Schwein gehabt – Pro­fit gemacht. Mast­fa­bri­ken zwi­schen Pro­fitzwang und Pro­tes­ten

von Peter Clausing
Lunapark21 Nr. 25; März 2014

Man nennt sie heu­te im angel­säch­si­schen Fach­jar­gon CAFOs – Con­cen­tra­ted Ani­mal Fee­ding Ope­ra­ti­ons. Eher banal und etwas direk­ter: Es geht um Mast­fa­bri­ken. Und damit um rie­si­ge, glo­bal akti­ve Fleisch­kon­zer­ne, von denen 2013 oder 2014 erst­mals einer, der chi­ne­si­sche Rie­se Shuang­hui Inter­na­tio­nal Hol­ding, der 2013 den US-Flei­schrie­sen Smit­h­field über­nahm, zur Grup­pe der 500 größ­ten Kon­zer­ne der Welt, der „Glo­bal 500“, vor­sto­ßen dürf­te.

CAFOS nut­zen, ähn­lich wie ande­re Indus­trie­zwei­ge, bil­li­ge Arbeits­kräf­te und nied­ri­ge bzw. nicht durch­ge­setz­te Umwelt­stan­dards, um mit Nied­rig­prei­sen im herr­schen­den Kon­kur­renz­kampf bis zum Errei­chen einer Mono­pol­stel­lung pro­fi­ta­bel zu blei­ben. Das führt dazu, dass Mast­fa­bri­ken bevor­zugt in Regio­nen errich­tet wer­den, wo zuvor die loka­le Öko­no­mie zer­stört wur­de: Dort sind die Arbeits­kräf­te eher bereit, zu nied­ri­gen Löh­nen zu arbei­ten; die zustän­di­gen Behör­den drü­cken im Bemü­hen, Inves­to­ren anzu­lo­cken, bei den Umwelt­auf­la­gen gern mal ein Auge zu. Oder das betref­fen­de Land ver­fügt erst gar nicht über halb­wegs ange­mes­se­ne Regu­la­ri­en. Inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on exis­tie­ren zwar diver­se Umwelt­schutz­ge­set­ze, aber sie wer­den häu­fig ver­letzt – im beson­de­ren Maß in Peri­phe­rie-Regio­nen. Frü­her war dies vor allem in den medi­ter­ra­nen euro­päi­schen Län­dern der Fall. So fan­den laut einer von Tania Bor­zel im Jahr 2003 ver­öf­fent­lich­ten Stu­die 42 Pro­zent der regis­trier­ten EU-Umwelt­ver­ge­hen in Grie­chen­land, Ita­li­en, Por­tu­gal und Spa­ni­en statt. Mit der EU-Ost­erwei­te­rung ver­la­ger­te sich der geo­gra­phi­sche Schwer­punkt in die­se Him­mels­rich­tung. CAFOs leis­ten dazu ihren Bei­trag. Bei­spiel­haft ist die „Migra­ti­on“ hol­län­di­scher und däni­scher Schwei­ne­pro­du­zen­ten, die so den stren­ge­ren Umwelt­ge­set­zen in ihren Her­kunfts­län­dern ent­flie­hen. Zu die­sen „Wirt­schafts­flücht­lin­gen der ande­ren Art“ gehö­ren der däni­sche Unter­neh­mer Claus Bal­tersen, der sein Glück in Litau­en ver­such­te, das däni­sche Kon­sor­ti­um Pold­anor in Polen und meh­re­re hol­län­di­sche Agrar­in­dus­tri­el­le, die vor allem in Bran­den­burg, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Sach­sen-Anhalt aktiv sind.

Stand­ort­vor­tei­le: Bil­lig­löh­ne und schwa­che Umwelt­ge­set­ze

Bei den CAFOs gibt es aller­dings eine Beson­der­heit, die sie von ande­ren Inves­ti­tio­nen unter­schei­det: In kaum einer ande­ren Bran­che dürf­te der loka­le Wider­stand gegen Direkt­in­ves­ti­tio­nen so häu­fig anzu­tref­fen sein wie bei Mast­fa­bri­ken. Die mit dem Ange­bot der „Schaf­fung von Arbeits­plät­zen“ Beglück­ten erken­nen sehr bald und oft­mals recht­zei­tig bevor es über­haupt zur Inves­ti­ti­on kommt, dass mit den weni­gen ent­ste­hen­den Arbeits­plät­zen erheb­li­che Pro­ble­me für Umwelt und Gesund­heit ver­bun­den sind. Es über­rascht dann kaum, dass sich die „Schaf­fung von Arbeits­plät­zen“ zudem als Mogel­pa­ckung ent­puppt. Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt nahm die Zahl der in Deutsch­land gehal­te­nen Schwei­ne von 25,6 Mil­lio­nen im Jahr 2004 auf 28 Mil­lio­nen im Jahr 2013 zu. Im ver­gleich­ba­ren Zeit­raum hat sich die Zahl der Schwei­ne hal­ten­den Betrie­be nahe­zu hal­biert. Auch wenn die spe­zi­fi­sche sta­tis­ti­sche Basis eher mager ist, so dürf­te die­ser Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess mit einem erheb­li­chen Ver­lust von Arbeits­plät­zen ver­bun­den sein. Dafür spricht der kon­ti­nu­ier­li­che Rück­gang der Zahl der in der Land­wirt­schaft ins­ge­samt Beschäf­tig­ten und der hohe Mecha­ni­sie­rungs­grad der Groß­be­trie­be.
Der Wider­stand gegen Schwei­ne­mast­fa­bri­ken hat oft höchst prak­ti­sche Ursa­chen. Stu­di­en bele­gen, dass der von ihnen aus­ge­hen­de Gestank nicht nur unan­ge­nehm ist, son­dern auch lang­fris­ti­ge psy­cho­so­ma­ti­sche Aus­wir­kun­gen hat, die sich in Angst­zu­stän­den, Depres­sio­nen und in stress­be­ding­ter Immun­sup­pres­si­on mani­fes­tie­ren. Unter Extrem­be­din­gun­gen, wie sie im Pero­te-Tal im mexi­ka­ni­schen Bun­des­staat Ver­a­cruz herr­schen, wachen die Kin­der der Anrai­ner nachts gele­gent­lich mit Brech­reiz auf, so dass man­che Eltern mit ihnen in eine ent­fern­te­re Gegend mit sau­be­rer Luft fah­ren, um den Rest der Nacht auf der Lade­flä­che ihres Pick­up-Trucks zu ver­brin­gen. Epi­de­mio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen zei­gen ein häu­fi­ge­res Auf­tre­ten von Atem­wegs­er­kran­kun­gen und Asth­ma bei Beschäf­tig­ten in den Mast­an­la­gen und bei Men­schen, die in Nach­bar­schaft zu Mast­fa­bri­ken leben. Die­se Erkran­kun­gen wer­den durch die erhöh­ten Kon­zen­tra­tio­nen von „Bio­ae­ro­so­len“ – durch die Mast­an­la­ge emit­tier­te Kot- und Haut­par­ti­kel – aus­ge­löst. Die Ver­un­rei­ni­gung von Grund­was­ser, Ober­flä­chen­ge­wäs­sern und des Bodens sind ein seit lan­gem bekann­tes Pro­blem. Ame­ri­ka­ni­schen Anga­ben zufol­ge ver­ur­sacht ein Schwein in einer Mast­fa­brik bis zu fünf­mal mehr Abwas­ser als ein Mensch in sei­ner Woh­nung. Damit die Umwelt nicht kon­ta­mi­niert wird, wäre eine gigan­ti­sche Abwas­ser­be­hand­lungs­an­la­ge not­wen­dig, die umso sel­te­ner anzu­tref­fen ist, je wei­ter die Anla­ge in der „sozi­al­öko­no­mi­schen Peri­phe­rie“ ange­sie­delt ist. Die Haß­le­be­ner Bür­ger­initia­ti­ve „Kon­tra Indus­trie­schwein“ berech­ne­te für die dort ursprüng­lich geplan­te Kapa­zi­tät von 85000 Schwei­nen mit 3,25 Mast­durch­gän­gen, also über 275000 Schlacht­schwei­nen pro Jahr, eine jähr­li­che Gül­le­men­ge von 190000 Kubik­me­tern. Das ent­spricht der Men­ge mensch­li­cher Exkre­men­te in einer Stadt mit knapp 200000 Ein­woh­nern. Sta­tis­ti­ken wie die­se ver­deut­li­chen, war­um sich Wider­stand gegen Mast­fa­bri­ken rela­tiv leicht mobi­li­sie­ren lässt – zumal hier Tier­schutz­in­itia­ti­ven als Ver­bün­de­te eine wich­ti­ge Rol­le spie­len.

Stand­ort­vor­aus­set­zung: Zer­stör­te Öko­no­mi­en

Zu den Regio­nen mit zuvor zer­stör­ten loka­len Öko­no­mi­en zäh­len einer­seits die Län­der des ehe­ma­li­gen sozia­lis­ti­schen Lagers (ein­schließ­lich der neu­en Bun­des­län­der), aber auch das vom Frei­han­dels­ab­kom­men NAFTA gebeu­tel­te Mexi­ko und etli­che struk­tur­schwa­che Regio­nen kapi­ta­lis­ti­scher Kern­län­der. Im soge­nann­ten „Black Belt“, einem haupt­säch­lich von Schwar­zen bewohn­ten Gür­tel des US-ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­staa­tes North Caro­li­na, wo frü­her die Pro­duk­ti­on von Tabak und Baum­wol­le domi­nier­te, stieg nach dem Preis­ver­fall für die­se Cash­crops die Zahl der dort gehal­te­nen Mast­schwei­ne rasant an. Im Jahr 1991 wur­den dort 3,7 Mil­lio­nen Schwei­ne gemäs­tet, gegen­über 10 Mil­lio­nen im Jahr 1998 – ein Niveau, das im Gro­ßen und Gan­zen auch zehn Jah­re spä­ter noch vor­herrsch­te.
Ost­deutsch­land und die ost­eu­ro­päi­schen Län­der haben bezüg­lich Mast­fa­bri­ken eine Vor­ge­schich­te aus der Zeit des „real exis­tie­ren­den“ Sozia­lis­mus. Aus­ge­hend von Par­tei-Beschlüs­sen der KPdSU, die sich bis in die Zeit Niki­ta Chruscht­schows zurück­ver­fol­gen las­sen, wur­de im gesam­ten Ost­block schritt­wei­se die „indus­trie­mä­ßi­ge“ Land­wirt­schaft ein­ge­führt. Schwei­ne­mast­fa­bri­ken waren Teil die­ser Ent­wick­lung. Mit dem Zusam­men­bruch des Sys­tems zer­fiel auch die Mast­in­dus­trie. Das Ergeb­nis war ein sozio­öko­no­mi­scher Wan­del von beträcht­li­chem Aus­maß. So wur­den in Litau­en 1998 nur noch 40 Pro­zent so viel Schwei­ne geschlach­tet wie 1991. Auf der Mikro­ebe­ne stellt sich die­se Ver­än­de­rung noch dra­ma­ti­scher dar, denn weit über die Hälf­te der dann noch gemäs­te­ten Schwei­ne wur­de in pri­va­ten Haus­hal­ten auf­ge­zo­gen. Mit durch­schnitt­lich 2,8 Schwei­nen pro Fami­lie wur­den in die­sem Land in der zwei­ten Hälf­te der 1990er Jah­re rund 630000 Schwei­ne haupt­säch­lich für den Eigen­be­darf gehal­ten – ein Bei­spiel für die „stil­le Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät auf dem post­so­wje­ti­schen Ter­ri­to­ri­um“, von der am 24. Janu­ar 2014 auf einem Sym­po­si­um in Den Haag die Rede war. Mit die­sem Wan­del ging eine „bedeu­ten­de Ver­bes­se­rung der Umwelt­be­din­gun­gen“ ein­her, wie von ein­schlä­gi­gen Publi­ka­tio­nen beschei­nigt wur­de. Trotz­dem lagen auch 15 Jah­re nach Still­le­gung der Mast­fa­bri­ken die Nitrat­kon­zen­tra­tio­nen im Grund­was­ser ihrer Umge­bung noch fünf- bis zehn­fach über dem zuläs­si­gen Grenz­wert. Die rela­ti­ve Aus­söh­nung mit der Umwelt in den ehe­ma­li­gen Mast-Stand­ort-Regio­nen wird seit Mit­te der 1990er Jah­re von den Begehr­lich­kei­ten west­li­cher Schwei­ne­fleisch­pro­du­zen­ten gestört.

Polen genoss zu Zei­ten des Staats­so­zia­lis­mus den Ruf, dass dort die klein­bäu­er­li­chen Struk­tu­ren weit­ge­hend unan­ge­tas­tet blie­ben. Das trifft im Prin­zip zu, aber der Wes­ten und der Nord­wes­ten des Lan­des bil­de­ten eine Aus­nah­me. Hier wur­den in den 1970er Jah­ren gro­ße staats­ei­ge­ne Schwei­n­e­be­trie­be errich­tet, die sich nach dem Zusam­men­bruch des Sys­tems als Über­nah­me­ob­jek­te anbo­ten. Seit 1994 tra­ten hier vor allem zwei Akteu­re in Erschei­nung – das däni­sche Kon­sor­ti­um Pold­anor sowie der glo­ba­le Markt­füh­rer, der US-ame­ri­ka­ni­sche Fleisch­kon­zern Smit­h­field, des­sen pol­ni­sche Nie­der­las­sung unter dem Namen Agri Plus fir­miert. (Smit­h­field selbst wur­de, wie erwähnt, Ende 2013 von dem noch grö­ße­ren chi­ne­si­schen Schwei­ne­fleisch­pro­du­zen­ten Shuang­hui Inter­na­tio­nal Hol­ding Ltd über­nom­men).

Wäh­rend das aus 50 däni­schen Agrar­un­ter­neh­mern bestehen­de Kon­sor­ti­um Pold­anor ab 1994 begann, still geleg­te ehe­ma­li­ge Staats­be­trie­be und Schlacht­hö­fe zu pach­ten oder auf­zu­kau­fen, kauf­te Agri Plus aus­schließ­lich Schlacht­hö­fe und ver­such­te, Schwei­ne mäs­ten­de pol­ni­sche Bau­ern unter Ver­trag zu neh­men. Inzwi­schen ver­kauft das auf Ver­meh­rungs­zucht spe­zia­li­sier­te Unter­neh­men Pold­anor pro Jahr etwa 350000 Läu­fer (Jung­schwei­ne zwi­schen 25 und 50 kg Gewicht) an Schwei­ne­mäs­te­rei­en. Die in däni­schem Besitz befind­li­chen Schlacht­hö­fe haben mitt­ler­wei­le eine Kapa­zi­tät zur Ver­ar­bei­tung von jähr­lich 1,5 Mil­lio­nen Schwei­nen. Smit­h­field schuf mit dem Auf­kauf und der Erwei­te­rung vor­han­de­ner Schlacht­hö­fe in die­sem Land eine Jah­res­ka­pa­zi­tät zur Ver­ar­bei­tung von 3 Mil­lio­nen Schwei­nen. Auch wenn damit noch kein lan­des­wei­tes Mono­pol erreicht ist – laut dem pol­ni­schen Amt für Sta­tis­tik betrug im Jahr 2010 die lan­des­wei­te Popu­la­ti­on knapp 15 Mil­lio­nen Schwei­ne – bele­gen die genann­ten Zah­len einen deut­li­chen Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess, ins­be­son­de­re ange­sichts der seit eini­ger Zeit rück­läu­fi­gen Schwei­ne­be­stän­de in den ost­eu­ro­päi­schen Län­dern.
Smit­h­field eta­blier­te sich auch in Rumä­ni­en und grün­de­te dort im Jahr 2004 eine Nie­der­las­sung, ver­bun­den mit Plä­nen, im Lau­fe der Zeit eine jähr­li­che Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät von vier Mil­lio­nen Schwei­nen zu instal­lie­ren. Die geplan­te Errich­tung von Mast­fa­bri­ken in der Nähe der rumä­ni­schen Stadt Timi­so­ara stieß auf den orga­ni­sier­ten Wider­stand der betrof­fe­nen Gemein­den.

Pro­tes­te im Osten

Litau­en wur­de 1998 „ent­deckt“. Ein unter dem Namen Sae­rim­ner gegrün­de­tes däni­sches Kon­sor­ti­um begann, die ehe­ma­li­gen sowje­ti­schen Mast­fa­bri­ken auf­zu­kau­fen und wie­der in Betrieb zu neh­men. Damit ver­bun­den war das spä­ter nicht ein­ge­lös­te Ver­spre­chen, die Anla­gen umwelt­freund­lich zu gestal­ten. Die Dänen ver­tra­ten die Ansicht, dass es „ein Leich­tes“ sein wür­de, in Litau­en jähr­lich 10 Mil­lio­nen Schwei­ne zu mäs­ten. Wäh­rend die finan­zi­ell gebeu­tel­ten litaui­schen Lokal­ver­wal­tun­gen den geplan­ten Inves­ti­tio­nen anfangs auf­ge­schlos­sen gegen­über­stan­den, wur­den in der Bevöl­ke­rung Erin­ne­run­gen an die Gesund­heits- und Umwelt­fol­gen der Schwei­ne­mast­in­dus­trie zu sowje­ti­schen Zei­ten geweckt. Des­halb stand die Bevöl­ke­rung der betrof­fe­nen Dör­fer den Pro­jek­ten von Anbe­ginn ableh­nend gegen­über. In einer wil­den Mischung aus Öko­ak­ti­vis­mus und natio­na­lis­ti­schen bis hin zu frem­den­feind­li­chen Res­sen­ti­ments kam es über die Jah­re zu einer brei­ten Mobi­li­sie­rung, die durch meh­re­re Umwelt­skan­da­le bei der Aus­brin­gung der Schwei­ne­gül­le zusätz­li­chen Schwung erhielt. Im Jahr 2008 wur­den die däni­schen Expan­si­ons­plä­ne schließ­lich erheb­lich beschnit­ten. Der däni­sche „Schwei­ne­kö­nig“ Claus Bal­tersen, füh­ren­de Figur im Sae­rim­ner-Kon­sor­ti­um, zeig­te sich bit­ter ent­täuscht und kün­dig­te an, künf­tig in Lett­land und der rus­si­schen Föde­ra­ti­on zu inves­tie­ren, wo es ein „geschäfts­freund­li­che­res“ Kli­ma gäbe.
In Ost­deutsch­land sind vor allem hol­län­di­sche Inves­to­ren aktiv. Auch ihr Inves­ti­ti­ons­drang wur­de bis­lang nur teil­wei­se befrie­digt. Am bekann­tes­ten dürf­te der Agrar­in­dus­tri­el­le Har­rie van Gen­nip sein. Nach der im Jahr 1997 erfolg­ten Inbe­trieb­nah­me von Euro­pas größ­ter Mast­fa­brik (65000 Stall­plät­ze) in Sand­bei­en­dorf im nörd­li­chen Sachen-Anhalt, bemüht er sich seit 2004 um den Stand­ort Haß­le­ben im nord­öst­li­chen Bran­den­burg. Hier befand sich bis zum Zusam­men­bruch der DDR eine so genann­te „Hun­dert­tau­sen­der“ Schwei­ne­mast­an­la­ge. Für Haß­le­ben bean­trag­te der hol­län­di­sche Inves­tor ursprüng­lich eine Anla­ge mit 85000 Stall­plät­zen. Dies schei­ter­te an den Ein­sprü­chen einer Bür­ger­initia­ti­ve, die, ähn­lich wie in Litau­en, von Umwelt­or­ga­ni­sa­tio­nen unter­stützt wur­de. Das Gesche­hen in Haß­le­ben, bestehend aus zivil­ge­sell­schaft­li­chem Wider­stand, der Ertei­lung von Auf­la­gen sowie der Rück­nah­me und Wie­der­be­an­tra­gung von Betriebs­ge­neh­mi­gun­gen ist bis heu­te nicht abge­schlos­sen. Im drit­ten Anlauf geneh­mig­te das Lan­des­um­welt­amt Bran­den­burg im Juni 2013 trotz fort­be­stehen­der Ein­wän­de eine Anla­ge mit 37000 Stall­plät­zen. Ein kurz danach durch van Gen­nip gestell­ter Eil­an­trag auf sofor­ti­ge Wirk­sam­keit der Geneh­mi­gung kam jedoch nicht durch. Anfang Dezem­ber 2013 zog der Hol­län­der den Eil­an­trag zurück. Ob damit das Ende des Inves­ti­ti­ons­vor­ha­bens besie­gelt ist, bleibt abzu­war­ten. An wei­te­ren ost­deut­schen Stand­or­ten sind die Ver­su­che, Mast­fa­bri­ken zu errich­ten, eben­falls ins Sto­cken gera­ten oder ganz geschei­tert. Im Jahr 2003 träum­te van Gen­nip davon, in Mahl­win­kel, sie­ben Kilo­me­ter von Sand­bei­en­dorf ent­fernt, eine Schwei­ne­mast­an­la­ge mit ca. 80000 Tier­plät­zen zur errich­ten. Auch hier kam es zu Pro­tes­ten und Ein­wän­den durch eine Bür­ger­initia­ti­ve. Im vori­gen Jahr wur­de eine abge­speck­te Vari­an­te bean­tragt, bei der es nun­mehr um einen Zucht­be­trieb für 11000 Fer­kel und 20000 Mast­schwei­ne geht. Auf­grund einer im April 2013 ver­ab­schie­de­ten Ände­rung des Para­gra­phen 35 des Bau­ge­setz­bu­ches sind die Geg­ner des Vor­ha­bens jedoch opti­mis­tisch, dass das Vor­ha­ben auch in sei­ner redu­zier­ten Form zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. In Absatz 1, Num­mer 4 die­ses Para­gra­phen wird der Bau von Tier­hal­tungs­an­la­gen außer­halb von Dör­fern dahin­ge­hend pri­vi­le­giert, dass dafür kein Bebau­ungs­plan erfor­der­lich ist. Mit dem seit 20. Sep­tem­ber 2013 gel­ten­den Gesetz wird die Pri­vi­le­gie­rung im Fall von Schwei­ne­mast­be­trie­ben jedoch auf Stäl­le mit maxi­mal 3000 Plät­zen beschränkt.
Die Gebrü­der Adria­nus und Jaco­bus Noo­ren, hol­län­di­sche Inves­to­ren, ver­such­ten 2005, in Allstedt bei Quer­furt (Sach­sen-Anhalt) das Gelän­de eines ehe­ma­li­gen Mili­tär­flug­ha­fens zu kau­fen, um dort eine Mast­an­la­ge zu errich­ten. Nach Pro­tes­ten und einer Ableh­nung im Zuge der Raum­ord­nungs­prü­fung, zogen sie ihren Antrag zurück und kauf­ten statt­des­sen exis­tie­ren­de Stall­ge­bäu­de an ande­ren ost­deut­schen Stand­or­ten.

Ein wei­te­rer Hol­län­der, der skan­dal­um­wit­ter­te Adri­an Straat­hof, soll­te nicht uner­wähnt blei­ben. Nach Anga­ben der Web­site www.pigbusiness.nl betreibt er 23 Anla­gen mit ins­ge­samt 65000 Schwei­nen in den Nie­der­lan­den, Deutsch­land und Ungarn. Die Arbeits­ge­mein­schaft bäu­er­li­che Land­wirt­schaft (AbL) for­der­te Ende vori­gen Jah­res von den zustän­di­gen Behör­den, Straat­hof die Gewer­be­ge­neh­mi­gung zu ent­zie­hen. An allen Stand­or­ten der Straathof’schen Tier­fa­bri­ken gäbe es mas­si­ve Pro­tes­te wegen der per­ma­nen­ten Miss­ach­tung von bau-, umwelt- und tier­schutz­re­le­van­ten Vor­schrif­ten. Am bekann­tes­ten davon ist wohl der Betrieb in Alt-Tel­lin (Vor­pom­mern) mit ins­ge­samt 10500 Sau­en-Plät­zen, der im Juli 2012 in Betrieb ging. Die­ser Kom­plex wird aller­dings von der 30000er Sau­en-Anla­ge in Bin­de bei Salz­we­del (nörd­li­ches Sach­sen-Anhalt), die eben­falls zur Straat­hof Hol­ding gehört, noch deut­lich über­trof­fen.

Schwei­ni­sche Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se

Ein­gangs war davon die Rede, dass der Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess im Bereich der Schwei­ne­mast mit Hil­fe von Nied­rig­prei­sen vor­an­ge­trie­ben wird. In der Stu­die „Sys­tem bil­li­ges Schwei­ne­fleisch“, die im vori­gen Jahr vom Akti­ons­bünd­nis bäu­er­li­che Land­wirt­schaft (AbL) e.V. her­aus gege­ben wur­de, ist der preis­ge­trie­be­ne Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­ses die­ser ver­ti­kal inte­grier­ten Bran­che detail­liert beschrie­ben. Der Preis­druck wird mit unter­schied­li­chen Mit­teln auf­ge­fan­gen. Bereits ver­wie­sen wur­de hier auf Bil­lig­löh­ne und die Exter­na­li­sie­rung der mit den Mast­fa­bri­ken ver­bun­de­nen Umwelt­kos­ten im Zusam­men­hang mit der Wie­der­be­sied­lung von Regio­nen, die zuvor auf die eine oder ande­re Wei­se öko­no­misch zer­stört wur­den. Ande­re Fak­to­ren, auf die hier nicht ein­ge­gan­gen wer­den konn­te, sind der Import bil­li­ger Fut­ter­mit­tel (zur Sub­ven­tio­nie­rung der Pro­duk­ti­on sie­he den Kas­ten zu Smit­h­field & Shuang­hai inter­na­tio­nal, Sei­te 17).

Neu­er Kon­zen­tra­ti­ons­schub

Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se haben natür­lich vor allem Wachs­tum und immer grö­ße­re Markt­an­tei­le als ulti­ma­ti­ve Zie­le. Hier gibt es im Sek­tor Schwei­ne­fleisch ein Pro­blem: Der euro­päi­sche Markt ist im Gro­ßen und Gan­zen gesät­tigt. Da bie­tet sich als Aus­weg und Umweg an, die­sen Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess ver­stärkt durch Expor­te in Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der zu for­cie­ren. So waren im Jahr 2000 Schwei­ne­fleisch­ex­por­te aus Deutsch­land ins sub­sa­ha­ri­sche Afri­ka mit 450 Ton­nen fak­tisch inexis­tent. Im Jahr 2011 hin­ge­gen betru­gen sie über 38000 Ton­nen. Die­se Form der – von der EU geför­der­ten – Fleisch­ex­por­te ist immer ver­bun­den mit der Zer­stö­rung land­wirt­schaft­li­cher und indus­tri­el­ler Struk­tu­ren in den betrof­fe­nen Regio­nen.
Inzwi­schen ist die Stun­de der ganz Gro­ßen gekom­men. Die wah­ren Rie­sen, Tön­nies und KTG Agrar, schi­cken sich der­zeit an, Pro­duk­ti­ons­stät­ten für eine Mil­li­on Mast­schwei­ne in Russ­land zu errich­ten. Nach Ein­schät­zung der AbL wur­den die­se Inves­ti­tio­nen auch durch die EU-Flä­chen­sub­ven­tio­nen vor­fi­nan­ziert. Tön­nies besetzt mit rund 25 Pro­zent Markt­an­teil den ers­ten Platz in der deut­schen Schlacht­in­dus­trie. Die KTG Grup­pe ist nach eige­ner Dar­stel­lung mit 40000 Hekt­ar Acker­land in Deutsch­land und Litau­en „einer der füh­ren­den Agrar­be­trie­be in Euro­pa“ und „deckt vie­le Stu­fen der Nah­rungs­wert­schöp­fungs­ket­te ab“.
Im glo­ba­len Wett­be­werb sind rui­nö­ser Preis­kampf und schwei­ni­sche Kon­kur­renz noch nicht zu Ende. Im Jahr 2010 lagen die Erzeu­ger­prei­se für Schwei­ne­fleisch bei den EU-27-Staa­ten noch immer 38 Pro­zent über den kana­di­schen und 14 Pro­zent über denen der USA. Die ost­eu­ro­päi­schen „Stand­ort­vor­tei­le“ dürf­ten bei den künf­ti­gen Kon­kur­renz­kämp­fen eine wich­ti­ge Rol­le spie­len.

Quel­len:
Bor­zel, T.: Envi­ron­men­tal Lea­ders and Lag­gards in Euro­pe: Why The­re is (not) a Sou­thern Pro­blem.
Ash­ga­te, Alder­shot, 2003. zitiert in Jus­ka, A. (2010): Pro­fits to the Danes, for us – Hog stench? The cam­pai­gn against Danish swi­ne CAFOs in rural Lit­hua­nia. J. of Rural Stu­dies 26 250–259.
Don­ham, K.J. (2010): Com­mu­ni­ty and occupa­tio­nal health con­cerns in pork pro­duc­tion: A review. J. of Ani­mal Sci­ence 88: E102-E111.
Thom­sen, B. (2013): Sys­tem bil­li­ges Schwei­ne­fleisch. Hrsg.: Arbeits­ge­mein­schaft bäu­er­li­che Land­wirt­schaft (AbL) e.V., Hamm, 48 S. http://www.abl-ev.de/fileadmin/Dokumente/AbL_ev/Welthandel/abl_fleischstudie_web.pdf

Erschie­nen in Heft 25 von Lunapark21. Hier der Text mit ergän­zen­den Infor­ma­tio­nen als PDF

Tag-Wolke