Recht auf Nah­rung

In die­sen Tagen erscheint das Buch »Die grü­ne Matrix. Natur­schutz und Welt­ernäh­rung am Schei­de­weg.« Die Tages­zei­tung jun­ge Welt ver­öf­fent­lich­te eine unter Weg­las­sung von Fuß­no­ten und Lite­ra­tur­hin­wei­sen gekürz­te Fas­sung des Abschnitts »Agrar­öko­lo­gie – Defi­ni­tio­nen, Kon­text und Poten­tia­le«.

Von Peter Clausing

Die »Schar­nier­funk­ti­on« der Agrar­öko­lo­gie zwi­schen Natur- und Gesell­schafts­wis­sen­schaft exis­tier­te nicht von Anbe­ginn. Als der Begriff im Jahr 1928 von dem sowje­ti­schen Agro­no­men B.M. Ben­sin geprägt wur­de, war damit aus­schließ­lich Bio­lo­gi­sches gemeint – das Zusam­men­le­ben von Orga­nis­men auf land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen. Auch in der Tra­di­ti­on des Kie­ler Pro­fes­sors Wolf­gang Tisch­ler, der 1965 als ers­ter ein Hand­buch mit dem Titel Agrar­öko­lo­gie ver­öf­fent­lich­te, wird das Gebiet vor­nehm­lich als bio­lo­gi­sches Fach ver­stan­den. Im Gegen­satz dazu defi­nier­ten Charles Fran­cis und ande­re 2003 die­se Wis­sen­schafts­dis­zi­plin als »inte­gra­ti­ve Erfor­schung der Öko­lo­gie des gesam­ten Nah­rungs­mit­tel­sys­tems, ein­schließ­lich sei­ner öko­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und sozia­len Dimen­sio­nen«. Auch Tho­mas Dal­gaard und sei­ne Kol­le­gen kom­men 2003 zu der Schluss­fol­ge­rung, dass es sich bei Agrar­öko­lo­gie um die Inte­gra­ti­on agro­no­mi­scher, öko­lo­gi­scher, sozio­lo­gi­scher und öko­no­mi­scher For­schung han­delt.

Bäu­er­li­che Inter­es­sen
Der UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, Oli­vi­er de Schutter, beschreibt Agrar­öko­lo­gie (…) als die Anwen­dung der öko­lo­gi­schen Wis­sen­schaft auf die Erfor­schung, die Gestal­tung und das Manage­ment nach­hal­ti­ger land­wirt­schaft­li­cher Sys­te­me. Agrar­öko­lo­gie trach­te danach, die­se Sys­te­me durch die Nach­ah­mung und Ver­stär­kung natür­li­cher Pro­zes­se zu ver­bes­sern und auf die­se Wei­se vor­teil­haf­te bio­lo­gi­sche Wech­sel­wir­kun­gen und Syn­er­gi­en zwi­schen ver­schie­de­nen Kom­po­nen­ten der Agro­bio­di­ver­si­tät aus­zu­nut­zen. Gän­gi­ge Prin­zi­pi­en der Agrar­öko­lo­gie sei­en das Recy­cling von Nähr­stof­fen und Ener­gie inner­halb des land­wirt­schaft­li­chen Betrie­bes (statt der Nut­zung exter­ner Inputs), die Inte­gra­ti­on von Acker­bau und Vieh­wirt­schaft, die Diver­si­fi­zie­rung gene­ti­scher Res­sour­cen über Raum und Zeit und die Betrach­tung der Pro­duk­ti­vi­tät des gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Sys­tems anstel­le der Fokus­sie­rung auf die Hekt­ar­er­trä­ge von ein­zel­nen Sor­ten. Agrar­öko­lo­gie ist stark wis­sens­ba­siert und beruht auf Tech­ni­ken, die nicht »von oben« ver­ord­net wer­den, son­dern aus einer Kom­bi­na­ti­on des Wis­sens der Land­wir­te und expe­ri­men­tel­ler Ergeb­nis­se bestehen. (…)

In sei­nem Bericht an die 16. Sit­zung des Men­schen­rechts­ra­tes der Ver­ein­ten Natio­nen hob de Schutter her­vor, dass die­ses Recht (auf Nah­rung – jW) ent­we­der erfor­dert, sich durch eige­ne Pro­duk­ti­on ernäh­ren zu kön­nen, was den Zugang zu Land und Res­sour­cen wie Saat­gut ein­schließt, oder die Mög­lich­keit, Essen zu kau­fen, was bedeu­tet, dass die Nah­rung ver­füg­bar und erschwing­lich sein und den (kul­tu­rel­len und bio­lo­gi­schen) Bedürf­nis­sen ent­spre­chen muss. Dafür for­mu­lier­te er drei Zie­le, deren Umset­zung unse­re künf­ti­gen Ernäh­rungs­sys­te­me gewähr­leis­ten müs­sen:

1. Eine Stei­ge­rung der für die Mensch­heit ver­füg­ba­ren Nah­rungs­men­ge um etwa 70 Pro­zent bis zum Jahr 2050 (was nicht aus­schließ­lich durch eine Stei­ge­rung der Pro­duk­ti­on erreicht wer­den muss), um sowohl der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung als auch der Ver­än­de­rung der Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten Rech­nung zu tra­gen.

2. Eine Stei­ge­rung des Ein­kom­mens klein­bäu­er­li­cher Fami­li­en. De Schutter ver­weist dar­auf, dass der der­zei­ti­ge Hun­ger in der Welt nicht auf eine unge­nü­gen­de glo­ba­le Nah­rungs­men­ge zurück­zu­füh­ren ist, son­dern vor allem auf die Armut von Tei­len der länd­li­chen Bevöl­ke­rung in den Län­dern des Südens. Inso­fern sei die Stei­ge­rung der Ein­kom­men der Ärms­ten die bes­te Metho­de zur Bekämp­fung des Hun­gers.

3. Die Zukunfts­fä­hig­keit der Land­wirt­schaft, was den Erhalt bzw. die Restau­rie­rung von Böden, die Redu­zie­rung des land­wirt­schaft­li­chen Was­ser­ver­brauchs, die Redu­zie­rung bzw. Ver­mei­dung künf­ti­ger Bio­di­ver­si­täts­ver­lus­te sowie kli­ma­scho­nen­de Pro­duk­ti­ons­me­tho­den und eine Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on bedeu­tet, die Elas­ti­zi­tät gegen­über Kli­ma­ver­än­de­run­gen besitzt.

In die­sem Zusam­men­hang beklagt de Schutter, dass sich in der Ver­gan­gen­heit die For­schung in der Pflan­zen­pro­duk­ti­on auf die Ver­bes­se­rung von Saat­gut für indus­tri­el­le Pro­duk­ti­ons­me­tho­den kon­zen­trier­te und dass die Bewer­tung des Erfolgs land­wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung auf einer linea­ren Bezie­hung zwi­schen Input und Out­put basie­re.

Das Poten­ti­al, durch agrar­öko­lo­gi­sche Metho­den sowohl die Ernäh­rung zu sichern als auch die Ein­kom­men armer bäu­er­li­cher Fami­li­en zu stei­gern, wur­de inzwi­schen viel­fach nach­ge­wie­sen. Die Aus­deh­nung einer indus­tri­el­len Land­wirt­schaft auf Basis von Hybrid­saat­gut, che­mi­schen Inputs und ggf. Gen­tech­nik (…) steht die­ser Ent­wick­lung fron­tal ent­ge­gen.

Zwei »Meta­ana­ly­sen« (zusam­men­fas­sen­de Aus­wer­tun­gen einer Viel­zahl ein­zel­ner Stu­di­en) sol­len hier näher betrach­tet wer­den, um eine Vor­stel­lung zu ver­mit­teln, was sich mit agrar­öko­lo­gi­schem Anbau in den Län­dern des Südens errei­chen lässt. Die Lob­by der Agrar­in­dus­trie scheint sol­che Publi­ka­tio­nen zu scheu­en wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Ähn­lich wie bei Gen­tech­nik-kri­ti­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen üblich, wur­den eini­ge ande­re Meta­ana­ly­sen sofort mit »Brie­fen an den Her­aus­ge­ber« bedacht. Wie an ande­rer Stel­le bereits beschrie­ben, wer­den dann spä­ter die­se Dis­kre­di­tie­rungs­ver­su­che zitiert, ohne die fun­dier­ten Erwi­de­run­gen der Auto­ren zu berück­sich­ti­gen, so dass die ursprüng­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen als schein­bar dis­kre­di­tiert im Raum ste­hen blei­ben.

Höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät
Jules Pret­ty, Pro­fes­sor für Umwelt und Gesell­schaft an der Uni­ver­si­tät Essex, ver­glich gemein­sam mit ande­ren For­schern 2006 die Erträ­ge von agrar­öko­lo­gi­schem gegen­über kon­ven­tio­nel­lem Anbau von 360 Expe­ri­men­ten, die sowohl Par­al­lel­ver­glei­che als auch Vor­her-Nach­her-Ver­glei­che (d.h. vor und nach Umstel­lung auf agrar­öko­lo­gi­sche Ver­fah­ren) umfass­ten. Sie kon­zen­trier­ten sich dabei bewusst auf erfolg­rei­che Pro­jek­te (was ihnen spä­ter zum Vor­wurf gemacht wur­de), weil sie das Stei­ge­rungs­po­ten­ti­al agrar­öko­lo­gi­schen Anbaus ver­an­schau­li­chen woll­ten. Allein die Zahl von Hun­der­ten erfolg­rei­cher Pro­jek­te ist beein­dru­ckend und ein leben­di­ger Beweis für das Poten­ti­al agrar­öko­lo­gi­scher Metho­den. Über alle drei Kon­ti­nen­te des glo­ba­len Südens und acht ver­schie­de­ne Anbau­sys­te­me hin­weg ermit­tel­ten Pret­ty und sei­ne Kol­le­gen einen durch­schnitt­li­chen Mehr­er­trag von 79 Pro­zent bei Anwen­dung agrar­öko­lo­gi­scher Ver­fah­ren (bzw. 64 Pro­zent, wenn das mathe­ma­tisch ange­mes­se­ne­re geo­me­tri­sche Mit­tel zugrun­de gelegt wur­de). Ins­ge­samt waren etwa 12,6 Mil­lio­nen Bäue­rin­nen und Bau­ern an den Ver­su­chen betei­ligt, die eine Flä­che von 37 Mil­lio­nen Hekt­ar umfass­ten. Ein wich­ti­ger Befund war auch die Zunah­me agrar­öko­lo­gisch bewirt­schaf­te­ter Flä­chen im Zeit­ver­lauf – ein Aus­druck der Akzep­tanz. Die Zunah­me wur­de anhand von 68 zufäl­lig aus­ge­wähl­ten Pro­jek­ten bewer­tet, die vier Jah­re nach der ers­ten Daten­er­he­bung erneut besucht wur­den. Die Zahl der agrar­öko­lo­gisch wirt­schaf­ten­den Bäue­rin­nen und Bau­ern hat­te sich inner­halb die­ser Zeit von 5,3 Mil­lio­nen auf 8,3 Mil­lio­nen erhöht und die so bewirt­schaf­te­te Flä­che von 12,6 auf 18,3 Mil­lio­nen Hekt­ar. Die­ser Befund wider­legt im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes mil­lio­nen­fach das Argu­ment von Unter­stüt­zern bzw. Ver­tre­tern der Agrar­in­dus­trie (…), dass Agrar­öko­lo­gie das roman­ti­sche Hirn­ge­spinst einer städ­ti­schen Mit­tel­schicht sei, die in Spe­zi­al­ver­kaufs­stel­len Luxus­gü­ter erwer­be.

Cathe­ri­ne Bad­gley und ande­re ana­ly­sier­ten 293 Stu­di­en, in denen das Ertrags­po­ten­ti­al agrar-öko­lo­gi­schen und kon­ven­tio­nel­len Anbaus mit­ein­an­der ver­gli­chen wur­de, teils in Expe­ri­men­ten auf Ver­suchs­sta­tio­nen, teils in Feld­stu­di­en. Die Auto­ren die­ser Meta­ana­ly­se aus dem Jahr 2007 waren vor allem an der Fra­ge inter­es­siert, ob die Welt – theo­re­tisch – mit dem jet­zi­gen Stand des Wis­sens und der Ver­fah­rens­ent­wick­lung agrar­öko­lo­gisch ernährt wer­den könn­te. Ein wesent­li­ches Motiv ihrer Unter­su­chung war die häu­fig wie­der­hol­te Behaup­tung der Agrar­in­dus­trie­lob­by, dass sich die Zahl der Hun­gern­den bei Umstel­lung auf agrar­öko­lo­gi­schen Anbau ver­grö­ßern wür­de. Sie berech­ne­ten die Ertrags­quo­ti­en­ten der 293 Stu­di­en, getrennt für tie­ri­sche und pflanz­li­che Pro­duk­te und für die Län­der des glo­ba­len Nor­dens und Südens. Ein Quo­ti­ent von klei­ner als eins war ein Beleg für höhe­re Erträ­ge bei kon­ven­tio­nel­lem Anbau. Umge­kehrt brach­te ein Quo­ti­ent zum Bei­spiel von 1,2 eine 20prozentige Ertrags­über­le­gen­heit des agrar­öko­lo­gi­schen Ver­fah­rens zum Aus­druck. Das durch­schnitt­li­che Ergeb­nis war für pflanz­li­che und tie­ri­sche Pro­duk­te sehr ähn­lich, zwi­schen Nor­den und Süden aller­dings sehr unter­schied­lich. Für die »ent­wi­ckel­ten« Län­der lag der Ertrags­quo­ti­ent bei 0,914 für pflanz­li­che und bei 0,922 für tie­ri­sche Pro­duk­te, d.h. durch­schnitt­lich eine neun- bzw. acht­pro­zen­ti­ge Ertrags­über­le­gen­heit des kon­ven­tio­nel­len Anbaus. Für die »Drit­te Welt« wur­den durch­schnitt­li­che Ertrags­quo­ti­en­ten von 1,736 für pflanz­li­che und 1,802 für tie­ri­sche Pro­duk­te ermit­telt, also eine 70 bis 80prozentige Ertrags­über­le­gen­heit bei agrar­öko­lo­gi­schem Anbau (sie­he Tabel­le). (…)

Aus den gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen schluss­fol­ger­ten 2007 Bad­gley und ande­re, dass das Ertrags­po­ten­ti­al bei agrar­öko­lo­gi­schem Anbau mit den heu­te ver­füg­ba­ren Ver­fah­ren im Prin­zip aus­rei­chen wür­de, um den Hun­ger ins­be­son­de­re dort zu besei­ti­gen, wo die größ­te Zahl hun­gern­der Men­schen lebt. Man könn­te dar­über spe­ku­lie­ren, wie die wei­te­re Ent­wick­lung und Ver­brei­tung agrar­öko­lo­gi­scher Ver­fah­ren aus­se­hen könn­te. Wenn dafür aus­rei­chend Mit­tel zur Ver­fü­gung stün­den, wäre der Aus­blick auf 2050 durch­aus viel­ver­spre­chend. In die­se »Spe­ku­la­ti­on« müss­ten wei­te­re Aspek­te ein­flie­ßen, denn es geht nicht nur um den Ver­gleich von Hekt­ar­er­trä­gen, son­dern auch um die ein­set­zen­de Boden­mü­dig­keit nach jahr­zehn­te­lan­gem Ein­satz von che­mi­schem Dün­ger, um die Was­ser- und Ener­gie­ef­fi­zi­enz der unter­schied­li­chen Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren und um die inver­se Bezie­hung zwi­schen Pro­duk­ti­vi­tät und Betriebs­grö­ße.

Die Fol­gen des mas­si­ven Ein­sat­zes von syn­the­ti­schem Dün­ger machen sich seit eini­gen Jah­ren in Indi­en und Chi­na (…) nicht nur durch die Zer­stö­rung der Umwelt, son­dern auch durch Ertragssta­gna­ti­on bzw. -rück­gän­ge bemerk­bar. Auch der Was­ser­man­gel nimmt zu. Heu­te wer­den etwa 70 Pro­zent des aus Flüs­sen ent­nom­me­nen Was­sers in der Land­wirt­schaft ver­braucht, und es lei­den 1,2 Mil­li­ar­den Men­schen unter Man­gel an phy­sisch ver­füg­ba­rem Was­ser (feh­len­den öko­no­mi­schen Zugang noch gar nicht mit­ge­rech­net), eine Zahl, die sich Schät­zun­gen zufol­ge bis 2050 auf 2,6 Mil­li­ar­den erhö­hen wird. Das unter­streicht die Bedeu­tung einer effi­zi­en­ten Aus­nut­zung des Was­sers, ins­be­son­de­re des Regen­was­sers durch die Pflan­zen, unter ande­rem, um bes­se­re Erträ­ge auch ohne künst­li­che Bewäs­se­rung zu errei­chen. Für eine Rei­he wich­ti­ger Kom­po­nen­ten agrar¬ökologischen Wirt­schaf­tens liegt auf der Hand, dass sich durch sie auch die Was­ser­aus­nut­zung ver­bes­sert. Dazu zäh­len schat­ten­spen­den­de Bäu­me im Rah­men der Agrar­forst­wirt­schaft, die Erhö­hung des Humus­ge­halts und das Mul­chen.

Res­sour­cen­scho­nend
Rajes­wa­ri Sar­a­la Rai­na ver­weist 2010 in einem Bei­trag für die Böll-Stif­tung auf dra­ma­ti­sche Zah­len, was die Ener­gie­ef­fi­zi­enz agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­ver­fah­ren im Ver­gleich zur kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­ti­on anbe­trifft. Nach ihren Anga­ben kön­nen mit jeder Kilo­ka­lo­rie, die bei agrar­öko­lo­gi­schen Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren ver­braucht wird, vier bis 15 Kilo­ka­lo­ri­en Nah­rung pro­du­ziert wer­den. Im Gegen­satz dazu wer­den durch die indus­tri­el­le Land­wirt­schaft zwi­schen zehn und 20 Kilo­ka­lo­ri­en ver­braucht, um eine Kilo­ka­lo­rie Nah­rung zu erzeu­gen. Ob der­art gro­ße Unter­schie­de in den Län­dern des Südens die Regel sind oder Extrem­fäl­le dar­stel­len, sei dahin­ge­stellt. Fakt ist, dass es selbst in gemä­ßig­ten Brei­ten einen deut­li­chen Unter­schied in der Ener­gie­ef­fi­zi­enz zuguns­ten der Agrar­öko­lo­gie gibt, wie zum Bei­spiel däni­sche Unter­su­chun­gen von Dal­gaard aus dem Jah­re 2001 bele­gen. Auch die Meta­ana­ly­se von Tizia­no Gomie­ro und Mau­ri­zio G. Pao­let­ti aus dem Jahr 2008, die 16 ver­schie­de­ne Stu­di­en berück­sich­tigt, zeigt – auf den Ertrag bezo­gen – eine um 15 bis 45 Pro­zent ener­gie­ef­fi­zi­en­te­re Pro­duk­ti­on bei agrar­öko­lo­gi­schem Anbau. Die­se Ana­ly­se bezieht sich wie­der­um aus­schließ­lich auf Pro­duk­ti­ons­sys­te­me in den Län­dern des Nor­dens.

Die inver­se Bezie­hung zwi­schen Betriebs­grö­ße und Pro­duk­ti­vi­tät, das heißt, dass klei­ne Betrie­be bei halb­wegs ver­gleich­ba­rem Res­sour­cen­zu­gang pro­duk­ti­ver sind als gro­ße, ist der Agrar­in­dus­trie schon lan­ge ein Dorn im Auge. Dem­entspre­chend wie­der­ho­len sich die Ver­su­che, die­sen gut doku­men­tier­ten Befund ent­we­der rund­weg in Abre­de zu stel­len (»Ich stel­le die Kor­rekt­heit der Fest­stel­lung, dass klei­ne Betrie­be eine höhe­re Pro­duk­ti­on pro Flä­chen­ein­heit haben als gro­ße, infra­ge«, schrieb bspw. Jim Hen­d­rix 2007) oder auf sub­ti­le­re Art anzu­zwei­feln. Vor nicht all­zu lan­ger Zeit behaup­te­ten Paul Col­lier und Ste­fan Der­con, dass es für Afri­ka nur eine Hand­voll sorg­fäl­ti­ger Stu­di­en zu die­ser inver­sen Bezie­hung gäbe und dass eini­ge Unter­su­chun­gen das Gegen­teil zeig­ten. Das Phä­no­men ist seit 1926 bekannt, als es von Alex­an­der Tscha­ja­now im Zusam­men­hang mit Lenins »Neu­er Öko­no­mi­scher Poli­tik« in der Sowjet­uni­on bemerkt wur­de. Im Jahr 1962 beschrieb der Nobel­preis­trä­ger Armat­ya Sen erneut die­ses Phä­no­men, das im Lau­fe der Jah­re immer wie­der in Afri­ka, Asi­en und Latein¬amerika beob­ach­tet wur­de. Gele­gent­lich wur­de ver­sucht, die­se Beob­ach­tung als Mess­feh­ler zu dis­qua­li­fi­zie­ren – die feh­len­de Berück­sich­ti­gung von Unter­schie­den in der Boden­qua­li­tät bzw. zu klein geschätz­te Betriebs­flä­chen. Bei­de Erklä­rungs­ver­su­che erwie­sen sich als falsch. (…)

In die­sem Jahr erschien eine sehr umfang­rei­che Stu­die zu den ver­mu­te­ten Schätz­feh­lern bei der Ermitt­lung der Betriebs­grö­ßen. Typi­scher­wei­se wer­den für Pro­duk­ti­vi­täts­un­ter­su­chun­gen die Flä­chen­an­ga­ben der Eigen­tü­mer ver­wen­det. Die­se kön­nen ins­be­son­de­re in den Län­dern des Südens, wenn Katas­ter­an­ga­ben feh­len oder falsch sind, mit Unge­nau­ig­kei­ten behaf­tet sein. Wenn also die Klein­bau­ern ihre Flä­che klei­ner ange­ben, als sie tat­säch­lich ist, ent­steht eine Ver­zer­rung zuguns­ten höhe­rer Pro­duk­ti­vi­täts­wer­te. Calo­ge­ro Car­let­to und sei­ne Kol­le­gen stan­den die Anga­ben zu Pro­duk­ti­on und Betriebs­grö­ße (Eigen­an­ga­be) von 2860 Bau­ern in Ugan­da zur Ver­fü­gung. Zusätz­lich hat­ten sie zu allen Flä­chen die GPS-Daten und konn­ten so die Kor­rekt­heit der Eigen­an­ga­ben über­prü­fen. Wie sich her­aus­stell­te, lag tat­säch­lich ein sys­te­ma­ti­scher Feh­ler bei den Eigen­an­ga­ben vor, aller­dings nicht so, dass sich dadurch die inver­se Bezie­hung zwi­schen Pro­duk­ti­vi­tät und Betriebs­grö­ße ver­rin­gert oder auf­ge­ho­ben hät­te. Im Gegen­teil, sie wur­de ver­stärkt, denn Bau­ern mit den kleins­ten Flä­chen ten­dier­ten dazu, ihre Flä­che zu über­schät­zen, wäh­rend Bau­ern mit mehr Betriebs­grö­ße ihre Flä­che unter­schätz­ten. Im Ergeb­nis kamen bei den kleins­ten Betrie­ben mit durch­schnitt­lich 0,3 Hekt­ar Flä­che nach Kor­rek­tur noch­mals 28 Pro­zent an Pro­duk­ti­vi­tät hin­zu, wäh­rend bei grö­ße­ren Betrie­ben (durch­schnitt­lich 4,2 Hekt­ar) 30 Pro­zent abge­zo­gen wer­den muss­ten. Die Bau­ern der in der Mit­te lie­gen­den Grö­ßen­klas­se (durch­schnitt­lich ein Hekt­ar) hat­ten nur sie­ben Pro­zent Abwei­chung.

Ernäh­rungs­si­cher­heit
Aus markt­wirt­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve wird die höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät klei­ne­rer Flä­chen als »Markt­ver­zer­rung« bezeich­net, wenn die höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät dar­auf zurück­zu­füh­ren ist, dass mehr Arbeit in die Flä­che gesteckt wird. Hier geht es jedoch dar­um, wel­ches land­wirt­schaft­li­che Modell bes­ser geeig­net ist, eine wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung zu ernäh­ren. Aus die­ser Per­spek­ti­ve soll­te dies eher als Kor­rek­tiv denn als Ver­zer­rung bezeich­net wer­den.

De Schutter beschrieb 2010 unter ande­rem fol­gen­de drei Merk­ma­le agrar­öko­lo­gi­schen Wirt­schaf­tens:

1. Agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­me­tho­den sind wis­sens­in­ten­siv. Sie ver­brei­ten sich nicht von selbst, son­dern erfor­dern die Ver­mitt­lung von Wis­sen in einer Inten­si­tät und (geo­gra­phi­schen) Dich­te, die aus­rei­chend sein muss, um mit alten Gewohn­hei­ten zu bre­chen. Dar­über hin­aus wer­den in der Anfangs­pha­se zusätz­li­che Res­sour­cen benö­tigt, die sich jedoch spä­ter selbst repro­du­zie­ren, so dass in künf­ti­gen Jah­ren die Abhän­gig­keit von (staat­lich zur Ver­fü­gung gestell­ten) exter­nen Inputs mini­miert wer­den kann. Von einem agrar¬ökologischen Pilot­pro­jekt bis zur brei­ten Anwen­dung der Metho­den ver­ge­hen oft andert­halb Jahr­zehn­te.

2. Agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­me­tho­den sind arbeits­in­ten­siv, was jedoch ein­ge­denk der feh­len­den Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten in vie­len länd­li­chen Regio­nen des glo­ba­len Südens eher als Vor­teil anzu­se­hen ist, sofern sich die Arbeits­spit­zen der agrar­öko­lo­gi­schen Tech­ni­ken nicht mit den Arbeits­spit­zen der ande­ren land­wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten über­schnei­den.

3. Agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­me­tho­den sind mit einer Diver­si­fi­zie­rung der Pro­duk­ti­on (Pflan­zen und Tie­re) ver­bun­den, was mit einer grö­ße­ren Viel­falt der Ernäh­rung eben­so ein­her­geht wie mit einer grö­ße­ren Sta­bi­li­tät der Pro­duk­ti­on gegen­über äuße­ren Ein­flüs­sen.

Eine Ver­bes­se­rung der Ein­kom­men durch agrar¬ökologischen Anbau lässt sich einer­seits durch die Kos­ten­sen­kung infol­ge der Redu­zie­rung bzw. Ver­mei­dung des Zukaufs exter­ner Inputs (Dün­ger, Pes­ti­zi­de) errei­chen und ande­rer­seits – wie oben geschil­dert – durch eine Stei­ge­rung des Gesamt­pro­dukts im klein­bäu­er­li­chen Fami­li­en­be­trieb. Für arme Klein­bau­ern besteht das ers­te Ziel in einer sub­sis­tenz­wirt­schaft­li­chen Deckung des Grund­be­darfs, so dass die Vor­rä­te bis zur nächs­ten Ern­te rei­chen, ohne dass Lebens­mit­tel zuge­kauft wer­den müs­sen. Ein sol­cher Zukauf ist für vie­le sub­sa­ha­ri­schen Sub­sis­tenz­bäue­rin­nen und -bau­er­nin den letz­ten Wochen bis Mona­ten vor der nächs­ten Ern­te not­wen­dig. Der nächs­te Schritt wäre dann die Erzie­lung zusätz­li­chen Ein­kom­mens durch eine Über­schuss­pro­duk­ti­on, die zum Bei­spiel regio­nal ver­mark­tet wer­den wür­de. (…)

Für den Schritt zur (regio­na­len) Ver­mark­tung von Pro­duk­ti­ons­über­schüs­sen wer­den zusätz­li­che Res­sour­cen benö­tigt. Das betrifft vor allem Trans­port­we­ge und -mit­tel zur Errei­chung loka­ler Märk­te, Lager­mög­lich­kei­ten für die Ern­te­pro­duk­te und gege­be­nen­falls Ver­ar­bei­tungs­stät­ten (Fleisch, Milch).

Natio­na­le Regie­run­gen und Insti­tu­tio­nen der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit soll­ten sich genau hier in der Pflicht sehen, näm­lich

– bei der Stär­kung basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­sier­ter, zivil­ge­sell­schaft­li­cher Struk­tu­ren, nicht als neo­li­be­ra­ler Ersatz, son­dern als Kor­rek­tur- und Kon­troll­me­cha­nis­mus staat­li­chen Han­delns sowie

– bei der Schaf­fung der not­wen­di­gen Infra­struk­tur zur Eta­blie­rung und Stär­kung loka­ler und regio­na­ler Märk­te, nicht zum Abtrans­port des Pro­du­zier­ten in Rich­tung Über­see

– bei der Unter­stüt­zung eines gleich­be­rech­tig­ten Wis­sens­aus­tauschs zwi­schen klein­bäu­er­li­chen Gemein­schaf­ten, NGOs und aka­de­mi­schen Ein­rich­tun­gen.

Der­ar­ti­ge Maß­nah­men wer­den in Poli­cy-Doku­men­ten der inter­na­tio­na­len Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit wie zum Bei­spiel dem Inter­agen­cy Report von 2012 bes­ten­falls in ver­schwom­me­ner Form erwähnt, aber in der Pra­xis nicht durch­ge­setzt.

Peter Clausing: Die grü­ne Matrix. Natur­schutz und Welt­ernäh­rung am Schei­de­weg. Unrast-Ver­lag, Münster/Hamburg 2013, 160 Sei­ten, ca. 13 Euro – auch in der jW-Laden­ga­le­rie erhält­lich

Erschie­nen in jun­ge Welt, 19.9.2013

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