Schön­red­ner bei der FAO

Aus: land & wirt­schaft, jun­ge Welt-Bei­la­ge vom 04.08.2010
von Peter Clausing

Land­nah­me durch pri­va­te Inves­to­ren in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka erreicht dra­ma­ti­sche Dimen­sio­nen. UN-Ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on, Welt­bank und Ent­wick­lungs­po­li­ti­ker beto­nen »Chan­cen«

»Man muß kein Bau­er sein, um mit Acker­land Geld zu ver­die­nen«, hieß es in einem Bei­trag der Wochen­zei­tung Die Zeit vom 11. Febru­ar 2010, der sich mit einem Trend beschäf­tig­te, über den in den letz­ten zwei Jah­ren viel geschrie­ben und dis­ku­tiert wur­de, ohne daß es seit­her zu einer Trend­wen­de gekom­men ist. Die Rede ist von der rasan­ten Aneig­nung des Pro­duk­ti­ons­mit­tels Boden durch Inves­to­ren und – seit der Preis­ex­plo­si­on im Nah­rungs­mit­tel­be­reich 2008 – durch finanz­star­ke Län­der mit pre­kä­rer Eigen­ver­sor­gung, inter­na­tio­nal unter dem Begriff Land Grab­bing bekannt. Die Bericht­erstat­tung in den Medi­en ver­mit­telt den Ein­druck, daß es vor allem die Regie­run­gen Chi­nas, Süd­ko­reas und der Golf­staa­ten sei­en, die die­se Land­um­ver­tei­lung vor­an­trei­ben. Eine reprä­sen­ta­ti­ve Ana­ly­se des Lon­do­ner Inter­na­tio­nal Insti­tu­te for Envi­ron­ment and Deve­lop­ment (IIED) zeig­te aber am Bei­spiel von Äthio­pi­en, Gha­na, Mada­gas­kar und Mali, daß dort 90 Pro­zent der Flä­chen an pri­va­te Inves­to­ren ver­ge­ben wur­den. Auch in ande­ren Län­dern dürf­ten Pri­vat­käu­fer domi­nie­ren. Ins­ge­samt wur­den laut Schät­zun­gen der in Spa­ni­en ansäs­si­gen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (NGO) GRAIN von 2006 bis Herbst 2009 zwi­schen 22 und 50 Mil­lio­nen Hekt­ar Land in Län­dern des Südens gekauft oder gepach­tet. Das ent­spricht einem Vier­tel bis der Hälf­te der Acker­flä­che der Euro­päi­schen Uni­on.

Neo­ko­lo­nia­lis­mus

Die trei­ben­de Kraft hin­ter die­ser Ent­wick­lung ist das Pro­fit­stre­ben der Inves­to­ren. Eine Bin­sen­weis­heit, die an die­ser Stel­le wie­der­holt wird, um an das damit ver­bun­de­ne Poten­ti­al an kri­mi­nel­ler Ener­gie zu erin­nern, zumal genau dies bei­spiels­wei­se von der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) schön­ge­re­det wird. FAO, Welt­bank, die staat­li­che und staats­na­he deut­sche Ent­wick­lungs­hil­fe und ande­re erken­nen bei die­sen Trans­ak­tio­nen zwar Risi­ken, hal­lu­zi­nie­ren aber gleich­zei­tig »Chan­cen« für die länd­li­che Bevöl­ke­rung des Südens. So schla­gen Welt­bank und FAO allen Erns­tes vor, die Ernäh­rung der länd­li­chen Bevöl­ke­rung im glo­ba­len Süden durch die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen in der Ver­pa­ckungs­in­dus­trie zu sichern. Die Wer­be­sprü­che auf den Web­sites der Invest­ment­fonds zei­gen deut­lich, wor­um es geht: »Die rasant wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung, Land- und Was­ser­knapp­heit– all das sind Punk­te, die für über­durch­schnitt­lich gute Per­spek­ti­ven der Agrar­wirt­schaft spre­chen«, froh­lockt etwa die zur Deut­schen Bank gehö­ren­de Fonds­ge­sell­schaft DWS. Beson­ders viel­ver­spre­chend für die Anle­ger ist dabei die kon­ti­nu­ier­lich zuneh­men­de Flä­chen­kon­kur­renz zwi­schen Nah­rungs­mit­tel- und Agro­treib­stoff­pro­duk­ti­on, die die Nah­rungs­mit­tel­prei­se auf dem Welt­markt in die Höhe treibt.

Was Almuth Ern­sting von der bri­ti­schen »Biofuelwatch«-Kampagne vor drei Jah­ren vor­aus­sah, ist inzwi­schen bit­te­re Rea­li­tät. Damals schrieb sie: »Kar­ten, Län­der und Kon­ti­nen­te wer­den in ›Gebie­te‹ ein­ge­teilt, die dar­le­gen, für wel­che unter­schied­li­chen Mono­kul­tur-Plan­ta­gen sie ›pas­send‹ sind. (…) Wei­den und ertrags­ge­rin­ge Agrar­flä­chen wer­den für Effi­zi­enz und Treib­stoff­pro­duk­ti­on geop­fert. Exper­ten neh­men wenig Rück­sicht auf ›sozia­le Fak­to­ren‹ wie die läs­ti­ge Tat­sa­che, daß das Land viel­leicht das Zuhau­se von Mil­lio­nen Men­schen ist.« Laut FIAN, einer NGO, die sich für das Men­schen­recht auf Nah­rung ein­setzt, leben allein in Afri­ka süd­lich der Saha­ra 60 Mil­lio­nen Noma­den, deren Wei­de­land zu die­sen Flä­chen zählt. Ern­sting fährt in ihrem 2007 publi­zier­ten Text fort: »Die Kar­ten zei­gen eine furcht­erre­gen­de Ähn­lich­keit zu denen, die die Euro­pä­er wäh­rend des ›Geran­gels um Afri­ka‹ 1880 gezeich­net haben. Mit wis­sen­schaft­li­cher Bil­li­gung, Unter­stüt­zung von den Regie­run­gen, vie­len NGOs und der UNO wer­de neue Part­ner­schaf­ten zwi­schen der Bio­tech-Indus­trie, Ölfir­men und Agrar­kon­zer­nen geschlos­sen. Die­se inves­tie­ren Mil­li­ar­den von Dol­lar, zuver­sicht­lich, daß ihnen der Zugang zu Land und die Kon­trol­le der Ver­sor­gungs­ket­ten sicher sind.«

Dem­entspre­chend beei­len sich die Regie­run­gen von Län­dern des Südens mit der Schaf­fung neu­er Geset­ze, um den Bedürf­nis­sen der Pla­ner und Inves­to­ren gerecht zu wer­den und die gewünsch­ten Hand­lungs­spiel­räu­me zu schaf­fen. Vor­rei­ter war Mexi­ko, das im Zuge sei­ner neo­li­be­ra­len Refor­men bereits Anfang der 1990er Jah­re die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Hür­den für die Pri­va­ti­sie­rung von Gemein­de­land besei­tigt und damit die Grund­la­ge für Land­käu­fe bzw. -nut­zun­gen auch durch aus­län­di­sche Inves­to­ren geschaf­fen hat­te. In Mada­gas­kar gibt es seit 2008 ein Gesetz, das aus­län­di­schen Inves­to­ren erlaubt, gro­ße Land­flä­chen bis zu 99 Jahr lang, zu pach­ten. Auf den Phil­ip­pi­nen bemüht man sich um eine Ver­fas­sungs­än­de­rung, die aus­län­di­schen Inves­to­ren das 100prozentige Eigen­tum an erwor­be­nem Land ermög­li­chen soll.

Selbst den Insti­tu­tio­nen des poli­ti­schen Main­streams wird ange­sichts der Dyna­mik des Pro­zes­ses mul­mig. Die deut­sche Gesell­schaft für Tech­ni­sche Zusam­men­ar­beit (GTZ), das Lon­do­ner IIED und ande­re zäh­len in ihren Arbeits­pa­pie­ren alle wesent­li­chen mit dem Land Grab­bing ver­bun­de­nen Risi­ken auf. Gleich­zei­tig weist das IIED den Begriff jedoch vehe­ment zurück, weil dies den angeb­li­chen Chan­cen, die mit dem euphe­mis­tisch als »Aus­lands­di­rekt­in­ves­ti­ti­on« bezeich­ne­ten Land­raub ver­bun­den sind, nicht gerecht wür­de. Die vom IIED und ande­ren Insti­tu­tio­nen iden­ti­fi­zier­ten »Ent­wick­lungs­chan­cen« bestehen in der Pro­duk­tiv­ma­chung ver­meint­lich unge­nutz­ter Flä­chen, in der Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, im angeb­li­chen Tech­no­lo­gie­trans­fer in die Land­wirt­schaft des »Gast­ge­ber­lan­des« und in der Mit­er­näh­rung von des­sen Bevöl­ke­rung.

Dabei schrei­en die Risi­ken, allen vor­an die Zer­stö­rung der Umwelt durch indus­trie­mä­ßi­ge Land­wirt­schaft und die Ver­trei­bung loka­ler Gemein­schaf­ten, förm­lich nach einem glo­ba­len Mora­to­ri­um für gro­ße Land­trans­ak­tio­nen. Doch das Rezept der offi­zi­el­len Poli­tik besteht in der Pro­pa­gie­rung frei­wil­li­ger Selbst­ver­pflich­tun­gen, auf deren Basis Agrar­kon­zer­ne und Finanz­in­sti­tu­tio­nen von einer pro­fit- und spe­ku­la­ti­ons­ori­en­tier­ten Gewinn­ma­xi­mie­rung Abstand neh­men sol­len.

Fol­gen­lo­se Ana­ly­sen

Bei der Welt­bank ist es zudem gän­gi­ge Pra­xis, kri­ti­sche Ein­schät­zun­gen und die for­mu­lier­ten Poli­tik­emp­feh­lun­gen von­ein­an­der zu ent­kop­peln. Ihr jüngs­ter Bericht, dem Ver­neh­men nach der bis­lang umfas­sends­te zu die­sem The­ma, zeich­net ein ernüch­tern­des Bild bezüg­lich der pro­pa­gier­ten Chan­cen. Der Ent­wurf des Reports, der im August ver­öf­fent­licht wer­den soll, wur­de ver­gan­ge­ne Woche der Finan­ci­al Times zuge­spielt. Deren am 27.Juli erschie­ne­nem Bericht zufol­ge kon­zen­trier­ten sich die Inves­to­ren auf Län­der mit schwa­cher Land­ge­setz­ge­bung, und die im Zusam­men­hang mit den Land­käu­fen ver­spro­che­nen Arbeits­plät­ze und Infra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen blie­ben wei­test­ge­hend aus. Im Report der Welt­bank wird des­halb Spe­ku­la­ti­on als das Schlüs­sel­mo­tiv für die­se Trans­ak­tio­nen iden­ti­fi­ziert. Wenn von den neu­en Eigen­tü­mern über­haupt Steu­ern gezahlt wür­den, sei­en die­se nied­ri­ger als die von den Klein­bau­ern ent­rich­te­ten. Die in den frei­wil­li­gen Richt­li­ni­en der FAO und ande­rer Insti­tu­tio­nen emp­foh­le­nen Kon­sul­ta­tio­nen mit der loka­len Bevöl­ke­rung waren schwach und ober­fläch­lich und in eini­gen Län­dern mit Rechts­ver­let­zun­gen ver­bun­den. Häu­fig ent­stan­den Land­recht­kon­flik­te. Bemü­hun­gen, die Inves­ti­tio­nen in eine brei­te­re Ent­wick­lungs­stra­te­gie des »Gast­ge­ber­lan­des« ein­zu­bin­den, gab es so gut wie nie.

Unbe­scha­det die­ser kata­stro­pha­len Bilanz setzt die Welt­bank auf eine »Land Trans­pa­ran­cy Initia­ti­ve« dem Vor­bild der »Extrac­tive Indus­try Trans­pa­r­en­cy Initia­ti­ve« (EITI) der Berg­bau­in­dus­trie. Acht Jah­re nach ihrem Start wur­de EITI indes ledig­lich von drei Län­dern, näm­lich Aser­bai­dschan, Libe­ria und Ost­ti­mor umge­setzt. Ein wei­te­res Pro­blem ist, daß eine sol­che Initia­ti­ve nur finan­zi­el­le Aspek­te erfaßt. Umwelt­fra­gen und sol­che der Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät blei­ben außen vor. Ein glo­ba­les Mora­to­ri­um für groß­flä­chi­ge Land­trans­ak­tio­nen – so lan­ge, bis sank­tio­nier­ba­re »mini­ma­le Men­sch­rechts­prin­zi­pi­en« ein­ge­führt wor­den sind, wie sie von Oli­vi­er de Schutter, UNO-Bericht­erstat­ter für das Recht auf Ernäh­rung, gefor­dert wer­den – wären des­halb das Gebot der Stun­de.

URL: http://www.jungewelt.de/beilage/art/2384

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