Mexiko-Lateinamerika: Tödliche Pestizide
von Alfredo Acedo* (Quito, 14. Oktober 2011, alai).- Der grün und ockerfarben gemusterte Teppich des Valle del Yaqui ist zwar schön anzusehen, er verbirgt jedoch eine Tragödie, die sich in dieser Region abspielt. Unter dem kapitalistischen Landwirtschaftsmodell wurden hier über 50 Jahre intensiv Pflanzenschutzmittel eingesetzt, wodurch Wasser, Böden und Luft verschmutzt und die Region damit praktisch zerstört wurde. Doch nicht nur die Natur trägt die verheerenden Konsequenzen. Die unverantwortlichen Praktiken haben auch Menschenleben gefordert. Vergiftungssymptome nach der Feldarbeit Das im Süden des nordöstlichen Bundesstaats Sonora gelegene Tal erstreckt sich über ein Gebiet von mehr als 225.000 Hektar und wird hauptsächlich schwerkraftbewässert. Dort werden vor allem Weizen (65 Prozent der mexikanischen Weizenproduktion), Mais, Wolle, Gemüse und Grünfutter angebaut. Ich bin in einem kleinen Dorf südlich der Stadt Obregón inmitten der Anbauflächen geboren und habe bis zur Pubertät dort gelebt. Oft sah ich meinen Vater mit Vergiftungssymptome von der Arbeit heimkehren. Er arbeitete mit verschiedenen Maschinen, wie zum Beispiel Traktoren, die Pestizide,...
Lesezeit: 7 MinutenPeak Soil: Bodenzerstörung und Nahrungsmittelkrise
Von Peter Clausing In dem Beitrag „Peak Soil: Soil Destruction and the Food Crisis“ in der Ausgabe Nr. 38/39 von „local land & soil news“ (2011) geht es um die globale Bodendegradation und deren mögliche Umkehr. Der Begriff „Peak Soil“ ist eine semantische Ableitung von „Peak Oil“, aber zwischen diesen beiden Begriffen besteht ein wesentlicher Unterschied: Während es unmöglich ist, fossile Energie zu „erneuern“ (außer in geologischen Zeiträumen), ist es möglich, viele degradierte Böden innerhalb eines menschlichen Zeithorizonts zu restaurieren, vorausgesetzt der politische Wille existiert und es würden die entsprechenden Kenntnisse angewendet und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
Lesezeit: < 1 MinuteNeoliberale Scheinlösungen (Rezension)
Der Gentechnik-Befürworter Paul Collier macht Vorschläge zur Rettung der Welt Peter Clausing Der britische Ökonomieprofessor Paul Collier nimmt in seinem im Mai in deutscher Übersetzung erschienenen Buch »Der hungrige Planet« für sich in Anspruch, »Ideen aus der präzisen, aber schwer verständlichen Sprache der modernen Wirtschaftswissenschaft in eine Form zu übersetzen, die auch außerhalb des engen Zirkels von Fachleuten gelesen werden kann« (S. 14). Das ist ihm gelungen: Der Vereinfachungsgrad des Buches liegt auf BILD-Niveau. In dem Werk wimmelt es von simplen Antworten auf noch simplere Fragen – vermutlich mit ein Grund, warum Collier zu den Bestsellerautoren im Sachbuchbereich gehört. Doch bei falsch gestellten Fragen werden die Antworten auch nicht richtiger, trotz der ausgefeilten Computersimulationen, auf die Collier so häufig Bezug nimmt. Ab und zu werden korrekt beschriebene Sachverhalte mit weniger korrekten Schlußfolgerungen gekoppelt, so daß man unwillkürlich an Georg Christoph Lichtenbergs Aphorismus »Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt« denken muß. Meist geht es im Buch also sehr einfach zu....
Lesezeit: 4 MinutenIm Wettlauf gegen die Zeit
von Peter Clausing Bodenerosion und Welternährung Auch wenn, trotz über einer Milliarde hungernder Menschen, derzeit genügend Nahrung für die gesamte Weltbevölkerung produziert wird, zeichnet sich für die kommenden Jahrzehnte eine erhebliche Diskrepanz ab. Im Vergleich zu 1990 wird sich einerseits die globale landwirtschaftliche Nutzfläche bis 2025 um geschätzte 82 Millionen Hektar und damit um zehn Prozent vergrößern. Diese Erweiterung steht jedoch einem erwarteten Bevölkerungszuwachs von 60 Prozent in dem gleichen 35-Jahres-Zeitraum gegenüber. Zudem geht der Gewinn an landwirtschaftlicher Nutzfläche häufig mit der Zerstörung von Wäldern einher. Parallel dazu spielt sich eine stille Katastrophe sozusagen direkt unter unseren Füßen ab: Schätzungen zufolge sind weltweit 25 Prozent des Bodens von Degradation betroffen. 1 Dieser ernüchternden Statistik zum Trotz ist Weltuntergangsstimmung fehl am Platz. In seinem jüngsten Bericht an die UN-Vollversammlung schreibt der Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, dass die Kleinbauern des Südens, also dort, wo chronischer Hunger am stärksten präsent ist, innerhalb von zehn Jahren ihre Nahrungsmittelproduktion verdoppeln...
Lesezeit: 4 MinutenFür den Erhalt des freien Saatguts
Aktivisten überreichen 50 000 Unterschriften gegen Reform in Brüssel. Am 17. und 18. April fanden in Brüssel die ersten europäischen Saatguttage statt. (Hinweis: am Ende waren es 58.000 Unterschriften) Von Peter Clausing Es wimmelte am Sonntag in der Maison de la Paix im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Das Kulturzentrum hatte sich für einen Tag in die erste europäische Saatguttauschbörse verwandelt und beherbergte ferner einen halbtägigen internationalen Meinungsaustausch zum Thema Saatgutgesetzgebung. 30 Erhaltungsinitiativen für bedrohte, nichtkommerzielle Gemüse- und Getreidesorten aus zwölf europäischen Ländern, der Türkei und Indien hatten ihre Stände aufgebaut, rund 500 Besucher und Teilnehmer folgten der Einladung. Der Grund für die Mobilisierung ist die drohende Verschärfung des europäischen Saatgutrechts, die zu einer Illegalisierung der Verbreitung freier Sorten führen könnte. Der zum Teil erhebliche Einfluss, den die europäische Saatgutgesetzgebung bereits in der Vergangenheit auf internationale Abkommen und nationale Gesetze außereuropäischer Länder hatte, erklärt das Interesse von BäuerInnenorganisationen aus der Türkei und Indien. Das neue türkische Saatgutgesetz, dem sich unter anderem die...
Lesezeit: 2 MinutenVielfalt oder Monopol?
Europäische Saatgutaktionstage: Teilnehmer kritisieren Gesetzesvorhaben als Gelddrucklizenz für Konzerne und fordern Umdenken Peter Clausing, Brüssel Das Kulturzentrum in der Maison de la Paix im Brüsseler Stadtteil Molenbeek hatte sich am Sonntag in eine Saatguttauschbörse verwandelt. Dreißig Erhaltungsinitiativen für bedrohte, nichtkommerzielle Gemüse- und Getreidesorten aus zwölf europäischen Ländern sowie der Türkei und Indien waren bei den ersten Europäischen Saatgutaktionstagen präsent. Sie diskutierten die möglichen Folgen einer verschärften Gesetzgebung und Strategien, wie diese verhindert werden kann. Am Montag wurden Gespräche geführt, Kontakte zwischen den Teilnehmern geknüpft bzw. vertieft. Vor allem aber wurde demonstriert: Ein Protestmarsch führte die Teilnehmer zu den Brüsseler Vertretungen des Bayer-Konzerns, der Vereinigung der Europäischen Saatgutfirmen sowie zum Sitz des Europa-Parlaments. 51416 Unterschriften von Bürgern aus 20 Ländern wurden dort übergeben und sorgten dafür, diesem drängenden Thema mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Anlaß für die Mobilisierung ist die drohende Verschärfung des europäischen Saatgutrechts. Diesem Anliegen war bereits eine zweijährige Kampagne mit Veranstaltungen und Unterschriftenaktionen vorausgegangen. Andreas Riekeberg von der...
Lesezeit: 3 Minuten»Leider noch weit von einem Massenthema entfernt«
Am Wochenende trafen sich in Brüssel Gegner der Verschärfung des europäischen Saatgutrechts. Ein Gespräch mit Heike Schiebeck Heike Schiebeck vom Österreichischen Berg- und KleinbäuerInnen-Verband hat am Wochenende an den Europäischen Saatgutaktionstagen in Brüssel teilgenommen. Sie lebt auf einem Hof des europäischen bäuerlichen Netzwerks Longo maï und arbeitet auch im Koordinierungsrat von La Via Campesina In Brüssel fanden jetzt die »Saatgutaktionstage« statt – worum ging es denn da? Dieses Treffen ist nur eines von vielen, die weltweit zum 17. April stattfanden, dem Internationalen Aktionstag für Bäuerliche Rechte. Die für gestern vorgesehene Übergabe von mehr als 50000 Unterschriften gegen eine Verschärfung des europäischen Saatgutrechts an das Europaparlament ist das Ergebnis einer zweijährigen Kampagne – wobei ich die Kampagne selbst für mindestens genauso wichtig halte wie die Übergabe der Unterschriften. In Europa, wo die Zahl der bäuerlichen Wirtschaften kontinuierlich zurückgeht, verwendet nur noch ein Bruchteil der Bäuerinnen und Bauern selbst gewonnenes Saatgut. Mit der geplanten Verschärfung der Saatgutgesetzgebung wird die Erhaltung solch traditioneller...
Lesezeit: 2 MinutenAktuelles
Am 17./18. April 2011 gibt es eine europäische Saatgutaktion in Brüssel. Weiter gehende Informationen hierzu finden sich auf der Homepage der Saatgutkampagne. Im Zusammenhang mit dieser Aktion veröffentlicht die BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie einen neuen Kaperbrief, der am 8.4. als taz-Beilage unter die Leute kommt. Im Vorfeld zum 17. April, dem weltweiten bäuerlichen Aktionstag von La Via Campesina, gibt es auch dieses Jahr in Berlin wieder eine Veranstaltungsreihe. Hier ist das Programm.
Lesezeit: < 1 MinutePeak Soil II – Bodenzerstörung
Deutliches Gefahrenpotential Hintergrund. »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil II: Der Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen und wie er abgewendet werden kann Peter Clausing Peak Soil – die unterschätzte Krise des Bodens« lautet der Titel eines im Vorjahr erschienenen Hefts der Zeitschrift Politische Ökologie. »Der Boden ist das vergessene Medium der Umweltpolitik. Erst viel zu spät und dann auch nicht vollständig hat das Umweltrecht auf die Schäden an den Böden reagiert«, stellt Günther Bachmann dort für die Situation in Deutschland fest.1 Winfried E. H. Blum, Professor für Bodenkunde an der Universität Wien, ergänzt: »Was sich derzeit in den Böden Europas abspielt, gilt im wesentlichen auch und zum Teil in noch stärkerem Maße für weitere Länder der Nordhalbkugel, vor allem aber für Afrika, Südamerika und Südostasien, wo Erosion, Verdichtung, Verlust an organischer Substanz sowie Biodiversität, Kontamination, Versalzung und insbesondere Erdrutsche ein alarmierendes Ausmaß erreicht haben.«2 Nach seiner Einschätzung wird die Intensivierung des vollmechanisierten Ackerbaus die Bodenprobleme noch weiter verschärfen. Boden und...
Lesezeit: 10 MinutenPeak Soil I – Hunger nach Land
Hintergrund »Peak Soil« – Bodenzerstörung, Landraub und Ernährungskrise. Teil I: Wie Konzerne und Spekulanten von der Verknappung von Lebensmitteln profitieren Peter Clausing »Peak Soil«1 lautet der Titel des 2009 erschienenen Buches des Berliner Autors Thomas Fritz, einer ersten umfassenderen Übersicht zum Thema »Land Grabbing« (Landnahme) in deutscher Sprache. Der Begriff »Land Grabbing« bezieht sich auf den Kauf bzw. die langfristige Pachtung großer Landflächen – vor allem in den Ländern des Südens, aber auch in Osteuropa – mit oft drastischen Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung. Die Ansichten, ab wann von »großen Landflächen« zu sprechen ist, divergieren. Während Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, 1000 Hektar als Untergrenze betrachtet, definierte die Nichtregierungsorganisation (NGO) GRAIN 10000 Hektar als unteres Limit. Entsprechend der Bedeutung dieses bedrohlichen Phänomens ist inzwischen eine Reihe von Publikationen erschienen, und es fanden zahlreiche nationale und internationale Tagungen zum Thema statt. »Land Grabbing, so scheint es, kommt wie ein Tsunami über die Welt,...
Lesezeit: 10 Minuten