Bill Gates in Afri­ka

Die­sen Bei­trag gibt es auch auf Fran­zö­sisch und Spa­nisch

Seit 2006 bemüht sich, rela­tiv wenig beach­tet, die „Alli­anz für eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka“, den pro­fi­ta­blen Teil der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft in den Welt­markt zu inte­grie­ren. Hin­zu kommt, dass par­al­lel dazu, eben­falls in Afri­ka, seit 2010 ver­sucht wird, eine wich­ti­ge Kom­po­nen­te agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­ver­fah­ren unter pri­va­te Kon­trol­le zu brin­gen – die bio­lo­gi­sche Anrei­che­rung von Stick­stoff im Boden. Wie­der­um gehört die Bill & Melin­da Gates-Stif­tung zu den Haupt­ak­teu­ren.

Von Peter Clausing

TEIL I

Zuge­ge­ben, Revo­lu­tio­nen sind aus der Mode gekom­men. Dabei wäre eine grü­ne Revo­lu­ti­on, die die­sen Namen tat­säch­lich ver­dient, in Afri­ka bit­ter nötig. Denn einer­seits ist für 200 Mil­lio­nen der dort leben­den Men­schen Hun­ger eine täg­lich Rea­li­tät, ande­rer­seits ist das Poten­ti­al vor­han­den, Afri­kas Bevöl­ke­rung jetzt und auch per­spek­ti­visch mit Hil­fe agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­ver­fah­ren zu ernähren.1 Doch die grü­ne Revo­lu­ti­on, an die wir den­ken, wenn wir die­sen Begriff hören, hat­te Afri­ka nie­mals erreicht.

Die »Grü­ne Revo­lu­ti­on«
Die Geschich­te des Begrif­fes »Grü­ne Revo­lu­ti­on« geht bis in die 1960er Jah­re zurück. Er wur­de von Wil­liam Gaud geprägt, damals Direk­tor der US-»Entwicklungshilfe«-Behörde USAID (United Sta­tes Agen­cy for Inter­na­tio­nal Deve­lop­ment). Gaud hielt am 8. März 1968 in Washing­ton eine Rede, in der er die »fried­li­che«, von den USA initi­ier­te Grü­ne Revo­lu­ti­on der »gewalt­sa­men Roten Revo­lu­ti­on der Sowjets« gegen­über­stell­te und mit der die letz­te­re ein­ge­dämmt wer­den soll­te. Fünf Wochen zuvor hat­te im Viet­nam­krieg die Tet-Offen­si­ve begon­nen. Die Grü­ne Revo­lu­ti­on ist somit in Wirk­lich­keit eine Kon­ter­re­vo­lu­ti­on.

Das im Viet­nam­krieg erleb­te Fias­ko der USA war der Höhe­punkt in einer Ket­te von Ereig­nis­sen, die die ame­ri­ka­ni­sche Vor­herr­schaft in (Süd-)Ostasien in Fra­ge stell­te. Zusätz­lich zu der »Kata­stro­phe«, daß Chi­na 1949 nach dem Bür­ger­krieg nicht von Tschiang Kai Schek, son­dern von der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei regiert wur­de. Zudem hat­te in den 1950er Jah­ren der Korea­krieg nicht den gewünsch­ten Aus­gang, die ehe­ma­li­ge US-Kolo­nie Phil­ip­pi­nen wur­de durch einen Gue­ril­la­krieg erschüt­tert, und in Indi­en fan­den Brot­re­vol­ten statt. Auch der 1964 von den USA vom Zaun gebro­che­ne Viet­nam­krieg konn­te nicht zu ihren Guns­ten ent­schie­den wer­den. Die Grü­ne Revo­lu­ti­on war Teil der US-ame­ri­ka­ni­schen Bemü­hun­gen, die Hege­mo­nie in die­ser Regi­on zurück­zu­ge­win­nen. Die­se Stra­te­gie wur­de schon seit den 1950er Jah­ren ver­folgt, auch wenn die öffent­li­che Erwäh­nung des Begriffs »Grü­ne Revo­lu­ti­on« erst 1968 erfolg­te. Die kurz­zei­ti­gen Erfol­ge die­ser Grü­nen Revo­lu­ti­on trug dazu bei, daß die sozia­len Span­nun­gen in die­ser Welt­re­gi­on nach­lie­ßen.

Wenn man heu­te zu Recht vom Schei­tern die­ser Grü­nen Revo­lu­ti­on spricht, denkt man vor allem an die inzwi­schen ein­ge­tre­ten Ertrags­rück­gän­ge auf den ermü­de­ten Böden, die mit ihr ver­bun­de­ne Umwelt­ver­schmut­zung und die Erschöp­fung der Was­ser­vor­rä­te, deren Nut­zung eine Vor­aus­set­zung für ihr Funk­tio­nie­ren war. Der hege­mo­nia­le Aspekt der »Grü­nen Revo­lu­ti­on« des 20. Jahr­hun­derts ist wei­test­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Daß heu­te 200 Mil­lio­nen chro­nisch unter­ernähr­te Inder auf einem Berg von 20 Mil­lio­nen Ton­nen Getrei­de­vor­rä­ten sit­zen, die nicht frei­ge­ge­ben wer­den, um die Prei­se nicht zu ver­der­ben, wirft ein Licht auf das sozia­le Ver­sa­gen die­ses land­wirt­schaft­li­chen Modells. Doch der Image­ver­lust, den die »alte« Grü­ne Revo­lu­ti­on bis­lang erlit­ten hat, ist nur ein par­ti­el­ler, denn all das scheint nicht son­der­lich zu stö­ren. Zu stark sind die Bil­der von den wie­gen­den Korn­fel­dern, und zu mäch­tig ist der Dis­kurs von der erfolg­rei­chen Ver­hin­de­rung einer aku­ten Hun­ger­ka­ta­stro­phe, ins­be­son­de­re in Indi­en. Mit­hin war das Image der Grü­nen Revo­lu­ti­on posi­tiv genug, um den Begriff im Jahr 2006 erneut zu ver­wen­den, als die Rocke­fel­ler- und die Bill- und Melin­da-Gates-Stif­tung gemein­sam die Grün­dung einer »Alli­anz für eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka« (AGRA) bekannt­ga­ben. Die­se nach wie vor unge­nü­gend beach­te­te Mons­ter­al­li­anz ist inzwi­schen in 14 afri­ka­ni­schen Län­dern aktiv und hat bis Ende 2011 ins­ge­samt 380 Mil­lio­nen Dol­lar für das Ziel aus­ge­ge­ben, den pro­fi­ta­blen Teil der afri­ka­ni­schen Klein­bau­ern­schaft in die glo­ba­le Markt­wirt­schaft ein­zu­bin­den.

Gesä­te Armut
Die bei­den Stif­tun­gen (Gates seit eini­gen Jah­ren, Rocke­fel­ler schon seit lan­gem) zei­gen ein auf­fäl­li­ges Inter­es­se am The­ma Ernäh­rung. Ins­be­son­de­re wenn es sich dabei um Saat­gut han­delt und um die Fra­ge, auf wel­che Art und Wei­se Nah­rungs­mit­tel pro­du­ziert wer­den. Sowohl bei der alten, als auch bei der neu­en, der afri­ka­ni­schen Grü­nen Revo­lu­ti­on geht es sowohl um die Erschlie­ßung neu­er Märk­te als auch um geo­stra­te­gi­sche Inter­es­sen, wobei die Ana­ly­se letz­te­rer die Mög­lich­kei­ten die­ser The­ma­sei­te über­stei­gen wür­de.

Das stän­dig wach­sen­de Enga­ge­ment Chi­nas in diver­sen afri­ka­ni­schen Län­dern wird von den USA kri­tisch beäugt. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint die The­se, daß die AGRA in Wirk­lich­keit die betref­fen­den Län­der unter Kon­trol­le brin­gen will, nicht abwe­gig. Ähn­lich wie zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges stellt sie einen Ver­such dar, über die Ver­füg­bar­ma­chung von Nah­rungs­mit­teln, die »Her­zen und Hir­ne« der betref­fen­den Regi­on zu gewin­nen. Vor allem geht es aber um die Eta­blie­rung von »Wert­schöp­fungs­ket­ten« in der (afri­ka­ni­schen) Land­wirt­schaft. Ein Vor­ha­ben, das die Welt­bank in ihrem 2008 ver­öf­fent­lich­ten World Deve­lop­ment Report aus­for­mu­lier­te und dem die »phil­an­thro­pi­schen« Pro­jek­te der Stif­tun­gen von Gates, Rocke­fel­ler und – wie noch zu zei­gen sein wird – Howard G. Buf­fett hun­dert­pro­zen­tig ent­spre­chen.

Die AGRA, zu deren Vor­sit­zen­dem der ehe­ma­li­ge UN-Gene­ral­se­kre­tär Kofi Ann­an aus­er­ko­ren wur­de, hat nach eige­nen Anga­ben vier Län­der (Gha­na, Mali, Moçam­bi­que und Tan­sa­nia) als »Brotkorb«-Regionen zum Schwer­punkt. Dar­über hin­aus ist sie in wei­te­ren zehn Län­dern aktiv (Äthio­pi­en, Bur­ki­na Faso, Kenia, Mala­wi, Niger, Nige­ria, Ruan­da, Sam­bia, Repu­blik Süd­afri­ka, Ugan­da). Allein die vor­ran­gi­ge Kon­zen­tra­ti­on auf eine »Brotkorb«-Region straft die auf der AGRA-Web­site behaup­te­te Armuts­be­kämp­fung Lügen.

Der­zeit wird die Alli­anz neben den bei­den Grün­der­stif­tun­gen von 14 wei­te­ren Insti­tu­tio­nen finan­ziert, dar­un­ter die Regie­run­gen von Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en, Luxem­burg, Nor­we­gen, Schwe­den, Gha­na, Kenia und den USA. Zu ihren Part­nern gehört unter ande­rem die »Asso­zia­ti­on Euro­päi­scher Par­la­men­ta­ri­er für Afri­ka«, die ins­ge­samt 1500 Mit­glie­der umfaßt. In einer im Dezem­ber 2012 in Ber­lin gehal­te­nen Rede brach­te Kofi Ann­an sei­ne Hoff­nung zum Aus­druck, daß auch Deutsch­land bald zu den För­de­rern gehö­ren wer­de. Ann­an ver­wies auf die Erfol­ge der Alli­anz: Mit der Hil­fe loka­ler Bäue­rin­nen und Bau­ern sei­en 400 neue Pflan­zen­sor­ten ent­wi­ckelt und »frei­ge­ge­ben« wor­den. Außer­dem wur­den 14000 Agrar­händ­ler (sic!) aus­ge­bil­det, um die neu­en Hybrid­sor­ten sowie Dün­ge­mit­tel in länd­li­chen Gemein­den zu ver­tei­len.

Das eine muß man der AGRA las­sen – die ver­spro­che­ne Trans­pa­renz, wenn­gleich ver­brämt, läßt sie wal­ten. Was machen Agrar­händ­ler, wenn sie die neu­es­ten Sor­ten »ver­tei­len«? Sie ver­kau­fen Saat­gut. Wo? In länd­li­chen Gemein­den. Und wo kommt das Saat­gut her? Es wur­de »mit Hil­fe loka­ler Bäue­rin­nen und Bau­ern ent­wi­ckelt«. Im Klar­text: Afri­ka­ni­sche Bäue­rin­nen und Bau­ern, die über Genera­tio­nen lokal angepaß­te Sor­ten gezüch­tet haben, stell­ten kos­ten­lo­ses Saat­gut zur Ver­fü­gung, das ihnen nach ein paar Kreu­zun­gen wie­der ver­kauft wird.

Kri­ti­ker des Pro­jekts wie La Via Cam­pe­si­na, die glo­ba­le Föde­ra­ti­on von Klein­bau­ern­or­ga­ni­sa­tio­nen, wuß­ten nur zu gut, war­um sie die AGRA von Anbe­ginn als Tro­ja­ni­sches Pferd bezeich­ne­ten. Durch sie sol­len in der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft patent­ge­schütz­te Sor­te, Gen­tech­nik und markt­wirt­schaft­li­che Abhän­gig­kei­ten ver­an­kert wer­den. Auch das Welt­so­zi­al­fo­rum in Nai­ro­bi schlug am 25. Janu­ar 2007 Alarm. Es ver­sah sei­ne damals ver­ab­schie­de­te Erklä­rung mit dem Titel »Afri­kas Reich­tum an Saat­gut­viel­falt und bäu­er­li­chem Wis­sen – bedroht durch die ›Grü­ne Revolution‹-Initiative von Gates- und Rocke­fel­ler-Stif­tung«. In ihrer land­wirt­schaft­li­chen Stra­te­gie 2008–2011 spricht die Gates-Stif­tung unver­blümt über deren sozia­le Kon­se­quen­zen: »Im Ver­lauf der Zeit wird die­se Stra­te­gie eine gewis­se Land­mo­bi­li­tät und einen gerin­ge­ren Anteil von direkt in der Land­wirt­schaft Beschäf­tig­ten erfordern.«2 Mit ande­ren Wor­ten, einen Teil der Klein­bäue­rin­nen und -bau­ern wird man in die Slums der afri­ka­ni­schen Metro­po­len bzw. vor die Tore der Fes­tung Euro­pa trei­ben.

Durch Kofi­nan­zie­rung ver­schie­de­ner Insti­tu­tio­nen geht der Ein­fluß der Gates-Stif­tung weit über die AGRA hin­aus. Neben ande­ren Insti­tu­ten des CGI­AR-Ver­bun­des3 wird das ICRISAT (Inter­na­tio­na­les Insti­tut für Nutz­pflan­zen­for­schung der semi-ari­den Tro­pen), des­sen jähr­li­ches Bud­get sich auf rund 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar beläuft, zur Hälf­te von der Gates-Stif­tung finan­ziert. Die Mit­ar­bei­ter der ICRI­SAT-For­schungs­sta­ti­on Mato­pos in Sim­bab­we sam­mel­ten über meh­re­re Jah­re tra­di­tio­nel­les Saat­gut von Hir­se- und Sorghum-Sor­ten, das ihnen die dor­ti­gen Klein­bau­er kos­ten­los über­lie­ßen. Mit Hil­fe die­ses gene­ti­schen Reich­tums ent­wi­ckel­te ICRISAT »ver­bes­ser­te« Sor­ten und ver­kauft die­se seit 2010 an kom­mer­zi­el­le Saat­gut­fir­men, die das dar­aus erzeug­te Saat­gut wie­der­um an die Klein­bau­ern zurück verkaufen.4 Das ist soge­nann­tes Bene­fit Sharing (Vor­teils­aus­gleich) nach den Regeln der Gates-Stif­tung. In die­sem Sin­ne agiert auch die Abtei­lung »Poli­tik­ge­stal­tung und Part­ner­schaf­ten«, eine von vier Berei­chen der AGRA. Sie ist damit befaßt, Regie­run­gen ein­zel­ner Län­der, wie z.B. Äthio­pi­ens, der Elfen­bein­küs­te und Moçam­bi­ques, dahin­ge­hend zu beein­flus­sen, daß sie Geset­ze zur Ver­hin­de­rung des frei­en Aus­tauschs von Saat­gut erlas­sen, natio­na­le Dün­ge­stra­te­gi­en ver­ab­schie­den und den Han­del mit Agrar­roh­stof­fen for­ma­li­sie­ren. Es ist sicher nicht abwe­gig zu ver­mu­ten, daß nach Eta­blie­rung vie­ler klei­ner Saat­gut­fir­men in den ver­schie­de­nen afri­ka­ni­schen Län­dern ein Pro­zeß der Kon­zen­tra­ti­on statt­fin­den wird, an des­sen Ende all die­se »Start-ups« von trans­na­tio­na­len Unter­neh­men geschluckt wer­den.

Sind dies nicht alles nur Behaup­tun­gen? Viel­leicht gelingt es ja doch, durch För­de­rung »pri­va­ter Initia­ti­ve« den Hun­ger zu bekämp­fen, indem die Erträ­ge und damit die Ein­kom­men not­lei­den­der Klein­bau­er ver­bes­sert wer­den? Kon­kre­te Stu­di­en zu den Erfah­run­gen mit der neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on bele­gen das Aus­blei­ben des immer wie­der ver­spro­che­nen »Trick­le-down-Effekts«, also der Behaup­tung, daß die Armen vom erwirt­schaf­ten Wohl­stand mit der Zeit gleich­falls pro­fi­tie­ren wür­den. Über­ein­stim­mend kom­men die Autoren der Unter­su­chun­gen zu der Schluß­fol­ge­rung, daß durch die Grü­ne Revo­lu­ti­on die sozia­le Ungleich­heit in den Län­dern nicht nur zemen­tiert, son­dern sogar ver­tieft wird. Armuts­be­kämp­fung soll­te anders aus­se­hen, nicht so, daß die Rei­chen rei­cher und die Armen ärmer wer­den. Das aller­dings ist die über­grei­fen­de Erkennt­nis der in Mala­wi, Sene­gal und Swa­si­land durch­ge­führ­ten For­schun­gen zu den bis­he­ri­gen Effek­ten der Grü­nen Revo­lu­ti­on in Afrika.5

Erfolg ohne »Exper­ten«
Mala­wi wird gern als Erfolgs­ge­schich­te prä­sen­tiert. Iro­ni­scher­wei­se basiert der Erfolg des von der Welt­bank und ande­ren Insti­tu­tio­nen pro­pa­gier­ten land­wirt­schaft­li­chen Modells dar­auf, daß sich die mala­wi­sche Regie­rung über die Vor­ga­ben die­ser Geld­ge­ber hin­weg­setz­te. Das Land wur­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten regel­mä­ßig von Hun­ger­kri­sen heim­ge­sucht. Nach der im Jahr 2005 ent­schloß sich die Regie­rung, sub­ven­tio­nier­te »Start­pa­ke­te«, bestehend aus Mine­ral­dün­ger und Saat­gut, wie­der­ein­zu­füh­ren. »Ending fami­ne, sim­ply by igno­ring the experts« (Den Hun­ger ein­fach durch das Igno­rie­ren der Exper­ten been­den) über­schrieb die New York Times am 2. Dezem­ber 2007 ihren Bei­trag über die­sen Schritt. Durch die­se Start­pa­ke­te wur­de die natio­na­le Mais­ern­te 2006 mit 2,6 Mil­lio­nen Ton­nen im Ver­gleich zum Vor­jahr mehr als ver­dop­pelt.

Die vor­letz­te Hun­ger­ka­ta­stro­phe, die im Jahr 2002 statt­fand, kos­te­te Schät­zun­gen zufol­ge 46000 bis 85000 Men­schen das Leben. Dies geschah, weil ein 1998 ein­ge­führ­tes Sub­ven­ti­ons­pro­gramm für Saat­gut und mine­ra­li­schen Dün­ger im Jahr 2001 auf Ver­lan­gen der wich­tigs­ten Geber­län­der (Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en, USA) und des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) dras­tisch gekürzt wer­den muß­te. Außer­dem ver­lang­te der IWF zwecks Ein­spa­rung von Lager­hal­tungs­kos­ten kurz vor Aus­bruch der Hun­gers­not den Ver­kauf der stra­te­gi­schen Getrei­de­re­ser­ven des Lan­des. Kor­rup­te Regie­rungs­be­am­te folg­ten die­ser Auf­for­de­rung bereit­wil­lig. Sie stie­ßen die kom­plet­te Reser­ve ab und berei­cher­ten sich dabei per­sön­lich. Ohne die stra­te­gi­schen Getrei­de­re­ser­ven, die den Preis­an­stieg hät­ten abfe­dern kön­nen, ver­drei­fach­te sich der Preis für Mais wäh­rend der Hun­gers­not und führ­te zu den genann­ten kata­stro­pha­len Ergeb­nis­sen. Doch sowohl das Sub­ven­ti­ons­pro­gramm von 1998 als auch die Ende 2005 wie­der ein­ge­führ­ten Start­pa­ke­te basie­ren auf Impor­ten von che­mi­schem Dün­ger und Hybrid­saat­gut für Mais, der in Mala­wi eben­so wie in ande­ren Län­dern des süd­li­chen bzw. süd­öst­li­chen Afri­ka das wich­tigs­te Grund­nah­rungs­mit­tel dar­stellt. Von 2006 bis 2011 ver­dop­pel­te sich der Welt­markt­preis für Mine­ral­dün­ger, und die Auf­wen­dun­gen für das Start­pa­ket-Pro­gramm erhöh­ten sich von 58,6 Mil­lio­nen US-Dol­lar im Jahr 2005/06 auf 210 Mil­lio­nen in den Jah­ren 2008/09. Es läßt sich abse­hen, daß der mala­wi­schen Regie­rung irgend­wann das Geld aus­ge­hen wird, so daß die Cou­pons zum Erwerb der zu einem Drit­tel des Markt­prei­ses ange­bo­te­nen Start­pa­ke­te nicht mehr ver­teilt wer­den kön­nen.

Sowohl Rachel Bez­ner Kerr als auch Marie Jav­da­ni kom­men in ihren Stu­di­en über die AGRA zu der Schluß­fol­ge­rung, daß eine grö­ße­re natio­na­le Mais­ern­te per se weder die Ernäh­rungs­si­cher­heit auf der Ebe­ne indi­vi­du­el­ler Haus­hal­te gewähr­leis­tet noch eine adäqua­te Nähr­stoff­ver­sor­gung sichert. Die allei­ni­ge Fokus­sie­rung auf eine Erhö­hung der Mais­er­trä­ge ändert bei­spiels­wei­se nichts an dem ver­brei­te­ten Zink- und Eisen­man­gel. Das wür­de eine viel­fäl­ti­ge­re Ernäh­rung auf Basis einer diver­si­fi­zier­ten Pro­duk­ti­on erfor­dern. Die Über­flu­tung Mala­wis mit Hybrid­saat­gut führt hin­ge­gen zum Ver­schwin­den der loka­len Mais­sor­ten. Die­se wer­den zwi­schen den Klein­bau­ern frei getauscht oder auf loka­len Märk­ten zu erschwing­li­chen Prei­sen gehan­delt, wäh­rend sämt­li­che Hybrid­mais­sor­ten von aus­län­di­schen Unter­neh­men ver­kauft wer­den. Sowohl die Start­pa­ke­te als auch die Hoch­leis­tungs­sor­ten der AGRA offe­rie­ren Heils­ver­spre­chen, die auf ein­zel­nen tech­no­lo­gi­schen Kom­po­nen­ten beru­hen, ohne daß grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Pro­ble­me wie unge­rech­te Land­ver­tei­lung und die Benach­tei­li­gung von Frau­en ange­gan­gen wer­den. Die AGRA ist zwar nicht an Mala­wis Subven¬tionsprogramm betei­ligt, nutzt aber die­ses Bei­spiel mas­siv, um ihr indus­tri­el­les land­wirt­schaft­li­ches Modell zu pro­pa­gie­ren.

Gesteu­er­te Abhän­gig­kei­ten
Die Schluß­fol­ge­rung von Rachel Bez­mer Kerr, daß die neue Grü­ne Revo­lu­ti­on Mala­wi nichts aus der alten in Asi­en gelernt habe, kann als Indiz gel­ten, daß hin­ter die­sen »Revo­lu­tio­nen« ganz ande­re Absich­ten ste­cken. Jean­ne Koop­man lie­fert dafür mit ihrer detail­ier­ten Ana­ly­se des Sze­na­ri­os im Tal des Sene­gal­flus­ses mehr als nur Indi­zi­en. Sie prä­sen­tiert eine ver­blüf­fen­de Sequenz von Ereig­nis­sen, die die sys­te­ma­ti­sche Unter­mi­nie­rung von Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät durch die internationa¬len Insti­tu­tio­nen offen­legt: Bis in die 1980er Jah­re exis­tier­te im Tal des Sene­gal­flus­ses ein über 100000 Hekt­ar umfas­sen­des intak­tes, tra­di­tio­nel­les Agrar­sys­tem in dem Hir­se, Boh­nen und Melo­nen ange­baut wur­den. Die­ses basier­te auf den all­jähr­li­chen Über­schwem­mun­gen im August und Sep­tem­ber, durch die Nähr­stof­fe und Feuch­tig­keit in den Boden gelang­ten. Dem Wech­sel der Jah­res­zei­ten fol­gend, gab es in die­ser Regi­on eine sai­so­na­le Tro­cken­heit, wobei sich dar­über hin­aus die in den 1970er und 1980er Jah­ren herr­schen­de Dür­re­pe­ri­ode der Sahel­zo­ne nega­tiv aus­wirk­te. In den 1980er Jah­ren wur­de beschlos­sen, zwei gigan­ti­sche, durch Welt­bank-Kre­di­te finan­zier­te Stau­däm­me zu bau­en, den am Ober­lauf des Flus­ses in Mali befind­li­chen Man­an­ta­li-Damm und den in Sene­gal nahe der Mün­dung befind­li­chen Dia­ma-Damm.

Mit inter­na­tio­na­ler För­de­rung wur­den ein durch Pum­pen betrie­be­nes Bewäs­se­rungs­sys­tem und der Anbau von Reis ein­ge­führt. Der Reis­an­bau war unwirt­schaft­lich, die sene­ga­le­si­sche Regie­rung wur­de aber von der Welt­bank aus­drück­lich dazu ermun­tert, die­sen durch inter­na­tio­na­le »Hilfs­gel­der« zu sub­ven­tio­nie­ren. 1986 wur­den sol­che Sub­ven­tio­nen, eben­falls von der Welt­bank, abrupt ver­bo­ten. Im Zuge der Struktur¬anpassungsmaßnahmen wur­de Sene­gal dar­über hin­aus gezwun­gen, sei­nen land­wirt­schaft­li­chen Bera­tungs­dienst ein­zu­stel­len und die Mon­teu­re, die die Bewäs­se­rungs­pum­pen war­te­ten, zu ent­las­sen. Anfang der 1990er Jah­re durf­ten die land­wirt­schaft­li­chen Inputs (Saat­gut, Dün­ger, Her­bi­zi­de) nicht mehr auf Kre­dit an die Bäue­rin­nen und Bau­ern aus­ge­ge­ben wer­den. Die Welt­bank eta­blier­te statt des­sen eine pro­fit­ori­en­tier­te Land­wirt­schafts­bank, die fort­an für die Aus­ga­be zustän­dig war. Letzt­end­lich muß­ten die Bau­ern ihre Kin­der zum Arbei­ten in die Städ­te schi­cken, um die Schul­den mit dem dort ver­dien­ten Geld abzu­be­zah­len. 1994 wur­de auf der Basis einer uni­la­te­ra­len Ent­schei­dung Frank­reichs der afri­ka­ni­sche Franc abge­wer­tet, so daß sich die Import­prei­se für Saat­gut und Agro­che­mi­ka­li­en mehr als ver­dop­pel­ten. 1995, als die glo­ba­len Reis­prei­se fie­len, setz­te USAID die sene­ga­le­si­sche Regie­rung so lan­ge unter Druck, bis die­se schließ­lich den Bin­nen­markt für Reis libe­ra­li­sier­te. So wur­de ein ursprüng­lich nach­hal­ti­ges land­wirt­schaft­li­ches Sys­tem, das auf natür­li­cher Über­flu­tung basier­te, zunächst in ein künst­li­ches Bewäs­se­rungs­sys­tem umge­stal­tet und anschlie­ßend schritt­wei­se zer­stört. Im Jahr wur­de nur noch ein Vier­tel der 80000 Hekt­ar umfas­sen­den Bewäs­se­rungs­flä­che bebaut.

Das war die Vor­ge­schich­te zum Ein­stieg von AGRA und Mill­en­ni­um Chal­len­ge Cor­po­ra­ti­on (MCC), einer im Jahr 2004 geschaf­fe­nen, von USAID unab­hän­gi­gen US-ame­ri­ka­ni­schen »Entwicklungshilfe«-Einrichtung. Im Jahr 2008 unter­zeich­ne­ten AGRA und MCC eine for­ma­le Absichts­er­klä­rung zur Koor­di­nie­rung ihres Poli­tik­dia­logs mit afri­ka­ni­schen Regie­run­gen. Die Rol­len­ver­tei­lung der bei­den Insti­tu­tio­nen, illus­triert an den Bei­spie­len Sene­gal und Mali, sieht fol­gen­der­ma­ßen aus: Im Sep­tem­ber 2009 unter­zeich­ne­ten MCC und die Regie­rung von Sene­gal einen Ver­trag über einen Kre­dit von 500 Mil­lio­nen Dol­lar zur Schaf­fung von Bewäs­se­rungs­in­fra­struk­tur auf 35000 Hekt­ar, die Erneue­rung von 150 Kilo­me­tern Stra­ße und ein Pro­jekt zur Land­pri­va­ti­sie­rung, um die Eigen­tums­ver­hält­nis­se der bewäs­ser­ten Flä­chen auf der Basis »moder­ner Gesetz­ge­bung« zu klä­ren. Der Ver­trag zwi­schen MCC und der Regie­rung schreibt vor, daß den Gemein­den 60 Pro­zent des Lan­des ver­bleibt, wäh­rend 40 Pro­zent Per­so­nen von außer­halb der Gemein­de über­schrie­ben wer­den sol­len. Die Gemein­den müs­sen also für den Ver­such, ihr zer­stör­tes Land und die ver­rot­te­ten Bewäs­se­rungs­an­la­gen wie­der­her­zu­stel­len, knapp die Hälf­te ihres Lan­des abge­ben.

In Mali sieht ein Ver­trag zwi­schen MCC und der dor­ti­gen Regie­rung vor, 22000 Hekt­ar zu pri­va­ti­sie­ren, die bis dahin als Wei­de­land genutzt wur­den. Den Hir­ten­fa­mi­li­en wer­den zwei Hekt­ar Land ange­bo­ten, die sie als Sicher­heit ein­set­zen müs­sen, um mit einer 20jährigen Hypo­thek die ande­ren drei Hekt­ar kau­fen zu kön­nen – zu einem Hekt­ar­preis zwi­schen 5775 und 7700 US-Dol­lar. Außer­dem erwar­tet man von ihnen, daß sie die von der AGRA zur Ver­fü­gung gestell­ten Pake­te mit teu­rem Saat­gut und che­mi­schen Inputs erwer­ben. Der Tages­ver­dienst eines Land­ar­bei­ters die­ser Regi­on liegt zwi­schen einem und andert­halb Dol­lar. Eine wahr­haft räu­be­ri­sche Kon­stel­la­ti­on, denn es wird erwar­tet, daß 90 Pro­zent die­ser »Neu­bau­ern« in kur­zer Zeit bank­rott gehen wer­den, so daß umso mehr Land für die zwei­te Pha­se die­ses MCC-Pro­jekts zur Ver­fü­gung steht. In die­ser Pha­se sol­len Flä­chen von zehn bis 30 Hekt­ar bewäs­ser­ter Flä­che an kom­mer­zi­el­le mali­sche Far­mer oder aus­län­di­sche Inves­to­ren ver­kauft wer­den. Die wer­den dann sehr gute Kun­den für die von der AGRA aus­ge­bil­de­ten Fach­be­ra­ter und Agrar­händ­ler sein, die ihnen die ent­spre­chen­den Hybrid­sor­ten emp­feh­len und mit allem Zube­hör ver­kau­fen wer­den.

Jean­ne Koop­man ver­weist auf eine »extrem enge« Per­so­nal­ver­flech­tung der obe­ren Lei­tungs­ebe­nen der AGRA mit Agrar­un­ter­neh­men wie Mon­s­an­to und Syn­gen­ta. Im Jahr 2001 ernann­te USAID auf dem Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos 17 Unter­neh­men, dar­un­ter die bei­den gera­de erwähn­ten sowie Carg­ill und DuPont, zu »Part­nern bei der Ent­wick­lung« in den Län­dern des Südens. Die­se »Ernen­nung« wur­de noch­mals bestä­tigt, als die­sel­ben Fir­men auf dem G-8-Tref­fen im Mai 2012 offi­zi­ell zu »Part­nern des pri­va­ten Sek­tors« für die neu gegrün­de­te »Alli­anz für Ernäh­rungs­si­cher­heit« gemacht wur­den.

Anmer­kun­gen
1 Oli­ver De Schutter: Report sub­mit­ted by the Spe­cial Rap­por­teur on the Right to Food. United Nati­ons, Gene­ral Assem­bly, 20.12.2010, A/HRC/16/49. Online: www.srfood.org/images/stories/pdf/officialreports/20110308_a-hrc-1649_agroecology_en.pdf

2 Sie­he dazu den Bericht der Orga­ni­sa­ti­on GRAIN: »Un¬ravelling the ›mira­cle‹ of Malawi’s green revo­lu­ti­on«, Janu­ar 2010. Online: www.grain.org/article/entries/4075-unravelling-the-miracle-of-malawi-s-green-revolution

3 CGIAR (Con­sul­ta­ti­ve Group on Inter­na­tio­nal Agri­cul­tu­ral Rese­arch) ist eine über­ge­ord­ne­te Orga­ni­sa­ti­on für 15 inter­na­tio­na­le, inzwi­schen größ­ten­teils pri­vat finan­zier­te Agrar­for­schungs­in­sti­tu­te

4 Carol B. Thomp­son (2012): Alli­an­ce for a Green Revo­lu­ti­on in Afri­ca (AGRA): Advan­cing the theft of Afri­can gene­tic wealth. Review of Afri­can Poli­ti­cal Eco­no­my 39; 345–350

5 Vgl. hier­zu die Ver­öf­fent­li­chun­gen im Inter­na­tio­nal Jour­nal of Agri­cul­tu­ral Sustai­na­bi­li­ty, Nr. 10, aus dem Jahr 2012 von Marie Jav­da­ni: »Malawi’s agri­cul­tu­ral input sub­s­idy«, S. 150–163; Alain Ter­ry: »Eva­lua­ting the Green Revo­lu­ti­on after a deca­de«, S. 135-149; sowie der Bei­trag von Jean­ne Koop­man: »Will Africa’s Green Revo­lu­ti­on squee­ze Afri­can fami­ly far­mers to death?«, in: Review of Afri­can Poli­ti­cal Eco­no­my 39, Sep­tem­ber 2012, S. 500–511 und Rachel Bez­ner Kerr: »Les­sons from the old Green Revo­lu­ti­on for the new«, in: Pro­gress in Deve­lop­ment Stu­dies 12, Janu­ar 2012, S. 213–229

TEIL II

Trotz fun­dier­ter Kri­tik aus lin­ker Per­spek­ti­ve hat es die, gemein­sam von der Rocke­fel­ler- sowie der Bill- und Melin­da-Gates-Stif­tung gegrün­de­te, »Alli­anz für eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka« (AGRA) geschafft, im media­len Main­stream und in der »Sze­ne« der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) rela­tiv unbe­ach­tet zu blei­ben und häu­fig nur ambi­va­lent wahr­ge­nom­men zu wer­den. Das ist nicht völ­lig ver­wun­der­lich, denn auch bei bestimm­ten NGOs zeigt sich die Gates-Stif­tung groß­zü­gig. So erhielt zum Bei­spiel Oxfam Ame­ri­ca seit 2008 über elf Mil­lio­nen US-Dol­lar. Was öffent­lich sicht­ba­re Kri­tik anbe­langt, wur­de die AGRA in den letz­ten sechs Jah­ren gera­de­zu stief­müt­ter­lich behan­delt. Man ver­glei­che dies nur mit den zahl­rei­chen kri­ti­schen Stu­di­en und Ver­an­stal­tun­gen zu den The­men Land Grab­bing (Land­nah­me) und Agro­treib­stof­fe (»Tank oder Teller«-Diskussion). Fast könn­te man sagen, daß es der AGRA gelun­gen ist, sich hin­ter die­sen Dis­kus­sio­nen zu ver­ste­cken. In jedem der Jah­res­be­rich­te von FIAN (Food­First Infor­ma­ti­ons- und Akti­ons-Netz­werk) für 2010 bis 2012 fin­det Land Grab­bing in der einen oder ande­ren Form Erwäh­nung. Zur AGRA ist von 2007 bis 2012 nichts zu fin­den. Auf der Web­site des katho­li­schen Hilfs­werks Mise­re­or gibt es 44 Tref­fer zu »Land Grab­bing«, doch weder zum Stich­wort AGRA noch zu »Alli­anz für eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka« wird man fün­dig. Ähn­lich sieht es auf der Web­site des evan­ge­li­schen Hilfs­werks »Brot für die Welt« aus: 112 Tref­fer zu »Land Grab­bing« und ein ein­zi­ges Doku­ment, das auch auf die AGRA ein­geht. Ledig­lich ein­zel­ne NGO-Mit­ar­bei­ter haben das The­ma in ihren Unter­su­chun­gen auf­ge­grif­fen. Bei­spiels­wei­se ist Roman Her­re, der 2008 eine Stu­die über sie­ben Stra­te­gi­en zur glo­ba­len Land­wirt­schaft ver­öf­fent­lich­te und in der die AGRA berück­sich­tigt wird, Mit­ar­bei­ter von FIAN. Eben­so der Mise­re­or-Mit­ar­bei­ter Ben­ja­min Luig, der die AGRA in einer Ana­ly­se vom Janu­ar 2013 erwähnt. Aber die feh­len­de Prä­senz der AGRA auf den betref­fen­den Web­sei­ten, weist auf die unter­ge­ord­ne­te Bedeu­tung hin, die die­sem gewal­ti­gen Pro­jekt bei­gemes­sen wird.

Zahn­lo­se NGO-Kri­tik
In einem von Kers­tin Ber­tow im Jahr 2011 im Auf­trag von Brot für die Welt ver­öf­fent­lich­ten Doku­ment heißt es, »die AGRA-Posi­ti­on wird stark kri­ti­siert von zahl­rei­chen NGOs und kirch­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen«. Aber den wei­te­ren Aus­füh­run­gen ist zu ent­neh­men, daß sich die Kri­tik vor allem auf das Feh­len eines »aus­ge­feil­ten Kon­zepts« und auf eine »ver­ein­fa­chen­de Argu­men­ta­ti­on« bezieht. Dem ist zu wider­spre­chen, denn die AGRA ver­fügt sehr wohl über ein aus­ge­feil­tes Kon­zept, allein, es hat nichts mit Armuts­be­kämp­fung und nach­hal­ti­ger länd­li­cher Ent­wick­lung zu tun. Inso­fern ist eine Kri­tik an der AGRA zahn­los, die sich dar­in erschöpft, daß »eine kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit den nega­ti­ven Fol­gen der Grü­nen Revo­lu­ti­on der 1960er Jah­re« fehlt, wie Roman Her­re in sei­ner Stu­die schreibt. Und es stellt sich auch nicht die Fra­ge, »ob bei allem Gere­de um die Bedeu­tung klein­bäu­er­li­cher Land­wirt­schaft in der Pra­xis die kom­mer­zi­el­le Landwirtschaft/Großbetriebe die Gewin­ner (…) sein werden«.1 Die­se Fra­ge ist längst beant­wor­tet. Gewinn für das »Big Busi­neß« ist der eigent­li­che Grund, war­um die AGRA und die mit ihr ver­netz­ten Initia­ti­ven geschaf­fen wur­den.

Phil­ip McMi­cha­el, Pro­fes­sor für Ent­wick­lungs­so­zio­lo­gie an der Cor­nell Uni­ver­si­ty in Itha­ca, USA, hin­ge­gen lie­fert eine Fun­da­men­tal­kri­tik am Sys­tem der land­wirt­schaft­li­chen »Ent­wick­lung« in den Län­dern des Südens, wie es von der AGRA, der Welt­bank und ande­ren Geld­ge­bern pro­pa­giert wird – eine Kri­tik an der Eta­blie­rung land­wirt­schaft­li­cher Wertschöpfungsketten.2 Die Schaf­fung von Wert­schöp­fungs­ket­ten ist das Kern­ge­schäft der AGRA. »Die AGRA unter­stützt Maß­nah­men zu allen Schwer­punk­ten der land­wirt­schaft­li­chen Wert­schöp­fungs­ket­te in Afri­ka (…)«, heißt es auf ihrer Web­site. McMi­cha­el hält dage­gen: »In Fäl­len, wo Fir­men den Ein­satz von land­wirt­schaft­li­che Inputs wie Saat­gut, Dün­ge­mit­tel und ande­re Agro­che­mi­ka­li­en, Kurz­zeit­kre­di­te und Anbau­vor­schrif­ten for­cie­ren, begibt sich der Pro­du­zent in eine beson­de­re Art von Wert­be­zie­hung, die das Poten­ti­al hat, ein Instru­ment der Kon­trol­le, Schul­den­ab­hän­gig­keit und Ent­eig­nung zu wer­den.« Die Prä­sen­ta­ti­on des Kon­zepts der Wert­schöp­fungs­ket­ten als ein Instru­ment für Markt­zu­gang und ver­bes­ser­te land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­vi­tät sei eine von Unter­neh­men erschaf­fe­ne Vor­stel­lung, wel­che von »Ent­wick­lungs­in­sti­tu­tio­nen« recy­celt wür­de, die begie­rig sei­en, ihre Legi­ti­mi­tät zur Beauf­sich­ti­gung der Welt­ernäh­rungs­si­cher­heit wie­der­zu­er­lan­gen und zu repro­du­zie­ren. In bezug auf die Klein­bau­ern ver­sprä­che das Kon­zept eine prak­ti­sche Lösung für Nah­rungs­mit­tel­de­fi­zi­te, indem es Pro­du­zen­ten, die bis­lang nicht vom Welt­markt erreicht wur­den, ver­bes­ser­te Pro­duk­ti­vi­tät in Aus­sicht stellt. In Wirk­lich­keit wird jedoch der pro­du­zier­te Wert ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te umver­teilt – zur Ver­ar­bei­tungs­in­dus­trie, zum Han­del und zu den Kre­dit­ge­bern. Unter Bezug­nah­me auf Jen­ni­fer Bair3 ver­weist McMi­cha­el dar­auf, daß der Sinn von Wert­schöp­fungs­ket­ten in ver­bes­ser­ter Wett­be­werbs­fä­hig­keit bestehe und bringt die Sache auf den Punkt: »Fir­men, die erfolg­reich an glo­ba­len Wert­schöp­fungs­ket­ten betei­ligt sind, kön­nen den Arbei­tern kei­ne Vor­tei­le in Form von höhe­ren Löh­nen, gesi­cher­ten Arbeits­plät­zen oder ver­bes­ser­ten Arbeits­be­din­gun­gen bie­ten.« Die Bedin­gun­gen, unter den in Ban­gla­desch und ande­ren Län­dern Mar­ken­tex­ti­li­en her­ge­stellt wer­den, sind hin­läng­lich bekannt und bie­ten sich hier als Ver­gleich an.

Die Betrach­tun­gen McMi­cha­els för­dern die Schön­fär­be­rei des AGRA-Geschäfts und sei­ne dahin­ter ste­hen­den Inter­es­sen zuta­ge. Allein schon der Begriff »Ket­te« ist ver­rä­te­risch und beschreibt die exis­tie­ren­den Macht­ver­hält­nis­se, denn den geschaf­fe­nen Wert in Form land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­te eig­nen sich das Agro­busi­neß und sei­ne Inves­to­ren an. Wie wir im ers­ten Teil die­ser Bei­trags (sie­he jW-The­ma vom 17./18. August) am Bei­spiel der Hir­ten aus Mali gese­hen haben, ist Ver­schul­dung der ent­schei­den­de Mecha­nis­mus, mit dem die neu­en Abhän­gig­kei­ten geschaf­fen und repro­du­ziert wer­den. Die mali­schen Hir­ten wur­den gezwun­gen, zwei Hekt­ar Land als Sicher­heit ein­zu­set­zen, um drei wei­te­re Hekt­ar Land auf Pump zu bekom­men.

Neo­li­be­ra­le Wert­schöp­fungs­ket­te
War es frü­her die Schuld­knecht­schaft, mit der sich die Bezie­hung zwi­schen Patron und Peon defi­nier­te, sind es heu­te die viel­fäl­ti­gen For­men der Ver­trags­land­wirt­schaft, in denen die Schuld­ver­hält­nis­se ihren Aus­druck fin­den. Eine prin­zi­pi­el­le Kri­tik an der AGRA darf sich also nicht im Bekla­gen einer »ver­ein­fa­chen­den Argu­men­ta­ti­on« bzw. des Feh­lens einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit der »alten« Grü­nen Revo­lu­ti­on erschöp­fen. Der Ansatz­punkt sind die »Phi­lo­so­phie« von Wert­schöp­fungs­ket­ten und eine Ana­ly­se der Fol­gen der Ver­trags­land­wirt­schaft, die die Bäue­rin­nen und Bau­ern am Ende even­tu­ell auch phy­sisch ent­eig­net, die aber bereits auf dem Weg dort­hin so weit ent­mün­digt wer­den, daß es einer Ent­eig­nung gleich­kommt. Die 14000 von der AGRA aus­ge­bil­de­ten Agrar­händ­ler stel­len das Bin­de­glied zwi­schen den Wer­te schaf­fen­den Pro­du­zen­ten am unte­ren Ende der Ket­te und den wei­ter oben befind­li­chen Glie­dern dar, die sich gro­ße Tei­le des geschaf­fe­nen Wer­tes aneig­nen. Ist der schul­den­ba­sier­te Kreis­lauf erst ein­mal in Gang gekom­men, ist der nun­mehr agrar­in­dus­tri­ell umge­stülp­te klein­bäu­er­li­che Sek­tor von agro­che­mi­schen und bio­tech­no­lo­gi­schen bzw. Saat­gut-Inputs abhän­gig und kaum noch in der Lage, sich selbst zu repro­du­zie­ren.

Der Kre­dit für die Initi­ie­rung die­ses Kreis­laufs kommt zunächst aus dem öffent­li­chen Sek­tor, bzw. in der neo­li­be­ra­len Welt von heu­te ver­sucht die AGRA, die Rol­le des öffent­li­chen Sek­tors zu übernehmen.4 Im Gegen­satz zu Roman Her­re (sie­he oben), kam Ele­ni­ta Daño schon im Jahr 2007 zu der Erkennt­nis, daß das Agro­busi­neß sei­ne Lek­ti­on aus der Grü­nen Revo­lu­ti­on in Asi­en gelernt habe.5 Nach ihrer Ansicht umklam­mern die Ten­ta­kel der neo­li­be­ra­len Ord­nung inzwi­schen ein kom­ple­xes Netz an Bezie­hun­gen zwi­schen Unter­neh­men, »wohl­tä­ti­gen« Orga­ni­sa­tio­nen (Gates- und Rocke­fel­ler-Stif­tung), öffent­li­cher For­schung und NGOs. Im Schön­sprech des durch die Welt­bank her­aus­ge­ge­be­nen »World Deve­lop­ment Report« von 2008 klingt das fol­gen­der­ma­ßen: »Es ent­steht die Visi­on von einer Land­wirt­schaft für die Ent­wick­lung, die die Rol­len der Pro­du­zen­ten, des pri­va­ten Sek­tors und des Staa­tes neu defi­niert. Die Pro­duk­ti­on erfolgt haupt­säch­lich durch Klein­bau­ern, die oft­mals die effi­zi­en­tes­ten Pro­du­zen­ten sind, ins­be­son­de­re wenn sie von ihren Orga­ni­sa­tio­nen unter­stützt wer­den. Der pri­va­te Sek­tor orga­ni­siert die Wert­schöp­fungs­ket­ten, durch die der Markt zu den Klein­bau­ern und zu den kom­mer­zi­el­len Far­men gebracht wird. Mit sei­nen ver­bes­ser­ten Mög­lich­kei­ten und neu­en For­men von Gover­nan­ce kor­ri­giert der Staat Markt­ver­sa­gen, regu­liert den Wett­be­werb und betei­ligt sich stra­te­gisch an Public-Pri­va­te-Part­nerships, um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit im Agro­busi­neß­sek­tor zu för­dern und eine grö­ße­re Betei­li­gung von Klein­bau­ern und Land­ar­bei­tern zu unter­stüt­zen.« Die »schö­ne neue Welt« im länd­li­chen Afri­ka läßt grü­ßen.

An die­ser Stel­le erscheint der Hin­weis ange­bracht, daß sich fern­ab von Afri­ka, auf der Insel Spitz­ber­gen im äußers­ten Nor­den Nor­we­gens, ein wich­ti­ges Ergän­zungs­stück zur oben beschrie­be­nen Stra­te­gie befin­det. Im Janu­ar 2007 ver­kün­de­te die Gates-Stif­tung die Ver­ga­be von För­der­mit­teln in Höhe von 29,9 Mil­lio­nen US-Dol­lar zur Unter­stüt­zung natio­na­ler Saat­gut­ban­ken und des »Glo­ba­len Saat­gut­tre­sors auf Spitz­ber­gen«, mit dem Ziel, die gene­ti­sche Viel­falt von 21 »kri­ti­schen« land­wirt­schaft­li­chen Nutz­pflan­zen zu sichern.6 Der im Juni 2008 zur Nut­zung über­ge­be­ne »glo­ba­le Saat­gut­tre­sor« soll das beher­ber­gen, was ande­ren­orts durch das agrar­in­dus­tri­el­le Pro­duk­ti­ons­mo­dell Jahr für Jahr zer­stört wird – die gene­ti­sche Viel­falt unse­rer Nutz­pflan­zen, ohne die auch die kom­mer­zi­el­le Züch­tung nicht wei­ter­kommt. Schon in den sieb­zi­ger Jah­ren erkann­ten Wis­sen­schaft­ler der Natio­na­len Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der USA, daß die Grü­ne Revo­lu­ti­on »ein Para­dox sozia­ler und öko­no­mi­scher Ent­wick­lung dar­stellt, indem das Pro­dukt der Tech­no­lo­gie (Züch­tung auf hohen Ertrag und Ein­heit­lich­keit) die Res­sour­cen zer­stört, auf denen die Tech­no­lo­gie aufbaut«.7 Dar­an hat sich bis heu­te nichts geän­dert. Wer die Welt­ernäh­rung und damit ver­bun­den die Pflan­zen­züch­tung beherr­schen will, ver­sucht durch Saat­gut­ban­ken, auf die Kon­zer­ne wie Syn­gen­ta und Mon­s­an­to bei Bedarf zurück­grei­fen kön­nen, das Schlimms­te zu ver­hin­dern. Es ist zwar all­ge­mein bekannt, daß der Erhalt der gene­ti­schen Viel­falt in Saat­gut­ban­ken unvoll­kom­men ist, aber das bes­se­re Ver­fah­ren – die soge­nann­te In-situ-Erhal­tung durch akti­ve Züch­tung, in der Regel durch Klein­bau­ern – ent­zieht sich der Kon­trol­le durch trans­na­tio­na­le Unter­neh­men und wird von den Stra­te­gen der gro­ßen Insti­tu­tio­nen dar­um als »Aus­lauf­mo­dell« betrach­tet.

Bäu­er­li­cher Wider­stand
Trotz der kon­zer­tier­ten Akti­on von Agro­busi­neß und Insti­tu­tio­nen wider­setzt sich ein beträcht­li­cher Teil der »Ziel­grup­pe« mit Erfolg den Bemü­hun­gen, in die glo­ba­len Wert­schöp­fungs­ket­ten inte­griert zu wer­den. Das hat unter ande­rem damit zu tun, daß Klein­bäue­rin­nen und Klein­bau­ern welt­weit ein aus­ge­präg­tes Risi­ko­be­wußt­sein haben. Zahl­rei­che sozi­al­öko­no­mi­sche Stu­di­en bele­gen, daß sie sehr gründ­lich abwä­gen, ob es ange­sichts der Unwäg­bar­kei­ten von Kli­ma, Heu­schre­cken­pla­gen und Preis­schwan­kun­gen sinn­voll ist, sich in der Hoff­nung auf eine grö­ße­re Ern­te zu ver­schul­den. Oft­mals ver­zich­ten sie zuguns­ten eines siche­re­ren Ein­kom­mens auf ein mög­li­cher­wei­se höhe­res. Dar­über hin­aus gibt es in vie­len Län­dern eine von den Medi­en wenig beach­te­te, aber trotz­dem umfang­rei­che »Wie­der­ver­bäu­er­li­chung«. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Uwe Hoe­ring ver­weist 2008 in sei­ner Stu­die »Wer ernährt die Welt? Bäu­er­li­che Land­wirt­schaft hat Zukunft« dar­auf, daß sich in Län­dern wie Äthio­pi­en, Indi­en oder der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go die Zahl der klei­nen Höfe im Lau­fe der letz­ten drei­ßig Jah­re mehr als ver­dop­pelt hat. Ähn­li­ches beschrieb Jan Dou­we van der Plo­eg, Pro­fes­sor für länd­li­che Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Wagenin­gen, in sei­nem 2009 erschie­ne­nen Buch zu den »neu­en Bau­ern­schaf­ten«. Auf­grund der Mise­re in den Städ­ten, die durch die Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se seit 2007/2008 noch ver­stärkt wur­de, läßt sich eine Wie­der­be­sied­lung des länd­li­chen Raums auch anhand der Abnah­me des Urba­ni­sie­rungs­gra­des mes­sen. Zum Bei­spiel ver­rin­ger­te sich in Län­dern wie Kenia, Mau­re­ta­ni­en, Sene­gal und Tan­sa­nia die Ver­städ­te­rung inner­halb von zehn Jah­ren (zwi­schen 2001 und 2011) um zehn bis 35 Pro­zent.

Die Gegen­be­we­gung zur Unter­ord­nung der Klein­bau­ern unter die glo­ba­le Öko­no­mie ist sowohl auf der poli­ti­schen Ebe­ne als auch auf der Ebe­ne der land­wirt­schaft­li­chen Pra­xis ange­sie­delt. Ein Aus­druck für letz­te­res ist die immer umfang­rei­che­re Anwen­dung agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­ver­fah­ren, mit denen sich in den Län­dern des Südens die Erträ­ge bei vie­len Frucht­ar­ten ver­dop­peln, manch­mal sogar ver­drei­fa­chen las­sen. Dem­entspre­chend haben sich die agrar­öko­lo­gisch bewirt­schaf­te­ten Flä­chen in Asi­en, Afri­ka und Latein­ame­ri­ka inner­halb der letz­ten andert­halb Jahr­zehn­te ver­viel­facht. Bei die­ser wis­sens­in­ten­si­ven Bewirt­schaf­tungs­form sind die Bau­ern wei­test­ge­hend unab­hän­gig von den Inputs, die durch trans­na­tio­na­le Unter­neh­men kon­trol­liert wer­den. Auf der poli­ti­schen Ebe­ne wer­den sie in ers­ter Linie durch La Via Cam­pe­si­na ver­tre­ten, den glo­ba­len Dach­ver­band von etwa 150 unab­hän­gi­gen Bau­ern­or­ga­ni­sa­tio­nen in 70 Län­dern, der rund 200 Mil­lio­nen Bäue­rin­nen und Bau­ern reprä­sen­tiert. Neben sei­nem poli­ti­schen Enga­ge­ment, unter ande­rem gegen die Pri­va­ti­sie­rung von Saat­gut, för­dert La Via Cam­pe­si­na auch den Aus­tausch von Erfah­run­gen mit agrar­öko­lo­gi­schen Anbau­ver­fah­ren. Mit die­sen wer­den, wenn man den Gesamt­ertrag betrach­tet, höhe­re Erträ­ge erzielt als mit groß­flä­chi­gen Mono­kul­tu­ren. Der ursprüng­lich von Alex­an­der Tscha­ja­now im Zusam­men­hang mit Lenins »Neu­er Öko­no­mi­scher Poli­tik« in der Sowjet­uni­on beob­ach­te­te Effekt wur­de in den 1960er Jah­ren vom spä­te­ren Wirt­schafts­no­bel­preis­trä­ger Amart­ya Sen erneut beschrie­ben und inzwi­schen durch zahl­rei­che Stu­di­en bestä­tigt. Aus markt­wirt­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve wird die höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät klei­ne­rer Betrie­be als »Markt­ver­zer­rung« bezeich­net, denn die höhe­re Flä­chen­pro­duk­ti­vi­tät ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, daß dort mehr Arbeit hin­ein­ge­steckt wird. Wenn es jedoch dar­um geht, den Hun­ger zu bekämp­fen und eine wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung zu ernäh­ren, soll­te dies eher als Kor­rek­tiv denn als Ver­zer­rung bezeich­net wer­den.

Ver­such­te Ver­ein­nah­mung
Auch der Gates-Stif­tung ist nicht ent­gan­gen, daß sich Agrar­öko­lo­gie zuneh­men­der Beliebt­heit erfreut. Die­se Fle­xi­bi­li­tät bei der Wahr­neh­mung der Rea­li­tät unter­schei­det sie übri­gens vom Starr­sinn des ein­fluß­rei­chen Öko­no­mie­pro­fes­sors Paul Col­lier. Der läßt kei­ne Gele­gen­heit aus, um gegen die »Bio­land­bau-Roman­ti­ker« zu wet­tern. Die Gates-Stif­tung hin­ge­gen scheint zu der Schluß­fol­ge­rung gekom­men zu sein, es sei mög­lich, daß die Bemü­hun­gen, der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft die Seg­nun­gen einer neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on zu brin­gen, nicht fruch­ten wer­den. Des­halb nimmt sie sich seit 2010 par­al­lel zur AGRA gemein­sam mit der Howard-G.-Buffett-Stiftung einer Kern­kom­po­nen­te des agrar­öko­lo­gi­schen Anbaus an. Howard G. Buf­fett ist übri­gens der ältes­te Sohn von War­ren Buf­fett, dem laut US-ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schafts­ma­ga­zin For­bes viertreichs­ten Men­schen der Welt. Howard G. Buf­fett ist Eigen­tü­mer von etli­chen gro­ßen Far­men und sitzt bzw. saß in den Auf­sichts­rä­ten meh­re­rer Lebens­mit­tel- und Agrar­kon­zer­ne, dar­un­ter Coca-Cola und Archer Dani­el Mid­lands. Bei der Kern­kom­po­nen­te, von der hier die Rede ist, han­delt es sich um die Stick­stoff­an­rei­che­rung des Bodens mit Hil­fe von Legu­mi­no­sen (Hül­sen­früch­ten). Die­se Pflan­zen sind in der Lage in Sym­bio­se mit Knöll­chen­bak­te­ri­en, atmo­sphä­ri­schen Stick­stoff im Boden zu fixie­ren. Dies ist die wich­tigs­te Metho­de, um dem Boden gezielt die­sen wich­ti­gen Nähr­stoff zuzu­füh­ren, der dann ande­ren Frucht­ar­ten wie Mais oder Getrei­de zur Ver­fü­gung steht, ohne auf Agro­che­mi­ka­li­en zurück­zu­grei­fen. Zu den Legu­mi­no­sen gehö­ren Erb­sen und Boh­nen, aber auch Erd­nüs­se und ver­schie­de­ne Baum­ar­ten.

Soll­te sich agrar­öko­lo­gi­scher Anbau wei­ter durch­set­zen, wäre es schlecht, wenn das Legu­mi­no­sen-Saat­gut für die bio­lo­gi­sche Stick­stoff­an­rei­che­rung nicht unter der Kon­trol­le der Saat­gut­kon­zer­ne stün­de. Um kei­ne Chan­ce zu ver­pas­sen, wur­de des­halb von den bei­den Stif­tun­gen in Zusam­men­ar­beit mit der nie­der­län­di­schen Uni­ver­si­tät Wagenin­gen und dem Inter­na­tio­na­len Insti­tut für tro­pi­sche Land­wirt­schaft (IITA), ein eben­falls von der Gates-Stif­tung mit­fi­nan­zier­tes Insti­tut, die Initia­ti­ve »N2Africa« (»Stick­stoff nach Afri­ka«) ins Leben geru­fen. N2Africa, im Som­mer 2010 als vier­jäh­ri­ges Pro­jekt gestar­tet, arbei­tet inzwi­schen in drei­zehn afri­ka­ni­schen Län­dern (Äthio­pi­en, Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go, Gha­na, Kenia, Libe­ria, Mala­wi, Moçam­bi­que, Nige­ria, Ruan­da, Sier­ra Leo­ne, Tan­sa­nia, Ugan­da und Sim­bab­we). Am Ende der Pro­jekt­zeit will N2Africa unter ande­rem den Ein­satz von »ver­bes­ser­ten« Legu­mi­no­sen­sor­ten vor­an­ge­bracht haben und sehen, daß die­se von 225000 Klein­bau­ern ver­wen­det wer­den.

Flan­kiert wer­den die­se Bemü­hun­gen wie­der­um von einem gan­zen Gestrüpp quer ver­netz­ter Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven, die teils inter­na­tio­nal, teils nur in ein­zel­nen Län­dern arbei­ten. Stell­ver­tre­tend sei der »Zen­tra­le Bera­tungs­dienst für geis­ti­ges Eigen­tum« (CAS-IP, Cen­tral Advi­so­ry Ser­vice on Intel­lec­tu­al Pro­per­ty) genannt, der 2012 in das CGI­AR-Kon­sor­ti­um8 inte­griert wur­de. In der Spra­che die­ses Bera­tungs­diens­tes aus­ge­drückt, geht es dar­um, daß zer­ti­fi­zier­tes Legu­mi­no­sen-Saat­gut »bes­ser ver­füg­bar« gemacht wer­den soll. »Wäh­rend Klein­bau­ern ihr Mais-Saat­gut inzwi­schen jedes Jahr kau­fen, wird bei Legu­mi­no­sen das Saat­gut zumeist noch immer von den Bau­ern selbst erzeugt«, erläu­ter­te vor rund drei Jah­ren der CAS-IP-Bera­ter Peter Bloch. Offen­bar ein unhalt­ba­rer Zustand, dem mit Hil­fe des Pro­gramms zur Saat­gut­pro­duk­ti­on und -ver­mark­tung von ICRISAT (Inter­na­tio­na­les Insti­tut für Nutz­pflan­zen­for­schung der semi-ari­den Tro­pen) und der 2010 gegrün­de­ten Mala­wi Seed Alli­an­ce (Mala­wi-Saat-Alli­anz) Ein­halt gebo­ten wer­den soll. Ähn­li­che Ver­flech­tun­gen gibt es in ande­ren Län­dern, in denen N2Africa aktiv ist. Die Stra­te­gie von N2Africa ent­spricht dem, was Eric Holt-Gimé­nez und Miguel ¬Altie­ri, zwei füh­ren­de Agrar­öko­lo­gen, mit »selek­ti­ver Inte­gra­ti­on von tech­ni­schen Aspek­ten der Agrar¬ökologie« beschrei­ben, »durch die die Poli­tik der Grü­nen Revo­lu­ti­on nicht in Fra­ge gestellt wird.«9 Holt-Gimé­nez und Altie­ri sehen in der Agrar­öko­lo­gie nicht ein rein bio­lo­gisch-land­wirt­schaft­li­ches Phä­no­men, son­dern betrach­ten sie ähn­lich wie ande­re als »eine Wis­sen­schaft, eine Bewe­gung und eine Pra­xis«. Noch kla­rer brach­te es im August 2011 der drit­te Inter­na­tio­na­le Kon­greß der Latein­ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft­li­chen Gesell­schaft für Agrar­öko­lo­gie zum Aus­druck, der in sei­ner Abschlu­ß­er­klä­rung defi­nier­te: »Der idea­le Agrar­öko­lo­ge betreibt Wis­sen­schaft und land­wirt­schaft­li­che Pra­xis zugleich und ist bestrebt sicher­zu­stel­len, daß sozia­le Gerech­tig­keit sein Han­deln bestimmt.« Da wird ver­ständ­lich, daß die Gates-Stif­tung und ihre Ver­bün­de­ten die zuneh­men­de Ver­brei­tung der Agrar­öko­lo­gie als ernst­zu­neh­men­de Bedro­hung der ange­streb­ten Hege­mo­nie des von den Herr­schafts­eli­ten bevor­zug­ten land­wirt­schaft­li­chen Modells emp­fin­den. Inso­fern kann man die Inte­gra­ti­on bestimm­ter tech­ni­scher Aspek­te der Agrar­öko­lo­gie in die Stra­te­gie der Schaf­fung von Wert­schöp­fungs­ket­ten als Ver­such inter­pre­tie­ren, die­se hin­der­li­che Strö­mung inner­halb der Klein­bau­ern­schaft durch par­ti­el­le Koop­ti­on zu neu­tra­li­sie­ren. Wer bei die­ser Aus­ein­an­der­set­zung die Ober­hand gewinnt, bleibt abzu­war­ten.

Anmer­kun­gen

1 Roman Her­re: Stra­te­gi­en zur glo­ba­len Land­wirt­schaft. Syn­op­se 7 aktu­el­ler Kon­zep­te zur länd­li­chen Ent­wick­lung und Land­wirt­schaft. Forum Umwelt und Ent­wick­lung, Bonn 2008

2 Phil­ip McMi­cha­el: »Value chain and debt rela­ti­ons: con­tra­dic­to­ry out­co­mes«, in: Third World Quar­ter­ly 34, 2013, S.671–690

3 Jen­ni­fer Bair: (2005): »Glo­bal capi­ta­lism and com­mo­di­ty chains: loo­king back and going for­ward«, in: Com­pe­ti­ti­on & Chan­ge 9, 2005, S.119–139

4 McMi­cha­el a.a.O.

5 Ele­ni­ta C. Daño: Unmas­king the new Green Revo­lu­ti­on in Afri­ca: Moti­ves, play­ers and dyna­mics. Penang, Bonn, Rich­mond 2007

6 Online: www.gatesfoundation.org/How-We-Work/Quick-Links/Grants-Database/Grants/2007/01/OPP45782 (Zugriff 14.8.2013)

7 Klaus Peder­sen: Natur­schutz und Pro­fit. Müns­ter 2008, S.61

8 CGIAR (Con­sul­ta­ti­ve Group on Inter­na­tio­nal Agri­cul­tu­ral Rese­arch) ist eine über­ge­ord­ne­te Orga­ni­sa­ti­on für 15 inter­na­tio­na­le, inzwi­schen größ­ten­teils pri­vat finan­zier­te Agrar­for­schungs­in­sti­tu­te.

9 Eric Holt-Gimé­nez und Miguel A. Altie­ri: »Agroeco­lo­gy, food sover­eig­n­ty, and the new Green Revo­lu­ti­on«, in: Agroeco­lo­gy and Sustainab­le Food Sys­tems 37, 2013, S.90–102

Im Sep­tem­ber erscheint im Unrast-Ver­lag Peter Clausings neu­es Buch »Die grü­ne Matrix. Natur­schutz und Welt­ernäh­rung am Schei­de­weg«

Erschie­nen in jun­ge Welt, 17./19.8.2013

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