Sana­ma­dou­gou und Sahou müs­sen blei­ben: Land­raub stop­pen – in Mali und über­all sonst!

August 2014: Inter­na­tio­na­ler Appell der euro­päi­schen Sek­ti­on von Afri­que-Euro­pe-Inter­act [*]

Anfang 2013 ist Mali kurz­zei­tig in die inter­na­tio­na­len Schlag­zei­len gera­ten. Isla­mis­ti­sche Mili­zen hat­ten den Nor­den des Lan­des besetzt, es folg­te eine inter­na­tio­na­le Mili­tär­in­ter­ven­ti­on unter Füh­rung Frank­reichs, in deren Ver­lauf zumin­dest grö­ße­re Städ­te wie Tim­buk­tu und Gao befreit wer­den konn­ten. Und doch hat sich das Leben für die Mas­se der Bevöl­ke­rung kaum ver­än­dert – weder im Nor­den noch in den übri­gen Lan­des­tei­len.

Beson­ders dra­ma­tisch ist die sozia­le Lage von Klein­bau­ern und -bäue­rin­nen, die unge­fähr 75 Pro­zent der Bevöl­ke­rung aus­ma­chen. Stell­ver­tre­tend dafür ste­hen die bei­den Dör­fer Sana­ma­dou­gou und Sahou 270 Kilo­me­ter nord­öst­lich der Haupt­stadt Bama­ko. Noch im Jahr 2009 haben die­se zur Lin­de­rung einer lan­des­wei­ten Ernäh­rungs­kri­se 40 Ton­nen Hir­se an die mali­sche Regie­rung gespen­det, heu­te sind sie sel­ber auf Lebens­mit­tel­lie­fe­run­gen ange­wie­sen. Denn im Zuge des welt­weit boo­men­den Aus­ver­kaufs frucht­ba­rer Acker-, Wald- und Wei­de­flä­chen an Invest­ment­fonds, Ban­ken und Kon­zer­ne ist es auch in Sana­ma­dou­gou und Sahou zu gewalt­sa­men Ver­trei­bun­gen gekom­men. Zudem muss­ten die Bewoh­ne­rIn­nen die schmerz­li­che Erfah­rung machen, dass bäu­er­li­cher Wider­stand selbst in ver­gleichs­wei­se libe­ral regier­ten Län­dern wie Mali oft­mals bru­tal unter­drückt wird. Bei­des hat Sana­ma­dou­gou und Sahou weit über Mali hin­aus bekannt gemacht – als ein Sym­bol für den Kampf um kol­lek­ti­ve Boden­rech­te und somit Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät.

Begon­nen hat es am 31. Mai 2010. Damals hat der mali­sche Groß­in­ves­tor Modi­bo Kei­ta mit sei­ner Fir­ma Socié­té Mou­lins Moder­nes du Mali einen über 30 Jah­re lau­fen­den Pacht­ver­trag von 7.400 Hekt­ar in der Regi­on M’Bewani Séri­ba­bou­gou abge­schlos­sen – und zwar mit der Opti­on, in einer zwei­ten Pha­se wei­te­re 20.000 Hekt­ar zu erhal­ten (eine rie­si­ge Flä­che, die ins­ge­samt ca. 37.000 Fuß­ball­fel­dern ent­spre­chen wür­de). Doch die ört­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen pass­ten Modi­bo Kei­ta nicht – einem bes­tens mit der poli­ti­schen Klas­se in Bama­ko ver­netz­ten Unter­neh­mer, der vor allem im Getrei­de­han­del ein rie­si­ges Ver­mö­gen ange­häuft hat. Er unter­brei­te­te daher ver­schie­de­nen 30 Kilo­me­ter wei­ter süd­lich gele­ge­nen Dör­fern das Ange­bot, ihr Land gegen lächer­li­che Geld­be­trä­ge, Geschen­ke oder Ersatz­flä­chen abzu­ge­ben. Alle lehn­ten ab, ledig­lich ein Dorf tausch­te 800 Hekt­ar gegen eine klei­ne Flä­che bewäs­ser­tes Acker­land. Modi­bo Kei­ta nutz­te dies, um sich von dort aus wei­te­re Flä­chen räu­be­risch unter den Nagel zu rei­ßen, so auch die­je­ni­gen von Sana­ma­dou­gou und Sahou – wobei es in einem aktu­el­len Regie­rungs­be­richt heißt, dass die Flä­chen just jener bei­den Dör­fer von einem 400 Hekt­ar-Able­ger im Rah­men sei­nes all­ge­mei­nen 7.400 Hekt­ar-Deals juris­tisch abge­deckt sei­en. Inwie­fern dies zutref­fend oder ledig­lich eine nach­träg­li­che Schutz­be­haup­tung ist, sei dahin­ge­stellt. Fakt ist aller­dings, dass Mobi­do Kei­ta rasch zwei Bewäs­se­rungs­ka­nä­le errich­te­te, die Bau­ern und Bäue­rin­nen am Zutritt zu ihren Fel­dern behin­der­te und statt­des­sen sel­ber begann, in gro­ßen Stil Kar­tof­feln und ande­re Kul­tu­ren anzu­bau­en (wenn auch mit mäßi­gem Erfolg).

Die Bau­ern und Bäue­rin­nen setz­ten sich von Anfang an mas­siv zur Wehr, zumal der ers­te gro­ße Schock bereits kurz nach Ver­trags­un­ter­zeich­nung erfolg­te: Am 18. Juni 2010 ließ Modi­bo Kei­ta in Sana­ma­dou­gou ohne jede Ankün­di­gung zahl­rei­che uralte Bäu­me fäl­len, die für die bes­tens an die äuße­ren Bedin­gun­gen ange­pass­te Agro­forst­wirt­schaft des Dor­fes unent­behr­lich waren. Doch Modi­bo Kei­ta hat­te 70 Gen­dar­men mit­ge­bracht, die gewalt­sam gegen die fried­lich auf ihren eige­nen Fel­dern pro­tes­tie­ren­den Bau­ern und Bäue­rin­nen vor­gin­gen. Rund 40 Per­so­nen wur­den ver­haf­tet, 8 blie­ben bis zu 6 Mona­te in Haft. Spä­ter folg­ten nächt­li­che Über­fäl­le in Sana­ma­dou­gou und Sahou durch Gen­dar­me­rie und Natio­nal­gar­de – ein­schließ­lich geziel­ter Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Eine älte­re Frau wur­de vor den Augen ihres Soh­nes zu Tode geprü­gelt, ande­re wur­den schwer ver­letzt, zwei Frau­en erlit­ten Fehl­ge­bur­ten.

Die Bewoh­ne­rIn­nen lie­ßen sich unter­des­sen nicht ein­schüch­tern, sie schrie­ben Brie­fe an ver­schie­de­ne Poli­ti­ke­rIn­nen und Regie­rungs­ver­tre­te­rIn­nen, betei­lig­ten sich an Demons­tra­tio­nen und nah­men an natio­na­len und inter­na­tio­na­len Bau­ern­ver­samm­lun­gen teil. Mehr noch: Mit Hil­fe von CMAT („Con­ver­gence Mali­en­ne cont­re les Acca­pa­re­ments de Ter­res“), einem Zusam­men­schluss ver­schie­de­ner Bau­ern- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, streng­ten sie einen Gerichts­pro­zess in Marka­la an, der zwar am 22. Febru­ar 2012 eröff­net, dann aber eben­falls ver­schleppt wur­de. Dar­an hat sich auch nichts geän­dert, nach­dem am 22. März 2013 auf einen Kabi­netts­be­schluss hin der Minis­ter für Raum­pla­nung und Dezen­tra­li­sie­rung den zustän­di­gen Gou­ver­neur von Segou in einem Brief aus­drück­lich auf­for­der­te, dem unge­setz­li­chen und men­schen­rechts­wid­ri­gen Trei­ben von Modi­bo Kei­ta ein Ende zu set­zen.

Heu­te ist die Situa­ti­on zuge­spitz­ter denn je – vor allem durch den Hun­ger, wel­cher mitt­ler­wei­le ins­be­son­de­re die Bevöl­ke­rung von Sana­ma­dou­gou fest im Griff hält und somit abhän­gig von der Unter­stüt­zung durch Nach­bar­dör­fer oder ein­zel­ne Fami­li­en­mit­glie­der in Bama­ko oder im Aus­land macht. Die Alter­na­ti­ve ist inso­fern klar: Ent­we­der die Bau­ern und Bäue­rin­nen erhal­ten ihr Land zurück oder sie müs­sen gehen – so wie das allein seit ver­gan­ge­nem Mai 23 Haus­hal­te in Sana­ma­dou­gou getan haben.

Die Erfah­run­gen von Sana­ma­dou­gou und Sahou sind kei­nes­wegs Aus­nah­men. Viel­mehr hat der mali­sche Staat seit 2003 min­des­tens 540.000 Hekt­ar Boden ver­kauft und über wei­te­re 379.000 Hekt­ar Vor­ver­trä­ge abge­schlos­sen (Stand: Mai 2011) – und das zu Gepflo­gen­hei­ten, die auch in ande­ren Welt­re­gio­nen gang und gäbe sind: Geheim, das heißt ohne Kon­sul­ta­ti­on der loka­len Bevöl­ke­rung, unter Ver­zicht auf Umwelt- und Sozi­al­ver­träg­lich­keits­prü­fun­gen sowie zu gro­tesk güns­ti­gen Kon­di­tio­nen, wozu unter ande­rem nied­rigs­te Pacht­zin­sen bzw. Kauf­prei­se, jahr­zehn­te­lan­ge Steu­er­nach­läs­se („tax holi­day“) und nicht kos­ten-decken­de Was­ser­ge­büh­ren gehö­ren. Hin­zu kom­men inner­städ­ti­sche Ver­trei­bun­gen und Land­ent­eig­nun­gen durch kor­rup­te Poli­ti­ke­rIn­nen und Ver­wal­tungs­be­am­tIn­nen. Vor allem die Ent­eig­nungs­po­li­tik ist ein in Mali seit lan­gem öffent­lich dis­ku­tier­ter Skan­dal, sie fin­det haupt­säch­lich im Office du Niger statt – einem rie­si­gen, vom Niger gespeis­ten Bewäs­se­rungs­ge­biet, zu dem auch Sana­ma­dou­gou und Sao gehö­ren (wenn auch ohne Anschluss an das Kanal­sys­tem). Kon­kret: Kön­nen Bau­ern und Bäue­rin­nen am Ende des Ern­te­zy­klus ihre Was­ser­rech­nung nicht bezah­len, wird ihr Land ent­schä­di­gungs­los kon­fis­ziert, selbst nach jahr­zehn­te­lan­ger Bewirt­schaf­tung.

Offi­zi­ell wird der Aus­ver­kauf fruch­ba­rer Flä­chen damit gerecht­fer­tigt, dass die Päch­ter bzw. Käu­fer einen all­ge­mei­nen Bei­trag zur Ent­wick­lung des Lan­des leis­ten wür­den. Die Bei­spie­le von Sana­ma­dou­gou und Sahou zei­gen aber, dass dies nicht der Fall ist. Denn statt Ernäh­rungs­si­che­rung zu garan­tie­ren, wer­den Bau­ern und Bäue­rin­nen in gro­ßer Zahl ver­trie­ben. Oft sehen sich ein­zel­ne Fami­li­en­mit­glie­der gezwun­gen, in die Migra­ti­on zu gehen – meist nach West­afri­ka, eini­ge auch Rich­tung Euro­pa. Hin­zu kommt, dass auf den geraub­ten Flä­chen nicht zuletzt Export­ge­trei­de und Agro­sprit-Pflan­zen ange­baut wer­den. In Mali beträgt der Anteil an Agro­sprit-Pflan­zen 40 Pro­zent, afri­ka­weit sogar 66 Pro­zent. Schließ­lich das öko­lo­gi­sche Desas­ter: Agrar­in­dus­tri­el­le Land­wirt­schaft spitzt die Boden­aus­lau­gung zu, ver­schärft den Kli­ma­wan­del und führt zur Sen­kung der Fluß- und Grund­was­ser­spie­gel („Water­grab­bing“).

Zurück nach Sana­ma­dou­gou und Sahou: Bei­de Dör­fer ste­hen am Schei­de­punkt, es muss etwas pas­sie­ren. Kurz­fris­tig brau­chen die Bewoh­ne­rIn­nen Nah­rungs­mit­tel­un­ter­stüt­zung, grund­sätz­lich ist ihnen jedoch das Land zurück­zu­ge­ben und eine Wie­der­gut­ma­chung für die erlit­te­nen Schä­den zu erstat­ten (unab­hän­gig davon, ob Modi­bo Kei­ta einen ech­ten Besitz­ti­tel vor­wei­sen kann oder nicht). Wir for­dern die mali­sche Regie­rung des­halb dazu auf, die hier­für erfor­der­li­chen Maß­nah­men schnellst­mög­lich zu ergrei­fen. Des Wei­te­ren dürf­te mit­tel­fris­tig kein Weg dar­an vor­bei­füh­ren, ins­be­son­de­re die klein­bäu­er­li­che Land­wirt­schaft zu unter­stüt­zen, die bis heu­te die Ernäh­rungs­si­cher­heit in Mali maß­geb­lich gewähr­leis­tet (wie im Übri­gen über­all auf der Welt). Denn es darf nicht sein, dass ein­zel­ne Inves­to­ren 20.000, 50.000 oder gar 100.000 Hekt­ar Land erhal­ten, wäh­rend die ärme­re Hälf­te der ohne­hin armen 600.000 Bau­ern und Bäue­rin­nen im Office du Niger zusam­men gera­de mal 85.000 Hekt­ar besitzt. Schließ­lich soll­te auch dem Gewohn­heits­recht an Boden unein­ge­schränk­te Gel­tung ver­schafft wer­den, wie es in Kapi­tel 43 des mali­schen Boden­rechts vor­ge­se­hen ist. Danach kann indi­vi­du­ell bzw. kol­lek­tiv genutz­tes Land nur unter der Bedin­gung ent­eig­net wer­den, dass dies dem Gemein­wohl dient. Und im Fal­le von Sana­ma­dou­gou und Sahou noch nicht ein­mal das. Denn die bei­den uralten Dör­fer haben das Land bereits in vor­ko­lo­nia­ler Zeit und somit vor der offi­zi­el­len Regis­trie­rung des Bodens durch staat­li­che Stel­len bewirt­schaf­tet, so die Dorf­chefs in einem im Juli 2014 an den Pre­mier­mi­nis­ter ver­fass­ten Brief.

Dem­ge­gen­über möch­ten wir die deut­sche Bun­des­re­gie­rung auf­for­dern, ihren Ein­fluss gel­tend zu machen und sich im Rah­men der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit für eine Rück­ga­be des geraub­ten Lan­des an Sana­ma­dou­gou und Sahou ein­zu­set­zen. In die­sem Zusam­men­hang ist auch zu prü­fen, was in Bama­ko als offe­nes Geheim­nis gilt: Näm­lich, dass die von Modi­bo Kei­ta ver­wen­de­ten Maschi­nen aus Mit­teln abge­zweigt wur­den, mit denen Deutsch­land im Jahr 2004 unter ande­rem den Anbau von Kar­tof­feln geför­dert hat. Zudem soll­te Deutsch­land sämt­li­che Maß­nah­men ein­stel­len, die Land­grab­bing ermög­li­chen bzw. begüns­ti­gen – wie zum Bei­spiel die im Rah­men der euro­päi­schen Bio­die­sel­richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Bei­mi­schungs­quo­ten von Agro­treib­stof­fen.

Die­ser Auf­ruf ist in Euro­pa ent­stan­den, daher sei abschlie­ßend aus dem schon erwähn­ten Brief der bei­den Dorf­chefs zitiert: „Trotz der fast voll­stän­di­gen Ent­eig­nung unse­rer Fel­der blei­ben wir dabei, den Erhalt unse­rer Dör­fer ein­zu­for­dern, unse­rer Fel­der, unse­rer frucht­ba­ren Bäu­me, unse­rer his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len Stät­ten, die unse­re Wer­te und Ori­en­tie­rungs­punk­te ver­kör­pern – ges­tern, heu­te und mor­gen.“

[*] Das trans­na­tio­na­le Netz­werk Afri­que-Euro­pe-Inter­act arbei­tet mit Bewoh­ne­rIn­nen ver­schie­de­ner Dör­fer im Office du Niger zusam­men – unter ande­rem aus Sana­ma­dou­gou und Sahou. Ver­tre­te­rIn­nen der mali­schen und euro­päi­schen Sek­ti­on von Afri­que-Euro­pe-Inter­act haben die bei­den Dör­fer in die­sem Jahr bereits mehr­fach besucht, ins­be­son­de­re um gemein­sa­me Aktio­nen vor­zu­be­rei­ten. Im August 2014 hat Afri­que-Euro­pe-Inter­act 10 Ton­nen Hir­se zur Über­brü­ckung der aktu­el­len Hun­gers­not gespen­det.

www.afrique-europe-interact.net

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