Phos­phor: Fluch und Segen eines Ele­ments

von Peter Clausing

Der euro­päi­sche Phos­phor­zy­klus könn­te voll­stän­dig geschlos­sen wer­den, wenn die impor­tier­ten che­mi­schen Phos­phat­dün­ger kom­plett gegen bio­lo­gi­sche und recy­cl­te che­mi­sche Phos­ph­or­dün­ger ersetzt wür­den. Damit stie­ge die Was­ser­qua­li­tät in Euro­pa und vie­le ande­re Pro­ble­me wären gelöst. Doch um das zu errei­chen, müss­te das Dik­tat der »Markt­kräf­te« über­wun­den wer­den.

Phos­phor ist ein lebens­not­wen­di­ges che­mi­sches Ele­ment. Sowohl im mensch­li­chen Kör­per als auch in Pflan­zen beträgt sein Anteil zwar nur zir­ka ein Pro­zent. Ohne Phos­phor gäbe es aber kein Leben in sei­ner jet­zi­gen Form. Er ist Bau­stein der Erb­infor­ma­ti­on DNS, von Pro­te­inen und Enzy­men. Die Frei­set­zung und Spei­che­rung von Ener­gie in den Zel­len von Tie­ren und Pflan­zen erfolgt unter obli­ga­to­ri­scher Betei­li­gung von Phos­phor. Im Pflan­zen­bau ist Phos­phor unver­zicht­bar und kann durch nichts ersetzt wer­den. Dar­aus folgt, dass eine Land­wirt­schaft, die nicht auf geschlos­se­nen Kreis­läu­fen basiert, letzt­lich auf Phos­phor­zu­fuhr von außen ange­wie­sen ist. Nach Ver­ar­bei­tung des Roh­phos­phats wird der Phos­phor in pflan­zen­ver­füg­ba­rer Form in den Boden ein­ge­bracht, zumeist als Diphos­phat, das wenig was­ser­lös­lich ist, aber durch Mikro­or­ga­nis­men und die von den Wur­zeln abge­ge­be­nen Säu­ren leicht auf­ge­schlos­sen wer­den kann. Typi­scher­wei­se sind Anbau­sys­te­me, die nicht auf agrar­öko­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en beru­hen, auf den Import von Phos­phor ange­wie­sen, wobei ver­schie­de­ne Indus­trie­län­der anstre­ben, durch gesetz­li­che Rege­lun­gen und tech­no­lo­gi­sche Ein­grif­fe ein gewis­ses Phos­phor­re­cy­cling auf natio­na­ler Ebe­ne auch ohne agrar­öko­lo­gi­schen Anbau zu errei­chen. Von einem halb­wegs voll­stän­di­gen Recy­cling ist man jedoch noch weit ent­fernt, obwohl die glo­ba­len »Phos­phor­sen­ken«, in denen die vom Men­schen aus­ge­brach­ten Phos­phor­men­gen am Ende lan­den (Bin­nen­ge­wäs­ser und Mee­re), längst über­füllt sind.

Pro­duk­ti­ons­ma­xi­mum

Die glo­ba­len Phos­phor­vor­rä­te sind end­lich, und ihre Erschöp­fung ist abseh­bar, so dass ein Recy­cling schon aus die­sem Grund bereits vor Jahr­zehn­ten ver­nünf­tig gewe­sen wäre. Ob dem von der Dün­ge­mit­tel­in­dus­trie zwecks Absatz­si­che­rung Stei­ne in den Weg gelegt wur­den, sei dahin­ge­stellt. Wie lan­ge die Vor­rä­te tat­säch­lich rei­chen wer­den, hängt davon ab, wel­che Lager­stät­ten als abbau­wür­dig betrach­tet und wie erfolg­reich die Bemü­hun­gen um ein Phos­phor­re­cy­cling sein wer­den. In den ein­schlä­gi­gen Lehr­bü­chern ist von hun­dert Jah­ren die Rede. Ähn­lich wie bei »Peak Oil«, dem welt­wei­ten Erd­öl­för­der­ma­xi­mum, ist auch bei einem »Peak Phos­phor« mit einer Ver­teue­rung des Roh­stoffs zu rech­nen, wenn die För­der­kos­ten stei­gen und die Vor­rä­te zur Nei­ge gehen, was sich dann auf die Pro­duk­ti­ons­kos­ten für Nah­rungs­mit­tel aus­wir­ken wird. Dem »Peak«-Konzept liegt die Annah­me zugrun­de, dass die För­de­rung bzw. Gewin­nung des betref­fen­den Roh­stoffs irgend­wann ein his­to­ri­sches Maxi­mum errei­chen wird und die Pro­duk­ti­on danach irrever­si­bel abfällt. Die wich­tigs­ten Lager­stät­ten für Roh­phos­phat (phos­phat­hal­ti­ge Erze) befin­den sich in Nord­afri­ka, aber auch die USA (Flo­ri­da), Russ­land und Chi­na ver­fü­gen über Reser­ven. Zur Zeit lie­gen etwa 75 Pro­zent der bekann­ten Reser­ven in der West­sa­ha­ra, also in jenem Land, das vor 40 Jah­ren von Spa­ni­en unab­hän­gig und anschlie­ßend von Marok­ko völ­ker­rechts­wid­rig annek­tiert wur­de.

Wie bei ande­ren Roh­stof­fen (Erd­öl, Col­tan) sind die Vor­rä­te also in bestimm­ten Regio­nen kon­zen­triert, wor­aus sich in jenen Län­dern, die auf Phos­pha­tim­por­te ange­wie­sen sind, laten­te Begehr­lich­kei­ten und »stra­te­gi­sche Sor­gen« erge­ben. So wur­de Roh­phos­phat 2014 von der EU-Kom­mis­si­on in eine Lis­te von 20 »kri­ti­schen« Roh­stof­fen auf­ge­nom­men, wobei es der ein­zi­ge von der Land­wirt­schaft und der Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie genutz­te Roh­stoff ist. Ein Grund für die Klas­si­fi­zie­rung als kri­ti­scher Roh­stoff dürf­te auch die Preis­ex­plo­si­on für Roh­phos­phat im Jahr 2008 gewe­sen sein. Inner­halb von zwölf Mona­ten war des­sen Welt­markt­preis um das Acht­fa­che ange­stie­gen, wäh­rend die Welt­markt­prei­se für Wei­zen, Mais und Reis sich ver­dop­pel­ten bis ver­drei­fach­ten, was in mehr als 40 Län­dern zu soge­nann­ten Brot­re­vol­ten führ­te. Auch wenn der Anstieg der Lebens­mit­tel­prei­se vor allem durch Spe­ku­la­ti­on an den Roh­stoff­bör­sen bedingt war, ist ein Ein­fuss der zu jener Zeit ver­teu­er­ten land­wirt­schaft­li­chen Inputs (Dün­ge­mit­tel, Die­sel) nahe­lie­gend.

Bei Phos­phorman­gel blei­ben die Blät­ter der Pflan­zen klein und die Erträ­ge nied­rig. Obwohl eine aus exter­nen Quel­len zuge­führ­te mine­ra­li­sche Phos­ph­or­dün­gung nicht nach­hal­tig ist, hat sie einen maß­geb­li­chen Bei­trag zur Stei­ge­rung des glo­ba­len Ern­te­vo­lu­mens in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts geleis­tet. Dabei gibt es sowohl regio­nal als auch über die Zeit gra­vie­ren­de Unter­schie­de in der pro Hekt­ar ein­ge­setz­ten Phos­phor­men­ge. In West­eu­ro­pa wur­den in den letz­ten 40 Jah­ren (1961–2012) durch­schnitt­lich 17 Kilo­gramm Phos­phor pro Hekt­ar und Jahr ein­ge­setzt – der glo­ba­le Spit­zen­wert. Das führ­te neben einer gra­vie­ren­den Umwelt­be­las­tung zu einer Phos­phor­sät­ti­gung der Böden. Bemü­hun­gen, den Phos­phor­ver­brauch zu sen­ken, waren erfolg­reich, aber nicht aus­rei­chend. Es wur­de erreicht, dass in West­eu­ro­pa von 2008 bis 2012 im Durch­schnitt nur noch vier Kilo­gramm Phos­phor pro Hekt­ar zum Ein­satz kamen. Im Gegen­satz dazu hat sich die durch­schnitt­lich aus­ge­brach­te Men­ge in Nord- und Süd­ame­ri­ka in den letz­ten Jah­ren ver­dop­pelt und liegt der­zeit bei mehr als sie­ben Kilo­gramm pro Hekt­ar und Jahr. Hin­ter die­sen Ver­än­de­run­gen ver­birgt sich zum Teil die Tat­sa­che, dass die EU in die­sem Punkt auf Kos­ten ande­rer lebt, denn rund 15 Pro­zent des Phos­phors wur­den in Form von Fut­ter­mit­teln impor­tiert. Mit ande­ren Wor­ten, der Phos­ph­or­dün­ger wird in den »Soja­re­pu­bli­ken« (Argen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Para­gu­ay) auf die Fel­der gebracht und das dar­aus her­ge­stell­te Tier­fut­ter an Rin­der, Schwei­ne und Geflü­gel in der EU ver­ab­reicht. Die Sta­tis­tik für den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent weist von 1961 bis 2012 durch­gän­gig weni­ger als 500 Gramm Phos­phor pro Hekt­ar und Jahr aus. Wie in vie­len ande­ren Fäl­len auch ist es so, dass jener Kon­ti­nent, der über die größ­ten Reser­ven ver­fügt, den weit­aus gerings­ten Ein­satz die­ses Roh­stoffs auf­weist. In die­sem spe­zi­el­len Fall könn­te man das aber trotz­dem eher als Chan­ce denn als Nach­teil betrach­ten, wenn die dor­ti­gen Bemü­hun­gen zur Umstel­lung der Pro­duk­ti­on auf geschlos­se­ne agro­öko­lo­gi­sche Sys­te­me nicht finanz­schwa­chen loka­len Initia­ti­ven und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen über­las­sen blie­ben, son­dern zum För­der­schwer­punkt einer Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit wer­den wür­den, die die­sen Namen auch ver­dient.

Umwelt­schä­den

In der EU hin­ge­gen sind die Ver­hält­nis­se genau umge­kehrt: Den oben erwähn­ten Sor­gen um einen kon­ti­nu­ier­li­chen Zugang zur stra­te­gi­schen Res­sour­ce Roh­phos­phat steht ein Zuviel an Phos­phat in Gewäs­sern und Böden gegen­über. Aus einer für 2005 berech­ne­ten EU-Bilanz (2.659 Kilo­ton­nen Phos­phor) geht her­vor, dass davon zehn Pro­zent den Abfäl­len der Lebens­mit­tel­ver­ar­bei­tung und 26 Pro­zent den kom­mu­na­len Abwäs­sern geschul­det sind. Geschätz­te 31 Pro­zent die­ser Men­ge rei­cher­te sich in den Böden an. Die Fol­gen sind die soge­nann­te Eutro­phie­rung (Nähr­stoff­an­rei­che­rung) der Gewäs­ser und ein Ver­lust an bio­lo­gi­scher Viel­falt. Die Eutro­phie­rung der Gewäs­ser, an der neben Phos­phat auch Stick­stoff betei­ligt ist, führt zum Ver­lust an Sauer­stoff, so dass nur weni­ge Fische und ande­re Tier­ar­ten in den Gewäs­sern leben kön­nen oder es gar zu einem aku­ten Ster­ben nach einer Algen­blü­te kommt. Die kon­kre­te Belast­bar­keit eines Gewäs­sers wird jedoch stark von sei­nem ursprüng­li­chen Zustand und dem in ihm leben­den Öko­sys­tem bestimmt. So ist bekannt, dass phos­pho­r­ar­me alpi­ne Berg­se­en extrem emp­find­lich gegen­über einem zusätz­li­chen Phos­phor­ein­trag (die Anrei­che­rung von Phos­phor; jW) sind. In den Nie­der­lan­den gel­ten 0,1 Mil­li­gramm Phos­phor pro Liter Was­ser als kri­ti­scher Grenz­wert für die Gefahr einer Eutro­phie­rung. Eine Akku­mu­la­ti­on im Boden hat neben dem Abschwem­men des Phos­phats in die Gewäs­ser zur Fol­ge, dass sich eini­ge phos­phor­lie­ben­de Pflan­zen­ar­ten über­mä­ßig aus­brei­ten und dabei vie­le ande­re Arten ver­drän­gen. Es ist vor­stell­bar, dass dies zu jener Ket­ten­re­ak­ti­on bei­trägt, die vor allem als Fol­ge des Ein­sat­zes von Gly­pho­sat bekannt ist: Die Ver­ar­mung der Pflan­zen­viel­falt ent­zieht vie­len Insek­ten­ar­ten, ein­schließ­lich Nutz­in­sek­ten, die Nah­rung, was län­ger­fris­tig auch als nah­rungs­be­ding­ter Bestands­rück­gang bei bestimm­ten Vogel­ar­ten spür­bar wird.
An die­ser Stel­le sei erwähnt, dass die Phos­phat­be­las­tung der Umwelt nicht nur aus der Anwen­dung als Dün­ge­mit­tel resul­tiert. Als wei­te­re Quel­le sind indus­tri­el­le Pro­zes­se zu nen­nen. Ins­be­son­de­re bei der Stahl­pro­duk­ti­on ein­schließ­lich der dazu­ge­hö­ri­gen Erz­auf­be­rei­tung kön­nen gro­ße Men­gen Phos­phor frei­ge­setzt wer­den, wenn die Erze ent­spre­chend belas­tet sind. Am bekann­tes­ten dürf­te jedoch der Phos­phor­ein­trag durch die Ver­wen­dung von Phos­pha­ten in Wasch- und Spül­mit­teln sein. Auch wenn die­se Pro­duk­te in West­eu­ro­pa und Nord­ame­ri­ka inzwi­schen durch das umwelt­freund­li­che­re Zeo­lith ersetzt wur­den, sind phos­phat­hal­ti­ge Mit­tel in Ost­eu­ro­pa, Süd­ame­ri­ka, Asi­en und Afri­ka wei­ter­hin auf dem Markt. Die glo­ba­le jähr­lich frei­ge­setz­te Men­ge an Phos­phor aus die­ser Quel­le ist aller­dings von 1,2 Mega­ton­nen im Jahr 2007 auf 0,8 Mega­ton­nen im Jahr 2012 geschrumpft.

Einer Stu­die der in Kopen­ha­gen ansäs­si­gen Euro­päi­schen Umwelt­agen­tur zufol­ge gab es im Lau­fe der Zeit eine Ver­schie­bung von den soge­nann­ten Punkt­quel­len zu dif­fu­sen Quel­len des Phos­phor­ein­trags in die Flüs­se. Punkt­quel­len sind vor allem Abwas­ser­ein­lei­tun­gen aus Indus­trie und Haus­hal­ten. Die wich­tigs­te dif­fu­se Quel­le des Phos­phor­ein­trags ist die Land­wirt­schaft, nicht nur durch den Ein­satz von Mine­ral­dün­gern, son­dern auch durch die Aus­brin­gung von Dung bzw. Gül­le. Die rela­ti­ve Ver­schie­bung von Punkt- zu dif­fu­sen Quel­len sagt zwar nichts über die ein­ge­tra­ge­nen Men­gen, weist aber trotz regio­na­ler Unter­schie­de auf eine zuneh­men­de Ver­bes­se­rung der Abwas­ser­be­hand­lung im euro­päi­schen Maß­stab hin.

Gesund­heit­li­che Fol­gen

Ein wenig beach­te­ter Aspekt sind die Aus­wir­kun­gen von Phos­phor auf die Gesund­heit. Men­schen neh­men Phos­phor ver­mehrt auf, wenn sie Fleisch und Fer­tig­nah­rung kon­su­mie­ren. Gefähr­det sind ins­be­son­de­re Per­so­nen mit Nie­ren­schä­den, bei denen dann der über die Nah­rung auf­ge­nom­me­ne Phos­phor unge­nü­gend aus­ge­schie­den wird, so dass es zu erhöh­ten Wer­ten im Blut kommt. Sol­che erhöh­ten Phos­phor­wer­te wur­den inzwi­schen als Risi­ko­fak­tor bei Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen iden­ti­fi­ziert. Ins­be­son­de­re wird ihnen eine ver­stär­ken­de Wir­kung bei der Arte­ri­en­ver­kal­kung zuge­spro­chen. Nach­dem Natri­um­ver­bin­dun­gen unter ande­rem wegen die­ser Herz-Kreis­lauf-Effek­te als Zusatz­stof­fe für Nah­rungs­mit­tel in Ver­ruf gerie­ten bzw. ver­bo­ten wur­den, neh­men nun Phos­pha­te ihre Posi­ti­on ein und zei­gen ähn­li­che Neben­wir­kun­gen. Aus den Ver­pa­ckun­gen geht das nur ver­schlüs­selt her­vor – in Form der berühmt-berüch­tig­ten E-Codes, z. B. E 339 (Natri­um­p­hos­phat), E 340 (Kali­um­p­hos­phat) und E 341 (Kal­zi­um­p­hos­phat). Die­se Ver­bin­dun­gen wer­den in gro­ßem Umfang als Kon­ser­vie­rungs­mit­tel, Säu­re­mit­tel, Puf­fer, Emul­ga­to­ren, Sta­bi­li­sa­to­ren und Geschmacks­ver­stär­ker ein­ge­setzt. Die Her­stel­ler sind nicht zu Men­gen­an­ga­ben auf den Eti­ket­ten ver­pflich­tet, so dass es für Men­schen aus Risi­ko­grup­pen (Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen, Dia­be­tes, chro­ni­sche Nie­ren­krank­hei­ten) schwie­rig ist, wis­sens­ba­sier­te Kauf­ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

Die Ver­ar­bei­tung von phos­phat­hal­ti­gem Gestein zu che­mi­schem Dün­ger beinhal­tet noch ein wei­te­res Pro­blem für Gesund­heit und Umwelt: Bestimm­te Lager­stät­ten sind mit Schwer­me­tal­len belas­tet, die so auf die gedüng­ten Acker­flä­chen gelan­gen. Eine Kad­mi­um­kon­zen­tra­ti­on von 60 Mil­li­gramm pro Kilo­gramm Diphos­phat wur­de als kri­tisch bezüg­lich einer mög­li­chen Anrei­che­rung im Acker­bo­den (mit anschlie­ßen­dem Trans­fer in die Nah­rungs­pflan­zen) iden­ti­fi­ziert.

Man­geln­de Regu­lie­rung

Es gibt also vie­le Grün­de, die exter­ne Zufüh­rung von Phos­phat so gering wie mög­lich zu hal­ten. Doch anders als beim Stick­stoff gibt es kei­ne EU-Direk­ti­ve, die den Ein­satz von Phos­phor in der Land­wirt­schaft bzw. des­sen Ver­rin­ge­rung regu­liert. Bis­her blieb es den Mit­glieds­län­dern über­las­sen, ob sie gesetz­li­che Rege­lun­gen ein­füh­ren oder nicht. In Deutsch­land kommt die Dün­ge­ver­ord­nung von 2007 zu Anwen­dung, die unter ande­rem vor­schreibt, dass alle sechs Jah­re der Phos­ph­or­ge­halt des Bodens zu bestim­men ist, um zu sichern, dass die Phos­phor­bi­lanz (Phos­phor­ein­trag in den Boden minus Phos­pho­r­ent­nah­me aus dem Boden in Form geern­te­ter Pflan­zen) 20 Kilo­gramm Diphos­phat pro Hekt­ar nicht über­schrei­tet. In der Fach­li­te­ra­tur wird kri­ti­siert, dass die Berech­nung die­ser Bilanz ver­schwom­men defi­niert und schwer zu veri­fi­zie­ren ist. Auch die Berech­nung des kon­kre­ten Phos­phor­be­darfs eines Pflan­zen­be­stan­des ist alles ande­re als tri­vi­al, ins­be­son­de­re bei Böden, in denen sich Phos­phor über die Jahr­zehn­te ange­rei­chert hat – so wie in West­eu­ro­pa. Die Effi­zi­enz der Phos­phor­auf­nah­me hängt nicht nur von der Boden­struk­tur und der Pflan­zen­art ab. Sie kann auch zwi­schen ver­schie­de­nen Sor­ten inner­halb einer Pflan­zen­art stark vari­ie­ren, und die ertrags­stei­gern­de Wir­kung des aus­ge­brach­ten Dün­gers nimmt in dem Maße ab, in dem der behan­del­te Boden bereits über Phos­phor­re­ser­ven ver­fügt. Des­halb kann die tat­säch­li­che Phos­phor­auf­nah­me im kon­kre­ten Fall erheb­lich von dem in Modell­ver­su­chen ermit­tel­ten Phos­phor­quo­ti­en­ten abwei­chen, der beschreibt, wie­viel Pro­zent der aus­ge­brach­ten Phos­phor­men­ge durch die jewei­li­ge Kul­tur auf­ge­nom­men wer­den. Es ist also nach wie vor schwie­rig, eine maß­ge­schnei­der­te Dün­ge­emp­feh­lung zu berech­nen, und das Mode­wort »Prä­zi­si­ons­land­wirt­schaft« beschreibt eher das Ziel als den bis­her erreich­ten Zustand. Ein wich­ti­ger, die Phos­phor­auf­nah­me beein­flus­sen­der Fak­tor sind außer­dem die Mikro­or­ga­nis­men des Bodens, die zum Teil mit dem Wur­zel­ge­flecht in Sym­bio­se leben und die Pflan­zen­ver­füg­bar­keit des Phos­phors maß­geb­lich beein­flus­sen. Für das Her­bi­zid Gly­pho­sat, das von Mon­s­an­to auch wegen sei­ner anti­bio­ti­schen Wir­kung paten­tiert wur­de und von dem jähr­lich mehr als 5.000 Ton­nen auf den deut­schen Äckern lan­den, ist bekannt, dass es die Mikro­flo­ra des Bodens schä­digt. Des­halb ist gut vor­stell­bar, dass die­ses Pflan­zen­gift die Effi­zi­enz der Phos­phor­auf­nah­me nach­hal­tig nega­tiv beein­flusst, auch wenn es dazu bis­lang noch kei­ne kon­kre­ten Stu­di­en gibt.

Lösungs­an­sät­ze

Um den uner­wünsch­ten Phos­phor­ein­trag in die Umwelt zu redu­zie­ren, gibt es, wie oben erwähnt, zwei Wege: ers­tens die Behand­lung der Abwäs­ser mit dem Ziel, Phos­phat und ande­re Stof­fe zurück­zu­hal­ten, und zwei­tens die Redu­zie­rung der dif­fu­sen Phos­phor­ein­trä­ge, die in ers­ter Linie durch die Land­wirt­schaft ver­ur­sacht wer­den. Begin­nend im 19. Jahr­hun­dert wur­den die kom­mu­na­len Abwäs­ser über Ver­rie­se­lung ent­sorgt. Die zuneh­mend nähr­stoff­rei­chen Rie­sel­fel­der wur­den häu­fig zur Pro­duk­ti­on von Gemü­se genutzt. Spä­ter nutz­te man Klär­an­la­gen und arbei­te­te deren Schläm­me in den Boden ein. Zuneh­men­de Beden­ken wegen der Belas­tung durch Bak­te­ri­en und che­mi­sche Rück­stän­de, ins­be­son­de­re Schwer­me­tal­le, führ­ten zu Ein­schrän­kun­gen bis hin zum Ver­bot einer direk­ten Aus­brin­gung von Klär­schlamm. Statt des­sen wird nun­mehr ver­sucht, wert­vol­le Stof­fe aus dem Klär­schlamm zu iso­lie­ren. Dazu zäh­len ver­schie­de­ne Tech­no­lo­gi­en zur direk­ten Extrak­ti­on von Phos­phor, die in den letz­ten zehn Jah­ren ent­wi­ckelt wur­den. Das bevor­zug­te Ver­fah­ren ist die Aus­kris­tal­li­sie­rung von Phos­phor aus der Flüs­sig­pha­se des Klär­schlamms in Form von Ammo­ni­um­ma­gne­si­um­p­hos­phat (Stru­vit). Stru­vit ist ein Dün­ge­mit­tel mit lang­sa­mer Frei­set­zung und aus­ge­zeich­ne­ter Pflan­zen­ver­füg­bar­keit. Doch einer halb­wegs flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung sol­cher Tech­no­lo­gi­en, mit denen der Phos­phor­be­darf der euro­päi­schen Land­wirt­schaft wei­test­ge­hend gedeckt wer­den könn­te, ste­hen die »Markt­kräf­te« ent­ge­gen. Von der kurz­zei­ti­gen Preis­ex­plo­si­on im Jahr 2008 abge­se­hen, sind Dün­ge­mit­tel aus phos­phat­hal­ti­gen Erzen noch immer bil­li­ger als jene, die umwelt­scho­nend aus Klär­schlamm gewon­nen wer­den. Und auch »Bau­er Wil­li«, der die Ver­brau­cher auf­ruft, die Fin­ger von güns­ti­gen Lebens­mit­teln zu las­sen, bevor­zugt selbst die bil­li­gen Dün­ge­mit­tel (jun­ge Welt, Bei­la­ge »Land & Wirt­schaft«, 10.8.2016, S. 5).

Noch schwie­ri­ger ist der Umgang mit den dif­fu­sen Phos­phor­ein­trä­gen. Neben den Schwie­rig­kei­ten, die benö­tig­te Phos­phor­men­ge genau zu dosie­ren, um eine Akku­mu­la­ti­on in den Böden zu ver­hin­dern, gibt es zwei wei­te­re gro­ße Pro­ble­me. Das ers­te ist der Phos­phor­über­schuss in Regio­nen mit hoher Nutz­tier­dich­te. Die dort anfal­len­den Exkre­men­te (Gül­le, Dung) wer­den bis zur Belas­tungs­gren­ze auf umlie­gen­de Äcker aus­ge­bracht oder, wenn das nicht mehr mög­lich ist, mit hohem Trans­port­auf­wand in ande­re Regio­nen ver­bracht. Die öko­lo­gi­sche Sinn­lo­sig­keit die­ses Sys­tems liegt auf der Hand. Die logi­sche Schluss­fol­ge­rung, näm­lich geschlos­se­ne Stoff­kreis­läu­fe zu eta­blie­ren, drängt sich förm­lich auf. Das könn­te durch eine sub­stan­ti­el­le För­de­rung agrar­öko­lo­gi­scher Anbau­sys­te­me erreicht wer­den, ver­bun­den mit For­schungs­in­ves­ti­tio­nen, poli­tisch gestal­te­ten Erzeu­ger­prei­sen und dem Auf­bau von Bera­tungs­diens­ten. Das zwei­te Pro­blem sind die Lang­zeit­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels. Für das nörd­li­che Euro­pa pro­gnos­ti­ziert der Welt­kli­ma­rat eine Zunah­me von Nie­der­schlä­gen und extre­men Wet­ter­ereig­nis­sen. Nicht nur Stark­re­gen ver­ur­sacht Ero­si­on und damit den Trans­fer von Phos­phor und Stick­stoff in Flüs­se und Mee­re. Die immer häu­fi­ger auf­tre­ten­den Hoch­was­ser­er­eig­nis­se sind auch in die­ser Bezie­hung ein Pro­blem, denn durch sie wer­den jene Phos­ph­at­men­gen, die sich über die Jahr­zehn­te in Ufer­re­gio­nen und Fluss­bet­ten abge­la­gert haben, aus­ge­wa­schen. Auch in die­sem Kon­text ist von Bedeu­tung, dass agrar­öko­lo­gi­sche Anbau­sys­te­me kli­ma­güns­ti­ger funk­tio­nie­ren als kon­ven­tio­nel­le.

Der bestehen­de Hand­lungs­be­darf wird von Oscar Scho­u­mans und sei­nen Mit­au­toren wie folgt beschrie­ben: »Der euro­päi­sche Phos­phor­zy­klus könn­te voll­stän­dig geschlos­sen und die euro­päi­sche Was­ser­qua­li­tät ver­bes­sert wer­den, wenn die impor­tier­ten che­mi­schen Phos­phat­dün­ger kom­plett gegen bio­lo­gi­sche und che­mi­sche Phos­ph­or­dün­ger ersetzt wer­den wür­den, die den Abfall­strö­men ent­zo­gen wur­den.«* Doch um das zügig zu errei­chen, müss­te das Dik­tat der »Markt­kräf­te« über­wun­den wer­den.

* Scho­u­mans, O. F./Bouraoui, F./Kabbe, C./Oenema, O./van Dijk, K. C.: Phos­pho­rus manage­ment in Euro­pe in a chan­ging world, in: AMBIO (2015), No. 44, Sup­pl. 2, S. 188 (Über­set­zung P. C.)

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