Landungerechtigkeit: Hunger und Migration

Der chronische Nahrungsmangel im subsaharischen Afrika hängt mit der Ungleichheit im Besitz von Grund und Boden zusammen. Eine Abwanderung in die Städte lindert die Not in der Regel nicht.

Von Peter Clausing

In den Ländern südlich der Sahara, dem sogenannten subsaharische Afrika, leben über 200 Millionen chronisch hungernde Menschen – das sind etwa 30 Prozent der dortigen Bevölkerung. Davon sind vor allem die auf dem Land lebenden Menschen betroffen, für die »chronischer Hunger« zumeist bedeutet, dass er alljährlich wiederkehrt, nämlich dann, wenn die eigenen Vorräte zur Neige gehen und das Geld nicht reicht, um zusätzliche Lebensmittel zu kaufen. Diese Periode kann mehrere Wochen bis mehrere Monate dauern – je nachdem wie die vorherige Ernte ausfiel. Typisch ist das für Betriebe, bei denen die landwirtschaftlich bearbeitete Fläche unter einer Größe von zwei Hektar liegt. 80 Prozent der afrikanischen Bäuerinnen und Bauern bewirtschaften derart kleine Flächen und ernähren damit mehr schlecht als recht eine oftmals sechs- bis achtköpfige Familie. In Malawi zum Beispiel, wo, ähnlich wie in anderen Ländern dieser Region, das Land extrem ungleich verteilt ist, sind es nicht selten nur 3.000 Quadratmeter Ackerfläche pro Haushalt.

Der Ernährungsnotstand in Afrika resultiert zu einem erheblichen Maß aus dieser Ungleichheit. In diesem Zusammenhang kommen Thomas S. Jayne, Professor für Internationale Entwicklung an der Universität Michigan, und seine Kollegen zu der Schlussfolgerung, dass die Landfrage das am stärksten vernachlässigte entwicklungspolitische Thema dieses Kontinents sei. (1) Bemerkenswert ist die Publikation deshalb, weil sie zwar von der Bill & Melinda Gates Foundation sowie von der US-amerikanischen Entwicklungshilfebehörde USAID finanziert wurde, aber trotzdem nicht bei dieser Feststellung stehenbleibt, sondern mit faktenreichen Argumenten darauf hinweist, dass eine »genügend egalitäre« Agrarstruktur entscheidend ist, um verbesserte Einkommen auf breiter Basis zu schaffen.

Indem sie die Landfrage in den Vordergrund stellt, ragt diese wissenschaftliche Publikation aus unzähligen Studien und Diskussionspapieren, die sich mit dem Thema Hunger beschäftigen, heraus. Dessen Beseitigung stellt eines der drängendsten und komplexesten Probleme unserer Zeit dar und wurde auf höchster Ebene zum Ziel erklärt. Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass in Afrika (und anderswo) der Armutsbekämpfung eine Schlüsselfunktion bei der Überwindung des Ernährungsnotstandes zukommt und dass für die Bekämpfung von Armut Investitionen notwendig sind. Die Geister scheiden sich, wenn es um die Definition geht, welcher Art diese Investitionen sein sollten. Sollen mit ihnen die oben erwähnten »genügend egalitären« Strukturen geschaffen werden? Oder sollen sie vor allem Profit bringen, was mit der berüchtigten neoliberalen Behauptung vom »Trickle-Down-Effekt« beschönigt wird, wonach der wachsende Wohlstand der Reichen allmählich in die unteren Schichten durchsickern würde. Dieser vorgebliche Effekt trat in der Vergangenheit nur in den seltensten Fällen ein.

Angesichts der Dauerkrise des globalen Kapitalismus ist endgültig nicht mehr mit ihm zu rechnen. Wenn Initiativen wie die »Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika« oder die im Juni 2012 – ursprünglich unter einem anderen Namen – gegründete »German Food Partnership« von Investitionen reden, stehen diese unter dem Zeichen der Schaffung von Märkten. Genauer gesagt geht es um den Absatz von agrochemischen Produkten und Saatgut von Konzernen und um die Aneignung von Land als Spekulationsobjekt und Profitquelle für die Finanzindustrie. Investitionen zur Etablierung »genügend egalitärer« Agrarstrukturen nach den Vorstellungen von Jayne hingegen beträfen Bildungssysteme (insbesondere für Frauen, mit dem Zusatzeffekt einer noch stärkeren Reduzierung des Bevölkerungswachstums) und die Schaffung von Infrastruktur zur Unterstützung kleinbäuerlicher Produzenten und Produzentinnen in Gestalt von Lagerungs- und Transportmöglichkeiten, Beratungsdiensten sowie Angeboten zur gesundheitlichen Betreuung.

Urbanisierung

In engem Zusammenhang mit dieser Problematik steht die Urbanisierung. Eine Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte ist in vielen Teilen der Welt seit Jahrzehnten zu beobachten. Die Statistiken der Vereinten Nationen suggerieren, dass dies ein unabänderlicher Prozess sei. Doch zum einen gibt es gute Gründe, dessen vermeintliche Zwangsläufigkeit zu hinterfragen, und zum anderen ist er differenzierter zu betrachten als gemeinhin angenommen. Ob Urbanisierung eine Folge verfehlter Landwirtschaftspolitik oder eine Chance zur Verbesserung der persönlichen Lebensverhältnisse darstellt, ist ein erheblicher Unterschied. Selbst in Deutschland (2), wo die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten zwischen 1949 und 1989 von über 6,5 Millionen auf rund 600.000 sank, gehen die Meinungen auseinander, ob es eine Land»flucht« war – Ausdruck der Suche nach einem bequemeren Leben in der Stadt – oder ein »Höfesterben«, weil die Rahmenbedingungen für eine bäuerliche Landwirtschaft nicht mehr stimmten. Vermutlich ist beides im Spiel, aber »Höfesterben« ist ein semantisches Indiz dafür, dass es sich nicht um ein freiwilliges Geschehen handelt. Hört man sich in der »Szene« um, wird schnell klar, wie extrem schwierig es ist, neue bäuerliche Existenzen zu gründen. Keine dramatisch große, aber eine nicht zu unterschätzende Zahl junger Menschen würde sich gern eine Lebensgrundlage in der Landwirtschaft schaffen. Das scheitert in Staaten wie Deutschland bereits an den Pacht- bzw. Kaufpreisen für Grund und Boden, die in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen sind. Bei Hektarpreisen von 10.000 Euro und mehr ist der Aufbau einer landwirtschaftlichen Existenz ohne entsprechendes Kapitalpolster illusorisch. Mit anderen Worten, selbst in unseren Breiten wäre eine umverteilende Landreform angezeigt. Landbesetzungen – die Antwort auf fehlenden Reformwillen – gibt es mittlerweile in Ansätzen auch in Spanien, nicht nur in den Ländern des globalen Südens.

Dort stellt sich die Situation indes viel dramatischer dar. Ein Teil der Menschen, gegen die sich die Europäische Union mit ihrer paramilitärischen Grenzagentur Frontex und durch eine immer rigidere Abschiebepraxis abzuschotten versucht, flieht vor Bürgerkriegen und religiös verbrämten Konflikten. Doch eine beachtliche Zahl der Migrantinnen und Migranten kommt nicht aus Gebieten mit religiösen oder militärischen Konflikten, sondern aus ökonomischen Krisengebieten. So belief sich laut UN-Statistik die Zahl derer, die 2013 aus dem subsaharischen Afrika in die Europäische Union migrierten, auf rund 3,5 Millionen Menschen (davon kamen zirka 150.000 nach Deutschland). Doch das sind nur die offiziellen Zahlen, die weder die im Mittelmeer Ertrunkenen berücksichtigen noch die Einwanderer ohne Papiere, die in den Ländern Europas extremer Ausbeutung unterworfen sind. Das bringt uns zu der Frage zurück, was diese ökonomischen Krisengebiete kennzeichnet und wie man der dortigen Situation begegnen sollte. Der Ernährungsnotstand steht damit in unmittelbarem Zusammenhang. Prinzipiell besteht Einigkeit darüber, was ihn eigentlich ausmacht, nämlich nicht der Mangel an Nahrungsmitteln, sondern die Armut. Dies wurde von Olivier de Schutter, bis Mai 2014 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, immer wieder hervorgehoben. Diese Analyse wird auch durch die verbalen Bekenntnisse der großen internationalen Institutionen wie Weltbank und Welternährungsorganisation (FAO) bestätigt. Auf dem Papier steht dort Armutsbekämpfung ganz oben auf der Liste. Verfolgt man die Fachliteratur, schälen sich zwei konträre Lösungsansätze für den Umgang mit dem Problem heraus. Beide haben unmittelbar mit dem Phänomen der Urbanisierung zu tun.

Unzulängliche Wissenschaft

Der neoliberale Lösungsansatz geht von einer sich rasch wandelnden globalen Agrarstruktur aus. Damit verbunden ist die Erwartung einer »gewissen« Mobilität der Landbevölkerung. Diese euphemistische Beschreibung deutet an, dass – gemäß den Planungen der Milliardärsstiftungen und internationalen Institutionen – künftig ein nicht unbeträchtlicher Teil der afrikanischen Landbevölkerung seine Lebensgrundlage verlieren und gezwungen sein wird, in urbane Bereiche abzuwandern. Prabhu Pingali, Landwirtschaftsexperte bei der Bill & Melinda Gates Foundation, meint, eine höhere Produktivität bei Körnerfrüchten würde nicht nur Land für die Erzeugung hochwertigerer Produkte freisetzen, sondern auch die Verschiebung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft in Bereiche ermöglichen, die (angeblich) höhere Einkommen bieten. (3) Ähnlich wie Pingali befürwortet Ingo Melchers, Leiter eines Projekts zu Agrarpolitik und Ernährungssicherung bei der regierungsnahen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine solche Mobilität. Er begründete sein Plädoyer während einer Podiumsdiskussion des gemeinnützigen INKOTA-Netzwerks am 25. Oktober 2014 mit besseren Verdienstmöglichkeiten in den Städten. (4) Doch Pingali wie Melchers bleiben bei dieser Feststellung stehen, ohne mit einem konkreten Hinweis aufzuwarten, welche Jobs für die ehemalige Landbevölkerung damit gemeint sein könnten.

Melchers und seine Mitautor_innen beziehen sich in einem im vorigen Jahr erschienenen Artikel auf »drei griffige Kategorien für ländliche Betriebe gemäß ihrer Entwicklungsoptionen Stepping up, Hanging in oder Stepping out« (Aufsteigen, Dabeibleiben oder Aussteigen). (5) Damit nehmen sie eine Anleihe bei dem Londoner Ökonomieprofessor Andrew Dorward, der auf diese Weise versucht, neoliberale und alternative Entwicklungskonzepte miteinander zu versöhnen. (6) Diese Quadratur des Kreises vollzieht Dorward, indem er allen drei Kategorien »Reichtum und Wohlstand« verspricht. Die einen sind schon wohlhabend und sollen es bleiben (Hanging in). Die Step-up-Gruppe soll expandieren, um zu Wohlstand zu kommen. Auf wessen Kosten diese Expansion erfolgt, wird verschwiegen. Die Vertreter der dritten Kategorie – Stepping out – sollen laut Dorward ihr Vermögen verwenden, um sich außerhalb der Landwirtschaft eine Existenz aufzubauen, zum Beispiel durch den Verkauf ihrer Viehherde, womit sie ein Kraftfahrzeug erwerben oder in die Ausbildung ihrer Kinder investieren könnten. Bei näherem Hinsehen fällt auf, daß in Dorwards Welt eine große Gruppe von Menschen gar nicht auftaucht, nämlich die Armen. Und erst recht nicht ist von den Ärmsten der Armen die Rede. Für letztere schlagen Melchers und seine Mitautoren vor, diese durch Sozialtransfers abzusichern – absurd unter den heute im subsaharischen Afrika herrschenden Bedingungen.

In den von Melchers und Dorward propagierten »Entwicklungsstrategien« steckt der Kardinalfehler, der sich auch in Weltbank-Dokumenten wie dem 2008 veröffentlichten World Development Report wiederfindet: eine eindimensionale, simplifizierte Betrachtungsweise. Dazu gehören einerseits die isolierte Betrachtung von höheren Einkommen in den Städten ohne Berücksichtigung der dortigen höheren Aufwendungen und zum anderen die Ignorierung des für Afrika besonders typischen Phänomens der »zirkulierenden Migration«. Da es hochqualifizierte Fachleute sind, die sich diesen unzulänglichen Standpunkt zu eigen machen, liegt der Verdacht nahe, dass dies nicht aus Unwissen erfolgt, sondern mit dem Vorsatz, ein Scheinargument in der Absicht zu präsentieren, die Schattenseiten ihrer »Entwicklungs«strategie zu verbergen.

Elend der Städte

Höhere Einkommen in den urbanen Räumen? Auch hier steckt, wie so oft, der Teufel im Detail. Untersuchungen von Esther Mirjam Girsberger von der Universität Lausanne bestätigen zunächst, dass in vielen afrikanischen Ländern die Einkommen in der Stadt diejenigen auf dem Land um das Anderthalb- bis Mehrfache übersteigen. (7) Doch der urbane Einkommensvorteil schmilzt dahin, wenn die Transferkosten für die Migration, die höheren Lebenshaltungskosten in der Stadt und das Risiko, arbeitslos zu werden, mit einberechnet werden. Unter anderem deshalb sind die Menschen in Ländern wie Burundi, Kenia, Malawi und Uganda bislang nicht scharenweise in die Stadt abgewandert. Dort lag zwischen 2000 und 2010 die jährliche Nettomigration vom Land in die Stadt unter 0,5 Prozent pro Jahr. In einer detaillierten Fallstudie wurden die Lebensgeschichten von über 3.000 Personen aus Burkina Faso erfasst. Girsbergers Daten förderten die Erkenntnis zutage, dass es normalerweise Jahre dauert, bis sich die Kosten für die Abwanderung in die Stadt amortisiert haben. Letztere ist folglich mit einem hohen materiellen bzw. finanziellen Risiko verbunden.

Die am Londoner King’s College arbeitende Geographin Deborah Potts ist eine der besten Kennerinnen des afrikanischen Migrations- und Urbanisierungsgeschehens. In einer Arbeit aus dem Jahr 2013 weist sie darauf hin, dass es in den afrikanischen Ländern in der Zeit von der Erlangung der Unabhängigkeit bis zur Mitte der 1980er Jahre tatsächlich eine bedeutende Urbanisierung gegeben hat. (8) Aufgrund von subventionierten Preisen für Lebensmittel und regulären Verdienstmöglichkeiten hielt sich das mit einer Migration verbundene Risiko damals in Grenzen. Doch dann setzte die Phase ein, in der vom Internationalen Währungsfonds zahlreiche sogenannte Strukturanpassungsprogramme verordnet wurden – mit massiven Einsparungen in jenen Bereichen, die der allgemeinen Bevölkerung zu Gute kamen und einer erzwungenen Öffnung einheimischer Märkte. Eine verbreitete Deindustrialisierung und eine dramatische Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den Städten waren die Folge. Verbunden mit dem Verlust zahlreicher regulärer Arbeitsplätze sanken die Realeinkommen in einigen Fällen um bis zu 90 Prozent. Inzwischen liegt der Anteil informeller Jobs, also solcher ohne Arbeitsvertrag und soziale Absicherung, in den urbanen Bereichen Afrikas in extremen Bereichen. Die Bewohner der Slums afrikanischer Städte leben in Armut oder extremer Armut und führen einen täglichen Kampf um das Notwendigste. Eine Situation, die mit den Lebensverhältnissen der städtischen Armut im Europa des 18. Jahrhunderts vergleichbar ist.

Die Folge war eine drastische Reduzierung der Nettomigration vom Land in die Städte, die jedoch laut Potts in den Berichten von Weltbank und UNO ungenügende Berücksichtigung fand. Auf der Basis fehlerhafter Daten hielten diese Institutionen den Urbanisierungsmythos aufrecht, woraus die Planer einer Transformation der afrikanischen Landwirtschaft ableiten, dass die »überflüssige« Landbevölkerung problemlos von den Städten aufgefangen werden könne. Mit ein Grund für diesen fehlerhaften Ansatz dürfte die Verwechslung von Urbanisierung und Bevölkerungswachstum in den Städten sein. Letzteres ist unbestreitbar, aber nur ein Bruchteil davon ist einer Land-Stadt-Migration geschuldet. So war die Einwanderung in den 1970er Jahren noch für 40 Prozent des Wachstums der afrikanischen Ballungsgebiete verantwortlich. In den 1980er Jahren war dieser Anteil bereits auf 25 Prozent gefallen. Für einige Länder (Elfenbeinküste, Mali, Sambia, Zentralafrikanische Republik) ermittelte Potts für die 1990er Jahre sogar eine Deurbanisierung, das heißt eine Nettorückwanderung der Bevölkerung auf das Land.

Girsberger zieht in der oben erwähnten Arbeit für Burkina Faso folgende Bilanz: 35 Prozent aller Migranten der untersuchten Stichprobe wanderten in die Städte, 35 Prozent ins Ausland (oftmals auf Jobsuche in Richtung Elfenbeinküste), und 30 Prozent zogen von der Stadt zurück aufs Land. Diese zirkulierende Migration zwischen Stadt und Land ist eine wichtige Überlebensstrategie armer afrikanischer Familien. Im Extremfall, wie in einer von Potts zitierten Arbeit für die kongolesische Bevölkerung beschrieben, entwickelt sich ein »strategisches Nomadentum« – aufgrund der prekären Lebensbedingungen sind Teile der kongolesischen Bevölkerung einem ständigen Ortswechsel unterworfen. Historisch betrachtet gibt es für die zirkulierende Migration, die heute durch die neoliberalen Wirtschaftsbedingungen erzwungen wird, eine Entsprechung in der Kolonialzeit: Viele der männlichen Familienmitglieder im arbeitsfähigen Alter zogen damals für Monate als Vertragsarbeiter in die Goldminen Südafrikas, in die Kupferminen Sambias und in andere Bergbauregionen. Damals wie heute betrieb der Rest der Familie weiterhin kleinbäuerliche Landwirtschaft, während die in die Stadt oder ins Ausland migrierten Verwandten die Daheimgebliebenen finanziell unterstützten, falls ihre Jobsuche erfolgreich war. Durch diese Strategie bleibt die Option erhalten, im Fall von Arbeitslosigkeit bei (spekulationsbedingt) explodierenden Lebensmittelpreisen aufs Land zurückzukehren. Die Ärmsten der Armen müssen in den Städten rund 50 Prozent ihres Einkommens für den Kauf von Lebensmitteln ausgeben. So wird klar, wie wichtig eine Rückkehrmöglichkeit zu ihren im ländlichen Bereich gebliebenen Familien ist, wenn die Verdienste wegbrechen oder die Lebenshaltungskosten stark ansteigen.

Gerechte Verteilung

Es besteht die begründete Sorge, dass die Möglichkeit der zirkulierenden Migration als Strategie zur Risikominderung demnächst verschwinden könnte. Sobald die Hungerbekämpfung durch Agrarkonzerne, wie sie 2012 durch die (damals noch) G-8-Initiative »New Alliance for Food Security and Nutrition« angekündigt worden war, Gestalt annimmt, dürfte gerade dem ärmsten Teil der kleinbäuerlichen Bevölkerung sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Wesentlich ist, dass die Befürworter solcher Allianzen das Thema Produktionssteigerung in den Vordergrund stellen, aber das Problem der Ungleichverteilung von Land scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Melchers verweist in einer weiteren Publikation darauf, dass 25 Prozent der Kleinbauern im subsaharischen Afrika weniger als 1.100 Quadratmeter Land bewirtschaften. (9) Andererseits besitzt beispielsweise die »Elite« in Malawi (1,5 Prozent der Bevölkerung) die Hälfte des dortigen Ackerlandes. Den Ärmsten der Armen stehen dort hingegen durchschnittlich 3.000 Quadratmeter Land zur Ernährung von sechs- bis achtköpfigen Familien zur Verfügung. Es dürfte strittig sein, welche Forderung unrealistischer ist – die hier erhobene nach einer umverteilenden Landreform oder die nach von Melchers artikulierte nach »sozialpolitischen Instrumenten«, mit denen dann 25 Prozent der kleinbäuerlichen Familien Afrikas vor dem Hunger bewahrt werden müssten. Wünschenswert wäre beides gleichzeitig.

Basierend auf Umverteilung von Land, kombiniert mit Ertragssteigerungen durch die Einführung angepasster agrarökologischer Anbauverfahren könnten die notwendigen Einkommensverbesserungen geschaffen werden, ohne dass dabei Abhängigkeiten durch den Kauf von Agrochemikalien und »kommerziellem Saatgut« auf der Basis von Krediten entstehen würden. Dies, verbunden mit der Etablierung regionaler wirtschaftlicher Kreisläufe und einem erleichterten Zugang zu lokalen Märkten, wäre die nachhaltige Form der Hungerbekämpfung.

Anmerkungen

Jayne, T. S. u. a. (2014): Land pressures, the evolution of farming systems, and development strategies in Africa: A synthesis. Food Policy Vol. 48, S. 1-17
Wegen der Vergleichbarkeit beziehen sich die Zahlen nur auf die alten Bundesländer.
Pingali, P. (2012): Green Revolution: Impacts, limits, and the path ahead. PNAS Vol. 109: 12302-12308.
http://www.inkota.de/mitmachen/inkota-herbsttagung/#c11021
Melchers, I. u. a. (2014): Differenzierter Blick. E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit. Rezensionsaufsatz v. 21.5.2014
Dorward, A. (2009): Integrating contested aspirations, processes and policy: development as hanging in, stepping up and stepping out. Development Policy Review Vol. 27: 131-140
Girsberger, E.M. (2014): Migration, Education and Work Opportunities. http://www.iza.org/conference_files/SUMS_2014/girsberger_seelaus_e9967.pdf
Potts, D. (2013): Rural-Urban and Urban-Rural Migration Flows as Indicators of Economic Opportunity in Sub-Saharan Africa: What do they tell us? Working Paper 9, Cities Research Group, Geography Department, King’s College London
Melchers, I. (2013): Zwischen Business und Sozialpolitik. In: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung, 05/2013

Leicht modifizierte Fassung eines am 10.2.2015 in der jungen Welt erschienenen Beitrags

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