Kein Wald vor lau­ter Bäu­men (Bei­trag zum „Tag des Wal­des“ am 21.3.2016)

von Peter Clausing

Welt­weit ver­lang­samt sich die Abhol­zung. Neu ange­pflanzt wer­den aller­dings rie­si­ge Mono­kul­tu­ren, die etli­chen Mil­lio­nen Men­schen kei­ne Lebens­grund­la­ge mehr bie­ten.

Inzwi­schen ist prak­tisch jeder Tag des Jah­res ein Gedenk- oder Akti­ons­tag. Die Lis­te bei Wiki­pe­dia ist ent­spre­chend lang und bis­wei­len skur­ril. Wer wür­de schon ver­mu­ten, dass es einen »Tag der Block­flö­te« und einen »Inter­na­tio­na­len Tag des Eies« gibt? Der »Tag des Wal­des«, der all­jähr­lich am 21. März began­gen wird, hin­ge­gen klingt seri­ös. Er wur­de Ende der 1970er Jah­re von der UN-Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) initi­iert und hat ganz offen­sicht­lich etwas mit Umwelt- und Natur­schutz zu tun. Die­ser Tag ist ein will­kom­me­ner Anlass zu hin­ter­fra­gen, wie die Wald­schutz­be­mü­hun­gen heu­te aus­se­hen, wer Nut­zen dar­aus zieht und was das eigent­lich ist – der Wald, der laut aktu­el­ler FAO-Sta­tis­tik 30,6 Pro­zent der Land­flä­che der Erde bedeckt.
Bei der Defi­ni­ti­on des Begriffs »Wald« schei­den sich die Geis­ter unter ande­rem an der Fra­ge, ob Baum­plan­ta­gen als Wäl­der gel­ten kön­nen. Die FAO zählt sie mit, und die­je­ni­gen, die Bäu­me in ers­ter Linie als Roh­stoff­lie­fe­ran­ten und CO2-Sen­ken (also ein Reser­voir, das zeit­wei­lig oder dau­er­haft Koh­len­stoff spei­chert) betrach­ten, sehen das durch­aus auch so. Die­je­ni­gen jedoch, die unmit­tel­bar im oder vom Wald leben, sehen das völ­lig anders, denn für sie bie­ten Mono­kul­tu­ren aus einer ein­zi­gen Baum­art – berüch­tigt sind Euka­lyp­tus­wäl­der und Palm­öl­plan­ta­gen – kei­ne Lebens­grund­la­ge. Aber auch Wäl­der, die im Rah­men des REDD+-Programms 1 zu Schutz­ge­bie­ten erklärt wur­den, um als CO2-Sen­ken zu die­nen, gehen oft­mals für die ursprüng­li­chen Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner ver­lo­ren, wenn sie in die­sen Wäl­dern nicht mehr leben bzw. die­se nicht mehr betre­ten dür­fen, um dort Früch­te, Heil­pflan­zen und gege­be­nen­falls etwas Holz für ihren per­sön­li­chen Bedarf zu gewin­nen. Nach Schät­zun­gen der FAO sind heu­te rund 1,2 Mil­li­ar­den Men­schen ganz oder teil­wei­se vom Wald abhän­gig, der »zur Deckung ihrer Grund­be­dürf­nis­se und zur Ver­bes­se­rung ihrer Lebens­qua­li­tät« beiträgt.2 Vie­le Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, allen vor­an das World Rain­fo­rest Move­ment (WRM), set­zen sich genau für die­se Men­schen ein und unter­stüt­zen deren sozia­le Kämp­fe, ver­bun­den mit einer vehe­men­ten Kri­tik an Holz­plan­ta­gen und Emis­si­ons­han­del.

Trü­ge­ri­scher Trend

Die FAO ist vor­sich­tig opti­mis­tisch, dass sich die glo­ba­le Ent­wal­dung ver­lang­samt und das »Manage­ment« der Wäl­der ver­bes­sert hat. Das kann jedoch nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass sich die Lage für vie­le Men­schen vor Ort kaum ent­spannt und sich in man­chen Regio­nen sogar ver­schlech­tert. Als die FAO im Sep­tem­ber 2015 in Dur­ban ihren glo­ba­len Wald­be­richt vor­stell­te 3, ver­wies sie dar­auf, dass sich die geschätz­te Ent­wal­dungs­ra­te in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten mehr als hal­biert habe. In den frü­hen 1990er Jah­ren betrug sie 0,18 Pro­zent jähr­lich. Für die Zeit von 2010 bis 2015 wird sie auf durch­schnitt­lich 0,08 Pro­zent pro Jahr bezif­fert. Seit 1990 ver­schwan­den 1,3 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter Wald und das, obwohl auf 1,1 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­tern Bäu­me ange­pflanzt wur­den. Doch Holz­plan­ta­gen stel­len kein für Men­schen bewohn­ba­res Habi­tat dar. Abge­se­hen von ihrer ein­ge­schränk­ten bio­lo­gi­schen Viel­falt wer­den die Eigen­tü­mer der Anpflan­zun­gen – Anle­ger, die in das Holz­ge­schäft und in den Emis­si­ons­han­del inves­tie­ren – die tra­di­tio­nel­len Nut­zer kaum län­ger tole­rie­ren. Zählt man die ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Wald­flä­chen und die Anpflan­zun­gen zusam­men, sind es im Ver­gleich zu 1990 rund 2,4 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter weni­ger Wald, die den Men­schen zum Leben zur Ver­fü­gung ste­hen. Das ent­spricht mehr als der Hälf­te der Gesamt­flä­che der EU.
Weni­ge Wochen nach Vor­la­ge des oben erwähn­ten glo­ba­len Wald­be­richts, in dem die ver­lang­sam­te Ent­wal­dungs­ra­te begrüßt wur­de, freu­te sich die FAO über das Wie­der­auf­le­ben des glo­ba­len Holzgeschäfts.4 Die Fra­ge ist, wie sich die­se bei­den Ent­wick­lun­gen mit­ein­an­der ver­tra­gen. Wird der stei­gen­de Holz­be­darf durch Plan­ta­gen mit schnell­wach­sen­den Baum­ar­ten abge­fan­gen oder wer­den die glo­ba­len Wald­ver­lus­te wie­der zuneh­men? Könn­te es sein, dass die Holz­pro­duk­ti­on, die 2014 laut FAO das Vor­kri­sen­ni­veau von 2007 über­stieg, sich erst zeit­lich ver­zö­gert in der Ent­wal­dungs­sta­tis­tik nie­der­schlägt? Die Fest­stel­lung der FAO, dass das Wachs­tum der glo­ba­len Holz­in­dus­trie wich­tig für das Wohl­erge­hen von Mil­lio­nen »wald­ab­hän­gi­ger« Men­schen sei, erscheint, gelin­de gesagt, etwas ein­sei­tig. Laut FAO-Sta­tis­tik sind rund zwölf Mil­lio­nen Men­schen auf die­ser Erde in der Forst­wirt­schaft tätig. Es stimmt also, dass das Ein­kom­men von Mil­lio­nen Men­schen vom Wald abhän­gig ist. Doch das ist nur ein Pro­zent der 1,2 Mil­li­ar­den Men­schen, die im und vom Wald leben. Wie vie­len Men­schen durch Holz­ein­schlag gescha­det oder die Lebens­grund­la­ge sogar gänz­lich zer­stört wird, dar­über gibt es bei der FAO kei­ne Sta­tis­tik.
Län­der, in denen die Wald­flä­che wie­der wächst, leben nicht sel­ten auf Kos­ten ande­rer Län­der, aus denen sie Holz impor­tie­ren. So hat Chi­na zwar ein umfang­rei­ches Wie­der­auf­fors­tungs­pro­gramm, das nach Ein­schät­zung der US-ame­ri­ka­ni­schen Forst­wis­sen­schaft­le­rin Ali­cia Rob­bins »eine der weni­gen Erfolgs­ge­schich­ten im Umwelt­be­reich« dar­stellt, aber das reicht bei wei­tem nicht für den Roh­stoff­hun­ger des Lan­des. Die Wald­flä­che Chi­nas liegt der­zeit bei 22 Pro­zent (ver­gli­chen mit unter zehn Pro­zent Anfang der 1950er Jah­re). Doch die­se Bilanz wird durch mas­si­ve Holz­im­por­te, ins­be­son­de­re aus Russ­land, Süd­ost­asi­en und Afri­ka auf­recht­erhal­ten. Das schließt – Berich­ten der in Lon­don ansäs­si­gen Envi­ron­men­tal Inves­ti­ga­ti­on Agen­cy zufol­ge – in beträcht­li­chem Umfang ille­ga­le Impor­te aus Indo­ne­si­en, Laos, Mosam­bik und Myan­mar mit ein. Ille­ga­le Machen­schaf­ten sind aller­dings kein Allein­stel­lungs­merk­mal chi­ne­si­scher Kon­zer­ne. Das in Ber­lin ansäs­si­ge European Cen­ter for Con­sti­tu­tio­nal and Human Rights, das im April 2013 Straf­an­zei­ge gegen den deutsch-schwei­ze­ri­schen Holz­kon­zern Dan­zer Group erstat­te­te, weist dar­auf hin, dass der Dan­zer-Fall typisch sei »für eine weit­ver­brei­te­te Pro­ble­ma­tik in Afri­ka, Asi­en und Latein­ame­ri­ka: Pro­jek­te oder Geschäf­te trans­na­tio­na­ler Unter­neh­men füh­ren zu sozia­len Kon­flik­ten, in die dann loka­le Sicher­heits­kräf­te mit oft extre­mer Gewalt eingreifen«.5 Bei die­sem Fall, der in der bei sol­chen Fäl­len übli­chen Manier inzwi­schen von der Tübin­ger Staats­an­walt­schaft zu den Akten gelegt wur­de, ging es um die Mit­ver­ant­wor­tung für die Miss­hand­lung und Ver­ge­wal­ti­gung von Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­nern eines Dor­fes in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go. Die Dan­zer-Grup­pe gehör­te zu den weni­gen Fir­men, die schon zu Zei­ten Mobu­tus, der das Land von 1971 bis 1997 dik­ta­to­risch regier­te, im Kon­go-Becken Ein­schlags­kon­zes­sio­nen für über 2,4 Mil­lio­nen Hekt­ar besaß.6 Auf die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go, deren Wäl­der mehr als das Dop­pel­te der Flä­che Frank­reichs bede­cken, trifft die Sor­ge um die Zer­stö­rung von Lebens­grund­la­gen in beson­de­rem Maße zu, denn 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung die­ses Lan­des leben in oder an Wäl­dern.
Kom­bi­niert man die Erkennt­nis­se zur Wie­der­be­wal­dung in bestimm­ten Län­dern mit Daten vom inter­na­tio­na­len Holz­han­del, wird erkenn­bar, wer von die­ser Ent­wick­lung pro­fi­tiert und auf wes­sen Kos­ten. Die bel­gi­schen Geo­gra­phen Patrick Mey­froidt und Eric Lam­bin unter­such­ten sie­ben Län­der, deren Wald­flä­che sich in den letz­ten 25 Jah­ren ver­grö­ßert hat­te. Neben Chi­na ana­ly­sier­ten sie so unter­schied­li­che Län­der wie Bhu­tan, Chi­le, Cos­ta Rica, El Sal­va­dor, Indi­en und Viet­nam. Aus den Han­dels­bi­lan­zen für land- und forst­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te konn­ten die bei­den Wis­sen­schaft­ler ablei­ten, dass die­se Län­der zusam­men­ge­nom­men das Come­back ihrer Wäl­der zu 22 Pro­zent durch Impor­te ermög­lich­ten. Zu den Staa­ten, die ihrer­seits durch rui­nö­se Expor­te zur Wie­der­be­wal­dung in ande­ren Regio­nen bei­tra­gen, gehö­ren neben den oben genann­ten auch Bra­si­li­en, Indo­ne­si­en und Kame­run, alles Län­der, die für zahl­rei­che Land­kon­flik­te zwi­schen export­ori­en­tier­ten Unter­neh­men und der jewei­li­gen loka­len Bevöl­ke­rung bekannt sind.

Markt­li­be­ra­le Lösun­gen

Ein beson­ders dyna­mi­sches Seg­ment in die­sem Geschäft sind Holz­pel­lets. Sie haben zwar einen ver­gleichs­wei­se gerin­gen Anteil an der Han­dels­bi­lanz ins­ge­samt, doch das Geschäft boomt. Im Jahr 2014 wur­den glo­bal 26 Mil­lio­nen Ton­nen pro­du­ziert – ein Anstieg um 35 Pro­zent inner­halb von zwei Jah­ren (die Daten­bank der FAO führt die Posi­ti­on »Holz­pel­lets« über­haupt erst seit 2012). In Asi­en ver­dop­pel­te sich der Ver­brauch von 2013 zu 2014. Doch die abso­lu­ten Spit­zen­ver­brau­cher sind bis­lang die wald­ar­men EU-Län­der Groß­bri­tan­ni­en und Däne­mark. Dort wird rund ein Vier­tel aller in der Welt erzeug­ten Holz­pel­lets ver­brannt, wobei 95 Pro­zent davon impor­tiert wer­den. Deutsch­land schnei­det in die­ser Bezie­hung beschei­den ab. Hier wur­den 2,1 Mil­lio­nen Ton­nen Pel­lets pro­du­ziert, 0,4 Mil­lio­nen Ton­nen impor­tiert und 0,7 Mil­lio­nen Ton­nen expor­tiert, wor­aus sich ein Ver­brauch von 1,8 Mil­lio­nen Ton­nen ergibt* (zum Ver­gleich: Auch Däne­mark mit nur 5,6 Mil­lio­nen Ein­woh­nern ver­brauch­te über zwei Mil­lio­nen Ton­nen). Ähn­lich wie bei den Koh­len­stoff­sen­ken wer­den Holz­pel­lets als Bei­trag zu den Kli­ma­schutz­zie­len ange­prie­sen, denn sie kom­men ja von nach­wach­sen­den Roh­stof­fen und wer­den als nahe­zu kli­ma­neu­tral betrach­tet. Sie sind also ein wei­te­rer Bei­trag dazu, dass ein beträcht­li­cher Teil des ver­meint­li­chen Kli­ma­schut­zes in den Indus­trie­län­dern nicht in Form einer rea­len Redu­zie­rung des Aus­sto­ßes an kli­ma­schäd­li­chen Gasen ver­bucht wird, son­dern durch umfang­rei­che Impor­te von »kli­ma­freund­li­chen« Roh­stof­fen bzw. durch den vir­tu­el­len Export von Koh­len­di­oxid. Wäh­rend Agro­treib­stof­fe in aller Mun­de sind, hat das boo­men­de Geschäft mit Holz­pel­lets bis­lang kaum Beach­tung gefun­den. EU-Staa­ten wie Däne­mark, Groß­bri­tan­ni­en und auch Ita­li­en hin­ter­las­sen damit einen beacht­li­chen »öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck« im Aus­land.
Das bedeu­tends­te und am meis­ten umstrit­te­ne Unter­fan­gen im Rah­men des Kli­ma­schut­zes ist jedoch das REDD+-Programm. Es stellt eine beson­ders pro­ble­ma­ti­sche Erwei­te­rung des ohne­hin frag­wür­di­gen Emis­si­ons­han­dels dar, der von den Prot­ago­nis­ten markt­li­be­ra­ler Lösun­gen trotz sei­nes offen­sicht­li­chen Schei­terns wei­ter­hin als effi­zi­en­tes Kli­ma­schutz­in­stru­ment geprie­sen wird. Die Grund¬idee ist sehr ein­fach: Regie­run­gen, Unter­neh­men bzw. Wald­ei­gen­tü­mer in den Län­dern des Südens wer­den dafür belohnt, dass sie ihre Wäl­der ste­hen­las­sen, statt sie abzu­hol­zen. Der Vor­schlag wur­de ursprüng­lich im Jahr 2005 von einer Grup­pe aus 50 Län­dern unter­brei­tet, die sich als »Koali­ti­on der Regen­wald­na­tio­nen« bezeich­ne­te. Zwei Jah­re spä­ter wur­de der Vor­schlag auf dem Kli­ma­gip­fel in Bali auf­ge­grif­fen und schließ­lich 2010 auf der 16. Welt­kli­ma­kon­fe­renz in Can­cún ver­ab­schie­det. Nach Ansicht des kri­ti­schen Por­tals »REDD-Moni­tor« sitzt der Teu­fel bei die­ser an und für sich guten Idee im Detail: »Das ers­te Detail besteht dar­in, dass nicht für den Erhalt von Wäl­dern gezahlt wird, son­dern für die Reduk­ti­on von Emis­sio­nen, die sonst durch Abhol­zung und Wald­zer­stö­rung auf­tre­ten könn­ten. Das klingt wie Haar­spal­te­rei, ist aber wich­tig, weil es zum Bei­spiel die Mög­lich­keit eröff­net, die Abhol­zung von Wäl­dern an ande­rer Stel­le mit der Pflan­zung indus­tri­el­ler Baum­plan­ta­gen zu kom­pen­sie­ren.« 7 Was das für die loka­le Bevöl­ke­rung bedeu­tet, wur­de wei­ter oben bereits ange­spro­chen.
Der REDD-Moni­tor weist dar­auf hin, dass die Idee von REDD nicht neu ist und in das 1997 in Kyo­to ver­ab­schie­de­te Kli­ma­schutz­ab­kom­men auf­grund von vier fun­da­men­ta­len Män­geln kei­nen Ein­gang fand. Die­se Män­gel bestehen auch heu­te noch. Dazu gehört unter ande­rem ein als »Leaka­ge« bezeich­ne­tes Phä­no­men: Jemand, der auf­grund von Schutz­maß­nah­men in einer Regi­on kei­ne Bäu­me mehr fäl­len darf, kann sein Geschäft ein­fach ver­la­gern, so dass der Kli­ma­scha­den wei­ter­hin ein­tritt, nur an ande­rer Stel­le. Das zwei­te Pro­blem betrifft die feh­len­de Dau­er­haf­tig­keit des Effekts – in Bäu­men gespei­cher­tes Koh­len­di­oxid ist dort nur für eine begrenz­te Zeit fixiert und kehrt irgend­wann in die Atmo­sphä­re zurück. Ein drit­tes Pro­blem ist die bis heu­te unbe­frie­di­gen­de Mess­bar­keit der tat­säch­lich gespei­cher­ten CO2-Men­ge. Bei dem hoch­kom­ple­xen Sys­tem Wald, das den Wald­bo­den mit ein­schließt, kön­nen die Schät­zun­gen mit sehr gro­ßen Feh­lern behaf­tet sein.
Es wäre also viel ein­fa­cher und siche­rer, ange­mes­se­ne Prä­mi­en nur für das Nicht­ab­hol­zen von Wald zu zah­len. Dies läuft jedoch der »Geschäfts¬idee« des pri­va­ten Han­dels mit Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten zuwi­der, einer Idee, die einer­seits die per­sön­li­che Berei­che­rung bestimm­ter Akteu­re ermög­licht und ande­rer­seits Indus­trie­un­ter­neh­men das Schlupf­loch bie­tet, statt teu­rer tech­ni­scher Maß­nah­men zur Redu­zie­rung des CO2-Aus­sto­ßes, bil­li­ge Zer­ti­fi­ka­te zu kau­fen. Selbst das Han­dels­blatt kam im Jahr 2010 zur der Auf­fas­sung: »Spe­ku­lan­ten, Ener­gie­kon­zer­ne und Kri­mi­nel­le berei­chern sich hem­mungs­los an CO2-Zer­ti­fi­ka­ten«. Der Han­del mit die­sen Papie­ren wächst wei­ter­hin an. Laut der NGO »Car­bon­mar­ket­watch« ist damit zu rech­nen, dass sich in der EU bis 2020 etwa 1,3 Mil­li­ar­den nicht genutz­te Emis­si­ons­rech­te ange­sam­melt haben wer­den. Es sprä­che also vie­les dafür, den Kli­ma- und den Wald­schutz nicht den Kräf­ten des Mark­tes zu über­las­sen.

Über Lei­chen

Neben der zwei­fel­haf­ten Wirk­sam­keit des REDD+-Programms bezüg­lich der Schutz­zie­le häu­fen sich Kla­gen über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, die in die­sem Zusam­men­hang immer öfter auf­tre­ten. Dabei gehen Miss­ach­tun­gen der soge­nann­ten WSK-Rech­te, also der von den Ver­ein­ten Natio­nen ver­brief­ten wirt­schaft­li­chen, sozia­len und kul­tu­rel­len Rech­te, ein­her mit der Bedro­hung, Inhaf­tie­rung, Ermor­dung von Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten. Die Ermor­dung von Ber­ta Cáce­res, der inter­na­tio­nal bekann­ten Koor­di­na­to­rin der hon­du­ra­ni­schen Indi­ge­nen­or­ga­ni­sa­ti­on COPINH, die kürz­lich welt­weit Empö­rung her­vor­ge­ru­fen hat­te, ist ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel dafür. Dabei scheint der Mord an ihr am 3. März der Auf­takt zu einem Gene­ral­an­griff gegen die Füh­rungs­kräf­te wider­stän­di­ger zivil­ge­sell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen in Hon­du­ras gewe­sen zu sein. An einem ein­zi­gen Tag, am 15. März 2016, wur­de ein wei­te­res Füh­rungs­mit­glied von COPINH ermor­det, erfolg­te ein Mord­ver­such an der Koor­di­na­to­rin von »La Via Cam­pe­si­na« und zwei Akti­vis­ten wur­den inhaf­tiert. Hon­du­ras wird seit dem Putsch von 2009 von einer ultra­rech­ten Regie­rung beherrscht, erfreut sich aber des­sen unge­ach­tet deut­scher »Ent­wick­lungs-« und Inves­ti­ti­ons­hil­fen.
Die Hälf­te des Ter­ri­to­ri­ums von Hon­du­ras ist mit Wald bedeckt, und das Land weist eine der höchs­ten Abhol­zungs­ra­ten auf – ein Para­de­bei­spiel für REDD+, den Mag­da­le­na Heu­wie­ser in ihrem Buch »Grü­ner Kolo­nia­lis­mus in Hon­du­ras« anschau­lich darstellt.8 Heu­wie­ser gibt die Sicht von COPINH wie­der, der­zu­fol­ge das REDD+-Programm eine Mer­kan­ti­li­sie­rung der Wäl­der, der Natur und des Lebens bedeu­tet, da der Wald nur hin­sicht­lich sei­ner Kapa­zi­tät der CO2-Auf­nah­me wert­ge­schätzt und ver­wer­tet wird. Die Indi­ge­nen­or­ga­ni­sa­ti­on setzt die REDD-Pro­jek­te den Berg­bau­kon­zes­sio­nen gleich, die zur Ein­schrän­kung der wirt­schaft­li­chen, ernäh­rungs­spe­zi­fi­schen, poli­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Sou­ve­rä­ni­tät indi­ge­ner Bevöl­ke­rungs­grup­pen füh­ren.
Auch wenn die welt­wei­ten Kämp­fe zivil­ge­sell­schaft­li­cher Initia­ti­ven und indi­ge­ner Orga­ni­sa­tio­nen für Kli­ma­ge­rech­tig­keit und den Erhalt der Umwelt zuneh­men, ist es, wenn man die punk­tu­el­len Erfol­ge dazu ins Ver­hält­nis setzt, doch ein Kampf von David gegen Goli­ath. Dass eine glo­ba­le Rezes­si­on mehr zur Redu­zie­rung des CO2-Aus­sto­ßes bei­trägt als diver­se halb­her­zi­ge Kli­ma­schutz­maß­nah­men ist mitt­ler­wei­le eine Bin­sen­weis­heit. Das glei­che trifft wahr­schein­lich auf die Ver­min­de­rung der Ent­wal­dungs­ra­te zu. Im Ver­gleich zum Vor­kri­sen­jahr 2007 war die glo­ba­le Holz­ge­win­nung in den Jah­ren 2008 und 2009 um 8,5 bzw. 16 Pro­zent redu­ziert. Das sind hand­fes­te, wenn­gleich sehr schrä­ge Bewei­se dafür, dass zur Bekämp­fung von Wald­ver­lust und Kli­ma­wan­del das soge­nann­te Degrowth-Kon­zept am erfolg­ver­spre­chends­ten sein dürf­te, also ein Kon­zept, das den Res­sour­cen­ver­brauch ein­friert und schritt­wei­se her­un­ter­fährt, statt ein Wachs­tum des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts zur Vor­aus­set­zung für das Wohl­erge­hen der Bevöl­ke­rung zu erklä­ren. Das hat weder etwas mit glo­ba­len Rezes­sio­nen noch mit einer Ver­elen­dungs­theo­rie zu tun, wohl aber mit einem kon­se­quen­ten Abschied von fal­schen Anrei­zen und, bei einem Teil der Bevöl­ke­rung, über­stei­ger­ten Bedürf­nis­sen. Wie das Bei­spiel Kuba zeigt, das Anfang der 1990er Jah­re eine extre­me und zugleich unfrei­wil­li­ge Degrowth-Pha­se durch­lebt hat, kann ein sol­cher Wan­del nur in einem Kli­ma gesell­schaft­li­cher Soli­da­ri­tät gestal­tet wer­den, also etwas, das nicht mit dem Sys­tem zusam­men­passt, in dem wir der­zeit leben.
Das mit kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­kri­sen ver­bun­de­ne Aus­blei­ben von Wirt­schafts­wachs­tum trifft bekannt­lich die ärms­ten Schich­ten am här­tes­ten und bie­tet den Mäch­ti­gen zugleich Mög­lich­kei­ten für eine wei­te­re Umver­tei­lung des Reich­tums. Sol­che Ent­wick­lun­gen ste­hen im schar­fen Kon­trast zu einer wahr­haft nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung, die Pame­la Stri­cker in ihrem Buch über Kubas Umwelt- und Land­wirt­schafts­po­li­tik als eine durch sozia­le Gerech­tig­keit cha­rak­te­ri­sier­te Ent­wick­lung defi­nier­te, die zwei Aspek­te kom­bi­niert: die Deckung der mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­se, ver­bun­den mit der Schaf­fung der Vor­aus­set­zun­gen zur Ent­wick­lung der per­sön­li­chen Fähigkeiten.9 Hin­ge­gen sind Lösungs­ver­su­che für die hier ange­spro­che­nen Umwelt­pro­ble­me, die auf res­sour­cen­spa­ren­de Tech­no­lo­gi­en set­zen, dann zum Schei­tern ver­ur­teilt, wenn dies ent­kop­pelt von den not­wen­di­gen gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen geschieht. Denn so wer­den es nur wei­te­re Bei­spie­le für Jevons’ Para­do­xon sein. Der bri­ti­sche Öko­nom Wil­liam Stan­ley Jevons schil­der­te in sei­nem 1865 erschie­ne­nen Buch »The Coal Ques­ti­on« (Die Koh­le­fra­ge), dass trotz der Ein­füh­rung von deut­lich ener­gie­ef­fi­zi­en­te­ren Dampf­ma­schi­nen, der Koh­le­ver­brauch wei­ter anstieg, ein Phä­no­men, das für ande­re Ver­su­che, nur durch tech­no­lo­gi­sche Neue­run­gen Res­sour­cen ein­zu­spa­ren, immer wie­der beob­ach­tet wur­de. Mit den Wald­ver­lus­ten in der heu­ti­gen Zeit könn­te es ähn­lich aus­se­hen.

Anmer­kun­gen

1 REDD steht für Redu­cing Emis­si­ons from Defo­re­sta­ti­on and Degra­da­ti­on (Redu­zie­rung der durch Abhol­zung und Zer­stö­rung ver­ur­sach­ten Emis­sio­nen ).
2 World defo­re­sta­ti­on slows down as more forests are bet­ter mana­ged. Pres­se­mit­tei­lung der FAO vom 7.9.2015
3 FAO (2015): Glo­bal Forest Resour­ces Assess­ment 2015. Desk Refe­rence,
4 Res­ur­gence in glo­bal wood pro­duc­tion. Pres­se­mit­tei­lung der FAO vom 18.12.2015
5 ECCHR (2014) Fall­be­schrei­bung Dan­zer
6 Klaus Peder­sen: Natur­schutz und Pro­fit. Men­schen zwi­schen Ver­trei­bung und Natur­zer­stö­rung. Unrast-Ver­lag, Müns­ter 2008
7 www.redd-monitor.org/redd-an-introduction
8 Mag­da­le­na Heu­wie­ser: Grü­ner Kolo­nia­lis­mus in Hon­du­ras. Pro­me­dia-Ver­lag, Wien 2015
9 Pame­la Stri­cker: Toward a Cul­tu­re of Natu­re. Envi­ron­men­tal Poli­cy and Sustainab­le Deve­lop­ment. Lex­ing­ton Books 2007
*Wer­te nach dem Erschei­nen in der „jun­gen Welt“ leicht kor­ri­giert, mit Dank an Herrn Jens Dör­schel vom Deut­schen Pel­le­t­in­sti­tut GmbH Ber­lin für die Hin­wei­se
Erschie­nen in „jun­ge Welt“ am am 22.3.2016

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