Kei­ne Rück­kehr des Wal­des

In weni­gen Län­dern nimmt die Wald­flä­che zu – aber nur wegen Holz­im­por­ten aus ande­ren Staa­ten.
Von Peter Clausing

Der glo­ba­le Wald­ver­lust spielt in der Umwelt­kri­se eine her­aus­ra­gen­de Rol­le. Damit gehen die Sor­gen über die Fol­gen von Arten­ver­lust, Kli­ma­wan­del, aber auch den Weg­fall der Lebens­grund­la­ge für vom Wald abhän­gi­ge Bevöl­ke­rungs­grup­pen ein­her. NGOs und kirch­li­che Hilfs­wer­ke pran­gern dar­um die Zer­stö­rung der Lebens­grund­la­gen indi­ge­ner Völ­ker durch Palm­öl­plan­ta­gen und Soja­wüs­ten an. Bei der »Ret­tung des Kli­mas« durch Koh­len­stoff­märk­te hat der Wald eine Schlüs­sel­funk­ti­on. Wes­halb trans­na­tio­na­le Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen Spen­den sam­meln, »um die Säge zu stop­pen«. Schließ­lich ver­öf­fent­licht die Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) seit 1980 regel­mä­ßig die Ergeb­nis­se einer glo­ba­len Wald­be­stands­auf­nah­me, die Glo­bal Forest Res­sour­ces Assess­ment, in dem die Ver­lus­te sys­te­ma­tisch beschrie­ben wer­den. Es gibt also vie­le ver­schie­de­ne Akteu­re, die sich bei die­sem The­ma zu Wort mel­den.

Was als Wald betrach­tet wird, ist eine Defi­ni­ti­ons­sa­che. Dabei geht es nicht nur um die Unter­schei­dung zwi­schen Pri­mär- und Sekun­där­wäl­dern. Es ist auch die Fra­ge bedeut­sam, ob Flä­chen, die zu zehn Pro­zent mit Bäu­men bedeckt sind, noch als Wald gel­ten oder ob die Wer­tung erst bei einer 30prozentigen Baum­be­de­ckung beginnt. Setzt man die Zehn­pro­zent­mar­ke, wer­den locker bestan­de­ne Savan­nen­wäl­der mit­ge­zählt. Auf der Basis die­ses Kri­te­ri­ums sind der­zeit rund 30 Pro­zent der Erd­flä­che (40 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter) mit Wald bedeckt, zu einem Drit­tel mit Pri­mär- und zu zwei Drit­teln mit Sekun­där­wäl­dern. Die Geschwin­dig­keit des Wald­ver­lusts hat von 2000 bis 2010 gegen­über 1990 bis 2000 leicht abge­nom­men. Welt­weit betrug er Ende des vori­gen Jahr­hun­derts durch­schnitt­lich 83000 Qua­drat­ki­lo­me­ter pro Jahr, in der ers­ten Deka­de die­ses Jahr­hun­derts nur noch 56000. In asia­ti­schen Län­dern, spe­zi­ell in Chi­na, konn­ten mehr Wald­zu- als -abnah­men ver­zeich­net wer­den. Gene­rell wird etwa die Hälf­te des Wald­ver­lus­tes durch Wie­der­be­wal­dung aus­ge­gli­chen.

Forest Tran­si­ti­on
In Regio­nen, in denen (im Ver­gleich zu frü­he­ren Ver­hält­nis­sen) der Zuwachs den Ver­lust über­trifft, wird von einem Über­gang gespro­chen, von der Forest Tran­si­ti­on. Die Wie­der­be­wal­dung kann durch Pflan­zung (im schlimms­ten Fall von Baum­mo­no­kul­tu­ren), durch eine Umstel­lung des land­wirt­schaft­li­chen Anbau­sys­tems auf Agrar­forst­wirt­schaft oder ein­fach dadurch gesche­hen, daß der Wald sich die Flä­chen zurück­holt, die vom Men­schen dau­er­haft oder zeit­wei­se ver­las­sen wur­den. Letz­te­res fin­det auch in regel­mä­ßi­gen Zyklen bei mit Brand­ro­dung arbei­ten­den, aber durch­aus nach­hal­tig exten­si­ven Anbau­sys­te­men statt.

Es leuch­tet ein, daß die Wen­de vom Ver­lust zur Zunah­me des Wal­des etwas wäre, an dem Men­schen direkt oder indi­rekt betei­ligt sind. His­to­risch betrach­tet gab es einen sol­chen Umschwung in einer Rei­he von heu­ti­gen Indus­trie­län­dern auf­grund gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen anschei­nend als »Neben­ef­fekt«. Das weckt bei Natur- und Wald­schüt­zern die Hoff­nung, daß der seit vie­len Jah­ren in den Län­dern des Südens beob­ach­te­te Wald­ver­lust eines Tages sozu­sa­gen »von selbst« auf­hö­ren könn­te.

Dar­um klärt ein Blick in die Ver­gan­gen­heit auf, ob eine sol­che Erwar­tung berech­tigt ist. Es stellt sich die Fra­ge, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen eine Forest Tran­si­ti­on in tro­pi­schen Län­dern erwar­tet wer­den kann, ähn­lich wie sie im 19. und 20. Jahr­hun­dert in euro­päi­schen Län­dern und Tei­len der USA statt­ge­fun­den hat. Auf­grund retro­spek­ti­ver Ana­ly­sen wur­den zwei zur Forest Tran­si­ti­on füh­ren­de Wege iden­ti­fi­ziert. Der ers­te Weg wird gern auf eine ein­fa­che For­mel gebracht: Indus­tria­li­sie­rung und das Wachs­tum des Dienst­leis­tungs­sek­tors zie­hen die Arbeits­kräf­te vom Land in die Städ­te, die land­wirt­schaft­li­che Inten­si­vie­rung erhöht in den am bes­ten geeig­ne­ten Regio­nen sowohl die Pro­fi­ta­bi­li­tät der Pro­duk­ti­on als auch die Men­ge der her­ge­stell­ten Nah­rungs­mit­tel, wobei die Ent­völ­ke­rung der weni­ger geeig­ne­ten Stand­or­te durch markt­wirt­schaft­li­che Mecha­nis­men (Preis­ver­fall) beschleu­nigt wird. In den so ver­las­se­nen Gegen­den erobern sich die Wäl­der gan­ze Land­stri­che zurück. Mit ande­ren Wor­ten: Indus­tria­li­sie­rung und ein in der Land­wirt­schaft erwirt­schaf­te­ter Wohl­stand sind die Trieb­kräf­te der Ent­völ­ke­rung. Das klingt nach einer Win-Win-Situa­ti­on.

Der zwei­te Weg wird laut der Forest-Transi¬tion-Theorie durch Holz­man­gel indu­ziert. Die­ser führt nach Ansicht der Exper­ten zu stei­gen­den Holz­prei­sen, was wie­der­um die Land­ei­gen­tü­mer zu Inves­ti­tio­nen in Baum­plan­ta­gen anre­gen wird. Dank Inten­siv­forst­wirt­schaft, die künf­tig auch mit gen­tech­nisch ver­än­der­ten Bäu­men pro­du­zie­ren will, wird es mög­lich, den Holz­be­darf mit einem gerin­ge­ren Flä­chen­ver­brauch zu decken. So könn­ten die übri­gen Wäl­der von Abhol­zung ver­schont blei­ben, so daß dort Schutz­ge­bie­te ein­ge­rich­tet wer­den kön­nen und die bis­her noch bestehen­de Arten­viel­falt erhal­ten bleibt. Des­halb for­dern Patrick Mey­f­ro­idt (Katho­li­sche Uni­ver­si­tät in Lou­vain) und Eric F. Lam­bin (Stan­ford Uni­ver­si­ty – School of Earth Sci­en­ces), aus­ge­hend von der Pro­gno­se einer 20prozentigen Stei­ge­rung des Holz­ver­brauchs bis 2030, eine durch den Emis­si­ons­han­del sti­mu­lier­te Aus­brei­tung von Baum­plan­ta­gen. Eine Redu­zie­rung des Holz-und Papier­ver­brauchs vor­zu­schla­gen, kommt den bei­den Auto­ren, die auch als Poli­tik­be­ra­ter agie­ren, nicht in den Sinn. Sie räu­men zwar ein, daß Baum­plan­ta­gen »oft nega­ti­ve öko­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen« haben, doch ihre Schluß­fol­ge­run­gen gehen in eine ande­re Rich­tung: Die Poli­tik sol­le Baum­plan­ta­gen und deren Pro­duk­ti­vi­tät för­dern, »natur­freund­li­che« Land­wirt­schaft in Gegen­den unter­stüt­zen, die für eine indus­trie­mä­ßi­ge Groß­pro­duk­ti­on »auf­grund der bio­phy­si­ka­li­schen oder sozia­len Bedin­gun­gen« unge­eig­net sind, und die Zonie­rung von land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen betrei­ben, die ein hohes Poten­ti­al auf­wei­sen. Das klingt nicht gera­de nach einer Ein­be­zie­hung der loka­len Bevöl­ke­rung, die von der­lei Pla­nun­gen betrof­fen sein könn­te.

Abwan­de­rung in die Stadt
Was zeigt uns ein Blick in die Geschich­te der Forest Tran­si­ti­on? War es tat­säch­lich eine Win-Win-Situa­ti­on? Neh­men wir die drei am bes­ten unter­such­ten Län­der: In Groß­bri­tan­ni­en kam es im 19. Jahr­hun­dert zwar zu einer mas­si­ven Abwan­de­rung vom Land in die Stadt, nicht jedoch zu der für einen sol­chen Pro­zeß angeb­lich typi­schen Wie­der­be­wal­dung. Die umfang­rei­che Land-Stadt-Migra­ti­on war genau­er gesagt eine mas­si­ve Ver­trei­bung, ver­bun­den mit einer dra­ma­ti­schen Land­um­ver­tei­lung, die unter dem Namen »Enclo­sure Move­ment« (Ein­zäu­nungs­be­we­gung) in die eng­li­sche Geschich­te ein­ging. Dabei nutz­ten die Besit­zer der ent­ste­hen­den Fabri­ken die Arbeits­kraft der ent­wur­zel­ten Bevöl­ke­rung aus­ge­spro­chen gern. Im Ergeb­nis die­ser schon von Fried­rich Engels und Karl Marx ana­ly­sier­ten Ent­eig­nungs­wel­le war im Jahr 1876 die Hälf­te der gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che von Eng­land und Wales in der Hand von nur 2250 Men­schen kon­zen­triert.

Doch eine Wie­der­be­wal­dung der ent­völ­ker­ten Gebie­te blieb nicht nur aus, son­dern die Wald­flä­chen wur­den wei­ter redu­ziert. Die ehe­ma­li­gen gemein­schaft­lich genutz­ten Wei­den wur­den von den neu­en Eigen­tü­mern in Acker­land umge­wan­delt. Den­noch wuch­sen trotz stei­gen­der Gesamt­pro­duk­ti­on auch die Agrar­im­por­te. Ein­fuh­ren aus der Quas­iko­lo­nie Irland deck­ten 1840 min­des­tens ein Sechs­tel des eng­li­schen Nah­rungs­mit­tel­be­darfs. Hin­zu kamen Impor­te aus den Kolo­ni­en in Asi­en und Afri­ka. Wäh­rend sich Groß­bri­tan­ni­en 1860 noch zu vier Fünf­teln selbst ver­sorg­te, war die­ser Anteil im Jahr 1913 auf 45 Pro­zent gesun­ken. Dies hat­te teil­wei­se mit der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung in Eng­land zu tun, die sich von 8,3 Mil­lio­nen Ein­woh­nern im Jahr 1801 inner­halb eines Jahr­hun­derts nahe­zu ver­vier­facht hat­te – auf 30,5 Mil­lio­nen im Jahr 1901. In die­ser Peri­ode ver­schwan­den Wäl­der kon­ti­nu­ier­lich, bis ihr Flä­chen­an­teil in den 1920er Jah­ren den Tief­stand von weni­ger als fünf Pro­zent erreich­te. Schließ­lich schritt die Poli­tik ein und sorg­te mit der Grün­dung einer staat­li­chen Forst­kom­mis­si­on für eine geziel­te, lang­sam vor­an­schrei­ten­de Wie­der­auf­fors­tung. Heu­te sind 11,8 Pro­zent des Ver­ei­nig­ten König­rei­ches wie­der mit Wald bedeckt. Es waren also nicht die »Markt­kräf­te« bzw. der ver­meint­li­che Auto­ma­tis­mus einer durch Wohl­stand erzeug­ten Urba­ni­sie­rung, die eine Trend­wen­de bewirk­ten, son­dern die Durch­set­zung eines poli­ti­schen Wil­lens.

In Frank­reich spiel­ten im Vor­feld der Wie­der­be­wal­dung sowohl quan­ti­ta­ti­ve Fak­to­ren (feh­len­de Wald­de­cke, Holz­prei­se, zuneh­men­de Nut­zung fos­si­ler Brenn­stof­fe) als auch qua­li­ta­ti­ve Fak­to­ren (öffent­li­ches Bewußt­sein, die Anwen­dung von Geset­zen usw.) eine Rol­le. Der Wald­zu­wachs begann, nach­dem 1827 ein neu­es Forst­ge­setz (Code Fores­tier) ver­ab­schie­det wur­de. Regio­nal begrenz­te öko­lo­gi­sche Desas­ter – Über­schwem­mun­gen infol­ge der Abhol­zung eines Teils der Alpen, die Ver­kars­tung von Ardè­che und Ceven­nen – wur­den als natio­na­le Kata­stro­phe emp­fun­den und schu­fen die not­wen­di­ge Stim­mung zur Durch­set­zung des Geset­zes. Damit ver­bun­den war eine Pri­va­ti­sie­rung der Wäl­der der Feu­dal­her­ren als Nach­wir­kung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Das Bestre­ben der neu­en Wald­be­sit­zer, die von ihnen ange­leg­ten Baum­plan­ta­gen kom­mer­zi­ell zu ver­wer­ten, geriet zuneh­mend mit den tra­di­tio­nel­len Nut­zungs­an­sprü­chen der Land­be­völ­ke­rung (Wald­wei­de, Brenn­holz) in Kon­flikt. In der von den Eli­ten bestimm­ten öffent­li­chen Wahr­neh­mung war die Land­be­völ­ke­rung schuld an der Zer­stö­rung der Wäl­der. Die Dif­fa­mie­rung die­ser Gesell­schafts­schicht als »faul« und »igno­rant« sowie eine über­trie­be­ne Dar­stel­lung der von der Land­be­völ­ke­rung ver­ur­sach­ten Wald­zer­stö­rung war ein Cha­rak­te­ris­ti­kum der Berich­te jener Zeit. Das erin­nert an den heu­ti­gen Dis­kurs zur Umwelt­zer­stö­rung in den Län­dern des Südens. Auch da gibt es nicht weni­ge Stim­men, die das feh­len­de Umwelt­be­wußt­sein und die man­geln­de Auf­klä­rung der armen Bevöl­ke­rung als trei­ben­de Kraft der dor­ti­gen Umwelt­zer­stö­rung beschrei­ben.

Die Beschul­di­gung der Berg­be­woh­ner Frank­reichs legi­ti­mier­te qua­si ihre Ver­trei­bung und Ent­eig­nung sowie die Anpflan­zung neu­er indus­tri­el­ler Wäl­der. Von 1848 bis 1850 waren in Frank­reichs Wäl­dern zwi­schen 18000 und 60000 Sol­da­ten im Ein­satz, um dem Forst­ge­setz von 1827 und den pri­va­ten Besitz­an­sprü­chen Gel­tung zu ver­schaf­fen. Der länd­li­che Exo­dus und die Wie­der­be­wal­dung Frank­reichs waren damit besie­gelt, wenn­gleich es noch spo­ra­di­schen Wider­stand bis 1872 gab. Auch ande­re Fak­to­ren haben zu Frank­reichs Wie­der­be­wal­dung bei­ge­tra­gen. So wur­de im 19. Jahr­hun­dert statt Holz immer mehr Koh­le ver­braucht. Kar­tof­feln mit höhe­rem Flä­chen­er­trag im Ver­gleich zu Getrei­de wur­den zum Grund­nah­rungs­mit­tel der armen Bevöl­ke­rung. Eisen­bah­nen ermög­lich­ten den Trans­port von Lebens­mit­teln in die urba­nen Bal­lungs­zen­tren.

Im Detail ver­schie­de­ne, aber ähn­li­che Ent­wick­lun­gen führ­ten auch in ande­ren euro­päi­schen Län­dern zur Wie­der­be­wal­dung. Geset­ze zur Wie­der­auf­fors­tung wur­den 1852 in Öster­reich und 1859 in Bay­ern ver­ab­schie­det.

In den USA schuf die For­rest-Tran­si­ti­on-Theo­rie fol­gen­den Mythos: Die anfäng­li­che wirt­schaft­li­che Ent­fal­tung beginnt mit einer Ent­wal­dung. In einer spä­te­ren Pha­se aber wer­den land­wirt­schaft­li­che Flä­chen frei­ge­ge­ben, so daß die Wäl­der wie­der auf­wach­sen kön­nen. Was lokal und regio­nal zutraf (in New Eng­land und ande­ren Bun­des­staa­ten an der Ost­küs­te), erweist sich bei natio­na­ler Betrach­tung und gründ­li­cher erneu­ter Ana­ly­se als falsch. Die Wald­ver­lus­te hat­ten sich ein­fach nur nach Wes­ten ver­la­gert, und par­al­lel dazu brei­te­te sich der Wald an der Ost­küs­te wie­der aus, so daß sich am Ende im güns­tigs­ten Fall ein Null­sum­men­spiel ergab.

Zusam­men­fas­send läßt sich sagen, daß die Land-Stadt-Migra­ti­on in der Ära der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on weder eine fried­li­che Ent­wick­lung dar­stell­te, bei der die Bevöl­ke­rung die länd­li­chen Gebie­te frei­wil­lig ver­ließ, um ein beque­me­res Leben in den Städ­ten zu suchen, noch war sie in jedem Fall mit einer Wie­der­be­wal­dung ver­bun­den.

Berech­nun­gen über Jahr­zehn­te
In der heu­ti­gen glo­ba­li­sier­ten Welt kann eine Unter­su­chung der Wald­ent­wick­lung auf Länder¬ebene schnell zu fal­schen Schluß­fol­ge­run­gen füh­ren, wenn die inter­na­tio­na­len Waren­strö­me außer acht gelas­sen wer­den. Die Scho­nung der Wald­be­stän­de in Chi­na und Finn­land wur­de zum Teil durch Holz­im­por­te aus Ruß­land erkauft. Dies scheint inzwi­schen eine all­ge­mei­ne Ten­denz zu sein. In letz­ter Zeit häu­fen sich Berich­te dar­über, daß es nicht nur ein­zel­ne Län­der sind, die ihre Wald­bi­lanz zu Las­ten Drit­ter auf­bes­sern. In vie­len rei­chen Staa­ten kann eine Wie­der­be­wal­dung dank Import von Holz­pro­duk­ten erfol­gen. Unter den 34 Län­dern, die in die­se Kate­go­rie fal­len, fin­den sich neben Chi­na und den USA auch Ita­li­en, Japan, die Nie­der­lan­de und Spa­ni­en.

Die US-ame­ri­ka­ni­sche Natur­wis­sen­schaft­le­rin Juli­an­ne Mills Busa (Smith Col­le­ge in Northampton/Massachusetts) stell­te die Men­ge des gehan­del­ten Hol­zes dem Bin­nen­ver­brauch von Holz­pro­duk­ten in 176 Län­dern über den Zeit­raum von 1972 bis 2009 gegen­über. Mit ihren Ergeb­nis­sen wider­legt sie zwei Mythen, die in der neo­li­be­ra­len Dis­kus­si­on über Armut und Umwelt eine zen­tra­le Rol­le spie­len, näm­lich ers­tens, daß es die »Armut« sei, die Umwelt zer­stört und zwei­tens, daß »grü­nes« Wachs­tum eine Lösung für die Umwelt­pro­ble­me dar­stel­le. Die Ver­fol­gung der Waren­strö­me von Holz und Holz­pro­duk­ten legt offen, daß rei­che Län­der, die den ent­spre­chen­den Ver­brauch durch Import abde­cken statt durch hei­mi­sche Res­sour­cen, so Busa, »die Illu­si­on eines Natur­schut­zes im eige­nen Land erzeu­gen, wäh­rend sie welt­weit zur Natur­zer­stö­rung bei­tra­gen«.

Unter Bezug­nah­me auf die in Poli­tik und Wis­sen­schaft ver­brei­te­te Ansicht, Öko­ef­fi­zi­enz und Öko­tech­no­lo­gie sei­en Schlüs­sel für nach­hal­ti­ges Wachs­tum in den rei­chen Län­dern und für »Ent­wick­lung« der armen Län­der, berech­ne­te sie einen spe­zi­el­len Koef­fi­zi­en­ten, der neben Holz­ver­brauch und Han­dels­strö­men auch die Effi­zi­enz bei der Holz­ge­win­nung und -ver­ar­bei­tung in Rech­nung stell­te. Danach tra­gen rei­che Län­der auch nach Ein­füh­rung nach­hal­ti­ger Tech­no­lo­gi­en noch zur Zer­stö­rung der Wäl­der in den armen Län­dern bei. »Die Ent­kopp­lung von Pro­duk­ti­on und Ver­brauch erzeugt eine Tren­nung zwi­schen Pro­blem und poli­ti­scher Lösung. Das Wald­ma­nage­ment inner­halb der Län­der kol­li­diert mit den glo­ba­len Zie­len zum Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt«, ist ihre Schluß­fol­ge­rung.

Posi­ti­ves aus El Sal­va­dor
Forest Tran­si­ti­on gibt es aber auch jen­seits des Exports der eige­nen Umwelt­zer­stö­rung. Dafür steht eine Rei­he von Bei­spie­len aus klei­ne­ren Län­dern des Südens, jedes mit sei­ner eige­nen Geschich­te. Stell­ver­tre­tend sei hier die Ent­wick­lung in El Sal­va­dor skiz­ziert, einem mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Land mit einer Flä­che von 21000 Qua­drat­ki­lo­me­tern, des­sen Wäl­der Ende der 1970er Jah­re nahe­zu voll­kom­men abge­holzt waren. Von 1990 bis 2000 nah­men die locker bewal­de­ten Flä­chen um mehr als ein Fünf­tel zu und die dicht bewal­de­ten um mehr als sechs Pro­zent. Die Wie­der­be­wal­dung des Lan­des war von neo­li­be­ra­len Refor­men und vom Bür­ger­krieg beein­flußt, der dort von 1980 bis 1992 statt­fand.

Bereits wäh­rend der bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen sorg­te die Natio­na­le Befrei­ungs­front Fara­bun­do Mar­tí (FMLN) in dem von ihr kon­trol­lier­ten Ter­ri­to­ri­um dafür, daß der Wald unan­ge­tas­tet blieb, vor allem, um Sicht­schutz für ihre Ope­ra­tio­nen zu gewähr­leis­ten. Außer­dem wur­de durch die Prä­senz der FMLN die Expan­si­on der agro­in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on gestoppt. Der Bür­ger­krieg hat­te aber auch zur Fol­ge, daß ein Sechs­tel der Bevöl­ke­rung ins Aus­land flüch­te­te, ver­bun­den mit regel­mä­ßi­gen Geld­sen­dun­gen an ihre zurück­ge­blie­be­nen Ver­wand­ten. Dies, in Kom­bi­na­ti­on mit dem Ver­fall der Welt­markt­prei­se für land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te, hat­te den größ­ten Effekt auf die Ver­än­de­rung der Land­schaft. Bei einem Preis­in­dex für deren Erzeug­nis­se, der im Jahr 2000 nur noch ein Vier­tel der Indi­zes der 1970er Jah­re betrug, fehl­te der öko­no­mi­sche Anreiz zur land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on.

Ein wei­te­rer Fak­tor war die, wenn auch unvoll­kom­me­ne Land­re­form der 1980er Jah­ren. Sie war zwar als Ergän­zung zur mili­tä­ri­schen »Befrie­dung« des Lan­des ein Teil der Auf­stands­be­kämp­fungs­stra­te­gie, aber im Ver­gleich zu ande­ren latein­ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten umfang­rei­cher. Und sie hat­te einen gewis­sen umver­tei­len­den Cha­rak­ter. Sie betraf ein Fünf­tel der Lan­des­flä­che und brach­te Besitz­ti­tel für ein Vier­tel der Bevöl­ke­rung, wobei die Reform sowohl indi­vi­du­el­les als auch kol­lek­ti­ves Eigen­tum gestat­te­te. Vor die­ser Land­re­form war die Abhol­zung (»Urbar­ma­chung«) von Flä­chen die Metho­de der Wahl, um Besitz­an­sprü­che gel­tend zu machen. Neben der Schaf­fung einer rela­ti­ven Rechts­si­cher­heit waren die Refor­men auch mit insti­tu­tio­nel­len und kol­lek­ti­ven Ver­än­de­run­gen in der ter­ri­to­ria­len Orga­ni­sa­ti­on ver­bun­den, ein­schließ­lich der Prä­ven­ti­on von Wald­brän­den, der gemein­sa­men Ver­wal­tung von Wäl­dern und einer Kon­trol­le der Jagd. Auf tech­ni­scher Ebe­ne wur­den vie­le der von der Land­re­form betrof­fe­nen Gemein­den durch natio­na­le und inter­na­tio­na­le NGO bera­ten, die die Ein­füh­rung agrar­öko­lo­gi­scher Model­le för­der­ten.

Auf der Grund­la­ge einer Misch­pro­duk­ti­on, die den Anbau von Kaf­fee und Früch­ten, Kunst­hand­werk, Pflan­zen­me­di­zin und die geziel­te statt einer will­kür­li­chen Gewin­nung von Feu­er­holz umfaß­te, nahm die Wald­de­cke auch in Gebie­ten mit über 250 Ein­woh­nern pro Qua­drat­ki­lo­me­ter zu. So wur­de die bio­lo­gi­sche Viel­falt sogar in die­sen dicht besie­del­ten Regio­nen geför­dert. Dort wach­sen z.B. inzwi­schen über 100 ver­schie­de­ne Gefäß­pflan­zen­ar­ten pro Hekt­ar.

Die Wie­der­be­wal­dung von El Sal­va­dor steht in schar­fem Wider­spruch zu den aggres­si­ven glo­ba­len Wie­der­auf­forstungs­pro­gram­men, bei dem Mana­ger schnell wach­sen­de, kurz­le­bi­ge Arten mit gerin­ger Holz­dich­te bevor­zu­gen. Die­se Pro­jek­te sind allein dar­auf ange­legt, Gewin­ne im CO2-Han­del zu erzie­len. Plan­ta­gen mit nur weni­gen Baum­ar­ten haben zudem eine hohe Aus­fall­ra­te, ins­be­son­de­re dann, wenn sie an den kon­kre­ten Stand­ort unge­nü­gend ange­paßt sind. So waren z.B. nur zwei von 98 unter­such­ten Plan­ta­gen­pro­jek­ten in Bra­si­li­en erfolg­reich. Auch die kon­ven­tio­nel­len Wie­der­auf­forstungs­pro­jek­te in der in der Sahel­zo­ne gele­ge­nen Repu­blik Niger waren lan­ge Zeit erfolg­los, bis man sich schließ­lich besann, dem tra­di­tio­nel­len Wis­sen der dort leben­den Bäue­rin­nen und Bau­ern Beach­tung zu schen­ken. Die tat­säch­li­che Wie­der­her­stel­lung von Wäl­dern, egal ob auf natio­na­ler, regio­na­ler oder loka­ler Ebe­ne, erfor­dert vie­le Jahr­zehn­te an finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung, poli­ti­schem Wil­len, Arbeit und per­sön­li­chem Enga­ge­ment. »Letz­ten Endes ist die Zukunft eines natür­li­chen Öko­sys­tems nicht von sei­nem Schutz vor dem Men­schen abhän­gig, son­dern von sei­ner Bezie­hung zu den Men­schen, die es bewoh­nen oder die Land­schaft mit ihm tei­len«, mahnt Wil­liam R. Jor­dan III, der US-ame­ri­ka­ni­sche Mit­be­grün­der einer restau­ra­ti­ven Wal­döko­lo­gie.
Von Peter Clausing erscheint im Okto­ber im Unrast-Ver­lag sein neu­es Buch »Die Matrix der Natur«.

Erschie­nen in jun­ge Welt vom 19.6.2013

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