Im Griff der Mono­po­le

Die Trans­for­ma­ti­on der Land­wirt­schaft. Über die Geschäfts­prak­ti­ken der inter­na­tio­na­len Saat­gut­in­dus­trie. Teil I: Die Durch­set­zung der Kon­zern­macht und deren juris­ti­sche Absi­che­rung.

von Anne Schweig­ler und Peter Clausing

Am 16. Okto­ber 1945 wur­de die Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on FAO (Food and Agri­cul­tu­re Orga­ni­sa­ti­on of the United Nati­ons) als Son­der­or­ga­ni­sa­ti­on der UNO gegrün­det. Laut ihren Sta­tu­ten hat sie die Auf­ga­be, die Pro­duk­ti­on und die Ver­tei­lung von land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten im all­ge­mei­nen und Nah­rungs­mit­teln im beson­de­ren welt­weit zu ver­bes­sern, um die Ernäh­rung sicher­zu­stel­len und den Lebens­stan­dard zu ver­bes­sern. Seit 1979 wird der 16. Okto­ber als Welt­ernäh­rungs­tag began­gen. Dem aktu­el­len Welt­hun­ger­index zufol­ge, der anläß­lich des am Mon­tag in Rom begon­ne­nen Welt­ernäh­rungs­gip­fels vor­ge­stellt wur­de, lei­den aktu­ell etwa eine Mil­li­ar­de Men­schen an Hun­ger und Unter­ernäh­rung. Der Anteil der inter­na­tio­na­len Saat­gut­kon­zer­ne an der Per­ma­nenz der glo­ba­len Hun­ger­kri­se ist Gegen­stand des fol­gen­den Bei­trags. (jW)

Hung­ri­ge Män­ner hören nur auf die, die ein Stück Brot haben. Nah­rung ist ein Werk­zeug…«, so for­mu­lier­te US-Agrar­mi­nis­ter Earl Butz die Erkennt­nis, daß Nah­rungs­mit­tel sich als Waf­fe der Unter­drü­ckung benut­zen las­sen.

Saat­gut ist neben Boden und Was­ser das grund­le­gen­de Pro­duk­ti­ons­mit­tel für die heu­ti­ge und zukünf­ti­ge Lebens­mit­tel­ver­sor­gung – welt­weit. Wer die­ses kon­trol­liert, besitzt einen Schlüs­sel zur Kon­trol­le der Nah­rungs­mit­tel und damit zugleich ein Unter­pfand für kri­sen­si­che­re Gewin­ne– denn essen müs­sen alle, immer.

Solan­ge Nah­rungs­mit­tel als »Waf­fe« oder poli­ti­sches Werk­zeug instru­men­ta­li­siert wer­den, ist die Per­ma­nenz der Hun­ger­kri­se pro­gram­miert. Deren Über­win­dung braucht Zeit, aber in ers­ter Linie bräuch­te sie einen radi­ka­len Bruch mit dem der­zeit herr­schen­den Para­dig­ma.

Vom All­ge­mein­gut zur Ware

Für das glo­ba­le bäu­er­li­che Netz­werk »La Via Cam­pe­si­na« ist der Welt­ernäh­rungs­tag am 16.Oktober ein inter­na­tio­na­ler Akti­ons­tag gegen die Machen­schaf­ten des Agro­busi­neß – ein guter Anlaß, um die zen­tra­le Bedeu­tung von klei­nen Samen­kör­nern zu betrach­ten und eine euro­pa­wei­te Kam­pa­gne für Saat­gut­sou­ve­rä­ni­tät vor­zu­stel­len.

Jahr­tau­sen­de lang züch­te­ten Bau­ern und Bäue­rin­nen Saat­gut, sie gewan­nen es aus ihrer Ern­te, tausch­ten und ent­wi­ckel­ten es wei­ter, ohne daß es die Waren­form annahm. Es war und es ist in vie­len Regio­nen der Welt noch immer ein All­ge­mein­gut, des­sen Erhalt und Nut­zung regio­nal ange­paßt und kul­tu­rell geprägt ist. Lan­ge Zeit galt es auf­grund sei­ner natür­li­chen Repro­du­zier­bar­keit als unsi­che­rer Kan­di­dat für Kapi­tal­in­ter­es­sen. Des­halb muß­te dafür zunächst über­haupt erst ein Markt geschaf­fen und die­ser dann, gemäß den Inter­es­sen der Kon­zer­ne, gestal­tet wer­den.

Im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich Saat­gut zur Ware, und es ent­stan­den Fir­men, die sich auf Saat­gut­züch­tung spe­zia­li­sier­ten. Durch neue wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se hat­ten sich die Züch­tungs­mög­lich­kei­ten ver­än­dert, die Indus­tria­li­sie­rung der Land­wirt­schaft stell­te mit ihrer Pro­duk­ti­ons­wei­se neue Anfor­de­run­gen an die Eigen­schaf­ten land­wirt­schaft­li­cher Nutz­pflan­zen (bei­spiels­wei­se muß­ten alle Getrei­de­hal­me gleich lang sein, um mit Mäh­dre­schern geern­tet wer­den zu kön­nen). Und die Che­mie­in­dus­trie hat­te gro­ßes Inter­es­se an der Ent­wick­lung neu­er Sor­ten, die gut auf Kunst­dün­ger und Pes­ti­zi­de reagie­ren, um sich so einen Absatz­markt für ihre agro­che­mi­schen Pro­duk­te zu sichern. Fol­ge­rich­tig sind heu­te vie­le der gro­ßen Saat­gut­fir­men wie Mon­s­an­to, Syn­gen­ta und Bay­er gleich­zei­tig Che­mie­un­ter­neh­men.

Ein gro­ßer Schritt zur Durch­set­zung der Waren­för­mig­keit (Kom­mo­di­fi­zie­rung) pflanz­li­cher Samen, war Mit­te des 20. Jahr­hun­derts die Ent­wick­lung von Hybrid­saat­gut. Die »Hoch­er­trags­sor­ten« lie­fer­ten in Kom­bi­na­ti­on mit Agro­che­mi­ka­li­en und Bewäs­se­rung gestei­ger­te Erträ­ge– aber nur, wenn sie jedes Jahr erneut gekauft wur­den. Die Leis­tungs­fä­hig­keit des durch Kreu­zung von Inzucht­li­ni­en erzeug­ten Hybrid­saat­guts kommt nur in der ers­ten Nach­fol­ge­ge­ne­ra­ti­on zum Tra­gen. Die Besit­zer der Inzucht­li­ni­en – die Kon­zer­ne – sicher­ten sich so auf »tech­ni­sche« Wei­se einen dau­er­haf­ten Markt. Das aus den ange­bau­ten Hybri­den gewon­ne­ne Saat­gut ist zwar nicht bio­lo­gisch ste­ril, aber auf­grund sei­nes Min­der­ertra­ges öko­no­misch wert­los. In Euro­pa stel­len indus­tri­ell betrie­be­ne Land­wirt­schaft und Hybrid­sor­ten heu­te das nor­ma­le Agrar­mo­dell dar.

In den Län­dern Asi­ens und Latein­ame­ri­kas wur­den Hybrid­sor­ten mit den dazu­ge­hö­ri­gen Agro­che­mi­ka­li­en ab den 1950er Jah­ren ein­ge­führt. Ziel war es, mit die­ser »Grü­nen Revolu­tion« durch gestei­ger­te Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on ein Gegen­ge­wicht zu den sich anbah­nen­den »roten Revo­lu­tio­nen« zu schaf­fen und auf län­ge­re Sicht die länd­li­chen Regio­nen in die Markt­öko­no­mie ein­zu­bin­den. Die tech­ni­schen Hilfs­pro­gram­me der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) lie­fen zeit­gleich mit dem von US-Prä­si­dent Har­ry S. Tru­man ver­kün­de­ten Ziel an, durch Hebung des Lebens­stan­dards in den »unter­ent­wi­ckel­ten« Län­dern einem wei­te­ren »Vor­drin­gen des Kom­mu­nis­mus« Ein­halt zu gebie­ten. Tat­säch­lich konn­ten die Erträ­ge in vie­len Regio­nen der Welt mit Hybrid­sor­ten und den not­wen­di­gen Inputs deut­lich gestei­gert wer­den, was in brei­ten Krei­sen zu einem posi­ti­ven Image der Grü­nen Revo­lu­ti­on führ­te.

Tech­ni­sche Abhän­gig­keit

Die Ent­wick­lung von gen­tech­nisch modi­fi­zier­ten (GM) Pflan­zen war ein wei­te­rer Schritt der Indus­trie, um ihre Macht über die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on aus­zu­bau­en und dabei die »tech­ni­sche« Abhän­gig­keit der Land­wir­te zu ver­stär­ken. Da man dem Samen­korn nicht ansieht, ob es von einer GM-Pflan­ze abstammt, wer­den zum Nach­weis spe­zi­fi­sche »Gen­tests« von der Indus­trie benö­tigt – sei es, um gege­be­nen­falls als Bio­bäue­rin oder -bau­er zu bele­gen, daß die eige­ne Ern­te nicht gen­tech­nisch kon­ta­mi­niert ist, oder um sich in der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft der laten­ten Dro­hung einer Ankla­ge wegen Dieb­stahls zu erweh­ren, wenn – wie in Nord­ame­ri­ka inzwi­schen gang und gäbe – Beauf­trag­te der Saat­gut­kon­zer­ne Pro­ben auf den Fel­dern sam­meln, um paten­tier­te Gene zu ermit­teln.

Noch mehr »tech­ni­sche Abhän­gig­keit« soll die Ent­wick­lung von soge­nann­tem »Terminator«-Saatgut brin­gen. Mit die­ser Gene­tic Use Restric­tion Tech­no­lo­gy (GURT) genann­ten Metho­de wäre der Samen ganz ste­ril – eine Art »bio­lo­gi­scher Kopier­schutz«. Als Ende der 1990er Jah­re die Indus­trie die­se sich noch im For­schungs­sta­di­um befin­den­de Tech­no­lo­gie erst­mals pro­pa­gier­te, wur­de dies mit der tech­ni­schen Siche­rung ihrer Inter­es­sen in Län­dern begrün­det, in denen kei­ne »geis­ti­gen Eigen­tums­rech­te« auf Pflan­zen­sor­ten gel­ten. Nach gro­ßer welt­wei­ter Empö­rung und Pro­tes­ten gelang es im Rah­men der Ver­hand­lun­gen über die Kon­ven­ti­on der Bio­lo­gi­schen Viel­falt (CBD) im Jahr 2000, ein Mora­to­ri­um für die Ter­mi­na­tor­tech­no­lo­gie zu ver­ab­schie­den. 2006 wur­de die­ses noch ein­mal bestä­tigt, nichts­des­to­trotz läuft die Ter­mi­na­tor­for­schung in öffent­li­chen und pri­vat­wirt­schaft­li­chen Pro­jek­ten wei­ter. An den meis­ten Agrar­fa­kul­tä­ten der Uni­ver­si­tä­ten ler­nen die Stu­die­ren­den GURT als eine wei­te­re Metho­de der moder­nen Züch­tungs­mög­lich­kei­ten ken­nen, ohne daß die mas­si­ve Kri­tik dar­an oder das Mora­to­ri­um Erwäh­nung fän­den.

Lang­fris­tig kann das Modell einer indus­tri­el­len Land­wirt­schaft mit Hybrid- und GM-Sor­ten kei­ne Zukunft haben, zu offen­sicht­lich sind die vie­len nega­ti­ven öko­lo­gi­schen und sozia­len Aus­wir­kun­gen: mas­si­ver Ver­lust an bio­lo­gi­scher Viel­falt, Ver­gif­tung der Böden und des Was­sers, stark abneh­men­de Boden­frucht­bar­keit, Erschöp­fung der Was­ser­vor­rä­te, länd­li­che Arbeits­lo­sig­keit, Land­flucht und Kon­zen­tra­ti­on des Land­ei­gen­tums. Hin­zu kommt die ver­hee­ren­de Ener­gie­bi­lanz die­ser Sor­ten. Neben den auf fos­si­ler Ener­gie basie­ren­den Agro­che­mi­ka­li­en und dem auf­ge­bläh­ten Trans­port­vo­lu­men eines glo­ba­len Agrar­han­dels kommt es auch zu direk­ten Emis­sio­nen kli­ma­schäd­li­cher Gase: Das aus Stick­stoff­dün­ger frei­ge­setz­te Lach­gas ist 300mal kli­ma­schäd­li­cher als Koh­len­di­oxid.

Paten­te für den Pro­fit

Auf der recht­li­chen Ebe­ne hat es die Agrar­in­dus­trie früh ver­stan­den, Ein­fluß auf Gesetz­ge­bung und zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Abkom­men zu neh­men, um so ihre Inter­es­sen abzu­si­chern. Das bekann­tes­te und umstrit­tens­te »inter­na­tio­na­le Recht« ist wahr­schein­lich das Patent­recht auf Pflan­zen bzw. »gene­ti­sche Res­sour­cen«. 1995 unter­schrie­ben die Mit­glieds­län­der der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO) das soge­nann­te TRIPs-Abkom­men (Tra­de-Rela­ted Aspects of Intel­lec­tu­al Pro­per­ty Rights), das die Paten­tier­bar­keit unter ande­rem von Pflan­zen und Tie­ren bzw. ihrer Gene und Eigen­schaf­ten fest­legt. Dies geschah gegen den Wil­len von vie­len »ärme­ren« Län­dern– arm an Geld, aber oft reich an Bio­di­ver­si­tät und Res­sour­cen –, die sich aber letzt­lich dem Druck der Indus­trie­staa­ten beu­gen muß­ten. Vom bes­se­ren Schutz geis­ti­gen Eigen­tums pro­fi­tie­ren vor allem die rei­chen Län­der des Nor­dens und die dort ange­sie­del­ten trans­na­tio­na­len Kon­zer­ne, die heu­te über 95 Pro­zent aller Paten­te in die­sem Bereich hal­ten. Allein beim Bei­spiel Mais gab es 2005 laut Dev­in­der Shar­ma, Agrar­wis­sen­schaft­ler und Vor­sit­zen­der des Forums für Bio­tech­no­lo­gie und Ernäh­rungs­si­cher­heit in Neu-Delhi, über 2100 Patent­an­trä­ge auf Gen­se­quen­zen von Mais, wobei die fünf füh­ren­den Unter­neh­men 85 Pro­zent abdeck­ten.

Die Life-Sci­en­ces-Indus­trie argu­men­tiert, daß sie ihre Erfin­dun­gen schüt­zen müs­se, um ihre Inves­ti­ti­ons­kos­ten zu amor­ti­sie­ren. Dies wür­de dann wei­te­re Inves­ti­tio­nen und For­schun­gen ankur­beln. Genau das Gegen­teil sei der Fall, sagen kri­ti­sche Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler. Publi­ka­tio­nen wür­den blo­ckiert, da zunächst die patent­recht­li­che Situa­ti­on geklärt wer­den müs­se. Außer­dem gibt es mitt­ler­wei­le so vie­le Paten­te, daß bei For­schungvor­ha­ben oft­mals zuerst mit dem Patent­in­ha­ber ver­han­delt wer­den muß, ob und zu wel­chem Preis die­ser die For­schung über­haupt zuläßt. Aller­dings haben die sechs größ­ten Kon­zer­ne unter­ein­an­der Koope­ra­ti­ons­ab­kom­men über gegen­sei­ti­ge Patent­nut­zun­gen und bil­den so einen oli­go­po­len Interessensblock.1

Saat­gut­fir­men wie Mon­s­an­to ver­wen­den die im Patent­recht fest­ge­schrie­be­nen exklu­si­ven Eigen­tums- und Nut­zungs­rech­te auch, um Land­wir­te beim Kauf von Saat­gut Ver­trä­ge unter­schrei­ben zu las­sen, in denen z. B. bestimmt wird, an wen sie ihre Ern­te ver­kau­fen müs­sen. Immer wei­ter gefaß­te Patent­an­trä­ge beinhal­ten z.T. absur­de »Ansprü­che«. So bean­sprucht bei­spiels­wei­se Mon­s­an­to geis­ti­ge Eigen­tums­rech­te an »Schin­ken und Schnit­zel«, wie es Green­peace for­mu­lier­te. In dem bei der Welt­pa­tent­be­hör­de in Genf ange­mel­de­ten Patent WO 2009097403 wird behaup­tet, daß Fleisch von Schwei­nen, die mit Mon­s­an­tos GM-Mais gefüt­tert wur­den, »Teil der Erfin­dung« die­ser GM-Tech­no­lo­gie sei.

Das Euro­päi­sche Patent­amt (EPA) hat, ganz im Inter­es­se der mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne, in den letz­ten Jah­ren die Paten­tier­bar­keit von bio­lo­gi­schen Enti­tä­ten immer stär­ker aus­ge­wei­tet und bestehen­de Ver­bo­te unter­lau­fen. Ent­spre­chend der 1998 erlas­se­nen euro­päi­schen Bio­pa­tent-Richt­li­nie (98/44/EG), mit der das TRIPs-Abkom­men in euro­päi­sches Recht umge­setzt wur­de, dür­fen eigent­lich nur gen­tech­nisch ver­än­der­te Samen bzw. Pflan­zen paten­tiert wer­den. Trotz­dem hat das EPA zahl­rei­che Paten­te auf her­kömm­lich gezüch­te­te Pflan­zen erteilt, so bei­spiels­wei­se 2002 ein »Brok­ko­li-Patent« (EP 1069819), das sowohl die kon­ven­tio­nel­le Züch­tungs­me­tho­de als auch die Samen und die eßba­ren Pflan­zen, die durch die­se Züch­tungs­me­tho­den gewon­nen wur­den, umfaßt. Aktu­ell befaßt sich die Gro­ße Beschwer­de­kam­mer des EPA anhand die­ses Falls mit der Grund­satz­fra­ge, wo die Gren­zen der Paten­tier­bar­keit lie­gen, d. h. ob auch kon­ven­tio­nel­le Pflan­zen, wie im US-ame­ri­ka­ni­schen Recht der Fall, paten­tier­bar sein kön­nen. Inter­es­san­ter­wei­se waren es zwei der welt­weit größ­ten Saat­gut­kon­zer­ne, Syn­gen­ta und Lima­grain, die die Beschwer­de ein­reich­ten, wohl um offen­siv Rechts­si­cher­heit für die­se erwei­ter­te Aus­le­gung des Patent­rechts in Eu­ropa zu schaffen.2

Paten­tiert wird alles, was in naher Zukunft oder mit­tel­fris­tig Pro­fit ver­spricht. Laut einer Stu­die der inter­na­tio­na­len Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on etc-group haben Mon­s­an­to, BASF, DuPont, Syn­gen­ta, Bay­er und Dow 532 Paten­te auf »cli­ma­te ready genes«, d. h. auf Gene und Eigen­schaf­ten, die beson­de­re Streß­to­le­ranz z.B. gegen­über Tro­cken­heit, Hit­ze, Käl­te und hoher Salz­kon­zen­tra­ti­on im Boden vor­wei­sen, ange­mel­det. Mon­s­an­to (größ­ter Saat­gut­kon­zern) und BASF (größ­ter Che­mie­kon­zern) haben sich dabei auf eine 1,5-Milliarden-Dollar-Kooperation geei­nigt, mit dem Ziel, »kli­ma­re­sis­ten­te« Sor­ten zu ent­wi­ckeln. Bei­de Kon­zer­ne besit­zen zusam­men etwa zwei Drit­tel aller »cli­ma­te ready genes- Patente.3

Umkämpf­te Sor­ten

Weni­ger bekannt und weni­ger umstrit­ten als die Patent­ge­set­ze sind bis­her die Sor­ten­schutz­ge­set­ze, die Mit­te letz­ten Jahr­hun­derts in eini­gen euro­päi­schen Län­dern geschaf­fen wur­den. Die­se dien­ten als Vor­la­ge für das ers­te »Inter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men zum Schutz von Pflan­zen­züch­tun­gen« (UPOV), das 1961 auf Initia­ti­ve von Deutsch­land, Frank­reich, den Nie­der­lan­den und Groß­bri­tan­ni­en ver­ein­bart wur­de.

Das UPOV-Abkom­men wur­de mehr­fach revi­diert und dabei ver­schärft. Was Jahr­tau­sen­de lang selbst­ver­ständ­li­che bäu­er­li­che Pra­xis war, wur­de mit UPOV ’61 zum »Land­wir­te­pri­vi­leg«, also zu etwas, was man erteilt, aber auch wie­der weg­neh­men kann. In der über­ar­bei­te­ten Ver­si­on von 1991 wur­de die­ses »Pri­vi­leg« des Nach­baus ein­ge­schränkt: Beim Nach­bau von Sor­ten, die dem Sor­ten­schutz unter­lie­gen, müs­sen an die Sor­ten­schutz­in­ha­ber Lizenz­ge­büh­ren gezahlt wer­den. Dage­gen wehrt sich in Deutsch­land seit 1998 die »Inter­es­sen­ge­mein­schaft gegen die Nach­bau­ge­set­ze und Nachbaugebühren«.4 Die nächs­te UPOV-Revi­si­on ist für 2011 ange­kün­digt. Bäu­er­li­che und ent­wick­lungs­po­li­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen befürch­ten eine wei­te­re Ver­schär­fung.

Ähn­lich wie 1961 könn­te es bewuß­te Stra­te­gie sein, die euro­päi­sche Saat­gut­ge­setz­ge­bung, die seit 2008 über­ar­bei­tet wird, für die geplan­te UPOV-’11-Version wie­der­um als Vor­la­ge zu nut­zen, um anschlie­ßend die Rege­lun­gen auf alle Unter­zeich­ner­staa­ten aus­zu­deh­nen.

Die heu­ti­gen euro­päi­schen Saat­gut­ge­set­ze bestehen aus zwei Tei­len. Der pri­vat­recht­li­che Teil, der »Sor­ten­schutz«, regelt die Eigen­tums- und Nut­zungs­rech­te an neu­en Züch­tun­gen. Setzt sich die Indus­trie hier mit ihren Inter­es­sen durch, wer­den die geis­ti­gen Eigen­tums­rech­te des Sor­ten­schut­zes den Mono­pol­an­sprü­chen des Patent­rechts ange­gli­chen.

Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se

Das Saat­gut-Ver­kehrs­ge­setz, der öffent­lich recht­li­che Teil des euro­päi­schen Saat­gut­rechts, regelt das »In-Ver­kehr­brin­gen« von Saat­gut. Bis vor kur­zem bezog sich das Gesetz nur auf kom­mer­zi­el­le, regis­trier­te Sor­ten. Das Tau­schen, Wei­ter­ge­ben oder Ver­kau­fen von bäu­er­li­chem Saat­gut und Erhal­tungs­sor­ten war gesetz­lich nicht gere­gelt. Eine 2008 im Zuge der Über­ar­bei­tung der euro­päi­schen Saat­gut­ge­set­ze ver­ab­schie­de­te EU-Richt­li­nie zu Erhal­tungs­sor­ten hat dies geän­dert – zuun­guns­ten der bio­lo­gi­schen Viel­falt und auf Kos­ten land­wirt­schaft­li­cher Model­le, die auf einer nicht­kom­mer­zi­el­len Ver­meh­rung land­wirt­schaft­li­cher Nutz­pflan­zen basie­ren (mehr dazu in Teil II).

Um eine Sor­te ver­kau­fen zu dür­fen, muß sie regis­triert und in die Sor­ten­lis­te auf­ge­nom­men wer­den. Die hohen Kos­ten dafür füh­ren zu einer Begren­zung der Anmel­dun­gen auf jene Sor­ten, die öko­no­misch rele­vant erschei­nen. Außer­dem muß die ange­mel­de­te Sor­te die soge­nann­ten DUS-Kri­te­ri­en (Unter­scheid­bar­keit, Homo­ge­ni­tät und Sta­bi­li­tät) erfül­len – Kri­te­ri­en, die den Eigen­schaf­ten indus­tri­el­ler Sor­ten ent­spre­chen.

Der Vor­teil von regio­na­len Landsor­ten ist aber gera­de, daß sie die­se Kri­te­ri­en nicht erfül­len. Sie sind weder homo­gen noch sta­bil, son­dern anpas­sungs­fä­hig, weil sie ein bestimm­tes Maß an gene­ti­scher Varia­bi­li­tät besit­zen. Nicht nur wegen des Kli­ma­wan­dels wer­den anpas­sungs­fä­hi­ge Sor­ten benö­tigt. Die­se sind auch für eine erfolg­rei­che »Agrar­wen­de« hin zu umwelt­ver­träg­li­chen, che­mie­frei­en Anbau­for­men wich­tig, die auf regio­nal ange­paß­ten wider­stands­fä­hi­gen Sor­ten basie­ren. Bäu­er­li­che Landsor­ten sind das unver­zicht­ba­re Aus­gangs­ma­te­ri­al für züch­te­ri­sche Ver­bes­se­run­gen.

Mit umfas­sen­der Hil­fe von inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen wie Welt­bank, Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds und UN-Ernäh­rungs- und Land­wirt­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO), von Regie­run­gen der Indus­trie­staa­ten und gro­ßen Stif­tun­gen wie der Rocke­fel­ler Foun­da­ti­on, ist es dem Agrar­busi­neß Schritt für Schritt gelun­gen, die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und recht­li­chen Wei­chen auf Indus­tria­li­sie­rung der Land­wirt­schaft zu stel­len. Das Ergeb­nis ist eine unglaub­li­che Macht­kon­zen­tra­ti­on in die­sem Bereich. Seit dem kom­mer­zi­el­len Anbau von trans­ge­nen Sor­ten Mit­te der 90er Jah­re wird der Markt vor allem von Mon­s­an­to, Syn­gen­ta, DuPont und Bay­er Crop Sci­ence beherrscht, die unzäh­li­ge von klei­nen und mitt­le­ren Saat­gut­fir­men auf­kauf­ten oder Koope­ra­tio­nen mit ihnen star­te­ten. Für 2008 schätz­te man, daß die vier größ­ten Saat­gut-Kon­zer­ne 56 Pro­zent des welt­wei­ten Mark­tes kon­trol­lie­ren, wäh­rend es bei den vier größ­ten Pes­ti­zid-Kon­zer­nen 59 Pro­zent sind.5

Mit 11,7 Mil­li­ar­den Dol­lar Umsatz 2009 ist der in den USA behei­ma­te­te trans­na­tio­na­le Kon­zern Mon­s­an­to die welt­weit größ­te Saat­gut­fir­ma. Er allein kon­trol­liert ein Fünf­tel des glo­ba­len Saat­gut­mark­tes und hält 90 Pro­zent aller Paten­te im Bereich der land­wirt­schaft­li­chen Bio­tech­no­lo­gie. PR-Agen­tu­ren und Heer­scha­ren von Lob­by­is­ten sind von Bio­tech- und Agrar­kon­zer­nen beauf­tragt, Ein­fluß auf die öffent­li­che Mei­nung und die der Poli­ti­ker zu neh­men. Indus­tri­el­le Land­wirt­schaft, gen­tech­nisch ver­än­der­te Pflan­zen und Welt­markt­ori­en­tie­rung wer­den von ihnen zur allei­ni­gen Mög­lich­keit für die Ernäh­rung der wach­sen­den Welt­be­völ­ke­rung erklärt.

Unterm Preis­dik­tat der Mul­tis

Am effek­tivs­ten ist die Ein­fluß­nah­me aller­dings, wenn die Indus­trie die Geset­ze selbst schreibt. Die­ses Vor­ge­hen bezeich­net die fran­zö­si­sche Jour­na­lis­tin Marie-Moni­que Robin als das Prin­zip der »revol­ving doors«, als Dreh­tür­ef­fekt. Kon­zern­mit­ar­bei­ter wech­seln zwi­schen ihren Arbeits­plät­zen in der Indus­trie, in der Poli­tik und in den gesetz­ge­ben­den Insti­tu­tio­nen hin und her.6 Ein aktu­el­les Bei­spiel für die­se Pra­xis in Euro­pa ist Suzy Renckens, frü­he­re Abtei­lungs­lei­te­rin für Gen­tech­nik (ver­ant­wort­lich für die Zulas­sung von GM-Pflan­zen) in der Euro­päi­schen Lebens­mit­tel­be­hör­de (EFSA), die Anfang 2010 direkt zu Syn­gen­ta wech­sel­te. Dage­gen wech­selt Dia­na Bana­ti, die EFSA-Che­fin, nicht hin und her, ihr Enga­ge­ment für die Indus­trie ist qua­si neben­be­ruf­lich: Sie hat gleich­zei­tig eine füh­ren­de Posi­ti­on beim ILSI (Inter­na­tio­nal Life Sci­ence Insti­tu­te). Das Insti­tut gibt sich zwar gemein­nüt­zig, ist aber fak­tisch ein – zwar ver­kapp­ter, aber rie­si­ger – Lebens­mit­tel­lob­by­ist. Das ILSI ver­tritt die Inter­es­sen von Kon­zer­nen wie Mon­s­an­to, Syn­gen­ta, BASF, Dupont, Coca Cola, Nest­lé, Uni­le­ver, Grou­pe Dano­ne (sie­he hier­zu Die Grünen/EFA im Euro­päi­schen Par­la­ment, Pres­se­mit­tei­lung vom 30. Sep­tem­ber 2010).

Die Welt­ernäh­rung ist mitt­ler­wei­le ein attrak­ti­ves, kri­sen­si­che­res Geschäft. Auch wenn die Ver­dopp­lung bis Ver­drei­fa­chung der Welt­markt­prei­se von 2008 (im Ver­gleich zu 2007) inzwi­schen Ver­gan­gen­heit ist, sind sich die FAO, das Inter­na­tio­nal Food and Poli­cy Rese­arch Insti­tu­te (IFPRI) und ande­re Insti­tu­tio­nen einig, daß die Welt­markt­prei­se für Lebens­mit­tel dau­er­haft und deut­lich über dem Niveau frü­he­rer Jah­re blei­ben wer­den. Dies steht in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang mit den lang­jäh­ri­gen Bemü­hun­gen der Saat­gut- und Agro­che­mie­bran­che, die­sen Bereich umfas­send zu kon­trol­lie­ren, was den Hebel für ein ent­spre­chen­des Preis­dik­tat bil­det. Das Saat­gut hat eine Schlüs­sel­po­si­ti­on: Wer die­ses kon­trol­liert, hat die indus­tri­el­le land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on wei­test­ge­hend im Griff. Wie gezeigt wur­de, arbei­tet die Indus­trie, um das zu errei­chen, auf drei Ebe­nen: ers­tens auf der bio­lo­gisch-tech­ni­schen Ebe­ne, indem sie Saat­gut erzeugt, das bei Wie­der­ge­win­nung (Nach­bau) stark gemin­der­te Erträ­ge bringt oder per­spek­ti­visch völ­lig ste­ril sein könn­te; zwei­tens auf der juris­ti­schen Ebe­ne, mit Geset­zen zu geis­ti­gen Eigen­tums­rech­ten und Abkom­men zur Stan­dar­di­sie­rung und Nor­mie­rung für gehan­del­ten pflanz­li­chen Samen, und drit­tens auf der Ebe­ne des Mark­tes mit dem Bemü­hen, »Landsor­ten« im glo­ba­len Maß­stab zu ver­drän­gen.

Der zwei­te Teil die­ses Bei­trags wird sich mit der Ver­drän­gung der Landsor­ten befas­sen, mit den Bemü­hun­gen, die Stan­dar­di­sie­rung und Nor­mie­rung der Sor­ten wei­ter aus­zu­bau­en, aber auch mit den Initia­ti­ven und Kämp­fen für bäu­er­li­ches »kri­sen­si­che­res« Saat­gut, d. h. der in die­sem Bereich ein­zi­gen ernst­haf­ten Mög­lich­keit, den Hun­ger in der Welt zu bekämp­fen, dem Mono­pol­dik­tat zu trot­zen und lang­fris­tig aus­rei­chen­de, gesun­de Nah­rungs­mit­tel für alle zugäng­lich zu machen.

1 Phi­lip Howard: Visua­li­zing Con­so­li­da­ti­on in the Glo­bal Seed Indus­try, 1996–2008 5 www.mdpi.com/2071-1050/1/4/1266 und ETC -Group:Who Owns Natu­re? Cor­po­ra­te Power and the Final Fron­tier in the Commodifica­tion of Life, 2008

2 mehr Infos unter: www.no-patents-on-seeds.org

3 Report: Paten­ting »Cli­ma­te Genes« and Cap­tu­ring the Cli­ma­te Agen­da, www.etc-group.org

4 Mehr dazu unter www.ig-nachbau.de

5 sie­he Fuß­no­te 1

6 Marie-Moni­que Robin: »Mit Gift und Genen – Wie der Bio­tech-Kon­zern Mon­s­an­to unse­re Welt ver­än­dert«, Mün­chen 2009

Anne Schweig­ler ist Eth­no­lo­gin und aktiv in der BUKO-Kam­pa­gne gegen Bio­pi­ra­te­rie und in der Saat­gut­kam­pa­gne (www.saatgutkampagne.org). Peter Clausing, eben­falls Mit­glied der BUKO-Kam­pa­gne gegen Bio­pi­ra­te­rie, ver­öf­fent­lich­te unter dem Pseud­onym Klaus Peder­sen »Natur­schutz und Pro­fit« (Unrast Ver­lag, Müns­ter 2008)

Erschie­nen in: Jun­ge Welt vom 14.10.2010

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