die Ver­brei­tung von trans­ge­nem Mais in Kuba« vor den Risi­ken der Gen­tech­nik gewarnt. Aber Bor­ro­tos Argu­men­ta­ti­on ähnelt den ste­reo­ty­pen Ant­wor­ten der Agrar­kon­zer­ne: Die Tech­no­lo­gie sei sicher, alles wer­de strengs­tens kon­trol­liert, und Gen­tech­nik sei zur Ertrags­stei­ge­rung drin­gend nötig. Der ein­zig neue – und sicher zutref­fen­de Hin­weis des CIBG-Direk­tors ist der, daß in Kuba kei­ne Pro­fit­in­ter­es­sen hin­ter der Gen­tech­nik stün­den.

Die Fra­ge ist, ob nicht auch wis­sen­schaft­li­cher Ehr­geiz aus­rei­chen könn­te, um allen ver­füg­ba­ren per­sön­li­chen Ein­fluß gel­tend zu machen, um begrün­de­te Beden­ken gegen die Risi­ko­tech­no­lo­gie zu unter­drü­cken. Die unkon­trol­lier­te Aus­brei­tung von Gen­mais­pol­len dürf­te in Kuba kaum leich­ter zu ver­hin­dern sein als anders­wo. Glei­cher­ma­ßen unklar ist, wel­chen Bei­trag die gen­tech­ni­sche Ver­än­de­rung ein­zel­ner Merk­ma­le (zum Bei­spiel die Resis­tenz gegen den Mais­schäd­ling Palo­mil­la) tat­säch­lich für die Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät leis­ten könn­te, und ob eine Viel­falt lokal angepaß­ter Sor­ten nicht bes­ser geeig­net wäre, ins­be­son­de­re auch von Wit­te­rungs­un­bil­den ver­ur­sach­te Schä­den zu begren­zen. Denn eine wei­te­re Gefahr der Nut­zung gen­tech­ni­scher Sor­ten, ist die damit ver­bun­de­ne Ver­rin­ge­rung der Arten­viel­falt.

Unab­hän­gig davon macht jedoch die Trans­for­ma­ti­on der indus­tri­ell gepräg­ten Land­wirt­schaft Kubas in eine, die von hoch pro­duk­ti­ven, nach­hal­tig wirt­schaf­ten­den bäu­er­li­chen Betrie­ben bestimmt wird, Fort­schrit­te. Denn auch für die­se Ent­wick­lung exis­tiert der poli­ti­sche Wil­le. Kuba ver­fügt über erheb­li­che Flä­chen­re­ser­ven, deren land­wirt­schaft­li­che Nut­zung durch das 2008 erlas­se­ne Gesetz Nr. 259 erleich­tert wird. Mit die­sem Gesetz ermög­lich­te die kuba­ni­sche Regie­rung Fami­li­en, die in die Land­wirt­schaft wech­seln wol­len, die Bewirt­schaf­tung von bis zu 13,42 Hekt­ar Land. Inzwi­schen sind nach Anga­ben des kuba­ni­schen Wirt­schafts­mi­nis­ters Mari­no Muril­lo 920000 Hekt­ar Land zur Bewirt­schaf­tung über­ge­ben wor­den.

Aber rund die Hälf­te die­ser Flä­che wird der­zeit nicht oder nur unge­nü­gend genutzt. Hier gilt das Glei­che wie bei ande­ren Boden­re­form­pro­jek­ten: Die Über­tra­gung von Land­nut­zungs­rech­ten ist eine not­wen­di­ge, aber kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on. Denn die Land­wir­te brau­chen über das Pro­duk­ti­ons­mit­tel Boden hin­aus Land­tech­nik, Gerä­te, Mate­ria­li­en, Trans­port- und Lager­mög­lich­kei­ten. Ent­spre­chend kri­tisch waren die Stim­men auf dem 10. Kon­greß des Natio­na­len Klein­bau­ern­ver­ban­des (ANAP), der am 15. und 16. Mai 2010 in Havan­na statt­fand, aber auch auf einem Koope­ra­tiv­en­tref­fen am 5. Juni 2010. In der digi­ta­len Aus­ga­be von Juventud Rebel­de, der Zei­tung des kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­ban­des, wird am 8. Juni Yuni­el Gon­za­lez, ein jun­ger Bau­er, zitiert. Er kri­ti­sier­te die büro­kra­ti­schen Hür­den bei der Beschaf­fung von Mate­ri­al und Gerät­schaf­ten in deut­li­chen Wor­ten. Unter­des­sen kün­dig­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Muril­lo an, daß die Land­wir­te in der Mehr­zahl der 169 Land­krei­se Kubas die Mög­lich­keit bekom­men sol­len, ihren Bedarf durch direk­ten Ein­kauf zu decken. Bis­lang sind auf­wen­di­ge Antrags- und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren nötig. Gene­rell ist die Besei­ti­gung büro­kra­ti­scher Hür­den im Bemü­hen, die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on durch die För­de­rung von Initia­ti­ve und Ver­ant­wor­tung anzu­kur­beln, ein pro­ba­tes Mit­tel. Bleibt zu hof­fen, daß mit die­sen Maß­nah­men nicht eine schlei­chen­de all­ge­mei­ne Pri­va­ti­sie­rung der Wirt­schaft ein­ge­lei­tet wird.

URL: http://www.jungewelt.de/beilage/art/2387

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