Lan­dun­ge­rech­tig­keit: Hun­ger und Migra­ti­on

Der chro­ni­sche Nah­rungs­man­gel im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka hängt mit der Ungleich­heit im Besitz von Grund und Boden zusam­men. Eine Abwan­de­rung in die Städ­te lin­dert die Not in der Regel nicht.

Von Peter Clausing

In den Län­dern süd­lich der Saha­ra, dem soge­nann­ten sub­sa­ha­ri­sche Afri­ka, leben über 200 Mil­lio­nen chro­nisch hun­gern­de Men­schen – das sind etwa 30 Pro­zent der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung. Davon sind vor allem die auf dem Land leben­den Men­schen betrof­fen, für die »chro­ni­scher Hun­ger« zumeist bedeu­tet, dass er all­jähr­lich wie­der­kehrt, näm­lich dann, wenn die eige­nen Vor­rä­te zur Nei­ge gehen und das Geld nicht reicht, um zusätz­li­che Lebens­mit­tel zu kau­fen. Die­se Peri­ode kann meh­re­re Wochen bis meh­re­re Mona­te dau­ern – je nach­dem wie die vor­he­ri­ge Ern­te aus­fiel. Typisch ist das für Betrie­be, bei denen die land­wirt­schaft­lich bear­bei­te­te Flä­che unter einer Grö­ße von zwei Hekt­ar liegt. 80 Pro­zent der afri­ka­ni­schen Bäue­rin­nen und Bau­ern bewirt­schaf­ten der­art klei­ne Flä­chen und ernäh­ren damit mehr schlecht als recht eine oft­mals sechs- bis acht­köp­fi­ge Fami­lie. In Mala­wi zum Bei­spiel, wo, ähn­lich wie in ande­ren Län­dern die­ser Regi­on, das Land extrem ungleich ver­teilt ist, sind es nicht sel­ten nur 3.000 Qua­drat­me­ter Acker­flä­che pro Haus­halt.

Der Ernäh­rungs­not­stand in Afri­ka resul­tiert zu einem erheb­li­chen Maß aus die­ser Ungleich­heit. In die­sem Zusam­men­hang kom­men Tho­mas S. Jay­ne, Pro­fes­sor für Inter­na­tio­na­le Ent­wick­lung an der Uni­ver­si­tät Michi­gan, und sei­ne Kol­le­gen zu der Schluss­fol­ge­rung, dass die Land­fra­ge das am stärks­ten ver­nach­läs­sig­te ent­wick­lungs­po­li­ti­sche The­ma die­ses Kon­ti­nents sei. (1) Bemer­kens­wert ist die Publi­ka­ti­on des­halb, weil sie zwar von der Bill & Melin­da Gates Foun­da­ti­on sowie von der US-ame­ri­ka­ni­schen Ent­wick­lungs­hil­fe­be­hör­de USAID finan­ziert wur­de, aber trotz­dem nicht bei die­ser Fest­stel­lung ste­hen­bleibt, son­dern mit fak­ten­rei­chen Argu­men­ten dar­auf hin­weist, dass eine »genü­gend ega­li­tä­re« Agrar­struk­tur ent­schei­dend ist, um ver­bes­ser­te Ein­kom­men auf brei­ter Basis zu schaf­fen.

Indem sie die Land­fra­ge in den Vor­der­grund stellt, ragt die­se wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti­on aus unzäh­li­gen Stu­di­en und Dis­kus­si­ons­pa­pie­ren, die sich mit dem The­ma Hun­ger beschäf­ti­gen, her­aus. Des­sen Besei­ti­gung stellt eines der drän­gends­ten und kom­ple­xes­ten Pro­ble­me unse­rer Zeit dar und wur­de auf höchs­ter Ebe­ne zum Ziel erklärt. Es besteht weit­ge­hend Kon­sens dar­über, dass in Afri­ka (und anders­wo) der Armuts­be­kämp­fung eine Schlüs­sel­funk­ti­on bei der Über­win­dung des Ernäh­rungs­not­stan­des zukommt und dass für die Bekämp­fung von Armut Inves­ti­tio­nen not­wen­dig sind. Die Geis­ter schei­den sich, wenn es um die Defi­ni­ti­on geht, wel­cher Art die­se Inves­ti­tio­nen sein soll­ten. Sol­len mit ihnen die oben erwähn­ten »genü­gend ega­li­tä­ren« Struk­tu­ren geschaf­fen wer­den? Oder sol­len sie vor allem Pro­fit brin­gen, was mit der berüch­tig­ten neo­li­be­ra­len Behaup­tung vom »Trick­le-Down-Effekt« beschö­nigt wird, wonach der wach­sen­de Wohl­stand der Rei­chen all­mäh­lich in die unte­ren Schich­ten durch­si­ckern wür­de. Die­ser vor­geb­li­che Effekt trat in der Ver­gan­gen­heit nur in den sel­tens­ten Fäl­len ein.

Ange­sichts der Dau­er­kri­se des glo­ba­len Kapi­ta­lis­mus ist end­gül­tig nicht mehr mit ihm zu rech­nen. Wenn Initia­ti­ven wie die »Alli­anz für eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka« oder die im Juni 2012 – ursprüng­lich unter einem ande­ren Namen – gegrün­de­te »Ger­man Food Part­nership« von Inves­ti­tio­nen reden, ste­hen die­se unter dem Zei­chen der Schaf­fung von Märk­ten. Genau­er gesagt geht es um den Absatz von agro­che­mi­schen Pro­duk­ten und Saat­gut von Kon­zer­nen und um die Aneig­nung von Land als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt und Pro­fit­quel­le für die Finanz­in­dus­trie. Inves­ti­tio­nen zur Eta­blie­rung »genü­gend ega­li­tä­rer« Agrar­struk­tu­ren nach den Vor­stel­lun­gen von Jay­ne hin­ge­gen beträ­fen Bil­dungs­sys­te­me (ins­be­son­de­re für Frau­en, mit dem Zusatz­ef­fekt einer noch stär­ke­ren Redu­zie­rung des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums) und die Schaf­fung von Infra­struk­tur zur Unter­stüt­zung klein­bäu­er­li­cher Pro­du­zen­ten und Pro­du­zen­tin­nen in Gestalt von Lage­rungs- und Trans­port­mög­lich­kei­ten, Bera­tungs­diens­ten sowie Ange­bo­ten zur gesund­heit­li­chen Betreu­ung.

Urba­ni­sie­rung

In engem Zusam­men­hang mit die­ser Pro­ble­ma­tik steht die Urba­ni­sie­rung. Eine Abwan­de­rung der länd­li­chen Bevöl­ke­rung in die Städ­te ist in vie­len Tei­len der Welt seit Jahr­zehn­ten zu beob­ach­ten. Die Sta­tis­ti­ken der Ver­ein­ten Natio­nen sug­ge­rie­ren, dass dies ein unab­än­der­li­cher Pro­zess sei. Doch zum einen gibt es gute Grün­de, des­sen ver­meint­li­che Zwangs­läu­fig­keit zu hin­ter­fra­gen, und zum ande­ren ist er dif­fe­ren­zier­ter zu betrach­ten als gemein­hin ange­nom­men. Ob Urba­ni­sie­rung eine Fol­ge ver­fehl­ter Land­wirt­schafts­po­li­tik oder eine Chan­ce zur Ver­bes­se­rung der per­sön­li­chen Lebens­ver­hält­nis­se dar­stellt, ist ein erheb­li­cher Unter­schied. Selbst in Deutsch­land (2), wo die Zahl der in der Land­wirt­schaft Beschäf­tig­ten zwi­schen 1949 und 1989 von über 6,5 Mil­lio­nen auf rund 600.000 sank, gehen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der, ob es eine Land»flucht« war – Aus­druck der Suche nach einem beque­me­ren Leben in der Stadt – oder ein »Höfester­ben«, weil die Rah­men­be­din­gun­gen für eine bäu­er­li­che Land­wirt­schaft nicht mehr stimm­ten. Ver­mut­lich ist bei­des im Spiel, aber »Höfester­ben« ist ein seman­ti­sches Indiz dafür, dass es sich nicht um ein frei­wil­li­ges Gesche­hen han­delt. Hört man sich in der »Sze­ne« um, wird schnell klar, wie extrem schwie­rig es ist, neue bäu­er­li­che Exis­ten­zen zu grün­den. Kei­ne dra­ma­tisch gro­ße, aber eine nicht zu unter­schät­zen­de Zahl jun­ger Men­schen wür­de sich gern eine Lebens­grund­la­ge in der Land­wirt­schaft schaf­fen. Das schei­tert in Staa­ten wie Deutsch­land bereits an den Pacht- bzw. Kauf­prei­sen für Grund und Boden, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten dra­ma­tisch gestie­gen sind. Bei Hekt­ar­prei­sen von 10.000 Euro und mehr ist der Auf­bau einer land­wirt­schaft­li­chen Exis­tenz ohne ent­spre­chen­des Kapi­tal­pols­ter illu­so­risch. Mit ande­ren Wor­ten, selbst in unse­ren Brei­ten wäre eine umver­tei­len­de Land­re­form ange­zeigt. Land­be­set­zun­gen – die Ant­wort auf feh­len­den Reform­wil­len – gibt es mitt­ler­wei­le in Ansät­zen auch in Spa­ni­en, nicht nur in den Län­dern des glo­ba­len Südens.

Dort stellt sich die Situa­ti­on indes viel dra­ma­ti­scher dar. Ein Teil der Men­schen, gegen die sich die Euro­päi­sche Uni­on mit ihrer para­mi­li­tä­ri­schen Grenz­agen­tur Fron­tex und durch eine immer rigi­de­re Abschie­be­pra­xis abzu­schot­ten ver­sucht, flieht vor Bür­ger­krie­gen und reli­gi­ös ver­bräm­ten Kon­flik­ten. Doch eine beacht­li­che Zahl der Migran­tin­nen und Migran­ten kommt nicht aus Gebie­ten mit reli­giö­sen oder mili­tä­ri­schen Kon­flik­ten, son­dern aus öko­no­mi­schen Kri­sen­ge­bie­ten. So belief sich laut UN-Sta­tis­tik die Zahl derer, die 2013 aus dem sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka in die Euro­päi­sche Uni­on migrier­ten, auf rund 3,5 Mil­lio­nen Men­schen (davon kamen zir­ka 150.000 nach Deutsch­land). Doch das sind nur die offi­zi­el­len Zah­len, die weder die im Mit­tel­meer Ertrun­ke­nen berück­sich­ti­gen noch die Ein­wan­de­rer ohne Papie­re, die in den Län­dern Euro­pas extre­mer Aus­beu­tung unter­wor­fen sind. Das bringt uns zu der Fra­ge zurück, was die­se öko­no­mi­schen Kri­sen­ge­bie­te kenn­zeich­net und wie man der dor­ti­gen Situa­ti­on begeg­nen soll­te. Der Ernäh­rungs­not­stand steht damit in unmit­tel­ba­rem Zusam­men­hang. Prin­zi­pi­ell besteht Einig­keit dar­über, was ihn eigent­lich aus­macht, näm­lich nicht der Man­gel an Nah­rungs­mit­teln, son­dern die Armut. Dies wur­de von Oli­vi­er de Schutter, bis Mai 2014 UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, immer wie­der her­vor­ge­ho­ben. Die­se Ana­ly­se wird auch durch die ver­ba­len Bekennt­nis­se der gro­ßen inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen wie Welt­bank und Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) bestä­tigt. Auf dem Papier steht dort Armuts­be­kämp­fung ganz oben auf der Lis­te. Ver­folgt man die Fach­li­te­ra­tur, schä­len sich zwei kon­trä­re Lösungs­an­sät­ze für den Umgang mit dem Pro­blem her­aus. Bei­de haben unmit­tel­bar mit dem Phä­no­men der Urba­ni­sie­rung zu tun.

Unzu­läng­li­che Wis­sen­schaft

Der neo­li­be­ra­le Lösungs­an­satz geht von einer sich rasch wan­deln­den glo­ba­len Agrar­struk­tur aus. Damit ver­bun­den ist die Erwar­tung einer »gewis­sen« Mobi­li­tät der Land­be­völ­ke­rung. Die­se euphe­mis­ti­sche Beschrei­bung deu­tet an, dass – gemäß den Pla­nun­gen der Mil­li­ar­därs­stif­tun­gen und inter­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen – künf­tig ein nicht unbe­trächt­li­cher Teil der afri­ka­ni­schen Land­be­völ­ke­rung sei­ne Lebens­grund­la­ge ver­lie­ren und gezwun­gen sein wird, in urba­ne Berei­che abzu­wan­dern. Prab­hu Pinga­li, Land­wirt­schafts­ex­per­te bei der Bill & Melin­da Gates Foun­da­ti­on, meint, eine höhe­re Pro­duk­ti­vi­tät bei Kör­ner­früch­ten wür­de nicht nur Land für die Erzeu­gung hoch­wer­ti­ge­rer Pro­duk­te frei­set­zen, son­dern auch die Ver­schie­bung von Arbeits­kräf­ten aus der Land­wirt­schaft in Berei­che ermög­li­chen, die (angeb­lich) höhe­re Ein­kom­men bie­ten. (3) Ähn­lich wie Pinga­li befür­wor­tet Ingo Mel­chers, Lei­ter eines Pro­jekts zu Agrar­po­li­tik und Ernäh­rungs­si­che­rung bei der regie­rungs­na­hen Deut­schen Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) eine sol­che Mobi­li­tät. Er begrün­de­te sein Plä­doy­er wäh­rend einer Podi­ums­dis­kus­si­on des gemein­nüt­zi­gen INKO­TA-Netz­werks am 25. Okto­ber 2014 mit bes­se­ren Ver­dienst­mög­lich­kei­ten in den Städ­ten. (4) Doch Pinga­li wie Mel­chers blei­ben bei die­ser Fest­stel­lung ste­hen, ohne mit einem kon­kre­ten Hin­weis auf­zu­war­ten, wel­che Jobs für die ehe­ma­li­ge Land­be­völ­ke­rung damit gemeint sein könn­ten.

Mel­chers und sei­ne Mitautor_innen bezie­hen sich in einem im vori­gen Jahr erschie­ne­nen Arti­kel auf »drei grif­fi­ge Kate­go­ri­en für länd­li­che Betrie­be gemäß ihrer Ent­wick­lungs­op­tio­nen Step­ping up, Han­ging in oder Step­ping out« (Auf­stei­gen, Dabei­blei­ben oder Aus­stei­gen). (5) Damit neh­men sie eine Anlei­he bei dem Lon­do­ner Öko­no­mie­pro­fes­sor Andrew Dor­ward, der auf die­se Wei­se ver­sucht, neo­li­be­ra­le und alter­na­ti­ve Ent­wick­lungs­kon­zep­te mit­ein­an­der zu ver­söh­nen. (6) Die­se Qua­dra­tur des Krei­ses voll­zieht Dor­ward, indem er allen drei Kate­go­ri­en »Reich­tum und Wohl­stand« ver­spricht. Die einen sind schon wohl­ha­bend und sol­len es blei­ben (Han­ging in). Die Step-up-Grup­pe soll expan­die­ren, um zu Wohl­stand zu kom­men. Auf wes­sen Kos­ten die­se Expan­si­on erfolgt, wird ver­schwie­gen. Die Ver­tre­ter der drit­ten Kate­go­rie – Step­ping out – sol­len laut Dor­ward ihr Ver­mö­gen ver­wen­den, um sich außer­halb der Land­wirt­schaft eine Exis­tenz auf­zu­bau­en, zum Bei­spiel durch den Ver­kauf ihrer Vieh­her­de, womit sie ein Kraft­fahr­zeug erwer­ben oder in die Aus­bil­dung ihrer Kin­der inves­tie­ren könn­ten. Bei nähe­rem Hin­se­hen fällt auf, daß in Dor­wards Welt eine gro­ße Grup­pe von Men­schen gar nicht auf­taucht, näm­lich die Armen. Und erst recht nicht ist von den Ärms­ten der Armen die Rede. Für letz­te­re schla­gen Mel­chers und sei­ne Mit­au­to­ren vor, die­se durch Sozi­al­trans­fers abzu­si­chern – absurd unter den heu­te im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka herr­schen­den Bedin­gun­gen.

In den von Mel­chers und Dor­ward pro­pa­gier­ten »Ent­wick­lungs­stra­te­gi­en« steckt der Kar­di­nal­feh­ler, der sich auch in Welt­bank-Doku­men­ten wie dem 2008 ver­öf­fent­lich­ten World Deve­lop­ment Report wie­der­fin­det: eine ein­di­men­sio­na­le, sim­pli­fi­zier­te Betrach­tungs­wei­se. Dazu gehö­ren einer­seits die iso­lier­te Betrach­tung von höhe­ren Ein­kom­men in den Städ­ten ohne Berück­sich­ti­gung der dor­ti­gen höhe­ren Auf­wen­dun­gen und zum ande­ren die Igno­rie­rung des für Afri­ka beson­ders typi­schen Phä­no­mens der »zir­ku­lie­ren­den Migra­ti­on«. Da es hoch­qua­li­fi­zier­te Fach­leu­te sind, die sich die­sen unzu­läng­li­chen Stand­punkt zu eigen machen, liegt der Ver­dacht nahe, dass dies nicht aus Unwis­sen erfolgt, son­dern mit dem Vor­satz, ein Schein­ar­gu­ment in der Absicht zu prä­sen­tie­ren, die Schat­ten­sei­ten ihrer »Entwicklungs«strategie zu ver­ber­gen.

Elend der Städ­te

Höhe­re Ein­kom­men in den urba­nen Räu­men? Auch hier steckt, wie so oft, der Teu­fel im Detail. Unter­su­chun­gen von Esther Mir­jam Girs­ber­ger von der Uni­ver­si­tät Lau­sanne bestä­ti­gen zunächst, dass in vie­len afri­ka­ni­schen Län­dern die Ein­kom­men in der Stadt die­je­ni­gen auf dem Land um das Andert­halb- bis Mehr­fa­che über­stei­gen. (7) Doch der urba­ne Ein­kom­mens­vor­teil schmilzt dahin, wenn die Trans­fer­kos­ten für die Migra­ti­on, die höhe­ren Lebens­hal­tungs­kos­ten in der Stadt und das Risi­ko, arbeits­los zu wer­den, mit ein­be­rech­net wer­den. Unter ande­rem des­halb sind die Men­schen in Län­dern wie Burun­di, Kenia, Mala­wi und Ugan­da bis­lang nicht scha­ren­wei­se in die Stadt abge­wan­dert. Dort lag zwi­schen 2000 und 2010 die jähr­li­che Net­to­mi­gra­ti­on vom Land in die Stadt unter 0,5 Pro­zent pro Jahr. In einer detail­lier­ten Fall­stu­die wur­den die Lebens­ge­schich­ten von über 3.000 Per­so­nen aus Bur­ki­na Faso erfasst. Girs­ber­gers Daten för­der­ten die Erkennt­nis zuta­ge, dass es nor­ma­ler­wei­se Jah­re dau­ert, bis sich die Kos­ten für die Abwan­de­rung in die Stadt amor­ti­siert haben. Letz­te­re ist folg­lich mit einem hohen mate­ri­el­len bzw. finan­zi­el­len Risi­ko ver­bun­den.

Die am Lon­do­ner King’s Col­le­ge arbei­ten­de Geo­gra­phin Debo­rah Potts ist eine der bes­ten Ken­ne­rin­nen des afri­ka­ni­schen Migra­ti­ons- und Urba­ni­sie­rungs­ge­sche­hens. In einer Arbeit aus dem Jahr 2013 weist sie dar­auf hin, dass es in den afri­ka­ni­schen Län­dern in der Zeit von der Erlan­gung der Unab­hän­gig­keit bis zur Mit­te der 1980er Jah­re tat­säch­lich eine bedeu­ten­de Urba­ni­sie­rung gege­ben hat. (8) Auf­grund von sub­ven­tio­nier­ten Prei­sen für Lebens­mit­tel und regu­lä­ren Ver­dienst­mög­lich­kei­ten hielt sich das mit einer Migra­ti­on ver­bun­de­ne Risi­ko damals in Gren­zen. Doch dann setz­te die Pha­se ein, in der vom Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds zahl­rei­che soge­nann­te Struk­tur­an­pas­sungs­pro­gram­me ver­ord­net wur­den – mit mas­si­ven Ein­spa­run­gen in jenen Berei­chen, die der all­ge­mei­nen Bevöl­ke­rung zu Gute kamen und einer erzwun­ge­nen Öff­nung ein­hei­mi­scher Märk­te. Eine ver­brei­te­te Deindus­tria­li­sie­rung und eine dra­ma­ti­sche Ver­schlech­te­rung der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on in den Städ­ten waren die Fol­ge. Ver­bun­den mit dem Ver­lust zahl­rei­cher regu­lä­rer Arbeits­plät­ze san­ken die Real­ein­kom­men in eini­gen Fäl­len um bis zu 90 Pro­zent. Inzwi­schen liegt der Anteil infor­mel­ler Jobs, also sol­cher ohne Arbeits­ver­trag und sozia­le Absi­che­rung, in den urba­nen Berei­chen Afri­kas in extre­men Berei­chen. Die Bewoh­ner der Slums afri­ka­ni­scher Städ­te leben in Armut oder extre­mer Armut und füh­ren einen täg­li­chen Kampf um das Not­wen­digs­te. Eine Situa­ti­on, die mit den Lebens­ver­hält­nis­sen der städ­ti­schen Armut im Euro­pa des 18. Jahr­hun­derts ver­gleich­bar ist.

Die Fol­ge war eine dras­ti­sche Redu­zie­rung der Net­to­mi­gra­ti­on vom Land in die Städ­te, die jedoch laut Potts in den Berich­ten von Welt­bank und UNO unge­nü­gen­de Berück­sich­ti­gung fand. Auf der Basis feh­ler­haf­ter Daten hiel­ten die­se Insti­tu­tio­nen den Urba­ni­sie­rungs­my­thos auf­recht, wor­aus die Pla­ner einer Trans­for­ma­ti­on der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft ablei­ten, dass die »über­flüs­si­ge« Land­be­völ­ke­rung pro­blem­los von den Städ­ten auf­ge­fan­gen wer­den kön­ne. Mit ein Grund für die­sen feh­ler­haf­ten Ansatz dürf­te die Ver­wechs­lung von Urba­ni­sie­rung und Bevöl­ke­rungs­wachs­tum in den Städ­ten sein. Letz­te­res ist unbe­streit­bar, aber nur ein Bruch­teil davon ist einer Land-Stadt-Migra­ti­on geschul­det. So war die Ein­wan­de­rung in den 1970er Jah­ren noch für 40 Pro­zent des Wachs­tums der afri­ka­ni­schen Bal­lungs­ge­bie­te ver­ant­wort­lich. In den 1980er Jah­ren war die­ser Anteil bereits auf 25 Pro­zent gefal­len. Für eini­ge Län­der (Elfen­bein­küs­te, Mali, Sam­bia, Zen­tral­afri­ka­ni­sche Repu­blik) ermit­tel­te Potts für die 1990er Jah­re sogar eine Deur­ba­ni­sie­rung, das heißt eine Net­torück­wan­de­rung der Bevöl­ke­rung auf das Land.

Girs­ber­ger zieht in der oben erwähn­ten Arbeit für Bur­ki­na Faso fol­gen­de Bilanz: 35 Pro­zent aller Migran­ten der unter­such­ten Stich­pro­be wan­der­ten in die Städ­te, 35 Pro­zent ins Aus­land (oft­mals auf Job­su­che in Rich­tung Elfen­bein­küs­te), und 30 Pro­zent zogen von der Stadt zurück aufs Land. Die­se zir­ku­lie­ren­de Migra­ti­on zwi­schen Stadt und Land ist eine wich­ti­ge Über­le­bens­stra­te­gie armer afri­ka­ni­scher Fami­li­en. Im Extrem­fall, wie in einer von Potts zitier­ten Arbeit für die kon­go­le­si­sche Bevöl­ke­rung beschrie­ben, ent­wi­ckelt sich ein »stra­te­gi­sches Noma­den­tum« – auf­grund der pre­kä­ren Lebens­be­din­gun­gen sind Tei­le der kon­go­le­si­schen Bevöl­ke­rung einem stän­di­gen Orts­wech­sel unter­wor­fen. His­to­risch betrach­tet gibt es für die zir­ku­lie­ren­de Migra­ti­on, die heu­te durch die neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­be­din­gun­gen erzwun­gen wird, eine Ent­spre­chung in der Kolo­ni­al­zeit: Vie­le der männ­li­chen Fami­li­en­mit­glie­der im arbeits­fä­hi­gen Alter zogen damals für Mona­te als Ver­trags­ar­bei­ter in die Gold­mi­nen Süd­afri­kas, in die Kup­fer­mi­nen Sam­bi­as und in ande­re Berg­bau­re­gio­nen. Damals wie heu­te betrieb der Rest der Fami­lie wei­ter­hin klein­bäu­er­li­che Land­wirt­schaft, wäh­rend die in die Stadt oder ins Aus­land migrier­ten Ver­wand­ten die Daheim­ge­blie­be­nen finan­zi­ell unter­stütz­ten, falls ihre Job­su­che erfolg­reich war. Durch die­se Stra­te­gie bleibt die Opti­on erhal­ten, im Fall von Arbeits­lo­sig­keit bei (spe­ku­la­ti­ons­be­dingt) explo­die­ren­den Lebens­mit­tel­prei­sen aufs Land zurück­zu­keh­ren. Die Ärms­ten der Armen müs­sen in den Städ­ten rund 50 Pro­zent ihres Ein­kom­mens für den Kauf von Lebens­mit­teln aus­ge­ben. So wird klar, wie wich­tig eine Rück­kehr­mög­lich­keit zu ihren im länd­li­chen Bereich geblie­be­nen Fami­li­en ist, wenn die Ver­diens­te weg­bre­chen oder die Lebens­hal­tungs­kos­ten stark anstei­gen.

Gerech­te Ver­tei­lung

Es besteht die begrün­de­te Sor­ge, dass die Mög­lich­keit der zir­ku­lie­ren­den Migra­ti­on als Stra­te­gie zur Risi­ko­min­de­rung dem­nächst ver­schwin­den könn­te. Sobald die Hun­ger­be­kämp­fung durch Agrar­kon­zer­ne, wie sie 2012 durch die (damals noch) G-8-Initia­ti­ve »New Alli­an­ce for Food Secu­ri­ty and Nut­ri­ti­on« ange­kün­digt wor­den war, Gestalt annimmt, dürf­te gera­de dem ärms­ten Teil der klein­bäu­er­li­chen Bevöl­ke­rung sprich­wört­lich der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen wer­den. Wesent­lich ist, dass die Befür­wor­ter sol­cher Alli­an­zen das The­ma Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung in den Vor­der­grund stel­len, aber das Pro­blem der Ungleich­ver­tei­lung von Land scheu­en wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Mel­chers ver­weist in einer wei­te­ren Publi­ka­ti­on dar­auf, dass 25 Pro­zent der Klein­bau­ern im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka weni­ger als 1.100 Qua­drat­me­ter Land bewirt­schaf­ten. (9) Ande­rer­seits besitzt bei­spiels­wei­se die »Eli­te« in Mala­wi (1,5 Pro­zent der Bevöl­ke­rung) die Hälf­te des dor­ti­gen Acker­lan­des. Den Ärms­ten der Armen ste­hen dort hin­ge­gen durch­schnitt­lich 3.000 Qua­drat­me­ter Land zur Ernäh­rung von sechs- bis acht­köp­fi­gen Fami­li­en zur Ver­fü­gung. Es dürf­te strit­tig sein, wel­che For­de­rung unrea­lis­ti­scher ist – die hier erho­be­ne nach einer umver­tei­len­den Land­re­form oder die nach von Mel­chers arti­ku­lier­te nach »sozi­al­po­li­ti­schen Instru­men­ten«, mit denen dann 25 Pro­zent der klein­bäu­er­li­chen Fami­li­en Afri­kas vor dem Hun­ger bewahrt wer­den müss­ten. Wün­schens­wert wäre bei­des gleich­zei­tig.

Basie­rend auf Umver­tei­lung von Land, kom­bi­niert mit Ertrags­stei­ge­run­gen durch die Ein­füh­rung ange­pass­ter agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­ver­fah­ren könn­ten die not­wen­di­gen Ein­kom­mens­ver­bes­se­run­gen geschaf­fen wer­den, ohne dass dabei Abhän­gig­kei­ten durch den Kauf von Agro­che­mi­ka­li­en und »kom­mer­zi­el­lem Saat­gut« auf der Basis von Kre­di­ten ent­ste­hen wür­den. Dies, ver­bun­den mit der Eta­blie­rung regio­na­ler wirt­schaft­li­cher Kreis­läu­fe und einem erleich­ter­ten Zugang zu loka­len Märk­ten, wäre die nach­hal­ti­ge Form der Hun­ger­be­kämp­fung.

Anmer­kun­gen

Jay­ne, T. S. u. a. (2014): Land pres­su­res, the evo­lu­ti­on of far­ming sys­tems, and deve­lop­ment stra­te­gies in Afri­ca: A syn­the­sis. Food Poli­cy Vol. 48, S. 1-17
Wegen der Ver­gleich­bar­keit bezie­hen sich die Zah­len nur auf die alten Bun­des­län­der.
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Leicht modi­fi­zier­te Fas­sung eines am 10.2.2015 in der jun­gen Welt erschie­ne­nen Bei­trags

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