Mala­wi im Pris­ma der Welt­ernäh­rungs­kri­se

von Peter Clausing

Mala­wi, ein klei­nes Land im Her­zen Afri­kas, gehört mit sei­nen 14 Mil­lio­nen Bewoh­nern zu den am dich­tes­ten besie­del­ten Län­dern Afri­kas, nur über­trof­fen von Burun­di, Gam­bia, Nige­ria und Ruan­da. Sei­ne Ernäh­rungs­pro­ble­me und die ent­spre­chen­den Lösungs­ver­su­che reflek­tie­ren eine gan­ze Rei­he von Aspek­ten der glo­ba­len Ernäh­rungs­kri­se. Auf­grund des hohen Bevöl­ke­rungs­wachs­tums hat sich die Ein­woh­ner­zahl seit 1950 mehr als ver­vier­facht. Trotz­dem liegt die Bevöl­ke­rungs­dich­te mit 120 Einwohner/km² noch immer deut­lich unter der von Deutsch­land (229 Einwohner/km²). Mala­wi zählt zu den Least Deve­lo­ped Coun­tries (LDC), einer sozi­al­öko­no­mi­schen Defi­ni­ti­on der UNO für die 48 ärms­ten Län­der der Welt. Trotz innen­po­li­ti­scher Sta­bi­li­tät und obwohl das Land nicht vom „Res­sour­cen­fluch“ heim­ge­sucht ist, den der kon­ser­va­ti­ve Öko­nom Paul Col­lier in frag­wür­di­ger Wei­se als Wur­zel allen Übels der Armut in Afri­ka betrach­tet (1), hat das Land – seit lan­gem ein Lieb­ling der inter­na­tio­na­len Ent­wick­lungs­hil­fe – es bis heu­te nicht geschafft, den LDC-Sta­tus zu ver­las­sen. Schlim­mer noch – in den letz­ten Jahr­zehn­ten kam es wie­der­holt zu Hun­gers­nö­ten, bei denen Todes­op­fer zu bekla­gen waren.

Im Jahr 1949, als es noch eng­li­sche Kolo­nie war und Njas­sa­land hieß, ver­hun­ger­ten 200 Men­schen. Beson­ders dra­ma­tisch war die Hun­ger­ka­ta­stro­phe von 2001/2002, der zwi­schen 46.000 und 85.000 Men­schen zum Opfer fie­len. Dann, im Jahr 2005 wur­de die schlech­tes­te Ern­te der letz­ten zehn Jah­re ein­ge­fah­ren. Wenn­gleich Berich­te dar­über feh­len, hat es ver­mut­lich auch im Jahr 2005 Todes­op­fer gege­ben. Nach offi­zi­el­len Ein­schät­zun­gen hat­te ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung nicht genü­gend zu Essen. Heu­te ist die Situa­ti­on wie­der­um ange­spannt. Der Län­der­be­richt des Früh­warn­sys­tems FEWSNET von Juni 2012 beur­teilt auf­grund von Dür­re und Preis­stei­ge­run­gen die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung im Süden Mala­wis als kri­tisch.

Mais ist seit vie­len Jahr­zehn­ten das wich­tigs­te Grund­nah­rungs­mit­tel des Lan­des, mit Abstand gefolgt von Hül­sen­früch­ten, Mani­ok, Süß­kar­tof­feln, Reis und Sorghum. Rund 80 Pro­zent der mala­wi­schen Bevöl­ke­rung leben auf dem Land. Im Durch­schnitt bewirt­schaf­tet eine Fami­lie weni­ger als ein Vier­tel Hekt­ar land­wirt­schaft­li­cher Nutz­flä­che. Das hat zur Fol­ge, daß bei den in Mala­wi übli­chen Erträ­gen die Vor­rä­te aus der Eigen­pro­duk­ti­on Ende Dezem­ber auf­ge­braucht sind. Bei Gele­gen­heits­ar­bei­ten ver­dien­tes Geld ermög­licht nor­ma­ler­wei­se, die „mage­ren Mona­te“ (Janu­ar bis März) durch den Zukauf von Lebens­mit­teln zu über­brü­cken. Nur ein Drit­tel der land­wirt­schaft­li­chen Betrie­be pro­du­ziert genü­gend, um eine ganz­jäh­ri­ge Eigen­ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten.

Vor die­sem Hin­ter­grund ereig­ne­te sich die gro­ße Hun­ger­ka­ta­stro­phe von 2001/2002. Was war gesche­hen? Dem Druck der wich­tigs­ten Geber­län­der (Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en, USA) und des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) fol­gend, wur­de das 1998 ein­ge­führ­te Sub­ven­ti­ons­pro­gramm für Saat­gut und mine­ra­li­schen Dün­ger im Jahr 2001 dras­tisch redu­ziert. Wäh­rend in den Jah­ren zuvor 2,8 Mil­lio­nen Haus­hal­ten ein Start-Paket, bestehend aus Saat­gut und Dün­ger, kos­ten­los zur Ver­fü­gung gestellt wur­de, erhiel­ten Ende 2000 nur noch 1,5 Mil­li­on und 2001 nur 1 Mil­li­on Fami­li­en die­se Unter­stüt­zung. Der Rest soll­te durch pri­va­te Händ­ler ver­sorgt wer­den, die uner­schwing­li­che Prei­sen ver­lang­ten bzw. in die schwe­rer erreich­ba­ren Regio­nen gar nicht erst vor­dran­gen. Im Ergeb­nis sank die natio­na­le Mais­pro­duk­ti­on 2001 auf 1,7 Mil­lio­nen Ton­nen und 2002 auf 1,6 Mil­lio­nen Ton­nen, ver­gli­chen mit jeweils 2,5 Mil­lio­nen Ton­nen in den Jah­ren 1999 und 2000. Auch wenn es strit­tig ist, ob der IWF zwecks Ein­spa­rung von Lager­hal­tungs­kos­ten den Ver­kauf von nur 60 Pro­zent oder der gesam­ten stra­te­gi­schen Getrei­de­re­ser­ven ver­lang­te. Kor­rup­te Regie­rungs­be­am­te folg­ten die­ser Auf­for­de­rung mehr als bereit­wil­lig. Sie ver­kauf­ten auf jeden die kom­plet­te Reser­ve und berei­cher­ten sich dabei per­sön­lich – ein Vor­wurf, der im Nach­hin­ein von der Anti­kor­rup­ti­ons­be­hör­de der Regie­rung bestä­tigt wur­de (2). Hin­zu kam ein vom glo­ba­len Nor­den indu­zier­tes Phä­no­men, das Mala­wi, eben­so wie ande­ren Län­dern des Südens immer wie­der zu schaf­fen macht: Ver­spä­tet ein­set­zen­de, dann aber unge­wöhn­lich hef­ti­ge Regen­fäl­le – Fol­gen des Kli­ma­wan­dels, die zu ver­stärk­ter Boden­ero­si­on und Über­flu­tun­gen füh­ren. Die Hun­ger­ka­ta­stro­phe war per­fekt.

Unge­ach­tet die­ser nega­ti­ven Fak­to­ren kam der an der Uni­ver­si­tät Cam­bridge arbei­ten­de Agrar­for­scher Zol­tán Tiban in einer gründ­li­chen Ana­ly­se zu der Schluß­fol­ge­rung, daß die Pro-Kopf-Pro­duk­ti­on an Nah­rungs­mit­teln von 1998, einem Jahr ohne ein­schnei­den­de Pro­blem und 2001, in dem die Kata­stro­phen aus­ge­löst wur­de, mehr oder weni­ger iden­tisch war. Bin­nen­ver­tei­lung und loka­le Preis­ent­wick­lung im Jah­res­ver­lauf waren die ent­schei­den­den Fak­to­ren der Hun­ger­ka­ta­stro­phe von 2001/2002. Die Auf­ga­be der (nicht mehr vor­han­de­nen) stra­te­gi­schen Getrei­de­re­ser­ve wäre es gewe­sen, Preis­fluk­tua­tio­nen abzu­fe­dern. So aber wur­de Mais, der frü­her in den „mage­ren Mona­ten“ für 5 Mala­wi Kwacha (MK) pro Kilo­gramm aus der Staats­re­ser­ve ver­kauft wur­de, zu 17 MK pro Kilo­gramm gehan­delt. Zehn­tau­sen­de star­ben. Arme Klein­bau­ern­fa­mi­li­en muss­ten, sofern sie etwas Vieh besa­ßen, die­ses ver­hö­kern, um Mais kau­fen zu kön­nen. Para­do­xer­wei­se führ­te das zu einem zwei- bis drei­fa­chen Ver­fall der Preis von Hüh­nern, Zie­gen, Schwei­nen und Rin­dern.

Nach einer wei­te­ren Hun­ger­kri­se im Jahr 2005 ent­schloß sich die mala­wi­sche Regie­rung zu einem dras­ti­schen Schritt. „Ending fami­ne, sim­ply by igno­ring the experts“ (Die Exper­ten igno­rie­ren und so die Hun­ger­ka­ta­stro­phe been­den) beti­tel­te die New York Times einen Bei­trag vom 2. Dezem­ber 2007, in dem die Wie­der­ein­füh­rung und Ver­tie­fung der sub­ven­tio­nier­ten Start-Pake­te beschrie­ben wur­de. Durch die Start-Pake­te und güns­ti­ge Regen­fäl­le wur­de die natio­na­le Mais­ern­te von 2006 im Ver­gleich zum Vor­jahr auf 2,6 Mil­lio­nen Ton­nen mehr als ver­dop­pelt. Bis 2011 pro­du­zier­te das Land jedes Jahr bis zu 3,8 Mil­lio­nen Ton­nen Mais. Hat­te Mala­wi damit sei­ne Ernäh­rungs­pro­ble­me gelöst? Die Nach­hal­tig­keit die­ser Ern­te­er­fol­ge wird von sehr unter­schied­li­chen Sei­ten bezwei­felt. Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass die Ver­tei­lung sub­ven­tio­nier­ter Start-Pake­te kos­ten­güns­ti­ger ist als der Import und die anschlie­ßen­de Ver­tei­lung von Nah­rungs­mit­teln im Rah­men von Not­pro­gram­men, droht das Sys­tem zusam­men zu bre­chen, so bald der Staat das Geld für die Start-Pake­te nicht mehr auf­brin­gen kann oder darf. Die inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen kamen nicht umhin, den Erfolg der sou­ve­rä­nen Ent­schei­dung der mala­wi­schen Regie­rung, die Pro­duk­ti­ons­hil­fen wie­der ein­zu­füh­ren, anzu­er­ken­nen. Doch die Ver­fech­ter neo­li­be­ra­ler Dog­men ver­tre­ten wei­ter­hin die Ansicht, daß damit „das lang­fris­ti­ge Wachs­tum pri­va­ter Märk­te im Input­sek­tor gehemmt wer­den könn­te“ (3).

Beden­ken zur Nach­hal­tig­keit die­ser von Art Pro­duk­ti­ons­hil­fe gibt es auch aus agro-öko­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve. Die Ver­füg­bar­keit von Kunst­dün­ger ist so end­lich wie das Erd­öl, denn dar­aus wird er her­ge­stellt, bei gleich­zei­ti­ger Abhän­gig­keit vom Ölpreis, even­tu­el­le Preis­schocks und eine kon­ti­nu­ier­li­che Ver­teue­rung ein­ge­schlos­sen. Sin­ken­de Erträ­ge auf­grund von Boden­mü­dig­keit infol­ge des stän­di­gen „Doping“ mit mine­ra­li­schem Dün­ger sind eine inzwi­schen gut beschrie­be­ne und immer häu­fi­ger auf­tre­ten­de Fol­ge der Grü­nen Revo­lu­ti­on in Indi­en und Chi­na. Eine bio­lo­gi­sche Alter­na­ti­ve ist die Stick­stoff­an­rei­che­rung durch Hül­sen­früch­te (Legu­mi­no­sen). Ertrag­stei­ge­run­gen durch die Kom­bi­na­ti­on mit Strauch­erb­sen oder Erd­nüs­sen (eben­falls eine Legu­mi­no­sen­art) wur­de in Mala­wi mehr­fach unter Pra­xis­be­din­gun­gen demons­triert. Ein zusätz­li­cher Vor­teil ist, dass so nicht nur die Mais­er­trä­ge erhöht wer­den, son­dern die Legu­mi­no­sen auch selbst zur Ernäh­rungs­si­che­rung bei­tra­gen. Doch die­ser viel­ver­spre­chen­de Weg hat sei­ne Pro­ble­me. Die Ein­füh­rung sol­cher fort­ge­schrit­te­nen Anbau­me­tho­den erfor­dert ein brei­tes Netz­werk zur Wis­sens­ver­mitt­lung und mit­hin einen lan­gen Atem. Zugleich ver­heißt das Enga­ge­ment der Bill & Melin­da Gates Stif­tung bei der Ein­füh­rung von Legu­mi­no­sen in Mala­wi und ande­ren afri­ka­ni­schen Län­dern nichts Gutes. In den jüngs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen mala­wi­scher Agrar­for­scher wird auf die Sor­gen der Bäuer_innen wegen des teu­ren Legu­mi­no­sen-Saat­guts hin­ge­wie­sen. Der Kampf um frei­es Saat­gut ist auch hier ange­sagt.

(1) Col­lier
(2) Tiba, Z. (2010) Jour­nal of Agrari­an Chan­ge 11, S. 4
(3) The 2002 Mala­wi fami­ne

Ursprüng­li­che Fas­sung eines am 3.8.2012 in der jun­ge-Welt-Bei­la­ge „land & wirt­schaft“ erschie­nen Bei­trags

Tag-Wolke