Land­grab­bing

Auf den 5. Hep­pen­hei­mer Tagen zur christ­li­chen Gesell­schafts­ethik ging es um Fra­gen des Boden­ei­gen­tums aus unter­schied­lichs­ten Per­spek­ti­ven

The­sen zum The­ma Land­grab­bing von Peter Clausing

1.
Einer­seits wird die Ver­ab­schie­dung der frei­wil­li­gen Leit­li­ni­en der FAO (Vol­un­ta­ry Gui­de­li­nes on the Respon­si­ble Gover­nan­ce of Land, Fishe­ries and Forests in the Con­text of Natio­nal Food Secu­ri­ty) im Jahr 2012 als gro­ßer Erfolg betrach­tet, auch des­halb, weil die­se Leit­li­ni­en sehr bald nach dem kri­ti­sier­ten Welt­bank­be­richt zum The­ma Land­grab­bing (Dei­nin­ger und Byer­lee 2011) ver­ab­schie­det wur­de. Ande­rer­seits kann Land­grab­bing nicht los­ge­löst von ande­ren Poli­tik­fel­dern betrach­tet wer­den, die das Land­grab­bing bedin­gen bzw. beein­flus­sen oder selbst vom Land­grab­bing beein­flusst wer­den. Dazu gehö­ren u.a.:

– Han­dels­po­li­tik all­ge­mein, ins­be­son­de­re aber die Libe­ra­li­sie­rung von Bör­sen­ge­schäf­ten mit Nah­rungs­mit­teln (Spe­ku­la­ti­on);

– Poli­tik bezüg­lich Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten (Fleisch­kon­sum, Ver­geu­dung von Lebens­mit­teln, Dum­ping­prei­se);

– Kli­ma-, Ener­gie- und Bio­di­ver­si­täts­po­li­tik (Agro­treib­stof­fe, Land­nut­zungs­än­de­run­gen, Schutz­ge­bie­te);

– För­de­rung bestimm­ter Model­le land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on (unge­nü­gen­de bzw. nur Ali­bi-mäßi­ge För­de­rung von Alter­na­ti­ven zu input-inten­si­ver, pro­fit-ori­en­tier­ter Land­wirt­schaft);

– Migra­ti­ons­po­li­tik;

– Infor­ma­ti­ons­po­li­tik (Bei­spiel: das Feh­len öko­no­mi­scher Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen, inklu­si­ve Land­grab­bing bei der Ukrai­ne-Bericht­erstat­tung).

2.
In einer Zeit, in der trotz vor­lie­gen­der Emp­feh­lun­gen (z.B. IAASTD 2009) kein grund­sätz­li­cher Kurs­wech­sel mög­lich zu sein scheint, sind Kurs­kor­rek­tu­ren als Erfolg zu wer­ten. Jedoch darf die Not­wen­dig­keit eines grund­sätz­li­chen Kurs­wech­sels des­halb nicht aus den Augen ver­lo­ren wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Selbst wenn es gelin­gen soll­te, den durch die FAO-Leit­li­ni­en gebo­te­nen Rah­men mit Inhalt zu fül­len, ist dies bei wei­tem nicht aus­rei­chend, um ver­steck­tes, aber flä­chen­mä­ßig bedeut­sa­mes Land­grab­bing und dar­aus resul­tie­ren­de Armut zu bekämp­fen. Für eine wirk­sa­me Poli­tik in die­sem Bereich ist Kohä­renz zwi­schen den unter­schied­lichs­ten Poli­tik­fel­dern unab­ding­bar.

3.
Groß­flä­chi­ges Land­grab­bing (Kauf, Pacht) durch inter­na­tio­na­le Akteu­re ist eine breit dis­ku­tier­te Pro­ble­ma­tik. Doch es gibt eine Rei­he weni­ger beach­te­ter, aber eben­so wich­ti­ger Phä­no­me­ne, die von der FAO-Richt­li­nie unbe­rührt bzw. im dies­be­züg­li­chen Dis­kurs unbe­ach­tet blei­ben. Zum Bei­spiel:

– Kon­trol­le über Land ohne Besit­zer­wech­sel (Ver­trags­land­wirt­schaft statt Kauf oder Pacht);

– His­to­risch fort­ge­schrie­be­ne Lan­dun­ge­rech­tig­kei­ten und Land­nah­me durch natio­na­le Eli­ten;

– Ver­drän­gung tra­di­tio­nel­ler Nutzer_innen als Fol­ge der Aus­brei­tung bestimm­ter land­wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­ons­mo­del­le (Grü­ne Revo­lu­ti­on);

– Ver­trei­bung loka­ler Bevöl­ke­rungs­grup­pen im Namen von Kli­ma- und Bio­di­ver­si­täts­schutz (Green Grab­bing);

4.
In der offi­zi­el­len Dis­kus­si­on dar­über, wie im Jahr 2050 eine Welt­be­völ­ke­rung von vor­aus­sicht­lich 9,2 Mil­li­ar­den Men­schen ernährt wer­den soll, zieht man, aus­ge­hend von einer als not­wen­dig erach­te­ten Stei­ge­rung der glo­ba­len land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on um 50-70%, zwei prin­zi­pi­el­le Mög­lich­kei­ten in Betracht: Flä­chen­er­wei­te­rung und Ertrags­stei­ge­rung. Da bei­des Aus­wir­kun­gen auf Land­nut­zungs­rech­te hat (ers­te­res direk­te, letz­te­res indi­rek­te), soll zunächst die Not­wen­dig­keit der 50-70%-Steigerung hin­ter­fragt wer­den. Als Begrün­dung, war­um die­se Stei­ge­rung angeb­lich not­wen­dig ist, obwohl bis 2050 nur ein 30%-iger Bevöl­ke­rungs­zu­wachs erwar­tet wird, ste­hen sich ändern­de Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten im Vor­der­grund. Kon­kret ist damit der zuneh­men­de Kon­sum von tie­ri­schem Eiweiß in den „auf­stre­ben­den Öko­no­mi­en“ gemeint. In gewis­ser Wei­se wird der zuneh­men­de Kon­sum von tie­ri­schem Pro­te­in in den Schwel­len­län­dern zwar beklagt, aber als ähn­lich unab­än­der­lich betrach­tet wie das exis­tie­ren­de Ver­brauchs­ni­veau in den Län­dern des Nor­dens.

Eine Redu­zie­rung des als mehr oder weni­ger sta­bil betrach­te­ten, aber deut­lich über­höh­ten Kon­sums in den Indus­trie­län­dern steht erst gar nicht zur Debat­te – dies­be­züg­li­che Poli­tik­zie­le sind nicht bekannt. Mehr noch, Deutsch­land hat­te von 2006 bis 2011 eine nahe­zu ähn­lich gro­ße und kon­ti­nu­ier­li­che Zunah­me des Fleisch­ver­brauchs wie Chi­na (5,5 kg gegen­über 6,7 kg). Das scheint offi­zi­ell nie­mand zu stö­ren (1). Eben­so wenig exis­tiert eine ent­schlos­se­ne Stra­te­gie zur Redu­zie­rung der Essens­ver­nich­tung (2). Das Pro­blem wird bes­ten­falls halb­her­zig ange­gan­gen (3). Die „Tank-oder-Teller“-Frage ist zwar Teil der öffent­li­chen Dis­kus­si­on, doch die Flä­chen­kon­kur­renz zwi­schen Nah­rungs- und Ener­gie­pflan­zen bleibt bestehen. Es gibt also gute Grün­de, die Fixie­rung auf eine 50-70% Stei­ge­rung anzu­zwei­feln und Poli­tik­zie­le anzu­stre­ben, die eine bes­se­re Aus­nut­zung des bereits exis­tie­ren­den Out­puts an Nah­rungs­mit­teln ermög­li­chen.

5.
Afri­ka ist unstrei­tig der Kon­ti­nent mit dem größ­ten Anteil chro­nisch hun­gern­der Men­schen.
Im Sin­ne der Ernäh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät, ja selbst der Ernäh­rungs­si­cher­heit, wäre es wün­schens­wert, wenn sich alle afri­ka­ni­schen Län­der selbst ver­sor­gen könn­ten. Initia­ti­ven wie die Alli­an­ce for a Green Revo­lu­ti­on in Afri­ca (AGRA) oder die Ger­man Food Part­nership behaup­ten, dass dies die prin­zi­pi­el­le Moti­va­ti­on für ihr Enga­ge­ment sei. Hier ist nicht der Ort, um erklär­te und even­tu­ell ver­steck­te Zie­le zu erör­tern (vgl. FoUE 2013). Doch in die­sem Zusam­men­hang tun sich Fra­gen auf, die mit der Land­grab­bing-Pro­ble­ma­tik im Zusam­men­hang ste­hen.

Um die Ernäh­rungs­kri­se in Afri­ka in Griff zu bekom­men, pro­pa­gie­ren die inter­na­tio­na­len Geld­ge­ber eine „Neue Grü­ne Revo­lu­ti­on“. Den Geld­ge­bern geht es um die Stei­ge­rung der Hekt­ar­er­trä­ge durch den Ein­satz von kom­mer­zi­el­lem Saat­gut und che­mi­schen Inputs. Seit knapp zehn Jah­ren ope­riert die AGRA im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka und hat inzwi­schen über 400 Mil­lio­nen Dol­lar in den dor­ti­gen Struk­tur­wan­del inves­tiert. Eine ihrer ers­ten Maß­nah­men war die Aus­bil­dung von 15.000 Saat­gut­händ­lern. Sowohl die Bill & Melin­da Gates-Stif­tung, Mit­in­itia­to­rin der AGRA, als auch die der deut­schen Bun­des­re­gie­rung unter­ste­hen­de Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) räu­men ein, dass im Zuge die­ses Struk­tur­wan­dels ein nicht näher defi­nier­ter (aber grö­ße­rer) Teil der afri­ka­ni­schen Klein­bau­ern­schaft sei­ne Lebens­grund­la­ge ver­lie­ren wird. Vor­zugs­wei­se wird das nicht offen aus­ge­spro­chen, son­dern mit Voka­beln wie „gewis­se Land­mo­bi­li­tät“ oder „lukra­ti­ve­re Jobs außer­halb der Land­wirt­schaft“ euphe­mis­tisch ver­brämt (z.B. Pinga­li 2012; Mel­chers 2014). Jay­ne u.a.(2014a) ver­wei­sen dar­auf, dass es im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka in abseh­ba­rer Zeit nicht mög­lich sein wird, die aus der Land­wirt­schaft ver­dräng­te Bevöl­ke­rung durch Arbeits­mög­lich­kei­ten im nicht-land­wirt­schaft­li­chen Bereich auf­zu­fan­gen. Im Gegen­teil, vie­le Stadt­be­woh­ner Afri­kas sind per­ma­nent oder zeit­wei­se auf die Land­wirt­schaft ange­wie­sen. So beschrei­ben Hich­aamb­wa u.a. (2009, zitiert bei Jay­ne u.a. 2014a), dass über die Hälf­te der Haus­hal­te in vier Städ­ten Sam­bi­as selbst Nah­rungs­mit­tel anbau­en, und zwar größ­ten­teils in länd­li­chen Gegen­den. Girs­ber­ger (2014) weist anhand ihrer Daten nach, dass die mög­li­chen Vor­tei­le bes­ser bezahl­ter Jobs in der Stadt oft­mals durch die Kos­ten der Migra­ti­on sowie durch höhe­re Lebens­hal­tungs­kos­ten und das Risi­ko einer Arbeits­lo­sig­keit „auf­ge­fres­sen“ wer­den, was ange­sichts zumeist feh­len­der oder aber völ­lig unzu­rei­chen­der sozia­ler Absi­che­rung (Potts 2013) nicht über­rascht. Potts (2013) und Beau­che­min und Boc­quier (2003) beschrei­ben „zir­ku­lä­re“ Migra­ti­on zwi­schen Land und Stadt als eine wesent­li­che Kom­po­nen­te der Über­le­bens­stra­te­gie für vie­le Men­schen im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka. Der Weg­fall der Mög­lich­keit, zur Fami­lie im länd­li­chen Bereich zurück zu keh­ren, dürf­te dra­ma­ti­sche Fol­gen haben (4).

Die frei­wil­li­ge FAO-Leit­li­nie ist ein Fort­schritt bezüg­lich der juris­ti­schen und admi­nis­tra­ti­ven Aspek­te der
Land­nut­zungs­rech­te mar­gi­na­li­sier­ter Bevöl­ke­rungs­grup­pen gegen­über aus­län­di­schen Inves­to­ren. In die­sen Leit­li­ni­en wur­de dar­auf ver­zich­tet, „expli­zit Par­tei zu neh­men im Streit zwi­schen Befür­wor­tern einer Klein­bau­ern­land­wirt­schaft einer­seits und jenen der soge­nann­ten indus­tri­el­len Inten­siv­land­wirt­schaft ande­rer­seits“ (v. Bern­storff 2012, S.27). Das ist unter dem Blick­win­kel der Errei­chung eines Kon­sens ver­ständ­lich. Zugleich ist dies jedoch ein wesent­li­cher Schwach­punkt der Leit­li­nie. Zuge­spitzt gesagt: Für die Betrof­fe­nen ist es uner­heb­lich, ob sie ihr Land auf­grund kor­rup­ter Ver­ga­be­prak­ti­ken ver­lie­ren oder ob sie „ganz legal“ in die Schul­den­fal­le einer Grü­nen Revo­lu­ti­on getrie­ben wer­den und des­halb ihr Land ver­lie­ren. Des­halb dür­fen die sozia­len Kon­se­quen­zen des von der Agrar­in­dus­trie und den Regie­run­gen des Nor­dens gemein­sam betrie­be­nen land­wirt­schaft­li­chen Struk­tur­wan­dels in Afri­ka nicht außer Acht gelas­sen wer­den.

6.
Auch klein­flä­chi­ge bzw. schritt­wei­se Ent­eig­nun­gen sind Land­grab­bing! Ein Bei­spiel: In einem Ver­trag zwi­schen der US-ame­ri­ka­ni­schen Mill­en­ni­um Chal­len­ge Cor­po­ra­ti­on (MCC), die sich als Insti­tu­ti­on der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit betrach­tet, und der Regie­rung von Mali wur­de ver­ein­bart, 22.000 Hekt­ar die zuvor als Wei­de­land genutzt wur­den zu bewäs­sern und zu pri­va­ti­sie­ren. Den dort leben­den Hir­ten­fa­mi­li­en wer­den zwei Hekt­ar Land ange­bo­ten, die sie als Sicher­heit ein­set­zen müs­sen, um mit einer 20-jäh­ri­gen Hypo­thek die ande­ren drei Hekt­ar kau­fen zu kön­nen – zu einem Hekt­ar­preis zwi­schen 5775 und 7700 US-Dol­lar. Außer­dem erwar­tet man von ihnen, dass sie die von der AGRA zur Ver­fü­gung gestell­ten Pake­te, bestehend aus Saat­gut und che­mi­schen Inputs, erwer­ben (Koop­man 2012). Mama­dou Goı­ta, ein pro­mi­nen­ter Füh­rer der west­afri­ka­ni­schen Bau­ern­fö­de­ra­ti­on, sagt vor­aus, dass etwa 90% der Hir­ten­fa­mi­li­en, die einen sol­chen Kre­dit auf­neh­men, in den Bank­rott gehen wer­den (Diouf, zitiert bei Koop­man 2012). Für die­sen bereits ein­ge­plan­ten Fall, sieht die zwei­te Pha­se des MCC-Pro­jekts vor, bewäs­ser­te Flä­chen von zehn bis 30 Hekt­ar an kom­mer­zi­el­le mali­sche Far­mer oder aus­län­di­sche Inves­to­ren zu ver­kau­fen.

7.
Afri­ka gilt als der Kon­ti­nent mit den größ­ten Reser­ven an unge­nutz­tem, für Acker­bau geeig­ne­tem Land. Die Schät­zun­gen, wie­viel Land in Afri­ka noch „frei“ ist, klaf­fen weit aus­ein­an­der, wobei die­se Varia­bi­li­tät weni­ger durch die Unge­nau­ig­keit des ver­füg­ba­ren Zah­len­ma­te­ri­als bedingt ist als durch die zugrun­de lie­gen­den Defi­ni­tio­nen von „ver­füg­bar“. Ob sich in Afri­ka ein Vor­rat von 200 oder 500 Mil­lio­nen Hekt­ar an „poten­zi­ell ver­füg­ba­rem Acker­land“ befin­den, hängt maß­geb­lich davon ab, wie der Begriff „unge­nutzt“ defi­niert wird und ob bewal­de­te Flä­chen mit ein­be­zo­gen wer­den (Jay­ne u.a. 2014a). Dass Land, wel­ches aus der Satel­li­ten­per­spek­ti­ve als unge­nutzt gilt, in der Rea­li­tät viel­fach genutzt wird, ist hin­läng­lich bekannt. Doch unab­hän­gig davon, ob es nun 200 oder 500 Mil­lio­nen Hekt­ar sind, bei Betrach­tung des gesam­ten Kon­ti­nents wird leicht über­se­hen, dass die afri­ka­ni­schen Land­vor­rä­te sehr ungleich­mä­ßig ver­teilt sind. Laut Jay­ne u.a. (2014a) kon­zen­trie­ren sich 88 % der als poten­zi­ell ver­füg­ba­res Acker­land betrach­te­ten Flä­chen auf acht Län­der, wobei die Flä­chen in vier von die­sen Län­dern – Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go, Repu­blik Kon­go, Gabun, Kame­run – (62,9 % bzw. 115 Mil­lio­nen ha) über­wie­gend dicht bewal­det sind. Aus die­ser Kon­stel­la­ti­on ergibt sich einer­seits eine noch stär­ke­re Flä­chen­kon­kur­renz zwi­schen Land­wirt­schaft und Natur­schutz (5). Zum ande­ren wird oft­mals ver­ges­sen, dass die Wäl­der Afri­kas (und ande­rer Kon­ti­nen­te) nicht men­schen­leer sind. Bereits in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ver­lo­ren Mil­lio­nen Men­schen durch die Ein­rich­tung von Schutz­ge­bie­ten ihre Lebens­grund­la­ge (vgl. Clausing 2013). Der Druck auf die loka­len Bevöl­ke­rungs­grup­pen erhöht sich zusätz­lich durch den im Namen des Kli­ma­schut­zes imple­men­tier­ten REDD+-Mechanismus. Ist für die­ses „Green Grab­bing“ (trotz ILO 169) nicht ein wei­te­res Paket an Leit­li­ni­en längst über­fäl­lig?

8.
Für Afri­ka wird zwi­schen 2015 und 2050 ein 50%-iges Wachs­tums der länd­li­chen Bevöl­ke­rung erwar­tet. Schon jetzt liegt die Betriebs­grö­ße vie­ler klein­bäu­er­li­cher Fami­li­en unter einem Hekt­ar. Dies ist ein dra­ma­ti­sches Sze­na­rio. Beklagt wer­den die von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on klei­ner wer­den­den Betriebs­grö­ßen (auf­grund der Auf­tei­lung des tra­di­tio­nel­len Besit­zes unter den Nach­kom­men). Dar­aus wird dann die Schluss­fol­ge­rung gezo­gen, dass die Fami­li­en­be­trie­be öko­no­misch nicht mehr lebens­fä­hig sind, was dann mit der Phi­lo­so­phie einer „gewis­sen Land­mo­bi­li­tät“ ver­knüpft wird, die man von die­sen Klein­bau­ern erwar­tet. Doch hier wird ein wei­te­res Mal ver­mie­den, eine „unan­tast­ba­re Gege­ben­heit“ zu the­ma­ti­sie­ren: In Mala­wi bewirt­schaf­tet heu­te eine klein­bäu­er­li­che Fami­lie im Durch­schnitt nur noch 3.300 Qua­drat­me­ter. Zugleich befin­det sich dort die Hälf­te der land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che in der Hand von weni­ger als einem Pro­zent der Bevöl­ke­rung (GRAIN 2010). In Kenia wuchs zwi­schen 1994 und 2006 der Anteil von Betrie­ben unter einem Hekt­ar von 45 auf 74%. Par­al­lel dazu hat sich die durch­schnitt­li­che Flä­che von Far­men mit über acht Hekt­ar mehr als ver­dop­pelt, näm­lich von13,2 auf 31,1 Hekt­ar (Jay­ne et al 2014b). In den FAO-Leit­li­ni­en ist der Mög­lich­keit von umver­tei­len­den Land­re­for­men ein kom­plet­tes Kapi­tel gewid­met (FAO 2012). Vom umstrit­te­nen Bei­spiel Zim­bab­we abge­se­hen, dürf­te in Afri­ka eine umver­tei­len­de Land­re­form in abseh­ba­rer Zeit jedoch fern der Rea­li­tät sein. Schon in der „alten“ Grü­nen Revo­lu­ti­on, die vor allem in Indi­en und Süd­ost­asi­en statt­fand, waren die Klein­bau­ern die Ver­lie­rer und die Mit­tel­bau­ern die Gewin­ner (vgl. Patel 2013). Dies wie­der­holt sich momen­tan in Afri­ka. Die ver­brämt geäu­ßer­ten Pro­gno­sen von Pinga­li (2013) und Mel­chers (2014) – sie­he Punkt 5 – sind teil­wei­se schon Rea­li­tät. In Gha­na, Kenia und Sam­bia, besit­zen die Mit­tel­bau­ern (Betriebs­grö­ße zwi­schen 5 und 100 Hekt­ar) inzwi­schen mehr Land als die in- und aus­län­di­schen Groß­grund­be­sit­zer zusam­men genom­men. In zwei die­ser Län­der (Gha­na und Sam­bia) kon­trol­lie­ren sie dar­über hin­aus mehr Land als in Sum­me die Klein­bau­ern (Jay­ne et al. 2014b). In Sam­bia und Kenia unter­such­ten die Auto­ren die Her­kunft die­ser Mit­tel­bau­ern und fan­den her­aus, dass in bei­den Län­dern rund 60% die­ser Land­be­sit­zer ihr Geld in Beschäf­ti­gun­gen außer­halb der Land­wirt­schaft (oft­mals in Regie­rungs­po­si­tio­nen) ver­dien­ten und nach dem Land­kauf wei­ter­hin in der Stadt wohn­ten. Zugleich ermit­telt die For­scher­grup­pe um T.S. Jay­ne eine „star­ke inver­se Bezie­hung zwi­schen der Grö­ße des Land­be­sit­zes und dem Anteil der kul­ti­vier­ten Flä­che“ (Jay­ne u.a. 2014a, S.10). So wur­den von den sam­bi­schen Eigen­tü­mern, die zwi­schen 20 und 100 Hekt­ar besa­ßen, nur wenig mehr als 10 Pro­zent die­ses Lan­des tat­säch­lich bewirt­schaf­tet. Die Pla­ner und För­de­rer des land­wirt­schaft­li­chen Struk­tur­wan­dels in Afri­ka müs­sen sich die Fra­ge gefal­len las­sen, wel­chen Bei­trag groß­flä­chi­ge­re Betrie­be zur Ernäh­rung die­ses Kon­ti­nents tat­säch­lich leis­ten, wenn sie nur einen Bruch­teil des Acker­lan­des bestel­len, über den sie ver­fü­gen?

9.
Fazit: Die frei­wil­li­gen Leit­li­ni­en der FAO sind gemes­sen an frü­he­ren Vor­schlä­gen (z.B. sei­tens der Welt­bank) ein Erfolg. Mit ihnen wird ange­strebt, Lan­dun­ge­rech­tig­kei­ten, die durch aus­län­di­sche Inves­to­ren ver­ur­sacht wer­den kön­nen ein­zu­gren­zen und es wird ver­sucht, die Regie­run­gen in den Län­dern des Südens dabei zu unter­stüt­zen, ihre „Land­wirt­schafts­po­li­tik so zu steu­ern, dass Men­schen­rech­te nicht ver­letzt wer­den und die ein­hei­mi­sche Land­be­völ­ke­rung nach­hal­tig von Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen pro­fi­tie­ren kann“ (von Bern­storff 2012, S.44). Im vor­lie­gen­den Papier wird gezeigt, dass sich die Land­grab­bing-Pro­ble­ma­tik nicht dar­in erschöpft, die Land­trans­ak­tio­nen aus­län­di­scher Agrar­in­ves­to­ren in geord­ne­te, men­schen­rechts­kom­pa­ti­ble Bah­nen zu len­ken. Ein wesent­li­cher Aspekt, der von den FAO-Leit­li­ni­en aus Kon­sens­grün­den aus­ge­blen­det wur­de, ist das Pro­blem eines land­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­mo­dells, das von Mil­li­ar­därs­stif­tun­gen und den Regie­run­gen der G7-Län­der geför­dert und gefor­dert wird. Die­ses Modell hat umfang­rei­che Land­um­ver­tei­lun­gen mit gra­vie­ren­den sozia­len Aus­wir­kun­gen zur Fol­ge. Ein wei­te­res Phä­no­men, das von den FAO-Leit­li­ni­en nicht erfasst wird, ist die Ein­rich­tung groß­flä­chi­ger Natur­schutz­ge­bie­te bzw. Wald­schutz­ge­bie­ten mit ent­spre­chen­den sozia­len Kon­se­quen­zen für die dort leben­den Men­schen. Dar­über hin­aus exis­tie­ren fort­ge­schrie­be­ne his­to­ri­sche Lan­dun­ge­rech­tig­kei­ten und es ent­ste­hen neue durch die Land­nah­me sei­tens natio­na­ler Eli­ten. Der Punkt „Umver­tei­len­de Land­re­for­men“ der FAO-Leit­li­ni­en berührt zwar die­sen Aspekt, aller­dings ohne prak­ti­sche Fol­gen. Wei­te­re Poli­tik­fel­der wur­den ein­gangs genannt, konn­ten aber im vor­lie­gen­den Papier nicht behan­delt wer­den. Die Pro­ble­ma­tik „Land­grab­bing“ ist also weit­aus kom­ple­xer und ihre Behand­lung lei­det unter der feh­len­den Kohä­renz natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Poli­tik­zie­le.

Anmer­kun­gen:
(1) Ange­la Mer­kel ver­wies mit Blick auf die Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se im Jahr 2008 dar­auf, dass in Indi­en inzwi­schen etwa rund 300 Mil­lio­nen Men­schen eine zwei­te Mahl­zeit am Tag ein­näh­men: „Wenn die plötz­lich dop­pelt so viel Nah­rungs­mit­tel ver­brau­chen als sie das frü­her gemacht haben und dann auch noch 100 Mil­lio­nen Chi­ne­sen begin­nen Milch zu trin­ken, dann ver­zer­ren sich natür­lich unse­re gesam­ten Milch­quo­ten und vie­les ande­re“. http://www.n-tv.de/politik/Merkel-findet-Erklaerung-article262206.html (Zugriff 4.10.2014).
(2) 20 % und mehr der in Indus­trie­län­dern pro­du­zier­ten Lebens­mit­tel lan­den im Müll (vgl. Kreutz­ber­ger und Thurn 2011, Hoering 2012)
(3) Vgl. Bun­des­tags­druck­sa­che 182978 v. 24.10.2014
(4) Ob ein Teil der huma­ni­tä­ren Kat­stro­phe, die sich schon seit gerau­mer Zeit im Mit­tel­meer abspielt, damit im Zusam­men­hang steht, kann im Moment nicht beant­wor­tet wer­den.
(5) Auf der Ver­trags­staa­ten­kon­fe­renz in Nago­ya im Herbst 2010 wur­den die so genann­ten Aichi-Tar­gets beschlos­sen, die besa­gen, dass wei­te­re fünf Pro­zent der Land­flä­che der Erde unter Schutz gestellt wer­den sol­len.

Quel­len
1. Beau­che­min, C. und Boc­quier, P. (2003): Migra­ti­on and urba­ni­za­ti­on in fran­co­pho­ne West Afri­ca. A review of the recent empi­ri­cal evi­dence. Working Docu­ment, Unité de Recher­che CIPRÉ, Uni­ver­sité de Mon­tréal, Cana­da.
2. Clausing, P. (2013): Die grü­ne Matrix. Natur­schutz und Welt­ernäh­rung am Schei­de­weg. Unrast, Müns­ter.
3. Dei­nin­ger, K. und Byer­lee, D. (2011): Rising glo­bal inte­rest in farm­land. Can it yield sustain­ab­le and equi­ta­ble bene­fits? World Bank, Washing­ton.
4. FAO (2012): Vol­un­ta­ry Gui­de­li­nes on the Respon­si­ble Gover­nan­ce of Ten­u­re of Land, Fishe­ries and Forests in the Con­text of Natio­nal Food Secu­ri­ty. Food and Agri­cul­tu­ral Orga­ni­za­ti­on, Rome.
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