Pro­fi­ta­bles Acker­gift

von Peter Clausing

Das Ver­hält­nis zwi­schen agro­che­mi­scher Indus­trie, land­wirt­schaft­li­chen Pro­du­zen­ten und Ver­brau­chern wirft nicht nur ein Schlag­licht auf den Zustand unse­rer Land­wirt­schaft, son­dern auch auf den unse­rer Demo­kra­tie. Das lässt sich anhand des Streits um die wei­te­re Geneh­mi­gung des Wirk­stoffs Gly­pho­sat, auch Bestand­teil des Breit­band-Unkraut­ver­nich­tungs­mit­tels »Roun­dup«, zei­gen, von dem bereits vor fünf Jah­ren bei einem Jah­res­um­satz von knapp 4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar etwa 610.000 Ton­nen welt­weit ein­ge­setzt wur­den.

Eigent­lich liegt es auf der Hand: Öko­lo­gi­scher Land­bau ist kli­ma­freund­li­cher und umwelt­ver­träg­li­cher als die kon­ven­tio­nel­le Land­wirt­schaft. Even­tu­el­le Min­der­erträ­ge durch eine Umstel­lung auf öko­lo­gi­schen Land­bau sind – je nach Kul­tur und Anbau­ver­hält­nis­sen – ent­we­der über­schau­bar oder gar nicht vorhanden.1 Aller­dings ist der Arbeits­auf­wand im öko­lo­gi­schen Land­bau in der Regel höher, was die Pro­duk­ti­on ver­teu­ert. Doch ange­sichts von land­wirt­schaft­li­cher Über­pro­duk­ti­on, Nied­rig­prei­sen für kon­ven­tio­nell pro­du­zier­te Lebens­mit­tel und der Tat­sa­che, dass rund ein Drit­tel davon im Müll lan­det, fragt man sich, war­um unse­re Land­wirt­schaft nicht schon längst kom­plett auf Öko­land­bau umge­stellt wur­de. Der macht der­zeit statt des­sen bloß etwa sechs Pro­zent der land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­che aus. Die Bun­des­re­gie­rung ver­spricht, Maß­nah­men zu ergrei­fen, die­sen Anteil irgend­wann ein­mal auf 20 Pro­zent zu erhö­hen. Da die Vor­tei­le des Öko­land­baus durch umfang­rei­ches Zah­len­ma­te­ri­al belegt sind, muss es also ande­re Grün­de dafür geben, dass er sich so lang­sam durch­setzt. Dazu zäh­len vor allem zwei Fak­to­ren – »Markt­kräf­te« und die Lob­by­struk­tu­ren der Indus­trie. Ein Blick in die sta­tis­ti­schen Jahr­bü­cher der Bun­des­re­pu­blik und eine Ana­ly­se des Umgangs mit dem Her­bi­zid­wirk­stoff Gly­pho­sat ver­hel­fen dabei zu erstaun­li­chen Ein­sich­ten.

Pes­ti­zi­de als Kampf­stof­fe

Es gab ein­mal eine Zeit, da arbei­te­ten 4,8 Mil­lio­nen Men­schen in der Land­wirt­schaft (der Ver­gleich­bar­keit hal­ber bezie­hen sich die­se Zahl und die fol­gen­den auf die alten Bun­des­län­der). Das war 1950. Heu­te (2013) gibt es dort nur noch 425.000 »Arbeits­kräf­te-Ein­hei­ten«, d. h. auf Voll­zeit umge­rech­ne­te Beschäf­tig­te in der Land­wirt­schaft. Im glei­chen Zeit­raum schrumpf­te die Zahl der Höfe von 1,8 Mil­lio­nen auf 260.000, ver­bun­den mit einem Anstieg der durch­schnitt­li­chen Betriebs­grö­ße von 9,6 auf 46,7 Hekt­ar. Die­se Ver­än­de­run­gen wer­den all­ge­mein als Ergeb­nis von »Land­flucht« bezeich­net. Der Begriff sug­ge­riert, dass es ein Pro­zess der Suche nach dem »beque­men Leben in der Stadt« war, der das Höfester­ben ver­ur­sach­te. In Wirk­lich­keit waren es jedoch vor­ran­gig wirt­schaft­li­che Fak­to­ren. Nied­ri­ge Erzeu­ger­prei­se brach­ten trotz EU-Sub­ven­tio­nen beson­ders die klei­nen Betrie­be in wirt­schaft­li­che Not, denn die Sub­ven­tio­nen kamen den Groß­be­trie­ben min­des­tens genau­so zugu­te, was den Preis­druck nur noch ver­stärk­te. Da sich unter die­sen Bedin­gun­gen die Pro­duk­ti­on nicht mehr ren­tier­te, wur­de Land­wirt­schaft bei den klei­nen Betrie­ben zum Neben­er­werb, ver­bun­den mit einer enor­men Erhö­hung der Arbeits­be­las­tung der Betrof­fe­nen und frü­her oder spä­ter mit der Auf­ga­be des Hofes. Das »beque­me­re Leben in der Stadt« bestand also vor allem im Weg­fall der Dop­pel­be­las­tung bei der Erwerbs­tä­tig­keit. Land­flucht war kein frei­wil­li­ger Pro­zess, son­dern die Fol­ge des von den Super­markt­ket­ten erzeug­ten Preis­drucks, dem nur die »effi­zi­en­te­ren« Pro­du­zen­ten gewach­sen waren. Die­ser Pro­zess hält bis heu­te an. In den letz­ten zehn Jah­ren hat sich die Zahl der »Arbeits­kräf­te-Ein­hei­ten« in der Land­wirt­schaft noch ein­mal um zwölf Pro­zent redu­ziert.

»Effi­zi­en­te­re« Pflan­zen­pro­duk­ti­on ist das Ergeb­nis einer Kom­bi­na­ti­on aus der Ein­spa­rung von Arbeits­kräf­ten und der Stei­ge­rung von Hekt­ar­er­trä­gen – eine Ent­wick­lung mit vie­len Facet­ten, deren wich­tigs­te die Mecha­ni­sie­rung und Che­mi­sie­rung der Land­wirt­schaft sind. Es war jedoch nicht allein der Preis­druck, der zu den beschrie­be­nen Ver­än­de­run­gen führ­te. In den 1950er und 1960er Jah­ren bestand infol­ge der 7,6 Mil­lio­nen deut­schen Kriegs­to­ten ein Arbeits­kräf­te­man­gel, zu des­sen Kom­pen­sie­rung in bei­den deut­schen Staa­ten auch die Migra­ti­on vom Land in die Stadt bei­trug. Zum ande­ren hat­ten Che­mie­kon­zer­ne u. a. in Deutsch­land (IG Far­ben, aus der Bay­er wie­der her­vor­ging), Groß­bri­tan­ni­en (Impe­ri­al Che­mi­cal Indus­tries, ICI, heu­te Teil von Syn­gen­ta) und in der Schweiz (CIBA, eben­falls Teil von Syn­gen­ta) vor und wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs an der Ent­wick­lung che­mi­scher Kampf­stof­fe gear­bei­tet. Eini­ge davon waren Pes­ti­zi­de (genau­er gesagt Her­bi­zi­de, d. h. Unkraut­be­kämp­fungs­mit­tel), bei ande­ren war es nur ein klei­ner Ent­wick­lungs­schritt, um aus ihnen Pes­ti­zi­de zu machen. Der Ein­satz von Her­bi­zi­den zwecks Ver­nich­tung der Ern­te des Fein­des wur­de im Zwei­ten Welt­krieg von allen Sei­ten in Betracht gezo­gen Die Her­bi­zi­de 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure und 2-Methyl-4-chlor­phen­oxyes­sig­säu­re waren damals von bri­ti­scher bzw. US-ame­ri­ka­ni­scher Sei­te ent­wi­ckelt (und dann erst­mals zwi­schen 1948 und 1960, also schon vor dem Viet­nam­krieg, gegen die malay­si­sche Befrei­ungs­be­we­gung als che­mi­sche Kampf­mit­tel ein­ge­setzt) wor­den. Der 1935 gegrün­de­te »Kar­tof­fel­kä­fer-Abwehr­dienst« der deut­schen Wehr­macht ver­wen­de­te das Insek­ti­zid DDT, das seit 1942 auch zur Läu­se­be­kämp­fung bei Sol­da­ten ein­ge­setzt wur­de. Die Lis­te der Bei­spie­le für eine ursprüng­lich mili­tä­ri­sche Nut­zung der heu­te unver­zicht­bar erschei­nen­den Pes­ti­zi­de lie­ße sich fortsetzen.2

Nach dem Kriegs­en­de sorg­ten das Pro­fit­stre­ben der Kon­zer­ne und die land­wirt­schaft­li­che Betriebs­leh­re für die Aus­brei­tung der Pes­ti­zi­de. Was bei der Bewer­tung ihres Bei­trags zur wirt­schaft­li­chen Effi­zi­enz aller­dings bis heu­te unter den Tisch fällt, ist die Exter­na­li­sie­rung von Kos­ten für Umwelt­schä­den und Erkran­kun­gen. Da es sich im Gesund­heits­be­reich vor allem um Spät­fol­gen han­delt, und sowohl der Land­wirt als auch der Ver­brau­cher immer meh­re­ren Stof­fen gleich­zei­tig aus­ge­setzt ist, ist der schlüs­si­ge Nach­weis einer sol­chen Schä­di­gung extrem schwie­rig. In Nord- und Süd­ame­ri­ka sowie Tei­len Asi­ens ist es bei bestimm­ten land­wirt­schaft­li­chen Kul­tu­ren inzwi­schen zu einer umfang­rei­chen Ein­füh­rung von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Sor­ten gekom­men. Deren wesent­li­cher Effekt ist die oben beschrie­be­ne Effi­zi­enz­stei­ge­rung auf Kos­ten von Umwelt und Gesund­heit. Die Ver­wen­dung gen­tech­nisch ver­än­der­ter her­bi­zid­re­sis­ten­ter Mais- und Soja­sor­ten war mit einer dra­ma­ti­schen Stei­ge­rung des Ein­sat­zes von Gly­pho­sat (zumeist unter dem Han­dels­na­men des Mon­s­an­to-Pro­dukts »Roun­dup« bekannt) ver­bun­den.

Dras­tisch gestie­ge­ner Ein­satz

Doch nicht nur in den Tei­len der Welt, in denen sol­ches gen­ma­ni­pu­lier­tes Saat­gut mas­sen­haft aus­ge­bracht wird, sind Her­bi­zi­de Bestand­teil des betriebs­wirt­schaft­li­chen Kal­küls. Für Deutsch­land und Euro­pa wur­de ein­ge­schätzt, dass zur Ein­spa­rung von Lohn­kos­ten »der Ein­satz von Her­bi­zi­den aus­ge­dehnt und der Ein­satz von Arbeit redu­ziert« wurde.3 Das gilt bis heu­te, und zwar in immer stär­ke­rem Maße. In den letz­ten 20 Jah­ren kam es zu einer fort­lau­fen­den Erhö­hung der pro Hekt­ar aus­ge­brach­ten Her­bi­zid­men­ge, wobei die rela­ti­ven Stei­ge­run­gen immer grö­ßer wur­den. Der Her­bi­zid­wirk­stoff Gly­pho­sat spielt in die­sem Zusam­men­hang die domi­nie­ren­de Rol­le. Auch in Deutsch­land, wo, wie in den meis­ten ande­ren Län­dern der EU, kei­ne gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen zum Ein­satz kom­men, stieg sowohl sein Anteil bei den genutz­ten »Unkraut­ver­nich­tungs­mit­teln« als auch die abso­lu­te Men­ge dras­tisch an. Lag der Anteil von Gly­pho­sat an der ins­ge­samt aus­ge­brach­ten Her­bi­zid­men­ge Anfang der 1990er Jah­re mit rund 1.000 Ton­nen pro Jahr noch unter zehn Pro­zent, wur­den in letz­ter Zeit all­jähr­lich 5.000 bis 6.000 Ton­nen des Wirk­stoffs auf unse­re Äcker ver­teilt. Ein Drit­tel aller in Deutsch­land genutz­ten Her­bi­zi­de basie­ren auf die­sem Wirk­stoff.

Gly­pho­sat nimmt in drei­fa­cher Hin­sicht eine Schlüs­sel­po­si­ti­on ein: Ers­tens hat der Wirk­stoff eine gro­ße Bedeu­tung für die Pes­ti­zid­in­dus­trie – allein Mon­s­an­to erzielt in Deutsch­land 40 Pro­zent sei­ner Erlö­se durch den Ver­kauf gly­pho­sat­hal­ti­ger Her­bi­zi­de. Zwei­tens sind die Land­wir­te davon abhän­gig, um im Preis­kampf um die bil­ligs­ten Lebens­mit­tel bestehen zu kön­nen. In sei­ner Janu­ar­aus­ga­be titelt das Maga­zin für Land­wirt­schafts­ma­na­ger Topagrar: »Ohne Gly­pho­sat geht es nicht«. Drit­tens ist die schie­re Men­ge, die von die­sem Wirk­stoff auf die Äcker und in die Umge­bung gelangt, Grund zur Sor­ge über mög­li­che Fol­gen für Gesund­heit und Umwelt. Dies erklärt die unge­wöhn­lich hohe Auf­merk­sam­keit, die der anste­hen­den Ent­schei­dung, ob Gly­pho­sat in der EU auch künf­tig geneh­migt blei­ben soll, ent­ge­gen­ge­bracht wird. Die dabei ent­stan­de­ne Kon­tro­ver­se wirft fer­ner ein Schlag­licht auf den Zustand von Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit in Deutsch­land und Euro­pa. Ein­mal mehr wird deut­lich, dass Geset­ze und Ver­ord­nun­gen bei­sei­te gescho­ben wer­den, wenn sie mit »sys­tem­re­le­van­ten« Kom­po­nen­ten des Wirt­schafts­le­bens kol­li­die­ren.

Behörd­lich betrie­be­ne Ver­harm­lo­sung

Seit Inkraft­tre­ten der neu­en EU-Pes­ti­zid­ver­ord­nung (Nr. 1107/2009) im Juni 2011 sind sol­che che­mi­schen Stof­fe alle zehn Jah­re unter Berück­sich­ti­gung zwi­schen­zeit­lich erlang­ter Erkennt­nis­se erneut zu geneh­mi­gen. Die (Wie­der-) Zulas­sung sol­cher Sub­stan­zen ist prin­zi­pi­ell ver­bo­ten, wenn erkannt wird, dass sie krebs­er­re­gend sind, das Erb­gut schä­di­gen oder die Fort­pflan­zung bzw. das Hor­mon­sys­tem beein­träch­ti­gen kön­nen. Dabei ist wich­tig zu ver­ste­hen, dass es an die­ser Stel­le nicht um die Ein­schät­zung eines Risi­kos geht (also nicht um die Ein­schät­zung, wie­viel von dem Stoff auf­ge­nom­men wer­den muss, um einen Effekt zu erzie­len), son­dern um sei­ne Eigen­schaft an sich (z. B. krebs­er­re­gend), die zu einem prin­zi­pi­el­len Ver­bot sei­ner Ver­mark­tung füh­ren müss­te. Von offi­zi­el­ler Sei­te wird die­se Unter­schei­dung zwi­schen Eigen­schaft und Risi­ko gern ver­mischt, um den Stoff – in unse­rem Bei­spiel Gly­pho­sat – zu ver­harm­lo­sen.

Die Bewer­tung, ob die betref­fen­de Sub­stanz der­ar­ti­ge Eigen­schaf­ten auf­weist, obliegt den zustän­di­gen Ein­rich­tun­gen eines EU-Mit­glieds­lan­des, die dann ihren Bericht der Euro­päi­schen Behör­de für Lebens­mit­tel­si­cher­heit (EFSA, European Food Safe­ty Aut­ho­ri­ty) über­mit­teln. Am Ran­de sei erwähnt, dass die Indus­trie die Mög­lich­keit hat, sich das Land selbst aus­zu­su­chen, von des­sen Behör­den die­se Beur­tei­lung vor­ge­nom­men wer­den soll. Die EFSA über­prüft dann den Bericht und emp­fiehlt dem zustän­di­gen EU-Kom­mis­sar, ob der in Fra­ge ste­hen­de Pes­ti­zid­wirk­stoff geneh­migt wer­den bzw. blei­ben soll oder nicht. Aktu­ell sind wir bei Gly­pho­sat genau an die­sem Punkt ange­langt. Die EFSA hat am 12. Novem­ber 2015 ihre Emp­feh­lung publi­ziert. Die EU-Kom­mis­si­on soll nun bis Juni 2016 über des­sen wei­te­res Schick­sal ent­schei­den.

Für Gly­pho­sat war das deut­sche Bun­des­in­sti­tut für Risi­ko­be­wer­tung (BfR) für die gesund­heit­li­che Bewer­tung zustän­dig, ein­schließ­lich der Ein­schät­zung, ob es krebs­er­re­gend ist oder nicht. Am 31. März 2015 hat­te das BfR sei­ne Beur­tei­lung abge­schlos­sen und kam zu der Schluss­fol­ge­rung, dass von Gly­pho­sat kei­ne Krebs­ge­fahr aus­ge­he – eine Bewer­tung, die von der EFSA über­nom­men wur­de. Die­se Ein­schät­zung hät­te ver­mut­lich kei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit mehr erregt, obwohl in der öffent­li­chen Kom­men­tie­rungs­pha­se des Berichts im April/Mai 2014 Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen auf zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen hin­ge­wie­sen hat­ten, die zu einer gegen­tei­li­gen Schluss­fol­ge­rung führ­ten. Doch mit einer spe­zi­el­len Metho­de, dem soge­nann­ten Kli­misch-Code4, schuf sich das BfR die for­ma­le Legi­ti­ma­ti­on, um die­sen Publi­ka­tio­nen mit zum Teil haar­sträu­ben­den Argu­men­ten die erfor­der­li­che Qua­li­tät abzu­spre­chen.

Media­le Auf­merk­sam­keit erlang­te das The­ma erst wie­der als, eben­falls im März 2015, eine renom­mier­te Insti­tu­ti­on der WHO, die Inter­na­tio­na­le Agen­tur für Krebs­for­schung (IARC) auf Basis ihrer eige­nen Aus­wer­tung zu der Schluss­fol­ge­rung kam, Gly­pho­sat sei »wahr­schein­lich krebs­er­re­gend beim Men­schen«. Die­se der BfR-Bewer­tung dia­me­tral gegen­über­ste­hen­de Ein­schät­zung brach­te die deut­schen und euro­päi­schen Behör­den in Nöte. Einer­seits ver­bie­tet die EU-Ver­ord­nung die Ver­mark­tung krebs­er­re­gen­der Pes­ti­zid­wirk­stof­fe. Ande­rer­seits war im Fall von Gly­pho­sat eine Sub­stanz betrof­fen, die den Her­bi­zid­markt so sehr domi­niert, dass die Bezeich­nung »sys­tem­re­le­vant« (für das herr­schen­de Sys­tem der Land­wirt­schaft) ihre Berech­ti­gung hat. Ange­sichts die­ses Umstands wäre, ent­spre­chen­den poli­ti­schen Wil­len vor­aus­ge­setzt, ein Sze­na­rio denk­bar gewe­sen, bei dem man mit einem schritt­wei­sen Aus­stieg begon­nen und das voll­stän­di­ge Ver­bot des Wirk­stoffs erwirkt hät­te. Doch statt des­sen ver­fol­gen die deut­schen und euro­päi­schen Behör­den unter dem Lob­by­druck von Che­mie- und Agrar­in­dus­trie eine ande­re Stra­te­gie. Mit Argu­men­ten, deren Unsin­nig­keit jeden Wis­sen­schaft­ler der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben hät­te, nutz­ten das BfR und die EFSA ihre Deu­tungs­macht, um trotz erdrü­cken­der Beweis­la­ge für das Gegen­teil ihres Urteils, Gly­pho­sat sei nicht krebs­er­re­gend, festzuhalten.5 Das BfR stütz­te sei­ne Behaup­tun­gen auf Stu­di­en mit Mäu­sen. Das Ergeb­nis schien ein­deu­tig: In den fünf von der Behör­de als vali­de aner­kann­ten Unter­su­chun­gen schien nur bei einer ein­zi­gen ein Effekt (signi­fi­kant häu­fi­ge­res Auf­tre­ten von Lymph­drü­sen­krebs) nach­weis­bar zu sein. Da in den ande­ren vier Stu­di­en kei­ne gehäuf­te Tumor­bil­dung beob­ach­tet wur­de, sei die­ser eine Fall nicht rele­vant, argu­men­tier­te das BfR. Nach Ver­öf­fent­li­chung des Berichts der IARC sah sich das Insti­tut genö­tigt, sei­ne Bewer­tung zu über­prü­fen und muss­te ein­räu­men, dass bei Anwen­dung der der­zeit gül­ti­gen sta­tis­ti­schen Ver­fah­ren in allen fünf Mäu­se­stu­di­en eine Signi­fi­kanz der Erhö­hung der Tumor­häu­fig­keit ermit­telt wer­den konn­te, in drei Stu­di­en sogar bei meh­re­ren Tumor­ar­ten.

Geset­ze igno­riert

Laut EU-Ver­ord­nung hät­ten zwei krebs­po­si­ti­ve Stu­di­en, die zeit­lich getrennt und in ver­schie­de­nen Test­ein­rich­tun­gen durch­ge­führt wur­den, genügt, um Gly­pho­sat als krebs­er­re­gend ein­zu­stu­fen. Doch anstatt den Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen und die Bewer­tung zu revi­die­ren, mach­ten das BfR und die EFSA eine erstaun­li­che Kehrt­wen­de: Zuvor war feh­len­de sta­tis­ti­sche Signi­fi­kanz in vier ande­ren Stu­di­en das Argu­ment, um den posi­ti­ven Befund eines ein­zel­nen Ver­suchs zu ent­kräf­ten. Jetzt, wo plötz­lich alle fünf Stu­di­en ent­spre­chen­de Effek­te auf­wie­sen, ver­kün­de­te das BfR, die­se sta­tis­ti­schen Signi­fi­kan­zen sei­en nicht von Belang. Dabei wur­de deren »Belang­lo­sig­keit« mit den absur­des­ten Argu­men­ten begrün­det. Die Absur­di­tä­ten wur­den an ande­rer Stel­le aus­führ­lich diskutiert5. Zwei davon sei­en hier kurz erwähnt. So behaup­tet die EFSA, die Krebs­ef­fek­te sei­en nicht repro­du­zier­bar. Abge­se­hen davon, dass es kei­ne Vor­schrift dafür gibt, dass in auf­ein­an­der fol­gen­den Stu­di­en genau der glei­che Krebs­typ nach­ge­wie­sen wer­den muss, wur­den Lymph­drü­sen- und Nie­ren­tu­mo­re jeweils in drei und Blut­ge­fäß­krebs in zwei der fünf Stu­di­en beob­ach­tet. Laut BfR und EFSA sei­en die Krebs­ef­fek­te angeb­lich nur bei über­gro­ßer all­ge­mei­ner Toxi­zi­tät auf­ge­tre­ten, ein Argu­ment, das bei zwei der fünf Stu­di­en defi­ni­tiv und bei den ande­ren drei Stu­di­en wahr­schein­lich nicht zutrifft. Da die aus­führ­li­chen Stu­di­en­be­rich­te der Öffent­lich­keit vor­ent­hal­ten wer­den, kann die­se Behaup­tung in drei Fäl­len nicht über­prüft wer­den, Bele­ge dafür wer­den jeden­falls nicht gelie­fert. Die Aner­ken­nung von Gly­pho­sat als »wahr­schein­lich krebs­er­re­gend« mit der dar­aus fol­gen­den Ver­ban­nung des Her­bi­zids vom euro­päi­schen Markt wäre auch ein wich­ti­ges Signal für jene Welt­re­gio­nen, ins­be­son­de­re Süd­ame­ri­ka und Chi­na, gewe­sen, wo die Anrai­ner der gly­pho­sat­re­sis­ten­ten Mais- und Soja­wüs­ten stark unter dem Acker­gift zu lei­den haben. Aber auch für Euro­pa wäre es wich­tig gewe­sen, dass die Behör­den das in der EU-Ver­ord­nung fest­ge­leg­te Vor­sor­ge­prin­zip ange­wandt hät­ten.

Wäh­rend es beim VW-Skan­dal das Unter­neh­men selbst war, das betrog und mani­pu­lier­te, über­nah­men im Fall von Gly­pho­sat trotz unmiss­ver­ständ­li­cher gesetz­li­cher Rege­lun­gen und ein­deu­ti­ger Daten­la­ge die Behör­den, spe­zi­ell das BfR, den Job, Tat­sa­chen auf den Kopf zu stel­len. Die Gly­pho­sat-Affä­re ist ein beson­ders trans­pa­ren­ter Fall von Ver­stö­ßen staat­li­cher Ein­rich­tun­gen gegen ihren gesetz­li­chen Auf­trag, die in aller Regel unge­sühnt blei­ben.
Mit­tel­bar stellt die­ser Vor­gang auch den Wert der mit der neo­li­be­ra­len Dere­gu­lie­rung in Mode gekom­me­nen frei­wil­li­gen Ver­pflich­tun­gen von Unter­neh­men in Fra­ge. Wenn selbst kla­re Geset­ze und ein­deu­ti­ge Sach­ver­hal­te igno­riert wer­den, sobald sie ernst­haft mit Unter­neh­mens­in­ter­es­sen kol­li­die­ren, dann sind die frei­wil­li­gen Prin­zi­pi­en der Unter­neh­mens­ver­ant­wor­tung (Cor­po­ra­te Soci­al Respon­si­bi­li­ty) das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wur­den.

Anmer­kun­gen

Clausing, P. (2015): Agrar­öko­lo­gie – Defi­ni­tio­nen, Kon­text und Poten­tia­le, Glo­be-Spot­ting Novem­ber 2015

Eine aus­führ­li­che Beschrei­bung die­ser Zusam­men­hän­ge fin­det sich in Ueli Gäh­lers Bei­trag »Agri­busi­ness und Krieg« in dem dem­nächst bei Edi­ti­on 8 (Zürich) erschei­nen­den Schwarz­buch Syn­gen­ta.

Bas­ser­mann, K. (1999): Der Markt für Pflan­zen­schutz­mit­tel. Bestim­mungs­grün­de und Markt­ana­ly­se. Dis­ser­ta­ti­on, Uni­ver­si­tät Hohen­heim

Der Kli­misch-Score oder auch Kli­misch-Code ist eine Metho­de zur Beur­tei­lung der Zuver­läs­sig­keit von Stu­di­en zur Ein­ord­nung von Risi­ken che­mi­scher Stof­fe. Sie­he auch: Roun­dup & Co. – Unter­schätz­te Gefah­ren, S.32;

The 31 August 2015 Adden­dum to the Rene­wal Assess­ment Report on Gly­pho­sa­te. A cri­ti­cal ana­ly­sis
The EFSA Con­clu­si­on on the Peer Review of the Gly­pho­sa­te Risk Assess­ment. A Rea­li­ty Check.

Erschie­nen in jun­ge Welt am 16.01.2016

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