Hun­ger und Ver­wüs­tung

Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on, Land Grab­bing und Agro­treib­stoff­pro­duk­ti­on: Drei aktu­el­le Instru­men­te zur Ren­di­te­ma­xi­mie­rung ver­ur­sa­chen Nah­rungs­man­gel und Ver­ödung von Böden

von Peter Clausing

Die DWS Invest­ments, eine Fonds­ge­sell­schaft der Deut­schen Bank, froh­lock­te vor eini­ger Zeit auf ihrer Web­site: »Die rasant wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung, (…) Land- und Was­ser­knapp­heit – all das sind Punk­te, die für über­durch­schnitt­lich gute Per­spek­ti­ven der Agrar­wirt­schaft spre­chen.« Der­lei Sprü­che sind in der Welt der Invest­ment­ban­ker inzwi­schen häu­fig zu fin­den. Die Fonds­ma­na­ger bie­ten den Inves­to­ren soge­nann­te Alpha-Ren­di­ten von bis zu 25 Pro­zent jähr­lich. Die Angst vor »Brot­re­vol­ten« (Food Riots), die in den Jah­ren 2007/2008 die Welt erschüt­ter­ten, scheint ver­flo­gen. Damals, als sich die Prei­se für Reis, Mais und ande­re Getrei­de­ar­ten inner­halb von ein, zwei Jah­ren ver­dop­pel­ten oder gar ver­drei­fach­ten, gab es Hun­ger­pro­tes­te in über 40 Ländern.1 Im Jahr 2009 redu­zier­ten sich die Welt­markt­prei­se für Nah­rungs­mit­tel auf das Durch­schnitts­ni­veau von 2007, aber seit 2011 lie­gen sie sogar über dem Wert von 2008.

Doch wo blei­ben die Pro­tes­te? In etli­chen Län­dern, die vor knapp fünf Jah­ren zu den Hoch­bur­gen der Brot­re­vol­ten zähl­ten, hat sich die gesell­schaft­li­che Situa­ti­on erheb­lich ver­än­dert. Mexi­ko war das ers­te Land in der Serie die­ser Erhe­bun­gen. Dort wur­de bereits im Herbst 2007 – medi­al als »Tor­til­la­kri­se« ver­mark­tet – gegen die hohen Mais­prei­se pro­tes­tiert.

In Mexi­ko ist es inzwi­schen zu einer mas­si­ven Mili­ta­ri­sie­rung des öffent­li­chen Lebens gekom­men. Der Anfang 2007 aus­ge­ru­fe­ne »Krieg gegen die Dro­gen­kri­mi­na­li­tät«, dem inzwi­schen über 60000 Men­schen, dar­un­ter eine gro­ße Zahl unschul­di­ger Zivi­lis­ten, zum Opfer fie­len, beherrscht das öffent­li­che Leben. Auch in Hai­ti, ein wei­te­res Schwer­punkt­land der dama­li­gen Hun­ger­pro­tes­te, hat die mili­tä­ri­sche Kon­trol­le der Gesell­schaft zuge­nom­men. Das schwe­re Erd­be­ben im Janu­ar 2010 bot unter dem Vor­wand der Not­hil­fe die Mög­lich­keit, die aus­län­di­sche Mili­tär­prä­senz dras­tisch zu ver­stär­ken.

Ande­re Schwer­punkt­län­der der Pro­tes­te zeig­ten wie­der­um, daß auto­ri­tä­re Herr­schaft und mili­tä­ri­sche Kon­trol­le kei­ne Garan­tie für »Ruhe und Ord­nung« dar­stel­len: In Marok­ko, Tune­si­en, Ägyp­ten, Jemen und Soma­lia hat es seit­dem teils dra­ma­ti­sche, wenn­gleich wider­sprüch­li­che Ver­än­de­run­gen gege­ben. Ins­ge­samt fand die Erkennt­nis Bestä­ti­gung, daß Food Riots kei­ne chao­ti­schen Gewalt­aus­brü­che irra­tio­na­ler Mas­sen sind, son­dern orga­ni­sier­te, zweck­be­stimm­te Aktio­nen. Dafür leg­te unter ande­rem der »ara­bi­sche Früh­ling« Zeug­nis ab.

Wenn der Inder zwei­mal ißt
Wäh­rend es kei­nen Zwei­fel dar­über gibt, daß die Preis­ex­plo­si­on vor rund fünf Jah­ren zu den glo­ba­len Pro­tes­ten führ­te, gehen die Mei­nun­gen über die Ursa­che der Preis­ex­plo­si­on weit aus­ein­an­der. Ange­la Mer­kel ver­kün­de­te im April 2008 öffent­lich, daß die Men­schen in Indi­en dar­an Schuld sei­en, denn dort näh­men neu­er­dings 300 Mil­lio­nen Men­schen eine zwei­te Mahl­zeit am Tag ein. Ähn­lich, wenn­gleich poli­tisch kor­rek­ter, for­mu­liert wur­de die­se Behaup­tung von der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ernäh­rungs­in­dus­trie in einer Stel­lung­nah­me für eine Sit­zung des Agrar­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges wie­der­holt, die am 27. Juni 2011 zum The­ma »Spe­ku­la­ti­on mit Agrar­roh­stof­fen ver­hin­dern« statt­fand: »Das aktu­ell rela­tiv hohe Welt­markt­preis­ni­veau ist auf eine ins­ge­samt eher knap­pe Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on auf­grund wach­sen­der Welt­be­völ­ke­rung und wach­sen­den Wohl­stan­des in Län­dern wie Chi­na, Indi­en und ande­ren (…) Schwel­len­län­dern zurück­zu­füh­ren.« Auch Pro­fes­sor P. Micha­el Schmitz vom Insti­tut für Agrar­po­li­tik und Markt­for­schung der Uni­ver­si­tät Gie­ßen ver­trat die Ansicht, daß sich die Preis­ex­plo­si­on im Zeit­raum 2007/2008 und der erneu­te Anstieg in 2010/2011 »weit­ge­hend auf ange­bots- und nach­fra­ge­sei­ti­ge Fun­da­men­tal­fak­to­ren der Agrar­märk­te selbst« zurück­füh­ren lasse.2 Die »nach­fra­ge­sei­ti­gen Fun­da­men­tal­fak­to­ren« schlie­ßen die zwei­te Mahl­zeit der Men­schen in Indi­en mit ein.

Dem hal­ten die pro­mi­nen­te Öko­no­min Jaya­ti Gosh und und ihre Kol­le­gen ent­ge­gen, daß sol­che Behaup­tun­gen unbe­grün­det sind, denn a) habe es im Ver­gleich zu frü­he­ren Jah­ren zwi­schen 2008 und 2011 kaum eine Ver­än­de­rung im glo­ba­len Nah­rungs­mit­tel­ver­brauch gege­ben und b) sei die Beschul­di­gung Indi­ens und Chi­nas völ­lig halt­los, denn sowohl der Gesamt- als auch der Pro-Kopf-Ver­brauch an Getrei­de sei in bei­den Län­dern in besag­tem Zeit­raum nach­weis­lich gefal­len und nicht gestiegen.3 Die Auto­ren stel­len nicht in Abre­de, daß auch Fak­to­ren auf der Ange­bots­sei­te eine Rol­le spie­len und in der Zukunft eine noch stär­ke­re Rol­le spie­len wer­den. Dazu zäh­len die Flä­chen­kon­kur­renz durch Agro­treib­stof­fe, stei­gen­de Input­kos­ten sowie mit­tel­fris­tig fal­len­de Erträ­ge auf­grund von Bodenzer­stö­rung und Kli­ma­wan­del. Doch die Redu­zie­rung der Preis­pro­ble­ma­tik auf Fun­da­men­tal­fak­to­ren, wie sie vom neo­li­be­ra­len Hard­li­ner Schmitz vor­ge­nom­men wur­de, um For­de­run­gen nach einer Begren­zung von Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­ten abzu­schmet­tern, ist mehr als faden­schei­nig.

Grund­be­grif­fe und -pro­zes­se
Um die kon­tro­ver­se Dis­kus­si­on zu ver­ste­hen, sei­en zunächst eini­ge grund­le­gen­de Begrif­fe und Pro­zes­se erläu­tert. In der Welt des Han­dels gibt es einer­seits »Spot­märk­te« (auch Kas­sa­märk­te genannt), also Han­dels­bör­sen, wo Ange­bot und Nach­fra­ge unmit­tel­bar auf­ein­an­der­tref­fen und Gekauf­tes sofort – »on the spot« – bezahlt wird und den Besit­zer wech­selt. Hier kom­men die »Fun­da­men­tal­fak­to­ren« (Ern­te­aus­fäl­le, Pro­duk­ti­ons­kos­ten usw.) zur Wir­kung, die Ange­bot und Nach­fra­ge bestim­men. Das Gegen­stück dazu ist der Ter­min­han­del – ein Phä­no­men des Finanz­markts, wo Groß­händ­ler zum Bei­spiel Getrei­de (das erst noch geern­tet wer­den muß) vor­ab zu einem Garan­tie­preis kau­fen und sich so gegen eine mög­li­che zukünf­ti­ge Preis­stei­ge­rung absi­chern. Umge­kehrt bie­ten die garan­tier­ten Prei­se den Pro­du­zen­ten eine Absi­che­rung gegen einen mög­li­chen Preis­ver­fall.

Ter­min­han­del für Getrei­de gibt es seit Jahr­hun­der­ten, in Deutsch­land seit 160 Jah­ren. Die­ser in einer markt­ge­trie­be­nen Öko­no­mie an und für sich sinn­vol­le Gedan­ke einer gegen­sei­ti­gen Absi­che­rung glät­te­te in der Ver­gan­gen­heit Preis­fluk­tua­tio­nen. Schon immer gab es bran­chen­frem­de Spe­ku­lan­ten, die ver­such­ten, sich durch Ter­min­ge­schäf­te zu berei­chern. Aller­dings fie­len sie frü­her, als das Han­dels­vo­lu­men für Ter­min­ge­schäf­te noch Beschrän­kun­gen unter­wor­fen war, nicht über­mä­ßig ins Gewicht. Doch neben der zuneh­men­den Prä­senz der tra­di­tio­nel­len Spe­ku­lan­ten exis­tiert seit etwa einem hal­ben Jahr­zehnt eine neue Grup­pe von Akteu­ren, soge­nann­te Index­spe­ku­lan­ten, die dar­auf set­zen, daß in einer Anla­ge­klas­se (hier Nah­rungs­mit­tel) die Prei­se ins­ge­samt stei­gen und die sich durch ein gemisch­tes Anla­ge­portfo­lio (= Index, z.B. Wei­zen, Mais und Soja) Gewin­ne sichern wol­len. In den USA sind mitt­ler­wei­le bran­chen­frem­de Spe­ku­lan­ten der »alten Schu­le« und Index­spe­ku­lan­ten zu je einem Drit­tel auf den Ter­min­märk­ten für Getrei­de ver­tre­ten, das heißt, sie domi­nie­ren die­se Märk­te.

Als wei­te­re Unsi­cher­heits­kom­po­nen­te kommt der außer­börs­li­che Han­del (Over-the-Coun­ter, OTC) mit Agrar­roh­stof­fen hin­zu, des­sen feh­len­de Trans­pa­renz in Euro­pa nahe­zu ein­hel­lig beklagt wird.

An die­ser Stel­le sei der Hin­weis gestat­tet, daß in der neo­li­be­ra­len Welt von heu­te bei­na­he in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist, daß Hedging und die Regu­lie­rung der Ter­min- und OTC-Märk­te nicht die ein­zi­gen Mög­lich­kei­ten sind, um Preis­schocks zu ver­hin­dern. Bis zu den vom Welt­wäh­rungs­fonds dik­tier­ten Struk­tur­an­pas­sungs­maß­nah­men gal­ten in vie­len Län­dern des Südens (und bis Ende der 80er Jah­re im sozia­lis­ti­schen Lager) für wich­ti­ge land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te und Grund­nah­rungs­mit­tel staat­lich garan­tier­te Auf­kauf- und zum Teil auch Ver­kaufs­prei­se. In die­sem Fall nahm der Staat die unmit­tel­ba­re Ver­ant­wor­tung wahr, über­mä­ßi­ge Preis­schwan­kun­gen zu ver­hin­dern. Heu­te hin­ge­gen sträu­ben sich die Regie­run­gen der mäch­ti­gen Län­der allein schon dage­gen, Ter­min­märk­te und OTC-Han­del einer strik­te­ren Kon­trol­le zu unter­wer­fen, um so ihrer Ver­ant­wor­tung zumin­dest mit­tel­bar gerecht zu wer­den. Die­se Märk­te, deren wich­tigs­ter die Chi­ca­go­er Roh­stoff­bör­se ist, sind seit der Jahr­tau­send­wen­de zuneh­mend libe­ra­li­siert wor­den.

Spe­ku­la­ti­on und ihre Fol­gen
Im Kern geht die Dis­kus­si­on um das Ver­hält­nis von Liqui­di­tät und Sta­bi­li­tät der Roh­stoff­märk­te. Markt­fun­da­men­ta­lis­ten wie P. Micha­el Schmitz bestrei­ten jeg­li­che Schuld einer Spe­ku­la­tio­nen an der oben beschrie­be­nen Preis­ex­plo­si­on und insis­tie­ren, daß Spe­ku­la­ti­ons­ge­schäf­te ein unver­zicht­ba­rer Bestand­teil für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit von Ter­min­märk­ten sei­en. Nach ihrer Ansicht ist Spe­ku­la­ti­on die Vor­aus­set­zung für Liqui­di­tät der Märk­te, sprich für die Ver­füg­bar­keit von genü­gend Geld, um die Wirk­sam­keit der oben beschrie­be­nen Absi­che­rungs­funk­ti­on der Ter­min­ge­schäf­te zu gewähr­leis­ten.

Das zwei­te Argu­ment zur Ver­tei­di­gung der Spe­ku­la­ti­on ent­stammt der »Theo­rie der effi­zi­en­ten Märk­te«, der­zu­fol­ge die Händ­ler an den Ter­min­märk­ten belohnt wür­den, wenn sie zu Prei­sen han­deln, die die Fun­da­men­tal­ef­fek­te mehr oder weni­ger kor­rekt abbil­den, und vom Markt bestraft wür­den, wenn sie ver­zerr­te Prei­se ver­wen­den wür­den. Auf die­se Wei­se wür­den sich die Prei­se an den Ter­min­märk­ten nicht nur auto­ma­tisch an die von den Fun­da­men­tal­fak­to­ren bestimm­ten Prei­se anglei­chen, son­dern sogar eine für die Teil­neh­mer der phy­si­schen Märk­te wich­ti­ge Vor­her­sa­ge­funk­ti­on aus­üben.

Die Theo­rie der effi­zi­en­ten Märk­te ist immer wie­der hef­tig kri­ti­siert wor­den, ange­fan­gen von John May­nard Keynes über Nobel­preis­trä­ger wie Geor­ge Aker­lof und Dani­el Kah­ne­man bis zu Jaya­ti Gosh. Der wich­tigs­te Kri­tik­punkt ist die real statt­fin­den­de Preis­ver­zer­rung, die im harm­lo­se­ren Fall durch initia­le »psy­cho­lo­gi­sche« Fak­to­ren bei den Händ­lern, kom­bi­niert mit dem im Finanz­sek­tor typi­schen »Her­den­trieb«, aus­ge­löst wer­den. Im schlim­me­ren Fall han­delt es sich um geziel­te Mani­pu­la­tio­nen durch »Finanz­ko­los­se« wie Gold­man Sachs oder die Deut­sche Bank.

Wenn man sich das Volu­men der Ter­min­ge­schäf­te vor Augen führt, wird deut­lich, mit wel­cher Wucht sich die­se Geschäf­te auf die rea­len Prei­se für Agrar­roh­stof­fe aus­wir­ken kön­nen. An der Chi­ca­go­er Roh­stoff­bör­se, wo etwa 90 Pro­zent des Ter­min­han­dels mit Getrei­de getä­tigt wird, über­stie­gen bereits im Jahr 2002 die Wei­zen­ter­min­ge­schäf­te die phy­si­sche Wei­zen­pro­duk­ti­on der USA um das Elf­fa­che; 2007 war es das 30fache. Dies führt zugleich zu einer ver­stärk­ten Vola­ti­li­tät (Schwan­kungs­in­ten­si­tät) der Prei­se, die nur jenen zugu­te kommt, die in der Lage sind, kurz­fris­tig zu kau­fen und zu ver­kau­fen.

Die Vola­ti­li­tät der Prei­se für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te war bis 2007 rela­tiv kon­stant und hat sich seit­dem dras­tisch erhöht, auch bedingt durch die höhe­ren Prei­se an sich. Mar­kus Henn von der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on WEED (World Eco­no­my, Ecology&Development) bringt es auf den Punkt: »Der fun­da­men­ta­le Unter­schied ist, daß die den Roh­stoff­ter­min­märk­ten zugrun­de­lie­gen­den Wer­te eben phy­sisch begrenz­te Roh­stof­fe sind, die im Leben der Bevöl­ke­rung zudem eine über­ra­gen­de Rol­le spie­len. Schon gar der phy­si­sche Roh­stoff­markt ist völ­lig ver­schie­den von einem Finanz­markt wie dem Akti­en­markt. Wenn der Akti­en­markt eine Spe­ku­la­ti­ons­bla­se erlebt, ist dies im wesent­li­chen ein Pro­blem der Anle­ger. Wenn die Bla­se auf dem Wei­zen­ter­min­markt und dann auf dem Wei­zen­markt statt­fin­det, ist es eine Kata­stro­phe für Mil­lio­nen Men­schen. Des­halb soll­te in allen gesetz­li­chen Maß­nah­men der Roh­stoff­sek­tor geson­dert behan­delt und mit beson­de­rer Vor­sicht regu­liert werden.«4 Und in einem offe­nen Brief an Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäub­le vom 29. Okto­ber 2012 äußer­ten sich die zwölf unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen dahin­ge­hend, daß es »erdrü­cken­de Bele­ge dafür (gibt), daß die­se exzes­si­ve Spe­ku­la­ti­on die Aus­schlä­ge an den Bör­sen auf die Spit­ze treibt, die Märk­te desta­bi­li­siert, die Schwan­kun­gen der Lebens­mit­tel­prei­se auf Rekord­ni­veau hievt und dadurch die Hun­ger­kri­se ver­schärft«. Der Brief wur­de ver­öf­fent­licht, weil in die­sen Wochen Ver­hand­lun­gen des Euro­päi­schen Rats der Finanz­mi­nis­ter über eine Regu­lie­rung der Roh­stoff­ter­min­märk­te anste­hen.

EU for­ciert Land Grab­bing
Auch wenn Gosh und Henn zu der Erkennt­nis kom­men, daß der eigent­li­che Grund für die Preis­explosion die Spe­ku­la­ti­on ist und nicht, wie von der Welt­bank ein­ge­schätzt, der Agro­treib­stoff­boom, so soll­te die per­spek­ti­vi­sche Rol­le der Agro­treib­stof­fe für den Preis­auf­trieb nicht unter­schätzt wer­den. Unstrit­tig ist die »Kata­ly­sa­tor­wir­kung« der Agro­treib­stof­fe beim glo­ba­len Land Grab­bing (Land­nah­me). In der Tat sind Agro­treib­stof­fe eine der vier wesent­li­chen Kräf­te, die den Kauf und die Pacht rie­si­ger Flä­chen in den Län­dern des Südens (und Ost­eu­ro­pas) vor­an­trei­ben. Inzwi­schen wird über ein Drit­tel der vom glo­ba­len Land Grab­bing betrof­fe­nen Flä­chen für Agro­treibstoffe genutzt bzw. sind sie für die­sen Zweck reser­viert.

Vor vier Jah­ren war die Erzeu­gung von Nah­rungs­mit­teln das Motiv für die Off­shore-Pro­duk­­ti­on. Der spe­ku­la­ti­ons­be­ding­te Preis­an­stieg und die erhöh­te Vola­ti­li­tät der Prei­se für Agrar­roh­stof­fe ver­an­laß­ten finanz­star­ke Län­der mit pre­kä­rer Eigen­ver­sor­gung (Chi­na, Süd­ko­rea, Golf­staa­ten), nach vom Welt­markt unab­hän­gi­gen Mög­lich­kei­ten der Ver­sor­gung der eige­nen Bevöl­ke­rung zu suchen. Dies stand nach dem Preis­schock von 2008 im Vor­der­grund. Zugleich soll­te zur Kennt­nis genom­men wer­den, daß Euro­pa einen der vor­ders­ten Plät­ze ein­nimmt, was Agrar­im­por­te im wei­tes­ten Sin­ne anbe­langt. Einer Stu­die des inter­na­tio­na­len Zusam­men­schlus­ses von Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen Fri­ends of the Earth zufol­ge lie­gen nahe­zu 60 Pro­zent der Land­flä­che zur Deckung des der­zei­ti­gen euro­päi­schen Bedarfs an land- und forst­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten außer­halb Euro­pas – Ten­denz stei­gend. Denn nach Berech­nun­gen, die im Auf­trag der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on durch­ge­führt wur­den, ist für 2020 zu erwar­ten, daß 21 Pro­zent des Agro­die­sels aus Soja und Palm­öl und 50 bis 90 Pro­zent des Agro­sprits aus Zucker­rohr gewon­nen wer­den. Hier­bei han­delt es sich um Pflan­zen, deren Anbau in Euro­pa nicht mög­lich ist bzw. – im Fall von Soja – wirt­schaft­lich kei­ne Rol­le spielt.

Grund­la­ge die­ser Berech­nun­gen waren die Fest­le­gun­gen der EU-Direk­ti­ve zu erneu­er­ba­ren Ener­gi­en aus dem Jahr 2009 (2009/28/EG), der­zu­fol­ge ab 2020 in der EU ein Fünf­tel des gesam­ten Ener­gie­ver­brauchs und ein Zehn­tel des Kraft­stoff­ver­brauchs durch Agro­treib­stof­fe zu decken sind. Inzwi­schen kau­fen oder pach­ten in viel stär­ke­rem Maße pri­va­te Inves­to­ren Län­de­rei­en, weil sie auf wei­te­re Stei­ge­run­gen bei den Lebens­mit­tel- und Boden­prei­sen und auf Gewin­ne bei dem Geschäft mit Agro­treib­stof­fen hof­fen. Inso­fern kann man sagen, daß Land Grab­bing, Agro­treib­stoff-Boom und Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on sich gegen­sei­tig ver­stär­ken­de Pro­zes­se sind.

Lob­by gegen Markt­kor­rek­tu­ren
Wel­che wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen dahin­ter ste­hen, wur­de Anfang Sep­tem­ber deut­lich, als ein Gesetz­ent­wurf der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on bekannt wur­de, der eine Kurs­kor­rek­tur bei der EU-Direk­ti­ve zu den erneu­er­ba­ren Ener­gi­en vor­sieht. Am 17. Okto­ber wur­de die­ser Gesetz­ent­wurf von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on offi­zi­ell ver­öf­fent­licht. Laut die­sem Ent­wurf soll der Anteil von Agro­treib­stof­fen im Trans­port­sek­tor bis 2020 nur auf fünf statt auf zehn Pro­zent stei­gen. Dies rief sofort hef­ti­ge Reak­tio­nen sei­tens ver­schie­dens­ter Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen her­vor, allen vor­an der Euro­pean Bio­die­sel Board (EBB), der nach eige­ner Dar­stel­lung drei Vier­tel der Agro­­treib­stoff-Indus­trie reprä­sen­tiert. In sei­nem am 13. Sep­tem­ber 2012 ver­öf­fent­lich­ten Posi­ti­ons­pa­piers hebt der EBB her­vor, daß der Schwenk in der EU-Poli­tik »den Tod des gesam­ten ­EU-Bio­die­sel­sek­tors« und damit den Ver­lust von 450000 Arbeits­plät­zen sowie vie­ler Mil­li­ar­den Euro an Inves­ti­tio­nen bedeu­ten wür­de. Das nennt man eine sich selbst erfül­len­de Pro­phe­zei­ung: Auf­grund stra­te­gi­scher Über­le­gun­gen (lang­fris­ti­ge Absi­che­rung von Euro­pas exzes­si­vem Ener­gie­be­darf) wur­den die seit lan­gem bestehen­den Beden­ken bezüg­lich der sozia­len und öko­lo­gi­schen Ver­träg­lich­keit von Agro­treib­stof­fen vom Tisch gefegt.

Igno­riert wur­den unter ande­rem zahl­rei­che Stu­di­en dar­über, daß eine gro­ße Lücke zwi­schen den ver­spro­che­nen und den tat­säch­lich erreich­ba­ren CO2-Ein­spa­run­gen klafft, obwohl gera­de die­ser Aspekt des öffent­li­chen Dis­kur­ses im Vor­der­grund steht – getrie­ben von der Moti­va­ti­on, die Koh­len­di­oxid­bi­lanz des nach wie vor stei­gen­den Kraft­stoff­ver­brauchs in der EU schön­zu­rech­nen. Statt die­sen Stu­di­en Beach­tung zu schen­ken, wur­den »vie­le Mil­li­ar­den Euro« inves­tiert, die nun als Argu­ment dafür die­nen, daß ein Kurs­wech­sel nicht mehr mög­lich sei. Mehr noch, der EBB for­dert ein, den Ter­min der für Ende 2014 fest­ge­leg­ten Über­prü­fungs­klau­sel zu respek­tie­ren (2009/28/EG, Arti­kel 23 Absatz 8). Mit ande­ren Wor­ten: Es sol­len zwei wei­te­re Jah­re her­hal­ten, um mit dem Umfang der bis dahin noch zu täti­gen­den Inves­ti­tio­nen die Unum­kehr­bar­keit der gegen­wär­ti­gen Poli­tik bei den »Bio«kraftstoffen wei­ter zu zemen­tie­ren.

Feh­len­de Kohä­renz ist das bewußt gewähl­te, wenn­gleich ver­bal bestrit­te­ne Mar­ken­zei­chen der Poli­tik von EU und Bun­des­re­gie­rung. In unter­schied­lichs­ten Berei­chen steht die poli­ti­sche Pra­xis zur Siche­rung wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen im Wider­spruch zu den offi­zi­ell erklär­ten Zie­len der Armuts­be­kämp­fung in den Län­dern des Südens. Mit Hil­fe von unver­bind­li­chen Richt­li­ni­en und frei­wil­li­gen Selbst­ver­pflich­tun­gen wird ver­sucht, die­se Wider­sprü­che dis­kur­siv zu über­tün­chen. Das trifft für den von der Welt­bank favo­ri­sier­ten Code of Con­duct zu einem »ver­ant­wor­tungs­be­wuß­ten Land Grab­bing« eben­so zu wie für irre­füh­ren­de Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­te­me von Agro­treibstoffen (Round­ta­ble for Sustain­ab­le Palm Oil; Round­ta­ble for Respon­si­ble Soy).

Wenn der öffent­li­che Druck noch nicht groß genug oder der Sach­ver­halt schwer ver­ständ­lich ist (wie im Fall der Lebens­mit­tel­spe­ku­la­tio­nen), reicht es unter Umstän­den aus, ein­fach fal­sche Behaup­tun­gen in die Welt zu set­zen. So »beweist« P. Micha­el Schmitz in sei­nem oben zitier­ten Gut­ach­ten, daß Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on ein Phan­tom sei, unter ande­rem mit der Behaup­tung, daß die Agrar­prei­se im Jahr 2009 »in den Kel­ler« gefal­len sei­en. Ein flüch­ti­ger Blick auf den Nah­rungs­mit­tel­preis­in­dex der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (sie­he Gra­fik) zeigt, daß der Wert von 2009 kei­nes­wegs gesun­ken ist, son­dern sich auf Rang drei in der Daten­rei­he von 2000 bis 2009 befin­det, also nahe­zu iden­tisch mit dem Wert von 2007 ist.

Lebens­mit­tel­preis-Index der Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO)

Zunächst soll­te man sich also, nicht für dumm ver­kau­fen las­sen. Wenn dar­über hin­aus durch­dach­te Initia­ti­ven brei­te Unter­stüt­zung fin­den und einen aus­rei­chend lan­gen Atem haben, ist es auch mög­lich, Erfol­ge zu erzie­len. So haben die Kam­pa­gnen ent­wick­lungs­po­li­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen und glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­scher Grup­pen sowie die gro­ße Zahl fun­dier­ter Stu­di­en zum The­ma Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on inzwi­schen Wir­kung gezeigt. Die Deka-Bank war im Früh­jahr 2012 die ers­te Bank, die ver­kün­de­te, ihre Ter­min­ge­schäf­te mit Agrar­roh­stof­fen ein­zu­stel­len. Ihr folg­ten im Ver­lauf des Jah­res die Lan­des­bank Baden-Würt­tem­berg, im August Deutsch­lands zweit­größ­tes Finanz­in­sti­tut, die Com­merz­bank, und danach die Lan­des­bank Ber­lin. Geld­in­sti­tu­te wie die Ethik­bank Eisen­berg und die GLS-Bank betei­lig­ten sich nie an solch schmut­zi­gen Geschäf­ten. »Blei­ben noch zwei gro­ße Bro­cken, die wei­ter­ma­chen wie bis­her«, schreibt die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Oxfam auf ihrer Web­site und meint damit die Deut­sche Bank (die im vori­gen Jahr ver­such­te, einen Doku­men­tar­film zum The­ma zu zen­sie­ren) und der welt­größ­te Ver­si­che­rungs­kon­zern, die Alli­anz.

Anmer­kun­gen

1 Klaus Peder­sen: Die welt­wei­ten Hun­ger­re­vol­ten (Food Riots) 2007/2008, in: Z. Zeit­schrift Mar­xis­ti­sche Erneue­rung, Dezem­ber 2008, S. 42–50

2 Sie­he Bun­des­tag-Aus­schuß für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Ver­brau­cher­schutz. Öffent­li­che Anhö­rung vom 27.6.2011: Spe­ku­la­tio­nen mit agra­ri­schen Roh­stof­fen ver­hin­dern

3 Jaya­ti Gosh u.a.: Spe­cu­la­ti­on on Com­mo­di­ties Futures Mar­kets and Desta­bi­li­za­ti­on Of Glo­bal Food Pri­ces: Explo­ring the Con­nec­tions. PERI Working Paper Series No. 269, Okto­ber 2011, Uni­ve­ris­ty of Mas­sa­chu­setts

4 Mar­kus Henn (WEED), in: sie­he Anmer­kung 2

Erschie­nen in jun­ge Welt vom 29.11.2012

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