Natur­schutz als Land­raub – Betrach­tun­gen zum Tag der Men­schen­rech­te

Natio­nal­parks bewah­ren die bio­lo­gi­sche Viel­falt. Gleich­zei­tig aber wer­den die dort leben­den Men­schen ver­drängt und ihrer Exis­tenz­grund­la­ge beraubt.

Von Peter Clausing

Am 10. Dezem­ber wird all­jähr­lich der Tag der Men­schen­rech­te began­gen. 1948 wur­de an die­sem Datum die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te von der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen ver­ab­schie­det. Nicht sel­ten wird an die­sem Tag vor­ran­gig über die bür­ger­li­chen und poli­ti­schen Men­schen­rech­te öffent­lich nach­ge­dacht, zu denen das Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung, das Recht auf Ver­samm­lungs­frei­heit und das Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit zäh­len. Es ist auch der Todes­tag Alfred Nobels, der 1894, zwei Jah­re vor sei­nem Able­ben, den schwe­di­schen Rüs­tungs­be­trieb Bofors kauf­te. Nichts­des­to­trotz wird seit 1901 am 10. Dezem­ber der Frie­dens­no­bel­preis ver­ge­ben.

Neben den bür­ger­li­chen und poli­ti­schen Men­schen­rech­ten sind die wirt­schaft­li­chen, sozia­len und kul­tu­rel­len (WSK-) Rech­te ein ande­rer, eben­so wich­ti­ge Teil von Men­schen­rech­ten. Für bei­de Grup­pen trat im Jahr 1976 jeweils ein inter­na­tio­na­ler Pakt in Kraft, in dem die betref­fen­den Rech­te ver­bind­lich beschrie­ben sind.

Zu den WSK-Rech­ten zählt das im Arti­kel 11 beschrie­be­ne Recht auf »adäqua­te Nah­rung, Beklei­dung und Behau­sung und die kon­ti­nu­ier­li­che Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen«. Um des­sen Ein­hal­tung zu über­wa­chen, haben die Ver­ein­ten Natio­nen im Jahr 2000 die Posi­ti­on des »Son­der­be­richt­erstat­ters für das Recht auf Nah­rung« geschaf­fen, die seit 2008 Oli­vi­er de Schutter inne­hat. Er und zahl­rei­che Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) the­ma­ti­sie­ren regel­mä­ßig den Hun­ger auf der Welt und machen Vor­schlä­ge, um ihn künf­tig zu ver­mei­den.

Ver­trei­bung in Kauf genom­men
Nun stellt sich die Fra­ge, was Natio­nal­parks, bei denen es doch eigent­lich um den Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt geht, mit dem Schutz der Spe­zi­es Mensch zu tun haben? Die Ant­wort ist schnell gefun­den, denn dort, wo Natio­nal­parks ein­ge­rich­tet wur­den, muss­ten fast immer Men­schen wei­chen – unter den im glo­ba­len Süden herr­schen­den Ver­hält­nis­sen in der Regel ohne Vor­be­rei­tung und ohne Ent­schä­di­gung. Das heißt, die­se Men­schen ver­lo­ren oft­mals über Nacht ihre Exis­tenz­grund­la­ge – die Vor­aus­set­zun­gen für ihre Ernäh­rung und ihre Behau­sung.

War­um spielt das in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on kaum eine Rol­le? Mög­li­che Ant­wor­ten wären, dass dies »unty­pi­sche« Ereig­nis­se sind, die nur sel­ten vor­kom­men oder Gescheh­nis­se aus der Ver­gan­gen­heit, die heu­te, von der his­to­ri­schen Schuld abge­se­hen, kei­ne Bedeu­tung mehr haben. Bei­des trifft nicht zu. Ers­tens betrifft dies Zig­tau­sen­de Men­schen, und zwei­tens fan­den und fin­den Ver­trei­bun­gen sowohl in der Ver­gan­gen­heit als auch in der Gegen­wart statt.

Eine Schät­zung von Charles Geis­ler, Pro­fes­sor für länd­li­che Sozio­lo­gie an der Cor­nell-Uni­ver­si­tät (USA), und sei­ner Mit­au­to­rin Ragen­dra de Sou­sa aus dem Jahr 2001 kommt für Afri­ka auf eine Zahl zwi­schen 900.000 und 14,4 Mil­lio­nen ver­trie­be­nen Men­schen. Der wei­te Rah­men der Schät­zung ergibt sich aus der Spann­brei­te der mög­li­chen Bevöl­ke­rungs­dich­te. Die Autro­In­nen gin­gen von der Annah­me aus, dass die Schutz­ge­bie­te in Afri­ka in »dünn besie­del­ten« Regio­nen errich­tet wur­den. Das sind per Defi­ni­ti­on Gebie­te mit ein bis 16 Ein­woh­ne­rIn­nen pro Qua­drat­ki­lo­me­ter. Dar­aus ergab sich bei ins­ge­samt 900.000 Qua­drat­ki­lo­me­ter Schutz­ge­bie­ten der Kate­go­ri­en I bis III, dass zwi­schen 900.000 und 14,4 Mil­lio­nen afri­ka­ni­sche Men­schen ver­trie­ben wor­den sein müs­sen. Die von der Welt­na­tur­schutz­uni­on (IUCN) defi­nier­ten Schutz­ge­biets­ka­te­go­ri­en I bis III, ja selbst die Kate­go­rie IV, schlie­ßen die Anwe­sen­heit von bzw. die Res­sour­cen­nut­zung durch Men­schen weit­ge­hend aus. Von den Flä­chen »unbe­rühr­ter Natur«, die in den Rang von Natur­schutz­ge­bie­ten die­ser Kate­go­ri­en erho­ben wer­den, muss also die zuvor dort ansäs­si­ge Bevöl­ke­rung fast immer wei­chen.

Doch die Fest­stel­lung, dass bei der Ein­rich­tung von Natio­nal­parks und Wild­schutz­ge­bie­ten zahl­rei­che Men­schen ver­trie­ben wer­den, basiert nicht nur auf Hoch­rech­nun­gen. Kai Schmidt-Soltau, ein deut­scher Ent­wick­lungs­so­zio­lo­ge, der vie­le Jah­re in Kame­run gelebt hat, unter­such­te das Schick­sal der Men­schen bei der Errich­tung von zwölf west- und zen­tral­afri­ka­ni­schen Natio­nal­parks mit einer Gesamt­flä­che von 41.384 Qua­drat­ki­lo­me­tern. Im Durch­schnitt wur­den pro Natio­nal­park 4.500 Men­schen ver­trie­ben bzw. zwangs­um­ge­sie­delt, in den meis­ten Fäl­len ohne Ent­schä­di­gung. Bei sie­ben der zwölf Natio­nal­parks trat der World Wide Fund for Natu­re (WWF) als »Pro­mo­tor« in Erschei­nung. Als sol­chen bezeich­net Schmidt-Soltau eine Orga­ni­sa­ti­on, die die betref­fen­de natio­na­le Regie­rung dazu auf­ge­ru­fen und dabei unter­stützt hat­te, den betref­fen­den Natio­nal­park ein­zu­rich­ten. Der bri­ti­sche Anthro­po­lo­ge Dan Brocking­ton und sein Kol­le­ge James Igoe wie­sen nach, dass, bezo­gen auf die Gesamt­flä­che der stren­ge­ren Schutz­ge­bie­te (IUCN-Kate­go­rie I bis IV), in elf von 21 afri­ka­ni­schen Län­dern und auf mehr als einem Drit­tel der Schutz­ge­biets­flä­chen Ver­trei­bun­gen vor­ge­nom­men wur­den.

Fer­ner beschrie­ben sie Bei­spie­le für die akti­ve Betei­li­gung gro­ßer Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen an der Eta­blie­rung von Schutz­ge­bie­ten und mit­hin an der Ver­trei­bung der dort leben­den Men­schen, wobei zwi­schen »akti­ver« und »direk­ter« Betei­li­gung unter­schie­den wer­den muss. So war die »Parks in Peril«-Kampagne (Parks in Gefahr) von The Natu­re Con­ser­van­cy auf eine mit Ver­trei­bun­gen ver­bun­de­ne Stär­kung von Schutz­ge­bie­ten aus­ge­rich­tet, ohne dass die­se Orga­ni­sa­ti­on unmit­tel­bar und direkt die Hand im Spiel hat­te. Auch die Afri­can Wild­life Foun­da­ti­on war »nur« finan­zi­ell an der Schaf­fung des Tar­an­gi­re-Natio­nal­parks und des Lake-Manya­ra-Natio­nal­parks in Tan­sa­nia betei­ligt. In bei­den Fäl­len kam es zu Ver­trei­bun­gen. Das offen­her­zi­ge Bekennt­nis von Paul Fen­te­ner van Vlis­sin­gen, Mit­be­grün­der der Afri­can Parks Foun­da­ti­on, die nach eige­ner Dar­stel­lung »Welt­klas­se-Natur­schutz mit Busi­ness­prak­ti­ken ver­bin­det«, ver­an­schau­licht die Art und Wei­se, wie trans­na­tio­na­le Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen vor­ge­hen.
In Bezug auf den 1974 gegrün­de­ten äthio­pi­schen Nechi­sar-Natio­nal­park, der von sei­ner Orga­ni­sa­ti­on gema­nagt wird, äußer­te van Vlis­sin­gen gegen­über einem Jour­na­lis­ten: »Wir woll­ten nicht an der Umsied­lung betei­ligt sein. Des­halb habe ich eine Klau­sel in den Ver­trag ein­ge­baut, dass wir die Ver­ant­wor­tung für den Park erst nach Abschluss der Umsied­lun­gen über­neh­men wer­den.« In der Regel sind Regie­rungs­be­am­te, Poli­zis­ten und Sol­da­ten die­je­ni­gen, die Umsied­lun­gen bzw. Ver­trei­bun­gen ver­an­las­sen, durch­füh­ren und beauf­sich­ti­gen.

Natur­schutz-Grab­bing ver­sus agra­ri­sches Land Grab­bing
Nur sel­ten über­tra­gen Regie­run­gen ihre Hoheits­rech­te direkt an die NGOs, wie im Fall der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Repu­blik, wo die Afri­ca River and Rain­fo­rest Con­ser­va­ti­on das Recht erhielt, Wild­die­be zu ver­haf­ten und, wenn not­wen­dig, zu töten. Doch selbst wenn Ver­trei­bun­gen und Umsied­lun­gen aus Schutz­ge­bie­ten von den trans­na­tio­na­len Natur­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht for­mal (und öffent­lich) unter­stützt wer­den, gibt es ein­fluss­rei­che Per­so­nen inner­halb die­ser Grup­pie­run­gen, die das expli­zit for­dern, so die Ein­schät­zung von Brocking­ton und Igoe. Haupt­säch­lich schaf­fen die­se Natur­schutz­or­ga­ni­sa-tio­nen also die ent­spre­chen­den Rah­men­be­din­gun­gen (Finan­zie­rung, Beein­flus­sung von Ent­schei­dungs­trä­gern, Ver­mitt­lung einer bestimm­ten Visi­on von Natur­schutz), was dann zur direk­ten oder indi­rek­ten Ver­trei­bung von Men­schen bei der Eta­blie­rung von Schutz­ge­bie­ten führt.

Ins­ge­samt haben wir es mit Ent­eig­nungs­pro­zes­sen zu tun, die dem agra­ri­schen »Land Grab­bing« mehr als eben­bür­tig sind und die­ses bis­lang sogar in den Schat­ten stel­len. Dabei ist der End­punkt die­ser Ent­wick­lung bei wei­tem noch nicht erreicht. Auf der 10. Nach­fol­ge­kon­fe­renz zum Über­ein­kom­men über die bio­lo­gi­sche Viel­falt der UNO, die im Okto­ber 2010 im japa­ni­sche Nago­ya statt­fand, wur­de im Rah­men der soge­nann­ten Aichi-Tar­gets ver­ein­bart, den Anteil der Schutz­ge­bie­te an der Land­flä­che der Erde von der­zeit zwölf Pro­zent auf 17 Pro­zent zu erhö­hen. Es geht also um die Eta­blie­rung von Schutz­ge­bie­ten auf einer Flä­che von wei­te­ren 7,5 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­tern. Außer­dem ist ein deut­li­cher Zuwachs an pri­va­ten Schutz­ge­bie­ten, ins­be­son­de­re im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka, zu ver­zeich­nen. So bean­spruch­ten pri­va­te Wild­schutz­ge­bie­te bereits im Jahr 2006 in der Repu­blik Süd­afri­ka elf Pro­zent der Lan­des­flä­che – dop­pelt so viel wie die staat­li­chen Schutz­ge­bie­te – Ten­denz stei­gend.

Da beru­higt es wenig, wenn in dem in die­sem Jahr erschie­ne­nen Bericht des hoch­ka­rä­tig besetz­ten Sym­po­si­ums »Con­ser­va­ti­on and Land Grab­bing« behaup­tet wird, daß sich die Natur­schutz­pra­xis in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten zum Bes­se­ren gewan­delt habe.1 Die Fak­ten wei­sen lei­der dar­auf hin, daß es sich dabei um eine über­wie­gend ver­ba­le Ände­rung gehan­delt hat, die mit der Rea­li­tät nicht viel zu tun hat. Eine eige­ne Inter­net­re­cher­che för­der­te mit wenig Auf­wand neun Fäl­le von Ver­trei­bun­gen aus der Zeit zwi­schen 2008 und 2013 in Hai­ti, Indo­ne­si­en, Kenia, Mexi­ko, Tan­sa­nia und Ugan­da zuta­ge. In der Mehr­zahl der Fäl­le waren jeweils über 1.000 Men­schen betrof­fen. An eini­gen Orten kam es zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen, bei denen Men­schen star­ben. Es ist leicht vor­stell­bar, daß dies nur die Spit­ze des Eis­ber­ges dar­stellt.

Im Gegen­satz zum agra­ri­schen Land Grab­bing blieb trotz die­ser Ereig­nis­se und des Umfangs des Gesche­hens ein all­ge­mei­ner öffent­li­cher Auf­schrei über das »Natur­schutz-Grab­bing« bis­lang aus. Als mög­li­che Grün­de dafür kom­men in Fra­ge:

– das posi­ti­ve Image von Natur­schutz in der Bevöl­ke­rung;

– die Fähig­keit bestimm­ter Inter­es­sen­grup­pen, gera­de in die­sem Bereich durch die Schaf­fung vir­tu­el­ler Wel­ten (Tou­ris­mus) und durch dis­kur­si­ve Ver­brä­mung (gute Parkran­ger, böse Wild­die­be, Schaf­fung von Arbeits­plät­zen durch Natio­nal­parks) eine brei­ten­wirk­sa­me Anpran­ge­rung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch Natur­schutz-Grab­bing in den Hin­ter­grund zu drän­gen;

– ein (gemes­sen an ande­ren Tei­len der länd­li­chen Bevöl­ke­rung, die zum Teil durch Bau­ern­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­tre­ten wer­den) oft­mals schlech­te­rer Orga­ni­sie­rungs­grad der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen.

Armut als Fol­ge
Von den Befür­wor­tern stren­ger Schutz­ge­bie­te wird gern argu­men­tiert, dass mit deren Ein­rich­tung ein armuts­lin­dern­der Effekt ein­her­ge­hen wür­de. Das wäre ganz im Sin­ne der im Arti­kel 11 des Inter­na­tio­na­len Pakts zu den WSK-Rech­ten gefor­der­ten »kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen« und ist somit ein guter Grund, einen genaue­ren Blick dar­auf zu wer­fen. Eine viel­zi­tier­te, in dem renom­mier­ten Wis­sen­schafts­jour­nal Sci­ence publi­zier­te Arbeit von Geor­ge Wit­te­my­er und Mit­au­to­ren aus dem Jahr 2008 schien die­se Behaup­tung zu untermauern.2 In der Publi­ka­ti­on wur­de die Ent­de­ckung eines beschleu­nig­ten Bevöl­ke­rungs­wachs­tums in den Puf­fer­zo­nen von 246 der ins­ge­samt 306 unter­such­ten Schutz­ge­bie­te in 38 afri­ka­ni­schen und latein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern beschrie­ben. Dies sei Fol­ge der Migra­ti­on in die­se ver­meint­lich attrak­ti­ven Zonen und nicht über­ra­schend ange­sichts der Mil­lio­nen US-Dol­lar, die inter­na­tio­na­le Geld­ge­ber in einen inte­grier­ten Natur­schutz und in die länd­li­che Ent­wick­lung in die­sen Berei­chen inves­tie­ren wür­den. Davon wür­den die in den Puf­fer­zo­nen leben­den Men­schen direkt und indi­rekt pro­fi­tie­ren – durch die Schaf­fung von Arbeits­plät­zen, den Bau von Stra­ßen, Kli­ni­ken, Schu­len und sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen. Lei­der wur­de von ande­ren bei der erneu­ten Aus­wer­tung der Daten ein gro­ber Rechen­feh­ler entdeckt.3 Wit­te­my­er und sei­ne Kol­le­gen hat­ten die sprich­wört­li­chen Äpfel und Bir­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen, das heißt zwei nicht kom­pa­ti­ble demo­gra­phi­sche Daten­ba­sen. Bei kor­rek­ter Berech­nung erga­ben sich kei­ner­lei Hin­wei­se auf ein über­mä­ßi­ges Bevöl­ke­rungs­wachs­tum an den Rän­dern der besag­ten Schutz­ge­bie­te, womit auch die dar­aus gezo­ge­nen Schluss­fol­ge­run­gen hin­fäl­lig wur­den.

Eine Ant­wort auf die Fra­ge, ob die Ein­rich­tung von Schutz­ge­bie­ten die Armut lin­dert oder nicht, muss also auf ande­re Wei­se gesucht wer­den. Eine gro­be Ori­en­tie­rung bie­ten bereits die Erkennt­nis­se aus einer Selbst­ana­ly­se des WWF aus dem Jahr 2004, der zufol­ge in 206 unter­such­ten Schutz­ge­bie­ten im Durch­schnitt jeweils 40 Arbeits­plät­ze geschaf­fen wur­den. Die­se Zahl steht im Kon­trast zu der oben erwähn­ten Unter­su­chung von Kai Schmidt-Soltau, der ermit­tel­te, dass in den zwölf Natio­nal­parks jeweils durch­schnitt­lich 4.500 Men­schen ver­trie­ben bzw. zwangs­um­ge­sie­delt wur­den. Kürz­lich erschien ein kom­plet­tes Buch zu der Fra­ge, ob es Bewei­se für die Lin­de­rung von Armut durch Schutz­ge­bie­te gibt.4 Unter ande­rem wird dort ein Über­blick über die ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten der Armuts­be­kämp­fung im Kon­text von Schutz­ge­bie­ten gege­ben. Die auf der Aus­wer­tung von über 400 Publi­ka­tio­nen fußen­de Ein­schät­zung folgt dem »Ja, aber«-Prinzip. Und das, obwohl vier der fünf Auto­ren des betref­fen­den Bei­trags bei The Natu­re Con­ser­van­cy tätig und somit unver­däch­tig sind, ein über­zo­gen kri­ti­sches Bild zu zeich­nen. Hier ihre Erkennt­nis­se:

– Die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Nicht­holz-Wald­pro­duk­ten redu­ziert sel­ten dau­er­haft die loka­le Armut und ist im bes­ten Fall ein Not­be­helf, im schlimms­ten Fall aber eine Armuts­fal­le.

– Gemein­de­wald-Bewirt­schaf­tung hat zwar zur Armuts­re­du­zie­rung in länd­li­chen Gebie­ten bei­ge­tra­gen, aber sel­ten den Ärms­ten der Armen gehol­fen, unter ande­rem weil »ein Groß­teil des Gewinns von den loka­len und natio­na­len Eli­ten ein­ge­heimst wird«. Fer­ner wird eine Stu­die zitiert, der zufol­ge 75 Pro­zent der in die­sem Kon­text neu gegrün­de­ten klei­nen und mitt­le­ren Holz­fir­men in den ers­ten drei Jah­ren ihres Bestehens Plei­te gehen.

– Für bezahl­te Umwelt­dienst­leis­tun­gen wird ein­ge­schätzt, dass die mäßig armen Klein­bau­ern und die wohl­ha­ben­de­ren Land­be­sit­zer gene­rell die­je­ni­gen sind, die Vor­tei­le dar­aus zie­hen und dass der Effekt der eigent­li­chen Armuts­lin­de­rung unbe­deu­tend ist.

– Öko­tou­ris­mus hat in vie­len Fäl­len als effek­ti­ver Mecha­nis­mus zur Armuts­be­kämp­fung gewirkt. Wobei auch hier die­je­ni­gen, denen es ohne­hin bes­ser geht, am meis­ten davon pro­fi­tie­ren.

– Jene, die einen Job bei der Schutz­ge­biets­ver­wal­tung bekom­men, sind in der Regel die mäßig Armen bis Wohl­ha­ben­de­ren. Die Mehr­zahl der ohne­hin weni­gen Arbeits­plät­ze wird an Men­schen von außer­halb ver­ge­ben, nicht an die loka­le Bevöl­ke­rung.

– Agrar­forst­wirt­schaft wird als Mit­tel der Armuts­re­du­zie­rung ange­se­hen. Es ist eine der weni­gen auf­ge­zähl­ten Mög­lich­kei­ten, die nicht mit dem Eti­kett »ins­be­son­de­re vor­teil­haft für die weni­ger Armen bzw. Wohl­ha­ben­de­ren« ver­se­hen wur­de. Aber der Zugang zu Märk­ten, um die Pro­duk­te zu ver­kau­fen, stellt eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung dar, die häu­fig nicht gege­ben ist.

– Auch den Maß­nah­men zum Erhalt der Agro­bio­di­ver­si­tät wer­den Chan­cen bei der Armuts­be­kämp­fung ein­ge­räumt. Aller­dings mit der Ein­schrän­kung, dass die Ärms­ten der Armen sel­ten Land­ei­gen­tü­mer sind und ihnen des­halb die­ser Weg ver­schlos­sen bleibt.

Offen­bar wur­de das Ver­spre­chen, durch Schutz­ge­bie­te die Armut zu lin­dern, bis­lang nur in Ansät­zen ein­ge­löst. Vor allem aber fehlt bei der oben genann­ten Betrach­tung die Gegen­rech­nung: Was hat par­al­lel dazu an Armut­s­er­zeu­gung statt­ge­fun­den? Der tan­sa­ni­sche Wis­sen­schaft­ler Huru­ma Sig­al­la ver­weist auf das Feh­len »holis­ti­scher Alter­na­ti­ven«, sprich ganz­heit­li­cher Ansät­ze, um die vom Natur­schutz her­vor­ge­ru­fe­nen Ver­lus­te zu kompensieren.5 Die Erfah­rung der Men­schen vor Ort, dass die zu Beginn bei Natur­schutz­vor­ha­ben gege­be­nen Ver­spre­chen nicht ein­ge­hal­ten wer­den, sei­en der Haupt­grund für die »all­ge­mei­ne Feind­schaft loka­ler Gemein­schaf­ten gegen­über dem Natur­schutz«, ein Befund, der eben­falls von einem anonym zitier­ten lei­ten­den Mit­ar­bei­ter des WWF-Tan­sa­nia bestä­tigt wird. Auch zahl­rei­che ande­re Auto­ren ver­wei­sen auf die Wich­tig­keit einer posi­ti­ven Ein­stel­lung der loka­len Bevöl­ke­rung gegen­über dem Natur­schutz in den angren­zen­den Gebie­ten, wenn die Pro­jek­te erfolg­reich sein sol­len.

Wer­fen wir den Blick auf eine Fall­stu­die, die ver­deut­licht, dass es von der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung der Rah­men­be­din­gun­gen abhängt, ob und wel­che Grup­pen der loka­len Bevöl­ke­rung durch Schutz­ge­bie­te Vor- oder Nach­tei­le haben. Als sozia­le Insti­tu­ti­on und poli­ti­sches Kon­strukt zieht ein Natio­nal­park die einen Men­schen an und stößt ande­re ab, ver­än­dert das loka­le Preis­ge­fü­ge, beschränkt den Zugang zu Res­sour­cen, trennt die Men­schen von der Natur, ver­än­dert das Recht und die Macht­ver­hält­nis­se, so die Ein­schät­zung der For­scher­grup­pe um den nor­we­gi­schen Pro­fes­sor für Umwelt- und Ent­wick­lungs­stu­di­en Paul Vedeld.6

Ver­sperr­ter Res­sour­cen­zu­gang
Die Grup­pe unter­such­te die Ver­hält­nis­se in fünf Dör­fern am Ran­de des Miku­mi-Natio­nal­parks, des viert­größ­ten Tan­sa­ni­as, und berück­sich­tig­te sowohl Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen und zusätz­li­che Ein­kom­men als auch die erlit­te­nen Ver­lus­te. Die­se fünf von ins­ge­samt 18 Dör­fern im Rand­be­reich des Natio­nal­parks hat­ten eine durch­schnitt­li­che Grö­ße von etwa 1.000 Ein­woh­nern, die sub­sis­tenz­wirt­schaft­lich von Mais, Boh­nen und Reis leben. Eine direk­te Beschäf­ti­gung durch den Natio­nal­park gab es so gut wie nicht. Aus einem spe­zi­el­len Fonds erhiel­ten die Dör­fer Geld für sozia­le Pro­jek­te (an deren Aus­wahl sie nicht betei­ligt waren), wor­aus sich eine Kom­pen­sa­ti­on von umge­rech­net weni­ger als 0,1 US-Cent pro Per­son und Tag ergab – bei einem durch­schnitt­li­chen Pro-Kopf-Ein­kom­men von zir­ka 60 Cent pro Tag. Selbst bei die­sem unter­halb der abso­lu­ten Armuts­gren­ze lie­gen­den Pro-Kopf-Ein­kom­men stellt die Kom­pen­sa­ti­on also einen zu ver­nach­läs­si­gen­den Betrag dar. Die­se Ein­schät­zung wird von dem bereits erwähn­ten WWF-Mit­ar­bei­ter bestä­tigt, der von Sig­al­la mit den Wor­ten zitiert wird: »Wenn wir davon spre­chen, dass zehn Dör­fer 2.000 oder 3.000 Dol­lar bekom­men, wie­viel bleibt dann pro Ein­woh­ner übrig? Letzt­end­lich wird dir klar, dass die Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen, die sie bekom­men, ihnen nicht viel hel­fen, im Ver­gleich zu dem, (…) was ihnen durch die Begren­zung des Zugangs an Res­sour­cen ver­lo­ren­geht.«

Auf der Ver­lust­sei­te ermit­tel­ten Vedeld und Kol­le­gen Ern­te­ein­bu­ßen durch Wild­tie­re (Ele­fan­ten, Affen, Wild­schwei­ne) von durch­schnitt­lich 4,1 Pro­zent des Haus­halts­ein­kom­mens. Legt man die 60 Cent pro Per­son und Tag zugrun­de, ent­spricht das einem Ver­lust von 2,5 Cent pro Per­son und Tag, die dem oben genann­ten Zuge­winn von 0,1 Cent gegen­über­ste­hen.

Neben den mate­ri­el­len Ver­lus­ten waren in der Umge­bung des Miku­mi-Natio­nal­parks in der Ver­gan­gen­heit auch immer wie­der Ver­lus­te von Men­schen­le­ben durch die Angrif­fe von Wild­tie­ren zu bekla­gen. Im Lau­fe der Jah­re star­ben über 40 Per­so­nen, vor allem durch Löwen, aber auch durch Was­ser­büf­fel. In ande­ren Gegen­den sind es in ers­ter Linie Zwi­schen­fäl­le mit Ele­fan­ten. Um die beschrie­be­nen Bei­spie­le an mate­ri­el­len und mensch­li­chen Ver­lus­ten ins Ver­hält­nis zu set­zen, sei an die­ser Stel­le an die media­le Auf­re­gung erin­nert, die 2006 herrsch­te, als der aus Nord­ita­li­en gekom­me­ne Braun­bär »Bru­no« die baye­ri­schen Lan­de durch­streif­te.

Ein grund­le­gen­der Vor­wurf von kri­ti­schen Anthro­po­lo­gen wie Dan Brocking­ton ist, dass die Natur­schutz­pro­jek­te selbst – und even­tu­ell sogar die dar­in ein­ge­bet­te­ten Maß­nah­men zur Armuts­lin­de­rung – dazu ten­die­ren, bestehen­de Ungleich­hei­ten zu repro­du­zie­ren und ggf. zu ver­stär­ken. Wenn Schluss­fol­ge­run­gen über die ver­stär­ken­de oder lin­dern­de Wir­kung von Schutz­ge­bie­ten auf bestehen­de Armut gezo­gen wer­den, sei es trü­ge­risch, die Gemein­de­ebe­ne zu betrach­ten und die Situa­ti­on der Haus­hal­te außer Acht zu las­sen, weil es dar­an hin­dert, die Dif­fe­ren­zie­rung in Gewin­ner und Ver­lie­rer wahr­zu­neh­men. Eine sol­che Betrach­tungs­wei­se fin­det ihre Ent­spre­chung auf Län­der­ebe­ne, wenn die »Ent­wick­lung« von Staa­ten anhand makro­öko­no­mi­scher Zah­len beur­teilt wird und dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen über den Wohl­stand der Bevöl­ke­rung gezo­gen wer­den.

Anmer­kun­gen
1 Tom Blom­ley u.a.: Con­ser­va­ti­on and land grab­bing: Part of the pro­blem or part of the solu­ti­on? Work­shop Report 2013, online unter: povertyandconservation.info
2 Geor­ge Wit­te­my­er u.a.: »Acce­le­ra­ted human popu­la­ti­on growth at pro­tec­ted area edges.« Sci­ence, Nr. 321, 2008, Sei­ten 123–126
3 Lucas N. Jop­pa u.a.: On popu­la­ti­on growth near pro­tec­ted are­as. Plos One, Vol. 4, Aus­ga­be 1, 2009, Sei­ten 1–5
4 Dilys Roe u.a.: Bio­di­ver­si­ty con­ser­va­ti­on and pover­ty alle­via­ti­on: explo­ring the evi­dence for a link. Wiley & Sons, Ltd, Chi­ches­ter, Chi­ches­ter 2013
5 Huru­ma L. Sig­al­la: Tra­de-offs bet­ween wild­life con­ser­va­ti­on and local live­li­hood: Evi­dence from Tan­za­nia. Afri­can Review, 40, 2013, Sei­ten 155–178
6 Paul Vedeld u.a.: Pro­tec­ted are­as, pover­ty and con­flicts. A live­li­hood case stu­dy of Miku­mi Natio­nal Park, Tan­za­nia. Forest Poli­cy and Eco­no­mics, 21, 2012, Sei­ten 20–31

Erschie­nen in jun­ge Welt vom 9.12.2013

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