Im Wettlauf gegen die Zeit

von Peter Clausing

Bodenerosion und Welternährung

Auch wenn, trotz über einer Milliarde hungernder Menschen, derzeit genügend Nahrung für die gesamte Weltbevölkerung produziert wird, zeichnet sich für die kommenden Jahrzehnte eine erhebliche Diskrepanz ab. Im Vergleich zu 1990 wird sich einerseits die globale landwirtschaftliche Nutzfläche bis 2025 um geschätzte 82 Millionen Hektar und damit um zehn Prozent vergrößern. Diese Erweiterung steht jedoch einem erwarteten Bevölkerungszuwachs von 60 Prozent in dem gleichen 35-Jahres-Zeitraum gegenüber. Zudem geht der Gewinn an landwirtschaftlicher Nutzfläche häufig mit der Zerstörung von Wäldern einher. Parallel dazu spielt sich eine stille Katastrophe sozusagen direkt unter unseren Füßen ab: Schätzungen zufolge sind weltweit 25 Prozent des Bodens von Degradation betroffen. 1 Dieser ernüchternden Statistik zum Trotz ist Weltuntergangsstimmung fehl am Platz. In seinem jüngsten Bericht an die UN-Vollversammlung schreibt der Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, dass die Kleinbauern des Südens, also dort, wo chronischer Hunger am stärksten präsent ist, innerhalb von zehn Jahren ihre Nahrungsmittelproduktion verdoppeln könnten, und zwar auf umweltverträgliche Weise.2 Um dies zu ermöglichen, wäre ein entsprechender politischer Wille vonnöten. Das würde auch Maßnahmen zur Bodenverbesserung einschließen, deren Dringlichkeit nicht überbetont werden kann.

Boden unter Druck

Erosion, Bodenverdichtung, Verlust an organischer Substanz, Kontamination, Versalzung und Erdrutsche haben im Laufe der letzten 100 Jahre deutlich zugenommen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität. Den Löwenanteil am degradationsbedingten Flächenverlust hat laut einem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) die Erosion. Wasser und Wind tragen weltweit jährlich 75 Milliarden Tonnen Boden ab – 85 Prozent aller degradierten Flächen (16,4 Millionen Quadratkilometer) sind von Erosion betroffen. Das Phänomen der Erosion gab es schon, bevor Menschen auf der Erde existierten. Vor Jahrtausenden boten die durch Wasser abgetragenen und an anderer Stelle wieder angeschwemmten fruchtbaren Erdmengen die Voraussetzung für die Entstehung von Zivilisationen – erinnert sei an das Nildelta und die Flussläufe von Euphrat und Tigris. Das Problem ist also nicht die Erosion an sich, sondern das Tempo, mit der sie heute vonstatten geht. Wenn einer jährlichen Bodenbildungsrate von einer Tonne pro Hektar eine Erosionsrate von über 5 Tonnen pro Hektar Jahr gegenüber steht, wie es zum Beispiel in Teilen von Südspanien, Südfrankreich, Italien und Griechenland der Fall ist, dann ergeben sich daraus mittelfristig Probleme für die Produktivität. Wenn jedoch die Erosionsraten durchschnittlich 30-40 Tonnen pro Hektar und Jahr betragen, was in vielen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas dem Durchschnitt entspricht, dann ist die Situation dramatisch.

Daten über den Schweregrad der Degradation sind im globalen Maßstab nicht sonderlich präzise. So verwundert es nicht, dass unter den Experten zwar Einigkeit herrscht, dass die Schädigung der Böden ernste Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktivität haben wird. Es divergieren jedoch die Ansichten über zeitliche Horizonte und das Ausmaß. Auch in dem 2009 veröffentlichten Weltagrarbericht wird beklagt, dass aufgrund fehlender Daten die Schätzungen über Auswirkungen auf die Produktivität stark divergieren. Eindeutig äußern sich die Verfasser dieses Berichts hingegen in Bezug auf andere interessante Details. Dazu zählt die Feststellung, dass 25 Prozent der bisherigen Bodenzerstörung durch die landwirtschaftliche Produktion selbst verursacht wurde. Umgekehrt kommt der Überweidung, die von anderen Autoren vielfach als einer der wichtigsten Gründe für die Bodenzerstörung hervorgehoben wird, offenbar ein deutlich geringerer Stellenwert zu. Der Effekt der Überweidung ist oftmals sekundärer Natur. Die Ausdehnung des Ackerbaus auf Böden mit schlechter Qualität führt dazu. dass Hirten, die in diesem Gebiet ursprünglich eine nachhaltige Weidewirtschaft betrieben, in noch marginalere Bereiche verdrängt werden, wo ihre Herden dann allerdings über kurz oder lang den Boden zerstören. Zur dieser Verdrängung kommt es unter anderem durch den Anbau bestimmter Energiepflanzen zur Gewinnung von Agrotreibstoffen. Die Verfasser des Weltagrarberichts sprechen sich nachdrücklich dafür aus, degradierte Agrarflächen zu restaurieren statt unter Vernichtung von Wäldern neue Agrarflächen hinzu zu gewinnen. Methoden zur Restaurierung – Anreicherung des Bodens mit organischer Masse, eventuell verbunden mit einer zurückhaltenden Anwendung anorganischer Dünger – stehen zur Verfügung, finden aber ungenügende politische Unterstützung. Vielfach können solche Maßnahmen den Prozess der Bodendegradation rückgängig machen. Weitere vom Agrarbericht empfohlene Mittel sind eine Diversifizierung der Fruchtfolge und eine als „Agroforstwirtschaft“ bezeichnete Strategie, der besonders in Afrika gute Chancen eingeräumt werden, um mit einfachen Mitteln Prozesse der Umweltzerstörung umzukehren. Letztlich ist das Thema Bodendegradation vollständig in die Diskussion integriert, welchem landwirtschaftlichen Modell die Zukunft gehört – einem nachhaltigen kleinbäuerlich-biologischen Anbau oder einer industriemäßigen Großflächenwirtschaft mit massiven erdölbasierten Inputs.

Mit agroökologischen Methoden wurden Böden, verbunden mit beeindruckenden Ertragssteigerungen, erfolgreich restauriert. Jedoch ist deren Anwendung bislang so sporadisch, das dies auf den Satellitenbildern gar nicht sichtbar wird. Eindrucksvolle Beispiele werden unter anderem in einem Bericht von Uwe Hoering präsentiert.3 Selbst Extremfälle von Erosion konnten rückgängig gemacht werden: Gullies – metertiefe Ersosionsrinnen – entstehen, wenn oberflächlich abfließendes Wasser die Erde mitreißt. Hoering berichtet, wie tansanische KleinbäuerInnen innerhalb von zehn Jahren einen drei Meter tiefen Gully wieder füllten, indem sie oben, wo der Gully noch schmal war, Gräben zogen und Barrieren aus Stöcken und Elefantengras anlegten, um die Erde zurückzuhalten, während das Wasser weiter fließen konnte. Mit der Zeit, war die Menge zurückgehaltener Erde groß genug, um sie zu bepflanzen, unter anderem mit Bananenstauden, die als zusätzliche, früchtetragende Barrieren dienten. „Heute wächst dort, wo früher nur unfruchtbarer Kies war, eine dichte Mischvegetation aus Bananen, einheimischen Bäumen, Orangen und Zitronen, Papayas, Mais, Hirse, Süßkartoffeln, Maniok und Erbsen. In einem Teich tummeln sich Fische, die im Dorf verkauft werden“, berichtet Hoering. Eine Verfünffachung der Erträge, zum Beispiel bei Hirse, wurde zudem durch einen lokal entwickelten organischen Dünger ermöglicht. Nachhaltige Erfolge sind nur von der vervielfachten Anwendung solcher zukunftsweisender, lokal verwurzelter Strategien zu erwarten.

Fußnoten

  1. Global Assessment of land degradation and improvement – GLADA Report 5, Wageningen 2008, www.kurzlink.de/glada
  2. www.klimaretter.info/politik/nachricht/8135
  3. Uwe Hoering: Wer ernährt die Welt? Bäuerliche Landwirtschaft hat Zukunft. Bonn 2008, www.kurzlink.de/hoering

Erschienen in:
Der Rabe Ralf. Berliner Umweltzeitung, Nr. 22 (Juni/Juli 2011).

In leicht veränderter Form erschienen in:
umwelt aktuell August/September 2011, Seite 37/38

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