Ein dis­kur­si­ves Hun­ger­ge­spenst

von Peter Clausing

Nicht sel­ten ruft die Fra­ge, ob und unter wel­chen Bedin­gun­gen die wach­sen­de Welt­be­völ­ke­rung aus­rei­chend ernährt wer­den kann, Rat­lo­sig­keit und Unbe­ha­gen her­vor. Eine nega­ti­ve Ant­wort wür­de den Hun­ger­tod Hun­der­ter Mil­lio­nen Men­schen mit kaum vor­stell­ba­ren gesell­schaft­li­chen Fol­gen bedeu­ten. Schließ­lich sind schon heu­te zir­ka 850 Mil­lio­nen Men­schen unter­ernährt, was bedeu­tet, dass all­jähr­lich etwa 10 Mil­lio­nen Men­schen an Hun­ger oder sei­nen unmit­tel­ba­ren Fol­gen ster­ben. Die Fra­ge, was getan wer­den müss­te, um bei gleich­zei­tig wach­sen­der Welt­be­völ­ke­rung von die­sem Geno­zid weg­zu­kom­men, wird sehr unter­schied­lich beant­wor­tet.

Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass ein all­ge­mei­ner Kon­sens dar­über besteht, dass die Welt­be­völ­ke­rung nach 2050 nur noch unwe­sent­lich zuneh­men wird. Zwar wer­den in 35 Jah­ren vor­aus­sicht­lich zwei Mil­li­ar­den (30 Pro­zent) mehr Men­schen auf der Erde leben als heu­te, jedoch bei ste­tig abneh­men­dem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum. Nun ver­tre­ten Welt­bank und Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) die Ansicht, dass dann, wenn 30 Pro­zent mehr Men­schen die Welt bevöl­kern, 70 Pro­zent mehr Nah­rungs­mit­teln zur Ver­fü­gung ste­hen müss­ten.

Die Dis­kre­panz zwi­schen den 70 und 30 Pro­zent wird mit Ände­run­gen in den Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten in Län­dern wie Chi­na und Indi­en begrün­det und ent­springt offen­bar der Wachs­tums­lo­gik kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens sowie der Vor­stel­lung, das west­li­che Ernäh­rungs­mo­dell auf die gan­ze Welt aus­zu­deh­nen. Abge­se­hen davon, dass es Anzei­chen für einen sta­gnie­ren­den Fleisch­kon­sum in Chi­na gibt (vgl. Lunapark21, Heft 25, „Quar­tals­lü­ge – QaLü“), schei­nen die inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen eine Redu­zie­rung des Fleisch­ver­brauchs in den Indus­trie­län­dern, wo der Ver­brauch andert­halb­fach bis dop­pelt so hoch liegt wie in Chi­na, gar nicht erst in Betracht zu zie­hen. Dabei wäre es einen Ver­such wert, dies durch eine Poli­tik der Stig­ma­ti­sie­rung, kom­bi­niert mit fis­ka­li­schen Maß­nah­men zu errei­chen. Anders aus­ge­drückt, wenn der glo­ba­le Fleisch­ver­brauch durch poli­ti­sche Maß­nah­men auf dem der­zei­ti­gen Niveau gehal­ten wer­den wür­de, käme man mit einer 30-pro­zen­ti­gen Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung aus, die, flan­kiert von Maß­nah­men einer tat­säch­li­chen Armuts­be­kämp­fung, vor allem in jenen Regio­nen erfol­gen müss­te, wo heu­te Hun­ger herrscht.

Dem Flei­sch­at­las 2014, einer Publi­ka­ti­on von Böll-Stif­tung, BUND und Le Mon­de Diplo­ma­tique, ist zu ent­neh­men, dass momen­tan welt­weit über 40 Pro­zent der glo­ba­len Getrei­de­ern­te in Trö­gen statt auf Tel­lern lan­det. Doch die Erzeu­gung tie­ri­scher Lebens­mit­tel ist, ener­ge­tisch betrach­tet, höchst inef­fi­zi­ent. Bezo­gen auf die erzeug­te Nah­rungs­en­er­gie pro Hekt­ar land­wirt­schaft­li­cher Nutz­flä­che schnei­den pflanz­li­che Pro­duk­te um ein Mehr­fa­ches bis Viel­fa­ches bes­ser ab.

Eine gerech­te Ver­tei­lung und eine Reduk­ti­on des Fleisch­ver­brauchs sind nicht die ein­zi­gen Nah­rungs­re­ser­ven. Meh­re­re Stu­di­en bele­gen, dass in den Indus­trie­staa­ten ein Drit­tel der Nah­rungs­mit­tel, die den Markt errei­chen, im Müll lan­den. Ergrif­fe man Maß­nah­men, um auch nur einen Teil die­ser Ver­lus­te zu ver­mei­den, wür­de dies erheb­li­che Frei­räu­me schaf­fen. Bei­spiels­wei­se lie­ßen sich so mög­li­che Ertrags­ein­bu­ßen kom­pen­sie­ren, die beim heu­ti­gen Stand des Wis­sens eine Umstel­lung auf agrar­öko­lo­gi­schen Anbau in den Län­dern des glo­ba­len Nor­dens zunächst mit sich brin­gen wür­de. Doch gibt es sol­che Ertrags­ein­bu­ßen bei einer Agrar­wen­de? Die ver­füg­ba­ren Daten über das Ertrags­po­ten­zi­al agrar­öko­lo­gi­scher Anbaus­sys­te­me gehen stark aus­ein­an­der. Die Prot­ago­nis­ten einer indus­tri­el­len Inten­siv­land­wirt­schaft bevor­zu­gen aus durch­sich­ti­gen Grün­den Ertrags­ver­glei­che aus der Früh­pha­se der Umstel­lung auf Öko­land­bau. Hier gibt es tat­säch­lich deut­li­che Ertrags­ein­bu­ßen, denn bis die Boden­frucht­bar­keit mit öko­lo­gi­schen Mit­teln auf­ge­baut ist, dau­ert es eini­ge Zeit. Hin­ge­gen sind die Ertrags­un­ter­schie­de zwi­schen kon­ven­tio­nel­lem und agrar­öko­lo­gi­schem Anbau in Lang­zeit­ver­su­chen, wie sie vom Roda­le-Insti­tut in Penn­syl­va­nia vor­ge­nom­men wur­den, kom­plett ver­schwun­den.

Außer­dem ist trotz sträf­li­cher Ver­nach­läs­si­gung der För­de­rung agrar­öko­lo­gi­scher For­schung der beschrie­be­ne Min­der­ertrag, den der Ver­zicht auf syn­the­ti­schen Dün­ger und Pes­ti­zi­de mit sich bringt, erstaun­lich nied­rig. Bei den afri­ka­ni­sche und süd­ost­asia­ti­schen Klein­bau­ern, die sich grö­ße­re Men­gen an exter­nen Inputs nicht leis­ten kön­nen oder nicht leis­ten wol­len (um nicht in eine Kre­dit­fal­le zu gera­ten), schnei­den agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­sys­te­me sogar wesent­lich bes­ser ab als die von ihnen der­zeit benutz­ten kon­ven­tio­nel­len Anbau­ver­fah­ren. Das bewog Oli­vi­er de Schutter, bis Ende Mai UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, nach einer mehr­tä­gi­gen Kon­fe­renz mit den füh­ren­den Agrar­öko­lo­gen der Welt im März 2011 zu der Pres­se­mit­tei­lung, dass die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on von Klein­bau­ern in kri­ti­schen Regio­nen der Welt inner­halb von zehn Jah­ren ver­dop­pelt wer­den kön­ne.

Eine wei­te­re Tat­sa­che stellt den Mythos „effi­zi­en­ter Groß­be­trie­be“ in Fra­ge. Klei­ne Betrie­be wei­sen welt­weit eine ins­ge­samt höhe­re Flä­chen­pro­duk­ti­vi­tät auf. Die­ses viel­fach beleg­te, aber wenig beach­te­te Phä­no­men wur­de erst­mals in den 1920er Jah­ren von dem rus­si­schen Agrar­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Tscha­ja­now beschrie­ben und in den 1960er Jah­ren durch den indi­schen For­scher Amart­ya Sen bestä­tigt. (Sen erhielt 1998 den Nobel­preis für Öko­no­mie – aller­dings nicht für die­se For­schun­gen). Inzwi­schen wur­de die­ser Befund in ver­schie­dens­ten Stu­di­en für vier Kon­ti­nen­te erhär­tet. Der Grund ist die für Klein­be­trie­be typi­sche höhe­re Arbeits­in­ten­si­tät pro Flä­chen­ein­heit. Ein wich­ti­ger Neben­ef­fekt dabei: Mit einer sol­chen Her­an­ge­hens­wei­se könn­te man in länd­li­chen Regio­nen Beschäf­ti­gung schaf­fen und zugleich von glei­cher Flä­che mehr Men­schen ernäh­ren – fai­re Löh­ne und Prei­se vor­aus­ge­setzt. Zahl­rei­che Fak­ten spre­chen also für eine klein­bäu­er­lich-agrar­öko­lo­gi­sche Wen­de, mit der man einer­seits 9,2 Mil­li­ar­den Men­schen satt bekä­me und ande­rer­seits die Umwelt scho­nen wür­de.

Gegen die­se Erkennt­nis set­zen die Agrar­kon­zer­ne Him­mel und Höl­le in Bewe­gung. Denn mit einer sol­chen Wen­de wäre ein dra­ma­ti­sches Schrump­fen der Absatz­märk­te für Agro­che­mi­ka­li­en und kom­mer­zi­el­les Saat­gut ver­bun­den. Kein Wun­der, dass die Lob­by­ma­schi­ne der Agrar­in­dus­trie nicht nur dar­auf aus­ge­rich­tet ist, Poli­ti­ker zu beein­flus­sen, son­dern auch das Gespenst des mil­lio­nen­fa­chen Hun­ger­to­des an die Wand malt. Es möge bloß nie­mand auf die Idee kom­men, sich von ihrer Pro­dukt­pa­let­te zu ver­ab­schie­den. Vor dem Hin­ter­grund die­ser mäch­ti­gen Agrar­lob­by soll­te auch klar sein: Eine „Agrar­wen­de“ wird ohne grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen der gesam­ten Gesell­schaft ist nicht zu haben.

Erschie­nen in Lunapark21, Heft 27, Herbst 2014

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