Pri­va­te Stif­tun­gen – Speer­spit­ze der glo­ba­len Agrar­kon­zer­ne?

Von Peter Clausing

Die „neu­en Phil­an­thro­pen“, wie sich die Mil­li­ar­dä­re des 21. Jahr­hun­derts nen­nen, schaf­fen mit ihren Stif­tun­gen unter Umge­hung demo­kra­ti­scher Ent­schei­dungs­pro­zes­se die Vor­aus­set­zun­gen für die Aus­deh­nung der Märk­te trans­na­tio­na­ler Kon­zer­ne. Ver­brämt durch einen Dis­kurs der Armuts­be­kämp­fung, för­dern sie die Ent­ste­hung einer neu­en agra­ri­schen Mit­tel­schicht im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka, die aus­rei­chend zah­lungs­kräf­tig ist, um sich die Seg­nun­gen einer neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on leis­ten zu kön­nen. Man­gel an Demo­kra­tie ist eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung dafür. Zwar behaup­tet die Grü­ne Revo­lu­ti­on 2.0, dass sie die afri­ka­ni­schen Klein­bäue­rIn­nen aus der Armuts­fal­le zie­hen wol­le, doch gera­de die­se pro­fi­tie­ren nicht davon! Die eigent­li­chen Nutz­nie­ßer des neu­en land­wirt­schaft­li­chen Booms sind – wie Unter­su­chun­gen in Kenia und Sam­bia zei­gen – rei­che Städ­ter, in der Mehr­zahl Regie­rungs­an­ge­stell­te, die sich in die Land­wirt­schaft ein­kau­fen.

Das ers­te Anzei­chen für eine neue „Grü­ne Revo­lu­ti­on“ gab es 1997, als Gor­don Con­way, der kurz dar­auf zum Prä­si­den­ten der Rocke­fel­ler-Stif­tung ernannt wur­de, sein Buch „The Dou­bly Green Revo­lu­ti­on: Food for All in the Twen­ty-first Cen­tu­ry”, ver­öf­fent­lich­te (1). Aber erst 2006, neun Jah­re spä­ter, kam es zu einem Wen­de­punkt in der Welt­ernäh­rungs­po­li­tik und die neue Grü­ne Revo­lu­ti­on wur­de tat­säch­lich aus­ge­ru­fen. Im Juli ver­öf­fent­lich­te die Rocke­fel­ler-Stif­tung ein ent­spre­chen­des zwölf­sei­ti­ges Memo­ran­dum (2) und am 12. Sep­tem­ber 2006 kün­dig­ten die Rocke­fel­ler- und die Gates-Stif­tung gemein­sam die Grün­dung der AGRA für jenen Kon­ti­nent an, den die „alte“ Grü­ne Revo­lu­ti­on nicht erreicht hat­te. Pas­send dazu, wenn­gleich geo­gra­fisch weit ent­fernt, erfolg­te im Juni 2006 die Grund­stein­le­gung für den eben­falls von der Gates-Stif­tung mit­fi­nan­zier­ten glo­ba­len Saat­gut­tre­sor auf Spitz­ber­gen. Das ver­deut­licht ein­mal mehr wie umfas­send die­se Stif­tung mit dem The­ma Welt­ernäh­rung umgeht. Sie ist dar­über hin­aus an der Finan­zie­rung einer Rei­he von land­wirt­schaft­li­chen For­schungs­zen­tren und -pro­gram­men in den Län­dern des Südens betei­ligt. In Ugan­da finan­ziert sie zum Bei­spiel die Ent­wick­lung einer gen­tech­nisch ver­än­der­ten Bana­ne. Im Juni 2006 hat­te fer­ner die NEPAD, die Neue Part­ner­schaft für Afri­kas Ent­wick­lung, zu einem „Düng­er­gip­fel“ nach Nige­ria ein­ge­la­den, der vom „Inter­na­tio­nal Fer­ti­li­zer Deve­lop­ment Cen­ter“ orga­ni­siert wur­de, einer Lob­by-Orga­ni­sa­ti­on der Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie. Ein Jahr spä­ter reih­te sich die Welt­bank in den Chor der Rufer nach einer Wie­der­be­le­bung von Inves­ti­tio­nen in die glo­ba­le Land­wirt­schaft ein (3).

Der Preis­schock von 2008

All dies geschah vor 2008, dem Jahr, als die Welt­markt­prei­se für Lebens­mit­tel explo­dier­ten und in über vier­zig Län­dern so genann­te Brot­re­vol­ten aus­bra­chen. Das Bemer­kens­wer­te dar­an ist, dass die Prei­se stie­gen, obwohl die Welt­ern­te bei den wich­tigs­ten Grund­nah­rungs­mit­teln wie Reis, Wei­zen und Mais völ­lig nor­mal aus­fiel (sie­he Abbil­dung).

Erklä­rungs­ver­su­che für das Phä­no­men reich­ten vom Ver­weis auf Miss­ern­ten in Aus­tra­li­en, über den Agro­treib­stoff-Boom bis zu der deplat­zier­ten Bemer­kung der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel: Man dür­fe sich über die Preis­ex­plo­si­on nicht wun­dern, wenn plötz­lich die Inder täg­lich eine zwei­te Mahl­zeit ein­neh­men wür­den. Die Haupt­ur­sa­che für die plötz­li­che Ver­dopp­lung der Lebens­mit­tel­prei­se waren – so viel ist heu­te klar – die Spe­ku­la­tio­nen an den Roh­stoff­bör­sen. Zusätz­lich hat dies der Boom der Agro­treib­stof­fe infol­ge hoher Erd­öl­prei­se befeu­ert.

Abbil­dung: Welt­ern­te bei den wich­tigs­ten Kör­ner­früch­ten (Reis, Wei­zen, Mais) in den Jah­ren 2006-2009. Eine Miss­ern­te für das Jahr 2008 ist nicht erkenn­bar (Daten: FAOSTAT, http://faostat3.fao.org/faostat-gateway/go/to/download/FB/CL/E)
Welternte Reis_Weizen_Mais

Nach dem Brot­re­vol­ten-Schock beeil­te man sich, hoch­ran­gi­ge Gre­mi­en ein­zu­be­ru­fen und Initia­ti­ven mit hoch gesteck­ten Zie­len zu star­ten. Beson­ders her­vor­zu­he­ben ist die Schaf­fung der „High-Level-Task-Force“ im Juni 2008 (vgl. Tabel­le 1). Einen Monat spä­ter, im Juli 2008, tra­fen sich die Regie­rungs­chefs der G8-Län­der im ita­lie­ni­schen L’Aquila und star­te­ten die so genann­te „L’Aquila-Initiative für Ernäh­rungs­si­cher­heit“. Die­se ent­hält – abge­se­hen vom Feh­len jeg­li­chen Bezugs auf agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­sys­te­me – alle wich­ti­gen Schlag­wor­te, die man sich in die­sem Kon­text vor­stel­len kann: Pro­duk­ti­ons­stei­ge­rung, die Wich­tig­keit von Klein­bau­ern, Frau­en, Fami­li­en und Nach­hal­tig­keit. Eben­so ist von Inves­ti­tio­nen, „ver­bes­ser­ten“ Sor­ten, Dün­ge­mit­teln, Bewäs­se­rung, Bera­ter­diens­ten und vom pri­va­ten Sek­tor die Rede.

Tabel­le 1: Chro­no­lo­gie wich­ti­ger Ereig­nis­se Anfang des 21. Jahr­hun­derts

Chronologie

In ihrer Erklä­rung ver­spra­chen die G8-Staats­chefs, zur Bekämp­fung des Hun­gers 20 Mil­li­ar­den US-Dol­lar über einen Zeit­raum von drei Jah­ren zu mobi­li­sie­ren. Sie hoben die Schlüs­sel­rol­le der Betei­li­gung des pri­va­ten Sek­tors und der Zivil­ge­sell­schaft her­vor. Nur am Ran­de wird erwähnt, dass eine „wei­te­re Beob­ach­tung und Ana­ly­se“ von Fak­to­ren, die „mög­li­cher­wei­se“ Preis­schwan­kun­gen und Spe­ku­la­ti­on ver­ur­sa­chen, not­wen­dig sei (4). Spe­ku­la­tio­nen zu ver­hin­dern wur­de hin­ge­gen nicht zum Ziel erklärt. Sowohl die Dekla­ra­ti­on von L’Aquila als auch Doku­men­te, die sich auf sie bezie­hen, beto­nen, dass „lan­des­ei­ge­ne Pro­zes­se“ (coun­try-owned pro­ces­ses) bei der For­mu­lie­rung der künf­ti­gen Agrar­po­li­tik wich­tig sei­en.
Der 2008er Preis­schock bei den glo­ba­len Lebens­mit­tel­prei­sen hat­te also nichts mit einer plötz­li­chen mate­ri­el­len Ver­knap­pung zu tun, wur­de aber genutzt, um die agro­in­dus­tri­el­le Agen­da für Afri­ka, die zuvor schon von der Rocke­fel­ler- und Bill & Melin­da Gates-Stif­tung lan­ciert wor­den war, wei­ter vor­an zu brin­gen.

Maß­ge­schnei­der­te Pro­gram­me der pri­va­ten Stif­tun­gen

Die enge Ver­zah­nung die­ser mul­ti­na­tio­na­len Initia­ti­ven mit den Pro­gram­men der zwei pri­va­ten Stif­tun­gen (Rocke­fel­ler- und Bill & Melin­da Gates) Ent­fa­chung einer neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on ist augen­fäl­lig. Die Bera­tungs­diens­te und „lan­des­ei­ge­nen Pro­zes­se“ der afri­ka­ni­schen Staa­ten wer­den von der AGRA inten­siv beglei­tet: Die Stei­ge­rung der Erträ­ge durch „ver­bes­ser­te“ Sor­ten steht ganz oben auf der Agen­da. Dabei prä­sen­tiert sich die AGRA als zivil­ge­sell­schaft­li­cher Akteur, der die Ver­bin­dung zwi­schen staat­li­cher Unter­stüt­zung und Pri­vat­wirt­schaft her­stellt, eine Art Schar­nier für Public-Pri­va­te-Part­nerships. So wur­den von die­ser Alli­anz inzwi­schen 15.000 Agrar­händ­le­rIn­nen in 16 afri­ka­ni­schen Län­dern aus­ge­bil­det. Aus der Per­spek­ti­ve pri­va­ter Stif­tun­gen kann die­ses Heer von Saat­gut­ver­käu­fe­rIn­nen durch­aus als Teil der von der L’Aquila-Deklaration ein­ge­for­der­ten Bera­tungs­diens­te inter­pre­tiert wer­den. In der „frei­en“ Markt­wirt­schaft gehen schließ­lich Bera­tung und Ver­kauf Hand in Hand. Eine der ins­ge­samt vier Abtei­lun­gen der AGRA ist aus­schließ­lich für Poli­tik­be­ra­tung zustän­dig. Sie enga­giert sich bei den lan­des­ei­ge­nen Pro­zes­sen, zum Bei­spiel der „Unter­stüt­zung“ afri­ka­ni­scher Regie­run­gen bei der Ein­füh­rung von Bio­si­cher­heits­ge­set­zen und Dün­ge­mit­tel-Stra­te­gi­en. Bio­si­cher­heits­ge­set­ze, so soll­te man wis­sen, sind eine Vor­aus­set­zung zur Ein­füh­rung von Gen­tech­nik. Auch wenn sie bereits 2006 initi­iert wur­de, ist die AGRA mit ihren bis­lang aus­ge­ge­be­nen 400 Mil­lio­nen Dol­lar ent­schei­dend für die Umset­zung der L’Aquila-Initiative. Mit ande­ren Wor­ten: in L’Aquila wur­de eine auf die Rocke­fel­ler- und Gates-Stif­tung zuge­schnit­te­ne Erklä­rung abge­ge­ben.

Mitt­ler­wei­le haben sich zwi­schen der „alten“ und die­ser neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on so vie­le Par­al­le­len erge­ben, dass man­che Wis­sen­schaft­ler von einer ein­zi­gen lan­gen Grü­nen Revo­lu­ti­on spre­chen (5). Die Beto­nung von Pro­duk­ti­ons­stei­ge­run­gen als Lösungs­an­satz für die Besei­ti­gung von Hun­ger und Armut ist dabei nur eine der Kon­stan­ten. Gleich­zei­tig wird eine gerech­te Res­sour­cen­ver­tei­lung kaum in Betracht gezo­gen. Inter­ne Doku­men­te zeu­gen davon, dass die Rocke­fel­ler-Stif­tung schon seit den spä­ten 1940er Jah­ren von der Sor­ge geplagt war, dass ver­arm­te, hung­ri­ge Men­schen für kom­mu­nis­ti­sche Ide­en beson­ders emp­fäng­lich sein könn­ten (6). Dar­um wur­de die alte Grü­ne Revo­lu­ti­on glo­bal als Gegen­pro­gramm zu den „Roten Revo­lu­tio­nen“ pro­pa­giert (7). Am deut­lichs­ten war dies zu erken­nen, als die­se Grü­ne Revo­lu­ti­on auf den Phil­ip­pi­nen ein­ge­führt wur­de. Die zu jener Zeit star­ke kom­mu­nis­ti­sche Par­tei hat­te die Fra­ge einer umver­tei­len­den Land­re­form auf die Tages­ord­nung gesetzt. Dadurch waren die Inter­es­sen der phil­ip­pi­ni­schen Groß­grund­be­sit­zer und ihrer ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­part­ner bedroht. Um vom The­ma Res­sour­cen­ge­rech­tig­keit abzu­len­ken, kom­bi­nier­ten die ame­ri­ka­ni­sche und phil­ip­pi­ni­sche Regie­rung ihre grü­ne Revo­lu­ti­ons­rhe­to­rik mit einer schnel­len Ver­brei­tung von Hoch­er­trags­sor­ten und lie­ßen die herr­schen­de länd­li­che Ord­nung unan­ge­tas­tet (8).

Die­sel­be Rocke­fel­ler-Stif­tung und ihre Ver­bün­de­ten, die 2006 mit der Ein­füh­rung einer Grü­nen Revo­lu­ti­on in Afri­ka began­nen, grif­fen nach den Brot­re­vol­ten von 2008 den Dis­kurs der Pro­duk­ti­ons­stei­ge­run­gen wie­der auf. So ver­knüpf­te Andrew Nat­si­os, bis 2006 Chef der U.S.- Ent­wick­lungs­be­hör­de USAID und gern gese­he­ner Red­ner bei den Mil­li­ar­därs­stif­tun­gen (9), sei­ne Sor­gen über künf­ti­ge Brot­re­vol­ten mit der For­de­rung, die Pro­duk­ti­on in Afri­ka mit Hil­fe von Grü­ner Revo­lu­ti­on und gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen zu stei­gern (10). Ein Schelm, wer in den Bemü­hun­gen um eine neue Grü­ne Revo­lu­ti­on, die sich in zeit­li­cher Nähe zu den 2008er Brot­re­vol­ten ent­fal­te­te und von der­sel­ben Rocke­fel­ler-Stif­tung mit initi­iert wur­de, Par­al­le­len zu den 1960er Jah­ren zu ent­de­cken glaubt. Ein wei­te­res Mal blieb das The­ma der Schaf­fung sozia­ler Gerech­tig­keit außen vor.

Pro­duk­ti­ons­stei­ge­run­gen statt Gerech­tig­keit

Schon wäh­rend der „alten“ Grü­nen Revo­lu­ti­on argu­men­tier­ten die Eli­ten, dass der Grund für länd­li­che Armut nicht die unge­rech­te Ver­tei­lung von Land und Res­sour­cen sei, son­dern die nied­ri­gen Erträ­gen der klein­bäu­er­li­chen Pro­duk­ti­on – ein Dis­kurs, der heu­te wie­der auf­lebt. Ent­schei­dend für die Aus­brei­tung der Grü­ne Revo­lu­ti­on in Asi­en im 20. Jahr­hun­dert war eine anhal­ten­de Finan­zie­rung des Agrar­sek­tors durch inter­na­tio­na­le Geld­ge­ber und Regie­run­gen. Sub­ven­tio­nen mach­ten teu­re Inputs wie Hybrid­saat­gut und Dün­ge­mit­tel eini­ger­ma­ßen erschwing­lich. Garan­tier­te Auf­kauf­prei­se waren weit ver­brei­tet und min­der­ten das Risi­ko bei der Rück­zah­lung von Kre­di­ten. Aber begin­nend in den 1970er Jah­ren, stan­den Kre­di­te und Hilfs­gel­der immer weni­ger zur Ver­fü­gung. Das mag zum Teil am Ver­schwin­den der aku­ten Gefahr „Roter Revo­lu­tio­nen“ gele­gen haben. Vor allem aber lag es dar­an, dass der Welt­bank und den ande­ren Insti­tu­tio­nen das Geld aus­ging. Gro­ße Men­gen an Hilfs­gel­dern und Kre­di­ten waren auf den Bank­kon­ten kor­rup­ter Poli­ti­ker gelan­det. Die land­wirt­schaft­li­chen För­der­pro­gram­me wur­den ein­ge­stellt.

Für die Grü­ne Revo­lu­ti­on des 21. Jahr­hun­derts ste­hen erneut Mit­tel inter­na­tio­na­ler Geld­ge­ber zur Ver­fü­gung, aller­dings für ande­re Zwe­cke. Wäh­rend kein Geld für die Sub­ven­ti­on von Inputs und für garan­tier­te Auf­kauf­prei­se vor­ge­se­hen sind – schließ­lich will man „Markt­ver­zer­run­gen“ ver­mei­den – ste­hen Mit­tel zum Schutz geis­ti­ger Eigen­tums­rech­te und zur Poli­tik­be­ra­tung zwecks „Ver­schlan­kung“ der Staa­ten reich­lich zur Ver­fü­gung (11). Die Prot­ago­nis­ten der neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on legen gro­ßen Wert auf eine Betei­li­gung pri­va­ter Inves­to­ren. Die mäch­tigs­ten Akteu­re die­ses Sek­tors sind Kon­zer­ne wie Syn­gen­ta, Mon­s­an­to, Carg­ill und DuPont, die im Jahr 2012 offi­zi­ell als „Part­ner des pri­va­ten Sek­tors“ der „Neu­en Alli­anz für Ernäh­rungs­si­cher­heit“ der G8-Län­der ernannt wur­den. Dem Gre­mi­um gehör­ten die USA, das Ver­ei­nig­te König­reich, Kana­da, Japan, Frank­reich, Deutsch­land, Ita­li­en, sowie Russ­land an.

Die Ein­bin­dung des pri­va­ten Sek­tors geht mit der Vor­be­rei­tung der afri­ka­ni­schen Län­der auf den Ein­satz gen­tech­nisch ver­än­der­ter Sor­ten ein­her. Dabei übt sich die AGRA in einer viel­sa­gen­den Nicht­be­ant­wor­tung der selbst gestell­ten Fra­ge, wie sie es mit der Gen­tech­nik hält . Die Fra­ge “Unter­stützt die AGRA Gen­tech­nik in Afri­ka?“, die sich mit einem ein­fa­chen „Ja“ oder „Nein“ beant­wor­ten lie­ße, wird so beant­wor­tet: „Die AGRA inves­tiert in kon­ven­tio­nel­le, von Far­me­rIn­nen kon­trol­lier­te Zucht, um ihnen den Zugang zu hoch­wer­ti­gem Saat­gut zu erschwing­li­chen Prei­sen zu ermög­li­chen“. Die AGRA befin­det sich dabei offen­sicht­lich in einem Dilem­ma. Einer­seits will sie sich bei die­sem The­ma gegen­über den afri­ka­ni­schen Län­dern wohl nicht zu weit aus dem Fens­ter leh­nen. Ande­rer­seits hat sie nach­weis­lich enge Bezie­hun­gen zur Gen­tech­nik-Indus­trie und spielt selbst eine akti­ve Rol­le bei der Ein­füh­rung von natio­na­len Bio­si­cher­heits­ge­set­zen. Es gibt nicht nur eine „extrem enge Per­so­nal­ver­flech­tung zwi­schen den obe­ren Lei­tungs­ebe­nen von AGRA, Mon­s­an­to und Syn­gen­ta“ (12), son­dern die Gates-Stif­tung hält bzw. hielt laut Wall Street Jour­nal auch 500.000 Mon­s­an­to-Akti­en, was 2010 einem Wert von etwa 25 Mil­lio­nen Dol­lar ent­sprach (13). Alles in allem ist die Ver­schleie­rung der Moti­ve der Agrar­in­dus­trie mit einem Dis­kurs über die Bekämp­fung des glo­ba­len Hun­gers sehr faden­schei­nig.

(K)eine Grü­ne Revo­lu­ti­on in Afri­ka

Die Prot­ago­nis­ten der „alten“ Grü­ne Revo­lu­ti­on führ­ten vor allem zwei Argu­men­te an, war­um die­se auch Klein­bäue­rIn­nen zu Gute kom­men wür­de: Ers­tens seie die Grü­ne Revo­lu­ti­on „ska­len­neu­tral“ und zwei­tens hät­ten die Bäue­rInn­nen die Vor­tei­le der Grü­nen Revo­lu­ti­on selbst erkannt und hät­ten sie des­halb frei­wil­lig ange­nom­men (14).

Mit Ska­len­neu­tra­li­tät ist gemeint, dass sich die Seg­nun­gen der Grü­nen Revo­lu­ti­on unab­hän­gig von der Grö­ße der Acker­flä­che ent­fal­ten, so dass sie folg­lich Klein­bäue­rIn­nen und Groß­grund­be­sit­zern glei­cher­ma­ßen zu Gute kämen. Doch Ska­len­neu­tra­li­tät ist nicht mit Res­sour­cen­neu­tra­li­tät gleich­zu­set­zen. Die Tech­no­lo­gie der Grü­nen Revo­lu­ti­on ist nicht teil­bar. Sie kommt als Paket, das aus Saat­gut und syn­the­ti­schem Dün­ger besteht und in den meis­ten Fäl­len künst­li­che Bewäs­se­rung und Pes­ti­zi­de benö­tigt. Rei­che Bäue­rIn­nen ris­kie­ren aber deut­lich weni­ger als Klein­bäue­rIn­nen, wenn sie Hoch­leis­tungs­sor­ten kau­fen und ein­set­zen: Sie kön­nen neben dem Saat­gut auch die not­wen­di­gen Inputs für die Hoch­leis­tungs­sor­ten erwer­ben. Sie erhal­ten Kre­di­te zu güns­ti­ge­ren Bedin­gun­gen und haben es leich­ter, Bera­tungs­diens­te in Anspruch zu neh­men. Außer­dem ist all­ge­mein bekannt, dass sich in wei­ten Tei­len der Welt die rei­chen Far­me­rIn­nen in einem his­to­ri­schen Ver­drän­gungs­pro­zess die Län­de­rei­en mit den bes­se­ren Böden aneig­ne­ten, also Böden, auf denen Hoch­leis­tungs­sor­ten ihr Poten­zi­al bes­ser ent­fal­ten kön­nen, wäh­rend sich die Klein­bäue­rIn­nen häu­fig mit mar­gi­na­len Böden her­um­schla­gen müs­sen.

Im zwei­ten Argu­ment wird gel­tend gemacht, dass die Klein­bäue­rIn­nen sich frei­wil­lig ent­schie­den hät­ten, die Vor­tei­le der Grü­nen Revo­lu­ti­on in Anspruch zu neh­men. Sie hät­ten ratio­nal gehan­delt, weil sie deren Vor­tei­le erkann­ten. Doch es ist leicht nach­weis­bar, dass die klein­bäu­er­li­che Akzep­tanz stark an die Ver­füg­bar­keit bil­li­ger Kre­di­te und ande­rer staat­li­cher Sub­ven­tio­nen gekop­pelt war. Eine nahe­zu gra­tis ange­bo­te­ne Unter­stüt­zung anzu­neh­men, ist sehr ratio­nal, hat aber wenig mit den Vor­tei­len einer Grü­nen Revo­lu­ti­on zu tun. Als die­se in den 1970erJahren Afri­ka errei­chen soll­te, hat­te der dama­li­ge Welt­bank­prä­si­dent Robert McNa­ma­ra wegen der Ver­schul­dung der Regie­run­gen des glo­ba­len Südens bereits stren­ge Spar­pro­gram­me ver­ord­net. Die Paket­lö­sun­gen der Agrar­in­dus­trie wur­den des­we­gen nicht mehr sub­ven­tio­niert, was erklärt, war­um die Grü­ne Revo­lu­ti­on bei den eben­so ratio­nal han­deln­den afri­ka­ni­schen Klein­bau­ern nicht auf Gegen­lie­be stieß.

Prab­hu Pinga­li, Mit­ar­bei­ter der Gates-Stif­tung, iden­ti­fi­zier­te Grün­de für das Schei­tern der „alten“ Grü­nen Revo­lu­ti­on in Afri­ka. Feh­len­de Sub­ven­tio­nen, um armen Bäue­rIn­nen den Kauf von Inputs zu ermög­li­chen und ihnen den Ver­kauf der Ern­te zu garan­tie­ren, schei­nen nicht in sein Kon­zept zu pas­sen. Statt­des­sen ver­or­te­te er eine zu gerin­ge Bevöl­ke­rungs­dich­te und eine zu gerin­ge Abhän­gig­keit der afri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung von den drei wich­tigs­ten Acker­früch­ten (Wei­zen, Reis und Mais) als Ursa­chen für das Ste­cken­blei­ben der Grü­ne Revo­lu­ti­on. Wegen der gerin­gen Bevöl­ke­rungs­dich­te sei­en die Boden­prei­se in Afri­ka zu nied­rig gewe­sen und die Land­wir­te hät­ten kei­nen Anreiz für die Inten­si­vie­rung gehabt. Hier wäre es inter­es­sant zu erfah­ren, war­um Argen­ti­ni­en, Para­gu­ay und Bra­si­li­en – Län­der mit weni­ger als 25 Ein­woh­nern pro Qua­drat­ki­lo­me­ter – nicht eben­falls von der Grü­ne Revo­lu­ti­on ver­schont geblie­ben sind. Auch die zu gerin­ge Abhän­gig­keit afri­ka­ni­scher Län­der von den wich­tigs­ten Acker­früch­ten darf in Fra­ge gestellt wer­den, wobei sol­che Abhän­gig­kei­ten ohne­hin nicht wün­schens­wert sein dürf­te. In Län­dern wie Mala­wi, Sam­bia und Tan­sa­nia deckt Mais seit lan­gem die Kalo­ri­en­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung zu 50 Pro­zent und mehr ab. Da scheint das Argu­ment, die Grü­ne Revo­lu­ti­on hät­te in Afri­ka wegen der unge­nü­gen­den Ver­brei­tung von Mais (bzw. von Reis und Wei­zen) nicht Fuß fas­sen kön­nen, doch sehr bemüht. Aber nun, mit der „Grü­nen Revo­lu­ti­on 2.0“, wie Pinga­li sie nennt, soll es gelin­gen. Sei­ne Publi­ka­ti­on (15) in den renom­mier­ten Pro­cee­dings der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der USA (PNAS) ent­hält übri­gens eine inter­es­san­te Fuß­no­te zu den mög­li­chen Inter­es­sen­kon­flik­ten des Autors: „Alle vor­ge­schla­ge­nen Gut­ach­ter (für das Manu­skript) waren Emp­fän­ger von Mit­teln der Gates-Stif­tung. Es ist schwie­rig, Gut­ach­ter zu fin­den, die nicht von der Gates-Stif­tung finan­ziert wer­den“, heißt es dort.

Das Fun­da­ment der alten Grü­nen Revo­lu­ti­on war die Sub­ven­tio­nie­rung von Saat­gut und syn­the­ti­schem Dün­ger. Die mit Mit­teln aus Mil­li­ar­därs­stif­tun­gen initi­ier­te „Grü­ne Revo­lu­ti­on 2.0“ kann auf eine sol­che Sub­ven­tio­nie­rung nicht zurück­grei­fen. Sie muss ihre finan­zi­el­le Basis – wie nach­ste­hend beschrie­ben – auf ande­re Wei­se abde­cken.

Grü­ne Revo­lu­ti­on 2.0 – Risi­ken und Neben­wir­kun­gen

Pinga­li begrün­det, dass die Zeit für eine neue Grü­ne Revo­lu­ti­on reif sei – wegen der gestie­ge­nen Lebens­mit­tel­prei­se. Die­se sind sei­ner Mei­nung nach nicht etwa wegen der Spe­ku­la­ti­on mit land­wirt­schaft­li­chen Roh­stof­fen gestie­gen, son­dern auf­grund des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums und des stei­gen­den Fleisch­kon­sums der Mit­tel­schich­ten in eini­gen Län­dern. Des­halb sei eine wei­te­re Inten­si­vie­rung der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on unum­gäng­lich, „wodurch es für länd­li­che Arbeits­kräf­te mög­lich wird, den Bereich der Land­wirt­schaft zu ver­las­sen und sich ande­re, lukra­ti­ve­re Erwerbs­mög­lich­kei­ten zu suchen“ (16). Eine ähn­lich beschö­ni­gen­de Beschrei­bung für die de-fac­to-Ver­trei­bung eines Teils der länd­li­chen Bevöl­ke­rung ist auch in inter­nen Doku­men­ten der Gates-Stif­tung zu fin­den, wo von der Not­wen­dig­keit einer höhe­ren Land­mo­bi­li­tät und einem gerin­gen Anteil in der Land­wirt­schaft Beschäf­tig­ter die Rede ist (17). Ziel der Inten­si­vie­rung, wie sie von den Public-Pri­va­te-Part­nerships, bestehend aus Stif­tun­gen, staat­li­chen Akteu­ren und Unter­neh­men, betrie­ben wird, ist die Erhö­hung der glo­ba­len Wett­be­werbs­fä­hig­keit der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft. Doch die­se Wett­be­werbs­fä­hig­keit hat einen enor­men Preis, wie Jen­ni­fer Bair in ihrer viel­zi­tier­ten Arbeit betont. Denn trans­na­tio­na­le Unter­neh­men sei­en nur dann erfolg­reich, wenn sie ihren Arbei­te­rIn­nen höhe­re Löh­ne, siche­re­re Jobs und bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen vor­ent­hal­ten (18)! Auf der AGRA-Web­site ist der Ein­be­zug der afri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft in die Welt­märk­te omni­prä­sent. Aber selbst jener Teil der Bau­ern­schaft, der dies schaf­fen könn­te, befin­det sich dann immer noch am unte­ren Ende der Wert­schöp­fungs­ket­ten. Ein wesent­li­ches Merk­mal die­ser ver­ti­kal inte­grier­ter Ket­ten ist, dass der Wert am unte­ren Ende – auf den afri­ka­ni­schen Fel­der – geschaf­fen aber wei­ter oben abge­schöpft wird. Das Gere­de über Wert­schöp­fungs­ket­ten ver­schlei­ert den wah­ren Wert der Arbeit der Men­schen, die in der Land­wirt­schaft arbei­ten (19).

Was aber erwar­tet jene ande­re Tei­le der afri­ka­ni­schen Land­be­völ­ke­rung, denen der Sprung auf die Welt­märk­te ver­sagt bleibt? Bekom­men sie wirk­lich die Chan­ce auf lukra­ti­ve­re Erwerbs­mög­lich­kei­ten in den Städ­ten? Nein, häu­fig stellt das Leben in den Slums der Städ­te nicht die bes­se­re Alter­na­ti­ve zum bäu­er­li­chen Leben dar. In Afri­ka liegt die „Lukra­ti­vi­täts­schwel­le“ bei zwei Dol­lar pro Tag, so der indi­sche For­scher Zeyaur Khan, der an einem Insti­tut in Nai­ro­bi agrar­öko­lo­gi­sche Metho­den für Klein­bäue­rIn­nen ent­wi­ckelt. „Wenn ein Bau­er auf sei­nem Hof mehr als zwei Dol­lar pro Tag ver­die­nen kann, was dem ent­spricht, was er durch­schnitt­lich in der Stadt ver­die­nen wür­de, dann bleibt er auf dem Land.“ Wenn sich die Lebens­mit­tel­prei­se in den Städ­ten erhö­hen, dürf­te die wirt­schaft­li­che Moti­va­ti­on für einen Weg­zug in die Stadt ent­spre­chend sin­ken. Das könn­te erklä­ren, war­um Debo­rah Potts für aus­ge­wähl­te afri­ka­ni­sche Län­der für 2010 einen deut­lich gerin­ge­ren Urba­ni­sie­rungs­grad im Ver­gleich zu 2001 ermit­tel­te (sie­he Tabel­le 2) (20). Auch wenn sie es in ihrer Arbeit nicht expli­zit for­mu­liert, ist der Gedan­ke nahe­lie­gend, eine Ursa­che für die­se Ent­wick­lung in der Explo­si­on der Lebens­mit­tel­prei­se ab 2007 zu suchen.

Tabel­le 2: Redu­zie­rung des Urba­ni­sie­rungs­gra­des in aus­ge­wähl­ten afri­ka­ni­schen
Län­dern; Daten von Potts (2012)

Urbanisierung

Jona­than Crush beklagt die tief­grei­fen­de Ent­kopp­lung der The­men Migra­ti­on und Ernäh­rungs­si­cher­heit, obwohl die­se sehr viel mit­ein­an­der zu tun haben. Eine sys­te­ma­ti­sche Beleuch­tung die­ses Zusam­men­hangs feh­le nahe­zu voll­stän­dig (21). Eine ent­schei­den­de Erkennt­nis aus den weni­gen zu die­sem The­ma vor­han­de­nen Stu­di­en ist laut Crush, dass es spe­zi­ell in Afri­ka eine schar­fe Tren­nung von länd­li­cher und städ­ti­scher Bevöl­ke­rung sel­ten gibt. Viel­mehr gibt es oft eine „kreis­för­mi­ge“ Migra­ti­on zwi­schen die­sen bei­den Lebens­be­rei­chen. In Zei­ten guter Ver­dienst­mög­lich­kei­ten wan­dern Tei­le der Fami­li­en in die Stadt ab. Sie unter­stüt­zen den auf dem Land leben­den Rest mit Geld­sen­dun­gen. In Zei­ten hoher Lebens­mit­tel­prei­se fin­det eine Rück­mi­gra­ti­on statt.

Die Ein­füh­rung einer inten­si­vier­ten Land­wirt­schaft im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka bedeu­tet für einen Teil der länd­li­chen Bevöl­ke­rung den Ver­lust der Lebens­grund­la­ge. Es ist bemer­kens­wert (ist viel­leicht neu­tra­ler als „bezeich­nend“, aber mit „unver­ständ­lich“ bin ich nicht ein­ver­stan­den, denn es ist m.E. völ­lig ver­ständ­lich, dass sich Insti­tu­tio­nen, die den Auf­bau von Wert­schöp­fungs­ket­ten zum Ziel haben, sich nicht bzw. kaum für sozia­le Pro­ble­me inter­es­sie­ren) dass AGRA und die Gates-Stif­tung sich für die kon­kre­ten sozia­len Fol­gen die­ser Ent­wick­lung nicht inter­es­sie­ren. Es ist zu erwar­ten, dass die mit der Grü­nen Revo­lu­ti­on 2.0 ver­bun­de­ne Trans­for­ma­ti­on des länd­li­chen Rau­mes den oben beschrie­be­nen Migra­ti­ons­kreis­lauf zwi­schen Stadt und Land zer­rei­ßen wird. Es kann also erwar­tet wer­den, dass sich in den nächs­ten Jah­ren das Phä­no­men ver­stärkt, auf das Debo­rah Potts hin­ge­wie­sen hat: schon heu­te machen sich Migran­tIn­nen, die den länd­li­chen Raum ver­las­sen, nicht sel­ten unmit­tel­bar auf den Weg (das „unmit­tel­bar“ [als Ersatz für „direk­ten Weges“] bit­te drin behal­ten – es steht so in der zitier­ten Publi­ka­ti­on und ich hal­te das für wich­tig) Rich­tung Euro­pa (27). Eine Ver­bin­dung zu der Flücht­lings­ka­ta­stro­phe, die sich vor unse­ren Augen im Mit­tel­meer abspielt, liegt auf der Hand. Die Kon­zen­tra­ti­on des Land­ei­gen­tums durch das Auf­kau­fen des Bodens durch Staa­ten und mul­ti­na­tio­na­le Unter­neh­men ver­stärkt die­se Ten­denz.

Schluss­be­trach­tung: „Wohl­tä­ter“ und ihre Moti­ve

Im Okto­ber 2010 unter­schrie­ben 40 U.S.-Milliardäre (mei­ne latein­ame­ri­ka­ni­schen Freun­de sind immer empört, wenn „ame­ri­ka­nisch“ gesagt und still­schwei­gend „U.S.“ unter­stellt wird. Wenn „U.S.-amerikanisch“ zu sper­rig ist, dann bit­te ein­fach nur „U.S.“ ver­wen­den) eine Selbst­ver­pflich­tung, die Hälf­te ihres Ver­mö­gens an Stif­tun­gen zu über­ge­ben. Die Gates-Fami­lie gehört zu den sicht­bars­ten die­ser so genann­ten „neu­en Phil­an­thro­pen“. Die Moti­ve für die­sen Akt der Wohl­tä­tig­keit sind sicher dif­fe­ren­zier­ter als man­che Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker ver­mu­ten, die im Wir­ken der Rocke­fel­lers und der Gates‘ die jahr­zehn­te­lan­ge Ver­fol­gung eines Plans zur Erlan­gung der Welt­herr­schaft mit­tels Kon­trol­le der Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on sehen. Doch das Motiv, dies alles gesche­he nur „aus Steu­er­grün­den“, greift eben­falls zu kurz. Behrooz Mor­vari­di hin­ge­gen offe­riert eine facet­ten­rei­che, über­zeu­gen­de Inter­pre­ta­ti­on der Beweg­grün­de die­ser Super­rei­chen (23). Steu­er­ein­spa­rung und die Schaf­fung eines „guten Images“ spie­len durch­aus eine Rol­le. Der ent­schei­den­de Punkt ist jedoch die Stär­kung kapi­ta­lis­ti­scher Hege­mo­nie im Gramsci‘schen Sin­ne. Die­ser kom­ple­xe Pro­zess basiert auf einer sehr ein­fa­chen Logik: Wer genü­gend Reich­tum ange­häuft hat, kann es sich leis­ten, sei­nen Reich­tum nicht nur für die Erzeu­gung von noch mehr Reich­tum ein­zu­set­zen, son­dern auch für die Pfle­ge des all­ge­mei­nen Sys­tems zur per­sön­li­chen Berei­che­rung. Die Beein­flus­sung der öffent­li­chen Mei­nung zur Schaf­fung einer dau­er­haf­ten Akzep­tanz markt­kon­for­mer kapi­ta­lis­ti­scher Ent­wick­lung ist dabei die wesent­li­che Kom­po­nen­te. Das geschieht unter ande­rem durch das Anspre­chen unüber­seh­ba­rer Phä­no­me­ne, wie Hun­ger und Armut, bei gleich­zei­ti­ger Ablen­kung von ihren Ursa­chen. Dies zieht sich als roter Faden durch die Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten der alten und der neu­en Phil­an­thro­pen. Die Erken­nung gesell­schaft­li­cher Zustän­de, die per­sön­li­che Berei­che­rung und dadurch phil­an­thro­pi­sches Han­deln über­haupt erst ermög­li­chen, wird durch das Ange­bot tech­no­lo­gi­scher Lösun­gen ver­hin­dert, wobei deren Ein­füh­rung, ver­bun­den mit dem unhalt­ba­ren Ver­spre­chen der Armuts­be­sei­ti­gung, zugleich neue Märk­te erschließt.

Man­gel an Demo­kra­tie ist eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung dafür, dass die super­rei­chen Phil­an­thro­pen ihre poli­ti­schen Zie­le errei­chen. Die mexi­ka­ni­sche Regie­rung war sich schon bei der alten Grü­nen Revo­lu­ti­on im Unkla­ren, was die Rocke­fel­ler-Stif­tung in ihrem Land eigent­lich vor­hat­te (29). Die Grü­ne Revo­lu­ti­on als Gegen­stra­te­gie zu radi­ka­len Land­re­for­men auf den Phil­ip­pi­nen und in ande­ren Län­dern zeig­te erneut das ihr zugrun­de lie­gen­de (feh­len­de) Demo­kra­tie­ver­ständ­nis. Zwar behaup­tet die Grü­ne Revo­lu­ti­on 2.0, dass sie die afri­ka­ni­schen Klein­bäue­rIn­nen aus der Armuts­fal­le zie­hen wol­le, doch gera­de die­se pro­fi­tie­ren nicht davon! Die eigent­li­chen Nutz­nie­ßer des neu­en land­wirt­schaft­li­chen Booms sind – wie gründ­li­che Unter­su­chun­gen in Kenia und Sam­bia zei­gen – rei­che Städ­ter, in der Mehr­zahl Regie­rungs­an­ge­stell­te, die sich in die Land­wirt­schaft ein­kau­fen (25).

Die „neu­en Phil­an­thro­pen“, wie sich die Mil­li­ar­dä­re des 21. Jahr­hun­derts nen­nen, schaf­fen mit ihren Stif­tun­gen unter Umge­hung demo­kra­ti­scher Ent­schei­dungs­pro­zes­se die Vor­aus­set­zun­gen für die Aus­deh­nung der Märk­te trans­na­tio­na­ler Kon­zer­ne. Ver­brämt durch einen Dis­kurs der Armuts­be­kämp­fung, för­dern sie die Ent­ste­hung einer neu­en agra­ri­schen Mit­tel­schicht im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka, die aus­rei­chend zah­lungs­kräf­tig ist, um sich die Seg­nun­gen einer neu­en Grü­nen Revo­lu­ti­on leis­ten zu kön­nen. Die Ver­mu­tung liegt nahe, dass zumin­dest ein Teil die­ser Mit­tel­schicht sei­ne Finanz­kraft aus der ver­brei­te­ten Kor­rup­ti­on geschöpft haben dürf­te. So schaf­fen die AGRA und die auf ihre fußen­den mul­ti­na­tio­na­len Initia­ti­ven letzt­end­lich ein afri­ka­ni­sches Sub­sys­tem zur Stär­kung des all­ge­mei­nen Sys­tems der Berei­che­rung.

Quel­len und Anmer­kun­gen

    1.

Con­way, Gor­don (1997): The Dou­bly Green Revo­lu­ti­on: Food for All in the Twen­ty-first Cen­tu­ry. Lon­don, New York: Pen­gu­in Books.

    2.

Rocke­fel­ler Foun­da­ti­on (2006): Africa’s Turn: A New Green Revo­lu­ti­on for the 21st Cen­tu­ry.

    3.

World Bank (2007): Agri­cul­tu­re for Deve­lop­ment. World Deve­lop­ment Report 2008.

    4.

„L’Aquila“ Joint State­ment on Glo­bal Food Secu­ri­ty v. 10.7.2009.

    5.

Raj Patel (2013): The long Green Revo­lu­ti­on. Jour­nal of Peasant Stu­dies 40: S. 1-63.

    6.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 11.

    7.

Wil­liam Gaud, damals Chef der US-„Entwicklungshilfe“-Behörde USAID, hob die­se Stra­te­gie in einer Rede am 8.3.1968 her­vor.

    8.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 15.

    9.

Zum Bei­spiel auf dem Glo­bal Phil­an­thro­py Forum 2006.

    10.

Andrew Nat­si­os und Kel­ly Doley (2009): The com­ing food coups. The Washing­ton Quar­ter­ly 32: S. 7-25.

    11.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 34.

    12.

Jean­ne Koop­man (2012): Will Africa’s Green Revo­lu­ti­on squee­ze Afri­can fami­ly far­mers to death? Les­sons from small-sca­le high-cost rice pro­duc­tion in the Sene­gal River Val­ley­Re­view of Afri­can Poli­ti­cal Eco­no­my 39: S. 501.

    13.

James B. Ste­wart (2010): Some­ti­mes smo­ke is just smo­ke. Wall Street Jour­nal, 16. 10. 2010.

    14.

Raj Patel (2013), a.a.O., S. 19.

    15.

Prab­hu Pinga­li (2012): Green Revo­lu­ti­on: Impacts, limits, and the path ahead. PNAS 109: 12302-12308.

    16.

Prab­hu Pinga­li (2012), a.a.O., S. 12306.

    17.

Gates Stif­tung (2008), zitiert in Raj Patel (2013), a.a.O., S. 42.

    18.

Jen­ni­fer Bair (2005): Glo­bal capi­ta­lism and com­mo­di­ty chains: loo­king back and going for­ward. Com­pe­ti­ti­on & Chan­ge 9: 153-180.

    19.

Vgl. Phil­ipp McMi­cha­el (2013): Value-chain agri­cul­tu­re and debt rela­ti­ons: con­tra­dic­to­ry out­co­mes. Third World Quar­ter­ly 34: S. 671–690

    20.

Debo­rah Potts (2012): What ever hap­pen­ed to Africa’s rapid urba­ni­za­ti­on? Afri­ca Rese­arch Insti­tu­te, Coun­ter­point Series, Lon­don, 16 S.

    21.

Jona­than Crush (2013): Lin­king Food Secu­ri­ty, Migra­ti­on and Deve­lop­ment. Inter­na­tio­nal Migra­ti­on 51: 60-75.

    22.

Debo­rah Potts (2012), a.a.O., S.14.

    23.

Behrooz Mor­vari­di (2012): Capi­ta­list Phil­an­thro­py and Hege­mo­nic Part­nerships. Third World Quar­ter­ly 33: 1191-1210.

    24.

Raj Patel (2013), a.a.O. S. 8.

    25.

T.S. Jay­ne, Jor­dan Cham­ber­lin und Derek D. Hea­dey (2014), Land pres­su­res, the evo­lu­ti­on of far­ming sys­tems, and deve­lop­ment stra­te­gies in Afri­ca: A syn­the­sis. Food Poli­cy 48: S. 1-17.

Hin­weis: In über­ar­bei­te­ter Form (und ohne die Abbil­dung) erscheint die­ser Text als Kapi­tel in dem Buch „Zwi­schen Fair­tra­de und Pro­fit“, her­aus­ge­ge­ben von Faus­ta Bor­sa­ni und Tho­mas Gröb­ly, Stämpf­li-Ver­lag, Bern, 2016

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