Gly­pho­sat-Krebs­stu­di­en an Mäu­sen – Argu­men­te der EU-Behör­de ohne Grund­la­ge

Von Peter Clausing

Am 12. Novem­ber ver­öf­fent­lich­te die Euro­päi­sche Agen­tur für Lebens­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) ihre Schluss­fol­ge­rung zur Bewer­tung des Her­bi­zid­wirk­stoffs Gly­pho­sat, der von der WHO-Agen­tur für Krebs­for­schung (IARC) als „wahr­schein­lich krebs­er­re­gend beim Men­schen“ ein­ge­stuft wur­de, was eine wei­te­re Geneh­mi­gung die­ses Wirk­stoffs in Euro­pa mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit aus­ge­schlos­sen hät­te, wenn die EFSA sich die­ser wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Bewer­tung ange­schlos­sen hät­te – hat sie aber nicht. Anfang Dezem­ber 2015 wur­de der ent­schei­den­de Teil der EFSA-Schluss­fol­ge­run­gen, jene zu den Krebs­stu­di­en an Labor­mäu­sen, einer kri­ti­sche Ana­ly­se unter­zo­gen. Zu die­sem 10-sei­ti­gen eng­lisch­spra­chi­gen Doku­ment gibt es jetzt die nach­ste­hen­de deut­sche Zusam­men­fas­sung.

In allen fünf vali­den Krebs­stu­di­en an Mäu­sen wur­de bei Anwen­dung des von der OECD emp­foh­le­nen Coch­ran-Armi­ta­ge-Trend Tests eine signi­fi­kan­te Erhö­hung der Tumor­ra­te bei einem oder meh­re­ren Tumor­ty­pen fest­ge­stellt, womit das Kri­te­ri­um „aus­rei­chen­de Nach­wei­se beim Tier“, der CLP-Ver­ord­nung (1272/2008, Annex I; 3.6.2.2.3) erfüllt ist. Die EFSA bestrei­tet dies mit fol­gen­den Argu­men­ten:

Feh­len­de sta­tis­ti­sche Signi­fi­kanz bei Anwen­dung paar­wei­ser Ver­glei­che

Die­se Behaup­tung ent­behrt der Grund­la­ge.

Die OECD emp­fiehlt seit 2012 (Gui­d­ance Nr. 116) expli­zit die Anwen­dung des Coch­ran-Armi­ta­ge-Trend Tests zur Bewer­tung von Tumor­fre­quen­zen. Bei des­sen Anwen­dung sind in allen fünf Mäu­se­stu­di­en signi­fi­kan­te Tumor­ef­fek­te erkenn­bar. Das Argu­ment der EFSA, die sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung müs­se mit paar­wei­sen Tests durch­ge­führt wer­den, weil das vor­ab fest­ge­legt wur­de, greift nicht. Die­ses Argu­ment bezieht sich auf die OECD-Richt­li­nie Nr. 451, die 2009 ver­ab­schie­det wur­de. Doch alle fünf Mäu­se­stu­di­en waren bereits vor Inkraft­tre­ten die­ser Richt­li­nie abge­schlos­sen. Außer­dem bezieht sich die Richt­li­nie Nr. 451 auf den Ent­wurf der Leit­li­nie Nr. 116, in der der Coch­ran-Armi­ta­ge-Trend Test emp­foh­len wird. Eine Re-Ana­ly­se der Ergeb­nis­se mit dem Trend-Test, wie sie vom BfR selbst durch­ge­führt wur­de, war also ange­mes­sen und erbrach­te sta­tis­ti­sche Signi­fi­kanz, die nicht igno­riert wer­den darf.

His­to­ri­sche Kon­trol­len spre­chen gegen einen sub­stanz­be­ding­ten Effekt

BfR und EFSA miss­ach­ten mas­siv die Vor­ga­ben der OECD-Leit­li­nie Nr. 116.

Die ver­wen­de­ten his­to­ri­schen Kon­troll­da­ten stamm­ten, bis auf eine Aus­nah­me, bei der jedoch der Krebs­be­fund nicht wider­legt, son­dern unter­stützt wird, weder aus den letz­ten 5 Jah­ren vor den Stu­di­en, noch vom glei­chen Mäu­se­stamm, noch aus dem glei­chen Labor. Das State­ment im EFSA Peer Review „The EU peer review con­si­de­red rele­vant his­to­ri­cal con­trol data from the per­forming labo­ra­to­ry” ent­spricht mit der einen Aus­nah­me, die jedoch das sta­tis­ti­sche Ergeb­nis unter­stützt, nicht der Wahr­heit.

Die beob­ach­te­ten Effek­te sind nicht repro­du­zier­bar

Die­se Behaup­tung trifft nicht zu.

Eine signi­fi­kan­te Erhö­hung von Lymph­drü­sen­krebs (mali­gne Lym­phome) und von Nie­ren­krebs war jeweils in drei von fünf Stu­di­en an zwei ver­schie­de­nen Mäu­se­stäm­men nach­weis­bar. Hin­zu kom­men Haeman­gio­sar­ko­me in zwei von fünf Stu­di­en.

Kan­ze­ro­ge­ni­tät ist nur bei exzes­si­ver Toxi­zi­tät nach­weis­bar

Das Argu­ment ent­behrt der Grund­la­ge.

Auch Stu­di­en mit einer Höst­do­sis von 810 bzw. 1.000 mg/kg wie­sen signi­fi­kan­te Tumor­ef­fek­te von Gly­pho­sat auf. Fer­ner ist die von der EFSA erwähn­te 1.000 mg/kg-Gren­ze für chro­ni­sche Toxi­zi­täts­stu­di­en und nicht für Krebs­stu­di­en defi­niert. Für Krebs­stu­di­en gilt eine „Maxi­mum-Tole­ra­ted-Dose“ (MTD) als Emp­feh­lung. Die­se MTD soll­te nicht über­schrit­ten wer­den, um zu nied­ri­ge Tumor­ra­ten bei gerin­ge­rem Wachs­tum zu ver­mei­den (im vor­lie­gen­den Fall geht es jedoch um erhöh­te Tumor­ra­ten) und um ein vor­zei­ti­ges Ster­ben der Hoch-Dosis-Tie­re zu ver­hin­dern. Jedoch waren bei kei­ner der fünf Mäu­se­stu­di­en in der Höchst­do­sis eine Ver­kür­zung der Lebens­dau­er oder eine erhöh­te Mor­ta­li­tät zu beob­ach­ten.

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